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Full text of "Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung auf dem Gebiete des Deutschen, griechischen und ..."

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f. ^/am^r 




-■^' 



ZEITSCHRIFT 

I 

FÜR 

VERGLEICHENDE 

SPRACHFORSCHUNG 

AUF DßM GEBIETE DES 

DEUTSCHEN, GRIECHISCHEN UND 

LATEINISCHEN 



HERAUSGEGEBEN 



VON 



Br. ABAIABltV KUBXr, 

PROFESSOR AM CÖLNISCIiBN GTMHA81UM ZU BBBUN. 



BAND XVI. 



Li- -u 



EILDEBUAND 
LJ32AEY. W. 



BERLIN, 

FERD. DDMMLBR'S VERLAOSBUCHHANDLUNO 

(HARRWITZ UND GOSSMANN) 
1867. 






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"^C LIBRARY/^ 



^H. :bq*i.tq. 



1 



Verzeichnifs der mitarbeiter. 



Director dr. Ahrens in Han- 
nover. 

Dr. Andresen in Bonn. 

C Arendt z. z. in Peking. 

Prof. Ascoli in Mailand. 

Prof. dr. Th, Aufrecht in Bdin- 
barg. 

Prof. dr. Ag, Benary in Ber- 
lin f. 

Prof. dr. Th, Benfey in Gottin- 
gen. 

Privatdoc. dr. Bickell in Mar- 
burg. 

Dr. A. Birlinger in München. 

Staatsratli dr. 0. Boehtlingk in 
Petersbarg. 

Prof. dr. BollensiBn in Witzen- 
haasen a. d. Werra. 

Prof. dr. F. Bopp in Berlin. 

Prof. Michel Bräal in Paris. 

Prof. dr. Ernst Brücke in Wien. 

Dr. Jos, Buden^i in Ungarn. 

Prof. dr. G. Bühler in Puna. 

Dr. Sophus Bugge in Cbristia- 
nia. 

Prof. dr. W. Corssen in Berlin. 

Prof. dr. G, Curtius in Leipzig. 

Dr. Berthold Delbrück in Halle. 

Dr. Loren» Diefenbach in Frank- 
furt a. M. 

Director prof. dr. A. Dietrich 
in Hirschberg. 

Prof. dr. H. Düntaer in Odin. 



Dr. H, Ebet in Scbneidemahl. 

Dr. Gust, Eschmann in Burg- 
Steinfurt. 

Oberbibliothecar Prof. dr. E. 
Förstemann in Dresden. 

Dr. Froehde in Liegnitz. 

Dr. G, Gerland in Magdeburg. 

Director dr, A. Goebel in Co 
nitz. 

Prof. dr. Grafsmann in Stettin. 

Hofrath J. Grimm in Berlin f. 

Prof. dr. V, Grohmann in Prag. 

Prof. dr. M. Hang in Reutlin- 
gen. 

Dr. Ludwig Hinel in Frauen- 
feld (Cant. Thurgau). 

Hofrath dr. Holf^mann in Hei- 
delberg. 

Prof. dr. Hupfeld in Halle f. 

J. B, Janku in Florenz. 

Prof. dr. Jülg in Inspruck. 

(r. Jurmann in Wien. 

Prof. dr. H. Kern in Leyden. 

Prof. F. Kielhorn in Bombay. 

Justizr. dr. Th. Kind in Leipzig. 

Prof. dr. Kirchhoff in Berlin. 

Dr. /ST. f. Knoblauch in Tübingen. 

Dr. Reinhold Köhler in Wei- 
mar. 

Prof. dr. A, Kuhn in Berlin. 

Gymnasiallehrer dr. Gustat Le- 
geriet» in Soest. 

Dr. F. A. Leo in Berlin. 



IV 



verzeichnifs der mitarbeiter. 



Prof. dr. H. Leo in Halle. 
Prof. dr. A. Lqfsius in Berlin. 
Prof« dr. M. Lexer in Freibarg 

i. B. 
Prof. dr. C. Lottner in Dublin. 
Prof. dr. A. Ludwig in Prag. 
Dr. W. Mannhardi in Danzig. 
Dr. H. Mariens in Bremen. 
Prof. dr. Maßmann in Berlin. 
Dr. Maurophrydes ans Eoippa- 

docien in Athen f. 
Prof. dr. Leo Meyer in Dorpat. 
Dr. Michaelis in Berlin. 
¥ran% Misteii in St. Oalten. 
Prof. dr. Th. Möbius in Kiel. 
Prof. dr. K. MüUenhoff in Berlin . 
Prof. dr. Max Müller in Oxford. 
Prof. dr. Friedrich Müüer in 

Wien. 
Prof. dr. Mussaßa in Wieni 
Dr. Patäi in Stettin. 
Dr. Ign, Petlers in Leitmeritz. 
Dr. Friedr. Pfeiffer in Breslau. 
Prof. dr. A. Pictei in Genf. 
Prof. dr. A. F. Pott in Halle. 
Prof. dr. Karl Regel in Gotha. 
Dr. Rieh. Rödiger in Berlin. 
Dr. Rosselet in Berlin f. 
Prof. dr. R. Roth in Tübingen. 



Prof. dr. J. SaeeUherg in Achen. 

Hofrath prof. dr. A. Schleicher 
in Jena. 

Dr. Johannes Schmidt in Jena. 

Prof. dr. M. Schmidt in Jena. 

Prof. dr. Schmidt" Göbel in Lem- 
berg. 

Prof. dr, Schnitzer \n Ellwangen. 

Dr. Schröder in Merseburg f. 

Prof. dr. H, Schweiaer-Sidler 
in Zürich. 

Dr. W. Sonne in Wismar. 

Prof. dr. Spiegel in Erlangen. 

Prof. dr. H. Steinthal in Berlin. 

Director Cr. Stier in Golbe/g. 

Dr. Strehike in Danzig. 

Dr. Techen in Wismar. 

Dr. L, Tobler in Aarau. 

Dr. W. Treit:6 in Bonn. 

K. Walter in Freienwalde a. O f. 

Prof. dr. A. Weber in Berlin. 

Prof. dr, Hugo Weber in Weimar. 

Prof. dr. Weinhold in Kiel. 

Prof. dr. Westphal in Breslau. 

Dr. Wilbrandt in Rostock. 

Fr, Woeste in Iserlohn. 

Oberlehrer dr. Zeyfs in Marien- 
werder. 

Prof. Zyro in Bern. 



Inhalt. 



jirtch von Leo Meyer 1 

Homerische etymologien, von H. Dttntzer (schliifs) 14 

Die spräche des kleinen kaiserrechts, von Birlinger. . . . . . 89 

Zum schwäbischen nnd alemannischen, von demselben 47 

Ueber skr. hsridravä, von dr. Carl Pauli 60 

Lautwandel von <r in «, von dr. J. Savelsberg 54 

Ifittelniederlftndische psalmen, hymnen nnd gebete etc., Ton Karl He- 
gel. Angezeigt von M. Lex er 74 

Ign. Petters andentongen znr stoflluunmlnng in den dentscfaen mnndarten 

Böhmens. Angezeigt von dems. 75 

Andr. Meister die vocalverhSltnisse der mnndart im Bnrggrafienamte. 

Angezeigt von dems. 77 

Cimbr. innarzent, innerhalbi von Ign. Petters 78 

Tirol, intolmat, indessen, von dems 79 

ZipB. nnd nordbShm. pottom, von dems 80 

Znr gescfaichte altdentscher declination. m. Der dat. plnr., von F5r- 

stemann 81 

Die italischen göttemamen. Erste abhandlong, von Grafs mann . . 101 
Lateinisches nnd romanlsdies. I, von Ascolt 119 

Die Berhta der Cechen, von Ign. Petters 127 

VergL grammatik der griech. und lat spräche, von Leo Meyer. 11,2. 

Angezeigt von Schweizer-Sidler 129 

Geschichte der lat. verba auf -uo. Ton dr. Carl jPauli. Angezeigt 

von dems 184 

Stn^i Ario-Semitici di G. J. Ascoli. Articolo secondo. Angezeigt 

von dems 140 

Die dorische partikel KA, von Hugo Weber. Angezeigt von dems. 154 
Jos. Sanneg, de vocabulorum compositione Graeca praedpne Aeschy- 

lea. Angezeigt von Rieh. Rodiger 165 

Sto^t &iaMf loq, ^iatparoq, ^taniakoq etc., von dems 168 

Die italischen göttemamen. Zweite abhandlung, von Grafsmann. . 161 

Lateinisches und romanisches. II, von Ascoli 196 

Primärwurzel sta, laut von sich geben, von dems 218 

Primärwurzel kra, kar, ertönen; und anderes, von dems 216 

Lezicon palaeoslovenico-graeco-latinum emendatum anetnm edidit Fr. 

Miklosich. Angezeigt von L. Di efenb ach 220 

Physiologie der menschlichen spräche (physiologische laletik) von dr. 

C. L. MerkeL Angezeigt von J. Schmidt 226 

Miscellen: 1) wurzel mü flechten. 2) muskara, mascnlus, von A.Weber 287 

ergo, erga, von Wilbrandt 288 



VI Inhalt. 

. Seite 

Ueber das gerundianii von L. Tobler 241 

Wetter, von B. Delbrück 266 

x^ovtf, rCleren, von dems. . . ' . . . . 271 

TÜiffoVf von dems '. . . . 273 

elogium, von H. Dttntzer 276 

S^Xogt von dems. 278 

Etymologische mittheilangen : Eufjroq^ riviov, dvi(, von J. Savelsberg 286 
F. BUcheler Grandrifs der lat. declination, angezeigt von W. Corssen 290 
A.Fulda Untersuchungen über die spräche der homerischen gedichte I., 

angezeigt von Rieh. Rödiger 308 

C. C. Hense Poetische personification in griech. dichtungen etc., ange- 
zeigt von dems 313 

Grammaire compar^e des langues indo-europ^ennes par M. Franfois Bopp, 
traduite sur la deoxi^me edition et pr^c^d^e d'une introduction 
par M. Michel Br^al. Tome premier, angezeigt von A. Kuhn. 315 

Etymologisches, von J. Schmidt • 318 

JtotrSotoq^ von Rieh. Kodiger 820 

Zur geschichte altdeutscher declination. IV. der gen. sg., von Fdrste- 

mann 321 

Ueber die declination der starken snbst im gotischen, von W. Treitz 344 
Lautwandel von <r in x (Fortsetzung), von J. Savelsberg . . . .366 
Ueber die in ablativform erscheinenden italischen praepositionen , von 

Zeyfs 371 

Erklttrungen umbrischer und lat. worter. 1) vufro, vufeto, Yufiuno. 

2) ftiX^^ mel; von dems 383 

Zux geschichte altdeutscher declination (Nachtrag zu XV, 172 ff.), von 

Ign. Petters 386 

Th. Möbius, altnordisches glossar, angezeigt von A. Kuhn . . . .389 
Ulfilas, bearbeitet und herausgegeben von F. L. Stamm. Dritte auf- 
läge, besorgt von dr. M. Heyne, angezeigt von dems 390 

Hdliand. Mit ausführlichem glossar herausgegeben von Moritz Heyne, 

angezeigt von dems 390 

Saggi dei dialetti gred delF Italia meridionale raccolti ed illustrati da 

Domenico Gomparetti, angezeigt von Th. Kind .«,•.. 391 
Lautwandel von <r in x (fortsetzung), von J. Savelsberg . . . .401 

Zur dialektforschung, von dr. Birlinger 421 

Ueber einige numeralia multiplicativa, von J. Schmidt 430 

Die entstehung der skr. tenuis palatalaspirata, von G.J.As coli . . 442 
B. Langkav^l botanik der späteren Griechen, angezeigt von Ernst 

Kuhn 460 

Eine imperaiivform im gothischen, von H. Kern 461 

Barbara und ßaqßaqoqy von Max Müller 463 

Kachtrag zu s. 410, von J. Savelsberg 466 

Sach- und Wortregister, von Ernst Kuhn 466 



4 



lis ist nicht viel, was sidi an bisher gemachtien erklärongs- 
versuchen des griechischen avia anfahren läfst. Benfey in 
seiner allumfassenden weise hat es im griechischen wurzel- 
lexikon nicht fibergangen, aber was er darfiber zu sagen 
wagt, kann nicht befriedigen; die Zusammenstellung mit 
dem altindischen anaja-, unglück, das Böhtlingk und 
Roth mit den bedeutungen „schlechtes regiment, schlechte 
Verwaltung, unangemessenes betragen, vergehen, notb, elend, 
mifsgeschick, unglQck'^ aufflihren, ist in bezug auf die be- 
deutung ebenso bedenklich, als in bezug auf die form und 
auch von Benfey selbst wieder verworfen in den nachtrft^ 
gen (II, s. 341), wo ävia zur verbalform an „athmen, hau- 
chen^ gestellt wird als eigentlich „zustand, wo man ver- 
schnauft, erschdpfung^ bezeichnend. Die letztere erklärung 
trifft aber die eigentliche bedeutung des wertes auch kei- 
nesweges, und der abergang von „athmen, lechzen, nach 
luft schnappen^ zu „erschöpft sein, müde sein^, wie ihn 
Fulda in seinen Untersuchungen über die spräche der ho- 
merischen gedichte, s. 207, erläuternd angiebt, ergiebt sich 
ganz gewifs nicht als ein sehr leichter und natürlicher. In 
Bopps vergleichender grammatik findet sich das wort ävia 
nicht erwähnt, ebenso wenig in Georg Curtius' grundzü- 
gen; auch Pott schweigt darüber in den etymologischen 
forschungen. Da ist nur, 11 s. 598, das von ävia abg^. 
leitete äv^iägo — in sofern ungenau, als die ältere form 
ävlägo mit gedehntem i allerdings auch mehrfach begeg- 
net — kurz angeführt mit der bemerkung, dafs Buttmanns 
behauptung rücksichtlich der quantitätsumstellung sich sehr 

Zeitschrl f. vgl. sprachf. XYI. 1. 1 



2 Leo Meyer 

bestreiten lasse. Die letztere ist vielmehr ganz entschie- 
den unrichtig. Buttmann führt nämlich, bd. II s. 449, x^' 
laQog „schlaff" und ^utagog, „unrein" als bildungen auf 
ccQog an, wie sie als meist verbalia zunächst von verben 
auf da) und aivo) ausgehen, und fügt zu „wobei merkwür- 
dig ist, dafs nur aviagog das cc lang hat" mit der anmer- 
kung „wahrscheinlich durch Umstellung der quantitäten: 
(xv7a^ aviäoog^. Ganz abgesehen von dem unerwähntlas- 
sen der form avlccQog mit gedehntem l durfte auch das ab- 
geleitete äviuQog gar nicht unmittelbar mit ;^aAa(>og und 
ähnlichen bildungen zusammengestellt werdeo. Bildungen 
der letzteren art sind unabgeleitete und finden sieh im zwei- 
ten bände meiner grammatik von s. 207 an zusammenge- 
tragen, zahlreiche abgeleitete auf t^qo dagegen, denen auch 
aviägo- zugehört, in dem die bewahrung des inneren alten 
S durch das ihm vorausgehende i vcranlafst wurde, von 
8.573 an. 

Auch die zweite aufläge der etymologischen forschun- 
gen, so weit sie bis jetzt vorliegt, scheint auf das wort 
avia nirgend zu kommen. In der Zeitschrift findet sichs 
nicht behandelt vor dem vierzehnten bände; darin aber, 
s. 275, findet sich eine kurze angäbe darüber von Auf- 
recht. Er sagt, civta sei unlust, Unbehagen, Widerwärtig- 
keit, was durch einige homerische stellen so wie die ein- 
zige des Hesiodos, die das wort enthält, erläutert wird, 
und giebt dann als „einfachste deutung" die Zerlegung in 
dviaa „unwunsch" von der wurzel ish „streben, begehe 
ren",* im altindiscjien bedeute an-iäta nicht nur ,,uner- 
wünscht*', sondern auch „widerwärtig" und im neutrum 
„Widerwärtigkeit". Bohtlingk und Roth führen es auch 
noch in der bedeutung „mit dem gesetz oder den guten 
Sitten im widersprach stehend, verboten, verrufen" an und 
bringen au den verschiedenen bedeutungen auch mehrere 
steUen bei aus der nachvedischen spräche. Der Übergang 
von „unerwünscht" zu einem stark betonten „widerwärtig, 
beeohwerlich , lästig^ ist ein so leichter und natürlicher, 
dafii auch wir z. b. unser „unerwünscht" sehr wohl in den 
letztgenannten bedeutungen gebrauchen können und wirk- 



afla. 3 

lieh mehrfach gebrauchen. Unmöglich aber kann man von 
einem participiellen ^unerwünscht^ nun ohne weiteres auf 
ein abstractes „unwunsch^^ für ^Widerwärtigkeit^ zarückr 
schliefsen wollen; derartiges wahrscheinlich zu machen hätte 
es noch ganz besonderer ausfahrungen bedurft. Es ist aber 
auch von formeller seite gegen die gegebene deutung noch 
zu bemerken, dafs durch das angesetzte ccviaa keineswegee 
das gedehnte i in avia erklärt sein würde, dazu wäre bei 
dem angenommenen Zusammenhang etwa^ ein äviajä nöthig 
gewesen. In meiner grammatik II, 406 stellte ich aviä oder 
homerisch äviri vorläufig mit zu den bildungen a^uf altes j ä, 
freilich mit dem zusatz „das wegen seines gedehnten t 
doch kaum hieher gehört ^ ; es gehört aber ganz sicher nicht 
dahin und hätte anderwärts untergebracht werden sollen. 

In der homerischen spräche zeigt aviri durchaus ge- 
dehntes i und ebenso fast alle daraus geflossenen bildun- 
gen ; das einfache wort begegnet nur an fünf stellen in der 
Odyssee, die wir sämmtlich hersetzen sowie weiterhin auch 
alle die, die ableitungen des wortes bieten, um seine alte 
bedeutung möglichst hell zu beleuchten. Alkinoos sagt 
Odyssee VII, 192 in bezug auf Odysseus: wir wollen der 
entsendung gedenken, 

^S X ^ ^sl^og avBv&B Ttovov xal dvirjg 
nofiTifj vcp' 7]^BTig7j ßriv natgida yalav ixi]tai, 
dafs der fremdling ohne mühe (anstrengung) und besch werde 
(wie sie das stürmische meer bringt) unter unserm geleit 
sein heimathsland erreiche. Eumaios sagt Odyssee XV, 394 
zu Odysseus: du brauchst nicht vor der zeit zu bett zu 

geben, 

avhj xal nokvg vnvog, 
auch ist vieler schlaf beschwerlich. Ganz ähnlich ist die 
Wendung Odyssee XX, 52: 

ai/ii; xcci to cpvkdaaei^v 
navvvxov kygi^aßovva, 
bescfaw^rlieh ists auch zu wachen die ganze nacht schlaf- 
los. Aötinoos sagt zu Odysseus XVII, 446 : 

zig daivKOV roSs nr^fAU TiQogTqyayE daitos avit^v, 
welcher gott hat diese plage gebracht als besohwerde des 

1 * 



i Leo Meyer 

maliles, hat dich hieber gebracht, ans beim mahle beschwer- 
lich zu werden. Dann ist das wort noch gebraucht von 
der Skylle Odyssee XII, 223: 

die Skylle nannte ich noch nicht, die unüberwindliche plage^ 
oder, darf man wohl noch sinnlicher auffassen „das unüber- 
windliche ungethüm^. Von avlrj aus ging das adjectiv 
ävlfiQO' „mit besch werde versehen, besch werde verursa- 
chend, beschwerlich^, das bei Homer auch nur in der 
Odyssee vorkömmt und zwar an drei stellen, an zweien in 
der Verbindung mit nrto^og „bettler^, also ganz ähnlich 
gebraucht wie das Sairog avit] in bezug auf den Odys- 
sens, der als bettler beim mahle beschwerlich wurde. So 
heifst es Odyssee XVII, 220 : 

iÄp 5)J tovde ^ioXoßgov äysig^ afiiyccQte avßaira^ 
ntdixov dvitjQov, SixiTüiv ocTtoXvfiavTrjga; 
wohin führst du nun diesen herumtreiber, du entsetzlicher 
sanhirt, diesen beschwerlichen bettler, den verschlinger des 
abfalls vom mahle? In ganz ähnlicher Wendung sagt An- 
thioos Odyssee XVII, 377 : 

ov jrdlig rjuiv dXi]U0V6g slai xal aXXoi^ 
yiTW^ol dvttjQoi^ SaiTCQV dTioXvfAavTtJQBg; 
haben wir nicht schon genug andere landstreicher, be- 
schwerliche bettler, die den abfall des mahles verschlin- 
gen? An der dritten Odysseestelle II, 190 ist von Bekker 
statt d^s früher gelesenen dvttjQearBQov gewifs nicht mit 
unrecht die comparativform dpiTjgoirBQov hergestellt, an 
der man wohl des trotz des vorhergehenden langen voca- 
les gedehnten innern at wegen anstofs genommen hatte. 
Eurymachos sagt zu dem alten Halitherses: wenn du den 
jüngeren mann (den Telemachos) zum zorne reizest, 

avTcp uev ^oi ngdürov dvirjQoitsgov Horai, 
wirds ihm selbst freilich zunächst gröfsere beschwerde 
(plage) bringen, du aber sollst schwer büfsen. 

Aufser dem adjectivischen dvltjgog ist in der homeri- 
schen spräche von dvifj auch noch abgeleitet das verb 
avldoa „ich belästige, ich beschwere, ich verursache jeman- 
dem beschwerde^, mit auch überall gedehntem innerem i. 



In der Ilias findet sichs nur ein einziges mal, sonst noch 
sechs mal in der Odyssee. So gebraucht es Odyssee XX, 
178, Melantbios gegen Odysseus: 

^elp\ Urt xal vvv iv&dd' avirjoHg xara däfia 

avegag alri^cov^ 
fremdling, willst du auch jetzt noch hier im hause be- 
schwerlich sein, die männer anbettelnd? worin al$o wieder 
derselbe gedanke entgegentritt, der Odyssee XVII, 220 
und 377 in der Verbindung mcoxog aviiigog ausgedrückt 
lag. Ganz ähnlich ist die wendung, die Odyssee XIX, 66, 
Melantho gegen Odysseus braucht: 

^siv\ hl xal vvp äv&aS' avujcBis Sia vvxra 

diPevcüV xara ^oixov^ 
fremdling, willst du auch jetzt noch hier beschwerlich sein 
(oder zur last fallen) die nacht durch im hause herumstrei- 
chend? Odyssee I, 133 hat Telemachos die Athene aus der 
gesellschaft der freier fortgeführt, 

[iri ^etvog ävnjdelg oQV^ayd^ 
detnpq) jcaörjaueVy 
damit sie nicht durch den lärm belästigt am behaglichen 
genufs des mahles gestört werde. Odyssee XV, 335 sagt 
Eumaios zu Odysseus: 

akkd fikv ' ov yccQ rig toi dpcävai nagBOPrij 
bleibe nur hier, denn niemand wird durch deine gegenwart 
belästigt, niemandem lallst du zur last. In bezug auf die 
Penelope sagt Odyssee II, 115, Antinoos drohend: 
ei 3' ir dpitjau ye noXvp xqovop viag '^^aiuip^ 
rd cpQOpiova dpa &vjii6v d ^oi negi ätaxav jidy^Pti^ 
aber wenn sie noch lange die söhne der Achäer (durch 
Verzögerung) quälen will, das im sinne habend, was ihr 
im reichen mafse Athene gab, nämlich kunstfertigkeit und 
list. Odyssee III, 117, sagt Nestor zu Telemachos: Alle 
leiden und Irrfahrten der Achäer würde dir niemand er- 
zählen können, auch wenn du fünf oder sechs jähre hier 
bliebest und nachfragtest, 

ngip XBP dpiti&ug ai^v nargiSa yaiap i'xoiOj 
eher würdest du belästigt (das ist es würde dir zu viel 
werden) wieder nach hause reisen. Der einzige vers der 



6 Leo Meyer 

Ilia8, der das verb aviäv enthält ist 11,291; Odysseus 
sagt, die Acbäer jammern wie kleine kinder und verwitt- 
wete weiber unter einander, nach hause verlangend, 

r/ /xriv xal novog kaxiv avir]&ivTa veeaO-at^ 

freilich ringt ja wohl, wer belästigt ist (beschwerden zu 
ertragen hat), darnach nach hause zu kehren; wer auch 
nur einen monat von seiner gattin entfernt ist und die be- 
schwerden der stürme und des meeres auszuhalten hat, und 
wir sind schon neun jähre hier. 

Aufser aviäv begegnet in der homerischen spräche 
auch noch ein von dvti] abgeleitetes verbum ävld^eiVy Im 
ganzen siebenmal und darunter auffälliger weise dreimal 
mit kurzem t, nämlich in dem versschlufs vTtsQffAcilojg ccvid^ei 
Ilias XVIII, 300, und in den beiden versanfängen dkl* 
ote dl] Q dvia^ov Ilias XXIII, 721, und dXV örs Srj (>' 
dvia^{a) Odyssee IV, 460. An den letzteren beiden stellen 
darf man vielleicht das q auswerfen und lesen dlX' oxb 
ö* r^via^ov und dkk* ors ä' rjvia^{s). Von dvidv gar nicht 
verschieden zu sein scheint dvid^eiv Odyssee XIX, 323, 
wo Penelope in bezug auf Odysseus sagt 

TW d' aXyiov og xev kxaipcüv 
TOVTov dvcd^tj d^vfjiocf&OQog^ 

webe dem, der ihn belästigt beleidigend (mit beleidigun- 
gen), und ebenso verhält sichs mit Ilias XXIII, 721 : 

dXX' ort Sri q dviaL,ov ^vxvrjuiöccg !Ay(xtovg^ 
als sie (Aias und Odysseus, deren keiner den andern im 
ringkampf zu besiegen vermochte) die Achäer quälten, ih- 
nen lange weile und mirsrauth verursachten, dadurch dafs 
sie nicht fertig wurden, worin also das dvid^eip einen ganz 
ähnlichen gedanken wiedergiebt, wie das dvirjßeig im munde 
des Nestor Odyssee III, 1 17, und das in bezug auf die Pe- 
nelope gebrauchte dintjaei Odyssee II, 115. 

An den übrigen fünf stellen ist dvid'C,Hv intransitiv 
gebraucht und sagt zunächst „mit beschwerde oder mit 
quäl behaftet sein". So Odyssee XXII, 87, wo es von 
Eurymachos, der von Odysseus getroffen niederstürzt, 
heilst: 



er schlug mit der stirn auf den boden , gequält in seiner 
seele, das kann nur^heifsen ^in todesqual, in todesangst^. 
Dieselbe versbeginnende wendung ist Ilias XXI , 270, in 
bezug auf Achilleus gebraucht, von dem gesagt wird, als 
ihn der Skamandros, vor dem er schon vorher angstvoll 
{Sfßiffag vers 248) fortgelaufen war, aufs schlimmste be- 
drängt, 

o <)' irpoas no(nflv kmida 

er sprang in die höh voll todesangst , wie er denn auch 
unmittelbar darauf sich jammernd an Zeus um hQlfe wen* 
det; jetzt soll ich in elendem tode im flusse zu gründe ge- 
hen, sagt er vers 281. Abgeblafster ist die bedeutung 
Odyssee IV, 460, wo vom Proteus, als er sich in einen 
löwen, dann in einen drachen, einen panther, einen eher, 
in wasser und zuletzt noch in einen bäum verwandelt hat^ 
Odysseus aber mit seinen gefährten ihn unverrückt fest* 
hält, erzählt wird 

akk* 0T8 örj Q aviaC,' 6 ykQUiv oXocpma jratdoigj 
als aber der verderblich gesinnte greis beschwerde em- 
pfand, das ist müde wurde. Von seinen geführten sagt 
Telemachos Odyssee IV, 598, 

ijSt] jLwi ccpid^ovöiv iratQüif 
sie fühlen schon beschwerde, es wird ihnen beschwerlich 
oder unbequem zu warten, sie können das warten nicht 
mehr aushalten. Die letzte stelle, die noch anzuführen ist, 
findet sich Ilias XVIII, 300, wo Hektor die Troer ermu- 
thigt, sie auffordert zu essen und wach zu bleiben und 
dann hinzufügt 

T()(iiu>v <)' ug XTSccTBöaiv vnEQifidkayg dvidysij 
^vXli^ag Xajroiai doTio xaTadt}fioßoQ^0ai 
TCüV Tiva ßeXrsQov iauv knavgiusv rj nsQ 'Axaiovg, 
wer von den Troern durch schätze übermäfsig beschwert 
ist, der nehme sie und gebe sie dem volke zu gemeinsa- 
mem verzehren; es ist besser, dafs einer von denen sie ge- 
niefst, als die Achäer. 



8 Leo Meyer 

Weiter zugehörige formen bietet die homerische spräche 
nicht; die angeftkhrten reichen aber auch völlig aus, die 
bedeutung von avit] als „beschwerde, plage^ zu erweisen 
und damit stellt sich das wort denn unmittelbar zum gleich- 
bedeutenden altind. amiva. Die auch formell genaue Über- 
einstimmung von am Iva und avit] bedarf keines weiteren 
beweises. Das innere wau hat ävitj oder also aiäff] in 
der homerischen spräche ohne zweifei noch gehabt; sicher 
bezeugt von anderer seite her ist es meines wissens aller, 
dings nirgends^ denn das bei späteren begegnende aviyQog 
,, beschwerlich^ betrübend, widerwärtig, schlecht^, das die 
Überlieferung an avitj oder avla anknüpft, wird man mit 
etwaigem y an der stelle von altem jr kaum dafür anfüh- 
ren dürfen. Der Übergang von altem innerem m zu spä- 
terem n kann als bekannt vorausgesetzt werden ; in meiner 
grammatik, seite 67 und 68 des ersten bandes, habe ich 
die beispiele, deren ich damals gleich habhaft werden 
konnte, zusammengestellt, elvaTsg-^ brudersfrau, neben dem 
unmittelbar zugehörigen altind. jämätar-, Schwiegersohn, 
mag hier wiederholt seiu. 

Böhtlingk und Roth stellen amivä zuerst mit der be- 
deutung „plage, drangsal, schrecken^ auf, die sie aus dem 
BigvSdas mit mehreren stellen belegen, die wir sämmilich 
hersetzen, dabei, wie auch im folgenden, den ausgang der 
einzelnen Wörter nicht nach der indischen weise, sondern 
etymologisch gebend: 
11,33,2: vi asmat dv^shas vitaram vi änhas 
vi ämlväs Kätajasvä vidükls, 
fort scheuche (o Rudras) von uns die feinde, zur seite fort 
die noth, fort die plagen nach allen selten. 
X, 37,4: Jena sürja ^jötiSä bddhase tamas 
gagat ka vi^vam udijarSi bhänünä 
tena asmat vi^väm anirSm anähutim 
apa amiväm apa dusvapniam suva, 
mit welchem lichte du, o Surjas, vertreibst die finstcrnifs 
und mit welchem glänze du alle menschen auftreibst, mit 
dem vertreibe von uns alles siechthum und opferunterlas- 
sung, plage und Übeln schlaf. 



nrta- 9 

X, 63) 12: apa amiväm apa vi^vam an&hutim 
apa arStim durvid&träm aghäjatäs, 
fort die plage, fort alle öpferanterlassung, fort die ungfin- 
stige bosheit des bedrohenden (treibet, o alle götter). 
1,35,9: 4pa ärnlväm b&dbat^ väti stiriam 
abhi krän^na ragasä dj&m rnöti, 
fort treibt (Savita) die plage, er bringt die sonne, durch 
schwarze nacht steigt er zum himmel empor. 
Hinznzuf&gen ist noch: 

VIII, 18, 10: apa ämlväm apa sridham 

apa s^dhata durmatim 
ädiljäsas jujotana nas ahasas 
fort jaget die plage, fort die feindesschaar, fort die bösge- 
sinnten, o Aditjas, befreit uns von noth. 

Weiter geben die Petersburger als bedeutung von 
ämlvä „dränger, plagegeist (oft von dämonischen wesen)^, 
was sogleich erinnern muTs an die oben schon erwähnte 
bezeichnung der Skylli als angijxTov aviß^v Odyssee XII, 
223. Belegend werden aus dem Rigy^das angefahrt: 
VII, 38, 7: gambhajantas ähim vfkam rakäänsi 
sänemi asmat jujavann amiväs, 
vernichtend den drachen, den wolf, die bösen geister, mö- 
gen sie gänzlich von uns abhalten die plagegeister. 
1,189,3: &gn€ tväm asmät jujödhi ämlväs 
anagniträs abfti Amanta krätfs, 
o Agnis, du wehre von uns ab die plagegeister, die den 
Agnis nicht verehrenden menschen mögen sie quälen. 

IX, 85, 1: indräja söma süSutas pari srava 

apa amivä bhavatu räkäasä saha, 
dem Indras, o Somas, schöngeprefst fliefse rings, fort möge 
sein der plagegeist mit dem unhold. 
III, 15, 1: vi p4gasä prthünä pö^ukänas 

bädhasva dviäas rakääsas amiväs, 
mit weitem scheine leuchtend verscheuche (o Agnis) die 
fdnde, die unholde, die plagegeister. 

VII, 1,7: vipväs agn€ 4pa daha Gratis 

j^bhis tapöbhis adahas ^arütham 

prä nisvaram katajasva amiväm, 



10 Leo Meyer 

alles übelwollen breDne fort, o Agnis, mit den gluthen, mit 
denen du den lärmunhold branntest, fort scheuche lautlos 
den plagegeist. 
X, 98, 12: 4gne bädhasva vi mfdfaas vi durgahä 
äpa amiväm apa rakäänsi sedha, 
o Agnis, treibe fort die feinde, fort die gefahren, verjage 
den plagegeist, fort die unholde. 

Als dritte bedeutung wird im petersburger Wörterbuch 
zu amivä noch besonders gestellt „leiden, krankheit (auch 
die personlich gedachte Ursache der krankheit)^ und dazu 
werden als belegstellen aus desa Rigi^dfts angezogen 
VI, 74, 2: sömärudrä vi vrhatam visükim 
amivä j^ nas gäjam ävive^a 
äre bädhethäm nirrtim paräkäis 
asme bhadrÄ säupravasäni santu, 
o Somas und Rudras, zernichtet nach allen Seiten die krank* 
heit, die in unser haus eindrang, in die ferne scheuchet 
das verderben fort; uns möge heilbringende ruhmesföUe zu 
theil werden; 

X, 162, 2: jas te gärbhara ämivä 
durni^mä jönim ft^aje 
agnis tarn brähmanä saha 
nis kravjädam anina^at, 
welcher krankheitsdämou deinen leib, welcher unhold deinen 
schofs bewohnte, den hat Agnis mit dem spruch, den fleisch- 
fressenden, vertrieben. In bczug auf diese stelle führt Roth 
in den erläuterüngen zu Jäskas' Niruktam eine im Wörter- 
buch nicht aufgenommene männliche form am Ivan- an, 
unter der „wohl der krankheitsdämou zu verstehen^ sei. 
Das Wörterbuch bietet neben dem weiblichen amivä auch 
noch ein ungeschlechtiges am Iva- „leiden, schmerz^ mit 
nur einer belegstellc aus dem Rämäjanam. 

An die wendung kätajate ämiväm oder ämiväs 
„er verscheucht die plage (plagen) oder den plagegeist", 
wie sie schon aus Rigvödas VII, 1, 7 und II, 33, 2 entge- 
gentrat, schliefst sich die Zusammensetzung amivakatana- 
„leiden, plagen (plagegeister) verscheuchend", die im Rig- 
vedas auch mehrere male entgegentritt, so 



I, 12,7: kavini agnim üpa stuhi 

satjadharmänam adhyarä 
d^vam amlva]iätanam, 
den weisen, den Agnis, preise, den wahrhaft gerechten, 
beim opfer, den plagen verscheuchenden gott; 

X, 137, 6: äpas id väi u bheäa^fs 
äpas amivakätanis, 
heilsame wasser, plagenverscheuchende wasser; 

VII, 8, 6: ^äm jad stötfbhjas äpäje bhäväti 
djumat amivaKatanam raksöhä, 
welches (lied, v&'Kas) heiTbringend den lobsängern, dem 
verwandten, sei, lautschallend, plagenverscheuchend, un- 
holde tödtend. Noch eine andere Zusammensetzung mit 
amiva- als erstem gliede ist amiva-hän- „leiden, plage 
tilgend", die auch mehrere male im Rigvedas begegnet, so: 

I, 18,2: jäs revän jäs amivaha 

vasuvid pustivardhanas 
sa. nas siSaktu yas turäs, 
welcher reich ist, welcher plagen tödtend, schatzgebend, 
nahrung mehrend; der sei uns hold, welcher schnell ist; 

I, 91, 12: gajasphänas amivahä 
vasuvid pustivardhanas 
sumiträs söma nas bhava, 
den hausstand fördernd, leidtilgend, schatzgebend, nahrung 
mehrend, ein lieber freund, o Somas, sei uns; 

VII, 55, 1: amivahä västös pate 
vi^vä rüpäni ävi^än 
sakbä sup^vas edhi nas, 
leidtilgend, o Schützer des hauses, in alle gestalten einge- 
hend, ein holder genösse sei uns. 

Als schlufsglied findet sich amiva in dem adjectivi- 
sehen an-amivä- „ungeschwächt, kräftig, gesund; ge- 
deihlich, munter, fröhlich^, das im Rigvedas auch mehrere 
male vorkommt, so: 

111,62,14: BÖmas asmäbhjam dvipade 
katuspade ka papÄve 
anamlväs isas karat. 



12 Leo Meyer 

Somas schaffe uDsern leuten und dem vierfüfsigen vieh 
kräftiges (ohne plage) gedeihen; 

X, 17,8: anainlväs iäas & db^hi asme, 
ungestörtes gedeihen schaffe uns (o Sarasvati); 

X, 18, 7: anaprÄvas anamivds surätnäs, 
thränenlose, leidlose (muntere), edelsteinreiche (frauen, ga- 
nayas). Substantivisch ist die ungeschlechtige form von 
anamlvä- gebraucht: 

X, 14, 11: snasti ka asmäi anamlvam ka dh6hi, 
Wohlsein verleihe ihm und leidlosigkeit (gedeihen). Genau 
entspricht dem adjectivischen anamlvä- „leidlos, unge- 
schwächt^ gedeihlich^ im griechischen das erst in späterer 
zeit auftauchende av-dvio- „schmerzlos, ohne trauer, un- 
gekränkt; nicht kränkend, nicht beleidigend^« 

In der Zeitschrift ist über ämlvä schon gehandelt im 
fünften bände seite 50 und 51, wo auch bereits mehrere 
der von uns aufgezählten Rigv^dasstellen angezogen sind^ 
und Seite 341 und dann im achten bände seite 89, an der 
letzteren stelle von Benfey, der auf die etymologie des 
Wortes etwas näher eingeht. In seiner grammatik fahrt 
er Seite 155 ämlvä als einzige primäre oder unabgelei- 
tete bildung auf Iva an, wornach man also das gedehnte 
I darin für verbaler natur halten müfste, wie ganz ebenso 
auch in den auch als unabgeleitete bildungen angeführ- 
ten muSlvän*« und muilvänt-, dieb, hrdlvant- und 
pväsivant-, deren suf&xformen vant und van im gründe 
von jenem va nicht verschieden sind. Es schliefst sich 
aber ämlvä an die verbalform am mit der präsensform 
ämati oder vedisch auch ämiti oder ämiti; besonders 
angeftkhrt davon werden das perfectparticip emiväns- 
„schädlich, verderblich^ und die causalform ämäjati „er 
befällt, er beschädigt, er ist schadhaft, er ist krank^. Das 
einfache verbum wird mit den bedeutungen „gehen, einen 
laut von sich geben, ehren^ angegeben, die aber durchaus 
unbelegt sind; es begegnet häufiger in Verbindung mit 
abhi in der bedeutung „mit gewalt gegen jemand vor- 
schreiten, plagen^, wie wir sie schon oben aus Rigvödas 
I, 189, 3 beibrachten , wo um abwehr von den plagegei- 



dvta. 13 

sterD (amiväs) gebeten wurde und hiDzugefOgt: anagni- 
trfts abhi dmaota krstfs, sie mögen die den Agnis 
nicht verehrenden menschen quälen, der Zusammenhang 
also noch recht deutlich zu fühlen ist. An abhi- am 
schliefsen sich noch an abhjamana-, n. anfall, bedrftn- 
gung, abhjamita- oder abhjänta, krank, abhjami- 
tra-, n. angriff, abhjamin-, angreifend; zu dem einfa- 
chen am, das man mit den bedeutungen „beschweren, schä- 
digen^ und ähnlichen, vielleicht auch „krank sein^ wird 
ansetzen dürfen, gehören noch äma- „andrang, wucht, un- 
gestüm, betäubung, schrecken, krankheit^, nebst äma- 
vant- „ungestüm, stürmisch, schrecklich, kräftig, gewal- 
tig^, amasa-, m. „krankheit^ am ata-, m. „krankheit% 
ämatra- „ungestüm, heftig^, amati „dürftig, arm^. Wei- 
ter hat man noch dazu gestellt &ma- = griech. wf^o-^ »roh, 
ungekocht^, lat. amäro- „bitter, widerwärtig^, altind. 
aml&- „ sauer ^, dessen Zusammenstellung mit unserm 
ampfer als von Pictet herrührend von Kuhn in den bei- 
tragen II, s. 381 angeführt und noch weiter begründet 
wird; ferner das altnord. ama „beschweren, belästigen^, 
nebst dem männlichgeschlechtigen ami „besch werde, nach- 
theil ^^ und anderes mehr, das wir hier nicht weiter ver- 
folgen. 

Dorpat, am fünften märz [2 taten februar] 1866. 

Leo Meyer. 



14 Düntzer 

Homerische etymologien. 

32. xoXoavQTog^ xolq)6g, xvfißaxog. 

(Schlufs.) 

Das wort steht bei Homer vom lauten schall vieler 
nahenden schritte, wogegen 71, iO in bezug auf den einen 
dem hanse nahe kommenden Telemach: TIoSojv ä' vno 
SovTiov äxomccg^ X, 354: d* ag' l^aTfj Sovnov axovaag 
vom laufe des Odysseus und Diomedes. M, 146 f. heifst 
es von den wilden Schweinen: Toit kv ooeaaiv dvÖQwv tfdi 
xvpoSv Sij^arai xoXoavgrov Iowa, wo Iowa auf die beden- 
tung des Wortes ein besonderes licht wirft^ gerade wie 
InsQXouevov iV, 472, gleichfalls vom eher: "Oare fxivec xo- 
XoffVQTov hiEQxofXBVov TioXvv avÖQCüv. Dagegen braucht es 
Hesiod. Theog. 880 von dem an der erde alles wegraffen- 
den winde, vom wehen des Sturmes, wenn er von den die 
Saatfelder zerstörenden winden sagt: UifiTikevaai xoviog xai 
agyaUov xoloavQvov. Aristophanes (Plut 032)) der das 
wort aus dem epischen sprachgebraucbe nahm, wandte es 
auf das gemurmel von kindern und alten frauen an, die 
an einem orte versammelt sind. Der bildung nach erin- 
nert es an xovioQTog, das die erhebnng von staub, die 
Staubwolke bezeichnet. Homer hat dafür xoviaakog^ 
das mit öOiXog^ bewegung, zusammengesetzt iat. Die 
alten nahmen auch xoXoavgvog als Zusammensetzung und 
erklärten 6 roiv cpQvydvcDv rjxog^ ov noiovai cvoofisva, wo 
sowohl die unerwiesene bedeutung von xoXa (fQvyava als 
der homerische gebrauch bedenken erregt, oder ö usrd 
xolfpov kniöVQ^og^ wo es xoXaoavQTog^ wenigstens xohpöVQ- 
Tog heifsen müfste^ oder endlich pii-yctg &0Qvß6g, wo sowohl 
avgvdg in der bedeutung ß-OQvßog wie xoXog als fieyag an- 
stöfsig ist, da das launige aristophanische xoXoxv^a nicht 
die grofse woge bezeichnet, sondern die ruhige fluth, 
deren kraft gebrochen ist. Will man bei der annähme 
einer Zusammensetzung stehn bleiben, so müfste man xoXog 
in der bedeutung gerfiusch nehmen, was sich wohl recht- 
fertigen liefse. Die wurzel xeA rauschen haben wir schon 
in xi}>ciÖog^ xelagv^eiv nachgewiesen, und sie ist in xoXoiog 



homerische etymologien. 15 

(Hesychios hat auch xokoii]^ (fiovf]) nicht zu verkennen*). 
KokqiOQ^ lärm, wovon xohpäv^ könnte als ableitung von 
einem solchen xokog gelten oder es stammt von der war* 
zel selbst Freilich sind die sonstigen bildungen auf (pog 
anderer art {xsgäcpogy aatQ^oq^ 6?^o(fojtog ^ narQmog^ na- 
TQ^og, fxfiTQ^og, najiTi^og)^ aber auch oiog in xoXoiog steht 
in dieser beziehung neben aXXoiog^ ouolog u. a. ganz allein, 
und es dürfte kaum angehn für beide eine wwzel xkoi an« 
zunehmen. Die richtigkeit des jota subseriptum kann man 
mit recht bezweifeln (es entstand aus der herleitung von 
xoXoiog) und das lange w auf rechnung eines ausgefallenen 
digamma setzen» Vgl. auch aXojg, ccXtari neben aXoäv, Auf 
des Hesychios xokovav und xoKovfxßäv im sinne von ß-o- 
Qvßüv ist freilich nicht viel zu geben, ebenso wenig auf 
xoXüVBiv in dieser bedeutung, das schon Herodian anführt; 
es könnten leicht falsche lesarten fär koImöv oder xoXbnuv 
sein, das aus Antimachos angeführt wird. KoXog als x^o- 
Qvßog bei Hesychios ist wohl, gerade wie xola cfQvyava^ 
aus der erklärung von xo)^oövoT6g geflossen, xoloog im 
etym. nur verschrieben für xoX(p6g. Aber gesetzt xolog 
hiefse wirklich lärm, welche bedeutung hätte dann die 
ganze Zusammensetzung? Buttmann erklärtes ein schrei- 
endes geschwärm; aber diese bedeutung entspricht nicht 
dem homerischen gebrauche und (ri;()€f)/ heifst schleppen, 
schleifen, aber nicht schwärmen. Mufs denn aber 
das wort nothwendig eine Zusammensetzung sein, kann es 
nicht von einem einfachen xokoavQUv kommen, wie jfwxv- 
Tog, dkalrjTog , oiK'Tog (neben ol^^vg)^ noviog-rog, ogv/uay-- 
öog? Kokoavoeiv würde auf ein xolooog führen, wie oko^ 
ffVQE<5\yctL auf ein oKoffog, Jammer (vergl. okocpwiog^ oko- 
q)vSv6g^ das ein 6lo<fvQuv voraussetzt). Ein suf&i: o<5o 
kommt freilich nicht vor, aber oaco in xokooüog^ g^g^i^ 
dessen Zusammenstellung mit wz. kr^, emaciare, krpas, 
macer, dem lat. grac-ilis (Curtius I, 122) doch xok- 
-cüvi], xok'0(fojv^ collis, culmen einspruch thun möchten. 



*) Trotz Curtius I, 109 ziehe ich hierher auch xtlftrO^atj xeXfvtir, auch 
xoXal und xakuv. Vgl. zeitschr. V, 389. 



16 DUntzer 

Ein ableitendes aao zeigen &i-aaog^ lltjy-aaos u.a. (Zeit- 
schrift XIV, 201 f.); ein xoloaog statt xokaaog dürfte durch 
den einfluls des o der ersten silbe entstanden sein, wovon 
xoloa-vQBiv, xokoavQ^Tog sich ganz einfach herleiteten. Dafs 
ein xokoaog sich nicht nachweisen läist, kann gegen diese 
deutung keinen einwand bilden, da häufig genug uns die 
mittelglieder fehlen. So setzt xoXsTgav ein xoIbtjjq vor- 
aus, von WZ. kal, stofsen^ die aufserdem in xoAcr^og, xo- 
XaTtTBiv, auch wohl in xoXd^eiVy dann in xikXeiVj oxillnv 
erscheint, mit ableitendem c in calx, wovon calceus, 
calcitrare, das wohl ein calcitrum (vergL talitrum) 
voraussetzt, wie penetrare, elutrire ein penetrum, 
elutrum (vgl. feretrum, spectrum). Kokog^ verstüm- 
melt, wovon xokoßog, xoXovsiv (Curtius II, 160), würde 
sich durch eine modification der bedeutung dieser wurzel 
erklären. Dagegen scheinen xokov eingeweide, xokeog^ 
xavleog, ja auch xäkov auf eine wz. xo, gleich xv, xi zu- 
rückzugehn (Curtius no. 94), wovon xoikog, xavlog^ xvkovj 
xvXiBiVy xvxXog, cilium. Vgl. xdoi, das Hesychios xotAo;- 
pLura erklärt, xbig gefängnifs, xv-a&og neben xv-Xi^. Aus 
der mit einem labialen vermehrten wurzel xv haben sich 
manche namen hohler gefafse gebildet (Curtius no. 80 nebst 
xvnri y^ xvnBlkov ^ xvxpiltiy cupa), und sie erscheint in der 
bedeutung des biegens, krümmens {xvntBiv), So ist 
auch xvfiß'oxog die Wölbung des helmes und als adjecti- 
vnm heifst es gebogen, insofern der kopfQber vom wa- 
gen zur erde stürzende in einem bogen herabfällt; beide 
kommen von derselben wurzel wie xvfifltjf a^og ist blofs 
ableitend. Ein xvß^ köpf scheint müssige erfindung der 
alten, die xvßnßog und xvfißaxog dadurch erklären wollten. 
Eine dritte wurzel xvq in der bedeutung krümmen (Cur- 
tius no. 81) ist keine modification des xt;, sondern r ist 
hier ursprünglich. 

33. xavaxv^ xovaßog^ xofATiog. 

Kavaxv findet sich bei Homer vom tönenden erzc 
(//, 105.794), vomgeräusche der laufenden maulthiere(^,82), 



homerische etymologieti. |7 

nur in einer spätem stelle (1\ 365) vom klappern der zahne, 
woför M, 149, wo freilich xavaxi] nicht in den vers gegan- 
gen wäre, xo/imog steht {ndrayog N, 283, ägaßog K, 375), 
xavaxi^sip von den getroffenen mauerbalken (M,36) und 
>c^ 399 von dem die klagen wiederhallenden gemache, xa- 
vaxtip vom erzbecken (T, 469). KoiKtßog hat nur die 
Odyssee einmal {x^ 122), und zwar von dem geräusche der 
von gewaltigen steinen getroffenen menschen und schiffe, 
dagegen Ilias und Odyssee sowohl xovaßeiv wie xovaßt^eiv, 
beide nur mit (ruiijSaUoVy das eine vom wiederhalle der 
schifte (ß, 334. /7, 277) und des hauses (p, 542) und von 
metallen (0, 648. 0, 593), das andere vom tönen der erde 
unter den tritten der männer und rosse (Ä, 464) und vom 
getroffenen erze (iV, 498. *, 255). Weder im Wechsel der 
formen auf stv und i^eiv^ noch in dem von xava^i^uv und 
jenen läfst sich eine bestimmte wähl erkennen; die ober- 
lieferang scheint hier sehr getrübt, doch dürften xovaßog 
und seine ableitungen stärker sein als xavaxri^ xava^stv 
xavctxi^uv. KofATiog findet sich, wie erwähnt, vom klap- 
pern der zahne, dann aber auch vom klatschen (u^, 380), 
xofiTtalv 'M, 151, wo der vers einen spondeus erforderte, 
vom getroffenen erze. Selten ist Tidrayog, vom klappern 
der Zähne, vom brechen der baumäste (II, 769), vom her- 
einfallen in den ström (</>, 9) und vom aufeinanderstofsen 
der kämpfenden ( 0, 387 )• Von jedem dumpfen geräusche 
steht Sovnog^ so auch von fufstritten und Speeren, von der 
charybdis; wo der vers ein metrisch kürzeres wort fordert, 
tritt an seine stelle xrimog, das so von tritten gebraucht 
wird {K, 532. 535. P, 175. T, 363. n, 6. r, 144), von Schil- 
den und helmen (M, 338), von jedem geräusche der käm- 
pfenden ( Y, 66. qp, 237 ). Krvnelv findet sich meist vom 
dooner, aber auch von fallenden bäumen (^,119), von 
dem durch einen wald herabstürzenden felsen (iV, 140). 
JovTiHV steht nur von dem, welcher zur erde stürzt, fast 
immer in dem versanfange Sovtifjaev öi neaviv; dowii^ifai 
fallen im kriege iV, 426, S^dovnmg gestorben 4^,679. 
( 'AgaßBlv nur in de^ versschlusse ctQaßtjae Sk tevxB in 
airr^, Sfidgayog findet sich nicht, aber wohl apiaffayslv^ 

Zeitschr. f. vgl. sprachf. XVI, 1. 2 



18 Dantzer 

vom rauschenden meere (JS, 210), vom donner (<i>, 199), 
von der vom geschrei der vögel wiederhallenden wiese (B^ 
463). An den beiden stellen, wo auagaysi sich findet, 
könnte auch xTvnisi stehn, aber för öuagayi^üij pafste kei* 
nes der übrigen Wörter in den vers. Bgiusiv^ wovon ßQovtij^ 
findet sich nur in ^sya^a ßgifisi von der donnernden woge 
(J^ 42Ö) und in ßffifiBvai vom meere und vom brausenden 
winde (Ä, 210. ^, 399). 

Dafs xavaßog und xavap) von derselben wurzel kom- 
men, hat man längst bemerkt und beide auf die skr. wz. 
kan bezogen, wovon glocke komme. Aber kankani 
hei&t nicht glocke, sondern bezeichnet eigentlich einen 
reif, daher auch einen solchen, woran sich ein glöckchen 
findet. Das glöckchen heifst kinkini, was onomatopoe- 
tisch ist, wie tintin nabulum. Die wurzel kan heifst 
nicht ohne weiteres sonare, sondern weheklagen, wie 
kanita zeigt. Auffällt es, dafs selbst Curtius (I, 110) ca- 
nere hieher zieht, da doch Casmena und Carmen kei- 
nen zweifei lassen, dafs die ursprüngliche form cas-nere 
ist. Vgl. Corssen kritische beitrage 406. Man hat kvan 
sonare hierher gezogen, wovon köna, das ein bestimm- 
tes musikalisches instrument bezeichnet. Vgl. zeitschr. IX, 
13. Dafs wirklich die wurzel kvan bei den griechischen 
Wörtern zu gründe liege, kann man billig bezweifeln, da 
man in diesem falle eher xvvaßog, ^wa^rj erwartete. Max 
Müller (zeitschr. IV, 277) nimmt eine doppelte ausweitung 
«ines ursprünglichen xon an, xofATi und xovan, woher xd|M- 
noQ und xovaßog^ indem er hn if4n även vergleicht (oficpi]^ 
kponij). Aber xavaxr^^ das er ganz ausschliefst, liegt dem 
xovaßog doch viel näher als xounog. Das herabsinken des n 
zu ß wäre in diesem falle auffallend, und auch die verglei- 
chung triff); nicht ganz zu. Nur im falle, dafs keine näher 
liegende deutnng sich ergäbe, würde man mit recht 6^i(p7}^ 
hvon^ zu xofAnog^ xovaßog stellen können, so dafs in einem 
falle der labiale bei der kürzern form aspirirt, im andern 
bei der gedehnten zur tenuis geworden wäre. Walter 
(zeitschr. XII, 375. 380) sieht in xava%i^ eine erweiterung 
durch ;if, in xofin^ xovß durch labiale; a sei in xava^^ri und 



homerische etymologien. 19 

xovaßoi; eingeschoben. - Es kann kein zweifei sein, dafs 
xavax^ von der wz. xav stammt, wie aTeva^t^ von wz. arsv^ 
Utxv ^on ^, z''. Kovaßog aber stellt sich neben ägaßoq 
(von derselben wurzel wie aodaaBvv) *), ß^oQv^ßoq (vgl. roy- 
'&QV*g^ &QV'Xogy &qv^XKoq)^ OT-oßog (vergl. otot-vCsiv) und 
andere bildangen mit /9, wie tpkotaßos, (liaaßog^ der mit- 
telriemen, worin man irrig, wie in ixatofAßri, ßoög ge- 
sucht hat, jtiaTaßog («ar-a^og), xoXoßog. Vgl. zeitschr. V, 
323« KouTtog wird eigentlich pochen sein, eine Verstär- 
kung der WZ. xoV^cblagen. So beifst auch ndrayog ei- 
gentlich schlag; der stamm ist derselbe wie in Ttvetisiv 
(vgl. naX-aiuv) und der anklang an nai^iv {napUiv, wie 
pav-ire zeigt) nur zufällig. ^uaQctyog kommt wohl von 
WZ. afutQ, die mit d verstärkt, wie wir oben annahmen, 
in afisgöaXeog erscheint, und bezeichnet also ursprünglich 
den die obren verletzenden, scharf treffenden schall. 

34. ovgia^og^ aavgojtTJg. 

Dafs beide Wörter die untere spitze des Speeres be- 
zeichnen, ergibt sich deutlich aus den wenigen stellen. Von 
dem in die erde gefahrenen Speere heifst es iV,612f. P, 
528: 'Em S* ovQ^axog nBkefiixOti fyx^og. iV,442ff. fÄhrt 
der Speer in das herz (xagSlt^), rj gd ol danaigovaa xal 
ovgiaxov neXifAi^sv. Dagegen steht aavQontiQ in der stelle 
der Doloneia (/iC, 151 ff.), wo Diomedes und die seinen im 
zelte schlafen: 'Yno xgaalv S' 'dxov doniSag' iyx^^ ^^ 0q>iv 
6q&' kni (SavQCdt^Qog klijkavo. SavQfarriQ hat auch Hero- 
dot VII, 41. Bei Hippokrates, Dioskorides und Aretaeos 
findet sich ovgaxog, un(i diese form hat auch Aelian, wo 
die „sogenannten^ ovgaxol tc5v xagnifiatv die fitzen der 
halme sind, woran die äbren sitzen. Ovgaxog ist demnach 
eine ableitung von ovgd und heifst das endstöck, \ne 
cto^axog von arofia kommt, vrjniaxog von v^niog. Aber 



*) Das zu gründe liegende dq ist onomatopoetisch. Vgl. äga^oq^ dgä- 
}^tir» ' 'AQikaatkp zu derselben wurzel mit Qfjatruv zu ziehen , dttrfte wegen 
der genannten Wörter nicht angehn. 



1 ' 



20 Dttntzer 

Homer bildete sieh eine dem verse entsprechendere form 
ov()iaxoq^ indem er ein adjeotiTum oigioq voraussetzte, so 
dafs ovgioif das endstück des Speeres oder vielmehr des 
Schaftes ist, oigiccj^og das dazu gehörende eisen. Aehnlich 
bildete er tftftioxciltf]$^ inmoxccgut]g^ da die regelrechten 
formen innoxaltfjg , innoxagf^f^g nicht in den vers gingen; 
iTmioxatTfjg ist derjenige, der tnmog x^^^V ^uf dem helme 
hat, in7tvoxccg/4ijg derjenige, der in der tnmog x^QM* '^^ 
dem kämpfe zu wagen, sich zeigt, ^avgtarrig wollten die 
alten von aravgog herleiten, womit nichts gewonnen ist; 
denn weder pafst die bedeutang noch darf die weglassung 
des T fQr irgend wahrscheinlich gelten, da von <rr nur 
der erste consonant wegfallen könnte, wenn überhaupt an 
einen Wegfall zu denken wäre. Bei Hesychios findet sich 
die glosse öctvgiitoig Sogaai^ tolg cavgiorijgag J^x^vai xara 
rijg kmdogariSog. 2avg(at6g setzt ein aavgog in der be* 
deutung von aavgvoti^g voraus. Nur so erklären sich auch 
die glossen cavgoßgi&hg ^yxog^ ^x rov aavgiovfjgog ßagv^ 
und aavgmrrjg dogaro&Tjxjy, denn obgleich Hesychios aav- 
X<aTt]g geschrieben fand, so ist doch kaum zu bezweifeln, 
dafs dieses schriebfehier war. Hesychios führt aavagog^ 
öoßagog an, das auf eine wurzel üavy gleich cv, führt. 
Dieselbe wurzel erkennen wir auch in aavgrj^ öavgiyyri, 
aavgog^ als namen der eidechse und eines Seefisches (rga- 
Z^f>VQog); beide sind von ihrer raschen bewegung benannt. 
Sollte nun dieselbe bedeutung nicht auch ursprünglich xm- 
ser ifavgog gehabt, es eigentlich die daihinstürmende lanze, 
wie alxfiij (zeitschr. XV, 58f.), bezeichnet haben, so dafs es 
später, wie gleichfalls alxf^iTJ^ auf einen besondern theil 
der lanze übertragen worden wäre? Eine bestätignng die* 
ser sich von selbst darbietenden vermuthung bietet uns 
accuptav, wurfspiefs, dar, welches vielleicht von einem 
aavvog gebildet ist, wie axovriov von iixbiv. ^avgwttjg 
ist eine durch einen verbalstamm auf o vermittelte Weiter- 
bildung von aavgog^ wie axgatrijgvov (axgvatTjg) von äxgov. 
Oder wäre aavgog lanze, cavgiütiqg der zur lanze ge- 
hörende fuis^ und nur mifsbräuchlicb später auch aavgog 
gleich aavgcuTi^g genommen worden? Man kann hierf&r 



homerische etymologien. 21 

rn aavgootrjQ ^ogato&f^xj] anführen. Später nannte man den 

so öavQiarr^Q auch atVQct^^ was eigentlich den ganzen sohaft 

lo bezeichnet, und axd&(Ari^ die spitze ^nidogaiig^ was aber 

^ später auch von dem aavQtürrjg gebraucht ward. Bei He- 
^ sychios ist die bemerkung unter aavgiOTijg: Jr^koi xai 

^, ardd'fifjVj xBOvoVy verdorben, da avätffii] sich gerade auf die 

,p vorher gegebene gewöhnliche bedeutung des wortes bezieht. 

Q Hiefs der xeavog wirklich accvguityg ^ so könnte sich das 

g wort nur auf die bunte färbe beziehen, wie Hesychios selbst 

(Tat^^o^ro^ ^loiXfAo^ erklärt. Vgl, die glosse : Kecvov ificcvra^ 
j Tov noixikov l^avtci. Ist driXot xai x^arov ifidwa zu le* 

! sen, oder avd&fiijv im nominativ in den ersten satz des 

Hesychios: JSavgwrtjg^ t6 ioxcttov aiSijgiov tov äogarög 

gleich nach aavgwvpjg zu setzen? 

35. god'og^ iniggod-og^ ^nivdggod'og, kTtixovgog, 

ßoYi&og^, 

Bei Homer findet sich go&iog nur ß, 412: 'Exroa&sv 
ptiv ydg Ttdyoi o^ktg^ dpufi di xvfia ßißgvx^v go&iov^ Xiaarf 
d* dvaSädgofie nirgri* Von der überlieferten deutung rau- 
schend, brausend abzugehn ist durchaus kein grund 
gegeben. Die rauschende welle bricht sich an den feigen 
und brüllt; die welle rauscht schon, ehe sie zum felsen 
kommt. Vgl, |(i, 241f.: Idp^pl 8k nirgij Seivov kßeßgvxBi. 
So heifst denn auch naliggo&iog €,430. <, 485 rückrau- 
schend, insofern die welle, die rauschend herankam, rau* 
sehend zurückgeht. Vergl. dtpoggoog zurückfliefsend. 
Das bei god'iog zu gründe liegende godog hat Hesiod Op. 
218: Tijg di Jixrig go&og ilxofikvrjg^ wo man irrig goi^og 
schwung, weg erklärt, da es vielmehr das Jammerge- 
schrei bezeichnet; denn es schwebt das biid einer frau vor, 
welche gewaltsam fortgeschleppt wird. Vgl. d-, 527 ff. Das 
naheliegende arovog genügte dem dichter nicht, und xat- 
xvrdg, das hier an der stelle gewesen wäre, verbot der 
vers. Wenn Äeschylos Pers. 454 sagt iipog^ii&ivTBg ^| ivßg 
go&ovy so schwebt ihm der vergleich mit der überschwem- 
menden woge vor und go&og bezeichnet eben das heran- 



22 DüDtzer 

brausen der wellen; sonst könnte -man auch annehmen, er 
habe in der hesiodischen stelle ^6&og mifsverstanden, wie 
es gewifs bei den Alexandrinern der fall war, wenn sie 
Qo&oq geradezu fQr weg nahmen. Hesychios erklärt ^dü^ij^ 
OQ^ifi ßsrd \f)6q>ov^ po&ov rov ano xv/iccTtav xjjocfov^ Qo&iov 
Qtvfda^ xvfACt to fjLtra \p6<pov yepouevov, po&iov ra^v, OQfiti* 
tixov. Wie es sich mit der nacbricht verhält, dafs die 
Boeoter einen schroffen felsenweg ^6&og genannt, wissen 
wir nicht; wäre dies aber wirklich der fall, so liefse sich 
diese bedeutung aus der von weg überkaupt nicht wohl 
herleiten, sondern müfsten wir eher aimehmen, m ^6&og 
liege der begriff des schroffen, felsigen. 'Po&üv hat So- 
phokles von schmähenden oder unmuthigen Worten. He- 
sychios erklärt ^oö-fiiv ogfiäv, TQixBiV, XiyBiv^ Sicuxsiv, \Pu- 
üia^Hv^ plätschern, platschen, kommt von Qod'iov, 

Ist aber ^ot^'og rauschen, so dQrfte hier eine würzet 
Qod- anzunehmen sein, die onomatopoetisch das rauschen 
bezeichnet. Es ist gewifs nicht zufällig, dais mehrere ge- 
rausch bezeichnende worter gerade mit qo beginnen. So 
steht ^oxO^^ly bei Homer selbst vom rauschenden meere, 
Qoi^og^ QoiL,tiv vom sausen der pfeile und vom pfeifen der 
hirten, und bei QOifuVj ^oißäaiv*) scheint das geräusch 
beim einscblürfen die grundbedeutung, wie auch bei piy^^ 
XBiv^ (ruyxog' Sollten wir hier nicht erweiterungen von wz. 
ru haben (Curtius no. 523), wovon rumor, raucus, ra- 
vis, rudere, vielleicht auch iQevyeiVj rugire. Von einer 
Wurzel go würde mit gutturaler erweilerung (>ox, (io;|f, mit 
labialer (>o/9, po(p^ mit dentaler ^od- sich gebildet haben, 
und mit andern vocalen koBvyeii^, (^^yx^''^^ (^7X^^^ ^oißSetv 
daher kommen. In Qoä'og könnte man freilich auch & als 
suftix fassen, wie in Qoxä-og^ gulßöog^ oxO-og, arrittog^ 
iöd'üg, ^vd-ogy xvv&og, doch dürfte die erweiterung der Wur- 
zel, wie in Tt^ijd- u. a. (Curtius I, 54 f.), wahrscheinlicher 
sein. PoiCog würde sich aus einem (}oiö*iog leicht erklä- 
ren, wie QoißSog aus Qotß, In (AOog^ das gar nichts mit 



*) Hesychios erklärt götf^u xi'finia durch go9-ia. In der glosse ^o*^- 
/lo;, noi>6q t^ötpo?, ist doch wohl ^oiditioq ein fehler statt qoißöfioq. 



.er 

n 

im 



homerische etymologien. 23 

uoserm Qoß-og zu thun hat, haben wir wohl dieselbe wz. 
()6, gehn, die im skr. ratha, wagen, sich findet, so dafs 
es das gehende bezeichnete, wie die sinnverwandten ^< 6- 
-Ao^, me-mbrum. Wäre i> mit zur wurzel zu ziehen, so 
würde von dieser auch Qvd^ixoq kommen. 

Von Qo&oq kommt hnlQQo&og. J, 390: ToUi yag iniQ- 
j. Qütf'og rjsv !dä7Jvri, W, 770: 'Aya&ri (aoi hniQQod'oq kXdh 

noSoiiv. Das wort heifst offenbar helfen Die eigentliche 
bedeutung, zurauschend, wird übertragen auf die Ver- 
einigung, die Verbindung. Nicht unähnlich erhält ä&Qooq 
eigentlich zusammentönend, die bedeutung vereinigt. 
Später findet sich das wort auch in der bedeutung an- 
fahrend, und auch sogar in der passiven bedeutung an- 
gefahren, gescholten, irnggoß^eiv vom wirklichen ge- 
rausche; vom zustimmenden oder schmähenden rufe« Nur 
durch ungeheuerliche annahmen hat man kniraQQoävg eben- 
falls mit Qod-og in Verbindung bringen können; denn die 
deutung hm xä oder km ärra po&og ist kaum viel besser 
als die einscbiebung eines rag, welche die alten für mög- 
lich hielten, oder die eines r. Es ist nicht zu leugnen, 
dafs an den meisten stellen kmrccQQo&og ganz so wie kntQ- 
Qo»og steht {L\ 808. 828. ^, 366. Y, 454. 0, 289. o/, 182), 
aber M, 180. P, 339 ist es mit ^dx^g verbunden. Die 
Odyssee braucht ähnlich äfivvrcoQ und kTtafAVvrcjQ (/?, 326. 
;c, 256. 261.263). In dem orakel bei Herodot 1,67 ist 
kmraQQo&og bewältiger, besieger; denn Teyitjg im- 
rafjQO&og eivat entspricht dort dem xa&tmsQ&e T(p TtoXeucp 
TeyetjziMV yivsa&ai. Es ist unmöglich anzunehmen, dafs 
die Pythia dem werte einen ganz andern sinn willkürlich 
gegeben habe, und aus der bedeutung helfer lälst sich 
die des bewältigers nicht ableiten, aber wohl umge- 
kehrt. Die Verbindung udxtig kmxaQQod'og bewältig er 
in der schlacht, wie aXBi^YitriQ /4a;jfi;g (Y, 396), mit dem 
dativ erhielt die bedeutung helfer in der schlacht, und 



♦} Man nahm nämlich ein aqqu&n^ an,, das Hesychios ot^oi/o?, ßoi^- 
&6ii erklärt. Es ist darauf gar nichts zu geben; auch laQQO&oq* das Ly- 
kophron gebraucht, Hesychios a(^(ay6q, ßotjO-of;, Tra^o^j/fijiij? erklärt, ist ohne 



wirkliche gewähr. 



24 Danteer 

80 wurde denn auch imxdQQo^fo^ allein geDomroen, worauf 
vielleicht der anklang au km'ißpoäog nicht ohne einflufs 
war. Aber auch ohne diese Vermittlung lä&t sich der 
Übergang von bewältiger in helfer erklären. Tdggo^ 
&og führt auf eine wurzel ra(), treffen, verletzen, ver» 
nichten, die wir in ara^ri/^o^ fanden (zeitschr.XÜ, llf.). 
Wir können nun entweder einen durch it erweiterten stamm 
annehmen» wie z. b. Sag zu Sag-d^ wurde (Curtius I, 199), 
80 dafs das zwisohentretende o eingeschoben wäre (vergl. 
ruvrjlByrjg aus ravakyijg, atäai^akog aus äraad'Xog (vergl. 
zeitschr. XIV, 205), oder ott ist Suffix, wie a& in xvaä^og, 
anvga&og^ 6gfia&6g, xpdfAa&og, o und ex wechseln, wie in 
xovaßog otoßog, &iaaog xoXoaog (vergl. oben). Wenn die 
hülfsvdlker bei Homer inUovgoi heifsen, so hat man den 
ausdruck irrig beimänner erklärt. Kovgog mufs hier von 
dem gewöhnlichen xovgogj xogog knabe, söhn verschie- 
den sein. Die wurzel xeg, wovon xsgai^eiv, das ein xigag 
in der bedeutung verderben voraussetzt, xogig^ föhrt auf 
eine dem tdggo&og ganz entsprechende bedeutung, so dafs 
es der vernichter, und demnach der krieger wäre. 
Wenn in Lakedämon neben den innaYgitai die xogoi^ die 
ritter, genannt, wenn xovgoi auch bei Homer selbst als 
ehrenname steht, so könnte hier unser den krieger eigent- 
lich bezeichnendes xovgog zu gründe liegen, und eine Ver- 
wechslung der ursprünglich ganz verschiedenes bezeichnen- 
den Wörter überhaupt frühe eingetreten sein. So könnte 
auch der name der KovgrjxBg von unserm xovgog abgelei- 
tet und selbst in xovgt]Tsg dgiarrjeg, xovgijTeg !/4xcciü)V bei 
Homer eigentlich trotz der vhg und xovgoi !Aj^aUav die 
bedeutung krieger die ursprüngliche sein. 

In der spätem spräche wird helfer durch ßotj&og^ 
ßorji^oog ausgedrückt. Bei Homer findet sich ßorj&oog oder 
ßoy &o6g als beiwort des Aeneas und des wagens (iV, 477. 
P, 481), in der bedeutung schnell im kämpfe, wobei 
freilich auflallt, dafs der dichter nicht f^d^fj O^oog sagt, 
aber ßofj&oog scheint bereits in der gangbaren spräche sich 
gefunden zu haben. Auch ßorjp dya&og ist vielleicht 
tapfer im kämpfe zufassen. Neben ;9oi7i9'oog hat Homer 



homerische etymologien. 25 

auch aofji&oog^ schnell im kämpfe {vgl, a^frjiXTccfievog, 
aQi^icpatoq^ apei(paTog), deflsen richtige accentuation auch 
auf ßoYi&QOQ anwendung finden sollte. Bei ßori&oog^ ßot]- 
öog entwickelte sich nun ganz auf ähnliche weise aus der 
bedeotung des tapfern kriegers die des helfers, wie wir dies 
bei kniTccQgoö'og annahmen. Schon Herodot kennt ßorjO-eiv 
in diesem sinne. Nach ßorid-oog hat man später mifsver- 
ständlich ßot^dgofjiog, ßojjdgofAeiv gebildet. 

36- aoGG7]Tyg^ äo^og. 

Neben kmgQO&og, knirdQgo&og, ä^vpvuig, knafivvriaQ 
steht das metrisch davon yerschiedene aoGOfjtrjg^ im nom. 
und acc. des sg. und des pl. 0, 254 f.: Toiov rot aoaarjrijga 
Kgoviatv* k^ "ISifg ngoeijxe naQtGTd/uBvai xal dtAVVBiv, wo 
die ganz gleiche bedeutung mit hniggo&ogy inixaQQod'og 
deutlich hervortritt. 0, 735: 'Hk rivdg cpafiBv elvai doü'^ 
(Sritfjoctg 6niG6<f>\ X, 333 f.: Toio d' dvev9'6v doaarjrrjg fiiy 
dueivwv vrjvaiv am yXacpvgrjaiv iyta fiBtoniaö's kelei/^fjitiVf 
wo doa(frjtt)g auf die räche geht. Interpolirt sind ^,165: 
^£i fii} äkkot doifaTjtiJQBg iojfftv, und y^, 119: ^Si fii] Tiokkol 
i(a(fiv dooai]T7JQBg 6nia<Tct), Hesychios führt die formen oa^ 
(friTtJQ, kooafjTfjg mit derselben bedeutung an. Das dop- 
pelte aa ist hier un^sweifelhaft nicht ursprünglich, sondern 
aas einer Verschmelzung eines vorgehenden consonanten 
mit i hervorgegangen, aber die wähl bleibt hier zwischen 
einem dentalen, gutturalen und labialen. Curtius (11,48) 
bringt das wort mit wz. sak in Verbindung, obgleich diese 
sonst nur in der form iyi erscheint, und erklärt das wort 
d'OOTt'iYiTtiQ ^ wonach es die bedeutung begleiter haben 
würde, die uns gerade nicht besonders passend scheint. 
Doederlein denkt an 6n und erklärt mitseher, was weni- 
ger passend zur bezeichnung des helfenden sein dürfte. 
Wir möchten lieber an wz. od- stolsen, skr. vadh den- 
ken, die im sanskrit häufig in der bedeutung tödten steht, 
und wovon vadha, caedes. Der bedeutung nach würde 
also das wort gleich knirccQgo&og sein, aus der bedeutung 
des tapfern kriegers die des helfers hervorgegangen sein, 



26 DttDtzer 

wenn man nicht lieber in or, wie in ako^og^ mit erkennen 
will. Aus WZ. jrod bildete sieb mit diesem oder mit dem 
' vorgeschobenen a ajo&tog äfoaaog, mit vorgeschobenem c 
ir6&iog^ lioaaogy wie anewarog in der bedeutung änw&tirog 
(wie man statt ano&rixog hergestellt hat) sich bei Hesy- 
chios findet. Zum> wegfall des € in oaatjn^g vgl. ögtrj ne- 
ben iooTTJ. Von äoaaog bildete sich durch Vermittlung 
eines spater wirklich versuchten aoaöslv aoaatiTijQ^ wie 
agj]Tt]Q von agäa&ai. Diese deutung ziehe ich jetzt der 
frOher von mir versuchten von o&ea&ai vor, wonach äoö" 
aog der mitsorger wäre (vgl. o&f^)^ dag^en seheint mir 
äo^og, diener, wirklich von dieser wurzel zu stammen. 
Oder wäre es aus aodiog entstanden von wz. iS gehn, 
wovon öSog^ und der mitgehende? Es würde dann dem 
oTitjSog (bei Homer nur ontjäsiv)*) und den von Kleitar- 
chos (bei Athen. VI, 93) neben ä^og^ d-agaTtcov^ Stdxovogy 
vntjoirtjgy kdvgi^ und olxeTfjg angeführten bezeichnungen 
dxokov&og und inafiiop (doch wohl dorisch f&r iniqfAfav^ 
wie vo7JfjLU)p) entsprechen, ^^og ist wohl aus äo^og zu- 
sammengezogen. Von &egdnü)p (vgl. {^iqaxp^ ß'agdnvt]^ &e- 
ganaia) scheint die grundbedeutung die des besorgers, 
und man könnte an eine erweiterung der wurzel O-ga (Cur- 
tius no. 316) in der bedeutung betreiben denken, die sich 
aus der ursprünglichen des haltens leicht erklärt, \^ie ja 
agere betreiben ursprünglich führen bezeichnet. Aehn- 
lich kommt Sidxopog von der durch k erweiterten wurzel 
Jm (Curtius n, 227) und bezeichnet ursprünglich den bo- 
ten. ' Yki^^eri;^ ist eigentlich rüderer; das v;co steht wohl, 
wie in einem andern namen der diener, vnoSgt^ariJQ (von 
vTiodgav) gleich Sgr^anj^ (von dgäv), jidtgig ist vom lohne 
{XdtQov) benannt. Olxirtjg bezeichnet eigentlich jeden zum 
hause gehörenden, dann insbesondere den diener. Noch 
sind anzuführen a/iqr/^oAog, der betreibende (vgl. Glück 

*) Zweifelhaft bleibt oTraoif, bei dem man nicht den aasfall eines S 
annehmen darf. Möglich bleibt freilich eine ableitung von einem von In ab- 
geleiteten stamme ona neben ona^j aber die bildung auf unf von einem 
verbalstamme auf a, wo man bei Homer tj erwartet, ist auffallend. Man 
könnte an wz. nra in der bedentung tn^ri, servare denken, so dafs das 
woit eigenttich h elf er bedeutete. 



homerische etymölogien. 27 

Qber ambactus in den abhandlongen der philologenver- 
sammluDg zu Angsborg 108) und ÖTJg^ der arbeitende) 
der thuende, da wz. i^£, &7j (skr. dhä) die bedeutang 
des tbnns erhielt, wie im althochdeutschen. Jovkog scheint 
aus d6av?*og entstanden und, wie skr. däsa (vergl. zeitschr. 
V,151), den besiegten zu bezeichnen, insofern die besieg- 
ten (doQidkcoToi) zu Sklaven gemacht wurden, während 
servns diesen als gefesselt, famulus, wie olxhfjg^ als 
glied des hauses fafst. 



37. oC'og, O0xos^ f^oaxog, nrüQdtog, Sogv, HQPog, 

xvßsQvav. 

Die gewöhnliche bezeichnung des zweiges ist bei Ho« 
mer o^og. So findet sich ^, 234 (fvkXa xai oL^ovg, und 
mehrfach aufserhalb dieses gegeosatzes, im dat. sing., im 
nom., dat. und acc. plur. (S, 312. J, 484. Z, 39. Ä, 467. 
S, 289. /7, 768. 0, 245. fi, 435). Bildlich kommt es viel- 
fach in der bezeichnung o^og !^()tjog vor, wie ähnlich das 
neutrum ßdlog ^, 157 und als verschiedene lesart X, 87 
steht. Hesiod nennt die band Ttevro^og fünfastig (vergl. 
ntpmtaßoXov). Homer hat weder xXddog noch xXtüv noch 
oa^og^ das sich doch in der Zusammensetzung doh^^cxiog 
findet*). Sonst braucht er (mip (x, 166, wo neben dem 
allgemeinen (jwnsg die besondere art, weidenzweige, ge- 
nannt werden, f, 49. n^ 47), einmal &ak}.6g (o, 224), ein- 
mal ntoQ&og (C, 128 f. nrop&ov xXäas (pvkktüv). Moaxog 
bezeichnet bei Homer nie zweig, sondern ist in der ein- 
zigen stelle, wo es vorkommt (^, 105), bei wort; fioaxotcn 
kvyoiCiv heifst mit frischen weiden; dafs es irrig ist 
Xvyog hier adjectivisch zu fassen, beweisen i, 427: Tovg 
dxeiov avviegyop kvGtQBcpi^CGi kvyoiaiv, und x, 166: jivvaQ 



*) Diese deutung rnufs ich auch gegen Autenrieth zu jT, 346 aufrecht 
halten. Wenn im spätem voralexandrinischen sprachgebrauche oaxo^t cu(r/o., 
öax^ ^^^ otfintkov nXftdoq xtnäxafiTfoq heifst, so kann dies nicht gegen eine 
ursprünglich weitere bedeutung sprechen. Auch könnte wohl des Aristopha- 
nes ^ftf(}f(i(oq 6a/oq für einen allgemeinern gebrauch zeugen. Die deutung 
von doXtxöüxiot;^ langschattig, widerspricht aller homerischen einfachheit. 



28 Dttntear 

iyto önaadiAfjv ^dinag ti Ivyovg te. Die annähme, Ivyog 
könne auch statt kvyivog stehn, ist so gewaltsam wie durch 
nichts yeranlafst Moaxog ist frisch, jung, und so heilst 
das kalb, aber auch der ausgewachsene junge ochs fioaxog^ 
ohne dafs das wort eigentlich die thierart selbst bezeich- 
nete. Homer nennt das kalb nogug, nogra^. Erst in spä- 
terer zeit "^VLtde fioa^og (fioaxBvetv, fioaxiSiov) auch auf die 
pflanzenweit übertragen und zur bezeichnung von jungen 
spröfslingen, zweigen verwandt. <l)vkXa sind bei Homer 
immer blätter, laub, auch N^ 180, wo von der gefällten 
esche gesagt wird Ti()Bva x^ovl q/uXka neXdCBi^; dafs das 
reiche in freier lufl schwebende laub zur erde sinkt, denkt 
sich der dichter. Die blätter heifsen rigeva, wie fi, 357, 
wo die geführten des Odysseus sich derselben statt der 
fehlenden oikctl bedienen. Vom baumstamme und vom 
bäume selbst werden aufser den oben no. 22 genannten 
Wörtern rfurov, dogu und Hgvog gebraucht. So steht (fvtov 
(gewächs) ^',57.438: ^Pvtov (Sg yovvip kXairjg^ wo 56 
igvei laoQ vorhergeht (vgl. -2*, 437. |, 175). Ä, 123: /ZoA- 
koi Ök (pvTwv iöotv oQXcttoL dfi(pig» £, 108: Ovt6 (pvvBvoV'- 
Gip yjQöiv (fVTov. w, 227: AiatQBvovta ^vrdv (st rauch), 
lu, 242: 0vr6v afufeXdxcavBV* w, 246: ()v fpvvov (kein 
bäum), ^46()v, das meist den der zweige und der rinde 
beraubten stamm bezeichnet, findet dich vom lebenden 
baumstamme, wie wir etwa reis brauchen, ^, 167: ^Ensi 
ovnoi Tolov ävrjkvd'ep kx Soqv yccirjg, wozu man 163 ver- 
gleiche: <Poipixog vkov ligvog av6();^OjMevoi/ kv6f]aa, "Egvog 
haben wir auch noch P, 53: Olov di rgicpei igvog ävrig 
hQi&riXig kkaitjg. 

"O^og mahnt an das goth. asts, das Grimm auf eine 
WZ. ast germinare zurückführen möchte. Wäre o^og ver- 
wandt, so müfste es statt oatog stehn, ocxog statt oar^oxog, 
und man wäre veranlafst, sie mit oarioPj os, skr. asthi 
in Verbindung zu bringen, so dafs alle diese Wörter eigent- 
lich das harte, feste bezeichneten. Aber ein aus ar 
hervorgegangenes ^ statt aa anzunehmen {(Actötog ist nicht 
gleich ^m^oV), scheint höchst bedenklich, und so werden 
wir o^og ungeachtet der scheinbaren Verwandtschaft ganz 



homerisch« etymologien. 29 

von asts trennen müssen, wogegen asts wohl mit oariov 
zusammenzustellen ist. "O^og könnte von einer wz. fey 
kommen (vergl. (pv^a {(ft/y-ia) von wz. (pv/^ ^id'Qa (iidy-ia) 
von wz. f^ccy), die wir im lateinischen in vegetus finden. 
Die mancherlei gestaltungen dieser wurzel in den verwand- 
ten sprachen bemerkt Curtius no. 159. "Oa^oi', oox^t wo- 
für auch maxog^ ^^X^^ erklären sich aus uy-axog^ oy-axt]. 
Auch oaxfj, hodensack, oax^og^ oax^ct^ oüxiov würde man 
so erklären können, wenn wir als grundbedeutung die des 
schwellens {ß{yvuv) annehmen dürften. Moaxog kann nach 
dem oben bemerkten gar nicht mehr mit vacca, skr. 
ttköan verglichen werden, da das wort jung, frisch 
bezeichnet; eben so wenig kann noch davon die rede sein, 
dafs oaxog aus fioöxog entstanden sei. Die herleitung des 
Wortes ergibt sich ganz einfach. Die wurzel ist juced, flüs- 
sig» weich sein, wovon pLctdog^ fiddagog (Aeio^), /U erhoff, 
eigentlich die warze mit ihrer nächsten weichen und glat- 
ten Umgebung, wovon fiaorog {fiaaö'og^ fAaaö6g\ eigentlich 
die weibliche brüst, ganz verschieden, das die nährende 
zu bezeichnen scheint^ von wz. ^la in uaaäff&ai (von einem 
^a<7i;, nahrung), \ne fidfifirj, fiijTijgi denn dafs letzteres auf 
WZ. mä zurückzuführen sei, kann durch das im Rigveda 
vorkommende mfitar (macher, verfertiger) nicht be- 
wiesen werden, das ein von skr. mätar, fitJTrjg, ganz ver- 
schiedenes wort sein wird. Ueber xkcedog, xkoiv vgl. Zeit- 
schrift Xni, 7. Gakkog bezeichnet den sprossenden, trei- 
benden zweig*), wie es ju, 103 heifst (pvlXoiai tad'fjkoig. 
Ptaifj kommt von wz. gen und ist der schwankende 
zweig (vgl. pddafivog, ^cr&l); es stellt sich zu ^anig u. a. 
(Curtius I, 316f.). Die weide, Ivyog^ ist von ihrer bieg- 
samkeit benannt, wie Ire?;, vimen von einer flechten 
bezeichnenden wurzel kommt. Dafs <pvklov aus (fvkiov 
entstanden sei, zeigt folium. Sollte ntoQ&og nicht mit 
nag&ivog verwandt sein? /7a()i!^äyo^ ist die gezeugte von 



*) Dafs WZ. &aX im griechischen die bedeutung des Überquellens habe, 
kann ich Sonne (seitschr. XV, 10) nicht zugeben, wenn es auch mit einer 
skr. wi. dieser bedeutung sosammenhlLngen mag. 



30 Dttntzer 

der dur^h \J vermehrten wz. nciQ^ no^^ wovon auch Ttogng 
(Cnrtius I, 247). Das r ist ein verstärkender zusats, wie 
in TtToXsfiog^ nrtQva (Curtius II, 268). Die bedcutung wäre 
ähnlich wie in (pvkXop, Jo^v klingt nur zufallig an Sqvq 
an; es ist der abgezogene, der rinde beraubte stamm, 
von WZ. dcp, wie ^Xov (vergL ^vavov) eigentlich das ge- 
glättete heifst, dann aber holz überhaupt. *'EQvoq \%i&er 
treibende stamm, von derselben würzet wie oQfAi}. Vgl. 
{f&oyyrj neben fp&iyyog^ ogtiog neben ^i}fici^ BipfAog, aber 
mit Wegfall der aus 6 entstandenen aspiration sigeiv^ biq^- 
Qog. 2i%xv bildung vgl. Sijyog^ Sdvog^ xrfjvog, i&vog (wohl 
von WZ. »(9*, das wachsende, heranreifende, ähnlich 
wie (fvXov^ (fvXj'i). Pott will Ügvog auf skr. vrdh, wach- 
sen, beziehen, wovon mir öpr^-og, dorisch /5?o(*i9'Off, unzwei- 
felhaft zu kommen scheint. Aber bei 'd^vog zeigt sich keine 
spur des digammas, und & würde sich wohl ebenso erhal- 
ten haben wie in nog&fiog, oder der ausfall durch die länge 
des vocals ersetzt worden sein. Wohl nur zufällig klin- 
gen skr. arani, reibholz, und aranya, oede, wald 
an; sonst könnte man glauben arani habe ursprünglich 
holz überhaupt bedeutet, ' und aranya stamme nicht von 
arana fremd, sondern von arana holz, so dafs das 
sufBx hier, wie häufig, ein wort collectiver bedeutung bildete. 
Es könnte dann arana von wurzel ar sich erheben 
kommen, wovon wohl ohne zwdfel arani in der bedeu- 
tung sonne stammt. Doch sieht man auch von dieser 
möglichkeit ab, so könnte man Hgvog von dieser wurzel 
ar ableiten, wenn diese auch im griechischen sich in die 
Stämme a^, ig, 6g getrennt hat und ig sonst nur in der 
bedeutung rudern vorkommt. Aber die oben gegebene 
berleitung von wz. ig, skr. sar verdient als die unbedenk- 
lichste den Vorzug. Kvßkgvri^ Steuer, wovon xvftegväv 
xu/Segv^Ttig^ möchte ich nicht als Zusammensetzung mit 
Kgpog fassen 9 sondern sgv ist ableitnng, wie agp in axi- 
nagvov, xiagvov, ern, urn so häufig im lateinischen, wie 
oaverna, taberna (meine lat. Wortbildung 81 f.), arn im 
deutschen. Kvßigvjj könnte entweder von xvßt] schiff 
hergeleitet sein oder von wz. xvß stammen und das Steuer 



homerische et^mologien. 31 

als gebogen bezeichnen. Das Steuerruder heifst sehon 
in der Odyssee TifiddXiov^ das, wie nr^öov^ von der sprin- 
genden bewegung benannt ist. Wahrscheinlich war xv- 
ßigvri^ wie auch TtijScchov, eigentlich die breite, runde 
fläche des Steuerruders, wie nXccTf] die des ruders, ward 
aber auf das ganze stenerruder übertragen. In der Utas 
wird das Steuerruder o<)7«>r genannt, das führende, len- 
kende; die ringe des Joches, durch welche die lenken- 
den leinen gehen, heifsen oir/xeg (etwa ableitung von einem 
üh])^ und in der spätem spräche ist ota^ der rud ergriff. 
Die Wurzel, ist dieselbe wie in otösct^ai, auch wohl in 
oifAOQy oifir^, der führende weg (wie via d.i. vehia). 
Sollte dieses ol ein causativum der wz. i gehn sein? Potts 
annähme des ausfalls eines ö zwischen den beiden vocalen 
(oif(d)a|t und in oiaea&ai^ oiua ist unglaublich, und wird 
wahrlich nicht dadurch bestätigt, dafs er bei y^daiv gleich« 
falls dazu greift. Auch das althochdeutsche stiura scheint 
das Steuer als lenkend, eigentlich (in der beabsichtigten 
richtung) festhaltend (vgl. dagegen i^oQudp |U, 221) zu 
bezeichnen. 



38. (S als erweiterung des praesentischen 

Stammes. 

Seit Buttmann nimmt man bei Homer erste aoriste 
mit den endungen des zweiten an. Die vergleichende 
Sprachwissenschaft erklärt die sache dadurch, dafs die an- 
wendung des a im ersten aorist sich erst später bestimmt 
festgesetzt habe (Curtius „die bildung der tempora und 
modi'' s. 284). Sehen wir uns den thatbestand genau an. 
Zunächst bemerken wir die formen ißTJßßro^ ßriGero^ ßi^aso, 
ävsßTicero^ hnBßTJöBTo, iTttßi]ö6o, xaraßi^ato, ngog^ßriüBto an 
solchen stellen, wo ißtuw^ das imperfectische ßeßdjxei^ ßaivs 
(als imperativ kommt ßdive nicht vor, nur in der dritten 
person einmal ßaivirw, ebenso wenig knißaive^ inißaivsy 
xaräßcuve, TiQogißiuvs) oder die entsprechenden" aoristfor- 
men nicht in den vers passen. Auch sogar ein conj. im- 
ßf}6€Tat mit der Verkürzung des ^ findet sich in xaraßi^-^ 



üttai O« '*^1^ das MSD aidit mit Anteorietli n A, 475 ftr 
i(^ finnmw iialten darf, das im g fckhuiw e keine ateDe 
hat; den aoefa li^xtu J, 131 steht sUtt ItifjTat. Hemer 
hat iae MorUidofmen Ißr^w, Ißf/g^ Ißr^^ lStjrr,r^ ißrgmew, ißaw. 
ß^p^ ßr^, ßn^rpf^ ßmriv, ßf/tur, ißrg^aw, ßr.caw \r, 158- ^, 
\^^ sonst nur traositir, wie zufällig immer ißtiöauewj ßijct^ 
ßr^ijatur), ßap, ßairnw^ ßtita^ ßw^<^^ ß^»^^-» ßr^uofoi, ßa^^ 
▼on yasarnmensetomgco opißr^^ awaß^, apaßaü^^ awaßjjut- 
MM, awaßd^ {avaßnaaun^os O, 474 tranaitiT), bußfiMw^ 
yUsßap, hußaitjip^ hußairfi;^ hußoit^ iaißaUp, ksußr,iuw^ ksu- 
ßfjutrtn {l^ißr/a€j kiißr/öap nur traasitiTj, xatißip^j arrc- 
/fer, %ataß$ioiMtP, xaTaßij&^j xaraßijpat^ xaraßfjutpcu^ xa- 
raßa^, aber aoeh xarißrjaaPy furaßr/Sty noogißti^ Mogißap^ 
ngogßäg^ aeoißt}^ ntfiiß^pat, mgißac^ aber aoch ntoiß^icav. 
Also auch eio erster aorist des activoms findet^ieh mit 
don r^drediten a, wrao diese form aacfa zmneist transi- 
ttr steht. Die überliefenmg schwankte sehr awisdien ßrf- 
0$TO and ßijaaro. Vo'gl. meine schrift de Zenodoti stn* 
diis Homerieis 62. Zweiteos kommen die formen iävaero, 
äviftro, dvaeo^ SvtJouepog ie bet rächt. JvaBxo findet sich 
am anfuige des verses häufig io öiatro r rjiXio^. Andere 
▼erse beginnen Svatro rev/ea xalä (iV, 241), ävasro Swoa 
&iov (r, 368), StfatT !Ayaid)v iß-vo^ (P, 552), ävaiif aXoq 
xarcc xvfia (Z, 136), Öv(J€&' ouiXov iiov {fl, 729); «, 482 
sehlielst der satz gleich am anfange des verses mit ävatr. 
Auch zwischen iövaeto und kdvaaro schwankte die Über- 
lieferung. Aristarch nahm ersteres erst in seiner zweiten 
ausgäbe nach Zenodots Vorgang au£ 'ESvöeto erscheint 
in Verbindung mit revxia, 'ivrea, ^alxop, tiovtov^ ^Ikiop, 
Sduara, ovXafiov avSotov, KaredvasTo J^ 86. H^ 103. A, 
517« Aehnlicb steht der imperativ Staeo mit T6t);{^€cr, aber 
auch mit akxrjv und tiVfjffrijgag. Karadvaeo uoHXov Hgriog 
^\ 134. /Ivao^ivog findet sich nur im interpolirten verse 
a, 24, aber auch bei Hesiod Op. 382. Homer kennt (ivfav 
(0, 232. «, 272), Siig (7; 308. x, 201), SvvuiP (A, 578), hat 
dagegen nie SvpofiBvog oder gar Svofievog mit verlänger* 
tem V. Neben dem imperfectum und ersten aorist (i^Öwev, 
iilvpoPf ÖvnPf (Ivpop, iÖv, hSvrriif^ idvTSy iövp, öviü&fjp^ 



homeriflche etymologien. ^ 

SvoVTo) findet sich aaoh der erste aorist, Kivaav (^, 145. 
I, 341), Svaaiaro (JS", 376), äiaai (^,435. iV, 182). Ebenso 
aniövae, dnoSvaafuvog. So haben wir auch hier den er- 
sten aorist neben den in frage stehenden formen. Bei meh- 
reren andern Zeitwörtern tritt ein solcher sogenannter aorist 
nur im medialen imperativ, also gleich ßijatOj ävasoj her- 
vor, Homer hat die formen oqcbo, 6QaBv, ogao, Xi^eo^ ii^o. 
Was hier die endung betrifft, so ist in ogoo, U^o das e 
einfach ausgestofsen, wie in fiuß-aa^ neben fiv&slai. Die 
aerjste auf oa hat Homer von beiden Zeitwörtern: wqgb, 
iÜQaaVf ogaag^ ogaacxtv^ iki^atOf ii^aro^ Xe^äa&tiv, Is^ai^ 
/U97V, li^äöd'tov, Xi^aa&ai, "Ogw&i und ogvvn stehen blos 
transitiv, dagegen oQvvaä't von mehreren ganz in dersel- 
ben weise, wie ögoBo^ ogaBV, ogao von einem. In den 
homerischen hymnen (XIX, 1) ist aBiüBo die überlieferte 
lesart; die form ist aber jedenfalls aufßülig und wohl fOr 
aeiäBo verschrieben, da der absohreiber sich des mehrfach 
im ersten verse des hymnus stehenden ctBiffofiai erinnerte. 
Auch im activum haben wir solche ftkr aoriste ausgegebene 
formen. ^|6r6, a^ifiBv^ a^äfiBvai. finden sich ganz in der- 
selben weise gebraucht, wie ä/BtB, ayuvy ayifiBv (/^, 105. 
«P, 50- 111. ß, 663. 778). "Ov/6(t*« (i2, 704. i^,313. t/,357) 
hat schon Herodian als eine verstärkte praesentisehe form 
aufgefaist. lUkaoaBTov ist K, 442 des vvp wegen nicht 
wohl als futurum zu fassen; nilaaa, nihxaaa findet sich 
mehrfach, auch TiBkccacarB (x, 404) ; indessen bleibt es im- 
mer bedenklich das schlecht bestätigte nBkaaaarov mit 
J. Päch *) aufzunehmen , der sonst (S. 7. 30) an den aori- 
sten ä^BTBy 6tf)B0&B u. ä. nicht zweifelt. OlaB^ olairta^ 
oiöBTB^ oiaifiBv, olöifiBvai gehören gleicbfaUs hierher, da 
das futurum oiaBa&ai auf einen stamm ohne a hinzuwei- 
sen scheint (vgl. oUfAti^ ol^fiog). Endlich findet sich auch 
7^ov ganz gleich txovro gebraucht, da ixov ßkr den vers 
unbequem war, und auf ein l^ov (nicht auf ein i|a) sind 
auch l^Bg, I^b zu beziehen. Nicht hierher gehört inBaov, 



*)>üeber den gebrauch des indicAtivus Aituri als modus jussivas bei, 
Homer (1865) s. 81 f. 

Zeitsohr. f. Tgl. sprachf. XVI. 1. 3 



34 DfintMT 

WO 6 aus r hervorg^angen (vgL das dorische feccrov), wie 
im nachhomerischen ix^aov aus 8. 

Wie aber? sollen wir aonehmen, in diesen wenigen for- 
men habe sich eine spur eines frflhem Schwankens oder 
gar eines frfihem allgemeinen gebraochs des o und« statt 
a neben den auf a erhalten? Ich gestehe, dals mir dies 
der gipfel der nnwahrscheinlichkeit scheint. Nicht in diesen 
wenigen formen kann ein rest dieser art zurückgeblieben 
sein: das a wfirde auch hier unzweifelhaft dem allgemei- 
nen gesetze gemäfs sich eingestellt haben. Was berech- 
tigt uns aber zur annähme, dafs wir hier aoriste vor uns 
haben? Früher sah man hier mit recht neue stamme, nur 
irrte man darin, dafs man nach der falschen weise der 
herleitong diese st&mme durch das futurum vermittelte. 
Das ö ist nichts als eine der vielfachen Verstärkungen des 
prftsentischen Stammes. Man hat sich über diese schon 
in meiner Schulausgabe der Odyssee gegebene deutung ent- 
setzt; ganz so entsetzt man sich in zeiten, wo die unnatnr 
Sitte geworden, über das natürlichste. Eine Verstärkung 
der Wurzel durch a ist doch nicht unerhört (wir erinnern 
nur an die bekannten beispiele Si(pHV ShffBiv, ali^eiv ne- 
' hen akabcslv, oSd^siv neben odd^^iv, Sdxvsiv, Curtiusl,55); 
was hindert uns eine solche Verstärkung nun auch beim 
praesentischen stamme wie so manche andere anzunehmen? 
Wenn die übrigen sich in weiterer ausdehnung erhalten, 
ja zuweilen auch mifsbräuchlich über ihr gebiet hinausge- 
griffen haben, so sind uns hiervon eben nur einzelne reste 
alter zeit übrig geblieben. 

Ein analogen zu einem ersten aorist mit dem o und e 
statt a glaubt man in mehrern fällen zu finden, wo der 
erste aorist keine spur des diesem regelrecht zustehenden 
a zeigt. Wie aber verhält es sich hiermit in Wirklichkeit? 
JEinaj wovon bei Homer nur eiWare an zwei spätem stel- 
len steht, könnte eigentlich perfectbildung gewesen und 
nur später miisverständlich als aorist gefafst und weiter 
gebildet worden sein. ''Hvsixa, ivuxa, wie Homer hat, 
später ^vByxa^ würde man auch als ursprüngliches pertect 
nehmen können, so dafs die reduplication als unbequem 



homerische etymologieo. 35 

unterblieben, es aber später als aorist neben rjveyxov ge« 
fafst worden wäre. Schon vor vielen jähren habe ich (in 
Ritschis rheinischem museum V, 394) auf die lesart l|7J- 
ve^B neben k^evagi^a Sl^ 205 hingewiesen, und k^riviy^E dort 
und k^r}VBY^B Sl, 521 ftlr richtig erklärt, mit beziehung auf 
des Hesychios k^tjvrjaafisv (k^tjviy^afiev?) h^%ßaXo^uv, Wir 
würden also hier wirklich einen mit o gebildeten aorist 
neben ijveixa haben. Cnrtius (tempora und modi 288) ver« 
muthet, bei ijveyxa habe die häufung der consonanten wohl 
den Wegfall des a herbeigeführt. Aber man sollte den- 
ken, eher wäre das verstärkende v in wegfall gekommen 
und das € in folge dessen gesteigert worden. Aehnlich 
könnte iaasva (bei Homer auch öBva^ CBvafisvog) Ursprung« 
liches perfect gewesen sein, wenn man es nicht lieber mit 
Curtius gleich %£a, ISxija, ixea durch den wegfall des a 
nach dem consonantisch gesprochenen v erklären will. Aus 
ix^raa entstand 'ix^fa, tlx^a^ aus KxijJaa (Curtius I, 114) 
ixTifa, Hxfja, Üxia, Freilich kann man fragen, weshalb 
nicht Üx^vaa gebildet worden sei, und man dürfte %€a sehr 
wohl durch den wegfall des a erklären, so dafs 'dx^a aus 
Hx^vaUf Ix^vcc entstanden wäre. Hierfür scheint aliaa&s^ 
aXiaa&ai^ aXiairo bei Homer neben akBvaro, rjlBvarOf 
akBvavtOj aXsvaa&Bf aXevdfievog zu sprechen, wo wirklich 
der ausfall des a und später der des v erfolgte; denn 
auch in akeBiveiv^ akecog^ ist der ausfall des /* anzuneh- 
men. Auch das hesiodische 8axiaa&ai erklärt sich auf 
dieselbe weise aus öariöaa&ai. Müfste man aber auch 
annehmen, dafs in eina^ ijvByxa nach falscher analogie der 
verba liquida das ö abgefallen sei, keineswegs würde die- 
ses ein analogon zu der wunderlichen erscheinung bilden, 
dafs in einzelnen Zeitwörtern das o, e des zweiten aorist 
beim ersten sich finde. Dagegen empfiehlt sich die an- 
nähme eines durch <t verstärkten praesentischen Stammes 
in jeder weise, ja drängt sich nothwendig auf, wenn man 
anders muthig genug ist, eingesogenen vorurtheilen, die 
durch einen bedeutenden namen gedeckt sind, zu entsagen. 
Doch wer in der einsieht der homerischen spräche fort- 
kommen will^ taub sich auf jedem schritte gefafst machen 

3* 



36~ DÜnUelr 

redlich umzulernen; sonst lasse er sich auf solche dinge 
gar nicht ein und begnüge sich, die homerische spräche 
in der beschränkten weise zu fassen, wie es die Griechen 
selbst thaten, was freilich ' niemand benommen werden soll. 
Wer sich aber hinstellt^ um neue ansichten zu beurtheilen 
und das grofse wort zu fahren, der darf nicht auf dem 
beschrftnkten Standpunkte stehn bleiben, auf welchem sich 
herr Bäumlein gefällt. 

Späterer zusatz. 

Curtius hat in der neuen aufläge seiner „grundzQge^ 
meine deutung von ävakrog insulsus mit einer miene ver- 
worfen, welche einmal die Wichtigkeit des jonismus des 
Hippokrates för den homerischen Sprachgebrauch, dann 
aber eben so sehr die oft seltsamen Obergänge der bedeu- 
tung verkennt. Wenn der frisch lebende jonismus des Hip- 
pokrates das wort xgrjyvog noch aufzeigt, so ist dies von 
viel böhererer bedeutung, als wenn Plato Ttgriyvot diSdöxa- 
koi mit hindeutung auf das homerische XQjjyvov nach der 
stehenden erk}ärung braucht oder gar spätere dem worte 
den sinn wahr beilegen. Freilich Curtius scheint eine 
stetige Überlieferung der bedeutung auch solcher homeri- 
schen Wörter anzunehmen, welche nur in einmaliger Ver- 
bindung vorkommen, und so wagt er es selbst gegen 
K. Fr. Hermanns ganz unzweifelhafte, wenn auch von Bek- 
ker barsch verworfene deutung von &Xyr]ffTijg^ welche durch 
aixoifdyoQj knl x^ovl alrov l^dovteg, ot ägovQtjg xagnov 
iSovatv u. a. belegt wird, den gebrauch des Aeschylos als 
entscheidenden gruud vorzubringen. Aeschylos hat sich 
bei den homerischen Wörtern, wie z, b. bei Satq^gnov^ gro- 
fser freiheit bedient, und auch wo er der damaligen deu- 
tupg folgt, bleibt gar sehr die frage, ob denn eine wirk- 
liche Überlieferung über den sinn der Wörter sich erhalten 
habe oder nicht. Diese frage mufs nach meiner Überzeu- 
gung entschieden verneint werden. Jene Wörter, die man 
blofs bei Homer, meist als bei Wörter oder nur in dieser 
oder jener Verbindung, oft gar nur einmal las , verstand 



homerisehe etymologien. 37 

man nicht mehr; gelehrte forscher kamen darflber und 
atellten deutungen anf, die meist mehr glauben und ver* 
breitung fanden, als sie verdienten, worauf denn die dich- 
ter sich berechtigt hielten, die Wörter auch in diesem sinne 
zu gebrauchen. Schwerlich dürfte auch Curtius dem aber* 
glauben an die Unfehlbarkeit des Aeschylos in Sachen der 
bedeutung homerischer Wörter sich überall hingeben. Wun- 
derlich genug scheint er im gegensatze zu dieser Vereh- 
rung für den aeschyleischen gebrauch die Wichtigkeit des 
jonismus des Hippoknates für Homer viel zu gering anzu- 
schlagen. Wenn wir bei Hippokrates avaktog im sinne 
insulsus finden, so scheint uns die annähme, das home- 
rische ävakvog sei dasselbe wort an sich wahrscheinlich, 
und diese Wahrscheinlichkeit steigt, wenn man auf unge- 
zwungene weise die bedeutungen vereinigen kann. Das ist 
nun wirklich der fall. Im versschlusse steht bei Homer 
zweimal yyaati^' avaXrov, dagegen wo der dativ erfordert 
wird, yaarioi f^ccgyy. Der ähnliche sinn von ävaXrog und 
fidgyog steht danach ziemlich fest, womit der gebrauch 
des Hippokrates stimmt, wenn man nur die Übertragung 
der bedeutung annimmt. Demnach mufs man sehr ver- 
wöhnt oder eigenwillig sein, um eine solche deutung ekel 
wegzuwerfen. Eine ähnliche geistige Übertragung zeigt 
sich z. b. in nolvnaiTtaXogi verglichen mit namakoeig^ wie 
ich bereits in meiner Schulausgabe derOdyssee bemerkt habe. 
Von dem Wechsel der bedeutung finden sich bei Homer 
sehr beachtungswerthe beispiele. Wir erinnern nur an die 
Wörter, welche die bedeutung grofs, gewaltig, unge- 
heuer erbalten haben: a&ia(paTog^ das verstärkte d-iacparog 
von gott gesagt, äXiaatog^ eigentlich unvermeidlich, 
äfikyaQTog^ eigentlich unbeneidet, wie agi^f^kog^ sehr 
beneidet, daher ausgezeichnet. Vgl. oben s. 65 *• Wer 
über die möglichkeit einer herleitung in bezug auf ihre be- 
deutung aburtheilen will, der mufs gerade in dieser bezie- 
hung der homerischen lexilogie mehr aufmerksamkeit zu- 
wenden, als ihr gewöhnlich zu theil wird; mit vornehmer 
laune kommt man hierbei nicht weiter als sonst in der 
Wissenschaft, die Oberall von genauester kenntnifs des that* 



38 Dfintsflr, honeiiMlM etjniolo^eD. 

sächlichen bestandes soBsiigehii hat. Wenn Gortiiis 
avakrog erklärt ongenährt, so könnte yaarrjQ ävakrog 
nor einen bauch bezeichnen, der nicht genährt and daher 
nicht gewachsen ist, wie aldaivstv, alS^cxnv^ alere Yon 
dem wirklichen nähren nnd fbrdem stehen; nie aber könnte 
opaXtog gleich vfjüTig^ impransus sein. Und selbst die 
bedentnng nüchtern, ja sogar die davon noch weit ge- 
nug abliegende hungernd, pafst gar nicht f&r die ho- 
merischen stellen; denn es bezeichnet nicht einen eben 
hungernden magen, sondern eine stehende eigenschaft des^ 
selben. Wenn Curtius jetzt äXaog^ aXrig^ ^Hkig auf Wur- 
zel aX nähren bezieht, so ist diese ableitnng doch sehr 
fraglich, und wohl die frühere deutung f&r ^HXig (I, 327) 
beizubehalten, vielleicht auch aXaog, aXrig auf dieselbe Wur- 
zel zu beziehen, so dafs diese Wörter eigentlich eine wald- 
schlucht, wie ßi](Sai], saltus, bezeichneten, dann auf 
jeden hain übertragen worden wären. Im griechischen ist 
Wurzel aX nähren überhaupt nicht nachzuweisen, nur- die 
mit d und & verstärkten, die auf wachsen und gedeihen 
sich beziehen. Nach allem dürften wir die vollste befug- 
nifs haben, unsere deutung von ävaXrog als eine nach jeder 
Seite hin sich empfehlende gegen die unbegründete bean- 
standung von Curtius und dessen unglücklichen eigenen 
versuch aufrecht zu halten. Von genauester betrachtung 
homerischen gebrauches muis man ausgohn, sonst 
schweift man in der irre, und wer sich darüber hinweg- 
setzt, ist auch nicht im stände. Über andere versuche ein 
maisgebendes urtheil zu fällen. Aber auch in lautlicher 
hinsieht kann man nicht strenge genug sein. Wenn Cur^ 
tius meine deutung von vn^gritpavi^g u. ä. verwirft, so 
kann ich seinen verzweifelten versuch, ein ri zum Schlüsse 
von imig herauszubringen, ganz ruhig sich selbst verant- 
worten lassen. 
Köln, den 14. october 1865. H. Düntzen 



Birlingeri die sprach« dM kleinen kaitenrechts. 30 

Die spräche des kleinen kaiserrechts.« 

Ein beitrag zur knnde der mitteldeutschen spräche und literatur. 

Das sogenannte kaiserrecht hat Senkenberg, corp. 
jur. germ. tom. I, 1760 und corp. j. feud. 1740 zuerst ver- 
öffentlicht. Aber bis beute ist noch nicht sicher gestellt, 
wann, wie und warum dieses bedeutende rechtsdenkmal 
entstand. Senkenberg hält es i&r das älteste deutsch-frän- 
kische jus peculiare, verfafst zu Eonrads des Saliers Zei- 
ten. Es entspann sich darob im vorigen Jahrhundert ein 
lebhafter literarischer streit; aus dem uns nur fOr unsere 
zwecke wichtig sein dürfte, dafs Grupen (observat. rer. et 
antiquiss. obs. XXX) seine entstehung in die mitte des 
13. jahrh. nach Mitteldeutschland setzt, den Verfasser 
aber nicht nennen kann. Eichhorn (rechtsgesch. II, §.283) 
meint, das kaiserreeht sei eine kürzere und freiere bear- 
beitung des Schwabenspiegels zugleich auf grund v. Eichels 
arbeit, und setzt die entstehung in den schlufs des 13ten 
oder anfang des 14. jahrh. Kraut nimmt (grundrifs 83) 
das 14. jahrh. an. Mittermaier hält es f&r die länder 
des fränk. rechts bestimmt und setzt das 13. jahrh. an; 
Zöpfl aber setzt die 2. hälft« des 14. jahrh. an; es sei 
auf grund des Schwabenspiegels bearbeitet. Hillenbrand 
(Staats- und rechtsgesch. 477) stimmt in der zeit mit Zöpfl 
sowie in der quelle oder grnndlage und sagt es seien all- 
gemeine deutsche rechtssätze unter berQcksichtigung der 
fränkischen modifikationen. Endemann*) setzt es um 
das jähr 1280 an unter kaiser Rudolf und hält es ftlr ein 
allgem. deutsches reichsreeht mit Selbständigerstel- 
lung als fränkisch neben dem Sachsen- und dem schwaben- 
spiegel. Neuestens schliefst sich Stobbe dem an, hält es 
das ganze ftir eine Sammlung subjektivem ermessen ent- 
sprungener Sätze ohne tieferes positives rechtswissen. 

Alle umstände des kaiserrechts weisen auf Mitteldeutsch- 



*) Das keyserrecht nach der liandschrift von 1872 in vergleichung 
mit aadem handschriften, herausgeg. yon dr. H. £. Endemaim und mit einer 
vorrede versehen von dr. Bmno Hildebrand n. s. w. Caasel, Krieg'Bche huohr 
handlnng 1846. 8. LXH nnd 266 s. 



40 Birlinger 

land hin nnd zwar auf den theü, der sich vom Main an 
nordwärts bis zur gränze des sächsischen rechts, die, da 
sie mit der gränze der niederdeutschen mundart zasam* 
roenfiült, durch eine gerade linie von Cöhi bis Magdeburg 
und weiter nach der Oder bezeichnet wird. Genauer wäre 
die gränze des gebiets zwischen Rhein, Main und dem 
rennsteig auf dem thüringer wald. Sollte das heutige Hes- 
sen nicht geradezu als heimath des kaiserrechts angenom- 
men werden dörfbn? Vergleiche „das privatrecht nach dem 
kleinen kaiserrechte, eine inaugural-abfaandlung von Ju- 
lius y. Gosen. Heidelberg, Bassermann. 1866. S. XI 
nnd 193. 

Das alter des kaiserrechts läfst sieh schwer be- 
stimmen; soviel läfst sich nur feststellen, dafs es nach der 
2. hälfte des 13. jahrh. entstand, was die rechtlichen Ver- 
hältnisse besonders hinsichtlich der „reichsdienstmannen*^ 
bezeugen dürften. Die älteste handschrift ist die von 1372; 
eine von 1320 in Lübeck sich befindliche will niemand auf- 
weisen. 

Die spräche läfst keinen zweifei übrig: es ist die seit 
Pfeiflfers Vorgang sog. mitteldeutsche mundart, der 
in neuern Zeiten so viele aufmerksamkeit geschenkt wird: 
es ist die Übergangssprache vom niederdeatschen znm ober- 
deutschen, zunächst zum fränkischen. 

In der Endemann -Hildebrand'schen ausgäbe s. XIV 
heilst es „die spräche, in welcher der urtext abgefafst 
wurde, ist die hochdeutsche; denn alle niederdeutschen 
handschriften sind unverkennbar die abgeleiteten; sie ent- 
halten nicht nur mehrfache looale abweichungen, sondern 
stehen auch hinsichtlich der lücken und zusätze auf einer 
spätem stufe. Endlich spricht f&r die hochdeutsche form 
des Urtextes der ort der entstehung, welcher unzweifelhaft 
dem mittleren Deutschland angehört^. 

Kurzes ä begegnet fast durchaus fQr ö: ader (oder), 
ab, aber (ober) 6, 5; sal (soll); — dieses ä statt 6 
begegnet auch in bairischen handschriften des 14. und 
15. jahrh. sehr oft; Weinhold will es im alemannischen al9 



^e spräche dei klei]i«ii kaiseirechts. 41 

regel anfbhr^i: es sind die fiUIe doch za rar and aus- 
nahmen (alemann, gramm. §• 11). Im mitteldeutschen stellte 
Pfeiffer myst. I, 570 die falle aus Hermann von Fritzlar 
zusammen, die ganz mit denen des kaiserrechtes stimmen. 

Langes ä erscheint als 6: do, mösich u. s. w. Umlaut 
von & ist immer wie alem. £: w£re, fridebSre, in nbel- 
tete 11, 10, emphehit 37, 40. Grefen oder dienst- 
mannen 59, 66. unstete 75. offenber 96. missetete 
105, 104. versmehet 116. e f&r ä erscheint wie bei Her- 
mann V. F. in fr^en 31 (132 und 25). S f. ä: gemecht 
(gemacht) s. 1, 4. «rbeit oft. men f. man. Für i: nemen 
s. 135. brenget 83 und oft. Pfeiffer a. a. o. 

Der Umlaut erscheint: abhendig machen s. 110. der 
rechten hende 128. geadelt 189. abhendig werde 129. mit 
segede oder mit werten 129. heldet s. 29. enheldet 52. Fer- 
ner emph^het „wer des menschen Hb zu dem tdde emphe- 
het^37. Die stummen und tonlosen e: lebeten 1,2. wir- 
ket 3,4. lefset immer; beilaget oft. vergifset, besaget u. s.w. 
Nach 1 und r f&llt e aus: virhom, virzem. urtei/n oft. e 
statt ei, eg, ag in geldtt: sollen werden die hende gelStt 
s. 9. Ein o tritt fflr tonloses e ein: vorantworten s. 19. 
da ein mensche sterbet sins güts unvorgiftet (69). Pfeiffer 
a. a. o. 571. vorsinnen 5, 3. 

Bei i ist anzumerken, dafs die meisten alten i noch 
nicht in ei verwandelt erscheinen; gefrihet 13. bl, zit, an- 
griffen u. s. w. riichstes kleit 7, 6. glich, igllch, gefri- 
het 13, 10. In flexionen erscheint i in Wörtern mit um- 
lautendem wurzelvocal: s. oben enheldit, heldit u. s. w. an- 
bebjt 5, 5. setztt 19. setzin u. s. w. Ferner kundtt 16. gi- 
bst oft« sitzft (33). todin 34. verbuzzin 20. virsetzin 28. 
birgit 30. virtribnisse 6, 5. gewirkit 30. stozzin 50. die 
lebin (vivunt) 53. setzin 18 u. s. w. Ganz so bei Her- 
mann T. F. 

Regel ist i in den partikeln und praep. vor verb. und 
subst. virgebens 23, 21. virhom (a.a.O.) virantwrten 24,' 22. 
vtrlom oft. virsinaunge 12. virwirket 13. virleute 15. vir- 
kundet 17. virhilet 16. virbuzzin 20. un virwirket 25. vir-» 



4^ Bfrllnger 

zern 46. virleiden 50. vtrhengnifs 68. virbundet 69. vir- 
leitet 83. trlafsen 135 und viele andere. Pfeiffer a. a. o. 

i für ie: beltbt 28 u. s. w. Pfeiffer a. a. o. ie fittr i:* 
engtebt 16. hie tag und bte nacht 55. beziehen (bezeihen) 
101. gefrtet 111. iglich immer ie: gebiert (von gebaren) 
geschiet (fit) 16, 14. Ferner friede 117. meman und ni- 
man öfter. Pfeiffer a. a. o. 571. 

ungebrochenes i erscheint hie und da: verhtlet 16. 
befltcket 177 u. s. w. sterbet 69,75 und stirb et. 

Das superl. i, wo der Schwabe und Alemanne ost hat, 
fiel sogar ganz aus: die hosten = die bösesten; mit der 
höchsten buzze 107. Wir sehen hier die neuhochd. bil- 
dung der Superlative gleichsam im morgenroth heraufdäm- 
mern; ein beweis fbr die vorherrschende entwicklung un- 
serer neuhochd. spräche aus dem mitteldeutschen. 

Wie bei Hermann von Fritzlar steht o regelmäfsig für 
ö z. b. böser, hocher, möge oft, hochet; höchsten u. 8« w. 
Für u: worde 2., 1 und oft. obir den dorrffen 6. dorch 
a.a.O. orteill 11,10. orteil 11. möge 6. in einem bryn- 
nenden boschen 6. Pfeiffer a. a. o. 

o und n wechseln in willekoren s. unten. 

u erscheint wie bei H. v. Fritzlar stets für fi, wo nicht 
etwa o dafür eintritt; altes ü wie t 0Xr ei noch häufig: zu 
hüs, üs oft. noch ti8richten7, 5. Ferner durchgehend fbr 
uo und dessen umlaut üe: a) ubeltftt, ergrunden, mugen, 
volfurt oft^ butel 14, 11. über oft. hubener u. s. w. 
b) tot (immer so) stule u. s. w. g^t oft. vur gerichte öfter. 
Pfeiffer im wes. der höf. spräche: das mitteldeutsche, „das 
anfser e (e) aus a keinen umlaut und überdies die diph« 
thonge uo, üe, iu nicht kennt, die bei ihm mit ü zusam- 
menfallen'^ s. 8. All das triffli in unserem texte genau zu. 
Statt iu steht ü: liite stets, schlichen (scheuen) 6. getrA- 
wen 12. linden 4. stüre immer, bezü^en 19. gezügrecbt 23. 
müwe (mühe) 23. schuhet 30. ger^weclich 145 u. s. w. 
die fli^gede not 114. frdnde 75, 78. verlliset 97. gezAg- 
r^cht 23,21. verbözzin 81,85. 



die sprach« de» Id^loen kAiserrechts. 43 

Vor den flüssigec, nach w u. s. w. erscheint u: Sfilcb 
fbr solch ist durchgängig gebraucht: stilche knechte 68. 
alstilch 7. alsiilich 117. wuchen ganz wie im schwäbisch- 
augsburgischeu. Auch in den Zeitwörtern „kommeo, neh- 
men^ erscheint altes u: kumen, nachkumling neben qua- 
men, angentimen 149 u. s. w. 

Aecht mitteldeutsch, schon dem niederdentsf^n mehr 
zuneigend, sind die in der himmelsstraise, im Athis und 
Prophilias, im grafen Rudolf u* s. w. alemannisch zerstreut 
vorkommenden u statt i in timmer, umer (var.) 27. ntimer 
118. ntimerme umermS 133; ummer m£ 183. nummer 185. 
Das niederalemannische, d. h. das bodensee- alemannische 
(AUgäu) hat vor Schwaben das numma voraus. 

Auch eu in geleuben (oft), irletibet 14. verketiffen, gletf* 
ben, letikent es, beretfbet u. s. w. he übt (caput) 97,96 ist 
bei H. V. Fritzlar belegt a. a. o. 
Fr^de (freude) 3, 5. 

Statt iu erscheint s. 14 auch einmal ktsen und kysen 6,5. 
Altes ai ist wie ganz neuhochd. ei geworden. 
Soviel über die vocale und diphthonge. 
Die flüssigen consonanten geben keine besondern 
mitteld. anhaltspunkte ab. Wechsel des m und n wie bei 
H. V. Fritzlar ist auch hier oft zu bemerken. Ausfall: 
bi Schinder sunne 17 u. s.w. sint stets fOr stt mhd. 
Gemination von m und n ist hftufig. 

Was die dentalen anlangt, so ist wie bei Hermann t 
im inlaute, anlaute und nach 1 selten: lüden 4; warheide 10. 
tollen (tödten) 10. boden (boten) 14. dut 16. behalten, 
aUervater, sachwalden, alder 49. 43. 40. virgolden 54. hüde. 
der bo de (böte) 14,11. wir. biden dich 199. bilde 153. 
gelden 118. verleidet (verleitet) 121. kleit 7, 6. sint oft. 

Zwingen erscheint durchaus. Die subst. segede, bor« 
gede sind bildnngen wie das Hermannische getrüwede. 
Pfeiflf. 573. 

Statt pf erscheint noch das ältere ph: emp&etet, ge^ 
pAlanzet 41 u. s. w. 

w für j mftwe und andere wie bei Hermann v, F, 



44 Birlinger 

g für ch, k nicht selten. Ausfall: die c labern dinge 
^/^ (klagbar) 6, 10, ähnlich dem mitteJhoch. tälanc. 

8 erscheint noch unverändert in seh : «wtgen, ge^worn 9. 
«wtget 99. die rute «wenden 4'^. «Iahen 45. mit «legen 55. 
«weihet 83. ver«wiget 110 und oft. 

r und 8 wechseln nicht: die form Verliesen steht 
durchaus. 

h vorgesetzt: Aeischen: „man sal recht mit der war- 
beid Aeischen^ 23. funbeischen 24 n. s. w. 

Die sw. praet. lebeten 1^ 2 und mehrere andere sind 
ganz dem niederd. idiome angemessen. Pfeiff. 574. Woher 
aber das alte, nur dem alem. schwäb. eigene o in martro- 
tend kommt, weifs ich nicht zu erklären; vielleicht liefse 
sich ein schlufs auf ein oberdeutsches original machen. 

Subst. bildungen wie segede, borgede, die einem 
alten -ipa entsprechen ^ wenn nicht ein flektirter infinitiv 
dahintersteckt. Femer hinder sal: ,,hindersal ist eine Wur- 
zel aller unding^, wo andere handschriften hindemisse le- 
sen; irsal, kumersal 237.219 sind der handschrift eigen 
und geläufig. 

Zum mitteldeutschen wertschätze hebe ich noch eini- 
ges heraus. Am auffallendsten ist der ausdruck „des kai- 
y^ sers finsternis^ aB= gefangnis; andere handschriften du- 
sternisse, gevenknisse 102. y^Und t^te ers nit, der 
keiser sente in mit recht in sin vinsternisse^ s. 16 (daz) 
büwen daz vinsternisse des keisers 102,202. „Und sal 
in antworten in des keisers vinsternisse^ s. 28. 54. 
„der sal verbÜ53en mit des keisers vinsternisse '^ s. 117. 

Wer den Itb verwillekurt, den sal man antworten 
in des keisers vinsternisse cp. 39. der hat des kei- 
sers vinsternisse erarnet s. 122. befindet der keiser die 
warheit mit rechte, so sal er des keisers vinsternisse 
ewedicLt büwen (bewohnen), also da5 er nummdr mensche 
mg gesehe^ 123. 

Ein Zeitwort dingst udeln hat das kaiserrecht: man 
sal den gehorsamen man ungedingstudelt lafsen, wan 
er tut recht und heldet des keisers gebot^ s. 29 cpt 28. 
Einige handschriften lesen ; ungedingstulet, ungedron- 



die spräche de» kleinen kaiserrechts. 45 

gen und unbetwongen; u&bekumert, ungeding- 
schuldiget u. s. w. ^Man sal nieman dingstudeln, 
wil er voD erst recht tun an gerihte^ s. 33 cpt. 33. 

Willekaren swv. da5 nieman sinen Üb virwillkurn 
mag mit gerichte oder äne geribte 8. 36 (38). Wer den 
Üb yerwillekurt h&t za dem töde (39). Wer eines men- 
schen lib nimmt, also da5 er im sin lib virwillkurt za 
dem töde, der wizze u. s. w. 37. die dann einen tag wil- 
lekurn a. s. w. 210. daz der mensche sin selbes Itb nit 
virwilkorn mlag 125. sint dem gerichte not ist aller 
bescheidenheit 13, 11. und sal er allen lüden recht 
tun. diewile er ist üTs des keisers bescheidenheit s.4.2. 
andere handschriften keiserschaftl. recht, die dinge usrech- 
ten nach des keisers bescheidenheit 7, 5. das gerichte 
ist eine cröne aller bescheidenheit 7, 6. ein iglich man, 
der ein scheffe sal wesen der sal sin über die jAr der be- 
scheidenheit 13, 10. 

Slac: „er ist auch gegeben von des keisers gewalt 
in die gewalt des bittern slages, also daz nieman an 
im gefrevein mag^ 4,8. Andere handschriften lesen ge- 
slages, tödes. 

Mutscharn swv. sejungere atque separare quoad ex- 
ercitium manente communione juris ipsius: Schilter. „da 
erben sin, die lehen haben mit einander, wil es der ein 
teilu oder mutscharen und der ander nit, so sal der, 
der da gern gemutschart hette, der sal des irwinnen 
mit des keisers geböte; da5 ist in wendig 14 tagen, daz er 
mutscharn müfs. tut ers nit, der keiser sal iem den 
nutz zumale autwurten bis an die zit, daz er vil gerne 
mutschart 203 ff. 

Im mfihlhauser stadtrecht (13. jahrh.): het och ein 
man ein kint, daz sin brötezi is, also i^as heiz nicht von 
vme gimutschart niheit u. s. w. s. 35. Ein iglich man, 
der sal wissen, der gemein lehen hat mit andern luten oder 
mit sinen gebornen magen; mutschart er sie mit des kei- 
sers gebot u. 8. w. 204. 

ir diechtern, die diechtern 49, 55. kint und 
diechtern 69, 75. Sieh Orimm wb. s« v. 






46 Birtinger 

In einer frankf. Urkunde von i321 17. juli bei Böhmer 
p. 459 heifst es: „recognoscimus et ad universorum noticiam 
deducimus per praesentes quod non per formam vere par- 
tioularis divisionis, sed per modum qui dicitur mütschar 
de hujusmodi bonis feodalibue in locis que pariter et indi- 
viso titulo feodi hactenus tenuimus et possessemus n. s. w. 
mntenetfichare i. e. vicissinaria gubernatione possidere. 
antheizze „ welchem manne ein mann schuldig ist, wil er 
die schulde yeman scbiltgeben, daz er veste si, der sal sy 
geben mit des schuldigen willen, daz sy der schuldic dem 
antheizze werde, dem er sie heizzet geben^ 75,79. 

Scherten swv. daz diz heilig riebe geschertet 
wart an vil enden 222. 

Schicken swv. da ein man ist, der zu stnen j&ren 
kumen ist und gelobet der eim wtbe die 6 und h&t mit 
ir nit zu schicken und rüwet in u. s. w. 123. 

Bild, böse: „iglich man der böse bilde treit, den 
sol der keiser wandeln zu dem besten^ 54. 

Terminunge „in des riches terminunge^ 10 u. oft, 

werbe in driwerbeoft. sechs werbe 174. — an- 
derwerbe (ibid.). 

verdarben swv. „wem man gibt einen man von ge- 
richtes wegen ftkr gut, daz er schuldig ist, der sal in hal* 
den ze Itbes unverdarbet und ungeturnit und unge- 
blochet (26). 

Merk er = hüter des waldes 248. 

riste £= eilenbogen (nach andern handschr.) „sal die 
rechte band in ein buch legen bis an die riste^ 249. 

richten bi wachender Sunnen 26. 

gezügebar = zeugschaftfähig „mit tüsent gezuge- 
born mannen^ 20. 

Des unk indes reht (21) sal nit glich stn des i kin- 
desrecht, (daz) der richter des keisers stat icht mösich 
mache 7, 6. der rihter sal stn ein grisgrimmender lewe 
a.a.O. wer das riebe entreinet (11) und auch die lüte 
verwirret 11, 10. ge fr eischen, fragen, oft (Nibelung.) 
vergifften, unvergifftet, oft. 

Ar einen leppen hund (?) 250. 



zum schwttbi8clL«a joA alemamüscheiL 47 

daz er im icht wölflicht aberdrewet sin gut 225. Nach 
andern bandschriften wulflike. 

Schüchwerter 79. 

rüszelich gescheen92. rüchelpzeliche and. band- 
scbr. geschaiden von manig irsamer sacbe 4, 2. unvire- 
8äme strafee 7, 6. 

Als ein hingeworfen mensche (das ehweib ver- 
lassen) 122. ^ 



Zu dem schwäbischen und alemannischen. 

Ein acht alemannisches wort ist auch reckolter, 
reckoltervogel s» fflr wachholder, wachholdervogel s=s 
krametsvogel. — Niederschwäbisch beifst das volk den wach- 
holder ,,weggholder^. Baiern kennt nur kranber, kran- 
vogel, kranwit, kranewit, das Schmeller II, 387 reichlich 
belegt hat. In dem alemann, „büchlein von guter spise^ 
aus dem anfang des 15. jahrh. sitzungsber. d. königl. bair. 
akad. der Wissenschaften 1865. 11. 3. s. 184 ff.: reckol- 
ter fogel. „niem reck^olter fogel, die suber berait sind 
und so du aj gewaidest, so stofs den magen also ganz 
wider in und erwelle in einer guoten fleischbrüge; darnach 
röst in ainem schmalz und niem aines kalbes oder aines 
schaafes leber und stofs in ainem morser und als vil prot- 
tes dazä und güfs daran ain wenig win und essich und 
schlacbs durch ain tuch, bewürz und f&rbs wol und erwöls 
in ainer pfannen und gib die reckolter fogel darinn^. 
Reckoltervogel erklärt das alemannische vogelbuch 
Gesners von Forer 1563 also: Von allen ziemern ingemein 
und insonders von dem, so von Teutschen reckoltervo- 
gel genannt wird. Dieser vöglen macht Aristoteles dreQ 
geschläcbt: eins, so den mistel ifset, in der gröfse einer 
atzel, welches von den unseren von mistelhär ein mistler 
genannt wird; das andre trichada oder pitare genannt, wel- 
ches ein ghäUe stimm und bei uns ein reckoltervogel, 
wachholdervogel, wacholterziemer; anderschwo aber ein 



48 Birling«r 

krametsvogel genannt wird. — Im winter findt man sy 
bey uns auch am meer und denen orten, da viel reckol- 
tern und myrtenbäume wachsend. — Krametvogel liebend 
fhraufs die reckolterbeere. Schmid hat das wort s. 431 
wohl aus dem badischen Schwarzwald. Junius Nomencl. 
1583: Wacholtervogel , reckoltervogel, turdus xZ/Ai?, 
xlx^a 8. 48 b. Schmeller bezeichnet es III, 42 als acht ale- 
mannisch, will 68 aber mit hülfe des angelsächsischen er- 
klären. Frisius dictionariolum, Tiguri, Froschower 1548^ 
8. 589a hat turdus, une grive, ung tourd, kramatsvogel 
oder räckholtervogel. Auch Dasypodius und der Voc. 
opt41, 108 bringen das wort. Weinhold alemann, gramm. 
§. 166 8. 130 nennt es Wechsel von w und r. * Alle be- 
legsteilen weisen das wort nur als alemannisch auf; die 
heutige Volkssprache des alemann, schwarzwaldgebietes hat 
es noch. Zwischen Hier und Lech kennt man nur kra- 
metvogel; ebenso in Tirol; in Niederschwaben lebt nur 
weck hol der, weckholder vogel. In einem königsbergischen 
arzneibucbe von 1555 (Daubmann) heifst es: Wacholder 
frucht oder beer -^ etliche nennen sie krametbeer; — 
der bäum wird auch von edichen fewerbaum genennet. 
Bl. 35 a. 

Der name für pica lautet oberdeutsch verschieden. Am 
mittlem Necar gilt nagelhätz, in oberschwäbischeo ge- 
genden nagelhex. Von Alemannien scheidet sich auch 
in diesem worte das schwäbische gebiet. Schon auf der 
Alb, dem einen alemannischen ausläufer, hört man kä- 
gersch, kägeresch, das bei Riedlingen volksüblich und 
weiter bis Marchtal und Ehnigen hin lebt. Kägerestaug 
gilt da für hünerauge. Aus der Schweiz führt Stalder 1,92: 
ägerste, agerste f. an; dabei ägerstenaug, agersten- 
aug. Forer (Gesner) vogelbuch 1565 hat s. XII »von der 
ägersten oder azel^. Schmid führt s. 12 agelstür nicht 
ans dem volksmunde, sondern aus einer alten würtemberg. 
chronik von Steinheil. Tobler bringt das wort in seinem 
appenzell. Sprachschatz. Das mhd. wtb. 1, 12 b hat es mit 
einigen stellen belegt. Graff I, 131 und Schmeller I, 35 
bieten aus glossensammlungen althochd. agalastra u. 8.w. 



die spräche des kaUerreichs. 49 

Wackernagel (in der 4. aufl.) des wb. 6 a gibt eine menge 
formen des wortee und leitet es von & und galster ab, wel- 
ches wort galstern, vergälstem noch heute alemannisch 
volksQblich ist. Den vorherrschend alemann, cbarakter des 
Wortes glaube ich auch aus dem cgm. 384 nachweisen zu 
können, der eine reihe spezifisch alemann. Wörter enthält« 
F« 95b steht: ^f&r warzen und agalsterangen« Item 
wenn ein hund harnet, so fauch den harn und bestrich die 
Warzen oder agelsternaugen, et wie dick, damit sie ver- 
gaund^. £. 102a: „wiltu das agelsturnaug vertriben, 
80 nym schäffin bona und lä sie in win ligen ainen gan- 
zen tag und pflaster sy über das agalsturnang dry tag 
und nym e^ ab und ziehe es dennen^. 

Ich verweise noch auf Frisius 460a: pica ftgersten, 
atzel. Femer auf einen vocabularius, incunab. der pica 
agrest enthält. Junius48a: aglaster, ärgerst, elster. 

— Vgl. auch Grimm wb. I, 1 89. 

Aus dem gesagten erhellt, dafs die alemannische 
Schweiz ägerste, ägerstenaug vorwiegend hält, woge* 
gen im diesseitigen See- und Schwarzwald alemannisches 1 
ag elster fr&her bräuchig gewesen sein muls. Die form 
der Alb und obern Donau kägeresch stimmt vielleicht, 

— mit ge-, ke- Vorschlag, wenn nicht naturlaut obwal- 
tet, — zu dem schweizeralemannisch. Dafs agalster 
zu galan, gol, galstern zu stellen, ist unzweifelhaft. Das 
unheimliche des vogels, der tod verkündet, ist schwäbischer 
und alemannischer Volksglaube. Forer berichtet, man hätte 
den vogel nur deswegen gern, weil er mit seinem geschrei: 
inbrechende diebe anzeige. 

Birlinger. . 



» 



ZeitBchr. f. vgl. sprachf. XVI, 1. 



50 Pauli 

Ueber skr. häridravä. 

Kabn hat im XIII. bände d. zeitschr. (p. 1 14) die ver- 
muthung ausgesprochen, dafs das skr. b&ridravä in der 
stelle Rv. I, 50, 12 keine pflanze, wie Säjana will, sondern 
eine vogelart bezeichne. Benfey dagegen hat, allerdings 
ehe Kahn ß&e^e ansieht aufstellte, dem scholiasten folgend, 
in seiner Übersetzung (orient und occident I, 406) h&ridra- 
v^su übersetzt: dem faärit&labaum. Allein an der andern 
stelle des Rk VIII, 50, 7 erklärt Säjana selbsf deta dual 
häridravä durch pakäinäu, was eben doch nur heifsen kann : 
zwei TÖgel; überdies steht in dieser stelle dem bäridrav6va 
patatfaas des v. 7 im v. 8 parallel hansäv iva patathas, im 
V. 9 9Jendv iva patathas, wie zwei gänse, wie zwei falken 
fliegt ihr. und da an der ersten stelle den häridrav^äu 
gleichfalls zwei vögel zur seite stehn, ^üka der papagei 
and ropanäkfi die amsel, so mufs allerdings häridravä noth- 
wendig auch hier wieder der vogel sein. Aber welcher? 
Befragen wir seinen namen! Die gelbwurz, curcuma, heifst 
haridrä und haridni gelbes holz habend, synonym mit pl- 
tadäru und pftadru. Davon könnte ein adjectiv häridtava 
wohl herkommen und der vogel so benannt sein, weil er 
irgendwie mit dieser pflanze in Zusammenhang stünde, am 
wahrscheinlichsten wohl als der gelbwurzelfarbige. Allein 
das adjectiv von pdtudru (auch ptLtüdru accentuirt) pinus 
longifolia heifst paütadrava mit betonung des vrddhi, wäh- 
rend häridravä die endung betont, wenigstens in beiden 
stellen des Rk, in der parallelstelle des Atharvaveda heifst 
es allerdings häridravedu. Dadurch wird, falls die beto- 
nung des Rk die richtige ist, und das ist sie, wie wir als- 
bald sehen werden, diese etymologie zweifelhaft. Eine 
zweite herleitung wäre die, dafs man das wort in häri + 
dravÄ zerlegte und in dravä dasselbe wort erblickte, wel- 
ches neben dravara in Rv. IV, 40, 2 als beiwort des gött- 
lichen rosses dadhikrd erscheint und vom Pb. wb. gewifs 
richtig als laufend erklärt und zu dru, laufen, gezogen 
wird. Dann wäre häridrav& ein karmadhärajacompositum, 
hiefvß der gelbe läufer und hätte den gebührenden accent. 



über skr. hiridravi. 51 

Aber auch diese etymologie bat ibre scbwierigkeit in dem 
ä der ersten silbe, dessen länge durcb nichts motivirt ist. 
So giebt also .das sanskrit allein keinen aafschlufs. Wen- 
den wir uns daher an die verwandten I Fdr skr. häridrava 
hätten wir im griechischen x^gtSgoog oder vielleicht ^a^ 
gidgvog zu erwarten, letzteres nach analogie von skr. pava 
: griech. ntvov (Fick Orient und occident Jllyill) u.a. 
Diese beiden formen nun existiren allerdings nicht, aber 
der von Aelian (nach Kuhn, d. zeitschr. XIII, 155) als in 
seinem verhalten g^en die gelbsucht dem häridrava gleich 
dargestellte x^Q^^Q^^S zeigt aufser diesem sachlichen zu* 
sammenhange auch lautlich eine so ähnliche gestalt, dafs 
man wohl das indische und das griechische wort identi- 
ficiren kann, zumal wenn es möglich ist, die geringe ab- 
weichung der wirklichen form xagadgiog von der theore- 
tischen xctQidgoog oder x^giSgvog zu erklären. Das aber 
ist möglich. Der x^xgccägtog nämlich ist nach Pape, gr. lex. 
8. V. „ein gelblicher vogel, dem brachvogel ähnlich, der in 
erdspalten und klüften wohnt, vielleicht der regenpfeifer^, 
nach Kuhn (1. c. 156) der sandregenpfeifer, charadrius hia- 
ticula, der schöne gelbe f&fse hat. Nun aber leben die 
meisten arten des regenpfeifers wirklich, wie das mir ge- 
rade vorliegende „thierreich^ von Curtmanu und Walter 
erzählt, in der nähe des wassers, nisten auf der erde und 
entfernen sich bei regnerischem und stOrmischen wetter 
mit lebhaftem schreien und pfeifen von den ufern der ge- 
wässer. Die thier« wohnen und nisten also an orten, die 
der Grieche mit x^Q^^Q^ bezeichnet, und daher war es 
sehr natürlich, dafs er die ihm unverständlich gewordene 
form x^Q^^Q^^S ^Q x^Q^^Q^ anlehnte und zu x^i^^^Q^^S 
umformte. Dergleichen volksetymologieen, wie sie Förste- 
mann nennt, finden sich gerade bei thier- und pflanzen- 
namen ungemein häufig und ich verweise dieserhalb auf 
Förstemann's abhandlung in d. zeitschr. I, 18 sqq., wo ge- 
rade auch das mhd. galander als volksetymologische ent- 
stellung für charadrius aufgefbhrt wird, jedoch mit unrecht, 
denn das mhd» wort ist dem mlat. calandrus entlehnt (Wak^ 

4* 



52 Pauli 

kernagel, ahd. wb. s. ▼.). Dafs aber beim x^^^^Q^^Q eben 
dieser Vorgang stattfand, beweist der accent. Wäre das 
wort wirklich von y^oLQuSQa abgeleitet, so könnte es nar 
XagdS^iog beüsen, wie auch Benfej (gr. wU. I, 204), seinem 
richtigen geföhle nachgebend, irrthQmlich betont hat, denn 
ein betontes suffiz log giebt es nicht, wie die von Leo 
Meyer (vergl« gramm. 11,-440 — 456) in reichster auswahl 
gegebenen beispiele fOr dies suffix dartbun. Aufser der 
Volksetymologie beweist der accent in x^Q^^9^og auch, dafs 
die betonung des indischen wertes i^ häridrara im Bk 
die richtige sei, gegenüber dem Atharvan. Dadurch wird 
denn nun allerdings die etymologie des vogels als der cur- 
cumafarbige unwahrscheinlich, so gut sie auch sonst pafste, 
denn z. b. der charadrius morinellus heifst nach Curtmann 
und Walter auch das gelbe dQtchen und hat eine gelb- 
rothe brüst und gelb graue einfassung der flugfedern, cha^ 
radrius hiaticula, wie oben gesagt, gelbe fbfse, und wir 
werden wieder auf den gelben läufer gef&hrt, der ebenso 
gut pafst, denn meine natnrgeschichtliohe quelle sagt, dafs 
sie ebenso viel laufen als fliegen und dafs selbst die aus« 
krieehenden jungen sogleich davonlaufen. Wenn nur 
nicht das ft störte I Ich glaube deshalb, dafs auch diese 
etymologie nicht die richtige ist, sondern dafs wir in hftri- 
dravÄ ein adjectiv vor uns haben, gebildet nach art der 
patronymika, wie kaurav& von kurü, also von haridrü. 
Dies haridrü kann aber nicht mit haridru, gelbwurz, iden- 
tisch sein, denn letzteres, dessen accent mir nicht bdeg^ 
bar ist, mnfs als bahuvrthicompositum haridru heifsen und 
sein adjeetivum h&ridrava, unser wort aber heifst haridrü 
und ist ein karmadhsraja, gehört nicht zm 4. dru des Pb. 
wb., sondern zu 2. dru und bedeutet gelber lauf, häridravA 
g^bUnfig, d. i. gelbftfsig, d. u charadrius hiaticula. Die 
betonung des Atharvan schiebe ich auf Volksetymologie, 
wie die griechische voealisation. Man vergafs die herlei- 
tung des Wortes von dem obsolet gewordenen haridrü und 
lehnte es an hiridrn, und zog nun vielleicht umgekehrt 
statt des vogels auch die gelbwurz, wriche ehedem mit 
der gelbsucht nichts zu thun hatte, mit in die kur, welche 



über skr. häridravä. 63 

bei Kuhn (1. c. 115) beschrieben ist. So möchte sich auch 
wohl die glosse Säjana's faaritäladrumeäu erklären. 

Zum Schlüsse sei noch auf die grofse Übereinstimmung 
hingewiesen, die auch hier wieder zwischen sanskrit und 
griechisch herrscht: der name eines vogels, ein composi^ 
tum, ist beiden sprachen gemeinsam, eine Übereinstimmung, 
wie sie, ohne entlebnung, kaum gröfser gedacht werden 
kann, und welche, falls eben nicht entlehnung vorliegt, wie- 
der die ansieht Sonne's (d. zeitschr. XII, 273 ), „dafs im 
gegensatze zu der hypothese einer gräcoitalischen periode 
das griechische vielmehr als äu&erster gen westen vorge^ 
rückter posten der persoindischen familie zu nehmen sei*^ 
bestätigt. Entlehnung ist allerdings denkbar und gerade 
dann ist eine volksetymologische lautänderung am häufig- 
sten, wie dies folgende beispiele aus den altpersischen keil^ 
inschriften für das griechische darthun: Hakhämanis wird 
'^X^iaivriq wegen L^;(faiot und fAivoq^ Bagabukhsa Mtyd^ 
ßv^og wegen fAiyagy Bardiya ^fiigStjg wegen afABgSaXiog, 
Uvärazmis Xiogaö^ia wegen x^Q^* Andrerseits aber spricht 
allerdings die betonung x"9^^9^^S gegen die entlehnung, 
welche sich dann, wie die eben angeführten beispiele zei- 
gen, gleichfalls der national -griechischen anschliefst, also 
hier x^gädgiog sein müfste. Doch wenn auch das dahin 
gestellt bleibt, an der erklärung von häridrava wird da^ 
durch nichts geändert. 

Stettin, michaelis 1865. Dr. Carl Pauli. 



54 Savelsberg 

Lautwandel von o in x. 

I. Im anlaut. 

Der von Bopp in der vergl. gramm. I, 8. 813 (§. 568, 
2. ausg.) behauptete lautwandel von 6 in tc^ durch welchen 
die aoriste auf 7ta^ iSvnxa 'd&t]xa i^xa^ ihre erklärung finden 
sollten, war blofs durch einige im slavischen analog gebil- 
dete aoriste, z. b. dachu ^ich gab^ und durch das verhält- 
nifs des lat. cum znm skr. sam und gr. at/i' gestützt, sopst 
innerhalb des griechischen 8€^t nicht nachgewiesen, wes- 
halb wenig Zustimmung erfolgte und G. Curtius grdz. II, 
s. 21 diesen tkbergang ganz in abrede stellte. Jedoch läfst 
sich eine so ansehnliche reihe von analogien sowohl im grie- 
chischen, als im Sanskrit und zend auffinden, dafs wir den 
behaupteten lautwandel unabweisbar anerkennen müssen 
und in ihm einen Schlüssel zur erklärung mancher schwie- 
riger wortformen gewinnen. 

Wir gehen von der unbestrittenen thatsache aus, dafs 
im Sanskrit in pvapura-s und pakrt das anlautende pa- 
latale 9, welches regelmäfsig griechischem x entspricht, an 
die stelle von s getreten ist, da die vergleichung des er- 
stem mit russ. svekor, goth. svaihra, lat. socer, die 
des andern mit gr. axojQy stamm axagv (gen. axarog), ags. 
skearn „mist^ (Benfey gr. wzlx. II, 172) und vorzüglich 
mit irischem seachraitb (Bopp vgl. gr. P,316) die grund- 
formen svakura-s und sakart ergiebt (G. Curtius grdz. 
n. 20 und HO). In den bisherigen deutungsversuchen des 
letztern wertes aber hat man die wurzel verfehlt, indem 
man ihr das r von pakrt zuzählte (skar!), da doch im 
Sanskrit das nebenthema pakan^ nach welchem die schwa- 
chen casus declinirt werden können — gen. sg. ^ak-nas 
neben ^ak-rtas, instr. pl. ^ak-abhis — , solche annähme 
eben so wenig gestattet, als bei jakrt dessen zweites thema 
jakan"^). Man unterscheide also wurzel und endung so 

*) Auf avas-kara müssen wir verzichten, weil Benfey II, 171 es 
sammt ava-kara und karisa richtig unter eine wurzel kri stellt, woran 
er freilich sonderbar genug sa-kpt (so zerrissen!) anschliefsen will. Walter 
scheidet zeitschr. XII, 384 mit Bopp in ^ak-ft richtig die wurzel $ak aus 
lehnt aber den lautwandel s in 9 ab, weshalb er für viele d^iriv^t«. «*ae aa- 



lautwandel von <r in x* 55 

richtig, wie in jak-rt gr. f^n^aQ, auch in pak-rt öx-wq 
und beachte besonders, dafs ax-wg dieselbe endung wie 
vd-otQ hat, also bei noth wendiger Voraussetzung eines vo- 
cals in der wurzel aus acex^oag syncopiert ist ähnlich wie 
cn^icd-ai inf. aor. 2 bei Homer Qd. XXII, 324 von wz. ^6;c 
„folgen^ und nt-tQü-v goth. fed-ara von wz. /Je? „fliegen*, 
daher auch mit öx-wq das compositum axvrßctlor (ohne (>, 
freilich mit schwer zu erklärendem i;) wurzelhafl verwandt 
ist, welches in der bedeutung „abfall, Auswurf, Überbleibsel* 
zu axiogia und . zu stercus ferri stimmt. Die wurzel, 
welche nun pak oder älter sak sein sollte, erscheint als 
wirkliche verbalwurzel nur mit langem i, sik oder 91k 
„spargere, e£fundere, pluere*, gerade wie von ak-d, der 
wurzel der nomina ak*d-a-m ak-ii-an ak-s-i Ȋuge*, 
als verbalwurzel nur ik-s „sehen* im gebrauch ist. Uebri- 
gens sehen wir sogar schon in der wurzel den Wechsel voa 
s mit 9, sik mit 91k, wiewohl die priorität des s in sik 
nicht nur durch die verwandten sprachen, sondern auch 
im sanskrit selbst durch die eng damit zusammenhangende 
wurzel sik „besprengen, benetzen*, deutsch seichen- und 
seihen, bezeugt wird. Die ursprängliche wurzel sak aber 
(mit a) ist aufser in dem erschlossenen sak-rt noch er- 
balten in sak-thi, welches Unterleib oder vielmehr das- 
selbe was adxa^ x6 rijg yvvuixog bei Hesych. oder ödxra 
bei Photius 500, 3 bedeutet, da das compositum ava-sak- 
-thi-kä ein beim sitzen gebrauchtes lendentuch bezeich- 
net. Vgl. cun-nus nebst cun-ire und in-quin-are zeitschr. 
III, 416. — Noch oft erscheint im sanskrit 9 fQr s, wenn 
auch nur abwechselnd, wie neben däsa, däsera zuweilen 
däpa, däpera^ neben musala oder muSala zuweilen mu* 
9ala gefunden wird,.an9a neben ansa, pänpu neben 
pänsu, paki (Indri uxor) neben saki u. a. (s. J. Schmidt 
die WZ. Akp. 15); am ende eines wertes aber geht s vor 
anlaut. k kh und 9 stets in 9 Ober, z. b. ravi9 karati. 



geblich verschiedene grundform skard aufst^Ut; eine solche ist aber oben 
bereits za sak-art berichtigt worden, anf welche berichtigte grundform nnn 
die beiderseitigen mit s und mit 9 anlautenden ableitnngen zurttckgefUhrt 
werden mttssen. 



66 SavelsNrg 

Im weitem umfaoge ist dieses im zeod gesebeben, wo s 
besonders häufig vor t und n in 9 übergegangen ist, z. b. 
zend« ^ bi^tami skr. stbä tistb&mi gr. ata lattjfAt^ 
AQ a^ti as asti ^ ig iati 

^tar (sternere) str aroQ-vvfii 

9nä (lavare) soä (lavari) i/r;-;f-w f. <yi^;^-w, 

Schleielier campend, p. 163. 164. Curtius grundz. n. 443* 

Indem wir . nun auch im grieebischen denselben laut- 
wandel von in x nachweisen, scbliefsen wir zunächst 

1) an das eben aus dem sanskrit besprochene beispiel 
(akrt das griediische xongog an. Diese beiden Wörter 
dfirfen nicht von einander getrennt werden (wie bei Benfey 
I, 269 und Curtius n. 36 geschieht), da ihre Zusammenge- 
hörigkeit sowohl in hinsieht auf die laute, als auf die völ^ 
lige Identität der bedeutuog, welche zwischen xanvog und 
xmQog bei Benfey und Curtius nicht stattfindet, sich als 
unzweifelhaft erweist. Der anlaut 9 in ^ak-rt ist ja der 
regel gemäfs durch x in xongog^ der inlaut k, der noch 
im griech. xdxxij geblieben ist, ist, wie sonst sehr häufig, 
besonders in dem verwandten anatiXvi^ so auch hier in 
uonQog durch den labialen n vertreten, und dem seltenen 
Suffix rt in pak-rt steht das häufigere ^qo in xoTt-Qog 
(ähnlich wie dem der. ajAaqix) ,»tag^ — a/AccQcc i^f/iiga 
sseitschr. Vn, 382) gegenüber. Es haben also beide wur- 
zelformen, nicht nur die oben besprochene ursprüngliche 
sak aax, sondern auch die gutturalisierte pak xax im 
griechischen gleichwie im sanskrit bestanden, wie die über* 
sieht der wichtigem derivata zeigt: 
aak sak-'tbi adx-a ax^a^^ mit labialismus Gn^ax-iXti 

9ak x»';(x-j?(xaxx-«co)9ak-ft „ „ xon-go-g. 

Ferner finden wir der vom zend erwähnten Verwandlung 
de« a vor t und n in 9 ganz genau im griechischen ent*- 
9prechend den Übergang des c vor r und i/ in x in den 
altepischen Wörtern xrt;;TO-^ und xvitfag. Dafs nämlich 

2) XTvnog (erweicht in hgi^ySavTiog) „donnerschlag, ge- 
töse^ aus ötvnog entstanden ist, zeigen die hesych. glos- 
sen: atvnd^et' fl^ovr^^ %f*oipüj dö'el — (TTV(f^v' ßQovx^v — 
arvTiea^ wo unter andern bedeutungen auch 6 %fß6q>og tijg 



lautwantlel' von o in x. 57 

ßgowriQ angegeben wird, und mit abgefallenem o oder x: 
xvfUi' ipofpüy XTVTiBij XQoreiy nltjöCBi — rvTiä^eiv xontBiv. 
Den abfall des a vor t hat die wurzel tvn mit vielen an- 
dern griechischen Wörtern gemein, die G. Curtius grundz. 
II, 8« 264 zusammenstellt. Auoh im sanskrit ist von der 
Wurzel tup die ältere mit st anlautende gestalt noch in 
pra-stumpati übrig, s. petersb. wörterb. III, s. 359. 

3) Das andere, xvaffag oder xvi(po(i (bei Hesycbius, 
ttud gen. xpttpovg bei Aristopb.), ist dasselbe wort mit vi- 
{pog und skr. nahhas, aus dessen bedeutung „wolke^ sich 
die metaphorische von „dunkelheit'' (II. XVI, 350 &avä- 
Tov vitpoq. Pind. Ol. VU, 45 lad-ag vitpog) entwickelte 
und in xvitpag sich festsetzte*). Dafs vi(f'Og ursprünglich 
noch einen consonanten vor sich hatte, hat Ährens im 
rhein. mus. N. F. II, s. 168 daraus erwiesen, dafs bei Ho- 
mer vor vi(pog eine vorhergehende kurze silbe 17 mal ver- 
längert und nur 3 mal nicht verlängert ist; jedoch griff er, 
um den abgefallenen anlaut zu entdecken, aus einer gruppe 
verwandter Wörter gerade die am meisten entstellten lo- 
'ävB(f^g und SvoipB^og heraus, die in Verbindung mit lit. 
debbesis „ wölke ^ und lettisch debbes „himmel^ in 
welchen n ausgestofsen sei, den anlaut 8v für vifpog und 
dessen wurzel beweisen sollten. Jene gruppe beginnt nun 
aber mit xpicpccg und führt abwärts erst über yvotpog zu 
ävoipog (Curt. grundz. II, s. 112. 274) und zuletzt zu ^d- 
9^0$, welches v ausgestofsen hat, wie X im äol. äevxog (aus 
yXevxog) ausgefallen ist. Indem man also von xvitpag aus- 
geben mufs, so ist ein scblufs von der untern stufe, lo- 
^dv9(piig und övofpegog^ nicht mafsgebend und unstatthaft. 
Dagegen mufste Ahrens beobachtung an den vielen Wör- 
tern bei Homer, vor denen ein kurzer schlufsvocal verlän- 
gert wird, vifpag^ vicpoBig, VBvgtjy vvog^ vi^vD^ vbm (schwimme), 
vtivg^ VT^Gogy Noxog und v6uogy deren abgefallenen anlaut 



'^) So erldärt denn Hesychios viif.o^ zuerst mit ffMorn^, dx^-v(ir dann 
mit äO-QOKTfta ^ n^i^^os, d^g ntnvxvw^iivoq. Femer stimmt mit vitpof; in 
der obigen bedeotung auch n(t-'r«fiq' 1 1''</ Ao»<r»(; bei Hesychios und Etym. 
m. p. 21, 41) anf der andern seite ttvwAf/' th^Aos ^^^ Suldas mit xvi- 
(fa^ überein. 



58 Savelsbei'g 

(T die Sprachvergleichung erwies, am sichersten auch bei 
viffog zu dem ursprünglichen, der griechischen spräche 
bald vermehrten anlaut av fuhren, um so mehr, als auch 
die bedeutung von vtfpdg, W^eo, Novog^ vorto^ „Schnee- 
flocke'', „wasche**, „regenwind", „nafs** Verwandtschaft al- 
ler jener mit v anlautenden Stämme untereinander und mit 
vkvpot^ „der regnenden wölke** vermuthen läfst. FOr vitpa 
(accus.) nämlick und lat. nix bieten goth. snaiv-s, lit. 
snega-s, slav. snjeg den anlaut sn; es ist nun die g^ 
meinschaftliche urform snigfa (Gurtios grundz. n. 440), im 
skr. snih vorauszusetzen, welcher letztern im zend regel- 
recht pniz (Benfey griech. wurzellex. II, s. 54), wie der 
sanskritwurzel snä im zend png, entspricht. Hiermit 
hängt ohne zweifei auch die skr. wz. nig „waschen*^ gr. 
vi^w zusammen, so dafs zwei durch gutturale erweiterte 
wurzeln von snä ausgiengen, wobei ä zu i herabsank: snih 
(snigh) und snig. Notoq^ von welchem wir den abgefal- 
lenen anlaut a mit Ahrens im ahd. sund (durch Umstel- 
lung aus snud entstanden), die gleiche bedeutung in Sun- 
droni „sQdwind** (Einhardi vita Karoli Magni cap. 29) 
finden, ist dasselbe wort wie das sanskrit-partic. snäta-s 
„gebadet** (wz. snä) und davon abgeleitet vortog „nafi)**. 
Was nun endlich vecpog betrifl^, so hatte schon Benfey im 
griech. wurzellex. II, s. 54 das skr. nabhas „die regnende 
wölke** ^), in dessen bh er ein secundäres Wurzelelement 
erkannte, auf die wurzel snä zurückgeführt, und damit 
auch V6(f'0g, Das erschlossene alte aviffog ist also eine 
divination Benfey's, welche der von Ahrens gemachten 
beobachtung, dafs bei Homer ein kurzer vocal am ende 
eines Wortes vor väffog^ wie durch position, so oft verlän- 
gert ist, die sichere stütze verdankt und ihr hinwiederum 
die rechte erklärung gibt. Nachdem wir nun die urform 
(fpi(pog gefunden haben, aus welcher obiges xvi^ag durch 
Übergang von a in x entstand, ist noch das denselben ver- 
mittelnde wort axviipog (mit ^ für 6, Curtius grundz. II, 



*) Später citirt Benfey SämaySda wörterb. s. 107 die von einem indi- 
Bciien grammatiker bezengte bedeutung wasser. 



lautwandel von a in x. 59 

8. 286) ZU uennen*), welches bei den Attikern nach He- 
sychius 8. ▼. axvupov dankelheit (öxorog)^ bei den Bieern 
(ib. 8. V. anviffoq) morgen- und abenddämmeriing (axQa 
rjusQag xal iöTteoag) bedeutete. Dazu stimmen die adjec- 
tive, das eine xvscpaiog Aristoph. Vesp. 124 von der mor- 
gendämmerung, das andere axviqalog bei Theocrit XVT, 93 
(ed. Ahrens) vom abend {iaTtetyivog schol.) gebraucht. Cur- 
tius aber will xvicpag nebst axvlfpog (grundz. II, s. 274. 275), 
indem er sie von vitpog durchaus trennt, mit skr. ksapä 
(griecli. xpitf'og) verbinden, von welchem er denn xvicpag 
mit nicht weniger als drei lautaflfectionen herleitet, näm- 
lich zuerst mit Umstellung von kä zu ex in axpicpog und 
abfall des a in xvitpag, dann mit einschiebung eines v, 
ohne dafs davon eine spur im sanskrit oder sonst wo 
nachgewiesen wird, und endlich mit aspiration (p flQr n. 
Es ist eigentlich nur eine genauere entwicklung von Ben- 
fey^s behandlung dieser Wörter in griech. wurzell. I, s. 617, 
welche keinen anspruch darauf machte, überzeugend zu 
sein. Anstatt nun so viele abweiehungen anzunehmen, be- 
sonders die wesentliche des nachtretenden )/, welches Ben- 
fey mit recht für das gröfste hindernifs hielt, gehen wir 
von der aus Homer gefolgerten urform cvitfog aus, welche 
zu skr. nabhas genau stimmt bis auf den anlaut s^ der im 
sanskrit so oft abgefallen ist**), und welche innerhalb des 



*) In der betonung (ry.vfq>o<; folgen wir M. Schmidt, welcher in der 
neuen ausgäbe des Hesjchios den circumflex in axvhpoq mifsbilligt. 

**^ Im sanskrit selbst haben für das spätere tarä „stem" die veden 
noch den plural staras, ftirpa^ „ sehen ** das subst. spa^ „späher**; die 
Sprachvergleichung ergibt, dafs ti^ « schärfen*' nrspr. sti^ lautete wegen 
«((£«<» „steche**, lat. in-stig-are, ahd. stich, tnd, lat. tundere, urspr. 
stud wegen goth. stauta und ahd. stözn (Kuhn in d. zeitschr. IV, s. 6), 
tup «schlagen" nrspr. stup wegen ffuTnd^o), s. oben. 

Wir schliefsen an die vielen obigen beispiele, welche vor dem anlaat n 
den Sibilanten abgeworfen haben, ein wort an, das die sparen ursprünglich 
anlautender doppelconsonanz deutlich an der stime trägt. In irria nämlich 
nebst IVmTO? und ffraro^ 11. II, 295 {fhd-fTtq XYIII, 400) bekunden die 
assimilätion und der diphthong <» vor p eben so, wie in fppvfn und xaia- 
/tlvvaav Il> XXIII, 185, wo die wurzel^^g bekannt ist, dafs jenem v ehe- 
dem ein a vorausgieng, also das wort einst im sanskrit snavan und im 
griech. i-üvißa hiefs (mit « als Vorschub zur leichtern ausspräche wie in 
i-X^^^i Curtiüs grundz. 11, s. 292 — 295). Suchen wir die «tymologie dieses 
Zahlwortes, so erhält der schon von Benary vermuihete zasammenhang der 



60 Savelsberg 

griechischen den aulaut a zu x in xpiifag (oder xvitfoq) 
verwandelte. Indem wir diesen Übergang durch axvitpoi^ 
vermitteln, nehmen wir dessen anlant ax f&r einen laut, 
ähnlich unserm seh, wie öx, regelmälsig im sanskrit einem 
einfiichen Gonsonanten, nämlich der palatalen aspirata, die 
in lat. transscription mit kh bezeichnet wird, entspricht, 
und finden so denn auch den Vorgang des lautwandels 
ganz erklärlich, dafs s erst in seh (wie ahd. sneo in nhd. 
seh nee) übergieng und seh dann als Zwischenstufe zum 
gutturalen hinQberfQhrte: cvitpog *^axvi(pog — xvecfäg, wo- 
f&r weiterhin analoge fälle zur bestätigung dienen*). 



zahl neun mit neu dadurch eine neue stütze, dafs rtir, welches wie das 
skr. adv. nfi-nam njetzt** und adj. nfi-tana „neulich'' mit v^o^q skr. na- 
va-8 gleicher abkunft ist, bei Homer öfters einen kurzen vorfaergeheftiden 
vocal wie durch position lang macht, Od. lY^ 685 vtrtara xal nv/4atä vvv 
ir&ddt ^**wr^<r*iai*, H. XV, 99 nvrt &f6iq tX n^Q tiq ?iT vvp JfatrvTat> 
€vq:Qww, XX TT, 808 tif^varo' rvv «itf, XXIII, 602 '^i^r^ojif«, vvv ftiv^ also 
auf den anlaut av^ ürvv und demnach auch auf artot; (irvifoq) schliefsen 
läfst. An einer so vollständigen formellen Übereinstimmung hat denn auch 
die sachliche erklärung bei Benfey griech. wurzeU. I, 243; II, 51, dafs beim 
zählen nach der dualform oxku skr. as^äu, nachdem man an vier fingern 
jedweder band gezählt habe, die folgende zahl die neue genannt worden 
sei, eine feste stütze, während die ableitung Benfey's von der skr. partikel 
anu „nachher* und die im petersb. wb. IV, 299 von nn „jetzt ** nicht zu 
beiden griech. wörtem hria und v^nq zugleich, sondern jede nxa zu einem 
von beiden pafisit. Jetzt läfst sich fUr r/oc, da wir von avipo^q skr. sna- 
va-8 ausgehen dürfen, und damit zugleich für ^rria ein gemeinsamer stamm 
auffinden. Als solcher erscheint uns das Substantiv sunu „söhn** (von Wur- 
zel SU „zeugen^), von welchem mit syncope das derivat snusa (vgl. schwä- 
bisch „söhnerin^) gebildet ist, ahd. snur nnd mit verlust des aiüautenden s 
vvQq lat. nur US, ein mascnlinum aber im gr. Jitawaoq bei Homer und in 
Zoppv^oq (C. J. 6. n. 2167 (cf. Jiopv^oq Schol. B II. XIY, 825. Etym. m. 277, 
85) zu entdecken istj nämlich awanq^ also Jho-arvaoq „zeussohn". Der 
in snn-sä xiuA avv-an-q enthaltene synkopirte stamm snu bildete dann mit 
gunirung, aber mit verlust des anlauts s (wie vv-o^q nu-ru-s, femer 
nau-8 „schiff*^ von wz. snu „fliersen**), das adj. nav-a-s riP-o-q nov-u-s, 
welches also urspr. „kindlich, jung, jetzt entstanden (neu) bedeutete, mit 
Verlängerung des vocals das adv. {a)rvr, skr. nü, lat. nfi-per, und noch 
mit dem suflüx tana das adj. nü-tana-s „neulich^. 

*) Zunächst mag hier Über fiUaq^ weil es ähnliche erscheinungen wie 
ptqioq zeigt, eine vermuthung hinzugefügt werden. Da neben dessen derivat 
ftüaO-Qov „schwarzes gebälk<* sich, ähnlich wie xHqtaq neben li^o;, bei 
Etym. m. p. 521, 29 eine nebenform HfiUfd'gop findet und das mit adj. 
/ti/Äa?, fiilaiva (stamm fiflav) verwandte dichterische xHeuroq aus xfttXnr^ 
^(oq mit Verlust des f4 ku erklären ist, wie l^otpnq mit verlust von v aus 
i¥j'o^Os', ypoi^oq, Hv^tpaq^ so dürfen wir, weil gerade diese oben behandelten 
Wörter so viel analoges darbieten und weil nfi eine im anlaut ungewöhnliche 
lantverbiodong ist, von /likaq den vollem itamm xfitXaw (Buttm. lexil. H, 



lautwandel ron a in x. 61 

4) Das sanskritwort savja-s ^^link^, welchem auch 
im eend havja mit regelmäfsiger vertretang (h ftkr s) zur 
Seite steht (Justi 8. 323), darf gewifs die priorität vor 
öxaiog nod scaevus in anspruch nehmen, da altslaw. und 
russ. shui »link^ slaw. shevi und poshevi „schrägt und 
altirisch saib ,,fal9us^ (s. diese zeitschr. V, s. 336) nur 
mit einfachem laut s oder seh beginnen nnd auch 'das lat. 
saevus mit der ethisch gewordenen bedeutung „verkehrt, 
wild, schrecklich, wöthend^ den blofsen antaut s noch be- 
wahrt hat. Den gemeinsamen Ursprung von saevus und 
scaevus aber sieht man daran, dafs letzteres nicht allein 
in der sinnlichen bedeutung „link, schief, verkehrt^, sondern 
auch in jener ethischen vorkommt bei SaUnst histor. firagm. 
(ed. Kritz lib. I o. A, n. 45, 5) in der rede des Lepidus: 
quae cuncta scaevus iste Romulus, quasi ab extemis 
rapta, tenet, wo das gut verbürgte scaevus die grausam- 
keit und Willkür Sulla's bezeichnet, womit er gegen die 
bfirger verfährt. Im griechischen sind beide bedeutungen 
in der einen form axatog vereinigt, wie Hesychios in einer 
fblle von erklärungen bezeugt, axaiog* dvaxoXog, Ttovtjgog^ 
xaxog. fAWQog^ ana(8%vtog^ afjiai^Tfg. andv&gcmog^ äSixog^ 
TQcexvg^ (fxkfiQog^ knax&rig^ ragaxciSrjg, a^iavBQog. Jedoch 
hat hierzu auch eine form ümog oder früher aaiog (urspr. 
eofiog) bestanden, welche uns bei Hesychios in der glosse 
aaioi^ TtolifMtoi cet. genauer als bei Theognost. can. p. 
11, 14 Ottlor oi nokk^ioi aufbewahrt ist mit gleicher be* 
deutung wie saevus fbr bellicosus, hostis (Verg. Aen. 
XI, 910), dann noch das derivat aalvog* 6 agiatBQimv 
bei Theognost. p. 11, 13 „der linkische*' *)• Da nun auch 
formen mit blofsem x vorkommen, wie rf-xaiog * agtavegiag^ 
itrxvgog bei Hesychios, welches mit der intensiven partikel 



8.265) aus älterm n^tXav (wie xfitpnq aus avifoq) hervorgehen lassen^ so 
dafs eine wnrzel ffftiX oder a/4aQy etwa von aftaq-CXii „kohlenstaab" bei 
Aristot. Mir. c. 41, vorauszusetzen wttre. 

*) Das zur erklBrnng dienende d^JKTitqCuv kommt zwar sonst nicht 
vor, ist aber richtig und deutlich; denn -iwp bildet nicht blofs patron3rmica, 
sondern wird auch sonst zur ableitung gebraucht gerade bei tadelnden be- 
zeichnnngen, wie unlaxinry xotnvXCwVf StdaxgCtar. DtUitzer in d. zeitschr. 
XII, s. 7. 



62 Savelsberg 

17 (aus an) zusammengesetzt ist *), so werden wir die drei 
stufen des lautwandels am angemessensten so ordnen, dafs 
wir von skr. savja*s, griecb. aal-vog 1. saevus ausgehen, 
daran zunächst die formen anschliefsen , welche a in (fx 
verwandelten, öxaiag^ scaevus, axevaxag svoiVVfAOvg 
Bebst axafißog argeßkog und axifißog x^^^og beiHesych., 
wo überall so als eine bezeichnung unseres einfachen lau- 
tes seh im hochd. scheib und schief so wie des russ. sh 
in shui „link^ anzusehen ist, und von dieser mittelstufe 
ZQ dem schliefslichen Übergang in x gelangen: tj^'Xalog 
„sehr linkisch^, xavai^ovra dnoffxaCovra „bitokend^ und 
xavvog xaxog axkrjQog (d. i. saevus) bei Hesychios. 

5 ) Von der präposition övp hat . deren Verwandlung 
in xw zuerst Ahrens in d. zeitschr, III, s. 164 an Kw- 
"OVQia^ dem gebiete in confinio Laconicae et Argolidis, 
dann die Verwandlung von avpt in xv(a an xvfi-äyxv und 
xvV'Ctyxri bei Hesychios nachgewiesen und damit die latei- 
nische form cum derselben präposition zusammengestellt. 
Die daselbst in der hesychischen glosse xiv-avfjov xpvxog' 
t6 äfia Tifiegt^' Kim^giot scharfsinnig entdeckte form xiv 
geht auf eine wahrscheinlich ältere gestalt der präposition 
(ftv oder nrspr. at>u zurück, welche SifjL-dyyBKog^ Böotarch 
zugleich mit Epaminondas Paus. IX, 13, 6, und ^m-dgi- 
arog grammatiker bei Athenaeus III, p. 99 c. etc. zeigen. Die 
älteste gestalt aber war die den indogermanischen spra* 
chen gemeinsame urform sam**), welche in den glossen 
aaU'ciay xsQavvciot] von aafA-oi&ib}***) und öav^iJ-eii;' 
aia&ofisvogy yvovg bei Hesychios sich zu erkennen gibt, 
sonst noch dem adv. cifia und dem alten adj. aafiog (=5s 
OfAog) in mehrern eigennamen zu gründe liegt. Solche sind : 
2a^w-&oivov C. 1. 6. n. 1 936 v. 25 aus Thessalien „schmaos- 



*) Wie in jj-^c/ua« neben ciT-^c^a? ans arir-^e^ta?. S. meine Quae- 
stiones lexilogicae de epithetis Homericis aihiXoqy infitxavo^^ acFTradto?, 
uaaToq (Aachen 1861) s. 12 anm. 2. 

*'^) In einigen der verwandten sprachen ist die urform unverändert ge- 
blieben, in andern sind eingetretene Veränderungen nicht schwer zu erklären, 

was am vollständigsten Pott etymol. forsch. (2. ausg.) I, s. 802 819 be« 

bandelt. 

) Vgl. Ivvwe^iiü bei Apoll. Rhod. IV, 1261: Iwimaav aiXXcu f^#*»?. 



lautwandel von «r in k. 63 

gesell % ^afio-xkijg Melier b.Boss Inscr. ined« fasc.S n. 246 a 
(sB ouoxkijg) „von gleichem ruhm^, J^auo-Xag Achäer bei 
Xenopb. Ad. V, 6, 14. ^vod gleichem volk^, JSd^t'innov 
Eleer bei Rangabe n. 1 1 78 j^mit gleichen pferden versehen^ 
und ^afiO'Xgdtevg auf einem henkel in Olbia C. I. 6r, 
tom. II, p. 1000 n. 2085 n. 2 ,,von gleicher stärke^. Das 
simples ^duog, welches auch nom. prop. ist, mag als per- 
sonenname (Diod. Sic. XIV, 19) «der gleiche^ bedeutet 
haben, ebenso JSä^wg Pindar OL XI, 70 und S^ijuog*) 
C. 1. n. 8155. C. Müller, Fragm. bist. Graec. IV, p. 492 
(Delier) mit den Weiterbildungen 2äuu}[v (Achäer) Rang, 
n. 1298, III, 53. 2!7}(jnav (attisch von Brauron) rhein. mus. 
N. F. I, p. 201. Wie von JSdfiog sind auch von 2ijfiog 
composita gebildet, wie SSccfi-ayogalg auf einer kret. inschr. 
C. I. n. 2562,22, so JS^jt-ayogag auf einer mOnze von 
Smyrna Mionn. Descr. UI, p. 198, n. 1012. 1013 — wie 
^dfi-avögog auf einer inschr. von Corcyra C. I. n. 1913, 
so 2rifA'avdQog Mitylenäer bei Eustath. ad Dionys. 549. 
Mit beiden letztem namensformen ist o£Penbar ^xdfA-avSgog 
einerlei, besonders da mit solchem anlaut eben von Mity* 
lenftern entsprechende namen ^xafiavSgdvvfiog Herod. II, 
135 und Sxd^io)v Athen. XIV, p. 630 b. 637 b etc. vor- 
kommen. Der lautcomplex cxy welcher bei Homer keine 
positionslfinge vor Sxd^tavägog bildet, ist weiter nichts als 
die bezeicbnung des aus s modificirten lautes seh, wie des- 
gleichen im althochdeutschen frQhe sclahan, sclaht, sclei« 
zan, scleht aus slahan u. s. w. und sdav aus slav entstand. 
Grimm, deutsche gramm. I, s. 175. Demnach ist neben 
cauog für jene namen ein schärfer gesprochenes axafAog 
(schamos) vorauszusetzen, woher auch JSxaiJLoval^ auf einer 
inschr. v. Thera C. I. Gr. tom. II, p. 1090 n. 2476 q. 93 
entsprungen ist wie Srjuorijg aus SrjfAog. Was die bedeu- 
tung von JSdfxog in orts- und flufsnamen betrifft, so ist 
sie wahrscheinlich, gleich der von ofialog^ „eben, flach^ 



*) Daran Bchliefst sich nach form und bedentung aufs engste an: fj^«ft- 
und lat. semi- (sanskr. simi- und ahd. sftmi-) «halb** eigentlich «das 
gleiche**. 



64 Savelsberg 

gewesen, nicht „böbe^, wie Strabo X, p. 457 angibt: m-^ 
&avcLT€QOi d* Blaiv oi ano rov aafjtovg xaX€ia&ai ta vtfn] 
(f^aavrtQ BVQtjrrß-ai rovro Toiivofia x-qv vijaov. Vgl. VIII, 
p. 346*). Denn die mit 2äfiog benannten örter liegen 
entweder am (ebenen) gestade des meeres, wie die bekann- 
teste Stadt Sdfiog auf der nach ihr benannten insel (Strabo 
XIV, p. 637 IStru 5' avtijg iv inmiöqt t6 nXiov imo tqg 
&aldaarig xXv^oubvov) und JSdfiti auf Kephallenia, oder in 
einer flnfsebene, wie ^dfiiv&og (mit derselben endung ab- 
geleitet wie Ko^ivä-og, JliQiv&og) in Argolis bei Thncy- 
dides V, 58 extr., wo Agis in die ebene einfiel und Sa- 
mintbos verbeerte {haßcclwv ig ro ntblov iSfiov 2dfiiv&ov). 
Femer ist die auf der ebenen landenge zwischen der halb- 
insel Chalkidike und dem berge Athos gelegene Stadt 2dvti 
„die ebene, flache^ genannt, da sie nach Herodot VII, 22 
in einer ebene liegt {n^Si^v 8k tovro) und ausdrücklich 
griechische statt (ib. ^dvrj nohg 'EXXdg)^ bei Thukydides 
IV, 109 eine colonie von Andros {!Av8Qmv dnoixia) heifst. 
Die benennung ist ähnlich wie bei uns Ebenheim, Eben- 
furt, Ebentbal. Auch der fixxü JSxduav^^og durchflols eine 
ebene, nediov ^xafidvSgiov IL II, 465, deren landesfiblicfaer 
name 2a(Meiviov neSiov bei Strabo p. 472 auf das grund- 
wort aafjLog zurückweist. Eis hiefs also der mit aaßog oder 
axafiog und av8oog zusammengesetzte **) name SxdfA-avSgog 
„flachmann^, wie der flnfs jixdX-avSQng zwischen Heraklea 
und Thurii in Süditalien „Sachtemann' von dxaXog „sanfte 
in dxala^Bivtig. Sein nebenflufs ^fAOttg ist ähnlich be- 
nannt von ctfiog^ welches nicht allein „plattnasig^, sondern 
Oberhaupt „platt, eben" bedeutete***), oder von ro asifiov 



*) Hier vermuthet schon Korais, dafs bei oäixoq an das phOnikisch- 
hebräische schamaim „himmel^ gedacht sei, eine etymologie, die eben so 
wenig Wahrscheinlichkeit flir sich hat, wie die ableitung anderer bei Strabo 
ebend. p. 457 von den thrakischen Saint. Von der insel Safto9-Qay.fi 
aber, die bei Homer noch Säftnq QgritxCtf heifst, sagt Stepbanns Bjz. rich- 
tig: iKl^O-ri d^ dno r^? Sa/niuti' xat toii' 0Qaxüty. 

**) Analog gebildete troische namen sind: 'Avi-tjfwgt Kafftr-ai-dfia^ 
und von nahen Städten: 7V>-a»d^»a, "Avr- arSftoq einer Stadt der Leleger 
nach Alkäos bei Strabo p. 606. 

***) Die bedeatang „platt", wovon „plattnasig" nur eine specidle an- 
wendung ist (to mfiov t^s qiv6<; Xen. Symp. 6, 6), finden wir Xen. Cjnr. 



lautwandel von (j in x. ^ 65 

„fläche'^, wie bei Hesychios aiuiov aiyiakog von der ge- 
wöhnlichen fläche des ufers zu deuten ist. 

Dafs aifiog die nächste modification von aafiog ist, 
gibt sich erstens darin zu erkennen, dafs die zwei formen 
als eigennamen sowohl einfach 2apiog und ^fiog^ als auch 
in derivaten neben einander hergehen, wie Sa^iiag C. I. 
n. 1593 und 2i^iag ib. n. 1590. 1608 (auch 2if4fiiag ge- 
schrieben wie Mevviag neben Meviag)^ beide böotisch, das 
deminutiv JSd^ixog böot. n. 1590 und SifiixiSag Theoer. 
7, 21 (patronym. v. 2i(Aixog), 2af.ivXog C. I. n. 2158, 21 
und 2ifjLvXog Etym. m. p. 40, 8 (von aifiog), 2ä/icop Ran- 
gah& n. 1298, III, 53 und JSificov Xenoph. Eq. 1,1, -2"«- 
fAiojv woher JSafÄKovtcD C. I. G. n. 1574, 8 (böot. gene- 
tiv) und ^if^ic^v Philol. XXIII, s. 687 (aus Rhodos). Da 
nun zweitens die Schwächung des urspr. a zu i noch dazu 
im skr. sima-s „all, ganz^ neben sama-s „gleich, ganz% 
so wie auch im lat. sim-ili-s und sim-ul sich zeigt, so 
ist es klar, dafs zur urform aafi zuerst die form cifA. hin- 
zugetreten ist. Später gieng alsdann bei den Griechen die 
Urform sam oder vielmehr die mittelstufe aofi (wovon 
ofAOg)^ indem o vielfach zu u herabsank (ofjioiog in äol. 
iiftoiog Ahrens d. Aeol. p.'82), in ov/>i oder avi^ (L.Meyer 
vergl. gramm. I, s. 125), böot. aovPjy über, in folge dessen 
denn auch, mit verwandeltem anlaut, xofi in xvja, oder xvr^ 
wie oben xv^u-dyx^ und xvV'dyxV zeigt, und ganz analog 
bei den Italern com in cum (s. d. zeitschr. III, s. 251). 
Wir werden nun die drei hauptformen oaf^ aia av/ii nebst 
ihren Verwandlungen des anlauts <; in x und des auslauts 
fi in V sowohl in einzelnen Wörtern, als ganz besonders in 
drei wortgruppen erkennen, von denen mir zuerst folgende 
gruppe auf den drei vocalstufen: a) ofi-aQeg ofi-tiQog aov- 
-agog xov-aQog^ b) Sifi-aQog Kiv-d^a^ c) Svfx-dQrjg Kv^- 
'ag^idrjg betrachten wollen. a).Zur urform sam gehört 
aufser dem adv. äf^a mit gleichem Übergang des s in den 
hauch und homogenem vocal o die praep. ofe in ofi-agsg 

8, 4, 21 aif4fi yacrriy^, venat. 4, 1 xtifaXat ff^fAat^ Aristot. hist. an. 2, 7 o 
Xnno^ 6 noTttfitoq . , Ttiv oipiv aiftoq und Pollux 9, 126 Qa&anvy(}^fbv aifioj 
TW noöl TOI' ylovtoy 7taiii,v. 

Zeitschr. f. vgl. sprachf. XVI. 1. 5 



66 Savekberg 

t6 öVfA(p(x)vovp bei HerodiaQ xa&uL ngoacpd, p. 124, 8 
(p. 143, 4 ed. Schmidt) nach Naucks Verbesserung im pbi- 
lol. V, p. 677. und bei Hesychios s. v. *) so wie in 6^-7]Qog 
(nebenform äfi-t^gog Etym. m. p, 83, 19) „verbunden, gatte", 
dann neutr. „Unterpfand, pignus^ und noch das adj. ofiog. 
Die Präposition 6/i erscheint noch in älterer gestalt aofi 
im namen 26fAcpoQog einer böot. inschrift bei Keil jahrb. f. 
phil. suppl. IV 8, 562 v. 25, als öov aber mit dem auslaut 
V im adj. cov-agov (KOficcXiov bei Hesychios, in welchem 
die bedeutung uns ein compositum der wurzel ag zeigt: 
zusammengefügt, zusammengedrängt, fest, stark, compactus. 
Dasselbe adjectiv mit dem lautwandel er in x hat Hesy- 
chios verzeichnet in: x6v-a()ov' evTQcccpij^ niova^ dgaatri" 
Qiov (feist, thatkräftig) und xav^agcoregoif ' SgaaTiXMTsgoVj 
und von ursprünglich gleicher bedeutung ist bei Theokrit 
V, 102 der name eines widders Kciv-agog^ compactus (vgl. 
boves compact!, Colum. VI, 1. 2) **), sonst ist noch von 
dem aus aop verwandelten xov abgeleitet das adj. xavo-g 
in Kovo'ovgeig C I. n. 1347. 1386 (= ofAovgoi) und das 
adj. xoivo-g aus xop-to-g***). b) Dasselbe wort wie croV- 
agog (xovagog), nur mit dem vocal i in der präposition, 
ist ^ifi-agog name eines Delphiers C. I. n. 1689, ferner 
sein deminutiv JSifi-ägiov ib. n. 684 name einer Maratho- 
nierin, synonym mit 'Ouägiov und Idfidgiov^ und sein femi- 
ninum mit dem lautwandel von a in x Kiv-dga, c) mit 
dem vocal t;: SvfA-dgrig Ross. inscr. Gr. ined. n. 216 und 



*) In der bedeutung stimmt of{-aQ(^ mit dem verbum (Tvt'-cii^riQci^ 
Uberein im hym. Hom. in Apoll. 164 outw Oifiv xnX^ avydgijQfv doid^. 
"0(1 in o(t-ag(i; und ofi-rjgoq ist präposition wie (tvv im späten aifv-fjQriq, 
nicht etwa adj. 6/io-q^ weil dieses nur mit ganz gebräuchlichen nomina zu- 
sammengesetzt werden kann, z. b. o^uo-yiv^q von yh'oq, ein solches aber 
von Wurzel ag, etwa cignt; oder ^gnq^ nicht vorhanden ist. 

**) Da ffor^aQoq und xoy-agoq nicht mit dem suffix ago-q (wie xaO^- 
-agoq) abgeleitet, sondern, wie die bedeutung ergibt, mit wz. ag (^dgagtaxia) 
zusammengesetzt sind, so mufs der überlieferte accent «rova^oi^ und xoi'-ee^or 
bei Hesychios geändert werden, wie oben bereits geschehen ist und wie das 
analoge noT-agoq yrwgtfioq bei demselben und dfiiigot oi ofjtijQoi im Etym. 
m. p. 83, 19 richtig accentuirt sind. Im n. pr. Ktot'agnq bei Theokrit ist 
der vocal der präposition nach metrischem bedürfnifs verlängert wie in Sift- 
-al&a II, 101. 114, Kvfi-aifha IV, 46, wogegen er in Kiv-aC&u V, 102 
kurz geblieben ist. 

*♦♦) Pott etym. forsch. 2te ausg. I, s. 840. 



lautwandel von a in x. 67 

dessen patronymicum mit x statt g Kv^i-agBid^ig auf einer 
athenischen münze Mionnet S. III, 554. 

Zu noch vollständigerm naebweis des lautwandels der- 
selben präp5sition auf den drei vocalstufen diene folgende 
gruppe mit ai&oQ zusammengesetzter namen: a) Kofiai- 
ä'4}g Wescher et Foucart inscr, delpb. n- 2, Kou-ai&a 
(bei Hesych.), Kofjt-'ai&oi, b) Sipt^aid'ay ^iV'-ai&og^ Kiv^ 

-^i&a^ Kvv-ai&og, Kvvai&a, Es sind meist personen- 
namen ""), jedoch Kiv-cci&a Theoer. V, t02 name eines 
Schafes, Kvfi-ccit^a ib. IV, 46 name einer ziege, 2v(i-*Kidog 
Thuc. VI, 65 flufs in Sicilien, ^vfA-ut&a Steph. Byz. Stadt 
in Thessalien und Kvv-ai&a Paus. Vin, 19 Stadt in Ar- 
kadien. Nach der etymologie von gvv und ai&og hatten 
sie eigentlich die bedeutung „verbrannt d. h. brandroth^, 
zu welcher auch die einfache glosse cod. Mediol. nv^Qa zu 
KvfA-ai&a Theoer. IV, 46 stimmt und Theokrit selbst in 
ravQog 6 nvQQixog IV, 20 eine deutliche analogie bietet, 
wie denn sowohl viele personen Tlv^og und IlvQga^ als 
auch ein Vorgebirge und eine Stadt Thessaliens Tlvgpa 
und eine stadt Lakoniens HvQQixog hiefsen. 

Als dritte gruppe stellen wir fbr den lautwechsel auf: 
2dfiojv (Rangabe n. 1298, 111,53), K6f4(ov^ Kovcdv^ Sif^twv 
(wovon patronym. ^tfxwviStjg)^ JSivwv^ Kifiwv^ welche ohne 
ohne Zweifel von den schon besprochenen nomina oafAog^ 
xovog, aifiog und von vorauszusetzenden xofiog (neben ouog)^ 
ütvog und xigAog**) abgeleitet sind. Endlich haben wir 

*) Andere mit al&oq zndammengesetKte namen sind zusammengestellt 
von L. Dindorf im Thes. ling. Gr. H, p. 1157: JCai^-oq Avxat&oq *OX(yai- 
&oq Sdlai^oq 0Ucu&oqf und von G. Keil in s. Anal, epigr. et onomatologica 
p. 194 "Orai&oq und Navcu&o<; nebst dem simplex AWoq C. I. 6. n. 84. 

**) Es bestehen, wenn auch nicht gerade x»tro?, doch wenigstens die 
nn. pr. Kwoq (b. Gerhard, auserlesene griech. vasenbilder III, s. 165 taf 
CCXXXV) und Ktv4a<i (vergl. Safiiaq-'Sififaq), und die praep. xwy die wir 
ein paarmal in den namen JCtr-a^a, Kir-alO-n^ Kiv-aCß^tav fanden, ist viel- 
leicht auch in dem vielversuehten worte xir-öi'voq enthalten. Da aber von 
dieser praeposition der ältere auslaut fi ist, wie er in dem sogleich zu er- 
wähnenden n. pr. Ktft-oQi l*av sich findet, so kann man in der annähme der 
mittelstofe xt^toq, um zu Kifioiv zu gelangen, nicht fehl gehen. Dazu kommt 
der inselname Kiftodoi;, der von xt^ioc ausgeht, wie hfJiaXoq von ofioq, oder 
genauer wie S'iQftwkri von 0-sQf.i6q (vgl. ipuSfoloq, afiaQTwX6q)t und wel- 
cher wahrscheinlich „flach, eben** bedeutete. Die stadt K£/i9»Xoqj von wel- 

5* 



68 Savelsberg 

noch als einzelne bei&piele zu obigen ^ijn-äyyskog und 
JSifi'dQiGToq einige nachzuholen: Kifi-opricov ^i^a)i/e[vg] 
C. I. G. n. 539, b. 11 (attisch), urspr. patronymicum mit der 
Präposition xtfi aus Gifi, wie xvp aus 6vv im Stammwort Kvv" 
QQTag^ name eines königs von Sparta; — Siv-avSoog n. 
pr. aus Astypalaea bei Ross Inscr. Gr. incd. n. 155, zu 
vergleichen mit JSdu'ixv8gog\ — für (SvvoSovg^ name eines 
fisches, welcher lat. dentex hiefs, fand Äthenäus VII, p. 
322, b. c. bei mehrern Schriftstellern aivodovg; — -S'tv-w^rjj, 
schon von Etym. magn. p. 735, 36 in der Schreibung ^vv- 
mtfi offenbar als „Übersicht '^ (conspectus) gedeutet, war 
ohne zweifei so benannt, weil die Stadt, an einer landenge 
liegend, an deren beiden Seiten und an der dritten über 
die nordöstlich von ihr gelegene, ebene halbinsel hin*) eine 
übersieht über das schwarze meei* bot, und ist demnach 
verwandt mit Ti^Qiwni^y welches bei Homer öfter II. XIV, 8. 
XXIII, 451. Od. X, 146 eine umschau oder eine warte be- 
zeichnet**); — den bei Hesychios verzeichneten namen 
Kvveriav rjvoi "AQBwg x6of]v^ rj l/ä&rjvaVj rj Ilsiß-ci deuten 
wir mit hinweisung auf xvv-dyxv ^^8 avv-dyxv ohne be- 
denken als aus 2vvBTia verwandelt: „die verständige^, eine 
benennung, welche auch auf jeden fall geeignet ist) sei es 

eher, wie gewohnlich, die insel den nameu erhielt, lag am südwestlichen 
ende der insel, wo nach Fiedler's reisen durch Griechenland II, s. 345 der 
günstigste platz war, im fruchtbarsten und angebautesten theile s. 348, «in 
einem flachen thale" s. 351. Derselbe name erscheint in feminalform an der 
küste von Paphlagonien , die eine lange reihe griechischer colonien hatte, 
bald KtfifüXiq (bei Ptolem. und Plin.)y bald KCvtaXiiq (bei Arrian peripl. 14, 3 • 
Strabo p. 545. Mela I, 19, 8) geschrieben, welcher Wechsel auch die Stamm- 
form tnfio<i und xiroq betrifit. Sowohl dieser name der colonie, als jener 
der inselstadt ist gleiches Ursprungs mit 'O^iöAij, wie ein plateau in Thessa- 
lien hiefs (Forbiger handbuch d. alten geogr. III, s. 888), wovon das adj. 
*OftoXmoii {Zfvq\ böotisch auch '^jualwioq lautet C. I. G. n. 1588, 20. 

*) Poljb. IV, 66: olxflraif S^ (Stvwiifj) fnl ttfoq ;^f^^of9/<roi> ngo- 
retvovatjq liq lo neXayoq' t/s toi» ft^v av^f^'a %6v dwänrovia tt^o? i^i' 
^Aaiav (o? ianv ov nktiwv dvotv atadiotv) ^ nol^ inixtifiivij SiaxXiUt 
xvgiwq. ro df Xoinov t?/? ;^f^*^oi'jy(ro»' ngoxntou jttiv ilq zo nikayot;' Van 
a* inlitfdov x«f. iia*fv^iioSov ijtl ti/i» ttoaiv, ttvxlw d* ^x O'alaTXfjq 

**) Die andere deutung von Andron beim Schol. Ap. Rhod. B^ 946, als 
sei die griechische colonie von einer amazone Savanti^ welcher name bei 
Thrakern und Amazonen »viel trinkend** bedeutet habe, mit verderbnifs 
(xara tpO^ogat') £i.vmnri genannt worden, ist ebenso abenteuerlich wie seine 
deutelei von naq^aanq Et. m. p. 655f .5. 6. Cnrtius grundz. I, 7. 



Uutwaudel von (r in x. 69 

(Ür 'A&riväy sei es für des Ares tochter lägfiovia „die ei- 
nigung** (Gerhard griech. myth. §. 152), oder für fleiß^w 
„die Überredung". 

Die im griechischen aus allen landschaften und mund- 
arten in so grofser zahl entdeckten composita von xoix xifi 
xvp lassen nun die lat. praeposition cum (in der Zusam- 
mensetzung com-) nicht n;iehr so räthselhaft erscheinen, 
wie es bisher der fall war, ebenso wenig die gothische un- 
trennbare praep. ga, ahd. ka (ki, gi, ge), neben welcher 
Grimm in d. deutsch, gramm. II, s. 752. 753 noch altfrän- 
kisch ham aufweist, und ihre zurückführung auf die ge- 
meinsame Urform sam unterliegt keinem bedenken mehr. 
Wi« den wenigen altern formen mit s im lat. sim-ili-s, 
sim-ul nebst altlat. sim-itu die griech. ai^ und. ai/i' zur 
Seite stehen, so den Überresten im goth. sama „selbiger", 
sam-ana „zusammen" und sam-ath die vielen mit sam 
zusammengesetzten verba und substantiva im altnordischen. 
S. Grimm II, s. 671. 765. „Offenbar richtet dieses nord. 
sam-, sagt Grimm II, s. 765, manches von dem aus, was 
das ga- der übrigen mundarten, und die Seltenheit des 
sam- im goth. ahd. ags. stimmt zu der des ga- im nord." 
So steht denn auch^ was den Übergang des Zischlautes in 
den gutturalen betrifft, das nordische zum gothischen und 
althochdeutschen in demselben verhältnifs, wie das grie* 
chische zum lateinischen: man vergleiche nord. sam-ferda 
(comes), sam-lendr (conterraneus) mit ahd. gi-verto, 
gi-lanto, und andererseits griech. avvoQfAevogj avy-yspi^g^ 
cvV'dya) mit lat. co-ortus, co-gnatus, cogo*). Wir 
können nunmehr diesen lautwandel, für welchen wir in 
verwandten sprachen so vielfache bestätigung gefunden, 
innerhalb des griechischen aber auf jeder der drei stufen, 
welche der vocalwechsel a(o) — i — v ergibt, formen mit a und 



*) Die abwerfung des gcblufs-m trat im lateinischen schon früh ein, in 
co-ire co-addo co-gnosco co-hibeo, nicht selten auch in co-iux co-sol (fUr 
con-sul) auf inschriften (Corasen, ausspräche u. s. w. I, s. 107), selbst an 
der getrennten präposition cu, Ritschi Prise. Lat. mon. epigr, taf. LXXX, A: 
cu ameiceis sii(eis). Dem griechischen eigenthUmlich ist die abwerfung des r 
von avv in der Zusammensetzung vor ^ und dx, <rnr, irr, wo sowohl h als 
lat. in unversehrt bleiben und com blofs in con verändert wird 



70 Savelsberg 

mit X in nicht geringer anzahl einander entsprechen gese- 
hen haben, als ein ganz gesichertes ergebnifs betrachten. 

Für die letzte stufe avv ist noch die schon bei Ho- 
mer sehr gebräuchliche nebenform §i;y sammt dem adj. 
^vvog (aus ^viv-og*) f&r älteres ^w-<o$) zu erwähnen. Ob- 
gleich gewöhnlich nur attisch genannt, ist sie doch ebenso 
sehr und mit mehr recht dem jonismus eigen**), fOir's er- 
ste, weil sie den jomschen formen 8i^6g T()i^6g f&r Staaog 
TQiaaog Greg. Cor. de dial. Jon. §. 39***) (p. 435 ed. 
Schaef.) analog ist, dann ancb weil die Joner die yerwand- 
lung von (T in I im fut. und aor. 1 der verba auf -a^w 
und 'it^ta mit den Dorern, wenigstens zum grofsen theil, 
gemeinschaftlich haben. So sehen wir von akana^Wj des- 
sen stamm doch, wie a?Mna8p6g zeigt, auf S ausgeht, bei 
Homer das fut. aXaTia^w^ so auch von Ttoksfit^w im ge- 
gensatz zum derivat nolefiiartig das fut. nokejAi^co gebildet, 
bei Hippokrates von mi^o) (wz. ncßS^ im skr. pld) das de«- 
rivat ^is^tg neben nltGtoov^ im atiischen von nai^w (stamm 
natö, vgl, naiS'id „spiel") bei Xenophon Symp. 9, 2 das 
fiit. ftai^oviAm, Wir müssen hier überall ^ ais eine ver- ' 
Wandelung aus er, wie es die grammatiker bezeichnen****), 
gelten lassen, da offenbar formen mit denen mit ^ zu 
gründe liegen; denn der regel nach müfsten solche mit § 
versehene verbalformen, weil sie auf S auslautende stamme 
haben, mit a flectiert sein, naiaia vom stamm naiS^ wie 



*) Langes v statt vt, wie opt. Ukino Od. XVIII, 238 und Saivvco 
11. XXIV, 665 aus XeXv-iTo und daivv-izOf also ^Tn'6<; {^v^roq) analog dem 
nachbomerischen xoipoq, s. oben s. 66 note 3. 

♦♦) Wie Photius bemerkt: Svftßa&i.* avftßa&t* oliaq dk 6 6td tou £ 

**♦) Wo Koen vermuthet, dafs x*^<t6?, xqiaaoq „aderbruch" durch joni- 
tche Verwandlung von tta in £ zu Ki^i^oq^ — KiaaaXr\q »räuber^ eben so zu 
xiXalriq oder xi^dAAi;; (C. I. Gr. n. 3044, 19) und iaaiXa »ziegenfell* zu 
llaXii bei Hippokrates geworden sei. Obige primäre formen ötaaoq und 
TQiitüoq bat schon Benfey griech. wurzellex. II, s. 219. 260 vermittelst d/j^a 
(acc. pl. neutr. v. öl/o-'q) richtig aus dlx^oq tgCxioq erklärt, auf welche the- 
mata auch S^x&a xQixO-n zurückgehen mögen, wie x^^^ ==^ ^^' hjas. 
G. Cnrtius grundz. II, s. 243. 

****) Scholl. Theoer. I, 12: to df xw^/lac; Jmqixov TQnnjj tov ü 
tiq S. — Etym. m. p. 100, 32 : tö df ßatyrd^o) xal vvfftd^o) JwQixd /<rri 
xatd TQoniiv rou a fiq $• 



lautwandel von <; in x. 71 

lat. clausi vom St. claud. Ja selbst im dorischen sehen 
wir das regelmäfsige a im activ oft gewahrt, wie in den 
tabb. Heracl. bald xarsawiaafjisg I, 47. 51 bald xareacoi^ce- 
fiEg II, 30, in kretischen inschriften bald \pa(piattfiBi*og 
C. I. Gr. D. 3048, 12, bald xffa(pi^afABvog 3050, 2; Im pas- 
siv (perf. und aor. 1) und in derivaten, wo handschriftlich 
oft die dem | entsprechende Verwandlung in einen guttu- 
ralen überliefert ist: vavofAtx&aiy öeucrßiHtceg neben Suxfj" 
Xievai (Ahrens d. Dor. p. 92), ßäorayfxa, bieten inschriften 
durchaus mir a dar: xareSixaa&eVj ogcatai, xjjacpiofia (ib. 
p. 93). Das jonische nahm an jener dorischen Verwand- 
lung bei den verben auf -a^cd und -i^a> theil, nur weniger 
durchgreifend; in andern Wörtern hinwiederum war sie im 
dorischen, auch die von avv in ^vv, weniger durchgedrun- 
gen*). Am wenigsten wurde das aeolische davon berührt, 
da nur vereinzelt ^vpoixrjv fr. Sapph. b. Stob 71, 2 über- 
liefert ist und aulserdem das von Etym. m. p. 277, 35 und 
schol. Ven. ad II. XIV, 325 erwähnte Jiovv^og für Jiovv* 
aog bei Herodian xaß^ol, nQoaqid. p. 78, 4 (p. 89, 7 ed. 
Schmidt) in einer lesbiscben Inschrift C. L Gr. n. 2167, 5. 14 
in der gestalt von Zovvv^og vorkommt. Sonst steht dem 
£, welches den beiden andern dialekten in gewissen ver- 
balformen (statt ü) eigenthämlich ist, aa gegenüber, dem 
dor. kSixa^dfAeäa tab. Heracl. II, 26, äol. kÖixaaoE C. I. n* 
3640, 12 von öixcc^oo — denn solche formen mit aa gehö- 
ren, wie äolische inschriften bekunden, dem äolischen dia- 
lekt an (noch spät Ustfiaaaev Lesb. C. I. n. 2190 von r*- 
fAccu)) und sind aus diesem in die epische dichtersprache 
übergegangen — dem dor. xaifi^ag Theoer. I, 12 episch 
xaöiaaag IL IX, 488 von xctd'i^M, dem dor. i;^cfAa|a Theoer. 
XXI,51 (Ahr.) Pind.Pyth. 1,6 episch kx^kaaae hymn. Hom. 



♦) Ahrens gibt de dial. Dor. p. 360 zu wenige dorische beispiele von 
4t!j' an, indem er Pindar nicht, wie sonst, mitzählt, welcher das adj. ^vvöq 
ungefähr zehnmal, abwechselnd mit xowoq, braucht, ferner j^vvdoreq Pyth. 
lll, 48, STmia Neni. V, 27, Ivyyovot; Nem. X, 40, •Ji^,ydo(ioi; fr. ap. Athen. 
XIII, p. 578 c. Den zweifei Dindorfs im Thes. 1. Gr. vol. VII, p. 1166 an 
der echtheit von ^vv in spartanischen decreten bei Thucyd. V, 77. 79 hebt 
^vvaQxoi» auf einer spartanischen inschrift bei Keil, zwei griech. inschriften 
Seite 4. 



7) SaveUberg 

in Apoll. 6 von;^aAaw, dem dor.yaAa^a^ Theoer. VII, 42. 128 
episch kyikaaöa Od. IX, 413 von yeldco. Nuu hat schon 
Böckh C. I. Gr. I, p. 42 a für doppeltes a vor r auf in- 
schriften z. b. in 'Agiöatcuv die ausspräche seh wie 'im 
oberdeutschen ist = ischt (kaaxiv n. 3007, 5) vermuthet. 
Dasselbe nimmt G. Cartius temp. und modi s. 101. 102 
aus wichtigen gründen an, indem er für Tigdaaci), yvXdccüi) 
und andere verba auf -aau), die unzweifelhaft aus yigdyjw^ 
(pvXdxjco entstanden sind, diese Umwandlung in aa durch 
die ausspräche seh erklärt und die öftere abwechselung 
von Off und | in den dialekten , wie äol. rgtacog C. I. n. 
2169 und jonisch rgi^og^ auf solche gutturale ausspräche 
zurückfahrt ""). Auch die römische namensform Ulixes für 
*03vaoivg gehört dahin; denn während das herabsinken 
von d zu 1 gräco-italisch ist (s. Max Müller in d. zeitschr. 
y, 8. 152) und auf griechischen vasen von etrusk. fundort 
Okvösve C. I. n. 7697, öfter Okvrsvg n. 7383. 7699. 8185. 
8208 vorkommt, ist | statt oa sicher von den dorischen 
Sikulern den Lateinern zugekommen**), da Plbtarch Mar- 
ceil. 20 eine Inschrift OvXi^ov aus Syracus erwähnt und 
schon der aus dem nahen rhegium gebürtige dichter Iby- 
kusOlixes schrieb nach Diomedis art. gram. I, p. 321,30 
ed. Keil. Wie in diesem und obigen beispielen sieht man 
die neigung der Sikuler zu ^ für g auch in xld^ Theoer. 
XV, 33 statt xkdg, da von den casus obliqui Gregor Cor. 
de dial. Dor. §. 126 rag xlelSag xkäSag berichtet. Glei- 
cher weise ist gewifs auch Aiag zu lateinisch Aiax ge- 
worden und sogar in der abwandelung durchgeftlhrt, Aia- 
cis u. s. w. statt Aiantis. Nach allem dem können wir 
Pott's ansieht über ^Ufog (etym. forsch. 2te ausg. II, s. 369) 
nur vollständig beipflichten, dafs es ausländisch und zwar 
dem arab. ^J*^:^ saif und kopt. sifi zu vergleichen sei. 



*) Auch ist umgekehrt die Schreibung aa aus ^ gewifs ebenso zu er- 
klären in in-ijoaat Pi»d. P. IV, 25 aor. 1. t6<f0ou(; F. lü, 27 und imröa" 
aatq P. X, 33 partic. gleichbedeutend und verwandt mit Ti>/iJ<ras und avp- 
S-v^(o avvavT'^av bei Hesych., und so auch vvaaai* ix /««^o? naxd^ai bei 
Hesych. für rvlat. 

**) C. Otfr. Müller in Annali della corrisp. vol. IV, p. 878. 



lautwandel von a in h. 73 

Nichts anders als dessen ausspräche schifos ist durch |/- 
(fos und äolisch durch axitfog (Greg. Cor. de diaL Aeol. 
§.23) bezeichnet, wie iaaeka (bei Hesych.), t^akij und 
iaxXa „gemsenfell^, wovon M. Schmidt Hesych. II, p. 370 
die letzte wortform äolisch nennt ^ und femer die zusam- 
mengehörenden Wörter l^oV) l&t. viscus und viscum „mi- 
stel^ nebst iaxXai ^ baumschwämme ^ nur in der bezeich- 
nung des sch^lautes mit aa, ax oder $ variirende wortgrup- 
pen sind^). Ebenso sehen wir denn den zischlaut von 
oafi^ der urform der praep. aiv, wie sie in ^dtU'Ctvdgoq 
erscheint, einerseits mit ax im äolischen axapi in obigen 
Damen JSxd^-fov und SxdfA^avSgog aus Lesbos und Troas, 
andererseits miit ^ im jonischen ^vv wechseln — so dafs 
beide male der laut seh bezeichnet ist, also dort soham» 
hier schQn — und von da in den gutturalen x in xofi 
xav-agog xoivog (für xov-iog) übergehen und erhalten so- 
mit fEkr den lautwandel die Stufenfolge der laute ö — ox{^) — x, 
als letzte stufe also x, womit das späte vorkommen der 
praeposition xof^ in compositis und des wenigstens nach 
Homer erst (bei Hesiod) erscheinenden adj. xoivog über- 
einstimmt **). 

dr. J. Savelsberg. 

(Fortsetzung folgt.) 



*) Wir finden den laut seh nicht blofs in den neuern sprachen ähn- 
lich bezeichnet, bald mit modificirtem s (wie bei uns seh) noch im eng- 
lischen sh z. b. she «sie", short „kurz**, im ital. sei z. b.. sciemo ^ich 
verringere" (Diez, etym. wb, d. röm. spräche s. 307), bald mit modificirtem 
k im firanz. ch: choquer, und ehedem im Span, x: xibia „Sepia" (das. 
8. 815), xeme „mafs eines halben fufses" (das. s. 807), sondern bemerken 
auch im griechischen selbst eine sehr beachtenswerthe analogie in der äolisch- 
-dorischen Schreibung ad fttr ^, welches ein weicherer laut als seh {^Ctpoq 
axCfpoq), nämlich der des engl, j in join oder des ital. gi in gioja war, 
a. b. Sötin; und ßgMa äolisch, aövyöq auch dorisch — für Zivq^ 4^a, 
]^vy6q — Ahrens d. Aeol. p. 47. Dor. p. 94. 

**) Ks sitid aber schon früh ein paar andere fttUe vorhanden, nämlich 
für ffxt3aa&-hTfq und aMvaxo bei Homer ntdaffO-ivxfq II. II, 398 und 
inidvaxo XXIV, 696, in welchem Wechsel wir keine durch metrisches be- 
dttrfniTs veranlafste abwerfung des «r erblicken können, weil xidvmo sogar 
im anfang des verses steht hymn. Hom. in Merc. 232 , auch Eur. Hec. 899 
in vielen Codices, ferner weil crx oft keine positionslänge vor sich bewirkt, 
wie bei Homer nie vor ^xa^ai'(^^o?, nicht vor (FxMot^i'or Od. V, 287. IX, 



74 Lezer 



• 



Mittelniederlftndische psalmeUi hymnen and gebete aus zwei handschrift- 
lichen breviarien der herzoglichen bibliothek zu Gotha, in answahl 
mitgetheilt und sprachUch beleuchtet von Karl Regel. Gotha 1864. 
4. 30 ss. (progr. des gjmnas. Ernestin.). 

Was uns hier geboten wird, sind zunächst willkom- 
mene textproben der mnl. spräche aus dem ende des 14« 
oder anfang des 15. jh. (und zwar die sieben bnfspsalmen 
und acht kirchenlieder), sodann liels es sich der hr. her- 
ausgeber aber auch angelegen sein, die interessanteren wort- 
formen der in ihrer spräche so viel eigenthllmliefaes enthal- 
tenden breviarien aus dem ganzen bereiche der altern hand- 
schriften aufzuführen und sehr eingehend zu beleuchten. 
S. 14 — 19 werden die fremden und 19 — 29 die einheimi- 
schen Wörter besprochen, zu welch letzteren wir uns nur 
ein paar bemerkungen erlauben wollen. 

Die bei schwierigeren Wörtern herbeigezogenen ver- 
gleichungen aus den übrigen deutschen und verwandten 
sprachen kann man fast erschöpfend nennen, nur scheint 
es uns, das hr. R. in seinem vergleichungseifer woU doch 
öfter zu weit gegangen sei und zu vieles und zu verschie- 
denartiges zusammengestellt habe. So gleich* bei belien 
und berispen; auf diese weise liefse sich wohl noch man- 
ches beibringen, wenn wir nicht dafür hielten, daCs auf dem 
etymologischen wege die sonderung viel eher zum ziele 
führte, als die zu grofse aufeinauderhäufung. Uebrigens ist 
zur erklärung von belien (conöteri) gewifs der richtige weg 
eingeschlagen worden, denn gegen die von Grimm granun. 
1% 297 angenommene identität von lien und mhd. lihen 
streitet schon der anlaut hl im altfriesischen. — Das bair. 
abreispen gehört doch nicht so nahe zum mnl. berispen 
da jenes auf ein mhd. rispen zurückführt; am nächsten 



391 und bei Hesiod TzargaCt} le (tx^tj Opp. 587, und dann weil der 'Wechsel 
Ton ax mit x im anlaut so überaus häufig ist, wie Lobeck Pathol. el. I, 
p. 124 — 129 nachweist. In allen solchen fällen können wir nur den laut 
seh und dessen Übergang in k sehen, daher auch xtl-M, xi'dl^-ti) »spalte'* 
zu skr. khä (khö) Khjä-mi „schneide ab** stimmt. Da aber der seh -laut 
in der ausspräche als Sibilant und guttural gemischt klingt, wie die bezeich- 
nungen in der vorigen note zeigen, so ward er in der regel als doppelcon- 
sonant behandelt. 



anzeigen. 75 

steht wohl rispel (Schmell.111,142) und hd. rispe panicula, 
rispengras. — Unter bescraien (besser bescreien) lesen 
wir: nhd. beschreien und altfries. biskria sind nach 
„form und bedeutung verschieden^. Aber das nhd. beschreien, 
in welchem sich das mhd. starke schrien und schwa» 
che schreien gemischt hat (wie die beispiele in Qrimms 
wb. zeigen) verhält sich ebenso gut zum sdtfries. biskrta 
vne zum mhd. beschrien und auch eine verschiedenb^t 
der bedeutung ist nicht wahrzunehmen, s. Kichthofen 647 
und Grimm wörterb. I, 1595 no. 4. — Bei denneghen 
(tempora)«wäre vor allem auf Grimm wb. II, 1532 zu ver. 
weisen gewesen, wo auch eine einfache und befriedigende 
etymologie des wertes gegeben wird. Vgl. auch From- 
manns deutsche mundarten V, 58. — So liefse sich wohl 
noch die eine oder andere bemerkung machen, doch wir 
wollen lieber gestehen, das uns fast jeder artikel der zwar 
kleinen aber inhaltreichen arbeit irgend eine belehrung ge- 
bracht hat, und mit dem wünsche, schliefsen, dafs hr. R. 
die interessanten i>reviarien auch bald nach den grammati-^ 
sehen gebieten bearbeiten möge, denn dafs wir da höchst 
dankenswerthes zu erwarten hätten, zeigen schon die im 
vorliegenden progr. s. 12 — 14 fftr die Wortbildung ausge- 
hobenen belege. 

Andeutungen zur Stoffsammlung in den deutschen mundarten Böhmens, 
von Ignaz Petters in Leitmeritz. Prag 1864. 8. 52 ss. (Sonder- 
abdruok aus „beitri&ge zur geschichte Böhmens*, heransg. vom verein 
für geschichte der Deutschen in Böhmen. Abtheil. II. bd. I. no. 2.) 

Änschliefsend an Weinholds gründzüge in seinem werke 
über deutsche dialectforschung hat es der durch seine 
mundartlichen arbeiten hinlänglich bekannte verf. unternom-» 
men, in lehrreicher und zugleich höchst unterhaltender art 
„gewisse zelten abzutheilen ^, worein das reiche gut der 
deutschen mundarten Böhmens vom bienenfleifse der Samm- 
ler eingetragen werden möge. Er hat aber auch manche 
bei Weinhold noch nicht vorhandene zelle hinzugebaut und 
alle mit reichlichen beispielen gefüllt, von denen viele, wie 
hr. P. selbst bemerkt, auch dem dialectforscher willkom- 



76 Lexer 

mcn und neu sein dürften. Die nachfolgenden bemerkun- 
gen sollen nur vom interesse zeugen, womit ref. die inhalts- 
reiche Schrift durchgesehen hat. 

Kr uz (s. 2) als titel eines bösen kindes ist wohl 
schwerlich auf mhd. krot belästigung zurückzuführen son- 
dern auf krote (kröte) mundartlich krut, krüt z. b. in 
Nürnberg = kröte und böses kind. Vgl. auch Frommanns 
deutsche mundarten IV, 471. 36. V, 397. — Zu gidal 
(8.2) stimmt zunächst das tirol. gittM, gittele (Fr(Mn- 
mann lU, 331); vgl. auch gut sehe in des ref. kämt. wb. 
128. — S. 8 ist zu lesen: „kies en gehört mit des auguru 
etymol. zusammen nicht mit gustare, ysveadat^. Wie 
sich hr P. dabei auf JL. Meyers vergleichende gramm. I, 
398 (wz. gus gern haben) berufen konnte, ist dem ref. un- 
klar geblieben. Meyer stellt zur betreffenden Wurzel ja eben 
das lat. gustare und gr. yevea&ai (wie auch Curtiuis 1, 146), 
während von augur mit recht keine rede ist. Goth. kiusan 
und kausjän aber von wz. gus zu trennen, wird wohl sonst 
niemandem einfallen. — Das s. 6 angeführte österr. ur- 
assi dürfte von urschen, uressen etc. (s. 27.) wohl 
schwerlich zu sondern i sein ; wenn nun urassi auf mhd. 
urdß3ec zurückgeführt wird, warum soll dann bei urschen 
diese etym. verlassen werden? Dafs „efsen** im worte 
steckt, zeigen evident die kärntischen formen: urafs viel- 
frafs, urafs 'n mit der speise wüsten, urefs'n n. Überbleib- 
sel; urafsik und käräfsik gefräfsig, wurmafsik vom 
wurme angefrefsen etc., kämt. wb^J_Q. — Uitais. 15 möchte 
refer. für ein demin. von uota halten: ni = uo s. im 
kämt. wb. 62 (kommt auch in der Steanzer mundart vor.) 
und ai für demin. al kann ref jetzt auch aus dem kärntischen 
belegen: die'ndai, püebai = diemdal, püebal. — Bei nira 
(ninder) klera (kleider) lära (leider) Übergang von d in 
r anzunehmen (s. 15 anm. 2) scheint ref sehr gewagt; die 
angeführten formen sind wohl einfach durch ausfall des in- 
lautenden d entstanden und können nicht mit den Schmel- 
lerschen borm (boden) arem (athem) wer e r (wetter) ver- 
glichen werden. — Die etymologie von aufleinen kann 
man treffend nennen (s. 18 anm. 1), doch bei aber (s. 19.) 



anzeigen. 77 

dflrfte sich noch streiten lassen, so lange nicht bessere 
grfinde gegen die alte etymologie beigebracht sind; warum 
sollten sich die begriffe ^ anfschliefsen '^ und „anfthauen^ 
nicht vereinigen lassen? — S. 19 anm. 2 wird dem worte 
anraum (reif) urspr. t-laut zugetheilt, da anderwärts das 
gleichbedeutende reim und rein und ags. hr im vorkommt* 
Wir sind zwar auch nicht geneigt, roum und reim in 
letzter instanz zu trennen, halten aber gerade den u-laut 
fflr den ursprünglichen (wurzel kru) und meinen nicht, 
dafs mit dem verf. das griech. xQVfiog, davon zu trennen 
sei; s. CurtiusI, 125. Zu anraum stellt sich übrigens 
wohl zunächst das im Parzival 1, 21 vorkommende roum; 
s. kämt. wb. 203. Auch über das s. 22 aus Salzburg und 
Steiermark angeführte gajBseln kann ausführliches im kämt, 
wb. 100 nachgelesen werden. — Bei hoizerw.ua (anderswo 
s. 28) möchte ref. nicht an mhd. eteswä denken, denn oi 
flQhrt wohl zurück auf mhd. in; vergl. kämt, haitswann, 
haiterwann, haiterwer, haiterwas im kämt. wb. 140 unter 
heute. — Mit graslitzbeere (s. 37.) hat die Stadt Gras« 
litz wohl nichts zu thun; die ursprüngliche bedeutung 
scheint die von ribes grossularia gewesen zu sein, wo- 
von krausei- kmschel- grossei- grusel- und gras^elbeere bei 
Nemnich II, 1160. — Bei teile (s. 39) Grimms erklärung 
aufzugeben, ist nach dem vom verf. angeführten wirklich 
kein grund vorhanden: aus dem cimbr. telele (neben teile, 
Schmeller 177a) ist das ahd. talili, telili doch noch deut- 
lich genug zu erkennen. Vgl. auch kämt. wb. 51. — An 
diese etlichen bemerkungen wollen wir nur noch den wünsch 
knüpfen, dafs uns der hr. verf., der unter anderm in den 
Programmen des Leitmeritzer gymnas. so gründliche dialecti- 
sche forschungen anstellt, recht bald mit einem wörterbuche 
der deutschen mundarten Böhmens beglücken möge. 

Die voc&l Verhältnisse der mundart im Burggrafen amte, von Andreas 
Maister. Innsbruck 1864. 4. 15 ss. (Progr. des k. k. gymnasiums 
zu Meran.) 

Eine bescheidene und verdienstvolle arbeit, die ein 
zeugnifs ablegt von der rührigkeit der deutschen Tiroler 



78 . Petters 

för die erforschung ihrer mimdart. Zwar gesteht der hr. 
verf« in den einleitenden Worten, nicht fOr Fachgelehrte son- 
dern für die schOler des Meraner gymnasinms geschrie« 
ben zu haben, um diesen das Studium des mittelhochdeut- 
schen zu erleichtem — doch wird gewifs auch der Fachgelehrte 
aus der kleinen arbeit nutzen schöpfen« wie denn ref. gerne 
gesteht, dafs er för die lautverhältnisse der kärntisdben 
mundart aus obiger darstellung manch neuen gesichts- 
punkt gewonnen hat. — S. 7 wird der mundartliche schein- 
bare diphthong ea (vor r) ganz richtig mit dem ags. eo 
verglichen, doch findet letzteres nicht blois vor r und r- 
verbindungen sondern fast vor allen consonanten statt (6r. 
gramm. 1% 349). Sollte Qbrigens dieses ea (für mhd. ä) 
wirklich nur vor r vorkommen? Vergl. kämt. wb. einleit. 
8. IX. n. 3 und Schmeller cimbr. wb. 41 no.3l. — Das auf 
8. 8 besprochene mundartl. ou verhält sich genau so zu o 
wie das genannte ea zu e und folgerichtig müfste dann 
8. 13 der umlaut davon öu oder öü f&r öi geschrieben 
werden. 

Unter den aufgeführten beispielen findet sich manches 
interessante wort z. b. enz^n brückenbalken , tinn stirne^ 
gratig begierig etc. Willkommen ist die 8.16 gegebene 
tabellarische Übersicht der verschiedenen lautverhältnisse, 
die mit einigen ftlr die schüler jedenfalls sehr lehrreichen 
bemerkungen begleitet sind. 

Freiburg i. Br., november 1865. M. Lexcr. 



Cimbrisch innarzent, innerhalb. 

Frommann hat in seiner Zeitschrift II, 136 ff. in den 
fränkischen adverbien hess'n und gess*n (auch hest'u, 
gest'n und best, gest), diesseits und jenseits, das ahd. 
Suffix — sun von bildungen wie hwarasun, herasun er- 
kannt und seine frühere deutung aus *hie en site, *hensite, 
"henste und *gensite aufgegeben. 

Mit grofserer Sicherheit ist, wie mir scheint, das 



^ 



miscelleu. 79 

ahd* -SUD in einer form der cimbrischen mandart zu er- 
kennen, nämlich in innarzent, inner^sont, neben wel* 
eher im Schmellerschen wörterbuche noch indarzalt, in- 
narzalt aufgeführt steht (s. d. artikel indarzalt). Das 
wort erscheint mit dem dativ verbunden: indarzalt dear 
zait, indarzalt deseme tage; Schmeller hat es vermuthlich 
als ein compositum mit dem alten participium gezalt auf- 
gefafst und deshalb auch unter zelen gestellt. Ich möchte 
nicht zweifeln, dafs wir unsern cimbrischen idiotismus auf 
das ahd. inwertson, inwartson, intrinseous (Grimm 
lU, 21^3) zurückzuflihren haben; die formen innarzent, in- 
nerzont zeigen ein angeschobenes t, das bei adverbien oft 
genug zu treffen ist, indarzalt, innarzalt den Übergang von 
n zu 1. 



Tirolisch intolmat, indessen. 

Weniger alterthümlich in seiner bildung und doch durch 
gewaltthätige lautverschwejfsung (wenn uns das Grimm- 
sche Wörterbuch das wort zuläfst) fast unkenntlich gewor- 
den scheint mir ein begrifflich nahe liegendes wörtchen im 
tiroler gebiete der obern Etsch und des obern Inns: in- 
tolmajt, atolmats, indessen. Schöpf (tirolisches idioti- 
kon 288) verweist bezüglich desselben auf unsre Zeitschrift 
11,450. Das dort behandelte schweizerische almets, ehe- 
mals und allezeit, ist jedoch durch Weinhold, alemanni- 
sche grammatik 240, mit voller Sicherheit aus dem alten 
alwenzuo, allewenzuo d. i. allewegenzuo gedeutet. Wie das 
gleichfalls von Schöpf herbeigezogene täla me (Weinhold 
alem. gramm. 249) zu unserm tirolischen werte passen soll, 
ist schwer zu sagen. Meine ansieht wäre, dafs intolmat 
auf eine ältere, durch doppeltes t erweiterte form *innert- 
halbent oder mundartlich inna'thälb'nt zurückzuführen 
sei; atolmats hat ein angeschobenes s mehr, dafür aber 
den ursprünglichen anlaut eingebüfst und kann gerade^^u 
eine Verstümmlung heifsen. Bei gelegenheit sei an die lexi- 
kographen der mundarten die dringende bitte gerichtet, für 
ein leichteres verständnifs ihrer citate zu sorgen, da diese 



80 Petters, miscellen. 

doch zweifelsohne nicht der breite wegen da sind, son- 
dern zur erklärung der worte dienen sollen. Das citat für 
intolmat im tirolischen idiotikon wird kaum vielen nicht- 
tirolern verständlich sein. Beispiele solcher art lassen sich 
aus vielen lexikographischen arbeiten in schwerer menge 
auffähren. 

Zipserisch und nordböhmisch pottom. 

Zu der beträchtlichen auzahl solcher worte, die der 
deutschen mundart des ungrischen berglandes und dem 
schlesisch- obersächsischen in Nordböhmen gemeinsam sind, 
gehört auch das wörtchen pottom, dummkopf, einfalts- 
pinsel, Schwächling. Schröer liefert in seiner darstellung 
der mundarten des ungrischen berglandes (Sitzungsberichte 
der phil.-hist. klasse der kais. akad. 44, 349 — 360) eine 
posse in Schmölnitzer mundart; darin kommt die stelle 
vor: du pist ja nont a secha pottom. Schröer erklärt: 
einer, der potom sagt, der sich zeit läfst, ein Slave? Vor- 
her heifst es im anfang der scene: es mufs de lait halt 
doch eagan (ärgern), benn i"e saura schbäfs aso nottom 
pottom gSt, wenn ihr saurer Schweifs so nottom pot- 
tom geht, was Schröer aus dem slavischen o tom po- 
tom, davon nachher, erklärt, wodurch ein gegenständ auf 
die seite geschoben wird. Wenn auch, wie man vermu- 
then kann, die bedeutung des appellativischen pottom im 
zipserischen die von feigling, unentschlossener, saumseliger 
mensch ist, so wird doch im nordböhmischen pottom kein 
andres wort gesehen werden können. 

Höchst auffallend ist nun ein täuschend ähnliches wört- 
chen der mundart von Aachen: pottühm, alter mann^ 
auch junger mensch mit ältlichem gesiebte (Müller und 
Weitz 186). Sollten wir in diesem pottohm oder pottöhm 
das Urbild jenes pottom zu erkennen haben? Ist der pott- 
ühm einer, der „achter moders kohlpott'^ oder über dem 
wärmenden kohlentopfe hockt? In Niederdeutschland mufs' 
man darüber bescheid geben können. 

Haben wir in diesem niederdeutschen pottühm wirk- 
lich die vorläge des zipserischen und nordböhmischen idio- 
tismus, dann wäre der fall höchst interessant, dafs unsere 
landsleute in der slavischen nachbarschaft ihr bischen nie- 
derdeutsch vergessen und das wort slavisch gedeutet 
haben. 

Leitmeritz, 3. april 1866. Ign. Petters. 



FöTstemann, zur geschichte altdeutscher dedination. 81 

Zur geschichte altdeutscher dedination. 

III. Der dativ pluralis. 

(Fortaetziing.) 

In zwei aufsätzen dieser Zeitschrift (bd. XIV, 116; 
XV, 161) stellten wir die ergebnisse zusammen, welche 
eine musterung unserer alten Ortsnamen fbr die formenge- 
sehichte der beiden ersten pluralcasus darbietet; jetzt haben 
wir es mit dem dritten dieser casus zu thun. Dative aber 
haben veranlassung genug in unsern Urkunden vorzukom- 
men, denn erstens besteht ja bekanntlich eine menge unse- 
rer Ortsnamen aus nichts als aus versteinerten dativen und 
zweitens erscheinen die übrigen Ortsnamen fortwährend in 
dativen, die von praepositionen abhängig sind. Solche 
praepositionen sind am häufigsten in^ seltener ad^ am sel- 
tensten ab und juxta^ die, da sie das deutsche t», zu, von 
und bei vertreten, da ferner der gebrauch lateinisch dekli- 
nirter deutscher Ortsnamen zwar in Chroniken, annalen und 
biographien, aber nicht in den eigentlichen Urkunden herr- 
schend ist, mit deutschen dativen verbunden zu werden 
pflegen. Bei diesen dativen hat zwar wie bei den gene- 
tiven der singular bedeutend das übergewicht, aber wir 
begegnen doch auch dem plural tausendfach, vor allem 
wieder in den mit den Suffixen inga und ari gebildeten 
formen, dann in völkernamen, ferner in bildungen, welche 
eine anhäufung von Wohnsitzen bezeichnen (plurale von Afi«, 
buri u. dg].)^ endlich in manchen einzelnen zum theil ety- 
mologisch noch durchaus nicht aufgehellten beispielen, na- 
mentlich aus sächsischem gebiete. 

Die fragen , um deren beantwortung es sich hier han- 
delt, sind aber folgende drei : 1 ) wie lange erhielt sich in 
den einzelnen landestheilen der auslaut -m, ehe er dem 
späteren -n platz machte? Dieser in den sprachen so ge- 
wöhnliche Vorgang, im griechischen bekanntlich schon früh 
vollständig durchgedrungen, im spanischen sehr häufig, in 
deutschen dialekten unendlich verbreitet, auch in neuhoch- 
deutschen Wörtern (besen, boden, busen, faden) vereinzelt 

Zeitschr. f. ygl. sprachf. XVI. 2. 6 



82 Förstemann 

auftretend, ist in beziig anf den dativ noch nie genauer fixirt 
worden. Girimm gn P, 612 sagt nur; »die verderbnifs 
des m dieses casus in n scheint mit dem neunten Jahrhun- 
dert zu beginnen, Otfrid und Tatian haben entschieden on 
statt des früheren um, om^. 2) Wie weit schliefsen sich die 
dem ap^utenden nasal vorhergehenden vocale regelrecht 
dem thema des wertes an, so dals also stamme auf a ein an^ 
on^ tin, auf ja ein tan, ion, iun^ auf i ein in bilden (von 
st&mmen auf u ist ja kaum mehr die rede) und wie weit 
tritt hier Vermischung und Verwirrung ein? Die häufigkeit 
dieser Verwirrung hatte Grimm schon längst erkannt, ehe 
er noch überhaupt etwas von a-stämmen wufste, wenn er 
z. b. gr. I%613 sagt: „Einige bilden, nach Verschiedenheit 
der denkuiSler, ihren plural bald mit der ersten, bald mit 
der yierteu declination,'^ oder ebendaselbst s. 614: „Der 
dativ plur. endigt auf -nm^ Otfrid und Tatian geben inzwi- 
schen -m^, oder ebend. s. 620: „im dativ plur. zuweilen 
'Um^ -tili, 'On statt -tm, -in^ und so noch an verschiedenen 
stellen. Wie in den Ortsnamen diese verwirnmg so weit 
gebt, dafs die regel massenweise von den ausnahmen gänz- 
lich überwuchert wird, das habe ich verschiedentlich, z. b. 
in meinem aufsatze über den nom. plur., anzuführen gele- 
genheit gefunden. 3) Wann geben die einzelnen mundar- 
ten überhaupt in allen declinationen die reinen -a, -t und 
auch die schon getrübten -o, -u anf und lassen in deren 
stelle das indifferente -e als einzigen declinationsvocal tre* 
ten? gewifs ist diese gewaltigste einbufse, die unsere 
spraohe erlitten hat, durch nichts mehr befördert worden, 
als durch jenes eben erwähnte schwanken zwischen den de- 
clinationen. Das lateinische hat jenen gefährlichen weg, 
auf dem der boden unsicher wird, auch schon früh betre- 
ten, wenn die accusative auf -im und -€m, die ablati.ve «uf 
-i und -e neben einander herlaufen, die nominative auf -uf. 
den sieg über die auf -os davontragen, ein danmi und 
domo gleichmäfeig gelten, locative auf -t sich in ablative 
auf -0 scheinbar verwandeln, aber die spräche erstarrte, ehe 
solches treiben, das auch hier gradezu auf das tonloae e 
hingeführt hätte, weitev um sich gegriffen hatte. 



zur geschiohte altdeutsoher declination. 83 

Zur beantwortung dieser drei fragen, so weit dies« 
f&r jetzt möglich ist, waren die dazu braachbaren beob- 
acbtuDgselemente zu sammein: ick brauche gern dies^i 
der astronomie entl^nten ausdruck bei einem verfahren^ 
welches wie in jener wissenscbaflb auch mit noth wendigen, 
beobachtungsfehlem, deren Schätzung und eliminaüoB zu 
thuD hat. Auszulassen waren die unbrauchbaren beispiele; 
also in diesem falle erstlich alles, was den unverkennbaren 
Stempel arger verderbnifs an sich trägt; zweitens alle for- 
men, bei denen die endung schon ein tonloses e zeigty 
d^nn dieses ist tausendfach durch abschreiber, herausgebe 
und drucker mit unrecht in die alten echten formen ein* 
geschmuggelt worden; drittens aber mufs ich mir bei die- 
sem casus auch alle berücksichtigung der coosonantischen 
(schwachen) declination versagen. Denn hier läuft der 
singulare und der plurale dativ so nahe neben einander, 
dafs uns bei den Ortsnamen unsere sprachliche scheide- 
kfinst noch völlig verläfst; daher ist alles, was sich z. b. 
»vsi garten j brunnen, kirchey sirafse^ buche endigt, ganz 
aus dem spiel zu lassen. Endlich ist speciell in betreff der 
endung ^utn zu bemerken^ dafs hieraus alles als unbrauchbar 
gestrichen werden mnfste, wobei sich zweifei erhoben, ob 
dentscbe plurale dativ- oder latetuische singulare nominativ-* 
endung anzunehmen ist; wer wollte das bei jedem Alisa* 
tium, Andoverpnm, Bracbantum, Dorestadum n. s. w. ent- 
sehesden ! 

Die durch so massenhafte ausmerzung erheblich vermin* 
derten beobachtungsclemeste belaufen sich doch noch inmier 
ftte den dativ pluralis auf 1900 bis 2000, eine scfambar 
sriir grofse zahl, die aber doch versefaiedeiier umstände 
wegen noch immer einen höchst schmerzlichen mangel füb- 
kn läfst. Denn in betreff der zeit ist zwar das neunte 
und zehnte. Jahrhundert durch je drei- bis ftlnfbundert for^ 
men^ das elfte sogar durch nahe an tausend vertreten^ aber 
das adite, in wekhem man grade die sauberste formen* 
sdieidung und die nrsprfinghchste reinheit erwartet und 
w^hes uns deshalb die wichtigsten und sichwsten resui* 
t-ate bieten mtkfste, liefert uns nur die spärliche gäbe von 



84 Förstemanu 

weuig fiber hundert beispielen. Eben so ergreife ich auch 
diese gelegenbeit, um einmal eine Vorstellung davon zu ge- 
ben, wie ungleich sich unser namenscbatz auf die einzel- 
nen deutschen volksstämme vertheilt, wie wir also fiEkr 
den einen auf zahlreiche angaben gestützt mit gröfserer 
Sicherheit, f&r den andern aber bei dürftigen quellen nur 
mit vorsieht und ungewiTsbeiturtheilen dürfen. Bei wei- 
tem voran steht durch seinen reichthum an überlieferten 
alten Ortsnamen das eigentliche (südliche) Baiern zwischen 
Lech und Inn (Salzach), wohin mehr als ein viertel der 
ganzen masse gehört. Lange nicht halb so viel beispiele 
bietet Westfalen und eben so das deutsche Schwaben, dann 
folgen der reihe nach Engern, Ostfranken und die Schweiz. 
Doch während noch jedes dieser gebiete (die fibrigens- 
nidit immer genau ethnographisch abg^renzt werden konn- 
ten) in unserm falle mehr als hundert beobachtungselemente 
aufweist, tritt in den übrigen landschaften entschiedener 
mangel ein. Verhältnifsmäfsig am wenigsten fühlbar ist 
dieser mangel beim alten Hessen, den heutigen östreichi« 
schen landschaften und Ostfalen, nächstdem bei Thüringen 
und Bheinfranken, weit mehr in den friesisch^niederl&ndi- 
schen gauen, am meisten in den gebieten um Maas und Mo- 
sel, in Ripuarien und im Elsafs, also in den westrheinischen 
gegenden. Die gründe für diese ungleichmäfsigkeit liegen 
in dem vorherrschen oder zurücktreten der undeutschen 
Ortsnamen, in dem gröfseren oder geringeren fiächenraume 
der einzelnen landestbeile , dann aber auch in dem beste- 
hen oder fehlen reicher und alter klöster; St. Gallen, 
Freising, Fulda und Corvey, dann Begensburg und Salz- 
burg haben die gröfsten Verdienste um unsere kenntnifs der 
alten deutschen namen. 

Zu einer allseitigen Würdigung der geschichte eines 
casus gehört eigentlich^ dafs man den gesammten schätz 
von überlieferten formen einer vierfachen betrachtung un- 
terwirft. Zuerst müfste man jedes als letztes glied eines 
Wortes vorkommende element für sich betrachten, also 
die namen auf die Wörter -Au«, -hof etc. oder auf die en- 
dnngen •inga^ -ari. Dana müfste man die zeit zum ein- 



zur geschicbte altdentscher declination. 85 

theiluDgsgrund nehmen und Jahrhundert ftlr Jahrhundert 
durchmustern. Drittens wäre der ganze stoff nach den 
Casusendungen zu sondern, also in uöserm falle nach 
den acht suiBxen -atny "im, -om^ -un^ -an, -in, ^on, -un; 
ich bemerke hier gleich, dafs für die vier auf -m ausgehen« 
den sufBxe zusammen etwa anderthalb hundert, für -an 
über hundert, für -in nahe an dreihundert, für -on über 
fEInfhundert^ für -un nahe an neunhundert formen beispiele 
geben. Viertens endlich kann man geographisch zu werke 
gehn und jedem räumlichen gebiete deutscher zunge 
eine gesonderte betrachtung widmen. Diese vierfache durch- 
forschung wäre allerdings eine erschöpfende, aber auch un- 
säglich ermüdend und vielfache Wiederholungen herbeifüh- 
rend: deshalb lassen wir uns an einer einfachen muste- 
rung genügen und lassen für eine solche diesmal die geo- 
graphische rücksicht vorherrschen. Es beginne dabei 
der nordwesten, dann folge das mittlere, hierauf das rhei- 
nische und dann das südliche Deutschland. 

Das friesische gebiet Deutschlands und der heutigen 
Niederlande hat das auslautende -m vielleicht das ganze 
neunte Jahrhundert hindurch, wenigstens weit in dasselbe 
hinein bewahrt. Wir finden hier a. 793 Bidningahusum, 
a. 799 Hasungum, a. 855 Colwidum und Haslum, a. 889 
Hornum. Wenn aber noch sec. 10 Bergum und Ephara- 
dum, a. 1083 Westerburum vorkommt, so kann ich diesen 
formen nicht unbedingt glauben schenken, da um diese 
zeit -Oft und -un schon entschieden herrschen; doch ist al- 
lerdings zu bemerken, dafs selbst die sonst erhaltene frie- 
sische literatur noch in weit späterer zeit ein itm kennt. 
Die auf -fi ausgehenden gewifs schon früh neben dem -m 
gebrauchten dative von a-stämmen bewahren das alte -ait 
selbst in den frühesten quellen nicht mehr, denn ein in 
zwei Urkunden von 805 und 806 begegnendes Bertanscotan 
scheint ganz verderbt, vielleicht sogar aus Scotanburg ent- 
standen. Ueberall waltet seit dem 9. Jahrhundert die Ver- 
dunkelung des vocals, theils zu Oy theils zu u. Ein unter- 
schied im gebrauche beider vocale will nicht erhellen, doch 
ist das o bei weitem häufiger als », wie die register von 



86 Förstemana 

Utreeht und die durch Crecelius herausgegebeneu von 
Werden zur gewifsheit erheben. Wie weit beide vollen 
Toqale noch nach 1100 bestehn, wage ich hier wie bei den 
übrigen landschaften aus mangel dafür angelegter Samm- 
lungen nicht zu entscheiden. Die stamme auf *t und -ja 
kennen kein "in, denn das einzige Yurdin (sec. 10 in Hol- 
land) hat mehrere Varianten, die es ganz unsicher machen; 
vielmehr bilden sie (was in dem übrigen altfriesiscben 
aufsw den eigennamen längst verschollen ist) regelmäfsig 
'ton (nie -iun). So haben wir aas sec. 10 Arnarion, Ba- 
rion, Stedion, Waldsation, aus sec. 11 Yannion, woneben 
freilidi ungenaue formen wie Arneron und Stedon herlau- 
fen. Genaueres läfst sich bei der dürftigkeit der quellen 
nicht angeben. 

Westphalen kann das alte -m nur strichweise bis 
tief ins neunte jahrh. erhalten haben; der Heliand kennt 
es nicht mehr , wohl aber begegnen a. 887 südöstlich von 
Paderborn die beiden örter Northgardinum und Suthgardi- 
nnm. Der ausgang -an, den man a priori fbr eine sehr 
alterthümliche form halten sollte, erweist sich vielmehr als 
eine nur dem elften jahrh. angehörende ausnähme, wie vrir 
sie auch noch in andern landschaften finden werden. So 
schreiben westfälische Urkunden a. 1020 und 1031 Horo- 
husan nn^ Hornan, die biographie des Meinwerk von Pa- 
derborn Pumassan, Siwardassan und Westfalan und die 
Frekenhorster heberoUe Thatinghovan neben -hovon. Diese 
wenigen formen wollen nichts sagen gegen die sehr zahl- 
reichen -Oft und -tifi, die sich übrigens auf westfälischem 
gebiete nahezu die wage halten, doch so, dafs im neunten 
jahrh. fast nur -tm gilt, während im zehnten und elften -on 
überwiegt. Das grofse Frekenhorster denkmal altwestf&li- 
scher spräche (sec. 11) kennt nur -on^ kein sicheres -t<n 
oder -0». Wie es eine oben angeführte form auf -an hat, 
so schreibt es auch einmal Tharphurnin; das ist eben so 
eine kleine sprachliche verirrung, als wenn Adam von 
Bremen in Westfalen ein Wildashusin, eine Urkunde von 
968 ein Angerin, eine aus sec. 11 ein Husin kennt. Das 
fifthrt uns auf die behandlung der wirklichen i- und ia- 



zur geschichte altdeutsc&er declination. 87 

Stämme in Westfalen. Ihre regel ist, dafs der dativ plu- 
ralis bis in den beginn des 11. Jahrhunderts auf -ttin, von 
da ab auf -ton ausgeht; man vergleiche das oben Ober -tiM 
und -on gesagte. Es ist das völlig sicher, w^nn man fol^ 
gende formen erwägt: Bernsiun (sec. 9), Heppiun (6eC. i)), 
Wetiun (sec. 9), Mahtiun (a. 887), Meppiun (a. 946), 
Anaimuthiun (a. 948), MuHun (a. 977), Brenkiun (a. 1020), 
Dueriun (a. 1020); dagegen Gession (a. 1016), Burion (a. 
1030), Hembruggiou (a. 1030), Malion (a. 1049). Ein da- 
neben selten begegnendes -in, wie in Legsetin (a. 1030) 
und Liudunburin (in der vita Meinwerci) bat schon mehr 
hochdeutsches aussehn. Dagegen zeigt ein im anfange des 
11. Jahrhunderts zu Paderborn niedergeschriebenes im heu- 
tigen Niederhesseu liegendes Ovorandvergian echt sächsi*- 
sehen charakter. 

In Engern ist das bewahrtbleiben des -m kaum sicher 
zu beobachten; dafs Fardium a. 786 und Phardum a. 795 
es noch haben, versteht sich von selbst; ein Betanum vom 
jähre 1024 hat wenig vertrauen; andere beispiele mangeln. 
Das -an gehört eben so wie in Westfalen nicht der alte* 
ren, sondern der jüngeren zeit an; in der zweiten hälfte ded 
11. Jahrb. lesen wir ein Biveran, sowie Batenhusan, Ufhusali 
und StuQipenhusan; ein einziges Holthusan in den tradi- 
tionen von Corvey, noch dazu am rande der handschrift 
durch Holthusen ersetzt, ist von keinem belang. Als re- 
gel gilt 'On oder -un; auch hier ist -un im neunten, -on im 
elften Jahrhundert überwiegend; das hauptdenkmal engri- 
scher Urkunden, jene eben genannten Corveyer traditionen, 
im wesentlichen dem neunten Jahrhundert angehörend, ken- 
nen fast nur -un, welches freilich bei den namen auf ^ku* 
üun^ den häufigsten unter allen, selten zu erkennen ist, da 
die handschrift meistens hus mit einem häkchen als ab- 
kürzung schreibt. Die verderbnifs eines -tn aus dem dun- 
keln vocale ist sehr selten; der ausgang des 11. Jahrhun- 
derts zeigt uns ein Brunisteshusin , Benninhusin und Fri- 
thegotessid. Echtes -in von i- und ia-stämmen ist gleich- 
falls in Engern nicht heimisch, Bnggin aus sec. 10 und 
Gimundin von 1019 sind hier wohl hochdeutsche ein- 



88 Förstemann 

dringlinge. Dagegen scbeint es sich mit den dativen auf 
-iun and -ton eben so zu verhalten wie in Westfalen; so 
sehn wir im 9. jahrh. ein Apulderiun, Boffesburiun, Bariun 
und Walkiun, im zehnten mehrmals ein Bukkiun, am an- 
fange des elften zweimal ein Tundiriun; das jüngere -ofi 
zeigt sich a. 1022 in Lancierion. Wenn wir a. 834 Hern* 
lion lesen, so erweckt diese form auch sonst verdacht, ob- 
gleich die betreffende Urkunde im original erhalten ist. Ge- 
nug, zwischen Westfalen und Engern will in bezug auf 
diese Casusbildungen kein wesentlicher unterschied erhellen. 

Ostfalen wird später als die beiden letztbesproche- 
nen landschaften von karolingischer Jurisdiction und civi- 
lisation durchdrungen, so dafs sogar die platze der beiden 
bischöflichen kathedralen nicht unverrOckt bleiben. Es ist 
kein wunder, wenn hier die Urkunden kaum bis an den 
anfang des 9. Jahrhunderts hinaufreichen. Doch finden wir 
auch noch hier ein altes -i» a. 978 in der form Suevum, 
die vielleicht echt sein mag, während Nortduringum von 
1051 schon sehr auffallt; vollends hat Germadissum von 
1053 eine Variante auf -e««tm, durch die jene form sehr 
zweifelhaft wird. Vereinzeltes -an zeigt sich sec. 1 1 in Bun- 
teshornan auf ostfälisch-engrischer grenze. Die formen 
auf 'On und -un laufen auch hier neben einander her und 
zwar in einer ganz gleichen anzahl von beispielen, während 
auf friesischem gebiete das -on^ auf westfälischem und en- 
grischem das -un entschieden überwiegt. Auch die Priori- 
tät des 'un will in Ostfalen nicht erhellen. Wie sich die 
Stämme auf -i und -ja verhalten , ist aus mangel an genü- 
genden beispielen kaum ersichtlich. Ein Riudiun, sec. 9 
westlich von Goslar ist der einzige beleg für -iun (für -ton 
kenne ich keinen) und auch dieser wird zweifelhaft, da die 
form auf engrischem boden in Corvey niedergeschrieben 
ist. Es scheint fast, als hätte in Ostfalen ein -tn gegolten, 
was zwar nicht aus unorganischen beispielen auf -in^tn aus 
sec. 10 und 11, auch nicht aus Holthusin sec. 10, eher aber 
aus Bukstadin a. 959 und Hirzvurtin a. 1060 erhellt. Be- 
stätigt sich das, so tritt Ostfalen auch hierin thüriDgiscbem 



zur geschtchte altdeutscher declination. 89 

weeen näher als sächsischem, wie wir dafflr ja auch sonst 
so manche andeutungen haben. 

Was uns übrigens bei den södelbischen stammen der 
Sachsen entgeht, ein dem gothischen gleichstehendes -am, 
das gewähren die schleswigschen runeninschriften. Sie lehren 
uns, dals in einer zeit, die schwerlich vor das dritte oder 
nach dem siebenten jahrh. zu setzen ist, dort noch ein foti- 
nam (mercedibuß), empueam (famulis), ein Holtingam (Holt- 
satis) gegolten hat; auch ein pim, welches dem gothischen 
paim (Totg) entsprechen wflrde, ist auf dem tondernschen 
home nicht unwahrscheinlich. 

Im mittleren Deutschland haben wir nach einander 
Thüringen, Hessen und Ostfranken zu durchmustern, von 
welchen landschaflen nur die letzte fast ganz frei ist von 
norddeutschem einflusse. 

Thüringische Urkunden zeigen uns das alte -m 
kaum mehr; ein Swabohusum aus sec. 9, Snabehusum 
aus sec. 10 ist von keiner bedeutung und vielleicht nur 
Schreibfehler. Dagegen ist es auffallend, dafs jener aus- 
gang -an, den wir bisher nur im elften jahrh. fanden, 
grade in einer der ältesten thüringischen Urkunden vor- 
kommt; wir lesen a. 777 ein Osterhusan; leider ist bis 
jetzt kein zweites beispiel dazu gefunden. In hinsieht auf 
-oit und -i«n verhält sich Thüringen fast eben so wie West- 
falen und Engem; im achten und neunten jahrh. scheint 
nur 'un gegolten zu haben; das sehr frühe breviarium 
sancti LuUi kennt in seinen zahlreichen thüringischen for- 
men (die freilich an der hessisch- fränkischen grenze nie- 
dergeschrieben sind) noch kein -on; im zehnten und elften 
jahrh. gehn beide formen neben einander her. Der laut 
mag schon damals ein zwischen o und u sehwankender 
gewesen sein; noch jetzt bemerkt man, dafs in thüringi- 
schen mundarten (z. b. in Nordhausen) kurzes o sich sehr 
dem u nähert Wodurch aber Thüringen sich von frie- 
sisch-sächsischem gebrauch unterscheidet, das ist die grö- 
fsere häufigkeit der dative auf -in. Wir finden sec. 9 ein 
Fruminsteti% a. 1017 ein Altstetin; diesen sehr regelmäfsi- 



90 Fontemann 

gen formen folgen dann durch falsche analogie vor allem, 
wie 80 oft, die auf -ingin^ z. b. sec. 10 Geliingin, sec. 11 
Bezingin, Scidingin, Welehingin, dann aber auch sogar 
bildungen auf -husin wie a. 965 Walenhusin, a. 1013 Mu* 
Hnhusin, a. 1098 Aldinmulbusin; endlich noch einiges an- 
dere wie a. 932 Engilin, a. 980 Mimeleibin. Diese neigung 
zu echtem sowohl als unechtem -m scheint besonders dem 
Unstrutthale eiged gewesen zu sein und dort am längsten 
gehaftet zu haben,* das alte rechtsbuch der Stadt Möhl- 
haueen (aus dem dreizehnten jahrh.) hat eine solche fQlle 
von i (hi nach is giscribin , wa3 rechtis die man heit, di 
di5 corn snitit u. s. w.), dafs ich in der ganzen deutschen 
literatur, etwa mit ausnähme des Annoliedes, nichts dem 
gleichzustellen weifs. Formen auf -iun und -ion finden 
wir weder in Thüringen noch in allen folgenden landschaf- 
ten; sie sind nur friesisch und sächsisch; alle andern volks- 
stämme bieten hier nur -tri mit den üblichen Schwankun- 
gen in die a-declination. 

Das eigentliche Hessen ist zur zeit der sächsischen 
und fränkischen kaiser nur ein kleines gebiet, das sich nur 
über den sogenannten fränkischen Hessengau uud den 
Oberlahngau erstreckt; wenn auch Fulda streng genommen 
nicht mehr darin liegt, so können wir doch eine menge 
von formen, die dort niedergeschrieben wurden, als zeugen 
für hessischen gebrauch ansehn. Ausgänge auf -m sind 
hier nur im letzten verklingen und ganz vereinzelt zu be- 
obachten; ein Eitrahagispringnm aus sec. 8, ein Wintgra- 
bom aus dem jähre 796 und ein Brustlohum aus dem an- 
fange des 9. Jahrhunderts sind die einzigen beispielc. In 
bezug auf das -on und -w» zeigen sich eigenthümliche Ver- 
hältnisse in den bisher beobachteten gebieten; in Friesland 
herrschte das -on bedeutend vor, in Westfalen und Ostfa- 
len halten sich beide enduugen die wage, in Engern errei- 
chen dagegen die -un nahezu den doppelten umfang der 
-0«, in Thüringen und Hessen weit mehr als den doppel- 
ten. Auch in Hessen gehen beide formen neben einander 
her, doch will sich eine priorität des *un nicht deutlich 
ergeben. Für ein -in zeigen sich wenige belege, eigentlich 



zur geschichte altdeutscher deciinatioD. 91 

gar keine. Denn Hessin sec. 8 ist auf rheinfränkischeai 
gebiete niedergeschrieben und die Urkunde uns nur in spä- 
ter abschrifl erhalten ^ Gunnesburin a. 1020 liegt in der 
ecke zwischen Diemel und Weser und gehört einer west- 
fälischen Urkunde an, steht also dem oben bei Westfalen 
angefahrten Liudunburin gleich; Couphyngin a. 1051 sieht 
sehr verderbt aus und ist nicht auf hessischem, sondern 
auf ripuarischem boden der feder «Blossen; verschiedene 
formen für das heutige Schlüchtern an der fränkischen 
Kinzig müssen wir Kheinfirankeif zurechnen. Wir sind also 
darüber ungewifs, wie wirklich hessische pluraldative der 
Stämme auf -i und »ja im neunten bis elften jahrh. aussa- 
hen. Der name des landes selbst lautet Hession a. 887, 
doch in einem westfälischen documente; ein Hessiun a. 
960 ist in Worms niedergeschrieben und zwar, was hier 
wohl zu beachten, unter den äugen kaiser Ottos des gro* 
fsen; so ist also hessisches -ton und ~iun durchaus nicht 
zu beweisen. 

Mit Thüringen, Hessen und Rheinfranken zusammen 
bildete nach dem Verduner vertrage Ost franken den 
ducatus Franciae Austrasiae. Zu diesem Ostfranken aber 
rechne ich hier, was sprachlich mehr als historisch ge- 
rechtfertigt ist, den bairischen Nordgau und die längs des 
böhmischen waldes hinziehende mark, also alles nördlich 
von der Donau liegende land des heutigen Baierns. Hier 
tritt uns sofort eine erscheinung als besonders auffallend 
und bestimmt entgegen, die bäufigkeit des auslautenden 
-m, welche uns hier endlich, gegenüber der dürftigkeit in 
den vorhergehenden landestheilen, die hoffhung erweckt, 
den Untergang dieser form genauer beobachten zu können. 
Ja es sind nicht weniger als 42 beispiele dieses -m aus 
Ostfranken erbalten, mehr als aus irgend einem andern 
deutschen lande, und da diese beispiele fast alle aus Fulda 
stammen, so werden sie auch zugleich mit auf Hessen ein 
licht werfen, wo es daran bisher noch fehlte. Unbestimm- 
ter zeit des achten Jahrhunderts gehören an: Chizzingim, 
Lurungttm, Marahesfeldum, Buomfeldnm, Scegifeldum, 
Swallungom, Swanafeldtun, Tollifeldum, Weterungom; ins 



9tt Fdrstem^nn 

Jahr 772 fällt Hnutilinguni ; daran reiben sich Heiidongom 
a. 783, Pladungom a. 789, Heimengesbusum a. 790, Giu- 
sungom a. 791, Perahtleibesbasom und Marebereshusom 
a. 79H, HeliduDgom und Irminoltesbueum a. 800, Lurangum 
a. 801, Atibu8um a. 803, Bratingum und Wazerlosum a. 
804, Ascfoldum und Atibusum a. 824, Tullifeldum a. 826, 
Heribrunnum und Hohogapleicbim a. 828. Zahlreich sind 
die beispiele, die in angewisse zeit des 9. Jahrhunderts, 
also durchschnittiich in dessen mitte, meistens in dessen 
erste hälfte fallen: Ascfeldom, Adalfrideshusum, Othelmes- 
husum, Baldmunteshusum, Bleichfeldum und Pleibfeldum, 
Bonlantum, Gozfeldum, Grapfeldum, Helidungom, Irminol- 
teshusum, Marcheresbusum und Wagenhusum. Mit ent- 
schiedenbeit der zweiten hälfte des Jahrhunderts gehört 
nur Eicbesfeldum a. 860 an. So können wir es also als 
sicheres ergebnifs ansehn dals auslautendes -m in den da- 
tiven Ostfrankens bis um 8ö0 (neben -n) gegolten hat. Denn 
das auch anlautend barbarisch geschriebene Nhutilingum 
aus dem jähre 1034 wird niemand für einen beleg halten, 
wenn seit 860 alle beispiele verstummen. Dafs auch in 
Ostfranken die endung -an, wie wir froher sahen, nur ei* 
ner Verwirrung des 11. Jahrhunderts angehört, zeigt die 
form Pettinphovan a. 1090, überdies einer bairischen quelle 
entnommen. Das überall sich findende nebeneinandergehn 
des -tili und -on erblicken wir auch auf ostfränkischem 
boden, und zwar wie in Thüringen und Hessen mit über- 
gewicht (wenn auch nicht so entschiedenem) der ersteren 
Schreibung. Der zeit nach scheint hier (doch kann das 
auf zuföllen beruhn, denen die Überlieferung ausgesetzt ist) 
das 'Un später zu beginnen und länger anzuhalten als das 
-0». Den Stämmen auf-« und -ja kommt sicher •in zu: 
Liutolvestetin sec. 8, Stetin a. 815 und 816, Altenstetin a. 
823, Erpfolesstetin aus sec. 9, Brunnonstetin a. 880 sind 
die regelrechtesten formen; auch für Waldsassin a. 775 und 
Waldsazin a. 1000 ist ein stamm ""sazi oder 'sazja anzu- 
nehmen, da wir auch sonst Legsetin, Waldsation lesen. 
Verwirrung tritt erst im elften jahrh. ein, zunächst, wie 
immer, bei den stammen auf -inga: Brezzingin a. 1037, 



Eur geachichte altdeutscher declination. 9 S 

Cbizzingin a. 1040 und 1060. Dem elften jahrb. geboren 
auch ganz unoi^anische Belencfaovin und Beginherishovin 
an, doch kein thüringisches 'husin erstreckt sich bis in 
osifränkisches land. 

I3ie wir an Süddeutscbland kommen, haben wir auf 
die vier gebiete zu blicken, die sich westwärts am Rheine 
und über denselben hinaus erstrecken; hier sind keltische 
formen so zahlreich, dafs f&r das echt deutsche nicht allzu- 
yiel bdidpiele übrig bleiben. - 

Für Ripuarien ist Gisfridinghovum a. 841 der ein- 
zige beleg von 'tn, und ich meine, dafs uns das beispiel 
von Westfalen und den Niederlanden nothigt, auch hier 
das erhalten jenes auslauts bis in die zweite hälfte von 
sec. 9 anzunehmen. Ein -an ist gar nicht vertreten. Das 
'On ist wie in Friesland und den Niederlanden weit häufi- 
ger als -tin und für letzteres weifs ich erst beispiele aus 
dem zehnten und elften, nicht aus dem neunten jahrh. Früh 
ist in Ripuarien die an das Annolied erinnernde verliebe 
für das t eingetreten, auch wo es gar nicht hingehört, wir 
finden Williolvesdielin a. 882, Thiedinhovin (hier ein ort 
bei Cöln) a. 948, Ottingin a. 1051, Reginherishusin und 
Qeistingin a. 1064. Für unbezweifelt echtes -in (furtin, 
-stadin, -gimundin u. s; w.) fehlen uns zufUlig beispiele. 

Auf lothringischem boden um Maas und Mosel ge- 
wahren wir das -m ziemlich lange, wenigstens in bestäti- 
gungen älterer Urkunden. So erscheint ein Marningum a. 
752, 762 und 943, ein Ounthereshusum a. 962 und 1^33, 
ein Molburium im nennten jahrh. Genaueres über die dauer 
dieses -m läfst sich aus diesen daten nicht entnehmen. 
Gunthereshusan a. 1023 ist das einzige beispiel von -an, 
also wieder, den früheren Wahrnehmungen entsprechend, 
aus ziemlich später zeit. Umgekehrt wie in Ripuarien 
überwiegt in Lothringen das -tin, "während das -on zurück- 
tritt und wie es scheint in der mitte des 10. Jahrhunderts 
(Dehsendron a. 969) ganz verstummt. Echtes -in zu beob- 
achten ist keine gelegenheit; ein unorganisches Ruochen- 
husin begegnet a. 1072 auf dem Hnndsrück. 

Auch Rhein franken kennt das alte -m bis entschie- 



94 Föntemaon 

den ins neunte jahrh. hinein. Denn während sec. 8 noch 
unangetastetes Bucheswiecum, Eddingum, Soetzingum, Wor* 
mazfeldum waltet, zeigen sich die beiden formen Feldum 
und Stetim a. 821 und dann wieder 824, wogegen Winigeres« 
husum a. 10 f 6 nur in der Wiederholung einer filteren 
grenzbeschreibung erscheint. Ein -an ist wiederum selten 
und spät (Ossingan a. 960, Servilingan a. 1100). Das -tut 
hat nur geringen vorrang vor dem -on und läuft ihm auch 
zeitlich fast ganz gleich. Die stamme auf -i und -^ UI-' 
den entschiedenes -m, so Stetin a. 835 und 836^ Sweigerin 
a. 988, Sluohterin a. 993, 999, 1003, 1025, Triburin a. 
1000, Hocbstedin a. 1100. In diese analogie föUt dann 
auch, wie fast überall, mehrfaches; -ingin, z. b. Bochingin 
sec. 8; im elften jahrh. finden wir erst wie in Thfiringen 
ganz unorganisches -hu^in^ z. b. Holzhusin a. 1044;» Snep- 
penhusin a. 1051, Immeleshusin a. 1100. 

Für das Elsass liegen weniger beobachtungelemente 
vor als für alle übrigen landschaften, und das ist um so 
schmerzlicher,' als hier alemannisches und fränkisches sich 
gegenseitig durchdrangen; von der endung -4it ist sogar 
kein einziges brauchbares beispiel erhalten. Das -21» wird 
auch hier bis ins neunte jahrh, gedauert haben : Beneveldim 
a. 763, Walahom a. 774, Waloom 776, Walaum a. 780, 
Ediningom a. 788, Scudingum sec. 9. Zwei nördlich von 
Strafsburg liegende orte werden in einer Urkunde von 995 
Richeneshovan und Sveichusan geschrieben, sonst begegnet 
kein -o«. Duntenhuson a. 788, Wangon a. 828, Hosthovon 
a. 884, Walahon a. 953, Hohfeldon a. 968 sind beispiele 
für --on^ während -un nur durch Sweichusun a. 1065 und 
Otthtingun a. 1070 vertreten ist. 

Weit reicheres material als in diesen westlieben ge-^ 
bieten strömt uns in den südlichen landschaften herbei. 
Wir betrachten zuerst die Schweiz. Bis um 830 scheine 
mir hier die erhaltung des alten -m gesichert zu sein, wie 
die von 779 bis 831 erscheinenden beispiele darthun: Dm- 
angum, Scafhusirum, Pluvileshusirum, Hertum^ Zezincbo* 
vum, Panninghovnm, Pottinchovnm und Waltiningum. Bit» 
Quiveldum von 868 und ein Wolvoltes afTaltemm von 896 



zur geschiebte altddutecher declination. 95 

sind arobaisoien, die eineo besondern grund haben mögen; 
übrigens iat der letzte name im St. Galler urkunden- 
bacbe wirklieb aflTalterun geschrieben. Aber wenn eine Ur- 
kunde von 965, die später wieder a. 976 bestätigt wird, 
noch Pfaf&ngboYum und Masilinghovum enthält, so braucht 
man sie nur näher anzusehn, um ssu erkennen, dafs sie 
überhaupt mit den declinationen auf etwas gespanntem 
f\x&e steht und namentlich für den ansgang -um grofse 
vorlidbe/bat; liest sie doch auch inpago Thuregum (Zürich) 
und in pago Curiorum (curia, Chur). Vollends ist auf ein 
Otilingum von 1044 gar nichts tax geben; dicht daneben 
findet man pluraldative auf -an und -€n. — Die endung 
"an erscheint nicht vor 873; die heispiele bieten aufser 
Gutingan und Stadalan die formen Huzzinhovan, Liutma«- 
riuchovan, Bietinchovan , Rammelinchovan, Tetinishovan, 
Strubinhovan, Erachelinchovan , Volhinchovan und Weil- 
henchovan, kein einziges 'humn^ -feldan u. dgl. Ist das Zu- 
fall? oder ist die vocalfolge o-a eine besonders beliebte 
durch den Vorgang der sogenannten brechung geworden, 
die bekanntlich darin besteht, dafs ein folgendes a auf ein 
u der vorhergehenden silbe eine assimilirende kraft äusfert 
und es bis zu einem o-Iaute erhebt? Auch Grimm äufsert 
sich einmal (gesch. d. deutsch, spräche 291): „die ahd. 
mundart liebt in drei- und mehrsilbigen Wörtern, den vocal 
der vorletzten mit dem der letzten silbe auszugleichen^. — 
Wir sahen eben die geltung eines *um bis etwa zum jähre 
830 dauern, kein -om tritt ihm an die seite. Um dieselbe 
zeit, als jenes -um untergeht, erscheinen in den schweize- 
rischen Ortsnamen die gespaltenen formen ^on und -un und 
zwar beide gleichzeitig; Sleiron von 828 und Hertun von 
820 sind die ältesten mir bekannten organischen beispiele, 
die einem sichern datum angehören. Das -un ist häufiger 
als das -0», und zwar im verhältnifs von drei zu zwei, 
doch hört jenes früher auf und ich habe mir unter 33 for- 
men kein späteres beispiel notirt als Hetiningun vom jähre 
911. Auch "bur (thema buri) habitatio ist in. die a-deoli- 
nation übergegangen und bildet z. b. a. 827 Puirron und 
a. 894 PevehtoUespuron. Da dasselbe wort auch in aade- 



96 Fttntemsnn 

ren gegenden als Boran, Sallinporron, Sunnenbore erscheint, 
so wird auch das a. 843 begegnende Steoheboron (Steck* 
born am ufer des Bodensees unweit Arenenburg) dabin 
gehören. Was sollte aber dessen erster theil anders sein 
als ahd. steccho stipes, palus? Stecheboron wiese dem- 
nach auf pfalbauten, und sollten solche (ich habe diese 
anziehenden entdeckungen leider nicht genau verfolgen 
können) bei Steckborn noch nicht gefunden sein, so unter- 
suche mau dort das ufer des Bodensees; die Sprachwissen- 
schaft fordert uns dazu auf. 

Die endung -tn ist in der Schweiz nicht unbeliebt, 
wie noch jetzt schweizerische mundarten gern -i als flexions- 
vocal bewahren nnd nicht in tonloses -a Qbergehn lassen. 
Jene -i/i sind erstlich organische von i- stammen: Parach- 
stetin a. 858, Otmunstctin a. 864, Hovestetin a. 870, Jeste- 
tin a. 876, Pipineshovestetin a. 914, Altstetin seo. 11, Sa- 
milines ruitin a. 942 und 947, Utin ruitin a. 942, Ruitin 
a. 947, Ruttin a. 973; auch in Einsidelin sec. 11 ist es 
nicht gerade nöthig das -tn als unorganisch zu fassen. Dann 
gehn, wie Qberall, die stamme auf -inga gern in die i- 
declination über: Cutaningin a. 799, Aradingin a. 1040, 
Hittingin und Wulvelingin sec. 11. Ganz unorganische for- 
men sind Scafhusin sec. 8, Appilinhusin a. 888, Trullinc- 
hovin a. 875, Dietinchovin sec. 11, Nuzpoumin a. 871, 
Wengin a. 998. 

Es folgt das heutige deutsche Schwaben. Als be- 
lege fQr die bewahrung des -m fQhre ich in chronologi- 
scher reihe an: Liupdahingum a. 761, Purrom und Mercin- 
gum a. 786, Merishusum a. 790, Erfstetim und Cruaningum 
a. 805, Stetim, Erfstetim, Nordstetiro und Crezzingum a. 
817, Honninghovum und Zezinghovum a. 820, Birscachim 
a. 834, Frumarom a. 838, Reodum a. 843; man sieht, wie 
der dem nasal vorhergehende vocal fast ausnahmslos rich- 
tig gewählt ist, so dafs diese schon durch das -m alterthüm- 
lichen formen sich auch von anderer seite als echt und or- 
ganisch kundgeben. Als Zeitpunkt des verschwindens die- 
ses -m (neben dem freilich schon seit längerer zeit ein -n 
hergeht) ist die zeit um 840 anznsehn, was mit dem bei 



zur geschichte altdeutscher declination. 97 

den schweizerischen namen gefundenen ergebnisse gut zn- 
sammenstimmt. Die aufregung während der bruderkriege 
in der familie Ludwigs des frommen zerstörte nicht blofs 
das reich Karls des grofsen , sondern auch alte gestaltun- 
gen der spräche fbr immer durch das schaffen von neuen ; 
oder haben wir nicht ähnliches 1813 — 1815 und 1848 er- 
lebt? Wenn der codex Laureshamensis bo<^ a. 902 ein 
Dicingaom in Schwaben kennt,. so verhindert uns sowol 
das tolle oa als auch die sonstige lässige Schreibung dieser 
späten abschrifl daran, dieser form irgend eine bedeutung 
beizulegen. Ein -an beginnt auch hier (wie in der Schweiz) 
nicht vor dem ende des 9. Jahrhunderts, a. 885 ist Wibelin- 
gan ältestes beispiel, dann folgen bi« 1100 Pazenhovan, 
Engelbereshovan, Husan, Alleshusan, Marchilingan, Mon- 
chingan,^ Metzingan, Tofißngan und ganz unorganisches Hu- 
stetan. Von den beiden dunkeln schwesterformen eines ur- 
sprünglichen -am ist das -un im deutschen Schwaben ent- 
schieden die ältere; ich weifs nahe an zwanzig belege dafür, 
ehe in Gluftarnon a. 817 das älteste beispiel eines -on auf- 
tritt; beide formen reichen auch hier bis 1100 und verein < 
zeit noch weiter. Doch während in der Schweiz das -m« 
nur ein bedeutendes Übergewicht über das -o« zeigte, nimmt 
es im deutschen Schwaben wie in Hessen und Thüringen 
den mehr als doppelten umfang des -on ein. Der ausgang 
"in ist in Schwaben sehr beliebt, mehr noch als in Thü- 
ringen, fast eben so wie in Oestreich. Im 8., 9. und 10. 
Jahrhundert überwiegen organische formen auf -stetinj -sca- 
chin, -riutin^ und nur vereinzelt zeigt sich ein -hofm a. 
857, aber im 11. Jahrhundert gilt vor allem massenhaftes 
"ingin^ nicht seltenes -hofin^ 'kusin und -wangin. 

' Das b airische land südlich von der Donau ist, wie 
oben schon bemerkt wurde, die reichste fundgrube fQr alle 
deutsche namen, Zuerst fällt hier bei oberflächlichem an- 
sehn die ungemeine langlebigkeit des auslautenden -m auf. 
Ganz in der Ordnung sind hier, wenn man an Schwaben 
und die Schweiz zurückdenkt, diejenigen formen, die jen- 
seits 840 liegen: Feldum, Heimincum, Holzhusam und Si- 
tulinessttetim aus sec. 89 Diupstadum von 798, Scalchom 

Zeitschr. f. vgl. sprachf. XYI. 2. 7 



98 Förstemann 

von 805, Ntwinhustini von 814, Wangom, Rihcozeshovum, 
Hrodolvingum, Pacharom und Pergnm von 820, Tomalin- 
gum von 821, Pottinchovum von 830, Cozhiltahusum von 
835, Holzhusum aus der zeit des bischofs Hitto von Frei- 
sing, der von 810 — 835 regierte. Aber schon Tannum aus 
der zweiten hälfte des 9.., Pacharnm, Smidaheimum und 
Urinhusum aas dem 10. Jahrhundert, noch mehr aber Ass* 
kyringum und Winidum von 1010, Stetim von 1030, Ta- 
nabusura von 1050, Tiufstadum, Cotingnm, Guoginhusum 
und Lauppiom aus sec. 11, Gotingum von 1074, Eholvin- 
gum von 1096 fallen aus aller regel heraus. Sehn wir in- 
dessen die quellen genauer an, so mindert sich unser staunen 
erheblich; es sind vereinzelte stellen in Meichelbecks bist. 
Frisingensis, ein paar fölle in der Juvavia von Eleinmaym 
und endlich fünf beispiele aus den ersten höchst uneorrec* 
ten bänden derMonumenta Boica, lauter werke, denen es 
auf buchstäbliche wiedergäbe des handschriftlichen textes 
nicht im mindesten ankommt. Auch das schwanken der 
Orthographie ist höchst verdächtig; neben Guoginhusum 
stehn in derselben Urkunde mehrere formen auf -fin, neben 
Eholvingum sogar Eholvingen und mehrere andere plural- 
dative auf -en. Alles dies erwogen können diese formen 
wohl grofsentheils nur als beispiele übel angebrachter ge* 
lehrsamkeit oder Sorglosigkeit der herausgeber, zum theil 
auch wohl nur als druckfehler gelten. — Dagegen ist es 
erfreulich klar beobachten zu können, wie der ausgang -an 
in Baiern zu derselben zeit auftritt, in welcher er zuerst 
in Schwaben und der Schweiz erscheint. Das älteste 
schweizerische beispiel datiert von 873, das älteste schwä- 
bische von 885, das erste bairische (Perchovan) von 
899; daran schliefsen sich hier nur zwei fälle aus dem 
zehnten, dagegen mehr als f&nfzig aus dem elften Jahrhun- 
dert, darunter erst a. 1090 ein unorganisches (Wibistetan). 
Man sieht recht klar, wie dieses -an erst durch eine erhöhung 
des tones des gemeinen -tin und -on entsteht, eine erhö- 
hung, welche die Vorstufe zum tonlosen e ist. Auch noch in 
einem andern punkte stimmt Baiern auffallend zu Schwaben, 
nicht so gut zur Schweiz. Während nämlich -^n schon 



zur geschiohte altdeutseher declination. 99 

in^ einer ansahl von beispieleD des achten und der ersten 
hälfte des nennten Jahrhunderts auftritt, lesen wir ein -Ati- 
son zuerst 814, so wie das erste -on in Schwaben aus dem 
jähre 817 erschien; mit Karls des grofsen tode verlor in 
diesen landschaften der alte vocal seine ausschliefsliche 
gekung. Nun gehn auch hier --un und Hin in bekannter 
weise neben einander, ersteres fast dreimal häufiger als 
letzteres; in der zweiten hälfte des 11. Jahrhunderts wer- 
den übrigens beide formen in Baiem ziemlich selten. Das 
-in erschallt in Baiern schon im 8. Jahrhundert, doch sind 
grade einige der ältesten beispiele sehr zweifelhaft, da man 
sec. 8 und 9 wol ein »stetin^ -arin, -riutin^ allenfalls •tn^tfi^ 
aber kaum ^husin und -hoßn erwarten sollte. Aufser zwei- 
fei aber steht der niassenhafte gebrauch aller dieser formen 
für die bairische mundart des 11. Jahrhunderts, wo sie in 
dessen zweiter hälfte gradezu die verschwindenden -fin und 
-Oft ablösen und das -en mit vorbereiten helfen; dadurch 
gewinnen diese -tu einen umfang, der sie den 'On fast 
gleichstellt. 

Was jetzt östreichisches gebiet ist, giebt wenig 
anlafs zu bemerkungen. Denn die Salzburger gegend, der 
wir die meisten beispiele verdanken, kann ja eben so gut 
zu Baiem gerechnet werden und hat keine dialektische 
Selbständigkeit. Echtes -m finde ich in Pahmannnm sec. 8, 
Buriom a. 798 und Cheminatum a. 833, also innerhalb 
der in den andern süddeutschen landschaften gezogenen 
grenzen, unechtes und unsicheres in dem a. 930 wiederholten 
Pahmannnm und in dem angeblich a. 927 und a. 1048 vor- 
kommenden Botenmannum. Ein -an habe ich nur in ein 
paar beispielen des 11. Jahrhunderts notirt; es ist in Oest- 
reich grofse Seltenheit gewesen. Das frühere vorkommen 
von •un und -on ist wegen mangels an genau geschriebe- 
nen ganz alten Urkunden nicht deutlich zu beobachten; 
Übrigens ist '-an im verhältnifs zu -tin noch seltener als in 
Baiern ; beide verschwinden wie dort in der zweiten hälfte 
des 11. Jahrhunderts. Auch in Oestreich werden sie durch 
das -tfi abgelöst, welches hier entschieden noch beliebter 
ist als in Baiern; und dabei hält sich Oestreich noch 

7* 



100 Förstemann, zur geschichte altdeutscher declination. 

strenger an den ansgang des themas, da -husin und -hovin 
hier bis jetzt noch unbelegt sind {-ingin freilich ist desto 
häufiger). 

Als eine eigenthümlichkeit der östlich vom Inn gebräuch- 
lieben Ortsnamen mufs ich noch hervorheben, dafs dort 
formen mit pluraldativen von haim domus nicht selten wa- 
ren, während sonst dieses wort als grundwort nur im Sin- 
gular erscheint. Eins der beispiele, Gruckilaheimun, föllt 
in das neunte Jahrhundert, ist indessen wohl erst späterer 
niederschrift beizumessen; die Qbrigen sind jünger. Man 
betrachte Otinheimun und Percheimun a. 970, Pollinchei- 
mon und Smidaheimum sec. 10, Muliheimun a. 1030; fer- 
ner Talaheimon, Papinesheimon, Prunaheimon und Rihhar- 
tesheimon sec. 10, endlich mit organischem -in Talaheimin 
sec. 11, Municheimin a. 1094. Westlich vom Inn liegen 
nur zwei dieser orte und beide nicht weit von diesem flusse 
entfernt; aufserhalb dieses gebiets ist kein beispiel überlie- 
fert, so dafs ein solches -heimun u. s. w. sicher auf die ge- 
gend zeigt, aus der es stammt. Dort hat also 'heim am 
längsten die bedeutung eines einzelnen hauses gewahrt. 

Damit ist die durchmusterung der im dativ pluralis 
erhaltenen alten Ortsnamen geschlossen. Die herausgäbe 
Yon noch unbekannten denkmälern so wie der verbesserte 
abdruck von schlecht abgedruckten wird uns ohne zweifei 
in Zukunft in den stand setzen manches schärfer zu erken- 
nen und vielleicht auch innerhalb der aufgeführten land- 
schaften noch besondere mundartlich verschiedene abthei- 
lungen sondern lassen; aber auch jetzt schon zeigen sich 
bei besonnener erwägung sichere ergebnisse genug. 

Zugleich endet aber auch hiermit die umschau über 
die Ortsnamen in bezug auf den pluralis überhaupt. Denn 
nur nominativ, genetiv und dativ haben in unsern lateini- 
schen denkmälern veranlassung zu erscheinen, für den ac- 
cnsativ ist kaum eine gelegenheit geboten. Reicheren stoff 
und schwerere arbeit wird der singular darbieten, aus dem 
ganzen aber zuletzt eine neue grundlage für topographie 
und Chronologie der deutschen declination erwachsen. 
Dresden. Förstemann. 



Grafamann, die italischen götternamen. 101 

Die italischen götternamen. 

Erste abhandlang. 

Namen die auf italischem boden neugebildet 

sind. 

Das gebiet, auf welchem sich die vorliegende Unter- 
suchung bewegen soll, beschränkt sich auf die in engerer 
Verwandtschaft zu einanderstehenden völkerstämme Italiens, 
schliefst also namentlich die etruriscben, gallischen, messa- 
pischen stamme, so wie die griechischen kolonien aus. Dafs 
nun die mythologische grundlage in jenen italischen stam- 
men, welche ursprünglich der hauptmasse nach als ein 
volk in Italien einwanderten, im wesentlichen dieselbe sei, 
liegt in der natur der sache. Nicht nur, dafs sie die ge- 
meinschaftliche erbschaft indogermanischer götter- und Sa- 
genkreise überkommen haben, sondern es hat sich auch 
auf italischem boden dies erbtheil gemeinschaftlich weiter 
gebildet und gestaltet. Aber auf der andern seite sehen 
wir innerhalb dieses gebietes die weitere entwickelung des 
religiösen bewufstseins, besonders von der zeit an, in wel- 
cher die griechische bildung einen einflufs gewann, in zw^i 
verschiedene richtungen auseinander treten, und darnach 
zwei gruppen von völkerstämmen sich sondern, nämlich die 
lateinisch -oskische gruppe und die umbrische. An die 
letztere schliefsen sich in bezug auf diese entwickelung 
auch die volskiscben und sabellischen stamme an. Was uns 
die lateinischen Schriftsteller über die letzteren mittheilen, 
ist höchst unzuverlässig, da kein einziger der uns von ih- 
nen überlieferten götternamen dieser volkstämme ein ein- 
heimisches gepräge trägt, sondern sie alle entweder in la- 
teinisches gewand gekleidet sind, oder gar nur Übertragungen 
lateinischer götternamen auf verwandt erscheinende gott- 
beiten darstellen. Wir dürfen uns daher hier nur an die 
inschriften halten, wie dürftig auch das material sein mag, 
was sie uns liefern. Halten wir uns an diese einzig sichere 
grundlage unserer Untersuchung,^ so zeigen sich die beiden 
oben unterschiedenen völkergruppen in der weiteren entwik- 



102 Grarsmann 

kelung ihres götterglaubens dadurch scharf gesondert, dafs 
in der lateinisch-oskischen ein streben nach neugestaltungen 
und nach anneignung fremder götterkulte sich geltend 
macht, während in der umbrisch-sabellischen ein zähes 
festhalten an dem überlieferten gotterglauben wahrnehmbar 
ist. Namentlich hat auf die erstere die griechische kultur 
einen in sehr frQhe zeit zuröckgehenden einflufs geübt, von 
dem uns in der zweiten keine spur entgegentritt. Hiermit 
steht die zweite erscheinung im zusammenhange. Denn 
während so der ursprüngliche Volksglaube durch die ein- 
bürgerung fremder gottheiten, und durch Übertragung frem- 
der Sagenkreise und verehrungsweisen auf die einheimischen 
götter manigfach verdunkelt und getrübt wurde, so schuf 
sich nun das volksbewufstsein, gleichsam zum ersatze daf&r, 
eine fast unzählbare menge neuer, oft freilich sehr dürftig 
ausgestatteter gottheiten; häufig reichte irgend eine gering* 
flQgige äufsere veranlassung hin, um neue göttergestalten, 
und ihnen geweihte tempel und altäre auftauchen zu las- 
sen, die dann eben so schnell, wie sie entstanden, wieder 
vergessen wurden. Von diesen neugeschaftenen gottheiten, 
die meist nicht zeit fanden, im Volksleben fester zu wur- 
zeln, oder sich mit tieferem dichterischen oder religiösen 
geiste zu befruchten, finden wir nun gleichfalls in dem zwei- 
ten Völkergebiete kaum eine spur. Vielmehr führen uns 
die hier auftretenden götternamen auf eine sehr frühe, ja 
in den meisten fällen auf die indogermanische urzeit zu- 
rück; und es scheint hier die weitere entwickelung nur in 
der feststellung und ausbildung eines sehr zusammengesetz- 
ten und bis ins einzelne durchgefQhrten rituals bestanden 
zu haben. 

Ich beginne mit der ersten gruppe, der lateinisch -os- 
kischen. Aus den obigen andeutungen ergiebt eich schon, 
dafs der götterglaube dieses Völkergebietes, abgesehen von 
dem unbestinunbaren etrurischen einflusse, und von der nur 
äufserlichen aufnähme der gottheiten besiegter Völker bei 
den Römern, hauptsächlich aus drei bestandtheilen zusam- 
mengewachsen ist. Der hauptstamm ist der, welcher seine 
Wurzeln in die indogermanische urzeit erstreckt, und uns 



die italischen göttemamen. 103 

die ehrwürdigsten göttergestalten des ganzen gebietes vor 
äugen stellt. Auf diesen bauptstamm wurde dann einerseits 
das reich entwickelte und von acht dichterischem geiste 
durchdrungene reis griechischer mytbologie gepfropft, auf 
der andern seite wucherten au» dem alten stamme die was- 
serreiser neu erdachter mythen hervor, die es weder zu 
blüthen dichterischer begeisterung, noch zu firöchten an- 
dachtsvoller Verehrung bringen konnten« 

Ich verfolge diese drei entwickelungen in umgekehrter 
reihenfolge. Der griechische einfiufs zeigt sich zunächst 
in der entlehnung griechischer götternamen. Diese wurden 
theils unverändert aufgenommen, tbeils in einheimisches 
gewand gekleidet, tbeils umgedeutet. Für das lateinische 
ist jene entlehnung bekannt genug. Aber auch das oski- 
sche zeigt sie in reichem maafse; ja sie geht hier so weit, 
dafs nicht blofs götternamen, wie ^ntkXovPiii (dativ), ent- 
lehnt,, sondern sogar adjektivische beinamen in fast unver- 
änderter gestalt aufgenommen sind, wie z. b. meeilikiieis 
(genetiv) als beiname zu juveis auf der pompejanischen 
inschrift (d. zeitschr. II, 55) ganz das griech. /^ctAi^eo^ des 
Zbvq ^mXixtog wieder giebt. Ebenso wird man wohl auch 
den beinamen piistiai (dat. sing.) zu Patanai dem griechi- 
schen nianog gleichsetzen können,, während das umbrische 
statt dessen den acht italischen beinamen Fidius (Fiso) 
gebraucht. Mehr in italisches gewand gekleidet ist zunächst 
der lat. name Latona, welcher aus dem älteren Lato nach 
ähnlicbkeit der so häufigen nameu von göttinnen auf -ona 
weiter gebildet ist. Femer lat. Hercules, Hercoles, 
Herdes, oskisch Hereclo. Denn die bedenken, welche 
Mommsen (unterit. dialekte s. 262) gegen diese entlehnung 
aus sprachlichen und geschichtlichen gründen geltend macht, 
und denen auch Schweizer (d. z. I 1 56) beistimmt, erweisen 
sich als nicht stichhaltig. Zwar hat der lat. name Hercu- 
les, Herdes eine ansstofsung des griechischen vocals und 
einen vocaleinschub an anderer stelle, und das oskische 
Herecio' eine Veränderung des zweiten theils der zusam- . 
mensetzung erfahren. Aber beide namenformen ei^änzen 
sich gegenseitig zu einer älteren form "^Herekles, und von 



104 Grafsmaim 

den beiden Veränderungen hat weder die eine noch die 
andere etwas auffallendes. In der that ist die reihenfolge 
der Umwandlungen: ^Herecles, Herdes, Hercoles , Hercules 
f&r das lateinische eine sehr naturgemäfse. Und noch we- 
niger kann man auf die Umwandlung von -kies in -klo- ir* 
gend ein gewicht legen, da sie schon im griechischen selbst 
vielfach eintritt, und z. b. die formen /IccTQoxlog und Ila^ 
TQoxli^g bei Homer im manigfachsten Wechsel einander ver- 
treten, so dafs z. b. IL 16, 7. 11 die vocativformen IZa- 
rgoxlng und ndrgoxXz in derselben rede miteinander wech- 
seln. Ueberdies war die Umwandlung der dem oskischen 
fremden endung -es in die geläufige -o- durch die spräche 
gleichsam geboten. Gegen ein italisches sufBx -lo, durch 
welches Herek-lo nach Mommsen aus herc-ere abgeleitet 
sein soll, sprechen aber sehr gewichtige gründe. Erstens 
ist gar nicht abzusehen, wie dies dem lateinischen sonst 
so geläufige suffix in >les sollte umgewandelt sein, und man 
wßrde doch wieder genöthigt sein, diese Umwandlung dem 
einflusse des griechischen zuzuschreiben , oder den lateini- 
schen Hercules vom oskischen Hereklo ganz zu trennen. 
Zweitens ist die ableitung aus einem lat. ^herc-ere, was 
Mommsen gleich einem griech. ^xuv setzt, und auf den 
Herkules als einen Z^vg igxeiog^ als den „ausschliefser des 
fremden und störenden aus unserm eignen^ bezieht, schlecht- 
hin unmöglich. Das alte *herc-ere, was in herc-tum her- 
vortritt, kann nicht mit dem griech. l^gxog^ igxsiog zusam- 
menhängen, da in stammverwandten Wörtern niemals lat. 
h dem griechischen anhauch (spiritus asper) entsprechen 
kann, und an eine entlebnung nicht zu denken ist. Auch 
liegt die bedeutung „ ausschliefsen ^ dem lat. hercere ganz 
fern. Nach dem Zeugnisse des Festus: „horctum et forc- 
tum pro bono dicebant^ ist herctum oder horctnm oder 
forctum das gut, und wird besonders von dem erbgute 
gebraucht. Curtius leitet (n. 198) herctum mit Corssen 
aus der wurzel har (br), welche durch k erweitert sei, ab; 
ich glaube, dafs man dasselbe besser mit dem skr. bhr^a- 
jämi, wozu lafc. farcio und frequens gehören, zusammenstel- 
len, und also ursprünglich als das zusammengehäufte auf- 



die italischen gotternamen. 105 

fassen könne.^ Wenigstens hat man dann nicht nothig eine 
erweiterung der wurzel durch k anzunehmen. Jedenfalls 
ist die ableitung des namens Hercules oder Hereclo- auch 
aus dieser wurzel wenig empfehlenswerth. Auch die ge- 
schichtlichen gründe sprechen f&r die entlehnung. Denn 
es findet sich der name nur bei den volksstämmen, bei 
denen eine entlehnung der gotternamen aus dem griechischen 
im grofsartigsten mafsstabe, und zwar schon in alter zeit, 
vermittelt durch den einflufs der griechischen kolonien, statt- 
gefunden hat; hingegen zeigt sich bei der umbrischen völ- 
kergruppe, bei welcher solche entlehnungen überhaupt nicht 
nachweisbar sind, auf den nationalen inschriflen keine spur 
dieses namens. Dafs ein solcher heros wie 'HgaxXiJQ bei 
den kriegerischen Römern und Samnitern bald volksthüm- 
lieh werden konnte, ist nicht zu verwundem. Dagegen 
gehört ein starker glaube an das spiel des zufalls dazu, 
wenn man annehmen soll, dafs die Griechen und Italer 
zufällig so übereinstimmende namen, wie Hercules, Here- 
klo- xxnd'HQccxXrjq zur bezeichiiung von götteru, die man 
jedenfalls doch auch ihrer ursprünglichen bedeutung nach 
verwandt setzen müfste, gebraucht hätten. Man hat, um 
diese unwahrscheinlichkeit zu mildern, angenommen, der 
oskische Hereklo-, dem auch ein römischer Herculus zur 
Seite gestanden haben soll, sei ursprünglich ein ganz ande- 
rer gott, ein gott des ackerfeldes gewesen, und man habe 
nur wegen der ähnlichkeit der namen hernach dem gotte 
die bedeutung des griech. 'Iloaxkijg gegeben, und im römi- 
schen dann auch den namen dem griechischen mehr ange- 
pafst, was freilich im gründe nichts anders ist als eine um- 
deutende entlehnung. Aber auch jene annähme eines ur- 
sprünglichen feldgottes dieses namens ist ganz unbegrün- 
det. Wenn in der inschrift von Agnone, in welcher haupt- 
säcjilicb gottheiten des akerbaues genannt werden, unmit- 
telbar nach dem Jupiter virgarius (diovei verehasioi) und 
dem Jupiter rector (Corssen) oder rigator (Aufr.) (diovei 
regaturei), auch ein Hercules Cerealis (herekloi kerriioi) 
genannt wird, oder in dem Cippus Abeilanus die behand- 
lung des ackerlandes, welches das heiligthum des Hercules 



10^ Grafsinaim 

umgiebt, durch einen vertrag zwischen den städlen, deneiY 
dies heiligthum ' gemeinsam gehörte, festgesetzt wird, so- 
kann man daraus ebensowenig auf einen ursprünglichen^ 
feldgott schliefsen, wie man etwa daraus, dals Jupiter 
gleichfalls in diesem zusammenhange genannt, oder dafs- 
sein tempel hin und wieder von einem heiligen acker 
umgeben war, den schlufs ziehen darf, Jupiter sei ur* 
sprünglich ein feldgott gewesen. Die ganze hypothese 
von diesem feldgott Herculus erscheint daher unbegrün- 
det und überdies ganz ÜberflüSMg, d« die namen Her- 
des, Hercules, oder osk. Hereklo- ganz die formen sind, 
in die der griechische name 'Hgaxk^g im lateinischen oder 
oskischen munde sprachgemäfs übergehen mulste. Weno< 
hiernach die entlehnung des oskischen Hereklo- aus dem 
griechischen feststeht, so wird es wahrscheinlich, dafs auch 
der oskische gott E vklo- (dat. evkloi paterei) der insohrift 
von Agnone aus dem grieoh. evxketjg mit ganz derselben 
Umwandlung entlehnt, also ursprünglich, wie viele göttema- 
men jener inschrift, beiname eines gottes sei, indem osk. 
ev sBs griech. svj wie osk. ov = griech. ov ist. Das grieoh. 
Bvxkir^g ist buchstäblich =3s skr. su^ravas (nom. su9raväs), 
welches im Rigveda sowohl in dieser form (91, 21), als auch 
besonders im Superlativ su^ravastama als beiname der göt- 
ter (des Soma 91,21. 17, des Indra 131,7; 279,5; 665, 8; 
633, 2, der Maruts 640, 20) gebraucht wird, und auch als 
eigenname (53, 9. 10) erscheint. 

Als durch umdeutung aus dem griechischen entstanden 
erwähne ichPollux aus IlokvSivxr^g mit anklang an pol- 
luceo, Proserpina aus It^ga^cpovri mit anklang an pro- 
serpo, Aesculapius aus ^oxlrjmog mit anklang an aes- 
culus. 

Mit diesen griechischen namen der gottheiten wurde 
dann in der regel der griechische cultus und der an diese 
gottheiten geknüpfte Sagenkreis mit herübergenommen, und 
nur selten wurde derselbe durch neue sagen oder durch 
Übertragung alter ausgeschmückt oder erweitert, z. b. dei* 
mythus von Hercules durch die sage von der Überwindung 
des Cacus, von der weiter unten die reäe sein wird. Aber 



die italischen gÖtteroamen. 107 

der eioflufs des griechischen götterglaubens beschränkte 
sich bei den Römern nicht auf einzelne göttergestalten, 
deren Verehrung mit ihrem namen her&bergenommen wurde, 
sondern das ganze göttersystem wurde auf lateinisches 
gebiet yerpflanzt; und die einheimischen götter mnfsten es 
sich gefallen lassen, in diejenigen göttergestalten umgewan- 
delt zu werden, welche man ihnen entsprechend glaubte. 
Die Übrigen altlateinischen gottheiten, denen man keine ent- 
sprechenden griechischen zur seite zu stellen vermochte, 
mufsten daher in dieser vereinäselung immer mehr aus dem 
Yolksbewu Ist sein verschwinden, oder konnten nur noch ein 
verkümmertes dasein fristen. Daneben trat nun die zahl- 
lose schaar neu geschaffener gottheiten hervor, in denen 
sich nur äufserst selten ein tieferer poetischer zug ofifen- 
bart So wurden unmittelbar benennungen abstrakter gegen* 
stände: eigenschafben, zustände, ereignisse in fast unbegränz- 
ter anzahl zu gCtternamen gestempelt; oder es wurden sicht- 
bare g^enstände der natur oder selbst erzengnisse mensch- 
licher thätigkeit zu gottheiten erhoben ; oder es wurden die 
namen griechischer gottheiten der einen oder andern art 
ins lateinische übersetzt me G r sktisLe sss XccQireg^ Coelus 
SB OvQuvoq u. s. w. Häufig endlich wurden adjektivische 
bestimmungen zur bezeichnung von gottheiten, deren eigen* 
Schäften sie ursprünglich bezeichneten, erhoben; wie Dt s, 
Prorsa oder Prosa, Muta, Strenua, Matuta u. s. w. 
Bei Liber, Libera kann man zweifelhaft sein. Von den 
neueren werden diese namen meist auf keißw, libo bezogen 
(Lottner d. zeitsch. VII, 174, Curt. grundz. n. 541) und die 
glosse des Hesychius jiBißijrog Jiopvaog zur stütze dieser 
ansieht angeführt. Vergleicht man jedoch den- Jupiter Li- 
ber der lat. inschriften, das oskische Joveis lovfreis =s Jo- 
vis Liberi, den griech. Zevg 'EXivß-iQiog^ so wie den beina- 
men 'EXtv&igiog^ den nach Pausanias und Arnobius ein in 
Athen verehrter Bacchus fißhrte, so wird es doch viel wahr- 
scheinlicher, dafs Liber, Libera einfach den freien, die freie 
bezeichnet, eine bezeichnuog, die für die betreffenden gott- 
heiten sehr geeignet erscheint. Nicht wesentlich hiervon 
verschieden sind die fiUie, wo Wörter, die später eine en- 



108 GrarHinaim 

gere be^eutung angenommen haben, als namen von gott- 
heiten auf eine urspfinglicb weitere bedeatung zurückwei- 
sen, wie z. b. Patella, umbr. Padella (?) (vergl. Panda), 
osk. Patana von pat€re (pandere), wie es scheint, als die 
die hülsen der ähre öflfhende gottinn benannt ist, während 
patella, patina, sikelisch Tiardva die besondere bedeutung 
„Schüssel^ angenommen hat (Momms. unt. dial. 285, A. K. 
u. spr. II, 80). 

In allen diesen fällen wurden fertige lat. (osk.) worter 
unverändert zur benennung der gottheiten verwandt. Wich- 
tiger für uns sind die falle, wo die namen der gottheiten 
aus lateinischen elementen neu gebildet werden. Die Suf- 
fixe, durch die dies geschieht, ordne ich so, dafs ich die 
vokalischen voranstelle, und die konsonantischen nach dem 
letzten konsonanten reihe (c, t, n, m, v, 1, s), die weibli- 
chen namen auf a aber überall den männlichen auf o (us). 
beifüge. 

1) -o. Aus verben dritter konjugation: Lua (lu-), 
Peta (pet-), Prema (prem-), Panda (pand-), Empanda 
(mit alterthümlichem e statt i), Parcae (parc-, nicht von 
pario), Vica Pota (eine Siegesgöttin, aus vincere und 
pot-ens, pot-is (potiri) gedeutet, und zwar mit recht, wie 
die grofse menge der ähnlichen, ebenso naiven bildungen 
auf o, io bestätigt), Postvorta (post-vort-) Antevorta 
(ante-vort-), Deverra (de-vcrr-), Pronuba (pro-nub-), 
Pertuuda (per-tund-), Subigus (sub-ig-), Perfica(per- 
fic-), so auch in den zusammengesetzten beinamen Domi- 
duca, Iterduca (duc-), Ossipaga (pang-), Clivicola 
(col-). Ferner von verben der 1. konj: Juga (juga- oder 
jug-?), Cuba (cuba-), Incubu8(in-cuba-), Hör ta (horta-), 
Viripidca (placa-), und so wird auch Vitula aus vitulari 
(nicht umgekehrt), Averruncus aus averruncare, Sti- 
mula besser aus stimulare, als unmittelbar aus Stimulus 
abzuleiten sein. Aus verben der zweiten der zusammen- 
gesetzte beiname des Faunus, der Fauna, Lupercus, 
Lupcrca (arce-), aus verben der vierten Sentia (senti-). 
Aus nomen abgeleitet Anna Perenna (annus, perennis), 
Flora (flos), Fontus (fons), Morta(mor8), Carna(caro, 



die italischen götternamen. 109 

sofern sie von der Carda zu trennen ist), TcIIürus (tel- 
Ins), Fulgora (fulgur), Matra (mater), Potua (potiis), 
Victiia, wie wohl statt des undenkbaren Victa (bei Ar- 
nob.) zu lesen ist (victus), und mit Verkürzung des Stammes 
Robigus (robigo), Lima (Urnen), Carda (cardo). Ueber 
Saneus unten. 

2) -io. Erstens aus verben Genius (gign-, wurzel 
gen), Vinci US (vinc-), Egeria (e-ger-), Elicius (e-lic-), 
Seja aus der wurzel sa, se (Leo Meyer, d. Zeitschrift VIII, 
249), aus der se-men, ahd. sämo, lit. semens (plur), altslav. 
s6m§, so wie die reduplicirte form sero stammt, Ajus 
(äj- d. h. *ahio) Lubia (lube-). Ferner aus nomen: Lu- 
crius (lucrum), Feretrius (feretrum), Numeria (nume- 
rus), Edulia (edulus), Catius (catus) Locutius (locu- 
tus), Murtia, auch Murtca und Murcia geschrieben (myr- 
thus = murta Cato.), Clusius (clausus, clusus), Unria 
für *Unctia (unctus), Cinxia für *Cinctia (cinctus), Ru- 
mia (ruma = mamma. Varro), S a 1 a c i a (salax), Segetia 
(seges), Praestitia (praestes), Paventia (pavens), Lu- 
bentia (lubens), Semonia (Semo s. u.), Consus für 
Condius (cönd-), wie umbr. Fiso für Fidio (s. u.), Fidius 
(fides, fid-) Volupia (volup, volupe), Messia (messis). 
Ueber Mäjus, Maja s. u. 

Ferner mit doppeltem sufHxe: 

a) -co-f-io: Patulcius (patulus), Natalicius (na- 
talis), Sodalicius (sodalis), Lacturcia ("^lactor^ lactescn 
vergl. lactoris). 

b) -to-fio; Lucetius, Lucetia (luce-, lux) Ster- 
cutius (stercus vergl. sterculinum, sterqnilinium ), wofür 
auch die einfachere form Stercutus vorkommt. Angitia, 
seltner Anguitia (von *angis.= angui-s skr. ahi-s, gr. 
exi-g) in lat. inschriften marsiscber und nah verwandter 
gebiete. Die Wandlung des inlautenden h griech. ;^ in gu 
(vor vokalen) scheint ein speciell römischer Vorgang. Die 
deutnng der alten (aus anguis) stimmt auch mit der be- 
deutung der göttin als einer göttin der heilung, besonders 
gegen den schlangenbifs überein, und ist der in nebelhafte 



110 Grafsmann 

unbestiaimtheit zerfltefsenden deutung aus ancus (Preller) 
und ago (Mommsen) vorzuziehen. 

c) -ono-l-io: Agonius (ag-), Pellonia (pell-), 
FluoDia, Fluvonia (flu-, vergl. flu-vius) und aus nomen 
Vallonia (vallis) Fessonia (fessus), Feronia, auch 
Faronia, Feronia (far, farris?), Populonia neben Po- 
pulona (populus), Mellonia neben Mellona (mel). 

d) -ur (oder -or)-+-io: Mercurius (merx), wie Ma- 
murius aus Marmor (d. h. Mars. s. u. ) also vermittelt durch 
eine vorauszusetzende form aufor, Yeturius (vet-us, vet- 
-er-is), Agenoria (vergl. Peragenor). 

e) -lo oderulo + io: Noctulius (nox), Sterculius 

(stercus). 

3) -eo. Cardea, Cardinea (cardo), Albunea 
(Albuna, albus), Murtea, Feronea s. v. unter io. Das 
sufBx -uo siehe unter -vo. 

4) -e: Here in Herem Marteam, Herie Junonis beide, 
wie es scheint, aus der osk. umbr. wurzel her wollen, 
welche mit skr. har nehmen, ergreifen, ursprünglich eins 
zu sein scheint, entsprossen. 

5) -i: Arquis (arcu-s). 

6) -CO, oder -ico: Edulica (edulus) bei Aug. Civ. D. 
IV, 11, wo jedoch die lesart unsicher ist. Weiterbildun- 
gen dieses Suffixes zeigen die oben erwähnten Patulcius, 
Natalicius, Sodalicius, Lacturcia. 

7) -to: Segesta (seges, seget-is), also mit Umwand- 
lung des t in s vor t, wie in equestris, pedestris, Moneta 
(mone-), womit obiges Lucetius (luce-) zu vergleichen ist. 
St ata (sta-). Bei ableitungen aus nomen auf o (u) wird 
dieser vocal verlängert : Nodötus undNodfitns (nodus), 
Stercütus (stercus, stercu-linum ), Mätüta (*mato, osk. 
Maato- vergl. mätürus, mätütlnus); Carmenta (carmen); 
über Majesta s. u. 

-eto: Voleta (velle). 

8) -t: Praestites (prae-sta-), Carmentes (Carmen). 

9) »fit: Penates (penus, pennm). 

10) -no: Faunns (fave*), Levfina (leva-), Tutänus 
(tuta-) Vagitftnus (vagita-, vagi-), Praestäna (prae- 



1 



die italischen götternamen. 111 

«sta-), Sentlnus (senti-). Vergl. anten -äno, -ino. Ferner 
mit doppeltem suiBx: 

a) -tur (== tor;-f-no: Säturnus, Saeturnus (war- 
^el *8ä, *8€ 8. V. Seja). Juturna (juva-, jutor), Voltur- 
uns, Volturna ersteres ursprQngHch ein flnfsname, und 
vielleicht mit voltur von volare abzuleiten, nnd vom schnel- 
len dahinschiefsen benannt, käme es von voIvo her, so mQfste 
es ^^Yoluturnus lauten. Manturna (wohl eher zu man, 
moneo gehörig, und mit MivTwg zu vergleichen^ als- zu 
maneo). 

b) -ur (=or)-Hno: Lactu rnus (lacte- vergl. v. Lac- 
turcia), Nocturnus (nox), Alburnus (albus). 

ll)-äno: Silvanus (silva), Soranus (Sora), Patel- 
lana (patella), Statanus (status), Aescnlanns (^aescu* 
lum, aes), Vaticanus (vaticus, vates), Lateranus (la- 
ter). Ueber Janus, Jana, Diana, Yulcanus, Garanus, Re- 
caranus s. u. 

12) -5no: Erstens von nomen auf o: Bellona (bel- 
lum), Duellona (duellum), Pomona (pomum), Epona 
(equus), Orbona (orbus), Populona (populus), Annona 
(annus), von andern nomen: Mellona (mel, mell-is), Bu- 
bona (bos vergl. bubulus, bubulcus), Matrona (mater), 
Latona (Lato s. v.). Der name Angerona wird von 
den alten aus ango hergeleitet; dann ist ein adjectiv *an- 
gerus == Str. ähura-s (bedrängt, unglücklich) anzunehmen. 
Im skr. bedeutet ähürana eng, drückend und als neutrum 
enge, drangsal. Femer von verben: Intercidona (inter- 
-cid-), Abeona (ab-i-), Adeona (ad-i-). Die Weiterbil- 
dungen Favonius, Agonius, Fluonia, Pellonia, Vallonia, 
Feronia, Fessonia s. v. 

13) -ino in zahlreichen adjektivischen bildungen^ von 
denen ich nur die bedeutenderen hervorhebe, und nament- 
lich alle blofs an namen von örtlichkeiten geknüpften über- 
gehe. Zuerst an nomen auf o: Tutelina, Tutilina, 
(tutela), Fabulinus (fabula, fa-), Cluacina, Cloacina 
(cluaca, cloaca, clu-), Ru minus (ruma = mamma), Ar- 
gentinus (argentum), Faustina (faustus)^ Statina, 
Statulinus, Statilinus (status, *statulu8), Jugatinus 



112 Grafsmann 

(jtigum, jngatus), Collatinus (colHs, VoUatus) Libitina 
(libitum, libe), Volutina (volatus), Potina (potus). 
Hierher gehört auch Caprotina von einem ^caprotus, was 
etwa die bedeutung des wilden feigenbaums, des caprificus 
gehabt haben mufs^ mit welchem die Verehrung der Juno 
Caprotina in enger berührung stand ; es würde sich *capro* 
tus zu caper verhalten, wie aegrotns zu aeger. Auf ein 
ursprüngliches neutrum auf -trum weiset hin Meditrina 
(mede-), auf ein neutrum auf tum : Limentinus, Limen- 
tina (^limentum, limen). Aus nomen dritter decl. sind ab- 
geleitet: Montinus (mons), Collina (coUis), Burina 
oder Rusina (rus), Quirinus (curis, quiris), Lucina 
(lux), Honorinus (honor), Hos tili na (hosti-, "hostilis). 
Lubentina (lubens), Paventina (pavens), auf ein adj. 
auf «tris scheint zurückzugehen Nemestrina (*nemestris, 
nemus). Aus verben scheinen hervorgegangen Runcina 
(runca-). Für in a (für-). 

14) ȟno: Vacuna (vacuus, vaca-), Albuna (albus), 
Portun US (porta, portus), über Neptunus s. u.; über den 
Zusammenhang mit -umno s. d. f. 

15) -u mno, mno, -mono, skr. -mäna ursprünglich 
Suffix des particips im medium, aber ebenso wie die partici- 
pial-suflßxe to, no auch als sekundäres suffix gebraucht, was 
hier um so leichter geschehen konnte, da es als partiei- 
pial-sufQx nicht mehr sein volles leben bewahrt hatte. Im 
ursprünglichen sinne zeigt es sich in Vertumnus (vert-), 
Volumnus, Volumna (velle), so wie auch in columna 
(cell-), alumnus (al-), und in vollständigerer form in 
Alemona (al-). Hingegen an nomen gefQgt inPortum- 
nus (portus, porta), Vitumnus, Vitunnus (vita), Pi- 
lumnus (pilus, Pilus), Picumnus (picus, Picus). So an 
participialformen auf to in Clitumnus (aus der wurzel 
cli, woraus clivus, clitellae, letzteres auf ein ""clitus zurück- 
weisend), Neptumnus (worüber unten), wie denn auch au- 
ctumnus (auctus) die gleiche bildung zeigt. Die aneinan- 
derfügung der beiden partipialsuffixe ist entsprechend der 
gewissermafsen umgekehrten von men und to in dem so 
häufigen suffixe -men-tum neben -men (skr. man), welches 



die iUlischen götternamen. 113 

letztere dem participialsuffixe (skr. mäna) nahe verwandt 
ist. Auch in dem na,men der etrurischen göttin Voltumna 
ist die lateinische endung angefügt, oder an die stelle ei- 
ner etrurischen getreten, falls nicht der ganze name aus 
lat. elementen gebildet ist (vergl. Volturnus). Die formen 
Neptünus, Portünus, Vitunnus neben Neptumnus u. s. w. 
zeigen uns den Übergang dieses Suffixes -umQUs in -ünus 
oder -unnus. 

16) -mou (skr. -man, in den starken kasus -man, griech. 
fjidiv) in Almo (al), S^mo (worzel sä, se wie in Säja, Sa- 
men), und aus Substantiven mit Verkürzung des Stammes: 
Tellumo (tellus). 

17) -imo (altes superlativsuffix) in Porrima,(porro). 

18) -vo, -uo, ersteres nach vocalen, und nach einfa- 
chem 1 und r, letzteres nach den übrigen konsonannten, 
gleich skr. -va, -ua. Eigenthümliche erscheinungen zeigt 
dies Suffix nach ursprünglichem s. An dies trat der obi- 
gen darstellung gemäfs das suffix -uo, dann wandelte sich, 
wie ge wohnlich zwischen zwei vokalen, s in r um, und 
endlich verwandelte sich nach dem r der vocal u , dem 
obigen gesetze gemäfs, in den halbvocal, doch blieb in die- 
sem falle bisweilen das u bewahrt. Ein beispiel, in wel- 
chem wir diese Umwandlungen schritt ftkr schritt verfolgen 
können, liefert uns Larva mit der alterthümlichen form 
Larua, und den hiermit zusammenhängenden Lar, Lares^ 
alt Lases (s. u.), wo also Larua nur für ein älteres ^Lasua 
stehen kann. Ein anders beispiel dieser art ist der unten 
zu besprechende name Menerva f&r ^Menesua, gleiche 
umwandlug zeigt auch fur-vus neben fus-cus. — Zu die- 
sem Suffixe gehört Fätuus, Fätua (ursprünglich weifssa- 
gend, von fötum, fa-). Ueber Palatua s. u. 

19) -ivo hauptsächlich in beinamen z. b. Gradivus 
(gradi-). Ferner in Inivus (in-eo), was in alten handschrif- 
ten des Livius gelesen wird, und aus welchem der gewöhn- 
lichere name Inuus hervorgegangen zu sein scheint. 

20) -or: en-f-or in Peragenor (per-ag-). 

21) -tor liefert eine reihe von ackergottheiten, deren 
namen von den verschiedenen thätigkeiten des landmanns 

Zeitschr. f. vgl. sprachf. XVI, 2. 3 



1 14 Grafsmann 

entlehnt sind: Vervactor (verv-ag-), Reparator (re- 
•para-), Imporcitor (im-porca-), Sator (se-r-), Insitor 
(in-ser-), Obarator (ob-ara-), Occator (occa-), Sarrl- 
tor (sarri-), Subrunoinator (sub-runcina-), Messoi^ 
(met-), Convector (con-veb-), Conditor (con-d-), Pro-, 
mitor (pro-'m-). Ferner Stator (sta-) als beiname des 
Jupiter, ganz wie das entsprechende skr. sthätär beiname 
des Indra ist (Rgv. 33, 5; 279, 2; 482, 3; 644, 17; 653, 
12; 666, 1). 

22) -ulo in Anculi, Anculae (Ancus vergl. ancilla), 
Sterculus neben Stercolius (s. o.)) Arculus (arca), Cae- 
culus (caecas), Partula (partus). 

23) -culo in Rediculus (red-i-), Forculus (for-es). 

24) -ali in beinamen z.b. Fontanalis (Fontanus), 
Februalis (februus), Terminalis (terminus), Quietalis 
(quietus). 

25) -ensi in Tereusis (ter-), und in vielen von ört- 
lichkeiten entlehnten beinamen. Uebergangen sind in obi- 
gem Verzeichnisse namen, bei denen die lesart ganz unsi- 
cher ist, so wie auch die gröfstentheils schwankenden und 
vdderlichen beinamen des Priapus und ähnlicher gottheiten. 

Zusammengesetzte götternamen, wenigstens mit eigent- 
licher Zusammensetzung scheinen den italischen sprachen 
zu fehlen. Denn Jupiter, Marspiter, Dispiter, Diespiter 
sind durch zusammerückung entstanden, und zwar die er- 
sten drei im sinne der apposition. Für Jupiter beweist 
dies das umbrische aufs schlagendste, wo der vokativ Ju- 
pater, der dativ Juve-patre (an sechs stellen) lautet, üeber- 
dies ist für Jupiter eine Zusammensetzung in dem sinne 
Jovis pater (wo Jovis als genetiv gedacht ist) ganz undenk- 
bar. Man müTste also eine Zusammensetzung im sinne der 
apposition annehmen; eine solche Zusammensetzung giebt es 
aber überhaupt nicht, sofern sie nicht aus ursprünglicher zu- 
sammenrückung beider appositionsglieder erwachsen ist. Die 
zusammenrückung kann sich stufenweise der Zusammenset- 
zung nähern. Der erste schritt von der blofsen zusam- 
menfögung der worte, welche glieder eines Satzes bilden, 
zu der zusammenrückung ist der, dafs beide glieder ein 



die italischen götternamen. 11$ 

in der regel untrennbares ganze ausmachen, welches nur 
selten durch ein zwischenrQckendes wort unterbrochen 
wird, während doch beide glieder ihren accent behalten. 
Diese art der zusammenrückung finden wir vielfach in den 
vedischen götternamen, z. b. in brahmanas-pati-s, am 
dem genetiy brahmanas (des gebetes) und p&ti-s (herr), 
also „gebetes-herr^; und nur im vokativ, der stets entwe- 
der unbetont ist, oder den ton auf der ersten silbe hat, 
verschwindet dies letztere merkmal der zusammenrückung. 
Seltener zeigt sich diese ziisammenrückung bei andern ei- 
gennamen, z. b. pünappäpa-s, was aus ^ünas (des hundes) 
und 9^pa-s (schwänz) zusammenrückt ist, und wo die bei- 
den glieder in Bgv. 356, 7 durch das enklitische cid ge- 
trennt erscheinen. Der nächste schritt ist, dafs einer der 
accente (am häufigsten der zweite) wegf&llt Wenn dann 
das erste glied deklinirbar ist, so zeigt sich die zusam- 
menrückung in der unveränderten kasusform des ersten 
gliedes, während in ächten Zusammensetzungen das erste 
glied stets in der grundform erscheint, welche sich daher 
in denjenigen sprachen, die das gesetz der Zusammensetzung 
treu bewahrt haben, und namentlich im sanskrit, abgesehen 
von lautlichen Umwandlungen, stets mit voller Sicherheit fest- 
stellen lälst. Insbesondere müssen sich die zusammenrük- 
kungen, bei denen die beiden glieder im Verhältnisse der 
gleichordnung stehen, auf dieser stufe der zusammenfü- 
gung durch die declination beider demente zu erkennen 
geben, wie z. b. im skr. div6 — dive oder djÄvi — djavi 
tag für tag, im lat. quis-quis u. s. w. Der nächste schritt 
ist die Verschmelzung der laute an der anf&gungsstelle, na- 
mentlich durch anähnlichung der konsonanten, wie im lat. 
quicquid neben quidquid, oder in der austofsung eines kon- 
sonanten bei häufungen derselben. Der letzte schritt end- 
lich ist in diesem falle der, dafs die form des ersten glie- 
des in allen casus unverändert bleibt, und nur das letzte 
glied die Casusumwandlungen erfährt. Betrachten wir nmi 
in dieser beziehung die betrachteten götternamen, nament- 
lich den ersten, so zeigt sich im sanskrit und im griechischen 
nur eine häufige zusammenfügung beider glieder, nament- 

8* 



116 Grafsmami 

lieh im nominativ und vocativ, ohne eigentliche zusammen- 
rQckung, skr. nom. diaüs pitä, voc. diaus pitar; griecfa. 
Zevg natrio^ Zev ndtsQ. Im umbrischen finden wir auf 
den iguvinischen tafeln eine zusammenrückung, die im dat. 
juvepatre auf erster stufe stehen geblieben ist, indem die 
getrennte Schreibart an einer stelle (IIb, 7) auf zwei ac- 
cente hindeutet; aber die stets wiederkehrende Verbindung, 
und die an allen übrigen stellen (aufser IIb, 7) verbundene 
Schreibart uns eine schon vollzogene zusammenrückung 
erkennen lassen. Der nominativ liegt uns im umbrischen 
nicht vor; er wird, nach der analogie zu schliefsen, *Ju8- 
-pater gelautet haben. Im lateinischen ist die zusammen- 
rückung auf den nominativ und vocativ beschränkt; und 
zwar ist sie im vocativ auf zweiter stufe stehen geblieben. 
Aber nach den lateinischen lautgesetzen mufste, wenn der 
accent auf die erste silbe fiel, das a sich zu i schwächen, 
ein gesetz, was fürs umbrische nicht gilt, wo z. b. Pre- 
-stata und Prestota dem lat. prae-stit-es gegenübersteht. Im 
nominativ hingegen ist die zusammenfügung einen schritt 
weiter gegangen, indem von den zwei nach dem langen u 
bei unmittelbarer zusammenrückung auf einander folgenden 
konsonanten s und p der erste ausgeworfen wurde, wor- 
auf die häufige vocativform einen einflufs üben mochte. 
Aehnlich verhält es sich mit Mars piter neben Marspater 
oder Mars pater (bei Cato), Marsque pater (bei Ovid). Auch 
in Marspiter zeigt sich die zweite stufe der zusammenrük- 
kung, und hingegen in Maspiter die dritte, indem die kon- 
sonantenhäufung rsp in sp umgewandelt wurde, ähnlich 
wie *torstum in tostum. Die genetivformen Jupitris, Mars- 
pitris oder Jupiteris, Marspiteris, welche Priscian an- 
giebt, und welche auf eine viel engere stufe der Verschmel- 
zung hinweisen würden, zeigen sich nirgends in dem uns 
überlieferten sprachgebrauche, und scheinen nur in den kö- 
pfen der grammatiker existirt zu haben. Dis-piter = Dis 
(Pluto) verhält sich ähnlich wie Marspiter. Etwas anders 
verhält es sich wahrscheinlich mit Diespiter, welches dem 
indischen bcinamen oder namen des Indra divas-pati'S (di- 
vas-pati-s?) ziemlich genau entspricht. Die vergleichung 



die italiscUeti götteruamen. 117 

von brabmanaspati8, welches als ersten theil ohne zweifcl 
den genetiv von brahman (gebet) enthält (s. o.), so wie an- 
derer ähnlich gebildeter vedischer götternamen, macht es 
mir jetzt, im gegensatze gegen meine früher (zeitschr. XI^ 
5. 6) ausgesprochene ansieht, wahrscheinlich, dafs wir auch 
in divaS'patis, und im römischen Dies-piter die zusammen- 
rückung des genetivs divas (des himmels) und patis, oder 
lat pater vor uns haben. Dies wird fürs lateinische be- 
stätigt einerseits durch die nebenform Dies-pater, andrerseits 
durch die formen Dies-pitrem u. s. w. Wenn nun auf diese 
weise zusammengesetzte götternamen vermieden sind, so 
fehlt es doch weder an zusammengesetzten beinamen, wie 
Mulciber, Domiduca u. s. w. , noch an ableitungen aus zu- 
sammengesetzten verben, wie die obige Zusammenstellung 
zeigt. 

Auch im oskisehen gewahren wir, ganz ähnlich wie 
im lateinischen, eine Weiterbildung von götternamen auf 
italischem boden, die natürlich wegen der dürftigen denk- 
mäler einen lange nicht so reichlichen stoff liefern kann. So 
erscheinen namen sinnlicher gegenstände zu götternamen 
erhoben in osk. Diumpa == Lympha, Anafer (Anafriss 
dat. plur.) = imber; Patana = patina, offenbar in glei- 
chem sinne wie lat. Patella und das daraus abgleitete Pa- 
tellana zur bezeichung der göttin der fruchte (s. o.)) Amma 
als die nährende mutter. Ferner durch suf5Sxe gebildet: 

1) -o in Fluusa = lat. Flora. 

2) -k in Vezkei (dat.), was Bugge (zeitschr. V, 9) 
mit recht als *Vetus-cus mit ansfall des vocals im sufKixo 
deutet, wie in senex. Dann müfste man für den nominiitiv 
einen zwischen z und x eingeschalteten vocal (etwa ein e) 
annehmen. 

3) -to in Maato, Es werden die Maato-s (dat. plur. 
Maatois) als morgengötter aufzufassen sein, entsprechend 
der aus diesem stamme maato d. h. miito abgeleiteten rö- 
mischen Mätüta. Die Wurzel freilich, welche in diesen bil- 
dungen so wie im lat. mäne hervortritt, ist noch nicht auf- 
geklärt; denn Bopp's herleitung aus der wnrzel skr. bha 
(vergl- gr. §. 958) ist lautlich nicht zu rechfertigon; ferner 



118 Grafsmann 

in Anter-stata, was lat. *Inter-8tita lauten würde, und 
in Geneta gleich der lat. Genita {revirij wie mit Bugge 
d. zeitschr. V, 10 statt revehj] bei Plut. zu lesen sein 
wird). 

4) -tat in Herentat (Herentateis gen. Herentatei 
Henikinai dat.) von der osk. warzel her = velle, also in 
seiner bildung dem lat. voluntas entsprechend und die Ve- 
nus bezeichnend (Momms. u. dial. 262; Aufr. d. zeitschr. 
I, 160). Vergl. oben Here Martea und Herie Junonis. 

5) -no in Perna (Pernai dat.). Im umbrischen be- 
deutet das adverb perne ^vorne^, und das adjectiv pernaio 
„vorne befindlich^. Danach würde Perna die vorne befind- 
liche sein, also der umbrischen Prestata, den lateinischen 
praestites (Lares) dem sinne nach entsprechen. 

6) -tro in Entra (Entrai dat]. Das oskische en z. b. 
in embratur = imperator entspricht dem griech. ^i^, lat. in, 
während osk. an- dem griech. av-^ skr. an-, lat. in und osk. 
anter dem skr. antar, lat. inter entspricht. Während also 
das lateinische zum schaden der deutlichkeit und durch- 
sichtigkeit die vocale in allen drei fällen in i hat zusam- 
menfliefsen lassen, hat das oskische den unterschied be- 
wahrt. Entra ist also dem sinne nach gleich dem lat. in- 
terna, und das suf&x dasselbe wie in extera (extra). Es 
scheinen hiernach die drei göttinnen: Perna (Prestata), 
Anterstata, Entra einen gegensatz in der aufstellung der 
Statuen dieser gottheiten oder des ortes ihrer Verehrung 
zu bezeichnen, welcher auch einen gegensatz in der ihnen 
zugeschriebenen thätigkeit zur seite gehabt haben wird. 
So wie die Lares Praestites vor den Städten (oder tempeln) 
auf den wegen aufgestellt waren, so wird auch die oski- 
sche Perna, die umbrische Prestata eine ähnliche Stellung 
gehabt haben, die Entra dagegen im innem, etwa wie die 
römische Vesta, während die Anterstata eine mittlere Stel- 
lung gehabt haben mag. 

7) -tur, tor inBegatur (Diovei Regaturei) gleich dem 
lat. rector nach Corssen (d. zeitschr. V, 98), Versor {Jiov* 
fzi Fegöogsi) einem lat. "^versor entsprechend, qui hostes in 
fugam v^tit. Das fem. dieses sufBxes lautet im oekischen 



die italischen götternamen. 119 

>tri (skr. in), im gegensatze gegen das durch ein sekundä- 
res c vermehrte lat. -trix. Dies weibliche sufBx zeigt sich 
in Futri oder Fuu tri (Futrei Kerriiai, Funtrei), was aus 
der Wurzel fu gebildet ist und in der bedeutung dem lat. 
Genetrix entspricht. 

6) asio als adjectivbildung in Verehasio (Diovei Ve- 
rehasioi) =s lat. virgarius; zu vergleichen ist Fluusasio 
(Fld'ttsasiais dat. plur.) dem sinne nach == floralis, dem Suf- 
fixe nach gleich einem *florarius. 

Dafs die adjektive piihio (= piu-s) und lovfer (gen. 
lovfreis) ss liber auch als beinamen der götter vorkommen, 
bedarf hier nur einer erwähnung. Das jedenfalls zusam- 
mengesetzte liganakdikei ist mir dunkel geblieben. 

Grafsmann. 

(Fortsetzung folgt.) 



Lateinisches und romanisches. 

I. 

t. libra kirga; urbs indog. vardhas; opus ops; 

longus dranga; colere. 

Weder Kuhn (zeitschr. XIV, 215 ff.) noch Leo Meyer 
(vergl. gramm. II, 235. 241. 359) haben bei der beweisfQh- 
rung von inlautendem lat. br durch fr aus gräkoital. thr, 
an llbra, das hierdurch mit kirga zusammenfallt, gedacht; 
wobei für die in den uns bewahrten griech. sprachquellen 
nicht hervortretende, wohl dennoch gräkoitalische behau- 
chung auf fälle wie terebra = T£()€r()or zu verweisen ist. 
Die länge des i ist jener des a in (t)lätum zur seite zu 
stellen (vergl. skr. pä, nw-vw, ni-vo)); denn es hat wohl 
Benfey über alle zweifei das richtige getroffen, indem er 
(wurzellex. II, 259) Xl-rga aus rlt-xQa^ folglich das in- 
strument zum tragen, wägen, deutete. Nun wird einerseits 
durch diese etymologie, andererseits aber, vielleicht auf 
gewichtigere weise, durch die lautgeschichte von libra, die 
in neuester zeit wieder au%etauchte vermuthung, wonach 



120 Ascoli 

^id uDum yerisimile, liträ aDtiquum PboeDicum pondas 
fuisse, onde et nomen graecum.Siculis maxime usitatam^ 
auf's entschiedenste widerlegt. 

unter den beispielen von inlautend, lat. rb = rf = 
rdh wird bereits, nach Weber's Vorgang wenn ich nicht 
irre, auch urbs mit vollem rechte gerechnet; nur möchte ich 
in betreff dea asiatischen grundwortes eine wesentliche neue- 
rung vorschlagen. Ich erblicke nämlich darin wz. vaTdb^ 
woraus auch das altpersische den nameo für Stadt, nämlich 
vardana (d. i. gewachsenes, strotzendes, starkes; vgl. skr. 
pur, pure, befestigte Stadt, stadt, wohl die volle, ge- 
füllte) erhält, woneben auch eine kürzere bildung aus 
neupers. -verd, -gerd (Spiegel, keilinschriften 216) zu er- 
schliefsen ist. Lateinisch ur- (ür-) = urspr. var- ist ohne 
alle Schwierigkeit anzunehmen; vgl. ürina zu skr. väri, 
wasser (im sanskrit bei unserer wurzel selbst ürdh-va); und 
meiner ansieht nach ist als genaue indogerm. form ein 
neutr. vardhas aufzustellen, wozu sich, auch wegen der 
geschlechts- und Stammes verirrung, lat. urbs gerade so 
verhielte wie plebs zu nlrj&oq. Also wie ein altes *plebV, 
^plebesis, später, durch schwinden des stammhaften s in 
den casus obl., in die e-declination (gen. plebe-i; wegen ple- 
bes mit langem e, vergl. auch nubes sedes =s skr. nabhas 
sadas), und noch später, durch weitere abstumpfung, in die 
dritte, fast genau so wie Corssen (beitrage zur lat. formen!. 
464ff.) lehrt, übergetreten ist; so wurde auch *urb's-, *urbe- 
sis, entweder durch ""urbes, oder eher unmittelbar, zu urbs 
urbis umgestaltet. Corssen's einwendung gegen plebs 
== 7iXi]&og (ebendas. 203), dafs i> in TtXrj&og ja zusatz der 
wurzelform sei, stellt sich als kraftlos heraus, nachdem es 
erwiesen dafs lat. inlaut. b durch f auch auf gräkoital. & 
zurückgehen kann. Wir fürchten übrigens, dafs der ge- 
nannte forscher^ in betreff des bildungsganges von plebs, 
mit sich selbst nicht völlig übereinstimme; denn es ist in 
der zuletzt citirten stelle von einem sufBx -ie, das an 
ple-bu- antritt, die rede. Auch ops (*opV, ^opesis) und 
opus betrachte ich als ein und dasselbe wort, so dafs der 
grammatikalische gegensatz von plebs und nXij&og {var- 



lateinificbes imd romamsches. 121 



dhas und orbs) ach ioDerhalb des lateinischen wiederholt. 
Das alte apas, welches ^eh, dieser ansieht nach, in ziem* 
lieh alier seit m zwei vaisdiiedenen themen spaltete, hiefs 
werk und erworbenes zugleich; Tgl. skr. ap-as, opus, 
ap-n-as, ops; ancfa hebr. ma*aseh, meläkah, die zu- 
gleich Opas and opes bedeuten; femer mm. lucrare, arbeit« 
. Ueber ved. ardha, womit man bis jetzt hat urbs zu- 
samnoistellen wolloi, mag hier eine knrze erörterung nicht 
überflfissig ersdiein«!. Im petersburger Wörterbuch geht 
ardha, halb, voran; darauf ardha 1) Seite, theil, 2) ort, 
platz, gegoid. Ein etymol(^;ischer versuch für ardha 
fiberiiaapt ist weder dort, noch, so viel ich sehen kann, 
anderswo zu. treffen, wenn man von Leo Meyer's vermu- 
thung (zritschr. VI, 171 f.) absieht, wonach ardh&, halb, 
eigentlich das geschiedene, getheilte, aus altind. 
radh, spalten, sein dfirfte. Dies altind. radh, spalten, 
ist aber, wie ich fürchte, einfach aus skr. randhra, spe- 
cns, gefolgert; ich kenne wenigstens blofs rad, ändere, 
fodere. Die beiden ardha sind mir nun im gründe ein 
und dasselbe wort, das ich von ardh, gedeihen, wachsen 
(= vardh) ableite; und die bedeutungsreihe wird buch- 
stäblich umgekehrt. Ardha ist (so wie z. b. indogerm. 
prathu) das breitgewachsene, das breite; folglich 
ebene, gegend, laud (vgl. t6 Ti^^arv); ferner hüfte, 
Seite, als breites, wie eben latus weiter nichts als skr. 
prathas, breite, ist (eine weitere eränische analogie findet 
sich in mein, frammenti linguistici III, anm. 40.) ; endlich 
Seite, theil, hälfte, halb. Das adjectivum dürfte hier 
vom substantivum, der grammatik nach, durch das regelmä- 
fsig oxytonierte secundäre a abgeleitet sein, die regel- 
rechte vriddhi wäre jedoch unterblieben oder unkenntlich 
geworden; vergl. übrigens apas, werk, apas werktbätig 
und dgl. 

Nach dieser auseinaudersetzung müfste man, um die 
gleichung urbs = ardha aufrechtzubalten , eine zweite 
lateinische Vertretung des wurzel-a (vgl. ard-uus, arb-or) 
annehmen, was freilich nicht unerlaubt wäre; ferner mufs 
aber dabei unserem urworte eine speciell lateinische be« 



122 Ascoli 

deutuDgsentwickelung zugemuthet werden. Durcb indo* 
germ. vardhas, Stadt, wird hingegen das lateinische wort 
sowohl lautlich (aerb-, ürb-; verbena, urb's) als geschieh t* 
lieh vollkommen begründet. 

Hat uns urbs nach Iranien geführt, so mag es ge- 
stattet sein daselbst noch einen augenblick zu verweilen, um 
eines andern lateinischen wortes willen. Lpngus wurde 
scharfsinnig (Kuhn ¥11,63) auf ursprünglich dran gha 
(skr. dragh-, dräghljas) theoretisch zurückgeführt. Stellea 
wir nun mit Oppert und Spiegel altpers. dranga (lange 
zeit) == neupers. dirang auf, und ziehen beides hieher, 
was jedoch freilich seine bedenklichkeiten hat, so wäre 
jene form in Alt- und Neuiranien wirklich vorhanden. Cors- 
sen läfst sich aber jedenfalls einen sehr argen fehlgriff zu 
schulden kommen, wenn er in seinen trefilichen beitragen 
(148) gegen die Zusammenstellung von longus mit einer 
solchen arischen parallele die Schwierigkeit erhebt, dafs wir 
dadurch die Wurzelsilbe dhar oder dhir zu blofsem I ver- 
krüppeln lassen. Es handelt sich ja von rangh aus drangh 
und nicht von dhar oder dhir; freilich schreibt aber herr 
Corssen dhirga statt dirgha! 

Schliefslich erlaube ich mir die bemerkung, dafs wenn 
derselbe forscher (a. a. o. 380 f.) colere auf skr. kar, wie 
ich (zeitschr. XII, 432 ff.) es gethan, zurückführt, dies 
gleichsam aus einem glücklichen mifsverständnisse 
seinerseits geschieht, indem er das von Benfey (VIII9 92) 
vorgeschlagene car mit kar verwechselt. 

2. Zur romanischen behandlung von lat. mödö. 

Am besten ist mödö erhalten im friaul. adverbium 
modant (modo ante; vgl. ä'ltfr. orains, hora ante, Diez, 
11% 441, julienvenetisch adess' avanti), ein augenblick 
vorher, ital. teste; z. b.: l'e lat vie modant (^ andato 
via or'ora), gerade jetzt ist er fort. Mit nachgesetztem 
mödö haben wir aber ein altes eccu' modo aufzutsellen, 
das noch am besten durch friaulisch cumö, a-cumö, jetzt, 
wiedergegeben wird. Weiter findet es sich in dem von 
Diez als vereinzelt dastehend aufgeführten ramen. a-cum, 
a-cü, jetzt, das ich vor zwanzig jähren (folglich als knabe) 



lateinisches und romanisches. 123 

mit der friaulischen parallele zusammenstellte (s. Miklosich, 
die slavischen elemente im rumunisehen 8). Wegen rumen. 
reflexe von eccu% vgl. colö, a-colö, dort (eccu' illoc, 
Diez, ib. 438); und wegen des rein bewahrten u, ital. qua 
= eccu' hac, u. s. w. Der rumenische ausdruck deutet aber 
auf ein rückschreiten des accentes (^ccümodo) bin, das sich 
im sardischen (logudoresischen) como, ora, como c6mo, 
or^ ora, mo mo (rumenisch bei Clemens: aküma-aküma, 
bald; friaul. cumo cumö, or' ora) wiederholt. Das durch 
derlei betonung auslautend gewordene m wurde später im 
rumenischen durch ein kurzes a (ganz wie bei com aus 
quomodo im provenz.: com und com<^a) unterstützt 
(aküm und aküma bei Clemens; akum und akuma 
auch bei Vatllant), und es ging natürlich dieser unorgani- 
sche, schwankende nachhall in die griechische rede über, 
die auslautendes m nicht duldet; folglich neugriech. äxofia^ 
dx6f4i^ axofAt]^ tosk. axo^a (adbnc, ancora, noch), das so- 
mit vom altgriech. axfii^v grundverschieden wäre. — Roma- 
nisch mo' (mödö) s= ora (hora), jetzt, begegnet uns fer- 
ner im friaul. ande-mö (adhuc und etiam) 3= it. anc- 
-ora, mailänd. anca-mö, an-mö, ancora, anche, gia- 
-mo, dt giä, giä, a questa ora. Ob südsardisch immöi 
(mit unorganischer anähnlichung an innöi, lä?), jetzt, hic 
mödü oder aber in mödö voraussetze, mag dahin gestellt 
bleiben; letzteres (gleichsam it. in adesso) mir wahr- 
scheinlicher, vgl. amodo (a modo) in den langobardischen 
gesetzen, Pott zeitschr. XIII, 324. 

Wir wenden uns jetzt an lat. mödS als schlufstheil 
von quomodo. It. como, com e, ist bekanntlich um die 
letzte silbe von quomodo gekommen; andere romanische 
formen (com, cum, co) haben aber zum theil oder gänzlich 
auch die vorletzte davon verloren. Zwar heilst es bei Diez 
(wörterb. unter come): »Für com brauchte der Proven- 
zale auch co, unmittelbar aus quo für quo modo, s* 
Oudendorps register zum Apulejus^; mir ist dies jedoch 
kaum glaublich, weder für das prov. co noch fiir das gleich- 
lautende venezianische co, das insbesondere in redensarten 
wie CO belo! (wie schön!), und in dem adverbialischen 
CO fa (wie; eigentlich: wie es thut) gehört wird. Zwar 



12 1 Ascoli 

ist die mittelsiufe com im venezianischen kaum denkbar; 
fQr die starke apokope ist aber venez. ca = casa zu ver- 
gleichen. Schwerlich hat sich der Romane mit quo be- 
gnügt; es war ja ihm vielmehr com = quomodozu we- 
nig, so dafs er bekanntlich zu come-mente (logud. co- 
mente, franz. comme, comment) kam. Die entstellung 
zu CO ist freilich defswegen merkwürdig, weil darin von 
-modo gar nichts zurückbleibt; derselbe fall tritt aber im 
obigen rum. acü = acüm = a-cumö = 'ccumodo, ein. 
Die venetianische mundart gebraucht ferner ganz gewöhnlich 
CO für it.quando (aufser der frage); z. b. co ti vol, 
quando tu vuoi, co te vedo, quando ti vedo; und es fragt 
sich, ob, wie auch Boerio glaubt, wir hier lat. quum vor 
uns haben („quum fehlt", Diez 11^,459), oder aber co 
= come, wie auch z. b. it. come ti vedo = quando 
ti vedo sein kann. Letzteres wird vielen wahrscheinli- 
cher vorkommen; lat. quam ist aber doch seinerseits auf 
bemerkenswerthe weise durch venez. ca (rum. ca) wieder- 
gegeben: ca, term. antiquato e molto plebeo, che^ di quello 
che: pezo ca Tanemal, peggio dell' animale; megio 
viver ca morir, meglio e la vita che la morte (Boerio). 
In Guglionesi (provinz Molise) wurde mir (16. octob. 
1864) das dortige gne (ne) = it. come als ein linguisti- 
sches problem vorgelegt. Ich dachte sogleich an gni (nji) 
= mi im südrumenischen (Diez I^, 344), auch sonst in 
Süditalien nicht unerhört (neapolit. scigna = scimia); und 
habe gewifs das richtige getroffen, da mir bald darauf eben- 
daselbst in der mundart von Agnone vorgesungen wurde: 
Considcra cügna se feice cur amicö 

Jettavä la seheumä cügne varvajen 
(Considera come si fece quell' amico 
Gettava la schiuma come barbagianni) 

wo wir neben cügne auch cügna (= *cumj-a) treffen. 

Also im venezianischen (und prov.) co die ganze zweite 

hälfte, im molisaner gne die ganze erste hälfte von quo- 

modo verloren. 

Diejenigen it. mundartl. ausdrücke für quomodo, die 

auf modo den accent haben, sind augenscheinlich entwe- 



lateinisches und romanisches. 125 

der reine neubildungen , d. i. romaDische Verbindungen des 
pron. mit modas, oder aber mischformen wo altes und 
neues beisammen stehen. Rein neugebildet ist friaul. ^e- 
-müt (-müd) = come, in und aufser der frage. 



3. lamberare, und anderes. 

Bekanntlich ist uns lat. lambe rare, scindere, laniare, 
überliefert (Festus). Diez ist der meinung, dafs franz. lam- 
beau, herabhangender fetzen oder läppen, in Berry lam- 
briche, fransen, franz. delabrer u. s. w., in keinem gram- 
matikalischen zusammhange damit stehen. „Die form mit 
reinem b, heifst es bei ihm (wörterb. unter lambeau), scheint 
die ursprüngliche: leicht wird m vor diesem buchstaben 
eingeschoben, schwer fällt es aus, drum ist die herleitung 
aus dem muthmafslich wurzelverwandten lat. lamberare 
woraus überdies, streng genommen, das subst. lambeau 
nicht entspringen konnte, anstofsig. Besser tri£% Frisch's 
deutung von delabrer aus labrum lippe, rand, säum, daher 
troddel, fetzen . . . .^ Mir scheint es hingegen, dais alles 
auf ein altes lat. subst. lamber oder lambru-, abgerissenes 
stück, zurückgeht, woraus die regelmäfs. diminutiva lam- 
bellu- und lambriculu-, ferner das verb. lamberare 
(vgl. z. b. sacer, sacellum, sacrare) abgeleitet wurden. Das 
friaulische dürfte uns das grundnomen in gewöhnlicher 
vergröfserungsform : s-lambron, rifs, zerreifsung, wieder- 
geben; franz. lambeau und span. lambel setzen aber un- 
ser lambellu- voraus, während sich venez. s-lambrid- 
dio, pendaglio o pendaglia, auf lambriculu- gründet, und 
des Festus lamberare noch immer in vollster blüthe im 
friaul. 8-lambrä, zerreifsen, fortlebt. 

Friaul. slambrä führt mich wegen seines s (das ich 
indessen als etymologisch, Diez 11^, 397 f. auffasse) auf 
zwei venezianische Wörter, wovon das zweite mit einem 
unetymolog. s (Diez 1% 327) anfängt, nämlich s-bregär, 
zerreifsen, und s-borgna, rausch, crapula. S-bregär 
ist mit neuprov. es-brigä (bei Diez wörterb. 2. ausg. unter 
briser) s. v. a. prov. brizar, brechen, zerbrechen, zusam- 



126 Ascoli, lateinisches und romanisches. 

menzustellen ; und ich föbre es besonders darum auf, um 
mir dabei die bemerkung zu erlauben, dafs wenn wir ein 
altes Wortpaar, sei es nun keltischen oder deutschen Ur- 
sprunges, wie brica bricea (bricia), gebrochenes, zer- 
stückeltes, aufstellen, sich daraus lautgerecht einerseits 
(brica): brica, briga, ^brigar, es-briga, s-bregar, anderseits 
(bricea): bricia, briza, briciolo, *briciare, brizar, briser, 
am leichtesten erklären (s. und vgl. Diez a. a. o.). — We- 
gen s-borgna, rausch, crapula, müssen wir auf protoro- 
manisch adj. ^ebroneo, subst. *ebronia, zurückgehen, 
woraus franz. ivrogne und in Venetien *brogna (borgna). 
Die aphäresis des unbetonten anlautenden e wird durch 
it. briaco und durch das friaul. vreäs, trunkenbold, dem 
ein altes *ebriaceo zu gründe liegt, bestätigt. 

Schliefslich ein problem. In 6örz habe ich öfters, 
als knabe, von meinem vene tisch redenden lehrer den ad- 
verbialen ausdruck: a jaba = in aufserordentlicher menge, 
it. a ufFo, gehört. Später stiefs ich auf rum. giäba (gaba), 
schlechterdings, umsonst, vergeblich (Clemens), de ge- 
aba, gratis, pour rien, envain, inutilement, en pure perte 
(Vaillant; im franz.-rum« th.: gratis, de geabe). Endlich 
ist mir im genuesischen: a giabba, a ufo, a biseffe (biz- 
zefFe), a josa senza spesa (Olivieri), begegnet. Mit dem 
rumenischen worte machte ich zuerst bei Pott, zigeuner 
I, 324 anm., bekanntschaft, wo es neben ung. hijäba, um- 
sonst, steht. Aus Span, jabardo, enxambre pequeno, que 
suele salir de las colmönas despnes de los principales, darf 
vielleicht ^jaba, schwärm, grofse menge (vgl. wegen des 
suff. Diez 11^, 359, z. b. mosca, moscarda) gefolgert wer- 
den, das sich mit ital.-rum. giaba gut vertragen könnte, 
Ueber hijaba und dessen Verzweigungen siehe das ung. 
Wörterbuch; wegen der angränzenden bedeutungen: gratis, 
vergeblich, eitel, vgl. auch Diez unter uffo. 

Mailand, den 5. februar 1866. Ascoli. 



Petters, 4ie Berlita der Cechen. 127 

Die Berhta der Cechen. 

Die mythologen unter den lesern dieser Zeitschrift wer- 
den bereits durch Grohmanns ^aberglauben und gebrauche 
aus Böhmen und Mähren '^ mit der Schreckgestalt öechi- 
«cher kinder bekannt geworden sein, die von der „glänzen- 
den^ göttin keine andre spur mehr an sich trägt als den 
entstellten namen: Parjchta, Paruohta. Grohmann 
erklärt diese namensform für „ aufserordentlich merkwür- 
dig,^, denn sie entspreche nicht der mittelhochdeutschen, 
sondern unmittelbar der althochdeutschen form Perahta. 
Die einwanderung der deutschen göttin müsse daher spä- 
testens im 9« oder 10. Jahrhundert erfolgt sein, vielleicht 
auch noch früher, „weil die gestalt schon früh eine grofse 
Popularität unter dem slavischen volke mufs genossen 
haben ^. 

Diese ansieht scheint nun aber von zwei Seiten her 
angefochten werden zu können. Gh"imm vermag die göt- 
tin Berhta erst aus dem löten oder 14ten, höchstens dem 
13. Jahrhundert nachzuweisen; das auftreten derselben drei 
bis fünf Jahrhunderte früher wäre darum auf böhmischem 
boden kaum weniger als ein wunder, abgesehen davon, ob 
wir nicht gegen Grimms ansieht gut thun, aus berbten-* 
naht erst im mittelhochdeutschen Zeiträume eine persön- 
liche Berhta abzuleiten. 

Was uns bei der beurtheilung von Parychta, Paruchta, 
dem ich aus meiner slavischen nachbarschaft ein weithin 
verbreitetes Perychta anschliefse, noch besonders in be- 
tracht zu kommen scheint, ist die bekannte thatsache, dafs 
zwischen r und einem unmittelbar folgenden consonanten 
sehr häufig ein vocaleinschub stattfindet, mehr oder weni- 
ger deutlich i oder u oder e. Ich sehe aus einem aufsatze 
prof. Benfeys in d. zeitschr. VIII, 4, dafs selbst im sanskrit 
ein solches i begegnet; Weinhold gibt in seiner alemann, 
gramm. s. 26 beispiele wie ersteriben, puriki, perich, fu- 
rihtante und verweist auf die physiologische begründung 
dieses zwischenlautes bei Brücke, physiologie der sprach- 
laute 81. Das namenbuch Förstemanns liefert eine grofse 



12$ Petters, die Berfata der Cechen. 

zabi von beispielen, wie Perich, Perag, Perichtolt, Chien- 
perech. Andre beispiele stebn in Schmellers bairischer 
grammatik §. 637,- in Birlingers augsburgischem „Wörter« 
buch" 367 u. 8. w. 

Ob das mittelhochdeutsche Wörterbuch wohl im vollen 
rechte ist, wenn es berebt als die mittelhochdeutsche 
grundform au&tellt? Auch Weigand thut es in seinem 
Wörterbuch I, 180. Soll nicht das zweite e ebenso für un- 
ursprünglich gelten wie das a von abd. peraht? 

Die anlautende tenuis von Parychta kommt dem abd. 
Perahta gegenüber gar nicht in betracht; die Umbildung 
von Berihta in Parychta ist vielleicht im hinblick auf das 
in cechischen werten im sinne unsers after — , nach — auf- 
tretende pa — entstanden. Parychta könnte vom Stand- 
punkte der cechischen volksetymologen mit „afterrichterin" 
übersetzt werden. 

Viel seltsamer als die besprochenen formen ist das in 
Mähren erscheinende Sperechta, das obendrein ein mas- 
culinum geworden ist. Ist der anlaut des wortes vielleicht 
ein verkümmerter rest eines alten compositionsgliedes? Der 
anhang von Birlingers augsburgischem „Wörterbuch" 472 
gibt ein gedieht von der Butzen- oder Butzbercht. 
Sie droht die kinder einzusperren; das könnte vielleicht 

V 

gar auf eine Volksetymologie Sperrechta (Sperechta) ge- 
führt haben? So viel scheint mir sicher, dafs die deutsche 
göttin mancherlei unbilden bei den böhmischen und mäh- 
rischen Slaven erfahren hat und dafs wir den entstellten 
formen durchaus kein höheres alter zusehreiben müssen als 
dem mittelhochdeutschen Berhta. 

Leitmeritz, 3. april 1866. Ign. Petters. 



Schweizer-Bidler, anzeigen. 1^ 

Vergleichende grammatik der griechischen und lateinischen spräche, von 
Leo Mejer, II, 2. Berlin, Weidmannsche buchhandlnng, 1865. 

Mit diesem theile schliefst der verf. die lehre von der 
bildtmg der einfachen Wörter ab, indem er zuuä(^st von 
Seite 321 bis 438 die bebandlung der wuirzeluomina fort- 
setzt^ dann von s. 438 — 625 die gestalten der abgeleiteten 
Qomina auffQhrt. Ueber den charaoter von L. Meyers for- 
schungen und Ober seine darstellung derselben haben wir 
nichts wesentlich neues zu sagen. Auch hier legt der verf. 
eine QHle von material aus mit besonderer berücksichtigung 
und Scheidung des homerischen Wortschatzes, auch hier 
sucht er die Spaltung eines ursprönglich nur ^inen suf&xes 
in gröfsere oder kleinere reihen oft noch allerdings unter 
annähme bis dahin nicht bewährter lautflbergänge nachzu- 
weisen^ doch erscheint er sonderlich, im zweiten theile des 
buches um vieles behutsamer; nicht minder verfährt er 
auch hier gelegentlich in vergleichung von wurzelelemen- 
ten kühner als es männer, wie Corssen^ Curtius, Schleicher 
fQr gerathen halten mochten. Auf manchen punkten üb- 
ten unverkennbar aufser den sanskritformen, wo M. mit gu- 
tem rechte überall von der vedenspraehe ausgeht, die ger- 
manischen, voraus die gotischen, auf des verf. anschauung 
und urtheil einen grossen einflufs aus, und wir werden zu- 
gestehen müssen, dafs diese namentlich in den n-suf&xen 
nicht ohne bedeutung für die beurtheilung der wortforma- 
tion in den verwandten sprachen sind. Zu weit würde es 
uns führen, wollten wir sufSx für sufSx verfolgen, jedes- 
mal die angenommenen lautübergänge prüfen und schliefs- 
lich unsere Zustimmung oder abweichende meinung äufsern. 
Dafs wir im ganzen uns nicht zu der nüchternheit und 
trennungslust bekennen können, wie wir sie wenigstens in 
der theorie namentlich bei Corssen finden, haben wir nie 
verhehlt, und wir meinen heute noch, dafs im allgemeinen 
die methode Benfeys, Aufrechts, Kuhns, L. Meyers u. a. 
in den vergangen der vedenspraehe einen gewichtigen 
halt hat. 

Zunächst setzt der verf. die behandlung der mit sufBx 

Zeitschr. f. vgl. sprachf. XVI. 2. 9 



laO Schweizer49idler 

-to gebildeten Wörter fort, unter diesen wird als frOb 
verkürzte form aach ydlaxt" = lact aufgefubrt und wie- 
der als WZ. malg „melken^ hingestellt. Wir sehen nicht 
ein, warum hier den germanischen sprachen zu lieb eine 
Wurzel zu gründe gelegt wird, „die durch eigenthümliche 
lautQbergänge undeutlich geworden ist^. Es durfte frei- 
lich erwartet werden, dafs die „milch^ in den indogerma- 
nischen sprachen gleich benannt sei; es ist aber dem ja 
doch nicht so: im sanskrit sind kSira „das ausströ- 
mende'^, payas „das trinkbare^ die gewöhnlichen bezeich- 
nungen, in andern kann „das glänzend weifse^ oder „glän- 
zend fettige^ den namen hergeben. S. 324 heifst es: de- 
fruto, das vielleicht unmittelbar zu unserm brauen ge- 
hört. Zunächst ist zu merken, dafs es Plaut. Pseud. 741 
defrütum, erst bei Vergilius defrütnm lautete. Wäre 
die bei PI. im cod. vet. sich findende lesart defrnctum 
sicher, dann wäre es auch Meyers vergleichung, ist doch 
nicht daran zu zweifeln, dafs deutsches briuwan dersel- 
ben Wurzel sei mit skr. bharg und einst briggvan lau- 
tete. J. Grimm unter wz. brauen rechnet nun aber auch 
tat. fervöre (fervere) als umgestelltes frevere hinzu, wo- 
her die alten defrütum abgeleitet haben, und lautlich 
ist nichts dagegen. Dafs scorto- „fell*^ von scorto- 
„hure^ vielleicht ganz verschieden sei, ist möglich, merk- 
würdig aber immer, dafs in unserer volksmundart eine lie- 
derliche Weibsperson nicht nur „ein luoder^, auch „ein 
ISder^ heifst. Vesta, also wohl auch i6Tia führt der 
verf. auf vas „wohnen^ zurück. Anders jüngst Curtius 
und wir seit langem. Da eine indogerm. wz. vas „leuch- 
ten^ nicht mehr zu bestreiten ist, so wird die Vesta als 
herdgöttin passend von ihr benannt sein. Wie wesentlich 
ftkr den begriff des hauses die feuerstätte gewesen sei, zeigt 
uns aedes {ai&w)^ unser „herd^ in „heimatlicher herd^ 
u. s. f.; „einer, der seinen eigenen rauch fiührt^ heifst bei 
uns, wer ein gemach oder haus bewohnt. Wie hr. M. bei 
hasta an skr. ^ästi denken konnte, ist uns nicht klar; 
„a sceptre^ wird doch nur eine aus „governing^ abgelei- 
tete bedeutung, und die wz. 9 äs sein, wie umgekehrt 



Anzeigen. 131 

danda ^ stock % aach „strafe'^ und „gewalt^ bezeichnet. 
Vergleichen wir got. gazd, ahd. kart „treibstachel% abd. 
kartja »gerte, ruthe, sceptrum^, dann erscheint uns wohl, 
wie im griech. fiskit^^ im deutschen „esche^ der schaft 
als grundanschaunng, und die ableitung von x^^^'^i •bendo 
nicht mehr so farblos als Corssen meinte. Dem suff. -to 
schliefst der verf. als besondere art -ti an. So anspre- 
chend hier die gleichsetzung von lat. miti mit ahd. milti, 
got. milds, erscheint, so ist sie doch nicht unbedenklich 
wegen des dabei angenommenen, für das lateinische unse* 
res Wissens noch nicht erwiesenen lautüberganges. Eine 
analogie wäre vorhanden, wenn wirklich gut tu r, wie der 
verf. annimmt und wie die bedeutung nicht unwahrschein- 
lich macht, fQr gultur steht. So dArlEle mitis fQr mit- 
tis eintreten. Für das umbrische ist es sicher, dafs (muta 
för multa, kumates für commolitis) 1 vor t sich völlig 
auflösen und durch längung der silbe ersetzt werden kann. 
Doch cf. mid. Das verb. potiri wird eigentlich meinen« 
„mit etwas begabt werden ''. Vgl. PI. Amph. I, 1, 23; Capt. 
V. 90 und compotivit Rud. IV, 2, 6. Zu den adjj. auf -ti 
zählt der verf auch die in griechischen Zusammensetzun- 
gen erscheinenden rajÄsai-f ^Ixsai, xigipi-. Die lehre über 
die composition wird uns davon erst den beweis liefern, 
dafs diejenigen unrecht thun> welche in diesen formen par- 
tic. praes. oder subst. sehen. Ueber oatiov und dessen 
verhältnifs zu skr. asthi hat Curtius ausführlich gehan. 
delt. Mit unrecht aber scheint er uns Pictets etymologie 
gut zu heifsen. Die ursprüngliche form wird doch asthan 
sein, und daraus giengen astha, lat. ossu und osso her- 
vor. Ossua und septuaginta sind uns aber ihrer laut- 
lichen entstehung nach noch nicht klar. Bete nimmt 
Curtius s. 318 nicht unwahrscheinlich ÜQr srete von wz. 
ser. fiijn steht in seiner bildung am nächsten dem zwei- 
ten theile von abhi-mäti. Die sufBxe von vates, wohl 
gewifs „Sänger^, und cautes harren noch bestimmter auf- 
klärung. Der abschnitt über die nomin. auf -tar, -rf^Q^ 
"Xri u. s. f. , welche der verf. geneigt ist mit Benfey aus 
-tan entstehen zu lassen, ohne in diesem gerade eine ver- 

9* 



132 Schweizer-Sidler 

balwurzel zu sehen, enthält im einzelnen manches uoan« 
fechtbare, aber auch viel des streitigen. Wir bemerken 
nur, dafs neben linter (339) auch lunter sich findet und 
dafs es uns scheint, die wz. vag (341) sei nicht erst zu 
erschiiefsen^ indem sie uns in va^ra, vä^a, vä^ayämi 
wohl deutlich genug entgegentritt und in vigere, vege- 
tus, augere sich wiederspiegelt. Was die participialfor- 
men betriiSt, so ist es gerade für das part. fut. im lateini- 
schen nicht uninteressant, dafs nicht blofs in der alten 
zeit, dafs es nach Gall. N. A. I, 7 selbst noch bei Cicero 
einzeln nicht congruierte. Auch darin hat das lateinische 
etwas mit dem sanskrit analoges , dafs bei dem inf. fut. 
esse so oft wegbleibt. Kühn weist der verf. uoter das 
sufSx -tra auch die lateinischen -clo -culo; -bro, bulo. 
Sehr precär sind die analogien, welche M. für -clo statt 
-tro, -tlo anzuführen weifs, innerlich und äufserlich viel 
wahrscheinlicher ist die zurückfährung von -bro -bulo 
auf *TQO^ -&Q0 und auch von solchen sprachforschem aur 
genommen, welche man nicht so laut des überspringens 
aller grenzen zu zeihen pflegt. Der verf. hat es unterlas- 
sen die formen -culum -dum geschichtlich zu ordnen, 
wie er dann überhaupt die Chronologie mehr bei den grie- 
chischen formen berücksichtigt. Arbiter wird s. 361 an 
deutsches „rathen^ gehalten. Dazu pafst der sinn nicht 
und es steht ja der alten etymologie lautlich nichts im wege. 
Die suff. -tva, -tvan, -don, -Sov, ^Soivt] etc. bilden den 
beginn eines weitern abschnittes^ indem ihnen auch -tma, 
-tman, -r^ev, *&iio^ -tu, -tavya u. ä. angereiht wei^ 
den. Das lat. masc. ordon haben wir ohne weiteres von 
den subst. auf -don auszuscheiden. Was die syntax des 
supinums auf -tu -su betri£flb, so erscheint es als entschie- 
dener ablativus, besonders in der alten litteratur, und we- 
sentlich auf diese periode ist auch opus est mit sup. auf 
-tu zu beschränken. Aber dafs es auch bei weitaus den 
meisten- adjcctiven bestimmt als ablativus zu nehmen sei, 
wird sich nicht schwer beweisen lassen. Ansprechend ist 
die vermuthung, dafs metus eigentlich „bedenken^ heifse 
und seine wurzel man sei. Reich ist wieder der abschnitt 



anzeigen. 133 

über tya, in welchem nicht nur lat. -tion, griech. -<riä, 
tlvtj etc. auch die lat. adverb. auf -tim und die grie- 
chischen auf "difjv 'Stjv -^Sov etc. als in organischem zu- 
sammenhanfi^e unter sich stehend behandelt werden. Was 
der verf. nur vermuthungsweise Ober conti oäufsert, ist ent- 
schieden richtig. Vgl. index zum ersten bände des Corpus 
inscript. latt. Auf s. 399 ff. folgen die nomina auf -ja, 
auf Suffixe mit kehllauten und die übrigen. S. 410 scheint 
das wort focus vergessen. Der verf. ist nicht ganz un- 
geneigt mit Budenz das k in dQo^uax- u. ä. aus einem t- 
laute entstehen zu lassen, wozu uns bestimmte vereinzelte 
analogien verwandter sprachen noch nicht berechtigen. Hr. 
M. ist offenbar im verlaufe seiner arbeit auch selbst viel 
schwankender geworden. Zahlwörter und ffirwörter bilden 
den schlufs der primären bildungen. Im latein. pronomen 
der ersten person mufste auch mius (= meus, cf. mieis 
auf einer scipioneninschrift, Ritsehl de declin. quadäm lat. 
recond. p. 22) mit berücksichtigt werden. Ungemein reich 
ist nun der abschnitt Ober die abgeleiteten Wörter mit - j a. 
Consequeni; werden s. 447 nicht nur Wörter auf -cio, auch 
solche auf 'dio^ auf -rio zurückgeführt. Uebergangen aber 
sind hier die lat. formen auf -dius in eigennamen, wie sie 
uns im rhein.mus. XI, 295ff. massenhaft vorgeführt wer- 
den. Ihr verhältnifs zu den namen auf -lius ist sicher 
von dem gelehrten verf. jenes aufsatzes nicht richtig be- 
stimmt worden. Schliefslich dürften doch die formen auf 
«-ejus, -lus, -ius dabei auch noch berücksichtigt werden 
müssen. Diese letztern sind in ihrer organischen folge 
von M. ebenfalls nicht behandelt. Wiederum beachtet un- 
ser herr verf. die wichtige Chronologie nicht in den for- 
men auf -arius und -aris. Ritschi 1. 1. p. 20: Velut 
Plautum, Terentium, Turpilium, Catonem, Novium, Afra- 
nium horumque pedisequum Gellium, posteriores autem 
scriptores nuUos auctores habent articularius, mola- 
rius, palmarius, singularius, vulgarius etc. Ueber 
•icius, -itius hat Schulz in seinen quaestt. orthograph. 
gehandelt, gründlicher aber sein recensent Bücheier, jahrbb. 
für phil. 77, 339 ff. Gerade in den auf s. 475 angeführten 



134 Sehweixer^idler 

lateinischen erörtern möckte es schwer sein den ursprnog 
des 1 aus d nachzuweisen: auxilinm ist auf eine ähnliche 
form, wie postulare, zurückzuführen , concilium führt 
uns auf calare, xakelv u. s. f. Aus dem folgenden he- 
ben wir nur noch hervor, dafs herr M. selbst s. 590 seine 
gleichsetzung von lat. lent, lento mit skr. vant zurück- 
nimmt, das lat. -OSO aber 608 in ansprechender weise als 
aus ovento, ovenso entstanden erklärt. & 610 kommt 
der verf. auf die unsers wiesens schon von Benfey vorge- 
schlagene deutung von pedet aus pedvet u. s. f. 

Möge herr prof. Meyer sein umfangreiches werk rüstig 
fortsetzen. Sein buch, läfst es auch namentlich bei dem 
ungeheuren und schwierigen Stoffe manches zu wünschen 
übrig, wird nicht verfehlen mitforscher und jetzt noch 
draufsen stehende wohlthätig anzuregen. 

Zürich, im februar 1866. 

H. Schweizer-Sidler. 



Greschichte der Uteinisohen verba auf -uo. Von dr. Carl Pauli. Stet- 
tin 1866 Verlag von Dannenberg nnd DUhr. 

Der herr verf. ist uns durch seine arbeiten auf dem 
felde der germanischen sprachen bereits vortheilhafl be- 
kannt. Seine forschungen zeichnen sich durch scharfes me- 
thodisches verfahren und consequenz ans, deren principien 
aber nicht von anfsen genommen und als starres gerüste 
über den lebendigen stoff geschlagen werden, sondern aus 
einer eindringenden kenntnifs von diesem selbst hervorge- 
gangen sind. Als zweck dieser abhandlung gibt herr P. 
auf s. 1 den an, zu zeigen, woher die Sonderstellung der 
verba auf -uo im lateinischen ihren Ursprung habe, und 
wi6 diese verba nach und nach sich mehr der dritten con- 
jugation assimilirt haben. Er will (s. 2) die Chronologie 
der lateinischen formen an dem beispiele der verba auf 
-uo aufweisen. Drei perioden der indogermanischen spra- 
chen (s. 2) sind bereits anerkannt; aber eine weitere thei- 
lung der periode der einzelvölker ist noch nicht mit si- 



cherheit bestimmt. Die bezügliche untersacbung mafs so 
geschehen, dafs man einestheils das lexicon, anderseits die 
grammatik darauf hin prüft, und die gesammten resultate, 
welche sich gegenseitig corrigieren, würden eine sichere 
entscheidung herbeiführen. Ein solches resultat soll nun 
des verf.'s vorliegende arbeit liefern (s. 3), Ob nun frei- 
lich dieses resultat ^^dafs das lateinische den nordeuropäi- 
sehen sprachen näher verwandt sei als dem griechischen^ 
nicht durch andere resultate einbufse erleide, ist sehr frag- 
lich; wir weisen nur auf die bildung der stamme hin, wie 
sie uns nun ftkr das griechische und lateinische in Leo 
Meyers reichem buche vorliegt^ und auf die Scheidung des 
kurzen ä in den verschiedenen europäischen sprachen, wie 
sie Curtius jüngst aufgewiesen hat. Sollte aber dieses re- 
sultat auch anfechtbar sein, so bleibt dennoch die Unter- 
suchung noch werthvoU genug, da sie uns auf einem en- 
gern gebiete die eigenthümlichkeiten des lateinischen sehr 
instructiv vor äugen führt. 

Das material im einzelnen ist meist im rechten um- 
fange gesammelt und gehörig gesichtet; doch fehlt es auch 
nicht an kleinen verstöfsen und anzeichen, dafs es erst 
aus secundären quellen geschöpft werden. Bitschis eigene 
forschungen sind nicht hinreichend benutzt und Neue's 
formenlehre, die trotz ihrer von Müller gerügten unvoll 
kommenheiten nun bei solchen Untersuchungen fast unent- 
behrlich ist, finde ich nirgend benutzt. Schon die Unter- 
abschnitte der italischen periode würde der verf. nach ei- 
nem blick in das corpus inscription. latt. I und auf Ritschis 
monumenta kaum in der weise bestimmt und den Übergang 
von doppellauten genauer angegeben haben. Nachdem er 
die gesammten perioden des lateinischen von seiner indo- 
germanischen Wurzel an aufgeführt hat, macht er mit voll- 
stem rechte auf die grofse bedeutung der stammgemein- 
schaft und der tbemengemeinschaft verwandter sprachen 
aufmerksam, welche zwischen der blofsen wurzelgemein- 
schaft und der Wortgemeinschaft liegen. Die themen theilt 
der verf* in stammthemen, bei welchen das thema aus 
einem stamme d. h. aus der untrennbaren einheit einer be- 



JM SchireiMr-lKdler 

deatmigs- and beziefanogswnrzel, bervorgieng, nnd welche 
munentlich die tbemen auf m, n, t nmfaist, ond in wnr- 
zeltbemen, wo das tbema aus zwei oomponierten beden- 
tangswurzeln oder ans der Terdoppelnng derselben warzel 
hervorgegangen ist. Unter die verba anf -no ist hier Al- 
les gerechnet, was in der classischen periode ein präsens 
no zeigt nnd nach der dritten conjugation geht, also anch 
verba, wie ninguo. — Plnxi, das s. 9 aus Zumpt an« 
gefbhrt wird, durfte und mufste wegbleiben. Nicht nur im 
perfectnm, auch im praesens finden sieh bei den elegikern die 
dreisilbigen soluo und valno. Uebrigens hat eine solche 
vereinzelte angäbe kaum etwelchen werth ; diesen bekommt 
sie erst, wenn nachgewiesen ist, was in solchen fällen die 
spräche des lebens erheischte, was Licenz der dichter war. 
In dieser frage waren quellen die abhandlungen von Ritschi, 
Bergk und das buch de re metrica von Lucian Müller. — 
Zu sector stimmt auch das subst secta. Anlälslich der 
darstellung des praesens der verba auf -uo ordnet der 
verf. die conjugationcn in wissenschaftlicher schärfe. Falsch 
ist hier der accent in conjugation VII auf -j& gesetzt. 
Herr P. meint, dafs der wortperiode der indogermanischen 
Ursprache der hiatus im ganzen nicht genehm gewesen sei. 
Jedesfalls im ganzen weniger lästig als später, wie uns 
das eine tiefere betrachtung der vedensprache sattsam lehrt. 
Wir verweisen hier auf die höchst bedeutsamen Untersu- 
chungen Kuhns in den beitragen zur vgl. Sprachforschung 
bd. III und IV. Erwägen wir dazu, dafs schon in der 
vedaperiode nicht selten stamme der fünften conjugations- 
dasse in die erste übergetreten sind, z. b. invati, rnvati, 
so möchten wir mindestens die möglichkeit von verben auf 
-uo schon für die wortperiode der indogermanischen Ur- 
sprache nicht absolut läugnen. Ob nun Schleichers und 
Leo Meyers ansieht, dafs die latein. denominative statuo 
etc. einst hinter u ein ableitendes j gehabt haben, unrich- 
tig sei, darüber zu entscheiden wird uns erst dann erlaubt 
sein, w^nn wir nachweisen können, dafs die italischen 
sprachen kein ableitendes i mehr hinübemahmen. Dals 
die Inder solche denominative mit j a bildeten , steht fest 



anseigeiL 137 ' 

genng. Auf s. 16 möchte der verf. ^iv, vivere als re- 
duplication von gi vincere aafgefafst wissen und fQbrt, um 
das wahrscheinlich zu machen, auch gajatu „er lebe hoch^ 
an; aber dieses bedeutet eben nur „er möge sieger, möge 
obenauf sein!^ Dagegen scheint er uns in der erklärung 
von fluo und ruo gegen Kuhn recht zu haben. Nach 
den fbr imbuo versuchten etymologien und der grundbe- 
deutung des wertes hat sich herr P. nicht genau umgese- 
hen, sonst hätte er dasselbe kaum aus in-fuo zusammen- 
gesetzt sein lassen. Das geht ja auch lautlich nicht an; 
denn die alten bildungen des imperfectums, futurums und 
dat. abl. plur. sind keine zutreffenden analogien. Vgl. Cur- 
tius gr. etym. P, s. 253. Gewifs ist die zurQckfOhrung 
von tuor auf stu der einst von uns gegebenen erklärung 
vorzuziehen. Dagegen wird der verf. mit seiner gleich- 
setzung von &66g mit stava kaum überzeugen; stävas 
heifst nur „der preis^, nicht „der preiswördige^. Sowohl 
bei der nun ihm selbst schwankend gewordenen erklärung 
von Curtius als bei dieser müfste jedesfalls der ausfall ei- 
nes j angenommen werden, wozu uns jedoch gar nichts 
berechtigt. Die wurzel klu findet sich doch auch im got. 
hlutr. Dafs die wz. gluo nicht blofs grammatisches prä- 
parat sei, lehrt Curtius griech. etym. 329. Wir begreifen 
nicht recht, wie der verf. arguo aus ad + gam zusam- 
mengesetzt lassen sein kann. Auch die bedeutung wider- 
streitet dieser annähme aufs stärkste. Arguere heifst „ins 
licht setzen^ und setzt ein nomen argu „ licht ^ voraus, 
dessen wurzel arg „leuchten^ ist. Die analogio von volvo 
kann die bisherige etymologie von solvo(aus seluo) kaum 
umstürzen; sonst wäre eine wurzel des abschneidens sar 
nicht erst zu vermuthen, liegt sie doch in sarpere d. h. 
scarpere vor. Um die perfecta der verba auf -uo zu 
erklären, tritt der verf. auf die bildung des lat. perfectums 
überhaupt ein. Wir läugnen nicht, dafs er dabei grofsen 
Scharfsinn entwickelt, sind aber nicht im stände der kühn- 
beit zu folgen, mit welcher er einerseits vom Standpunkt 
des germanischen und selbst des neuhochdeutschen aus 
das altlateiniscbe regelt, anderseits die ergebnisse von gründ- 



138 Schweiser-Sidler 

Hoher forschung eines LacbmanD, Ritschi u- a. mit ein 
paar Worten meint beseitigen zu dürfen und zu können« 
Herr P. hat freilich keinen unbedeutendem als Bergk auf 
seiner seite, wenn er — allerdings ohne eigene Untersu- 
chung — behauptet, dafs ei im italischen, gar nicht nur 
im lateinischen auch ein e, i vertreten könne, sofern 
nur Bergk sich durch Ritschis, wie uns vorkommt, evi- 
denten beweis jetzt nicht widerlegt glaubt. Mit dieseei i 
des perfectums darf nicht das unter sehr beschränkenden 
bedingungen gebrauchte blofs metrisch gelängte i des prä- 
sens, welches nie ei geschrieben wird, nicht das wiederum 
nur metrisch gelängte e von que verglichen werden. Wir 
begreifen auch nicht, welchen werth herr P. auf das alte 
e in cepet u. s. f. legt, um darauf hin kurzes i des perf. 
zu behaupten, hat uns doch Ritschi sattsam erwiesen, dafs 
gerade im lateinischem dem ei und I ein 6 vorausgegan- 
gen sei. Also diese länge der perfectendungen, und nicht 
nur in erster und zweiter person, in denen i auslautet, 
auch diejenige der dritten vor auslautendem t läfst sich 
nicht wegräumen, läfst sie sich auch noch nicht sicher er- 
klären. Damit ist nun allerdings nicht bewiesen, dafs die- 
ses I ein nothwendiger theil des perfectstammes sei uncl 
die blldung des perf. conj. futurum perf u. f. mufs sich 
nicht an dasselbe anlehnen. Auf eine einfachere form weist 
uns auch deda C. Inscr. L. I, no. 177. Wo (38) über 
posui gehandelt wird, hätte auch das bemerkt werden 
sollen, dafs diese form erst mit und in dem hexameter auf- 
tritt, welcher in manchen beziehungen bedeutend auf die 
Sprache einwirkte. Auch auf s. 44 f. springt der verf. wie- 
der über feststehende Überlieferung mit jugendlichem schritte 
hinweg. Es mag sein, dafs in actus u. s. f. mifsbräuch- 
liche ausspräche herrscht; aber sie hat geherrscht; das 
beweisen uns nicht nur die nachrichten der lateinischen 
grammatiker, es ist bestätigt durch den apex auf zuver- 
lässigen inschriften. Noch gar manches auf dem felde der 
lat. prosodie steht räthselhaft da, wie die länge in qu In- 
tus u. a., dessen wirkliches Vorhandensein man nicht so- 
fort anzweifeln darf. S. 50 kommt der verf, auf die bil- 



anzeigen. 139 

düngen ruitürus etc., welche er för spätere neubildungen 
erklärt. Wir wollen sie nicht als alterthümliche retten, 
und sie mögen in vielen fällen erst durch falsche analogie 
entstanden sein; immerhin legt Ritschi mit recht gewicht 
auf die relative, d. h. för das lateinische, so weit es uns 
bekannt, recht alte form Sa^turnus d. h. Saiturnus, wenn 
auch Sagturnus, Säturnus kaum unmittelbar mit sä- 
ttim zu tergleichen ist, vielmehr in ihm kein anderer als 
der altindogermanische zeugende Sonnengott Sa vi tar zu 
suchen sein möchte. Hier wollen wir nachtragen, dais für 
uns, so weit wir thatsäcblich die eniwickelung des lateini- 
schen kennen, rütus (in rüta caesa) älter ist als rütus. 
Nicht minder geistreich und scharfsinnig als über perfec- 
tum und supinum läfst sich P. über die bildung des infi- 
nitives im allgemeinen und fär die verba auf -uo aus,* 
nur dafs auch hier einzelne sprachliche thatsachen nicht 
gekannt oder berücksichtigt sind. So ist doch nun aus- 
gemacht, dafs der ablat. sing, der dritten declination im 
lateinischen ebenfalls lange schlufssilbe hatte, und bekannt, 
dafs formelhaft auch später noch andere dative auf -e sich 
finden; danach dürfte das s. 54 gesagte berichtigt werden 
müssen. Analogieen und bcdeutung weisen klar darauf 
hin, dafs der lat. infinitivus ein dativus, nicht ablativus 
sei. Auf die frage uns einzulassen, wie der inf. imperf. 
pass. im lateinischen gebildet sei, eine frage, weK-Iie in 
neuern Zeiten mehrfach behandelt wurde, lassen wir uns 
hier nicht ein. Allerdings sind auch wir der meinung die 
oskischen und umbrischen infinitivformen seien accus, von 
o -Stämmen, nicht aber aus dem vom verf. angegebenen 
gründe; denn unsers wissens bilden im oskischen die con- 
sonantischen stamme den accusativus auf -om, mindestens 
die Stämme a^f -ion. Endlich bemerken wir noch, dafs 
die erklärung von fore, wie sie unser verf. gibt, lautlich 
nicht gerechtfertigt ist. Wir sehen keinen grund, der uns 
verböte före als fovere, foure, fore zu fassen. Hiemit 
schliefsen wir die anzeige dieser interessanten schrift, welche 
trotz einzelner mängel für erkenntnifs der entwicklung sprach- 
licher formen bedeutsam ist. H. Schweizer-Sidler. 



140 SehWfteer-Sidler 

StiidJ Ario-Semitici di GraziAdio Isai« Aseoli. Artieolo secondo, letto 
alla CUsse di lettere e seienze mor. etc., nella tornata del 6 IngUo 
1865. 

In dieser italienisch geschriebenen abhandlang tbeilt 
der ans längst rQhmlieh bekannte verf. eine reihe von be» 
merkungen mit bezüglich auf die geschichte der einsilbigen 
themata, welche im sanskritwörterbuch als wurzeln aufge- 
(thbrt werden, und zur geschichte der sanskritconji^ation: 
Es sollen diese bemerkungen zunächst die annähme unter- 
stützen, dafs die semitischen und arischen sprachen ihre 
conjugation wesentlich nach demselben principe gebildet 
haben und auch die gestaltung der verbalthemata näher 
angesehen eine analoge sei, dafs demnach auch yon dieser 
Seite nahe verwandtschaiPb der beiden Sprachstämme anzu<> 
nehmen sei. Aber diese abhandlung, welcher gelehrsamkeit 
und Scharfsinn nicht abgesprochen werden kann, wenn wir 
auch tiefere bcgrQndung der kühnen hypothesen gar zu oft 
vermissen, hat, abgesehen von ihrem hauptzwecke, ein ho- 
hes Interesse für uns, da sie mit steter berücksichtigung 
^iesfälliger deutscher forschungen über das wesen der, wie 
hier angenommen wird, grofsentheils secundären verbal- 
wurzeln sich ausläfst und diese ebenso, wie die charactere 
der conjugation auf nomina agentis zurückfährt, das nomen 
also im indogermanischen vor dem verbum existieren läfst. 
Was die bildung von secundären wurzeln betrifft, so sind 
bekanntlich eine nicht kleine anzahl derselben, wie nament- 
lich die auf -t auslautenden, als Kit, djut u. a. längst 
von Beufey auf nomina zurückgeführt worden; Corss^i 
hat manche lateinische verba mit stammauslautendem c 
von nomina auf -co abgeleitet und wohl die mehrzahl der 
deutschen Sprachforscher hat auch in der conjugation die 
Zusätze na, nu der sogenannten specialtempora langeher 
als nominal betrachtet; aber herr Ascoli geht in beiden 
beziehungen viel weiter und versucht mit steigender, wir 
möchten fast sagen, eigensinniger consequenz und mit bei* 
nahe zügellos freier behandlung der laute sogar den unter- 
schied der special- und allgemeinen tempora aufzuheben, 
auch im futurum und sigmatischen aorist mit den verbal- 



«MelgM. 141 

zasätaeen aafz]iräoin6D. Nicht nur gibt es nach ihm keine 
primitiven wurzeln auf ä, was auch Schleicher u. a. an- 
nehmen, auch diejenigen auf i und u werden schliefslich 
auf ein nichts zusammenschrumpfen. Ich halte es fiQr nicht 
unangemessen einen möglichst kurzen auszug der arbeit mit- 
zutheilen, um des verf. anschaüung und verfahren klarer 
zu machen. In §. 14 will der verf. durch anfQhrung von 
beispielen beweisen, dafs die meisten sogenannten wurzeln 
mit auslautendem -u und -i durch nomina agentis (?) auf 
-a-va und aja hindurchgegangen seien, so dru durch 
dra-va (drava-ti Jaufend — er^. Dra finde sich mit 
einfachem gleichbedeutendem suiBx in dra-a-ti (dräti), 
mit su£P. -ska in StdQcc-axto^ mit skr. ma in dra*ma-ti 
{Sgi'fiB-i), Ebenso ja=:: da dita^ ja-ma-ti, ja-kkha'ti, 
ju = )av(a); giga-a-ti, ga-ma-ti, ga-Kkha-ti, gu 
= gav (a) ,)iens^, g&us. Mit verschiedenen Suffixen von 
derselben primitiven wurzel stammen ^i „vincere^, gu 
„properare", wie dl, dxda-ja-ti, du, und zwar ist diese 
WZ. ^a =s ga, welcher auch gnä d. h. ga-ana „durchs 
dringen % erkennen und ga-n(a) „erzeugen, hervorgehen 
machen^ entspriefsen. Zu gi, gu cf. tar, türv; dhü, 
dha-va-ti liegt neben dha-ma-ti; vielleicht bha-a-ti 
neben bha-va-ti. Sind sru, snu schon doppelt abge- 
leitet? käa neben käi (käa-ya-) zeigt sich in käa- 
-tra (x(>a«rog?!). Ein zweites käi „ruhig verweilen '^ hat 
zur Seite käa-ja, ksa-a(ä), käa-m(a), ksa-p(a), 
das dritte ksi „zerstören^ ein kda-ja, ksa-nu*tai 
und ksa-da-tai {ff&ag-y i(f&aQza, Qri (^ra-ja-ti) 
stellt sich so zu kra-ma-ti, dessen primitiv in par, 
parana „Zuflucht^ sich spüren läfst, zu kr a-va, wo- 
her lat. crtls d. i. cravas, und gru in in-gruo, con* 
gruo (g = k, wie in skr. sangrama „Schlacht^; besser 
wären quadraginta etc. aufgeführt). Ql, paitai vergl. 
mit 9a-d, cadere; pri mit pra-a-ti und kva-tha-ti; 
ml „perire^ mit ma-ra, mar; nl mit nätha und na-ra 
„vir^, „dux^. Wie ml zu mar verhält sich smi zu 
8 mar, eigentlich beide „seinen sinn sehnsüchtig auf etwas 
richten'^. So viel geht unseres dünkens allerdings aus dem 



142 Schweizer^Sidler 

angefahrten, dessen Sicherheit freilich nicht immer die^lbe 
ist, hervor, dafs eine grofse anzahl der als einfach ver- 
zeichneten wurzeln wirklich erst secuud&r sind, und dafs 
von diesen secundären manche auf verbalnomina beruhen, 
ohne dafs letztere jedoch nothwendig nomina agentis sein 
mfifsten. 

§. 15. Solches ma enthält auch, was längst ausge* 
macht ist, lat. dor-mio 'dra^-m-ja-* ti neben dra-a-ti^ 
wie tre-mo neben tra-sa^ti. ja als exponent von no- 
mina agentis wird aber doch nicht ohne weiteres durch das 
gleichartige -ju in ja^-ju u. s. f. erwiesen. Auch -ska 
soll ferner dieselbe function haben und dieses durch die 
gleichartigen -sja und -snu bezeugt werden, wie z. b« 
skr. mat-sjä „trinker^ und lat. pi*scis (pa-sca) „trin- 
ker'^ wesentlich dasselbe sufHx haben. Das ist kaum zwei- 
felhaft, dafs dieses -ska dasselbe sei mit dem secundären 
i-axo, dem baktrischen -pka u. s. f , abergeben wir auch 
zu, dafs die inchoative und diminutive bedeutung ebenso 
des etymologischen grundes entbehren, wie in -ra und -ka 
der skr. diminutiva, so sind wir damit noch nicht berech- 
tigt ska als exponent von nom. agentis aufzufassen. Auch 
die WZ. i „gehen^ soll ihrer ursprünglichkeit verlustig wer« 
den; denn sie scheint herrn A. aus aja(ti) hervorgegan- 
gen. Das primitive a finde sich in a-<^ca d. h. a-ska 
„gegen", „zu'*, geschwächt in i-l^kh d. h. -i-sk. Und das- 
selbe -ska erkläre uns nun aufs einfachste prakkh neben 
pru d. h. pra-va-(tai) „er geht" (?) und plava-(tai). 
Das sufBx -ska gieng nun wieder in -äa über (ska, 
ksa, k§a, äa), ein procefs, der gewifs nicht zurück- 
gewiesen werden darf Der verf. vergl. laS (neben la- 
-la-ti) mit lasc-lvus, bhä-äa-tai mit (pd-ffzw, skr. 
lä und ih mit il^kfa, i-sk. Aber auch die suff. a, ta, ra 
(la), ka, na und endlich pa sollen nom. ag. bilden. Für 
na weist herr A. auf gina „siegreich", die verwandten -ni, 
ana, nu hin. Dem suflSxe -pa, welches, wie gesagt, wie- 
der ein sufSz für nom. agentis sein soll, widmet der verf. 
einen längern abschnitt. Es ist ihm dasselbe -pa, wel- 
ches in manchen skr. causativa erscheint, aber durchaus 



anzeigen. 143 

nicht den cau«ativen character in sich trägt. Das wird 
demjenigen, der Benfeys schöne abhandlung kennt, kaum 
damit bewiesen sein, dafs sar-pa-ti im wesentlichen das 
gleiche bedeutet als sar-a-ti, tar-pa-ti auf einer linte 
stehen soll mit tra-a-ti „ halten % dafs käa-pa-ti ne- 
ben ksha-ma-ti, kal-pa-tai neben kar-a-ti, kr-pa- 
«>tai neben kra-da-tai, tu«.pa-ti neben tu-da-tai 
liegen. So verhalten eich auch *va-bha*ti, va-pa-ti zu 
va»ja-ti, ^al-pa-ti zu gar-a-tai, stau-bha-ti zu 
"^sta-va-ti. Käi-p und ksi sind unter sich nicht weit 

# 

entfernt, gleichbedeutend lup und lü. Ebenso stehe die 
Sache in ifaX-no-, welches sich auf derselben linie mit 
&BQ'Of ö-sQ'fA.Oy ind. ghar-ma, lat. for-mo, fer-v' be- 
finde. Nichts causatives lasse sich spüren in Ö^ji-Tto) oder 
in carpo, wenn sie einem dar,^ar an die seite gestellt 
werden, nichts in dä-Tt^Tw und seinen indischen genossen 
da-bha-ti, wenn sie mit da-a-ti, da-ja-tai vergli- 
chen werden; nichts in rgv-nr^j towicccj im Verhältnisse zu 
reoib), TQVODj oder in den germanischen dro-p (skr. dra- 
-p-sa), bo-p'-sa neben skr. drä, dru und bhl. Selbst 
in sta-bh, idnrw^ ßkctnvto liege das causative nicht in 
dem p, sondern es könne entweder symbolisch in den 
Oforigen dementen dieser formen ausgedrückt sein, oder es 
dürfe geradezu neutrale und active bedeutung in einer und 
derselben wurzel angenommen werden. Nichts folgerich- 
tiger als dafs nun herr A. versucht auch in den wirklichen 
causativen solches p als unwirksam darzustellen. In da- 
-pajati habe -pajati gar keine andere bedeutung als 
(a)ja- in tärajati, demnach sei da-pa gerade so ein 
thema wie tar-a. Er sieht in -pa etwas ähnliches als 
in griech. xa in den perfecteu und aoristen. Wie pa 
regelmäfsig nur bei den sanskritww. auf -a erscheine, so 
griech. xa bei Homer noch blofs nach vocalisch auslau- 
tenden Stämmen. Um die folgenden zusätze besser aus- 
einander zu halten und die formen in gleiches mafs zu 
bringen, fügte sich in ähnlichen föllen der typus in pa 
oder in xa an statt des einfachen in -a. Solche forma- 
tionen, relativ neu, giengen von verben aus, in denen beide 



144 Schweizer-Sidler 

typen existierten (da-a und *da-pa, danavij, &bb und 
^£-xe, fa-c-io), von denen der umfangreichere sich spä- 
ter, wie es zu geschehen pflegt, auf eine besondere bestim- 
muog beschränkt, und die analogie drang nach und nach 
in die gleichartigen verba ein. Reiner zufall sei es, dafs 
gerade -pa das caussativum der verba auf -a bilden half, 
wie das päjajati«» sthälajati beweisen. Auch aafser 
der conjugation haben wir -pa -bha in u^-a-^pa, pus- 
-pa, dhü-pa = dhü-ma, rü-pa (väs-pa nach Aufrecht 
von vär), vielleicht in vrsa-bha u. s.f. Da herr A. 
pa als ein ähnliches pronomen der dritten person meint 
fassen zu dürfen, wie solche in den suff. -a, »ta, -na 
u. s. f. vorliegen, so wagt er pa-ra als comparativ des- 
selben aufzustellen, das in dieselbe categorie mit i-tara, 
an-tara gehöre. Mögen wir auch mit dem verf. über 
die bedeutung des p in causativen verbis nicht einig ge- 
hen, so ist diese letzte freilich nur flüchtig hingeworfene 
bemerkung beachtenswerth. Wie para neben apara, so 
steht deutsches af, ab neben fona, pi in pidhäna neben 
api, iTii, ob, ni neben ivi etc. 

§. 16. Da macht der verf. zunächst auf themaformen 
aufmerksam, die in doppelter weise an das vorausgegan- 
gene sich anknüpfen. Dip (daj'pa) hat neben sich be- 
kanntlich die Varianten div, dju, aus dem letzteren ent- 
sprangen djut und gjut, ans gju mit -ala gvalati 
nach analogie von sthala = gv-ara-ti, von denen ein 
neuer sprois, ein radical der fUnften reihe vorliegt in 
gürv, ^ürvati d.h. da-f-ja-Hva-f-ra-Hva. Ein sufSx 
-ta liegt vor in ja-ta-tai (Benfey's gramm. s. 75), nicht 
zu trennen von ja-m, ja-ska. Ohne tiefere begründung 
stellt der verf diesem ein sa zur seite in ja-sa-ti, gra- 
*sa-ti, bhä-sa-tai neben bha-a-ti, ma-s, ma-mä-sa 
neben ma-a-ti, bhja-sa-tai ("^bhaj'-sa-tai), identisch 
mit bhl, dhar-s, vergl. mit dha-ra-ti dha-a-ti, la- 
sa-ti und lal (lad), la-la-ti neben la-ska. Eben da- 
hin gehören die zum theile neuern formen rak-sa-ti, 
bhak-äa-ti, tak-sa-ti, uk-äa-ti, ctv^o). Consequent 
mufs nun der verf. behaupten^ dafs auch die desideratiye 



anzeigen. 145 

mit diesem ta+rednplication gebildet seieD. £inem griech. 
Sa^n-To entspreche in der bildung ganz skr. dra-p-sa. 
Bei anlafs dieser themabildung theilt herr A. ii\ einer note 
kurz seine ansieht über die griechischen verba auf -roi 
mit. Das griechische hatte von anfang an aafser den ver- 
ben, in denen unser sufBx permanent blieb oder dann zu 
sa herabsank, andere, in welchen es nicht durch die ganze 
conjugatiou gieng {Sdn^to-' cf. rix-xiovy ätexov). Und wie es 
den bildungen mit -na gerne ein weiteres ja hinzufügte 
{ßa-vjtay ßaivw, ixvio^ai\ ebenso setzte es bei seiner 
besondern neigung zur gruppe nr {nrohg^ nrigvo) häufig 
hinter secundäres pa (;r, (p^ ß) noch ra hinzu, während 
die gruppen -p'ja, p^na nicht aufgekommen oder nicht 
geblieben sind; manches pHa, tz^to mag auch für ur- 
sprüngliches xVo stehen. Also eine derjenigen von Kuhn 
und Ebel ganz entgegengesetzte ansieht, ohne dafs sie frei- 
lich selbst hinlänglich bewiesen oder jene mit schlagenden 
gründen widerlegt wäre. Indem endlich noch -ja zu pUa 
hinzutrat (vgl. pt^Vä-w, dexf/icj = *da-p-t'-ja) durfiie 
daraus -aao (rro) hervorgehen: niTt^t^o)^ niaaw. Im latei- 
nischen finde sich -to in plec-to u. s. f., als -do (vergl. 
sogleich) in fen-do, ten-do. Aber zwischen zwei vo- 
kalen habe t in d sich erweichen können — eine wenig- 
stens noch nicht streng erwiesene annähme — , daher nun 
käa-da, pa-da, tu-da, kra-da, khid' (cf. khä) khad', 
Khäd^-aja-ti neben sku d. h. ska-va, dessen primäre 
Wurzel durch kha-da = ska-ta und skä-jä in kha-jä 
gesichert sei. Auf ska-va führt der verf. kha-vi zu- 
rück, welches er mit äaxoq d. b. ä-ska vergleicht. End- 
lich soll dieses -ta auch als -dha erscheinen in mar-dh\ 
ju-dh^ (ju SS ja-va, jam\ ja-ma). Als analogien 
führt er an par-d, kar-d, ^ar-dh, für die aspirierte 
tenuis: prathama, artha (ardh, ar^, arkh), pat, path, 
päd; uktha; die sufF. atha, athu und eine menge bak- 
trischer Wörter. Diesem dha stehe gleich O-o m Sga^&o 
{SaQ'&'*ävaii) (Act^ifo, Hfia&ov, obgleich der verf, nicht läug- 
nen will^ dafs die verbal wurzel ß-s in manchen thematen 

Zeitochr. f. vgl. sprachf. XYI, 2. 10 



146 Schweizer-Sidler 

und in einem theile der conjugation wahrscheinlicher sei 
als unser suffix, so in ßagih&w, rvq&riöo^ai u. s. f.; oft 
aber sei verbalwurzel und suffixales &o zu trennt) un- 
möglich, z. b. in (p'kzyiO'fo u. ä. Das thema 9U-K neben 
9vi-t fthrt herrn A. auf suff. -ka, griech. -xo, das im 
Sanskrit als Ica und ^a erscheinen könne: so in jä-Ka-ti 
neben ja, in bhr-^a neben bhar-a, fre-qu-ens eigentK 
= ferax, kar-p, kru-9 neben kr.-pa-tai, kran-da-tai, 
dem sich ru-d anschliefst, var-9, dä-9, va-^ neben vi 
=s=ya-ja-ti, dar-9 neben dar ,, spalten^, distinguere, 
aver riguardo, dar-pana ,, Spiegel^. Aber wie ta in da 
übergeht, so ka in ga, ga (vgl. skr. agra = axQo\ so 
in ju-ga, ju-g, ja-^ vergl. mit jä-K, ar-ga-ti, vra 
-ga-ti vergl. mit var-ta-ti, var-^ arcere mit var-a- 
-tai, püg-aja-ti mit pü, la-ga-ti mit li = la-ja, 
tu-ga-ti mit tu-pa-ti, tu-da-ti, tu d.h. tava, va- 
lere. Dahin vielleicht auch tu-^;. 

§. 17. Noch bleibt als zehntes suffix na (nu) übrig. 
Vgl. ma-nu-tai, ma-na-ti mit ma«a-ti; bha-na-ti, 
ved. bha-na-ti mit bha-a-ti; pr-na-ti mit pra-a-ti, 
par, pi-par-ti, pri d.i. pra-ja; selbst par, meint A., 
dürfte auf pa-ra, pa „ernähren^ zurückgehen. Berück- 
sichtige man das verhältnifs von i, ajati zu in, i-nau-ti, 
i-nu-a-ti und von ar, Ir zu 6q'VV(ai^ und von ja zu tviin 
und von sar zu sar-ga-ti, so könne man sich nicht 
scheuen in ga-n, ga-gä-na ein aus wurzel ga abgeleite- 
tes thema zu finden. Dahin gehöre auch k§a-n, ksa- 
-nau-ti von wz. k§a in ksa-ja, ksa*ta. 

Mit §. 18 geht der verf. dazu über die bisher behan- 
delten Suffixe im Verhältnisse zu den characteren der im 
indogermanischen angenommenen verbalclassen zu betrach- 
ten. Ihm ist der classencharakter ein theil eines Suffixes 
für nomina ag. oder ein ganzes solches suffix, worin er zum 
theil mit Friedrich Müller übefeintrifft. Es ist nur 
strenge consequenz, dafs 1) diese Charaktere nur ein be- 
scheiden theil des grofsen Systems sein sollen ; dafs 2) die 
verschiedenen präsensthemata in ihrem Ursprünge keine 
normal unter sich verschiedene bedeutung gehabt haben; 



anzeigen. 147 

3) dafs die Scheidung in specialtempora und allge- 
meine nicht f&r ursprünglich gelten dürfe. 

In den verbis der ersten conjugation und den einfa- 
chen der sechsten tritt das suffix entweder unmittelbar an 
den wirklichen primärstamm, oder es geht ihm ein conso- 
nant voraus, welcher eigentlich einem der oben behandel- 
ten suiBxe angehört. Im ersteren falle mischen sich die 
verba dieser kategorie mit einem grofsen theile der zwei- 
ten und dritten: pa-a-ti, da-da-a-ti, im zweiten und 
viel häufigem finden wir da eine grofse zahl der ältesten 
mehr oder minder klaren verbalklassen vereinigt; ga- 
-ma-ti, ga-va-ti, ja-ta-ti, gra-sa-ti, käa-ja-ti, 
dhar-äa-ti u. s. f. Mit rücksicht auf den ersten der bei- 
den fälle geht der verf. in einer anmerkung in eine län- 
gere erörterung ein. Von den ungefähr 70 verbalstämmen 
der zweiten conjugation gehen abgesehen von daridräl? 
auf ä, 5 auf i und 13 auf u aus (d. h. a+a, aja, ava). 
Von den ungefähr 20 verbalthemen der dritten conjugation 
gehen 8 auf ä aus, und da^dhäti ist da-dha-a-ti etc. 
Bei den übrigen der zweiten und dritten conjugation, de- 
ren ungefähr 50 im ganzen sind, gegenüber nicht minder 
als 1000 der ersten und sechsten, finden wir dieselbe zu- 
sammenziehung permanent, welcher wir in gewissen thei- 
len der conjugation auch der ersten classe nur theilweise 
begegnen: ad-mi : "^ad-a-mi =3= kart-sjati : *kar- 
-ta-sjati. Die ausgedehnte contraction bei der zweiten 
conjugation rührt fast immer her entweder von den häu- 
figen und abschleifenden gebrauch des betreffenden ver- 
bums oder läfst sich durch die reduplication erklären. Die 
sogenannte dritte classe hat mit ausnähme des typus da 
bildungen, die um eine volle silbe länger waren als die 
ge wohnlichen, und es fiel -a aus. Cf. rktvn^^iai neben ri- 
TVTta u. s. f. Die spräche der veden widerlegt diese an- 
sieht nicht und die klassischen sprachen stützen dieselbe. 
Gegenüber Benfey äufsert herr A., dafs einer entarteten 
conjugation natürlich die einheit fehle. Den grund des 
Schwindens des suf&xvokales in einigen der allgemeinen 
tempora, in welchen zwischen das nomen agentis und die 

10* 



14ö Schweizer-Sidler 

personalendung ein neues element tritt, sieht der verf. ein- 
fach darin, dafs das zweisilbige thema sich, wie gewöhn- 
lich, vor neuer suffixierung zu einem einsilbigen kerne zu- 
sammenziehe. Im einfachen aorist dagegen und selbst im 
ursprünglichen perfectum möchte sich eine ähnliche Ver- 
kümmerung kaum zeigen. Im perf. haben wir sogar noch 
-am in dem -äu von da-däu etc., welches äu nach ana- 
logie des einfachen ä nachher auch in person III über- 
gieng, und im griechischen a = am in ri-wncc und in 
der dritten person -£ d. h. at. Aber es bereitet sich eine 
Unterscheidung zwischen specialtempora und allgemeinen 
tempora allmählich vor. Der typus -ska konnte die ge- 
sammte conjugation durchziehen, beschränkt sich aber meist 
auf die specialtempora, eine beschränkung, die freilich nichts 
anderes heifst, als dafs sich im augmentpräteritum ein so 
schweres suffix mit einem andern derselben bedeutung ab- 
gefunden hat: a-ga-ma-t, aga-a-t. Im reduplicierten 
perfectum blieben in der regel nur die leichtern formen. 

In einer anmerkung äufsert der verf. die, wie er selbst 
andeutet, durch kühne consequenz hervorgerufene vermu- 
thung, dafs auch der sigraatisierte aorist nichts anderes 
sein möchte als eine bildung mit secundärem -ta*a-dik'- 
-ta-ti, adikshat, wie "^a-dhä-ka-t, i^&7}xe, meint aber 
doch, dafs bei der grofsen lautlichen ähnlichkeit das im- 
perfectum von wz. as allmählich sich damit vermengt 
habe. Zuletzt mufs auch das element sogenannter fut. au- 
xiliare wohl eigentlich ein sufiSx -sja, identisch oder min- 
destens sehr nahe verwandt mit ska sein, cf. Khait'- 
sja-ti mit *es-scunt, escunt im lateinischen. Der 
verf. selbst ist, wie wir sahen, über seine hypothese etwas 
erstaunt und ftlhlt, dafs er sich nun jedenfalls hier ganz 
isoliert finde. Die lautlichen processe, die er statuiert und 
die vcrgleichung der verwandten sprachen, das lateinische 
n. s. f. thun harte einspräche. 

§. 19. Die Charaktere der vierten, fünften, sie- 
benten und neunten classe unterscheiden sich von den 
bisher behandelten nur durch ihr relativ jüngeres alter, 
d. h. sie sind meist schon secundären bildungen angehörig, 



anzeigen. 149 

also gleichaltrig mit drapsa, gürva etc.; es folgt dem- 
nach das sufßx meist auf einen andern vokal als -a oder 
auf einen consouanten, wie dam -ja, dip-ja, du-nu 
u. s. f. Und nicht selten wechseln die sufGxe. 

Die gescbichte der verbalclassen mit eipem nasalsuf- 
fixe (IX, VII, V) läfst sich nach A. auf folgende weise 
herstellen. Aehulich dem thema ma-na, ^a-ana *ak- 
-ana hatte man mit secundärer formation badh-ana, 
stabh-ana. Und dieses -ana ist^ freilich als -äna, ge- 
blieben in den imperativen a^äna, badh-äna u. s. f. 
einem vokative des nomen agentis. Der verf. legt nach- 
druck auf das vedische iä-ana, auf -nä von conj. IX, 
auf äja (aja), welches, gleiches mafses, in den veden mit 
nä wechselt, auf die griech. parallelen aiaädvo) u. s. f., 
auf die iranischen parallelen: das zend. 9p äna fOr 9V a- 
ja(ti) des sanskrit; vgl. xvctiifio d.i. y.vav-jw^ im armeni- 
schen mer-ani-m, das neupers. caussativum. Durch die 
leichteste contraction werde badh-ana zu badh-nä, wie 
ühama zu dhmä oder man zu mnä. Aber in den so- 
genamiten allgemeinen tempora wurde der consonant des 
Suffixes durch metathesis interniert, wie in hrndi u. s. f. 
für hrd-ni, während der vokal sich entweder als kürze 
erhielt (ba-baudh-a) oder bei neuer sufBxierung fiel 
(bhant-syati). Diese gestalt konnte auch in die Wort- 
bildung dringen und ebenso konnten formen der ersten 
conjugation daraus hervorgehen. Trat einmal diese stufe 
der Verkürzung in die specialtempora, wie in vind-a-ti, 
so mufste sich dieselbe consequent in den allgemeinen 
tempp. wiederum um -n- erleichtern (vi-vida-i, alira- 
pam, alipa-m). Tritt aber das ganze suff. -na in die 
Wurzel, so liegt nur die siebente conjugation vor. Vergl. 
auch tu-d', tudara, turd, trud. Beachtenswerth ist's, 
dafs unter den 25 verben der 7ten conjugation 20 auf eine 
palatalis oder auf eipen der palatalis verwandten laut aus- 
gehen. Die wenigen verba der achten conjugation sind 
nom. ag. mit sufi. nu (= na) der primärbildung, dagegen 
die der fünften secundär. In den allgemeinen tempp. 
kann sich auch hier das n oft nicht geltend machen. Herr 



150 Schweizer-Sidler 

A. erklärt uns in diesem paragraphen nirgend das eigent- 
liche verhältnils von -ana zu -na. 

In §. 20 kommt der verf. auf die vierte conjugations- 
classe. Deren ja steht zu dem suff. -ja in a-jati u. s. f. 
in demselben. Verhältnisse als na von badh(a)na zu dem- 
jenigen von ma-na. Es fehlen auch nicht beispiele der 
primären formation, in welchen der typus a-ja uncontra- 
hiert bleibt: da-ja-tai : da-a-ti =s= gamati zu ga- 
-a-ti. Ein accessorischer typus, auch dieser uncontra- 
hiert, ist repräsentiert durch dhai (dhä), dha-ja-ti 
(a-dha-at) u. ä. Die contraction konnte auch zum Ver- 
luste des Stammauslautes fahren: d'ja-ti und umgekehrt 
ein verlängerter typus eintreten: ga-aja-ti. Während 
nun pja-aja-tai das ja über die Specialtempora hinaus 
ausdehnt, so haben anderseits die typen dha-ja-ti, 
Mh-ja-ti, ga-aja-ti aufser den specialtempora die ein- 
facheren formen kha-a, dha-a, und so nun besonders alle 
secundären, wie ^ram-ja-ti, a-^ram-a-t. Das -ja der 
vierten classe hat keine ursprünglich passiva bildende krafl. 
Es ist richtig, dafs die vierte classe den Charakter mit 
dem passivum gemein hat, und wahr, dafs die verba der 
vierten conjugation meist intransitiv sind. Aber zu dem 
schon bemerkten treten noch folgende thatsachen: 1) in 
den allgemeinen zeiten fehlt dieser Charakter der vierten 
conjugation und dem passivum; 2) in den europäischen 
sprachen fehlt* dieses passive ja; 3) gibt es besonders un- 
ter den primären viele verba transitiva, wie ksa-ja-ti 
u. s. f. Man darf demnach schliefsen, dafs im sanskrit- und 
baktrischen passivum, wie im griechischen, die passivbe- 
deutung oder eigentlich die reflexive allein auf den per- 
sonalendungen beruhe; 4) dafs, wenn das sanskrit nur in 
seinem passivum in den allgemeinen tempora einen typus 
von I, 6 neben dem von 4 in den specialtempora zeigt, es 
in dieser neuerung der analogie von allen secundärformen 
folgt; 5) dafs die wähl des Charakters -ja mehr zufällig 
bestimmt wird durch das Vorhandensein einiger intran* 
sitiva, die mit demselben suffixe gebildet waren. Es soll 
endlich auch -aja der Xten nichts selbständig caussatives 



anzeigen. 151 

iu sich haben. Nie maDgelten verba, die zugleich intran- 
sitive und transitive bedeutung in sich trugen. Aber zwi- 
schen zwei oder drei formationen von ursprünglich glei- 
chem werthe, wenn sie sich bei einem und demselben ver- 
bum der art einstellten, wurde für die expansive bedeu^ 
tung auch die expansive form beliebt und allmählich al- 
lein gebräuchlich. Das symbolische dement spielt, meint 
A.y in den sprachen seine bedeutende rolle. Es wird nicht 
uninteressant sein mit dieser darstellung der caussativa die- 
jenige von Leo Meyer zu vergleichen. 

§.21. Bei dem gröfsten theile der themata von pri- 
märer formation war schon in der ältesten zeit das be* 
wufstsein der accessorischen natur des suiBxes verschwun- 
den. Daher rühren die lautlichen Wechsel, die sie erlei* 
den: kar-9a, jä-ka, ja-ga u. s. f.; daher die Verschie- 
denheiten der bedeutung, die sich natürlich bei der zufäl- 
ligen Verschiedenheit derselben Substanz entwickelten,* da- 
her das verfahren, nach welchem ähnliche tjpen zu wei- 
tern Verbindungen im verbum und aufser demselben hin- 
zutreten (sarp-aja, jud-dha etc.). Aber die lebensfa- 
higkeit des accessorischen dementes scheint da noch durch, 
wo gewisse primäre das eigentliche suffix abzulegen schei- 
nen oder einen wechsd mit gleichaltrigen und gleichbe- 
deutenden Suffixen zeigen. Vgl. ga-aja-tai, woher gäja, 
welches mit ga-na wechselt und uns so ein kostbares pri- 
märes beispiel bietet des doppelten ausdruckes, der bei der 
neunten classe im veda fast regelmäfsig wiederkehrt; vgl. 
ferner kh-ja u. ä., die in der conjugation mit Kha-a 
u. s. f. wechseln, dann ksa-a, parallel mit käa-ja, 
ksa-ma. Diese beispide schliefsen sich auffallend an jene 
Specialkategorie von secundären bildungen, auf die sich die 
classen IV, V, VII und IX gründen, und welche anfang- 
lich rücksichtlich der Sensibilität des Suffixes sich scharf 
von der primären kategorie zu unterscheiden scheint. Wie 
bei den typen ga-na und kh'ja, so handelt sichs bei 
den bezeichneten classen einzig um ein schwaches suffix 
(ja, na), dessen lautliche Qualität es deutlicher als acces- 
sorisch zeigt und der metatbesis oder einer Verkümmerung 



152 Schweizer-Sidler 

aussetzt: ^jug-ana gebt in der conjugation bis auf *jug-a 
2uröck, und von diesem typus aus hat man den keim zu 
weiteren ableitungen (yuk'-ta). Zu äbnlichen wurzelfiink* 
tionen konnten die typen der art wie du-nu nieht passend 
ersebeinen, wo aufser dem verbum noch ein einfacheres 
existierte^ wie da-va, Vorläufer von du. Dafs dann sei- 
nerseits das sufHx von badh*na nach allgemeiner ana- 
logie den schein von wurzelhaftigkeit annehmen koBBte, 
zeigt sich deutlich genug an den regelml^fsigen participial* 
formen badhnant, badhnäna. 

§. 22. Der verf. mufs nach air diesem annehmen, 
dals in den arischen sprachen das nomen vor dem verbum 
existiert habe. Nach ihm entfaltet das arische verbum ein 
weites und zusammenhangendes System von formen eines 
nomen agentis. Anders Schleicher, der annimmt, derselbe 
stamm liege dem nomen und verbum zu gründe und ganz 
entgegengesetzt Benfey, der das nomen vom verbum ab- 
leitet, und zwar soll nach seiner theorie die dritte person 
pluralis das participium erzeugen und dieses seinerseits eine 
reiche quelle der nominalbildung werden. A. meint, diese 
aufserordentliche ähnlichkeit zwischen dem participium z. b. 
baudhant und der dritten pers. plur. (baudhanti) mQsse 
entweder daher kommen, dafs sich da zwei homophone ex- 
ponenten finden, seien diese auch historisch noch so ver- 
schieden, oder vielleicht eher daher, dafs die dritte pers. 
plur. praes. das einfache participium pluralis ist, wie ja 
eine ähnliche erscbeiuung sich findet in dem einen sans- 
kritfuturum und wie die dritte person sing, des perfectums 
mit abzug der reduplication das reine ursprüngliche nomen 
agentis ist. Ist das letztere richtig, so wäre es nicht un- 
möglich, dafs das pluralzeichen hier jenes selbe wäre, wel- 
ches wir in tai, sarvai finden (thema: -anta, n.pL-an- 
tai) nachher im medium allein bleibend, wie es auch nicht 
unmöglich wäre, dafs -[ajtäm das alte am des dualis 
zeigte, dem ein singularisches -a-m entspräche 

Vorstehende Untersuchung ist auch nicht unwichtig 
fär den ältesten lautbestand des arischen. Nicht nur schwin- 
den manche u und i, die auslauten, der verf gibt ein ver- 



anzeigeB. 153 

zeichnifs von mit u und i anlautenden oder sie in ihrem 
innern bergenden Wörtern, in welchem die entstehung au6 
a ebenfalls nachweisbar sein dürfte: Irma, lat. armus, 
got. arm-s, wz. ir neben ar, iks neben akSa, aksi, 
ilth neben ^ask, ürg neben arg, uks neben got. vahsa, 
ubha äfjiq)(a^ und ud udan got. vatö, nru, compar. 
varljäs^ kirn neben kas, im zend yim statt yam, 
rad= krand, cf. kru-dh, kdip neben käap, zend. 
vip neben skr. vap, Kürna neben karv, khid neben 
Khad, kdad, giri neben afghanisch ghar etc., skr, 
guru neben garijäs, dirgha, zend. daregha, tul ne- 
ben tal, rdXavTov^ di^ neben da^, dä^, pur neben par, 
kur neben kar u. s. w. 

In §. 23 geht schliefslich der verf. auf eine Verwen- 
dung seines fundes für das semitische ein. Auch im se- 
mitischen soll der angenommene zweite radical seinem Ur- 
sprünge nach nichts anderes sein als der exponent eines 
nom.ag. In den semitiscjhen themata sakhata occidere 
ragala, ragada saltare sind die endungen: -ata, -ala, 
-ada einfache sufßxe, vergl. die arianischen skata, ra- 
ghana; dann kar-ä und kar-ata mit arischem kar-a, 
kar-ta. Ein gad-apha, gad-ara, gad-ama sind in 
üirem sufGxe kaum verschieden von käa-pa, ksa-ra, 
käa-ma. Das vollständige zweisilbige suffix findet sich 
'auch im arischen gv-ala, badh-äna, badh-äja. Die 
Semiten zogen diese form vor und giengen weiter als die 
Arier in der befestigung des Suffixes. Auch das läugnet 
der verf., dafs der unfeste vocal das semitische vom ari- 
schen gründlich scheide; es seien z. b. in bad-ala, dem 
hauptausdrucke des semitischen verbums, die ursprüngli- 
chen und »tätigen vocale zu sehen. Selbst den letzten ein- 
wurf, den man gegen eine Verwandtschaft der arischen und 
semitischen sprachen macht, dafs nämlich das arische wort 
sich nur durch suffixe bilde, das semitische durch suffixe 
und präfixe, selbst diesen sucht herr A. dadurch zu schwä- 
chen, dafs er statuiert, die trennung dürfte eingetreten 
sein, ^ ehe sich das pronomen mit dem nom. ag. so innig 



154 Schweizer-Sidler 

verbunden hatte und daraus das wahre verbum entstan- 
den war. 

H. Schweizer-Sidler. 



Ganz kurz können wir für unsern besondern zweck 
uns fassen in der anzeige der schrift ^die dorische partikel 
KA* von Hugo Weber. Halle, verlag der buchhand- 
lung des Waisenhauses, 1864 Der verf. weist hier mit 
schlagenden gründen nach, dafs der dorische dialekt statt 
der epischen formen xäi/, x6, x^ nur die ursprünglichem 
xdvj xd, TÜ gekannt habe, und dafs der vokal dieser par- 
tikel immer kurz gewesen sei. Zu einer klaren erkennt- 
nifs der form xdv^ welche mit ausnähme des im griechi- 
schen auslaute für m nothwendig eintretenden v vollständig 
dem skr. kam entspricht, fährte eine 1859 entdeckte, in 
Deutschland von Bergk und Michaelis behandelte tegeati- 
sehe inschrifb aus vorrömisoher zeit. Dieser fund wird 
von Herrn W. benutzt, um eine menge von Verderbnissen 
in Theokrits idyllen und andern dorischen quellen aufzu- 
decken und aufs ungezwungenste wegzuräumen, ein vorge- 
hen, bei welchem auch manche treffliche syntaktische be- 
merkung hervorspringt. Die eingeschlagene methode ist 
auiserordentlich umsichtig und besonnen; sprachliche und 
sachliche momente werden mit der lobeuswerthesten ge- 
nauigkeit und mit reifem Verständnisse geprüft. Neben 
den dorischen formen unserer partikel untersucht der verf. 
auch diejenigen anderer dialekte und erweist s. 19 f&r 
das äolische als ursprünglich ^xoxctv^ *oxav (oxav, öxa) *ofA- 
kotav. Anhangsweise werden einzelne stellen des Theo- 
krit, in welchen die partikel xdv nur theil weise mitspielt, 
kritisch beleuchtet und erklärt; gelegentlich finden sich 
auch etymologische auf kläruDgen, wie über ^V=en u.s.f. 

H. Schweizer-Sidler. 



anzeigen. 1(5 

De vocabulohim compositione Graeca praecipae Aescbylea. Dissertatio in- 
angnralis. Anctor Jos. Sanneg. 31 ss. Halis Saxonnm 1866. 

Wer den ungebeaereu reichthum und die bunte ma- 
nigfaltigkeit der griecb. composita, sowobl in beziebung 
auf ibre bedeutung als aucb ihre form^ einmal ins äuge ge- 
fafst bat, der wird sieb sofort sagen, dals auf 31 Seiten 
niebt viel darüber wird definitiv ausgemacbt sein können. 
DemgemftfiB finden wir in der vorliegend,en abbandlung über* 
wiegend widerstandslose anlebnung an die resultate anderer 
forscber, dazwischen dann eingestreute eigne vermutbun- 
gen, nocb dazu meist obne jede begründung. Ja icb kann 
niobt umbin den 2ten tbeil der abbandlung, der die formar 
tion der composita bebandelt, geradezu filr stellen weis 
confus zu erklären und zu bezweifeln, dafs der Verfasser 
selbst eine bestimmte und in sieb consequente ansiebt über 
die versdiiedenen scbwierigen bildungen, die er zu berüh- 
ren hatte, gehabt bat. Fast glaube icb das richtige ge- 
troffen zu haben, wenn icb behaupte, dafs der Verfasser 
ursprünglich an engere grenzen gewöhnt, dann plötzlich 
durch Justi zu einer ungeheueren weite des gesicbtsfeldes 
übergeführt, eben weil er die weite nicht bemessen könnte, 
bald über das ziel binausschois, bald im alten hängen 
blieb. 

Im ersten capitel über die bedeutung der nominal* 
composita acceptirt der Verfasser die eintbeilung von Cur- 
tius in die „nur so hingestellten drei hauptarten^ (s. erläut. 
z. schulgramm. p. 148) karmadb&raya , tatpurusa und ba- 
buvnhi, ohne tiefer zu graben. Gegen Justi (über d. zu- 
sammens. d. nomina in d. indogerm. spr. p. 80. 101 ) macht 
er p. 6 geltend, dafs die beispiele griecb. dvigu (coUectival) 
als neutra von adiectiven der possessiven compositionsclasse 
oder als derivata davon aufzuÜEissen seien. Eine Schwie- 
rigkeit liegt nur darin, dafs unter den skr. beispielen die- 
ser klasse viele sich einer solchen zurückfübrung auf bahu- 
vnbi-composita nicht gut f&gen (z. b. pankägni, triloki etc.). 
Berücksichtigt man dabei nocb die menge der coUectiva 
unter den dvandva, die ganz analog geformt sind, so wird 
man hier die Wirksamkeit eines besonderen bildungsprincips 



156 Rödig«r 

anerkennen mössen, dessen Vorhandensein in dem verwand- 
ten griechisch (zum mindesten als mitwirkend) nicht so 
ohne weiteres zu leugnen ist. Jedenfalls, glaube ich, wird 
man nicht geneigt sein wy^dti^ugov (cf. neugriech. ci/d(»o- 
yvvov) mit dem Verfasser ebenfalls unter die classe der 
bahnvrihi zu stellen, wenn er auch auf p. 4 schreibt: Arcte 
compositorum propriae potestati parum consentaneum est^ 
utramque partem {nccQc^d^BTiAwq) eodem nti significaticMiis 
genere. 

Die erklärung der bahuvrihi-composita aus der poeti- 
schen figur pars pro toto (p. 9) ist wohl nicht die richtige, 
so scheinbar die sache im deutschen aussehen möchte, denn : 
der ausgangspunkt scheint zu eng fQr die höchst verbrei- 
tete compositionsweise , wir kommen nur auf selbständige 
substantiva, nicht adiectiva, alle bahuvrihi müfsten auf äl- 
tere determinativa zurückgeführt werden, was der Verfasser 
selbst auf p. 7 zurückweist im hinblick auf die überwie- 
gende bildung dieser composita aus adiectivum und sub- 
stantivum „quae quidem compositio in duobus aliis generi- 
bus fere inaudita est^. Vielleicht kann gegen diese letz- 
tere ableitung auch angeführt werden, dafs bei Homer die 
zahl der den beiden anderen klassen angehörigen compo- 
sita gegen die possessiva auffallend gering ist, woraus ich 
die folgerung ziehe, dafs die letztere compositionsweise die 
ältere ist, die dann die andern an sich wenig nützlichen 
arten der composita nach sich gezogen hat. 

Dafs sich in dem 2ten theile der abhandlung viel Un- 
klarheiten, Widersprüche und leichtfertige lösungen unbe- 
griffener Verhältnisse finden, ist schon gesagt. 

Der Verfasser verwirft die ansieht derer, die den bin- 
de vocal „acceperunt ac si mero connectendi munere fungere- 
tur^, ebenso Justins meinung (zusammens. p.62, der übrigens 
zweierlei nicht recht verträgliches in eins verschweifst), 
es sei der bindevocal = ä der skr. praepos. mit der be- 
deutung: nimm hinzu; nun sollte man denken er werde 
ihn als stammhaft und aus älterer periode erhalten zu er- 
weisen suchen, und demgemäi's behauptet er auch p. 11 : 
Veteres linguae ita sunt in Universum comparatae, ut a 



anzeigen. 157 

primo initio stirpes in vocales tantummodo exiisse putcs, 
gleichwohl aber will er sich auch Grimin anschliefseD, der 
doch den bindevocal für einen wesentlichen exponenten 
jeder ächten composition hielt! Soll vielleicht jenen voca- 
lisch ausgehenden wortstämmen irgend ein Stempel (ich 
weifs nicht wie) aufgedrückt gewesen sein der nur durch 
sie die compositio als ^justa^ erscheinen Kefs? Doch wir 
brauchen uns mit derlei nicht den köpf zu zerbrechen, denn 
(p. 19) »quod adhuc stirpes in vocales cadentes semper 
praesto (I) fuisse Graecae corapositioni demonstravimus, inde 
non efScitur, ut stirpes in consonas exeuntes ad synthesin 
adhiberi non potuerint^ (also ist der vocalische auslaut doch 
nicht unumgänglich!) und p. 20 heifst es: 9, quo tempore 
stirpes aut in vocales aut in consonad prout ferebat necea^ 
sitas adhibebantur, tum compositio floruisse putanda est^ 
(hier sieht es fast so aus als hätte die spräche immer zwei 
arten von stammen bereit gehabt, um je nachdem immer 
den einen oder andern zn verwenden). Die endvocale der 
Stämme aber sind nach herrn S. auch nicht etwa als un« 
wandelbar fest zu betrachten: nein, sie wechseln evitandae 
ambiguitatis causa. Wunderbarer weise auch da, wo man 
glauben sollte, es sei schon durch verschiedene quantität 
einer Verwechselung vorgesehen z. b. in nvQKfogog und nv^ 
QOCfOQog (not. 33). 

• Der glanzpunkt der dissertatio liegt aber, wohl auch 
nach des herrn Verfassers meinung, in der auseinanderset* 
zung Ober die mit d'Bog zusammenhängenden simplicia und 
composita. Hr. S. geht von ©«JJorog, &BVYviq aus, deducirt 
daraus einen stamm ß-sj: (s. Curtius gr. et. II p. 95). Des- 
sen endconsonant j: geht dann in a über in ö^icxtlog^ Os- 
öniciog etc., da auch in Boanogog {= BqfnoQog) derselbe 
Übergang vorliegt und niemand behaupten wird „quod licet 
bovi non licet Jovi^. Die andern beispiele sind ebenso 
überzeugend &ifct)^ &ia): &iaaaa&at = (zu hilfe) eilen: zu 
failfe rufen, folglich &iaaaa&ai, aus ß-ifta quod erat demon- 
strandum. Nun ist alles klar, in &B6aSoTog steckt ein ge- 
netiv u. s. w. u. s. w. Rieh. Rödiger. 



156 RSdiger 



Oeog, S-^axeXog, 9'äay)aTog, d-eonioiog etc. 

Trotz der eifrigsten anstrenguDgen und der manigfal- 
tigsten Tersoohe der Sprachforscher hat man sich noch 
nicht fiber die etymologie von &i6q und sein verh&Itnifs 
2U ß-iffxsXog^ &io<paTog u. s. w. einigen können. Ich wage 
also eine neue, oder, wie ich jetzt weifs, doch nicht ganz 
neue ableitung von &e6g und eine andere erklärung des 
eben bezeichneten Verhältnisses. 

Curtins gr. etym. 11, 95 — 97 hat , vrie ich meine mit 
recht, die von Schleicher geforderte trennung des griech. 
&B6g von der wz. div, Sijr weiter begründet und ebenso 
mit recht auf die Schwierigkeiten aufmerksam gemacht, die 
einer ableitung von wz. t^-t; (Schleicher) oder einer identi* 
fidrung mit skr, dhavas (C. Hoffmann) entgegenstehen; aber 
auch die von ihm vertheidigte zurfickf&hrung auf wz. t9'€<r- 
kann ich nicht fbr haltbar erachten. Denn abgesehen von 
der unbefriedigenden erklärung der composita &iax6logj 
&ia(f'aTog etc. aus &sa6x6Xog^ &6a6(parog etc. kommen wir 
bei dieser etymologie in argen conflict mit den dorischen 
formen <Tto^, aid etc. die an stelle des attischen a ein i 
aufzeigen. 

Meine ansieht geht dahin, dafs wir &e6g auf wz. &€ 
{rid-rifjn) skr. dhfi zurückzuführen haben und denselben ge- 
danken hat, wie ich nach festsetzung meiner ansieht aus 
Spiegel Avesta I p. 6 anm. ersehen, schon F. Windischmann 
gehabt. Nur habe ich nicht ausfindig machen können, ob 
sich Spiegels angäbe auf eine schriftliche darlc^ung her 
zieht. Was mich zuerst zur Verfolgung des gedankens an- 
trieb, war eine stelle bei Herodot II, 52: yy&Bovg de ngog* 
wvofiaadp (sc. oi ÜaXaayoL) öcptag ano rov roiovrov, ort 
xoüficp &ivTBg rä ndvra nQijyiiiaTa xal ndaag voftdg bi^ov^. 
Diese stelle kann auch dazu dienen etwaige, wohl kaum 
zu erwartende bedenken gegen die bedeutung „schöpfer^ 
zu beseitigen, da sie zum wenigsten beweist, dafs den Grie- 
chen bei ^eog kein anderer wortstamm eher einfiel als t/- 
^Vfiiy und dafs ein Zusammenhang mit Zevg, Jtogy in dem 



misceüe 159 

immer noch der begriff des glänzenden himmels durch- 
scheint, ihnen ganz fern lag. 

Die laconischen parallelformen zu attischem &£6g, &ed 
n&mlich aiog öid und cretensisches ^log (Ahrens dial. Dor. 
p. 66. 121) weisen an stelle des att. e ein t auf und, da es 
nicht zweifelhaft sein kann, welchem der beiden vokale die 
gröfsere nrsprOnglichkeit zuzusprechen sei, so werden wir 
ösog auf älteres &t6g zurückzufahren haben. (Man sehe 
Ober B aus ursprünglichem i (j) noch Curtins Gr. Etil, 
p. 190). Dann aber entspricht ^-co-^ = &'i6'g genau 
einem zu postulirenden skr. dh-ja**s und kann somit als 
eine primitivbildung der wz. &e skr. dhä durch suff. so, lo 
skr. j a angesehen werden , wie deren z. b. Bopp vergl. gr. 
§. 901. III, 348 ff. aus dem gothischen und dem sanskrit 
eine anzahl anführt (afsijan, afdnmkjan .... sdrjas, bhidjas, 
paljas u. 8. w.). 

In den compositis &iaxBXog^ &Böni6iog, &iamg^ &ea- 
(patog aber, wozu Pott etym. forsch.* XXXIX auch Oea- 
TtQdDToi = &eoig JtBTiQWfjiivoi gefügt, sehe ich weder zu- 
sammenziehungen aus d-BOGxekog etc., wie Bopp yergl. gr. 
§• 971 wUl, noch solche aus &BoiGXBXog (Pott 1. 1.) etc., son- 
dern betrachte ihr erstes glied &bö' als eine selbständige 
bildung von der wz. &b skr. dhä durch das suffix Bg skr. 
as. So entspräche &Ba- einem skr. dhas. Primitive ad- 
jective mit der bedeutung des part. praes. gebildet durch 
das sufBx as finden sich aus dem sanskrit angeführt bei 
Bopp vergl. gramm. §. 931 C (ripddas feinde verzehrend, 
taräs eilend, apäs handelnd u. s. w.) und skr. dhas selbst 
findet sich in den compositis: purödhas (= puröhita), gö- 
dhas n. pr. eines Rishi (== erderschafifer?), vajö-dhas Wil- 
son: „A middle-aged man'^ (=i iuventutem gerens, agens?), 
retö-dhas (samenspender) vgl. Vag. S. 8. 10, pragäpatir vr- 
säsi rßtödhä r^tö maji dhehi pragäpates te vrsnö retö- 
dhasö rStödfaäm a^ija. Was aber das griechische selbst 
anbetrifft, so beweisen die adject. x^siog und cretens. d^Bi" 
vog, so gut sie sich auf &i0iog und &B6ivog zurückf&hren 
lassen, doch eigentlich nichts (19*670-^ =» i9^-io-fo-$?), wohl 
aber, glaube ich, lassen sich SBiSkxtag^ ^BifiTjStjg, SbI- 



160 Rödiger, miscelle. 

nofjiTtog^ ^aiTif4og^ die von Ahrens dial. Dor. p. 67 als la- 
conische formen für 0Bodexvag etc. angeführt werden, am 
besten aus einem Gea-i-Sextag^ Q^G-i-fn^driq etc. erklären, 
worin t bindevocal. Die annähme der entstehung des €» 
in diesen worten durch contraction aus €o hat schon Ah- 
rens zurOokgewiesen und die zur Unterstützung meist an- 
geföhrten Klsi^dtffAog Kk$iad^ivr}g u. a. formell wenigstens 
richtig auf ursprüngliche KlseaidtifAog KX%B0iod%vi/^g zurück- 
geführt. Denn die auffassnng derselben als analoga 7m 
iXxBain^nlog' ^U^. ist falsch; vielmehr ist zu theilen KX^bo^ 
^i-Srifiog KlBBa-i'a&ivfjg^ worin sich der erste theil wie der 
gleichlautende und bis auf das endende i identische schlufs* 
theil der dativform nsQDcleeai = UsqixIsJ contrahirte zu 
xAai-. Der Ahrenssche erklärungsversuch der hier in frage 
stehenden formen aber, der ei als ungenaue Schreibung eines 
in formen wie ^iSixrag, JSifArjkideg aus lo (I?) entstande- 
nen langen i fafst kann schwerlich genügen. Vielmehr wird 
hier, wie ich es auch in öüTieri^g = diemsri^g annehmen 
möchte, ei als Vorstufe zu 7 zu fassen sein. (Uebrigens 
vergleiche auch meine dissertation De priorum membror. 
in nom. graec. comp, conformatione finali commentatio p. 
47 und 66 über dünstrjg und i als bindevocal). Ist meine 
ansieht über ^sidextag u. s. w. richtig, so würde dadurch 
auch die jetzt von Meineke durch aioelxBlog ersetzte form 
d'aixtkog in Aristoph. Lys. 1252 (= d'BG-i-xBkog) eine auf- 
fallende bestStigung erhalten, und darf ich sie wohl auch 
umgekehrt zum schütz für meine ansieht anrufen. 

Rieh. Rödiger. 



OrafsmanD, die italischen goUernamen. 161 

Die italischen götternamen. 

Zweite abhandlung. 

Lateinische und oskische namen, die aus der 
indogermanischen urzeit stammen. 

(Fortsetzung.) 

Ich gehe nun z« den QXr die Sprachwissenschaft, wie 
fär die vergleichende mythologie bedeutungsvollsten gdt- 
ternamen über, welche in der indogermanischen- urzeit wur- 
zeln, wenn sie auch auf lateinischem boden weiter gebildet 
sind. Es gehören dahin 

1) die götternamen, welche aus der wurzel div leuch- 
ten hervorgehen. Da diese namen vielfach bebandelt sind, 
so kann ich mich hier kurz fassen. Von Jupiter, dem 
umbr. vok. Jupater, dem umbr. dativ Juve-patre, so wie 
von seinen parallelen im sanskrit und griechischen ist oben 
die rede gewesen. Der einfache nominativ müfste danach 
^Jüs oder Dius lauten. Letzteres ist in Dius Fidius er- 
halten. Es findet sich dafür eine spätere durch i erwei- 
terte nominativform Diovis. In Zusammensetzung mit der 
Partikel ve kommen die normalen formen nom. Ve-dius 
gen. Ve-diovis, dat. Ve-diovi, acc. Ve-diovem vor. Von 
Diespiter ist schon oben die rede gewesen, und Ober 
Jan Janus (aus Mivan, ^divänus) Jana, Diana d. zeitschn 
XI, 8. 9 zu, vergleichen. Juno ist aus einem *Divona = 
JifoivTjj "Djüna durch das sekundäre suffix on, was sich 
gern an andere suffixe fQgt (wie in -ti-on), weitergebildet. 
Durch das sufiSx -ia ist gebildet Jovia im volskischen 
Jovia regena,' während in Jovia Venus u. s. w. Jovia rein 
adjektivisch ist. Endlich durch das sufF. -o- (fem. a) nicht 
blofs deus mit seinen parallelen, sondern auch die besondere 
als dea Dia bezeichnete göttin, welche der gr. Jr^d^ Jti" 
'(jf^riQ zu entsprechen scheint (Hom. Cer. 47, 122, 211 
vgl. 54), wobei Jrid für *Jit]jr-ci stände und das i wegge- 
fallen wäre, wie in Jevg = Zevg. 

2) Mars, Mavors altlat. Marmar, Marmor, osk. 
Mamers, umbr. Mars, wobei ich in bezug auf diese, wie 

Zeitschr. f. vgl. sprachf. XVI. 3. 1 J* 



162 Grafsmann 

auf ähnliehe formen auf Corssen's abhandlung in d. zeitechr. 
(I, 1 u. f.) verweise. Man wird nicht umhin können, der 
glänzenden beweisführung Corssen's beizustimmen, wonach 
die form Marmar die grundlage für Mamers und Mavors 
sei, indem zunächst ein suflSx t (ursprönglich -ut s. u.) 
herantrat, und nun das erste r vor m ausfiel, während der 
vocal lang wurde, das v aber in Mavors durch lautabsto- 
fsung (dissimilation) hervorging. Vielleicht mochte' hier 
eine auf verto, vorto hinzielende umdeutung mit im ^iele 
sein, worauf auch Cicero^s: „Mavors dictus, quia magna 
vertat^ hindeutet. Dagegen müssen wir Corssen's ablei- 
tung aus mas, und seine deutung aus dem b^riffe des er- 
zeugens, der sich nirgends nachweisen läfst, als ebenso 
verfehlt bezeichnen, wie die früheren erklärungen, welche 
er mit siegreichen gründen bekämpft. Die unzweifelhaft 
fichtige deutung hat schon Leo Meyer (d- zeitschr. V, 387) 
und vor ihm Kuhn, wenn gleich beide nur vermuthungs- 
weise ausgesprochen, indem sie Mars mit skr. marüt zu- 
sammenstellen. Nur dürfen die Marut^s nicht (mit L. Meyer 
a. a. o. ) als Sturmgottheiten aufgefafst werden. Ihre ur- 
sprüngliche bedeutung, wie sie in den veden hervortritt, 
ist vielmehr eine ganz andere. Bei ihrer Schilderung tritt 
der glänz und schmuck, vor allem der waffenschmuck, den 
sie sich anlegen, überall in den Vordergrund. Zum schmucke 
(^nbh^, ^ri}^) rüsten sie sich. Aus der ferne nahen sie ge- 
schmückt mit glänzendem geschmeide (angibhis), lanzen 
(rät^jas) glänzen an ihren schultern, goldschmuck (rukmSs) 
auf ihrer brüst, und goldene halsgehänge (niäkam), ringe 
und Spangen (khädajas) funkeln an armen und fikfsen wie 
die Sterne am himmel, feuerstrahlende blitze (vidjütas) tragen 
sie auf den armen, goldene schöngesalbte härte (^(prfis)*) 



*) 9{prä hat, wie sich aus vergleichung sämmtlicher stellen des Rigveda, 
in welchen dies wort, und seine ahleitungen oder Zusammensetzungen vor- 
kommen, ergiebt nirgends die bedeutnng gebiT^, die gewöhnlich angenomman 
wird, da es nie mit dem kauen, sondern yielmehr überall mit dem trinken 
in Verbindung gesetzt wird. Seine bedeutung ist lippe, doch nicht be- 
schränkt auf die unmittelbaren mundräoder, sondern aoagedehnt, wie es scheint, 
auf die ganzen bewe^ichen theile, welche den mnnd von oben und nnten 
umgeben, daher auch angewandt auf die bärte, welche diese beiden theile 
deB antlitaes bedecken. 



die italischen gdtternamen. 163 

an den häuptern, äxte (v^^ls)'") an ihren leibern, selbst* 
leuchtend (svibbSnavas), gleich der sonne strahlen, gleich 
flammenden feuern, munter, scherzend, spielend. Sie fah- 
ren in blitzversehenen (vidjünmadbhis) wagen, vor densel- 
ben feurige, goldhufige stuten, oder flammende milchköbe. 
Winde vor sich hersendend, treiben sie wolkenb^rge auf, 
rollen hagelwetter heran und ergiefsen fruchtbaren regen. 
Mit der radschiene erschüttern sie des himmels rücken, 
die erde bebt bei ihrem zuge, wie ein zitterndes weib, die 
berge bücken sich in furcht, und die bäume erbeben. Wie 
kämpf begierige beiden erheben sie den schlachtgesang des 
donners; vorstreckend die funkelnden lanzen, eilen sie her- 
bei; jetzt schleudern sie sie fort, tödten.die bösen, schüt- 
zen und segnen die frommen. Man sieht in diesem bilde, 
was in ähnlichen zügen überall wiederkehrt, aufs deutlichste 
das gewitter in seinem allmähUchen herannahen und end- 
lichen ausbruche geschildert. Das goldgeschmeide und die 
glänzenden waffen sind offenbar die blitze^ wie sie zuerst 
im wettterleuchten nur wie ein flmkelnder schmuck erschei- 
nen, oder nur wie im spiele von wölke zu wölke fliegen, 
dann aber endlich wie Speere auf die erde herabgeschleu- 
dert werden. Daher erscheinen sie als des Indra genos- 
sen, und wie dieser den zerschmetternden donnerkeil (v4- 
gram) in seiner band hat, so jene die leuchtenden blitze 
(vidjütas), daher jener als vägrahastas „den donnerkeil in. 
seiner band habend'^, diese als vidjüddhastäs bezeichnet wer- 
den. Die Wurzel ist iinzweifelhafb in dem griech. fia^fiaigta 
„funkeln, strahlen^ enthalten, was bei Homer vom schim- 
mern des goldes, erzes (xcckxog) der waffen {ivtaa^ vw^Bi») 
auch der bewaffneten gebraucht wird, und so genau wie 
möglich zu dem geschilderten bilde der Maruts stimmt. 
Diese sind daher als die (in waffenschmuck) funkelnden 



*) vä9i bedeutet im Kigveda nie etwas anderes als »axf*, von der be- 
deutung «donner**, die man aus falscher etymologie ersehlofs, findet slob 
nirgends eine spur. Es stammt ans der worzel vra^K ^mit der axt •p«lteii*'. 
Daraus wflrde sich mit dem suffiz i, da Ifc nur sekondttr ist, Nra^ ergeben. 
Das r WXt nach lippenbuchstaben im anlaute oft weg wie in bban^ as Int. 
frang-, bhu^ ^ frng- , und fttr vr insbesondere in vä^a (pfeil) von vray 
verwunden. 

11* 



164 Grafsmann 

bezeichnet. Das suf&x -ut ist dasselbe wie in gar-üt flu- 
gel. Die wurzel *mar zeigt sieh in gleicher bedeutung 
auch in dem skr. mär-Üh lichtstrahl (Ragh. 9, 13, Rigv. 
884, 6; 1003, 1). Da nun die Maruts zugleich als kämpfer 
(makhÄs Rigv. 64, 11; 119, 3; 507, 9) als schönkämpfende 
(sümakh&sas 85, 4; sümakhäs 441,7"") dargestellt werden, 
die in ungestflmem andränge zur schlacht ziehen, und in 
den schlachten beistand leisten, sowie auf der andern seite 
als die welche durch ihre regengüsse die Auren segnen, so 
treffen sie in beiderlei beziehungen mit dem italischen 
Mars zusammen. Namentlich können wir die form Mart 
unmittelbar = Marut setzen. Die form Marmar, Marmor 
schliefst sich zunächst an die reduplicirten formen fiag- 
ptttiQU}^ (AagfjLaQog^ fiaQ^agvy^ an; fiagfictoog ursprßnglich 
„schimmernd, glänzend'^, dann als beiname von näxQoc; (II. 
TT, 735), und auch ohne dies Substantiv (II. |f«, 380; Od. 
», 499), vorzugsweise den schimmernden, weifsglänzenden 
marmorstein bezeichnend, wenn gleich bei Homer diese an- 
schauung zurücktritt. Von Mars pater, Marspiter, Maspi- 
ter ist oben die rede gewesen. Mit dem oben angeführten 
altind. märxKl stimmt auf wunderbare weise der lat. name 
Marica überein. Leider ist, was wir von dieser göttin 
wissen, zu dürftig, als dafs wir darauf sichere Schlüsse 
bauen dürften. 

3) Volcanus, Vulcanus. Der name stammt her 
aus der wurzel *varK glänzen. Diese tritt in den veden in 
manigfachen ableitungen hervor. So vor allem in var^as 
glänz, was in den meisten stellen vom glänze des feuers, 
oder des Agni gebraucht wird. Ich beschränke mich hier^ 
wie in allen folgenden anführungen, auf den Sprachgebrauch 
des Rigveda**). So heifst es 256, 3: 



*) Bei dieser gelegenheit bemerke ich, dafs eine nebenform von makh 
mit h statt kh in der bedeutung „schlachten, kämpfen^ im Rigveda nicht 
vorhanden ist, sondern däfs die formen mämahe u. s. w. Überall „schenken, 
weihen" und ursprünglich „verehren, verherrlichen" bedeuten, und dafs 
ebenso milhas herrlichkeit» geschenk aber nie „geschlachtetes opfer** oder ähn- 
liches bedeutet, was ich mit beziehung auf n. 459 bei Cnrtius erwähne. 

**) Ich stelle überall den text der Rigveda-verse in der form her, welche 
als die ursprüngliche betrachtet werden mufs, und welche durch die späteren 



r 
I 



die italischen gotternamen* 105' 

ägD6 jad te — divi värKas prithivjäm ( 1 ) 
jad Ösadbläu — apsü ä jagatra (2) 
jenäntäriksam — urü ätatäntha (1) 
tveäas sa bbänüs — arnavas nrkäkääs (2) 

welch glänz o Agni auf der erd' , im himmel, 
in kräutern, fiuthen dir, o heiliger, einwohnt, 
womit den weiten luftraum du durchdrungen, 
der glänz ist leuchtend, wogend, männerschauend. 

So wird Vanaspati, der als gott vorgestellte waldbaum, 
(242, 3) gebeten; 

värkas dbäs jagnävähase 

Oieb glänz dem opferfahrenden, 



gesetze der zusammenftigutig (sandhi) in dem nns überlieferten texte manig- 
fach entstellt ist. Die herstelkmg läfst sich in der bei weitem gröfsten an- 
zahl der fUUe schon jetzt mit Sicherheit ausführen. Wo zweifei bleiben, 
verde ich darauf hinweisen. Das versmafs besteht Überall aus selbständigen 
versgliedem, die ich stets durch getrennte zeilen darstelle. Jede solche zeile 
enthält in den hier aufgeführten versen entweder acht silben, von denen die 
vier letzten in der regel eine jambische dipodie bilden, oder elf oder zwölf 
Silben. Die elf- und zwölfsilbigen zeilen haben ganz gleichen bau, nur dafs 
die zwölfsilbigen am Schlüsse eine silbe mehr haben. Sie haben bekannt- 
lich ihren einschnitt, den ich stets durch einen wagrechten strkh kenntlich 
•mache, nach der vierten oder fünften silbe. Die silben vor diesem einschnitt 
sind von unbestimmter dauer (qnantität), hingegen die silben nach diesem 
einschnitte haben, worauf wohl noch nicht aufmerksam gemacht ist, in bei- 
den fällen eine fast genau bestimmte messung^ nämlich nach*^dem fünfsilbigen 
einschnitte, die messunng 

1) ww-v^ — w-^ viel seltener 2) -w-w-w- 
und nach dem viersilbigen einschnitte 

1) ww — v — %-» — , seltener 2) —^ — s^_w — 
Die beiden messungen unterscheiden sich in jedem dieser fälle nur durch 
die dauer (quantität) der ersten silbe; für den ersten fall (wo der einschnitt 
nach der fünften silbe steht) sind abweichungen von den beiden aufgestellten 
formen, von denen überdies die erste lOroal so häufig ist als die letzte, so über- 
aus selten, dafs sie stets auf verderbte lesart oder späteres Zeitalter schliefsen 
lassen. Im zweiten falle treten noch einige seltnere formen auf, namentlich 

3) \j\j\j~~\j—.\j—' und 4) — \j \j — \j — v — , 

Dagegen erscheinen die folgenden zwei formen so selten (die erste 
29 mal, die zweite 4 mal unter den sämmtlichen 2140 gagatizeilen , die im 
Rigveda mit diesem einschnitte vorkommen), dafs sie auch auf eine spätere 
Periode hindeuten mögen. 

5) \-»-v^-v^ — vy- und 6) — w-v-»-w-. 

Ich erwähne dies hier, da es mir an mufse gebricht, um die von mir 
aufgefundenen gesetze, welche auf die ursprüngliche gestalt des vedatextes 
licht werfen, in einem besonderen aufsatze darzustellen. Bei allen angeführ- 
ten elf- oder zwölfsilbigen zeilen ftlge ich die Ziffer, welche auf die form der 
messung hinweist, bei. 



166 GrafBinanii 

d. h. dem Agni, und mit denselben worten wird (258, 1) 
Agni gebeten, dem opierbringenden glänz zu geben. 
Aehnlich : 

778, 21 agng pavasva suäpäs 
asm^ v&rKas suviriam 
o Agni flamme uns herbei 
schönwirkend glänz und heldenkraft. 
954, 1 m^magne vibfkas — vihav^u astu ( 1 ) 
glänz wohne bei, o Agni, meinen opfern. 
23, 24 s&m mägne sr^a varkasä 
beström, o Agni, mich mit glänz. 
Aehnlich 23,23; 835,9: 

911, 39 pünar patnim agnis adät 

4juä& sah4 varKasä 
die gattin gab Agni zurfick 
zugleich mit glänz und lebenskraft, 
wo des versmafses wegen vielleicht dadät statt adät zu 
lesen ist. 

Aufserdem wird värkas vom glänze der sonne (938, 3), 
des soma (777, 18) und bildlich vom glänze der berrschaft 
oder des rnhmes (844, 9) gebraucht. Dieselbe bedeutung 
(des feuerglanzes) zeigt varMas in Zusammensetzungen. So 
heifst es von Agni: 

966, 2 pävakavarKas ^ukr^varKäs 

anünavarKäs — üd ijarSi bhänünH ( 1 ) 
in flammenglanz, in hellem glänz, 
in vollem glänz steigst du mit deinem licht empor, 
wo in der ersten zeile die zwei silben päva- zu einer silbe 
zu verschleifen sind. So wird ^reöthavarkas oder vielmehr 
^äjiäthavarKas „schönsten glänz habend^ von Mitra, Va- 
runa und Agni (492, 10), und von den beiden ersten allein 
(419, 2) gebraucht, dasm&varKas „wunderbaren glänz ha- 
bend'^ von Indra, von Puschan, von den Marut^s, sam&n&- 
varKas „gleichen glänz habend'^ von Indra und der sonne 
(6, 7) und sah&sravarKas „tausendfachen glänz habend^ 
vom reichthum (724, 9 ; 755, 4). 

So tritt überall ftkr värKas der grundbegrifl des feuer- 
glanzes hervor, der dann auch auf die andern glanzgöt- 



r 



die italiachen gdttemamen. 167 

ter: Indra, die sonnengottheiteD, die Maruts, den flammen- 
den 8oma (eöma pävam&Da s. u.) Qbertragen , seltner im. bild- 
lichen einne gebraucht wird. Es wird daher auch Volc- 
-aaus als gott des feuerglanzes aufzufassen sein. Hierzu 
kommt, dais aus derselben wurzel zwei bezeichnungen von 
dämonen herstammen, welche den Indra bekämpfen, aber 
von ihm besiegt werden, nämlich : 1) Varkia aas glanzbegabt. 
Er zieht mit 100000 mannen gegen Indra aus, verbündet 
mit dem dämon Qambara, wird aber von Indra im gewit- 
ter erschlagen (205,6; 326, 15; 488,21; 615,5). 2) Vrfövot 
= glanzbegabt; 130 gepanzerte Vril£iyat's drangen, die 
wehren durchbrechend gegen Indra vor, wurden aber durch 
seine pfeile erlegt (468,5 — 7). So scheint hier überall 
der kämpf des irdischen oder unterirdischen feuere gegen 
den himmelsglanz, dessen repräsentant Indra ist, darge- 
stellt. Und dieser gegensatz klingt auch hindurch in der 
fabel von dem herabstürzen des Vulcan aus dem sitze der 
götter, deren gunst er sich durch schmieden der götter- 
Waffen wieder zu erwerben sucht, zu deren tische er aber 
dennoch aicht zugelassen wird. Ueberall erscheint er als 
der gott des irdischen feuers, und der feueressen, und 
stimmt somit ganz zu dem bilde, was uns die vediechen 
ableitungen aus der wurzel *yark vor äugen stellen. 

An die besprochenen gottheiten des glanzes und des 
feuers schliefse ich den gott des wassere, und die gotthei^ 
ten der erde oder des heimathsitzes. 

4) Neptunus, Neptumnus. Die ableitung aus der 
wurzel nabh (Windischmann , Curtius grundz.n. 402, Spie- 
gel d. zeitschr. XIII, 371) scheint mir gesichert. Die wurzel 
nabh bedeutet hervorbrechen, hervorquellen; aus ihr stamiut 
naUianü-s der quell, nabhas gewölk, dunst, luftraum, vitpog^ 
lat. nahes, nebula u. s. w. (s. Curtius a. a. o.). Das zendi« 
sehe napta „feuchf zeigt uns den Übergang. Eine wur- 
zel '""nap anzusetzen, wie Spiegel thut (a. a. o), ist weder 
hierdurch, noch durch die gewifs weit abliegenden n&ptar, 
napät gerechtfertigt, vielmehr ist zend. napta regelmä&ige 
partipicialbildungen aus der wurzel nabh, wie z. b. zend. 
gerepta aus der wurzel gerew, skr. grbh, grabh. Aus je- 



168 GrafsmaoB 

nem partioip napta, welches im lateinischen nepto- lauten 
wOrde, wie nopto- aus nubo, ist nun Neptumnus ganz auf 
dieselbe weise abgeleitet, wie Olitumnus aus *clito- (s. o.) 
auctumnus aus aucto-. Es ist also Neptunus als der goit 
des feuchten elementes, des Wassers, der quellen, des ge- 
wölkes benannt. Im sanskrit finden sich aus nabh ab- 
geleitet mehrer« namen mythischer wesen, welche meist 
mit dem Manu in Verbindung stehen, und auf^rdem be- 
sonders die regenzeit, den regenmonat bezeichnen, wie nä- 
bha-s, nabhasa-s, nabhasia-s, nabhäka-s, und von gleicher 
bedeutung sind wohl auch nabhaga*s, nabhäga-s. Aber an 
einen engeren mythologischen Zusammenhang derselben mit 
Neptunus ist schwerlich zu denken. 

5) Maja. Die ableitung aus der wurzel skr. mah 
(grofs sein; reich, herrlich, mächtig sein, caus. verherrli- 
chen, segnen, intens, schenken, segnen) welche auch mit 
gh in den ableitungen magh4-m (reichthum, fblle), magha- 
van, maghävat (reich, mächtig) vorkommt, steht fest. Da- 
nach wQrde Maja für *Mahia stehen, wie major für *ma- 
hior. Wir linden nun in den veden die genau entspre^ 
chende form, und zwar in einer bedeutung wieder, die der 
lat. Maja möglichst genau entspricht. . Von den alten (Corn. 
Labeo bei Macrob, Preller R. M. 351) wird ausdrücklich 
Maja der erde Terra gleichgesetzt, so wie auch den bei- 
den andern göttlnnen der Auren, der Bona Dea und der 
Fauna, auch der name Mater Magna scheint erst von ihr, 
oder der Bona Dea auf die spätere Mater Magna Idaea 
übertragen zu sein. Im sanskrit nun entspringt aus der 
Wurzel mah zunächst das vedische adjectiv mah grofs, 
oft mit dem nebenbegriiFe: reich, mächtig, herrlich. Das 
femhiin desselben lautet mahf. So erscheint es als beiname 
von göttinnen, namentlich der morgenröthe (uöas), welche 
auch sonst vielfach als die reiche (maghönl) bezeichnet 
wird, z. b. 48, 16 

sam nas räj4 — brhatä vi^vap^^asä (1) 

mimikävä sam idäbhis ä 

sam djumn^na — vi^vatürä usas mahi (4) 

sam vigais väginivati 



die italischen gÖtternamen. 169 

mit grofsem reichthum und mit allgestaltigem, 

mit labetränken netze uns, 

o reiche Uschas, mit allsiegender gewalt, 

mit nahrung, nahrnngsreiche du; 
ähnlieh 310,3; 629,17; 639,31; femer als beiname der 
göttin Aditi (Unendlichkeit), der Aramati (göttin der thä* 
t^en Frömmigkeit). So wird auch göttlich verehrt: die 
grofse mutter (mahl mätä 507,3; 401, 1; 395, 15), die 
grofse tausendströmige kuh (sabäsradhärä mahf gäüs) 
337, 5 = 927, 9; 959, 7, maW pf^nis 572, 4), die grofse 
erde (mahl prthivi sehr häufig), so die grofsen altern (mahi 
mät&rä 721, 3; 195, 3; 861, 3; 890, 14), worunter himmel 
und erde verstanden sind. Die grofse, oder reiche, frucht- 
bare mutter (denn zwischen diesem begriffe schwankt hier 
mahl), die alles leben gebiert, wie auch die gotter des un- 
teren götterkreises, ist die erde, die namentlich als mutter 
des Agni, der Uschas vom vater diaüs, so wie auch als 
mutter der Maruts genannt wird, und häufig unter dem 
bilde einer kuh, oder stute oder auch «ines Stromes (395, 15) 
dargestellt, und als die segnende, den boden mit frucht- 
barkeit und feuchtigkeit tränkende göttin aufgefafst wird, 
welche mit dem ströme des befruchtenden regens auf den 
dürren boden sich niederläfst. Endlich mahl als appellati- 
ves Substantiv bedeutet die erde, und diese bedeutung ist 
die einzige, die sich auch in der späteren spräche erhalten 
hat, und auch in zahlreichen Zusammensetzungen zu gründe 
liegt, z. b. in mahikäit, mahlpäla, mahlpati, mahlbhartr, ma- 
hlbhng SS landesherr, könig, in manitala erdboden, mahi- 
dhra, mahlbhirt (eigentlich die erde stützend, tragend) für 
berg. Als göttin wird mahl neben idä und särasvati ge- 
nannt (13, 9; 142, 9; 717, 8), und auch in dieser Verbin- 
dung wird mahl schwerlich eine andere bedeutung haben, 
als die oben für die mahl mätä angegebene. Was endlich 
die form betriffl;, so ist die femininendung l aus altem ia 
enstanden, welches sich im griechischen -ta; »ja erhalten 
hat (d. zeitschr. XI, 26 — 28 und XII, 246. 247). Im Rig- 
veda läfst sich jene ursprüngliche form, jedoch mit Verlän- 
gerung des a, noch vielfach da nachweisen, wo gegenwärtig 



170 GrafsmaiiB 

I im texte steht. NameDÜich gilt dies auch ftr unser 
mabl, fllr welches die form nom. mahfä, acc. mahiftm sich 
an drei stellen sicher nachweisen läfst, nämlich: 
395, 15 sidaktu m&ta — mahia rasi nas (1) 
es sei uns hold die flnth, die grolse mutter, 
wo das versmafs an der stelle, wo der text mahl hat, mit 
zwingender nothwendigkeit zwei kfirzen und eine diunuf 
folgende Ifinge erheischt, und sich keine andere berstellung 
darbietet, als die angegebene*). Der accent auf dem i ist 
nach analogie gesetzt. 

903, 4 juämikam budhnä — apaäm na j^mani (1) 
vithurjÄti na — mahiä ^ratbarjati (1) 
wenn ihr wie auf der wolkenflutben boden geht, 
ist wie voll angst die erde und vergeht vor fiircht. 
540, 6 mahiäm te — om&trftm krdtajas vidus 
die menschen kennen deine grofse freundiichkeit« 
Auch an dieser stelle verlangt d^ einschnitt nothwendig 
eine auflosung des im texte stehenden mahim, während die 
froheren zwei stellen zugleich die messung der silben fest- 
stellen. (Das mafs der letzten stelle hat überdies die un« 
regelmäfsigkeit, dals nach dem einschnitte drei lange silben 
folgen). Im griechischen entsfuricht der mahl, worauf Ben- 
fey Wiederholt aufmerksam gemacht hat, der form wie dem 
sinne nach Mcua d.h. *Makja^ wo der ausfall des guttu- 
rals viel leichter erklärlich ist als in nM neben papu, pa^ 
oder in diSat aus der wurzel dccx, 8ax {Sida^ri u. s. w.). 
Es hat sich also ergeben, dafs die römische Maja (für 
*Mahia), die griechische Mala (fbr * Mahia\ die vedi* 
sehe Mahl, Mahia ursprün^ich die erde, als die grofse, 
r^eiche, fruchtbare bezeichnet, und die feier ihres festes bri 
den Kömern im beginne des mai's ist daher eine sehr na* 
turgemäfse, da gerade in dieser zeit die erde ihre gröfste 
fruchtbarkeit und reichthumsf&lle ent&ltet, und sich gleich- 



*) Eine andre heratellnng hatte ich beitr. IV, 184 versucht, aber mir 
selbst als fraglich bezeichnet; die zwei daneben gestellten stellen, in denen 
mStS, was sich auch in obiger stelle findet, grade die Schwierigkeit hervor- 
zurufen schien, verdienen doch weitere envägung, da z. b. I, 89, 4 an pfthi- 
via f. pfthivl wegen der fehlerhaften cllsur nicht zu denken ist. A. K* 



die italiscben götterDamen. 171 

sam die reiche göttin auf die flur niederläfst. Ein anderer 
Dame derselben, Majesta, ist als ableitung aus dem kom- 
parativ majus vermittelst des sufGxes ta aufzufassen, ebenso 
wie majestas durch das suffix tat auf gleiche weise hervor« 
geht (Aufrecht d. zeitscfar. I, 160; Oorssen III, 295). Mit 
der Maja in naher beziehung steht M aj u s , und zwar zu- 
erst der deus Majus der Tuskulaner, womit sie den Jupi- 
ter bezeichnete , Auf ganz ähnliche weise , wie die alten 
Inder den Indra so häufig mit dem beinamen maghävan 
als den reichen, mächtigen bezeichnen. Das suffix ist -io; 
und im oskischen tritt nicht nur Maiio (dat. Maiioi), wo 
H fiQr j steht (Corssen d. zeitschr. XI, 328), sondern auch 
mit gewahrtem h: Mahio (nom. Mahiis) als vomame auf. 
(Corssen a. a. o.). Ebenso wird der monat Majus als der 
reiche^ herrliche aufzufassen sein. Jedenfalls kann man 
nicht unmittelbar diesen monat als den wachsemonat (Cors- 
sen a. a. o.), d. h. als den der wacfasthum hervorruft, noch 
die dea Maja als die wachsthum verleihende (Preller 
R. M. 352) auffassen, da dies anknüpfen an die kausative 
bedeutung mit dem nachweisbaren begriffe der ableitungen 
aus der wurzel mah im Widerspruch steht, aber es entfal- 
tet sich der reichthum, die fälle, die herrUchkeit, die dem 
Majus, der Maja durch ihre benennung beigelegt werden, 
eben in dem reichen hervorspriefsen der gewächse aus der 
mit feuchtigkeit getränkten erde, und kommt also doch 
zuletzt beides auf dasselbe hinaus. Im oskischen findet 
sich nach Festus Ükr den monat mai der name Maeäus, 
was sehoG eine lateinisch umgewandelte form ist; die os- 
kische form müfste ^Maisiis lauten; sie mufs als ableitung 
aus dem oskischen comparativ mais durch das suffix io 
betrachtet werden (vergl. Majes-ta); die bedeutung wird 
dann dieselbe sein, wie f&r Majus. 

6) Vesta, griech. '£Vria, 'fon'iy, dorisch /-«(rr/cr, oa- 
kisch vielleicht Vestia, wenigstens kommt dieser name im 
oskischen als weiblicher eigenname vor. Bekannt ist die 
ableitung aus einer wurzel vas. Aber welche wurzel vas zu 
gründe zu legen sei, darüber sind die ansichten getheilt, 
indem einige Vesta aus der wurzel vas „leuchten^ ableiten^ 



172 Grarsmann 

uad an das auf dem heerde brennende fener der götiin 
denken, wie Lottner (d. zeitschr. VIT, 178); die andern auf 
die Wurzel vas „ wohnen^ zurückgehen. Die zweite abiei- 
tung ist ohne zweifei die richtige. Denn vas leuchten wird 
ursprünglich nicht vom leuchten oder brennen des feuers, 
sondern nur vom leuchten der morgenröthe, oder des tages,. 
seltner vom leuchten der sonne gebraucht, daher vastu-& 
morgen, tageshelle, väsara leuchtend (von der morgenröthe, 
der tageshelle, der sonne), väsara-s tag, vasantä-s fröhling, 
viväsvat leuchtend (von der sonne), und nur einmal wird 
viväsvan (leuchtend) bildlich von den holzstücken, die Agni 
entzünden, gebraucht (711,22). Zwar hängt die wurzel 
u§ brennen mit dem praes: öSati mit obigem vas zusam- 
men; aber die formen ösati, imperf. äusat, perf. uvösa, so 
wie das lat. uro, griech. eiicD u. s. w. (Curtius n. 610) zeigen, 
dafs in dieser bedeutung „brennen^ die wurzel schon vor 
der Sprachtrennung sich in us (uä) umgewandelt hatte. Wir 
werden uns daher nur an die bedeutung der wurzelform 
halten dürfen, welche vor der Sprachtrennung noch die volle 
form vas vielfach bewahrt hatte, und diese bedeutung ist, 
wie wir sahen , der ableitung der Vesta aus vas leuchten^ 
nicht günstig. Die bedeutung „wohnen^ tritt in der wur- 
zel selbst in den formen vasati (praes.), uväsa (perf.) u. s. w., 
und in den vedischen ableitungen vas haus (356, 6), vasa- 
ti-s haus, nest, vasman nest (222, 1), västu wohnung haus, 
väsa wohnung (397, 14) hervor (vergl. Curtius n. 206). Von 
besonderer bedeutung ist hier der vedische gott västö- 
§pati-s d. h. beschützer des hauses; er wird angerufen, 
das haus und alles, was darin ist, zu schützen und leid 
von ihm abzuwehren (570; 571,1); er wird mit Indra ge- 
nannt (637, 14) und mit der übrigen götterschaar (395, 8; 
887, 7). Mit der ableitung des namens der Vesta aus vas 
wohnen steht der Sprachgebrauch im griechischen, wo das 
wort lebendig geblieben ist, während es im lateinischen 
eben nur als name der göttin erscheint, in Übereinstimmung, 
im griechischen nämlich tritt der begriff des feuers ganz 
zurück, die iaria ist nur der heiligste theil des hauses, 
der hausaltar der götter, 'Eöria^ 'larit] ist beschützerin nicht 



die italischen gottemamen. 173 

nur der berde, sondern der bäuser, der Städte, und auch 
in iöTidw, i(pianog tritt derselbe begriff bervor; ja auch 
den Römern scbeint dieser zusammenbang mit dem wobn- 
sitze nocb im bewufstsein geblieben zu sein , indem z. b. 
Ov. Fast. 6, 267 sagt: Vesta eadem est quae Terra. 

Die altindiscbe verebrung des västöspäti weist nun 
zwar darauf bin, dafs der mytbus der Vesta, 'Earia scbon im 
indogermanischen glauben wurzelt, aber dennoch erscheint 
dieser mytbus im griechischen und lateinischen in sofern ei^ 
genthümlicb ausgeprägt, als in beiden eine weibliche gottheit 
verehrt, und ihre Verehrung besonders an den heerd des 
hauses geknüpft wird. Nach Cicero wäre der lateinische 
name ans dem griechischen entstanden, was nicht unmög- 
lich ist, da sich der name bei den von der griechischen 
cnitur unberührt gebliebenen umbrischen stammen nicht fin- 
det; denn dafs die umbrische Yesuna mit der lateinischen 
Vesta nichts zu thun hat, wird sich weiterhin zeigen. Frei« 
lieb dürfte man dann nicht annehmen, dafs die Verehrung 
dieser göttin selbst erst durch den einflufs der Griechen 
bervorgerufen sei; denn es zeigt sich bei allem, was an 
den dienst dieser göttin geknüpft ist, eine so eigentbüm- 
lich römische und so tief angelegte auffassung, dafs sie 
gewifs nicht anders als aus dem eigensten volksbewufstsein 
heraus erwachsen sein kann. Aber möglich bleibt es, dafs 
in ähnlicher weise, wie dies beim Hercules nachgewiesen 
ist, die göttin ursprünglich imter einem andern, einheimi- 
schen namen verehrt worden sei (man könnte an die os- 
kische Entra denken) und erst später der griechische name 
in der form Vestia (osk.), oder Vesta auf diese göttin über- 
tragen sei. Doch läfst sich eben auch nur diese möglich- 
keit feststellen, welcher ich keinen höheren grad der Wahr- 
scheinlichkeit beimessen will. 

7) Lar schutzgott des hauses, auch haus, wohnung, 
plur. Lares, alt Läse s. Lottner (d. zeitschr. VII, 185) 
vergleicht treffend das altnordische laeri wohnung, fär wel- 
ches er ein gotbisches *Iesi ansetzt. Die wurzel glaube 
ich im skr. las „ begehren % wovon abhi-läsa und abhi- 
-läsa „verlangen, liebe^ stammt, gr. hkaiof4ai. (d. zeitschr. 



174 OraTsmaiin 

II, 268), einer warzel, die in dem deutschen lust (got. loatua) 
zu gründe liegt, zu finden, indem skr. Ökas „behagen , ge- 
fallen^ (von uk), und gewöhnlicher „heimwesen, wohnstfttte^ 
ibr den bedeutungsübergang ein genau entsprechendes sei- 
tenstQck darbietet. So wQrde lar ursprünglich die heimath- 
Iiche wohnstätte als den ort des begehrens, des behagens, 
der last bez.eichaen« Aus Lar stammt weiter Lara, La- 
runda (mutter der Laren), Larua,^ Larva, letztere an 
die Verehrung der Laren als geister der verstorbenen an- 
knüpfend (s. oben). 

Ich lasse nun die gottheiten folgen, welche nach ih- 
rem wirken, oder ihrer kraft benannt sind: 

8) Cerus Manus, in einem liede der Salier vorkom- 
mend, und dort von Festus als creator bonus erklärt, in 
einem fragmente dieses liedes bei Varro auch duonus Ce* 
rus genannt. Cerus stammt aus der wurzel kar, wie skr. 
kärü-s (dichter, künstler), käras (anfertiger). Das erste 
kommt im Bigveda mehrmals (165, 15; 177, 5; 184, 4 vgl. 
165, 14) in der Verbindung kärüs maniäs vor in der be- 
deutung der weise, oder VFohlgesinnte dichter; auch wird 
käru-8 als name des vipvakarman (des allschaffenden) des 
götterkünstlers erwähnt. Das lat. Manus entspricht genau 
dem vedischen mäna-s aus der wurzel man, es tritt als be- 
zeichung des sehers, Sängers, Verehrers auf, z. b.: 

184, 5 €ää väm Stomas — a^vinäv akäri (2) 

män^bhis väm*) — maghavanä suvrkti (t) 
dies loblied ward, o ritter, euch gedichtet, 
der lobgesang von sehern euch, erhabne! 
169,8 tuam mdnebhjas — indra vi^vaganj&s (2) 
r&d& marüdbhis — ^urüdhas gavagräs (1) 
den Sängern spende du f&r alle menschen 
milchreiche gaben, Indra mit den Marutsl 
Aehnlich785, 6; 189,8; 182,8. Einmal wird es von den 
Mariits gebraucht (171, 5), einmal von Indra (672, 7). Die 
grundbedeutung ist dieselbe wie ftür mänii: weise, wohlge- 

*) vSm ist durch konjektor hinzagefügt. Die cäsnr fordert entweder die 
unerhörte auf lösnng von mänSbhis, oder hinzofttgung einer silbe ; väm konnte 
leicht, als schon in der ersten seile enthalten ansgeÜülen sein. 



die italischen göUernamen. 175 

«inni, nur dafs es mehr sabstantivisch gebraucht wird. 
Hiernach ist also Cerus manus in Übereinstimmung mit 
Festus als der wohlgesinnte Schöpfer zu deuten. Aus der- 
selben Wurzel scheint zu stammen: Garanus (Preller röm. 
myth. 70. 645, und Spiegel d. zeitschr. XIII, 390), indem 
die bei Aur. Victor, vorkommende form Recaranus es 
wahrscheinlich macht, dafs g in Garatms aud c erweicht 
sei. Es war Garanas nach Verrius Flaccus (bei Serv. V. 
A. 8. 203) der ursprüngliche name des starken hirten, wel- 
cher den Cacus überwältigte, und auf welchen später der 
griechische name des Hercules übertragen wurde. Es mag 
Garanus etwa mit dem vedischen krän&-s oder kräni (nom. 
von kränän was aber in keiner andern form vorkommt) ver- 
glichen werden, welches „wirksam, kräftigt bedeutet (798, 
19; 814, 1; 887, 1; 958, 2) und zu diesem gotte gut 
stimmt. 

9) Ceres, gen. Cereris für *Ceresis, Cerealis für Cere- 
salis mit ausgefiülenem s, im osk. Eerri = Cereri also f&r 
*Kersi stehend, wie herrins für ^hersins (vergl. patensins), 
daraus das osk. adjectiv Kerri-i-o mit den formen -in (loc), 
-Ol (d. s. m.), -ai (d. s. f.), -ois (d. pl. m.), -ais (d. pl. f.). 
Diese adjektivform scheint auf einen ursprüngl. i- stamm 
hinzudeuten. So gelangen wir zu einem indogerm. karsi, 
welches im sanskrit kräi lauten würde. Letzteres bedeutet 
im sanskrit das pflügen, den ackerbau^ und vnrd, worauf 
mich mein freund Pauli, dem ich überhaupt diese idee%er- 
danke, aufinerksam gemacht hat, im Qatapathabrähmana 
11,2,3,9 als gottheit des ackerbaues personificirt. So 
wird Rerri f&r Eersi als Stammform fnr den namen dieser 
göttin bei den Oskern aufzufassen sein, während im latei- 
nischen der Übergang von r zu s durch ein eingeschaltetes 
e erleichtert wurde. Die lateinische nominativform Cerßs 
wird dann aus älterem *Ceresi-s auf ähnliche weise ent- 
standen sein, wie neueres Luceres aus älterem Locereses 
(Lucerenses), indem das unbetonte i zwischen den beiden 
Zischlauten ausfiel, und dann das doppelte s durch längung 
des Vokals ersetzt wurde, oder indem das erste s ausfiel 
und e mit i zu 6 zusammenflofs (vgl. Corssen d. zeitschr. 



176 GrafBinann 

ni, 298). Die gewöhnliche ableitung aas kar (Corssen d. 
zeitschr. III, 271, Düntzer XIII, 15, Preller röm. myth. 70), 
oder die aus ^ri (Leo Meyer d. zeitschr. Vj 382) wird da- 
gegen aufgegeben werden müssen. 

10) Cacus. Der name ist dem vedisehen ^äkar-s gleich- 
zusetzen. Dies, von der wurzel ^ak „stark sein, vermögen^ 
abstammend, bedeutet in den veden „stark^. 
So heifst es vom sonnengotte 88I9 6: 
^dkmanä ^äkäs — arunäs suparnas (1) 
er stark an stärke, lichtroth, schöngeflOgelt. 
So wird es von den Maruts gebraucht, welche als des In- 
dra starke männer, oder substantivisch als die starken des 
Indra bezeichnet werden: 

313, 11 sam indras gas — agajat säm hiranjä (1) 

säm a^vijä* — maghavä jks ha pürbhid*) (I) 
ebhis nfbhis — nftamas asja ^äkäis (3) 
räjas vibhaktä — sambhar4s ca väsvas (2) 
durch kämpf gewann viel gold und kfihe Indra, 
rofsschaaren er, der mächtge burgzerstörer, 
der held mit diesen beiden, seinen starken, 
vertheilt den reichthum, speichert auf die guter. 
384, 10 sam täs indras — asrgat asja ^äkäis (3) 
durch seine starken liefs sie (die kühe) Indra strömen. 

460, 4 täm vas indram — ^atinam asja päkäis (3) 
^ iha nünam — vägajantas huv^ma (2) 

der sich verbarg, Indra mit seinen starken, 
ihn rufen wir euch her nun, kraft begehrend. 

Auch das mit ^äka (kraft) zusammengesetzte purupäka 
(kraftreich), und die aus ^äka abgeleiteten adjektiven 9a- 
kin, ^äkind werden in den veden von göttem, namentlich 
von Indra gebraucht, während der lateinische Cäcus als 
der starke dämon gedacht ist, der von Garanus oder Her- 
cules überwunden und der gestohlenen kühe beraubt wird. 
Es steht also Cacus, worauf schon vielfach hingewiesen ist 



*) pürbbfd ist konjektur statt des anpassenden püiris, was der text hat. 
Das häufige epitheton Indra's pnrbhid kommt in ganz ähnlicher Verbindung 
z. b. 658, 5 vor. 



die italischen götternamen. 177 

(Spiegel d. zeitschr. XIII, 386 ff.) dem vediscbeu Vrtra pa- 
rallel, welchem Indra die versteckt gehaltenen kühe raubt; 
und die bezeichnung desselben als eines starken, welche Spie- 
gel (a. a. o.) auch ßXr den arischen Vrtra in anspruch nimmt, 
wflrde sich trefflich f&r den starken dämon eignen, der 
durch den noch stärkeren gott in heifsem kämpfe fiberwun- 
den wird. 

11) Neria, Nerio, (gen^- Nerienis), Neriene, Ne- 
rienis, Nerine die gattin des Mars, daher in dem gebete 
bei Gellius: Neria Martis te obsecro, und bei demselben 
und bei Ennius Nerienem Martis. Nach den alten ist es 
ein sabinisches wort, und bedeutet tapferkeit. Das schwan- 
ken des sufBxes bestätigt die entlehnung; die acht sabini- 
sche form kennen wir nicht, wissen daher auch nicht, in 
welcher form es „tapferkeit^ bedeutete. Dafs es mit dem 
umbr. ner (a. pl. nerf, d. pl. nerus), osk. ner (gen. pl. nerum), 
skr. nar zusammenhängt, ist allgemein anerkannt (Ebei d. 
zeitschr. I, 307 u. a.). Die form Neria wOrde ganz dem 
feminin des ved. adjektirs naria (mannhaft, tapfer) entspre- 
chen, dessen neutrum niriam heldenthat bedeutet. Ob man 
bei den andern formen an skr. Naräjana, Näräjana (beina- 
men des Vi§nu), När&jani (beiname der Lak^ml der ge- 
mahlin des Visnu) zu denken habe, will ich nicht ent- 
scheiden. 

Die begriffe der bisher behandelten gottheiten waren 
an anschauungen sinnlicher gegenstände oder tbätigkeiten 
geknüpft. Ich gehe nun zu den gottheiten über, die schon 
ursprünglich auf geistiges gebiet bezogen wurden. 

12) Minerva, .älter Menerva, Mit recht hat Pott 
(d. zeitschr. VI, 112) diesen namen aus skr. manas geist, 
verstand = griech. fitvog abgeleitet. In den veden heifst 
manasvat „weise'' und wird z. b. Rigv. 203, 1 zur bezeich- 
nung des Indra gebraucht. Ich habe schon oben darauf 
hingewiesen, dafs das lat. suffix vo (fem. va) mit uo (ua) 
identisch ist, und ersteres regelmäfsig nur nach vokalen, 
nach r und 1 eintritt. So würden wir zunächst eine form 
*Menes-ua zu erwarten haben, aus der dann nach den 

Zeitschr. f. vgl. sprachf. XVI. S. 12 



178 Grafsmann 

später entwickelten lautgesetzen ''Mener-ua, Menerva, her- 
voi^ehen mufste (s. o.). lieber Manus vgl. n. 8. 

13) Venus. Die abstammung aus der wurzel van in 
der bedeatung ^hold sein'^ ist bekannt. In den veden ist 
vanas (gen. vänasas) die lust, wonne z. b. 998, 1 wo es von 
der Uschas heifst: 

d jähi v&nasä saha 

gävas saKanta vartanim — jid ddhabis*^) 
komm her mit freudigkeit, da schon 
den pfad die kühe mit den entern segneten. 
So tritt vanas in gleicher bedeutung hervor in den vedi- 
sehen Zusammensetzungen gir-vanas an liedern lust habend, 
jagn&vanas an opfern lust habend, (297, 2; 876, 5). Hier- 
her gehört auch Venilia, Veneiia als göttin der hoff- 
nung, des Verlangens (skr. van, ven auch in der bedeu- 
tung begehren, verlangen). 

14) Gamena, Camoena, Casmena, Carmena 
(Varro I. 1. VIT, 26). Die abstammung aus der wurzel skr. 
^as, ^as (singOT, preisen) ist bekannt. Aus ihr stammt skr. 
^Äsman (gesang). Aus diesem ^asman würde sich ein ^^as- 
mania in der bedeutung dem gesange zugethan, im gesange 
geschickt, ableit^i lassen, ganz wie aus brahman gebet, 
brahmania dem gebete zugethan, aus karman werk, karma- 
nia im werke geschickt herstammt. So würde sich auch 
Casmßna, Camoena als ^casmaniä, d. h. als die den gesftn- 
gen vorstehende göttin deuten lassen. 

15) Sancus wird dem Semo pater und dem Fidius 
gleichgesetzt (Ov. Fast. VI, 2 1 3), und auf inschrifiten kom- 
men alle drei namen verbunden zur bezeichung eines got- 
tes vor: Sancto Sanco Semoni Deo Fidio etc. (Grut. 96, 6), 
Semoni Sanco Deo Fidio (ib. n. 5). Auf den iguvinischen 
tafeln tritt der name häufig auf, und zwar in der form 
Sanko, älter Sako als beiname des Jupiter, nämlich vok. 
Jupater Sa^ (tafel IIb ^24), dat. Sape Sakre Juvepatre 
(IIa, 4), Sapi Juvepatre (IIb, 17), Sa^i seil. Juvepatre 



*) Bei zwölfsilbigen zeilen, die mit achtsilbigen wechseln, tritt vielfach» 
in einigen liedern regelmäßig, der einschnitt nach der achten salbe ein. 



die italischen götternamen. 179 

(IIb, 10); ferner daraus abgeleitet San^o SIter Sa^io dem 
Sancus ai^ehdrig, stets in Verbindung mit dem Fiso d. h lat. 
Fidio, oder dem mit ihm gleichbedeutenden Fisorio; näm- 
lich im Tokativ Fisovie San^ie (VIb, 9. 10. 12. 12. 14. 15), 
Fisovi San^i (VIb, 6. 8. 8. 5), Fisovi Sansi (VIb, 6), und 
im datiT Fise Sansie (VIb, 3), Fise Sapi (la, 1&), Fisovi ' 
Seosii (Vlla, 37). Die wahre bedeutnng des namens ist 
im lunbriscben zu suchen, da der lateinische name nach 
den ausdrücklichen Zeugnissen der römischen schriftsteiler, 
aus dem sabinischen, also aus dem sabinisch-mnbrischen 
götterkreise entlehnt ist. Hier ist aber Sancus bezeichnung 
und beiname des Jupiter, und der Fidins (Fiso, Fisovio), 
oder Dius Fidius wird nicht diesem Sancus identisch ge- 
setzt, sondern durch das adjektivische Sancius als zu ihm 
in beziehnng stehend bezeichnet* Sancus hängt mit san- 
cire, sanctus, sacer und weiter mit der skr. warzel saK 
zusammen. Letztere, mit sap (verehren) dem griech. &ca>, 
lat. sequor verwandt, hat aufter der bedeutung ^geleiten, 
^ch zu jemand gesellen^ im Rigveda sehr häufig die be- 
deutung „verehren^, woraus saKatha „Verehrung^, saKatbia, 
salEana ,) verehrend'^, saKanivat j^verehmngsvoU'' , so wie 
die partieipien sakaq&mäna, sakanasjtoSna „verehren wol* 
lend^ herstammen. Sancus wird danach der heilige be- 
deuten. 

Endlich f&ge ich an den schlufs dieser betrachtung 
noch drei göttemamen, über deren deutnng man zweifelhaft 
sein kann: 

16) PUes, eine gottin der hirten, selten auch masku- 
linisch als bezeichnung eines gottes gebraucht (Serv. Virg. 
Ge. III, 1). Das fest dieser gottin (am 21.april) hiefs 
Palilia, oder gewöhnlicher (din*ch lautabstofsung) Parilia. 
Die ableitung aus der wurzel pä, päl hat auf den ersten 
anblick viel anlockendes. Im sanskrit ist pälÄ-s der wach- ^ 
ter, hfkter, hirt, und auch die freilich nicht belegte form 
paUb-s wird daftkr angeführt, ebenso scheint das griech. 
ah^olog ziegenhirt, falls es hierher gehört, auf urspüngliche 
kürze hinzuweisen. So könnte Pales als gottin der hirten 
benannt sein. Erwägt man jedoch die gesammtbeit der 

12* 



180 Grafsmann 

umstände, welche mit der verehrang dieser göttin in bezie- 
hang stehen, so wird man nicht umhin können, einer an- 
dern ableitung den Vorzug zu geben. Es ist nämlich da- 
nach Pales zunächst die göttin des viehfutters, wie auch 
Serv. Virg. Ge. III, 1 bezeugt Pales — dea est pabuli. Und 
in der that bezieht sich die ganze Verehrung dieser göttin 
darauf, dafs die göttin bewogen werden soll, alles futteria 
reichlicher fölle wachsen zu lassen und es dem vieh heil- 
bringend und nahrhaft zu machen. Hierauf zielen auch die 
manigfachen reinigungen und sühnen, welche mit dem 
dienste der göttin verbunden waren. Die vergehen, für 
welche diese sühnen gebracht wurden, bestanden nach Ovid 
(Fast. IV, 749 ff.) darin, wenn der hirt auf heiligem gebiete 
geweidet, oder für seine heerde von einem heiligen haine 
laub abgeschnitten, oder sie aus heiligem wasser getränkt 
hatte. Auch die gegenstände, welche bei diesen reinigungen 
verbrannt werden, weisen auf dasselbe ziel hin. So das 
räuchern mit dem geronnenen blute des oktoberpferdes, 
was im Oktober ob frugnm eventum geopfert war. So die 
räucherungen mit bohnenstroh und der asche des sechs 
tage vorher (beim feste der Fordicidia) aus der trächtigen 
kuh entnommenen ungeborenen kalbes; ein gebrauch, den 
Oyid (Fast. IV, 633) gewifs richtig deutet, wenn er die gra- 
vidae nunc semine terrae durch das symbol der trächtigen 
kuh dargestellt findet, indem die göttin bewogen werden 
soll, nun die aus dem schoofse der erde hervorschiefsenden 
Saaten dem vieh heilbringend zu machen. So auch das ver- 
brennen des Strohs und der halme bei der letzten reinigung 
des viehes und der hirten, so das laub und die zweige, mit 
welchen die stalle geschmückt wurden, so das verbrennen 
der öl- und lorbeerbäume und der kräuter; so endlich das 
hirsengericht, welches der Pales dargereicht wurde. Kurz, 
es ist fast kein zug in dem ganzen bilde dieses cultus, der 
nicht auf die besondere beziehung dieser göttin zur nah* 
mng der heerden, oder zur vegetabilischen nahrüng über«- 
haupt hinwiese. Insbesondere spielen stroh, halme, laub, 
zweige, allerlei kräuter, die der höhnen beraubten höhnen- 
pflanzen, die hirse eine hauptrolle bei den festen der göt- 



die italischen götternamen. \Si 

tin. Nun haben im sanskrit pala, paläla, paläii die bedeu^ 
tung: Stroh, halm, Stengel der moorbirse, paiäva-s =s lat. 
palea spreu, hülse, palä^a-m blatt, laub, palakja und pa- 
iankja eine gemQsepflanze (Beta Bengalensis), auch pallava 
junger scfaofs, zweig gehört wohl hieher. Die Übereinstim- 
mung dieser bedeutungen mit den bei dem dienste der Pa- 
les in den Vordergrund tretenden pflanzentheilen und pflan- 
zen kann sefawerlieh zufällig sein. Als wurzel vermuthe 
ich eine form mit anlautendem s, welches in phäla-m 
(frucht, seltner breit, blatt) so wie in lat. folium, griech. 
(fvXXov^ skr. phulla (gespalten, aufgeblüht, mit blüthen be- 
setzt), die hauchung des p veranlafst hat, während es in 
den obigen formen ohne solche Wirkung abgefallen ist. Die 
grundbedeutung dieses ""spal (skr. phal, sphat, sphut) ist 
„spalten, bersten". Hiernach wäre die frucht vom bersten 
bei ihrer reife, der pflanzenschofs von seinem hervorbrechen 
aus der rinde oder knospe, die blüthe, das blatt von der- 
selben anschauung aus, oder letzteres (wie phala im sans- 
krit) von der anschauung einer abgespaltenen platte her 
benannt. Ob die Pahci zwillingsgötter der fruchtbarkeit 
gleichfalls hiermit und mit den skr. dämonen-namen palär 
^a-s, palä^in, pallgaka-s zusammenhängen^ oder ob die göt- 
tin Palatua (s. Preller röm. myth. 3(i5) mit der Pales in 
etymologischer Verwandtschaft stehe, will ich nicht entschei- 
den; wenn gleich beides mir wahrscheinlich ist. 

17) Lemures die geister der verstorbenen, insbeson- 
dere in sofern sie als ruhelos umherschweifend und ruhe 
suchend gedacht wurden. Die ableitung ist schwierig. 
Ich vermuthe abfall eines k wie in lamentum, laus, lusci- 
nia, lausus, ludus, ludo und Zusammenhang mit skr. klam, 
^ram „ermüdet, traurig, beunruhigt sein". 

18) Laverna göttin der diebe. Die ableitungen aus 
lavare, griech. laß (Xctfißdvo))^ latere, oder gar von Lar, 
Lares sind theils der bedeutung, theils der form wegen 
unhaltbar. Ich schlage daher eine andere vor, welche mir 
nach beiden richtungen hin vollkommen zu genügen scheint, 
indem ich als wurzel skr. lü annehme, welche „abreifsen, 
abschneiden" , und auch wohl im allgemeineren sinne ,^ent- 



182 Grarsinaan 

reirsen^ bedeutet. In der bedeutung ^an sich reiüsen*^ tritt 
sie in dem lat. lu-crum hervor, was von jedem gewinn, sei 
er auch durch diebstahl oder betrug erlangt, gebraucht 
wird. Eine gunirte form aus dieser wurzel zeigt z. b. skr. 
lava-s (ein abgerissenes stück). Man wfirde Lavema dann 
auf ein altes subst. *lavor znrückzufbbren haben, etwa in 
der bedeutung von lucrum, ähnlich wie Satnmus auf sator, 
Juturna auf jutor zurückgeht, indem die sufBjc«-verbindung 
hier wegen des vorhergehenden v in -erna statt in -uma 
überging. Dieselbe wurzel lü bat im griech. Xvia lat. luo, 
so-lvo eine abgeblalstere bedeutung angenommen. 

Dritte abhandlung. 

Die götternamen des umbrischen gebietes. 

Indem ich zu den gottheiten des umbrischen gebietes 
übergehe, bin ich mir wohl bewufst, auf welchen schlüpf- 
rigen boden ich mich begebe, da die opfervorschriften und 
gebete, wie sie auf der umfangsreichsten und wichtigsten 
Urkunde dieses gebietes, den iguvinischen tafeln vorkom- 
men, bei allen gottheiten fast auf gleiche weise wiederkeh- 
ren, und die geringen unterschiede nur wenig anhaltepunkte 
geben, um daraus auf die bedeutung der verschiedenen 
gottheiten sichere Schlüsse Jbauen zu können, und da auf 
der andern seite auch die sprachliche Untersuchung der 
namen leicht auf irrpfade fQhrt. Dessen ungeachtet wer- 
den vermuthnngen über das wesen der dort genannten gott^ 
heiten, deren namen gröfstentheils auf hohes alter zurück- 
weisen, die Wissenschaft weiter fördern, wenn sie nicht in 
haltlose phantasien hinüberschweifen, und sich nicht einen 
grad der Sicherheit anmafs^i, der ihnen nicht zukommt. 
So hoffe ich, werden auch die folgei(iden muthmaisungen, 
die sich fQr nichts anders ausgeben wollen, zu genauerer er- 
forschung dieses gegenständes anregen. Ich werde überall 
die namen in der Stammform (ohne endung) auffuhren. Die 
meisten der in den denkmälern genannten gottheiten stehen 
in bestimmt ausgedrückter beziehung zu einander, welche 
durch beigefügte bestimmungen wie die adjektivischen 



die italischen gotternameu. 183 

Jovio, Martio, (perfio, Grabovio oder durch geDetiyiacbe, 
welche namentlich die weiblichen gottheiten betrefFen und 
sie als töchter oder gatlinnen männlicher gottheiten dar- 
stellen, besseiehnet wird. Am meisten gesondert von den 
übrigen zeigt sich die gruppe: Puemuno mit dem Zuna- 
men Puprko, Vesuna mit der genetiv-bestimorang Pue- 
iHunes Puprkes und eine Tursa, welche von den später 
zu erwähnenden Tursa Jovia und Tursa Qerfia zu unter- 
scheiden ist. Diese gottheiten kommen nur bei der auf 
taf. III und IV beschriebenen opferhandlung der attidischen 
brüderschaft vor. Vesuna findet sich aufserdem noch uuf 
volskischen und marsischen inschrifien, auf den letzteren 
wird als ihr vater Erino genannt. Es wird dadurch wahr- 
scheinlich, dafs Puemuno als gatte (nicht als vater) der 
Vesuna aufzufassen ist. Noch erscheint im sabinischen (auf 
dem steine von Aquila) eine Poimunia, unter welcher 
eine mit dem Puemuno zusammenhängende weibliche gott- 
heit verstanden sein muTs, vielleicht jene Tursa die also als 
Tursa Puemnnia der Tursa Jovia und der Tursa Qerfia 
gegenüberstehen würde. Es findet sich zu diesen gotthei- 
ten eine merkwürdige parallele, die gewifs nicht als ein 
spiel des zufalls betrachtet werden darf. Wir finden näm- 
lich im Bhligavatpuräna (6,6, 13) einen taräa-s als söhn 
des arka-s d. h. der sonne und der väsanä erwähnt. Tursa 
mit dem umbrischen verb turse- = lat. torre- = skr. trä 
(perf. tatarsa) verwandt, fassen die herausgeber der umbri- 
schen spachdenkmäler gewifs richtig als göttin auf, die 
über die dürre zu gebieten hat, und angefleht wird, dürre 
und Sonnenbrand (umbr. tursitu) abzuwenden. Das entspre- 
chende wort würde im sanskrit tarsä lauten, wovon sich 
der oben erwähnte tarsa-s nur dem geschlechte nach unter- 
scheidet. Ebenso stimmt Vesuna zu väsanä, indem e eben- 
sowohl langes als kurzes a vertreten kann, und umbr. u 
sehr häufig durch o hindurch aus a entstanden ist. Diese 
väsanä war, wie oben angeführt, mutter des tarsa-s, gat- 
tin des arka-s. Wir werden vermöge dieser bcziehung zur 
sonne väsanä als die glänzende, leuchtende, als die tages- 
belle aufzufassen haben, wie ja die vedischen väsarä (leuch- 



184 Grarsmann 

tend), västa-s, vfi8ar4»m (tageshelle) diese bedeutung haben. 
Ist diese auffassung richtig, so wird arka-s dem Puemuno 
zur Seite stehen müssen. Dies letztere ülhrt auf die wz. 
ftly deren grundbedeutung „bell sein^ ist, aas welcher sich 
einerseits der begriff der klarheit, reinheit, andererseits der 
begriff des flammens, des feuers entwickelte. So ist das 
▼edische pävaki, wofQp überall paväkä zu lesen ist, ein sehr 
gewöhnlicher beiname des agni, und mufs als „hell glän- 
zend, flammend^ gedeutet werden; ja es wird auch als 
masc« geradezu als benennung des feuers gebaucht. Die- 
sen begriff zeigen femer nicht nur die ableitungen griech. 
7WQ^ umbr. pir, hochd. fiur u. s. w. (Curtius n. 385), son- 
dern auch die wurzel pü selbst hat in den vedischen me- 
dialformen (erster klasse), unter denen im JKigveda pav- 
-ate, -ase, -ants, -asva, -atäm, -adhvam, -antam, -äte, -iäta, 
apavathäs und das particip pavamäna vorkommen, die be- 
deutung „hell glänzend strömen^ oder gerade zu „flam- 
men^; und diese beiden bedeutungsformen gehen vielfach 
in einander über, da die flamme häufig als glänzender 
Strom gedacht wird und umgekehrt ein heller ström als 
flamme. Die von den herausgebern des petcrsb« wörtcrb. 
angegebene bedeutung „sich reinigen, gereinigt ausflie- 
fsen, abträufeln, sich klären^ trifft den wahren sinn dieser 
medialformen nicht. So wird es gebraucht vom flammen 
des feuers; z. b. 829, 5 heifst es von Agni: 

svanäs uä jäsja — bhämäsas pdvante (2)*) 
des strahlen wie gewitter flammend strömen. 

Ferner von der ins feuer gegofsenen Schmelzbutter 
354, 9 ghrtasja dhäräs — abhi täd pavante (1) 

der butter ströme flammen ihm entgegen 
354, 10 ghrtasja dhdräs — daadhumat pavante (1) 

der butter ströme flammen honighegend 

451, 2 ghrtäm nk ^iiKi — matäjas pavant€ (1) 

wie helle butter flammen die gebete. 



"*) Das versinaiä verlaugt hier die euduug -ääas'mit kurzem ;i zu ieueii, 
also -asas wie Öfter nicht blols statt äsas sondern auch statt -äs (noni. 
plur. von -a) zu lesen ist. 



die italischen götternamen. 18d 

So wird auch die participialform 9ter klasse punäna in 
gleichem öinne von Agni gebraucht 525 , 2 , wo ich des 
Zusammenhangs wegen auch den ersten vers hinzufüge: 

1. abödhi giräs — udäs&m upästhät (1) 
'höta mandr&8 — kairitamas pavfikäs {'i)*) 

dadhäti ketüm — ubhäjasja gantös (1) 
hayjÄ dev^u — dravinam sukftsu (1) 

2. 8& snkratus jas — vi düras panln&m (1) 
punanäs ark4m — punibhögasam nas (1) 
hötä mandräs — vi9äam var damünäs (1)**) 
tiras tamas — dadr^e rämiänäm (1) 

1. erweckt ward aus der röthen schoofs der buhle, 
der holde opfrer, weitbinschauend, flammend; 
er hält der götter und der menschen fahne 
bringt opfergufs den göttem, heil den frommen; 
2. der schdngesinnte, der der diebe thfiren, 

die nahrungsreiche sonn' uns flammend aufthat, 
der holde opferer, der häuser gastfreund 
liefs sich erschauen durch der nachte dunkel. 
So werden ferner die oben angeführten medialformen zur 
bezeichnung des aus der seihe hervorrieselnden somasaftes 
gebraucht, und zwar hauptsächlich im 9ten buche des Rig* 
veda, wo in jedem einzelnen liede diese bezeichnung mehr- 
fach wiederkehrt, seltner in den andern büchern (207,5; 
980,1; 482,1). Die aus der somaseihe herausfallenden 
gelbglänzenden tropfen erschienen den dichtem im glänze 
der morgenröthe wie leuchtende flammen, wie blitze, wie 
sonnen. Ich beschränke mich auf die letztere anschauung, 
nach welcher der söma pävamäna mit der sonne (arka, sd- 
ria, stira) in engere beziehung gesetzt wird. So heifst es 
von dem aus der seihe strömenden soma (762,4) 



*) Da das sitperlativsufßx -tama iiiclit selten -täma zu lesen ist, so 
könnte dies auch hier geschehen und würde dann aus der 8ten form die viel 
häufigere erstere hervorgehn. 

**) Ich habe vdr durch konjektur eingeschaltet. Das vcrsmafs verlangt 
diese einschaltncg nicht nothwendig, indem mandras in mandards aufgelöst 
werden kann, wie so Überaus häufig fndra in indara aufzulösen ist. Allein 
die präp. v( in der ersten zeile erheischt eine solche crgänzung; vi — vnr 
ist der gewöhnliche ausdruck für das öffnen der thüren. 



186 Grafftraami 

i pavasva madinUma 
pavitram dh^ajä kavS 
arkasja jönim fisadam. 
Hell ströme, o berauschencUter, zur seihe, seher du, im 
Strom, zu sitzen in der sonne schoofs. 
Er wird mit der sonne verglichen: 

766,2 ajam stirjas iyöpadf^ 

er ist der s(»ine gleich' zu schaun; 

766, 3 sömas ddvas na siirias 

dem Sonnengott ist soma gleich; 

775, 13 sömas deväs na stirias 

ädribhis pavatö sutas 

erglänzend gleich dem Sonnengott, strömt soma vom gc- 

stein geprefst; 

776) 30 pavasva stirias dr^i 
hell ströme, sonnengleich zu schaun; 
776, 7 pavamänasja vi^vavid 
prä ta saif;a8 asrköata 
stirjasjeva na rapmajas 
allweiser, dein des flammenden — ergösse, sie ergossen 
sich, gleichwie der sonne strahlenschaar; 
778, 22 pavamänas &ti sfdhas 
abhi ardati suötutim 
stiras na yi^vadar^ajtas 
hinflammend durch der feinde schaar, ergiefst er sich 

zum lobgesang, der sonne gleichend, rings zu schaun ; 
798, 34 pavamfinas — mahi 4rnas vidh&vasi (1) 

stiras na kitras — ävjajäni pavjajä (2) 
im flammenstrom durchrieselst du das grofse meer, 
wie Sonnenglanz im hellen ström die seih' hindurch. 
(Vergleiche noch 796, 2; 781, 6; 813, 12). Er hüUt sich 
in der sonne strahlen (798, 32), besteigt den wagen der sonne 
(787, 1), strahlt mit ihr oder durch sie (714, 6; 773, 8). 
Er zündet die sonne an, oder erzeugt sie: 
775, 7 aj4 pavasva dh&rajä 
jajä stirjam ärökajas 
mit diesem ströme fliefse hell, mit dem die sonne du 
entflammt; 



die iUlischen götternamen. 187 

809, 41 Ädadhftt indre — pavamaoas 6^ (1) 
^anajat — aArie ^Ötis indus (2) 
der flammeDde ertheilte kraft dem Indra, 
es zeugte Inda glänz dem sonnengotte; 
740, 5 ^k siirjam arökajat 
pavam&oas viKarganis 
er zQndete die sonne an, der flammende, weit- 
schauende; 
749, 4 sa tritäsjÄdhi sdnavi 
p&vamftnas aroKajat 
^ämibhis stiriam saha 
hoch auf des Trita bergeshöh^ — entzündete der flam- 
mende — die sonne mit der schwestersehaar; 
822, 3 agi^anas hi — pavamana siiriam (1) 
denn du arzeugtest, flammender, den Sonnengott. 
(Vergleiche noch 754, 1; 808, 5; 735, 2; 729, 5; 819, 7). 

Er fbUt die sonne mit strahlen: 
809, 31 p&yamSna — pavase dbima gdnfim (1) 

^a^anfin&s*) — stlijam apinvas arksis (4) 
hellflammend strömst du zu 'der kühe statte, 
geboren füllst die sonne du mit strahlen; 
oder er fdllt wie die sonne die weit mit strahlen: 
753, 5 s& pavasva vicaröana 
ft mahf rödasi prna 
uöäs sdijas nk ra^mibhis 
so ströme bell weitschauender, erfbU das grolse weiten- 
paar, mit licht wie sonn' und morgenroth. 
Er wird endlich geradezu als sonne bezeichnet. 
775, 8 ajukta siiras ^pam 

pavam&nas maniv &dhi 
ant&rikäena j&tav^ 
9. Uta tjis haritas da^ 
siiras ajukta jätay€ 
indns indras iti bruTan 



*) Der einschnitt verlangt auflösung der form gagn&nas; die ausstorsung 
des wurzelhaften a scheint in der vedensprache noch nicht durchgedrungen 
zu sein. 



IM GmüsmaiiD 

die soaoe schirrte an ihr rofs, heliflammend in des men- 
schen sitz, zu fahren durch den räum der luft. 
Die zehn goldrosde schirrte dann der Sonnengott zur 
fahrt sich au, der Indu, sprechend ,,Indra ich^; 
798, 29 tava gjötf si — pavamäna sdrias (1) 
die lichter dein, o flammender^ sind sonne selbst; 
778, 18 tuam söma sdras äsas 
die sonne hier bi&t soma du; 
779, 9 hinvanti stiram üsrajas 

pavamanam madhu^cütam 
die sonne kosen leuchtend sie, den bellen, honigtrie- 
fenden 

777, 1 hinvanti sdram üsrajas 
svasaras gämajas patim. 
die sonne kosen leuchtend sie, den gatten die verschwi- 
Sterten. 

Nur einmal im Bigveda und zwar in einem späteren 
liede wird es vom winde gebraucht (954, 2), und auch hier 
wird man ihm den sinn beilegen müssen: „hell, klar strö- 
men^. Die für diese medialformen erster klasse nachge- 
wiesene bedeutung tritt auch in dem gebrauche der späte- 
ren vediscben litteratur hervor, wo pavamäna, pävaka (flam- 
mend), 9uci (leuchtend) als besondere einkleidungen des 
Agni, oder als söhne des Agni von der svähä (ruf beim 
opfer) dargestellt werden. Jenem pavamäna nun setze ich 
den umbrischen Puemuno gleich, indem das suffix des me- 
dial-particips hier genau in derselben form auftritt, wie in 
der oben erwähnten lat. Alemona (von al-) d. h. skr« -amäna 
= lat. -emono, altuiubr. -emuno, sabin. imune; und die gu- 
nirte wurzelform skr. pav- erscheint im umbrischen als pu^ 
iai sabiuischen als po. Diesen Puemuno fasse ich, der obi- 
gen entwickelung gemäis, als den flammenden, insbesondere 
als sonne, also begriiflich gleich dem oben erwähnten arka, 
der mit der tageshelle (väsanä := Vesuna) die dürre, den 
Sonnenbrand (tarsa-s, Tursa) erzeugt. Der beiname Pu* 
prko ist mit Aufrecht (d. zeitschr. I, 278) als Pupidicus zu 
deuten, und vergleicht sich deu oskischen gentilnamen Pu- 
pidiiiK, Pupdiis (d. zeitschr. XI, 401), ist also wahrscheinlich 



die itaIi»ohen götternamen. 189 

von einer örtiichkeit benannt. Endlich der marsische 
Erino, vater der Vesuna, könnte mit skr. ärana-m tiefe, 
abgrund (112,6; 679,8) verglichen werden, wonach eine 
bestimmte götterordnnng äranaga (in der tiefe geboren) ge- 
nannt wird. Aber weit mehr empfiehlt es sich, Erino dem 
skr. arun& gleichzusetzen, indem u und i als Umwandlungen 
eines alten a zu betrachten sind. (Ueher skr. u fOr a nach 
r siehe A. K. umbr. sprachd. I, 59**)). Es bezeichnet aruna 
als adjektiv die färbe der morgenröthe, und arun4-s als 
männliches Substantiv das morgenroth, und personificirt 
den Wagenlenker der sonne, den bruder des Garuda, eines 
mythischen, vogels, durch dessen glänz bei seiner gehurt 
die ganze götterweit in schrecken gerieth. Es würde da- 
her sehr treffend väsanä die tageshelle als tochter des 
aruna, des morgenroths aufzufassen sein. So hätten wir 
im umbrischen götterkreise Erino als den im morgenroth 
glänzenden wagenlenker der sonne, der die tageshelle Ve- 
suna gebiert; diese vermählt sich dem Puemnno, dem strah- 
lenden sonnengotte (ark4 pävamäna) und gebiert aus ihm 
die Tursa, die dürre, eine gottheit, der zugleich die macht 
beigelegt wird das vertrocknen der pflanzen, oder das ver- 
siegen der gewässor (tursitu) abzuwehren. 

Alle übrigen götter, die auf den umMsohen denkmä- 
lern erwähnt werden, stehen mit Mars oder Jupiter oder 
beiden in Verbindung. So zunächst eine engere gruppe; 
Qerfo Martio nebst den beiden weiblichen gottheiten 
Pres t ata (Prestota) Qerfia und Tursa Qerfia, welche 
durch die genetivische bestiramung perfer Martier noch 
enger an den erstgenannten geknüpft, und offenbar als toch- 
ter desselben aufzufassen sind, perfo ist von den heraus«- 
gebern der umbrischen Sprachdenkmäler mit dem lat. Ce- 
rus zusammengestellt, und als schaffender gott gedeutet, 
das Suffix aber auf die wurzel fu (skr. bhü) bezogen , und 
mit dem snffixe in mor-bu-s verglichen worden. Ich 
glaube jedoch, dafs man einer andern deutung den vorzug 
geben mufs, bei welcher man nicht auf die anfögung eines 
solchen immer doch seltnen sufSxes zurOckzugelion braucht, 
und welche das wort perfo in dieser form unmittelbar mit 



196 Grafsmann 

bezeichnungen verwandter gottheiten der veden in beeie« 
bong setzt Inlautendes f im umbriscben kann nicht nur 
aus altem bh, sondern auch ans db entstanden sein, wie in 
rufro = rudhira, mefio = m&dhia. So werden wir von 
i^erfo auf das altind. 9&rdha geführt. Dies ist theils ad- 
jektiv, theils männliohes Substantiv, ersteres wird in der 
bedentung ^»statk^ von Agni (Bigv. 297, 12) und von lu'- 
dra (742, 6; 816, 3; 817, 3) gebraucht; letzteres hat theils 
die bedentung „held^, und wird gleichfalls von Agni und 
Indra gebraucht in den Rigvedaetellen 192, 5; 702, 16, in 
denen der gott als der gaben oder beute anstheileade sie* 
gesheld dargestellt wird, theils die bedeutung „schaar^, und 
wird in dieser bedeutung am häufigsten (14mal) von der 
scbaar der Maruts gebraucht. Dieser begriff der schaar 
hat sich offenbar aus dem der macht entwickelt, und an 
manchen stellen pafst die bedeutung „macht der Maruts'' 
statt „schaar der Maruts^ ebenso gut oder besser« Diesen 
fibergang zeigt uns besonders klar das neutrale snbst. ^dr« 
dhas, welches neben der seltneren bedeutung „macht, hel- 
fende macht"" (509, 8; 400, 2; 202, 14; 441, 6) die bedeu- 
tung „schaar^ hat, und wieder bei weitem am h&afigsteu 
von den Maruts gebraucht wird; der komparativ ^ardha- 
stara hat die bedeutung „sehr stark^, und die wz. cärdh 
die bedeutung „stark sein, tapfer sein^ und wird sowohl 
von göttern als menschen, von trotzenden dämonen und 
feinden grebrauoht. Ebenso zeigt ^rdhji tapferkeit (203, 10) 
denselben- grundbegriff*). Es wird also der umbrisebe 
Qerfo Martio als der starke, der siegesheld aufzufassen sein, 
der mit dem Mars in Verbindung steht; dagegen wird seine 
beziebung zu dem ^irdha-s mfiruta-s doch wohl nur eine 
losere sein, obgleich letzteres etymologisch fast genau dem 
^rfo Martio entspricht. 

Von den beiden göttinnen, die mit dem (^erfo Martio 



*) Das kausativ fardbäjat zeigt die bedentung rauschen lassen (mit ati- 
pra: 688, 6), welche spftter einen obscönen nebeabegriff angeBommen bat. 
Diesen letzteren als grundlage der ganzen begriffsentwickelnng anzunehmen, 
wie vielfach geschehen ist, ist gewifs sehr verkehrt, und wird durch die be- 
griffe der ableitungen fdrdba, ^dhas, ff^bjä voUatftndig wideilegt. 



die italUchen gotternamen. 191 

in Verbindung stehen, der Presiata und Tursa ist schon 
früher die rede gewesen. Endlich steht mit dem Qerfo 
Martio noch in Verbindung eine männliche gottheit, deren 
namen nur im dativ vorkommt: Hon de Qerfi, alt Hunte 
^erfi, wo perfi dativ von Qcrfio ist, also dadurch der goit 
als ein zu dem Qerfo Martio gehöriger bezeichnet wird. 
Es vergleicht sich honde dem abstrakten subst. hondu, was 
von A. E. unzweifelhaft richtig aus der würze! han (schla- 
gen, todten) abgeleitet wird, indem nämlich das sufBx -du 
gleich -tu gesetzt wird, dessen t im neuumbrischen nach 
nasalen zu d erwachte. Es würde, also hondu == skr. 
bintu (das schlagen, tödten) sein, und, wie der Zusammen- 
hang wahrscheinlich macht, als krieg ( Schlacht) gedeutet 
werden können. Es liegt daher nahe, in dem Hunte^ Honde 
gleichfalls einen kriegsgott vorauszusetzen, wie in dem 
Qerfo Martio. Allein dann kann man den stamm nicht als 
*Hunto, ""Hondo ansetzen; denn dies könnte nur den ge- 
tödteten, geschlagenen bezeichnen. Als solcher konnte der 
gott nicht aufgefafst sein, sondern nur als der schlagende, 
tödtende, also sss skr. hantar, als der gott der kriege, wie 
seine verwandten ^rfo Martio und Mars. Danach hätte 
man im d:itiv alt Huntre, neu Hondre erwarten sollen. Der 
ausfall des r, der hiemach anzunehmen wäre, ist bei he- 
betafe ss ebetrafe (A. K. umbr. sprachd. I^ 98} sicher nach- 
weisbar, weniger sicher in dem neueren rofo, was älteres 
rufro wiedergiebt, da auch im lat. rufo neben rubre er* 
scheint. In unserm werte konnte der ausfall durch das 
streben der unterjscheidung von dem geläufigen umbrischen 
Worte alt huntro, neu hondro (ulter A. K.), wovon alt hu- 
tra, neu hondra und hondomo abstammen, begünstigt sein. 
Wir werden demnach als Stammform anzusetzen haben: 
alt "^bunter, neu ^honder, in der bedeutung „der schlachten 
kämpfende, der tödtende^. 

Für den Mars selbst erscheint als beiname erstens 
Hurio, neu Hör so, nur im dativ Marte Hurie, neu Marte 
Horse.- Das umbr. r, neuumbr. rs entspricht stets ursprüng- 
lichem d. So würden wir zu einer wurzel gelangen, welche 
mit einer weichen aspirate anlautet, mit d auslautet, und a 



192 Grafsmann 

als vokal enthält. Da anlautendes dh bei auslautendem d 
den gesetzen indogermaniseher wurselbildung widerspricht, 
so wilrde als anlautende aspirate nur. bh oder gh (b) öbrig 
bleiben. Nimmt man bh als anlaut, so würde man zu ei- 
ner Wurzel bhad gelangen. Diese kommt als würzet mit 
nasal vermehrt im Rigveda vor (bhandat^, bhandamäna), 
wo es die bedeutung „glänzen'' hat und von Agni, und 
der mit der nacht gepaarten morgenrothe gebraucht wird; 
von der bedeutung „jauchzen'' , die das petersb. wörterb. 
der Wurzel zutheilt, finde ich weder in den stellen, wo diese 
vorkommt, noch in den ableitungen, wie bhandanä (glänz, 
segen), bhadrä (glücklich, selig, leuchtend) eine spur; das 
letztere ist ein häufiger beiname der götter und göttinnen^ 
auch später bezeichnung eines gewissen götterkreises. Die 
bezeichnung als eines leuchtenden, oder seligen ist für ei- 
nen gott, namentlich aber für den Mars, dessen grundbe- 
grifi^ gleichfalls, wie oben gezeigt, vom glänzen entnommen 
ist, so zutreffend^ ^afs man hier wohl, wie in umbr. mehe 
= skr. mahjama für ^mabhjam, in lat. herba = rpofißi] 
Wurzel bharv (Aufrecht d. zeitschr. X, 157), hordus ==s for- 
dus Wurzel fer-. skr. bhar, entstehung des h aus altem bh 
annehmen darf. 

Endlich tritt als beiname des Mars auch Erapuvio, 
neu Grabovio auf (Marte Krapuvi, Marte Grabovei, da- 
tiv). E^ scheidet sich das suffix -uvio, -ovio sogleich ab, 
was in ganz gleicher weise in dem umbr. Fisovio neben 
Fiso, so wie in manigfachen römischen bildungen Pacuvius, 
Vesuvius, Vitruvius, Lanuvium wiederkehrt. Dies führt 
auf einen einfacheren namen "^Krapo, *Grabo (A. K. umbr. 
pprachd. II, 130) und auf eine wurzel *krap zurück. Diese 
tritt (Curtius n. 42) im griech. XQainvog^ xagnahfiog 
(schnell), und in besonders klarer begrifPsausprägung in 
dem altsl. krep-ükü stark, krep-osti stärke, krep-iti stärken, 
russ. krep*okü stark, fest, mächtig, tapfer u. s. w. hervor. 
Hiernach wäre jener gott als der starke, tapfere bezeich- 
net nnd demfremäfs auch die mit ihm durch den beinamen 
Krapuvio in beziehung gesetzen: Mars, Jupiter und Vo- 
fiono. Hiermit stimmt überein, dafs nur diesen göttern 



die italischen gdtternamen. 193 

grofse thiere (rinder) geopfert werden, und awar jedesmal 
▼er den tfaoren) während hinter den thoren kleinere thiere, 
und zwar in der regel weiblichen gottheiten dargebracht 
werden. Es scheint, dafs gerade diese götter als diej^- 
gen betrachtet wurden^ welche die Stadt und ihre ihDre 
vor tafseren feinden schätzen sollten, was mit 4er obigen 
deutuBg das namens gut zasammenstimmt. 

Es schliefst sich hieran die gruppe der JovialgStten 
Jupiter selbst erscheint nur in den dativformen Juve Kra- 
puvi, jünger Juve Grabovei und Juve-patre, und in der 
vokativ£orm Ju^pater also nie ohn^ einen solchen zumtz. 
Mit dem beinamen Juvio, Juvia jünger Jovio, Jovia er- 
seheinen theils gottheiten, die uns schon bei den früheren 
gruppen begegnet sind, namentlich eine Tnrsa Jovia wie oben 
Tursa Qerfia und eine Tursa Poimunia (?); femer ein Hun^ 
ter (falls unsre obige deutnng richtig ist) Jovio, von dem 
wieder nur die dativform Hunte Juvie vorkommt. Aufser- 
dem treten noch neu auf ein Tefro Jovio und eine Treba 
Jovia (wahrscheinlicher als^ Trebo Jovio). Beide namen 
erinnern unmittelbar an örtlichkmten , der erstere an den 
Tiber, der das umbrische gebiet in langer erstreckung be- 
rührt, und von dem namentlich Ignvium nicht fern lag, 
letztere an den stadtnamen Trebia, der im umbrischen ge- 
biete vorkommt, so wie an die Stadt Trebia, nach welcher 
ein thor von Iguvium benannt war. Zu weiteren vermn- 
thungen finden sich nur dürftige anhaltpunkte, aiif die ich 
nicht eingehe. Von dem Sancus, altumbr. Sako, neu 
Sanko, als einem beinamen des Jupiter ist schon oben die 
rede gewesen, ebenso von dem durch die adjektivische be- 
Stimmung Sanpio mit ihm in Verbindung gesetzten Fiso 
(rüm. Fidius) und Fisovio. Ferner erscheint ein beiname 
Armune (dat.) des Jupiter, wobei nicht klar ist, ob der 
stamm konsonantisch oder aof o auslautet. Da umbr. r 
altes d vertritt, und -mune als suffix sich zu erkennen giebt, 
so gelangt man zur wurzel ad verzehren; skr* idman ist 
mahl, admän würde der verzehrer hei&en, admani bedeutet 
feuer, als das verzehrende, und nähme man in Armune wie 
in Puemuno ein mediales particip an, so würde sich gleich- 

Zeitschr. f. vgl. sprachf. XVI. 8. 13 



194 Grafsmatin 

falls die bedeutung „der verzehrende" ergeben. Es mag 
also Jupiter hier etwa als der das opfer verzehrende, oder 
als der durch das feuer seines blitzes verzehrende aufge* 
fafst sein. Endlich ist noch der Vofiono Grabovio, alt 
Vufiuno Krapuvio zu erwähnen. Mit Vufiuno ist vufro 
als beinaQ>e des kalbes (vitlo) und vufeto als beiname des 
gef&fses (vesklo) zu vergleichen. Ersteres bestimmen A. K. 
als bezeichnung einer färbe; doch kann man ihrer verglei* 
chung mit skr. babhru (braun) schwerlich beistimmen, da 
babhru offenbar eine reduplikation enthält, also b f&r bh 
steht, welches im umbrischen in f fibergeht, niemals aber 
in V. Dagegen wird man in der that nicht nur vofro, son- 
dern auch vufeto als bezeichnung einer färbung (von käl- 
bern und gef&fsen) anzusehen haben. Beide verhalten sich 
zu einander genau wie rubre zu rubido, indem das lat. 
Suffix -ido, alt -edo, gleichfalls auf älteres -eto zurück- 
weist. Mit dem ersteren vufro glaube ich nun das lat. va- 
fro (n. vafer) ganz gleich setzen zu dürfen, indem als neu- 
umbrische form ^vofro anzunehmen wäre. Das lat. vafer 
ist in seiner bedeutung ganz auf das geistige gebiet über- 
gegangen, indem es den verschmitzten, schlauen bezeichnet; 
aber die isidorische glosse vabrum = varium, multiforme 
führt uns auf die sinnliche grundbedeutung bunt, vielge- 
staltig. So würden wir unter vufro vitlo ein bunt gefärb- 
tes kalb und unter den veskla vufeta (veskles vufetes abl. 
plur.) bunte gefäfse zu verstehen haben, wie denn ja die 
f&rbung der opferthiere und der opfergefäfse von wesentli- 
cher bedeutung war. Die wurzel ist *vabh, griech. v(faivim^ 
deutsch weben (ags. vefEui, altn. vefa), wozu skr. ürna-vä- 
bhi-s (die spinne) gehört (Curtius n. 406b). In dem ge- 
webe tritt sowohl das ineinander verschlungene > manig- 
fache, als auch das bunte hervor, sei es durch ungleichen 
lichtreflex, sei es durch verschiedene färbe des aufzuges 
und einschlages. Sehr klar zeigen sich diese bedeutungs- 
übergänge im angelsächsischen, wo aus der wurzel vgfan 
(weben), die auch vom ranke spinnen (unraed vSfan Caedm. 
111,5) gebraucht wird, das unserm worte genau entspre- 
chende väfer stammt. Die bedeutung dieses väfer tritt in 



die italischen gotternamen. 195 

den zusamineDsetzaogen fast in allen oben dargestellten be- 
griflbabstufungen hervor; so bedeutet väfer-gang das ge- 
webe der spinne, väfer-möd =s lat. vafer den schlauen, 
verschmitzten; und vftferness (pompa, Indus, spectaculum), 
väfer-stov (theatrum), vftfer-syn (spectaculum) lassen den 
begriff des manigfach gestalteten, buntglanzenden hindurch- 
schinmiern., der auch in der stelle Caedm. 231, 2 vylm 
päs väfran liges die gluth des buntglänzenden lichtes f&r 
das wort vftfer selbst zu gründe zu liegen scheint. Der nanie 
Vofiono, Vufiuno enthält dasselbe suffix, was in Portunus 
u. 8. w. vorkommt (s. o.), und der gott mag vielleicht als 
der vielgestaltige, also etwa als ein italischer Proteus auf- 
zufassen sein. 

Endlich schlielse ich hieran noch zwei gotternamen, 
die sich an ein zablwort anschliefsen, und in der mehrheit 
eine genossenschafb von göttem, in der einheit einen aus 
dieser genossenschaft, gewissermafsen den repräsentanten 
der übrigen zu bezeichnen scheinen, nämlich: 

Novesede in der inschrift von Benedetto und in der 
von Pesaro (Mommsen unt. dial. 339, 342, Corssen d. zeits. 
IX, IßOff*)) eine form die Corssen (a. a. o.) gewife richtig als 
dat. sg. fafst, während sonst die als sabinisch erwähnten No- 
vensides, Novensiles nur in der mehrheit vorkommen, und 
von Corssen mit recht als nuennsassen^ gedeutet werden. 
Sie vergleichen sich der in den veden vorkommenden ge- 
nossenschaft der neuner (navagva); auch diese erscheinen 
in der i^egel im plural; aber auch der singular kommt in 
dem oben angegebenen sinne vor (Rigv. 347,4; 820,4; 

oOo, O/. 

Declune in einer volskischen inschrift (Mommsen 
imt. dial. 320, Corssen de Yolsc. ling.), wo deve declune - 
als dat. sing, vorkommt, und eine männliche gottheit zu 
bezeichnen scheint. Im lateinischen würde der name etwa 
Meculonus lauten, und durch das doppelsuffiz -1-ono ans 
dec-em abgeleitet werden können. Dann würde er dem 
ved. dÄ^a-gva entsprechen, welches in der mehrheit eine 
genossenschaft von zehn halbgöttern bezeichnet, und auch 

13* 



196 AscoU 



in der einhat im oben angegebenen sinne vorkommt (347, 
4; 632, 12; 888,6). 

Stettin d. 2. juli 1866. Grafsmann. 



Lateinisches und romanisches. 

(Fortsetzung.) 
II. 

1. tcuebrae, tetrus; idöneus; und anderes. 

Indem Ebel XIV, 77 f. tenebrae aus ^tenestrae 
(""tenesdrae 'tenesfrae *tenesbrae) mit skr. t&misra, dun- 
kel (subst.), eine dunkle nacht, zusammenstellte, liefs er es 
unentschieden ob es sich dabei um ein im lateinischen ein» 
geschobenes oder im sanskrit verlornes t handle« Kuhn 
schlofs sich XIV, 222; XV, 238 f. Bbels ansieht an, so 
jedoch dais er entschieden ein indog. tarn ist ra oder ta- 
mastra aufstellte, dem ein urdeutsches pimistra (hd. 
dinster finster) bis auf die übrigens auch im sanskrit ein- 
tretende Schwächung des wurzelvocals genau entsprechen 
würde. Gegen Kühnes beweisftüirung hege ich aber einige 
vielleicht kleinliche bedenken, die ich kaum aussprechen 
würde, hätte sich mir nicht eine ein&cfaere und dazu viel- 
leicht durch eine lateinische schwesterform bestätigte er« 
klärung geboten. 

Einerseits scheint mir doch die annähme eines indog. 
suf&xes astra, trotz XV, 305 f. und dem was sich noch 
aus dem armenischen (s. Bopps vergl. gramm. I, 364; HI, 
264) herbeiziehen liefse, etwas zu gewagt, und nicht min- 
der gewagt dürfte es einstweilen sein etwa tam-asrtra 
zu theilen, folglich der nrspracbe bildungen wie grieeh. 
ax-iö'TQa äyx-ia'Tgo-v (vgl. skr. ank-as, biegung, krüm- 
mung) zuzumuthen. Sind tamisrä sahÄsra (tausend) 
blofs arisch, so haben wir wohl dafür an ''tamas-hra sa- 
has+ra (starkzählig) festzuhalten. Sollten sie -aber nr- 
bildungen vorstellen, so wäre vielleicht darin eher *tam- 



lateinisches und romanisches. 197 

-a-tra ""sahoa-tra zu erkenneD, vgl, skr. tisras tisr- 
bhis beim fem. des Zahlwortes drei, und skr. snäju (auch 
snäva« Justi unt. z. pnävare), sehne, zu wz tan tnä. — 
Andererseits scheint mir die deutsche form (dinster) im 
gegenwärtigen falle ein doppelt gef&hrlicher wegweiaer zur 
esreichung der urUldung zu sein; denn einmal ist str aus 
altem sr nicht abzuweisen, zweitens ist wohl nicht zu ver- 
kennen dafs, sei es aus analogie anderer fälle wo s aus 
der Verwandlung anderer laute vor t entstanden iat, oder 
aber aus der andogie des an das neutr. suffix ursprünglich 
as antretenden t-suffixes (hul-is-tr), der gebrauch von s-ti 
8-*tra u. 8. w. auf deutschem boden eine besondere aus- 
dehnung erhalten hat. Wollte man auch z. b. für altsächs. 
hlu-st f.) auditio, das indog. kru-ti (skr. pru-ti) bei seite 
lassen und auf prävasti XV, 305 zurückgehen, so wird 
doch schwerlich jemand flir jeden einzigen fall solcher be-. 
gegnungeu das ursprQngliohe Vorhandensein des Zischlau- 
tes zu behaupten wagen. — Drittens mufs ich gestehen, 
dal's ich das n in dinster als „ein weiteres analogen zu 
tenebrae aus temebrae^ nicht gern wttrde gelten lassen. 

Bei tenebrae ebenso wie bei gen er lasse ich m 
durch anstofs an den dentalen resp. lingualen darauf fol- 
genden laut nothwendig in n übergehen. Was gener be- 
tritt, so war ich, von Corssen (beitr. 268 ff.) unabhängig, 
von einer grundform gam-ara ausgegangen, die mit skr. 
gäm-ätar gleichbedeutend und ähnlich gebildet wäre, und 
an del'en seite man vielleicht das analoge altertümliche gr. 
femininum da^Aa^x^ stellen dürfte (s. hingegen Curtius n. 
260); also graecoit gam'ro-s (oxytoniert; vergl. gr. pa- 
t'r-6s, grundf. patar-as u. s. f.), daraus einerseits yafjL- 
ßgo^j andererseits gen'ro (später gen er o, vgl. auch we- 
gen des späteren furtiven vocals Corssen a. a. o., und -bulo 
;3= -blo = *Mo = -tra), wobei alb. dBvda(j^ eidam, ehe- 
mann, von nicht geringer Wichtigkeit sein dürfte, wenn 
sich überhaupt über alter und herkunft albanesiscber Wör- 
ter beim gegenwärtigen stände der forschung irgend was 
mit Sicherheit behaupten liefse. •— Tenebrae führe ich 
nun ganz einfach auf urspr. tan -tra (tam+tra) zurück, 



198 Ascoli 

das im zend regelm&isig durch täthra, finster, finstemifs, 
vertreten ist; folglich: ten-thra ten-fra ten-e-fra ten- 
-e-bra. Auf das einfache tantra dürfte auch, nach detn 
oben bemerkten, selbst hd. dinster, der Schreibung di Ri- 
ster zum trotz, zurückgehen. 

Bekanntlich ist die im altbaktrischen nothwendige as- 
piration (thra = tra) im graecoitaL arbiträr, so äafk auch 
für ein und dasselbe wort sowohl die aspirierte form, oder 
deren Vertretung, als die unaspirierte vorkommt; ich brauche 
nur an terebra rioergov^ libra kitQa (s. oben I, 1), und 
in einer und derselben spräche an lat. palpebra neben 
palpetra zu erinnern. Es lag nahe in solchen Allen die 
Verschiedenheit der lautform zur Scheidung der verschie- 
denen gestalten des begriffes zu benutzen. Ich glaube da- 
her, dafs urspr. tantra nicht nur durch urlatein. ten^ro 
(*tenfro etc.), finster in physischer bedentung, sondern 
auch durch ein urlat. tentro, finster in figürlichem sinne, 
vertreten wurde, dafs uns in der form teter (stamm te- 
tro), mit langem e zum ersatze des geschwundenen n, 
vorliegt. Wegen der einbufse von n würden generellere 
analogieen wie menstruum neben -mester, -onsus 
-ossus -ösus n. s. w. wenig helfen, ganz speciell aber, 
d. h. für dessen schwnnd vor t in der Wurzelsilbe neben 
ersatzdehnung des vocals, käme uns läterna £= Un- 
ter na (s. Pott IP, 585. 809) zu statten (vgl. noch zeitschr. 
I, 297 f.; II, 376 f.). Auch verdient, insbesondere wegen 
der ähnlichkeit der lautform, rumen. c§'tr§ = contra 
einige beachtung. In der lateinischen literatur wäre der 
figürliche gebrauch von t€ter sehr weit geschritten, so 
dafs bei der betrachtung einzelner beispiele (tetro sa- 
pore, odoretetro; so auch in der ital. poetisch, litera- 
tur: odor tetro, tetro puzzo, tetro alito) die alte 
ableitung aus taedet begrifi^licherseits nicht leicht zu ver- 
werfen schiene; untersucht man aber näher die vielfältige 
anwendung des wertes, so wird man dadurch, von forma- 
len bedenklichkeiten abgesehen, jener ableitung abhold. 
Auch spräche für die sinnesverwandtscbaft mit tenebrae 
der alte unglückliche versuch teter mit ater zu verein- 



lateinisches und romanisches. 199 

baren; den ausschlag gibt aber wohl der lebendige d. i. 
ital. und spau. gebrauch des wortes: it. tetro, düster in 
sinnlicher und figürlicher bed€atung, tenebreux, span« te- 
tro, noir, sombre, t^trico, melancolique. Da übrigens 
tan-tra tam-as u. s. w. die finsternifs als die beklem- 
mende besagen, so könnte man andererseits auf den ge- 
danken kommen, die bedeutung gravis, molestus sei bei 
töter ursprünglicher als die von finster; doch schiene mir 
dies nicht rathsam. Was zuletzt die Schreibung betrifi*t, 
so ist bekanntlich toter noch besser als taeter bewährt; 
und haben wir recht, so ergibt sich das ae in taeter 
(wohl wegen taedct) als unhistorisch, vgl. caespcs neben 
cespes, skr. ^aspa. 

Es würde folglich das deutsche düster (thiustar) so- 
wohl lautlich (wenigstens der wurzel nach) als begrifflich 
tenebrae und teter in sich vereinigen. Schwund des 
nasals ähnlich wie bei töter und dazu neben der sinn- 
lichen auch die übertragene bedeutung treffen wir weiter 
bei den ueueranischen reflexen von altbaktr. täthra (vgl. 
Justi s.v.), z. b. neup. tär, tär-än, tär-lk, ob^curus, te- 
nebricosus, tank dil, animi obscuri (gleichsam tetri- 
-cors, wo also beide theile auch etymologisch entsprä- 
chen, da dil =3 ""zird =s hrd), ossetisch thar, mit regel- 
mäfsiger aspiration des anlautes, düster, besonders von 
Wäldern (Rosen 399). Die alte dentalaspirata hat sich 
hier, wie oft, verflüchtigt: tanthr tathr tahr tär, vgl. z. b. 
altbaktr. athr-, *abr, kurd. är, feuer. Verliert auf diese 
weise das alte tantra in Neueranien die beiden mittleren 
consonanten^ so werden hingegen die beiden letzteren von 
tenebrae, somit das ganze sufBx, in einigen r amenischen 
formen vermifst, worin der lateinische name der dunkelheit 
ungemein verdunkelt steckt. Rumen. in-tunekä, assom- 
brir, obscnrcir (bei Vaillant), ist nämlich a= *in-tenebri- 
care, wie in-tuner-ecu (bei Clemens, d. i. in-tunear-ecu; 
vergl. peatre = petra), ^n-tuner-ek in-tuner-ik (bei 
Vaillant), finsternifs, deutlich zeigt, wo blofs der eine laut 
geschwunden. Letzteres wort gebt auf eine ältere form 
des verbums, oder, was auf eins hinausläuft, des nom. 



200 Ascoli 

abatr. in-tunekare, obscuroisseineDt (*iaiimerekare), zu*- 
rOck; ebenso lehnt sich wohl auch in-tunekos, sombre, 
obscur (tenebrioosus), wenigstens des praefixes wegen, an 
die verbalform. Wegesx des reineren u z^s? e in der unbe- 
tonten, silbe von intun(er)ekä mag einstweilen, obwohl 
die analogie nicht vollkommen entspricht, unflä (umfl^, 
enfler (bei Vaillant), lat. infiare^ it» enfiare^ vergUeben wer- 
den. Ob irgend ein slawisches wort, etwa illyr. tamnost 
(vgL ambia «m ambulare, skaun = scamnum), finster- 
nifs, mit im spiele dabei gewesen? Für r aus hr ist an 
kreeri (cerebrum) f^pL, cerveau (Vaillant)^ k^p^zina 
kreri-lor, die hirnschale (Molnar), zu erinnern; audi iat 
faur (schmied) belehrend, als mittelstufe zwischen "^fabru. 
(faber) und friauliscb färi (schmied). Totalen schwund 
des Suffixes (rtra, -bra) haben wir wohl ferner auch hek 
rumen. pleop^, pl. plopi bei Vaillaut, mit artiki pleöpa, 
pl. pleope-le bei Molnar, augenlid, anzunehmen, das von 
lat, palpebra (palpetra) unmöglich zu trennen, und hinsieht^ 
lieh der Verstümmelung mit mail« palp*ign-ent, epiteto 
proprio dell' occhio di uno che abbia il difetto di batter 
le palpebre, palp-ign*ä i ceucc (brescian. palpegnä), 
batter le palpebre (ceucc =: occhi), zunächst aus palper- 
-ign-eut palper-ign-i, wie mail. palpera, pL pal- 
p£r, palpebra, lehrt, zusammenzustellen ist. Mailand, pal- 
p,^ra, piemontes. parpera neben parpeila as genues, 
parpella (eigentlich diminutivisch, vgl. it. cervello zu 
cerebrum), und venezian. palpiera, palpierar (palpe- 
brare), sind übrigens eher auf lat. palpetra, neben neapoL 
parpetola, brescian. parpecie(=:'^parpetle), franz. pau- 
pidre (XIV, 221), als auf palpebra zurückzuführen; vgl. 
venezian. fievara, mail. f^ver, fevera, piemont. demio. 
fevreta, sEsfebris, hingegen venez. pidra, piem. pera, 
mail. pr^ja = petra. Um aber zu rumen. pleöpa zu- 
rückzukehren^ 80 ist dabei erstens der verlust des werten- 
des (und die länge der ersten silbe, falls eine solche wirk- 
lich da ist) als eine Wirkung des accentes auf der dritt- 
letzten silbe zu erklären, vergl. it. palpebra neben pal- 
pebra, und das ziemlich zerrüttete ebenfalls proparozyto* 



lateinisches und romanisclies. 201 

nierte span. parpado, das sich auf ein altes palpetro 
(das italienisobe kennt auch die männliche form: palpebro) 
stützt. Femer zieht das ziemlich auffallende eo in pleop^ 
unsere aufmerksamkeit auf sich; es könnte e als palatale 
af&cierung von 1, so dafs wir hier ungefähr die nämUehe 
lautotufe wie bei südrumen« cliae =S9 olavis hätten, und 
o als eipen durch die labiale Umgebung bestimmten ver» 
treter von altem a (vgl. übrigens lotru ass latro, Diez 1% 
136.335) angesehen werden. Endlich ist die Versetzung 
des 1 in unserem rnmenischen worte bervorzufaebeii; wobei 
(überhaupt vielleicht bei pleo-) an eine einwirkung des 
griechischen namens des augenlides (alt- und neugriecb. 
ßli(fctQov) gedacht werden dürfte. Jedoch glaube ich diese 
Versetzung anderswo unter Romano wiederzutreffen (vgl. 
pöpulus, nun. plop^ it. pioppo u. s. w.), denn aus altem 
*pl4petra 'pläpera würden sich, neben rumen. pleop^, 
durch den im lateinischen oft eintretenden Schwund des 
anlautenden p vor 1, die italienischen formen läppare, pal- 
pebre (bei Tramater, aus Venzon), lÄppole (im luochesi- 
sehen), die haare des augenlides (wegen des doppelten p 
vgl* z. b. ital. -ittimo s= lat itimus), erklären, die folg- 
lich aus einer zeit herrühren möchten, wo der zug noch 
nicht eingerissen war pl durch pli zu pj zu erweichen*). 
Der vordertheil von palpäbra hat aber wiederum viel 
stärker im gemeinsardisch. pibir-ista, aus '"palpibir- 
-ista, gelitten, wobei -ista als weiterbildend (wohl de- 
minutivisch) zu fassen ist; vgl. südsard. pibir-istäi, asper- 
gere, spruzzar di pepe, von piber := piper. 

Der name des „zittergliedes^ (p^lp-» palpit-, Pott und 
Corssen; vergl. illyr. trep-äv-ica, angenlid, neben tr^p- 
-iti, zittern) scheint sich im romanischen mit jenem des 
schmetterlinges nahe zu berühren; im genuesischen falten 
sogar, durch den dieser mundart sehr beliebten wandet 
des alten 1 in r, die beiden Wörter gänzlich zusammen: 
parpella (auch piemontes. parpeila), palpebra; parpa- 



*) L^ppole und das gleichbedeutende nepitelli fallen wohl blofs 
ttufserlicb mit den beiden kräuternamen lippola und nipitella zusammen. 



292 Abcoü 

giün, parpelletta, papilio, ital. parpaglione , und fost 
möchte man sagen dafs in der verbalen ableitung die bei- 
den bedeutungen zusammenfliefsen: parpellä, muover le 
oiglia, parpellä da sciamma (= fiamma) du lümme, 
tremolare, parpellä, grillettare, dieesi di quelP acuto ro- 
moreggiare, che-fonno i liquidi prima di levare il baltore 
(vgl. flattern = crepitare, Grimm'fi wtb.)* Doohr wftre eine 
wirkliche wurzelverwandtschafl zwischen palp-ebra und 
pap-ilio, folglich mit verlust des freilich im romanischen 
sehr verbreiteten r (vgl. Diez wtb. unt. farfalla und par- 
paglione) bei dem letzteren, schon deswegen nicht zu be- 
haupten, weil im romanischen auch das reine papiiio reich- 
lich vertreten ist, z. b. friaoL pavee [paveje] = ^papilia 
(vergl. friaul. famee fameje sa familia), venez. pavegio 
pavegia (vgl. venez. famegia =: familia). Hier kämen 
also, blofs durch lautliche entartung, solche Wörter zusam- 
men, die doch dem begriffe nach aus identischer quelle 
ganz leicht hätten fliefsen können, denn flittern und flat- 
tern schlingen sich natürlich vielfach in einander; vgl. un- 
garisch pilla, augenlid, pille, Schmetterling, pillang 
flimmern, flimmen, flittern, pillango, flatterling, schmet^ 
terling; hebräisch 'aph'aph, augenlid, eigentl. volitans. 

Die behandlung von tenebrae fnhrt mich weiter noch 
auf dreierlei. Wird erstens durch meine erklärung von 
tenebrae der vielleicht am hartnäckigsten verfochtene fall 
für lat. n zwischen vocalen = altem m, beseitigt, so mag 
zugleich der versuch hier folgen , ein anderes beispiel das 
fflr jenen Übergang geltend gemacht wurde, entschieden 
wegzuräumen. Es hat nämlich Kuhn lat. idöneusssss skr. 
idammaja (Böhtlingk-Roth: aus diesem bestehend) III, 
158 f. aufgestellt, und Corssen bereits dagegen (beitrage 
260 ff.) sowohl vom formalen als vom lautlichen Standpunkte 
protest eingelegt; wozu noch begrifflicherseits das beden- 
ken hinzukommen dürfte, ob der Ursprache ein so künst- 
liches derivatum, wie idammaja meinem bedünken nach 
ist, zugeschrieben werden mag. Seinerseits schlägt Cors- 
sen eiue ableitung von idh, leuchten (entzünden, entflam- 
men), vor, indem er auf ein sehr bedenkliches dem Bhatti- 



lateinisches und romanisches. 203 

kavja entnommeiieB iddba, claruB, sabtilis, das iodisclier' 
seits als lauter und stechend gefalst wird, weiter baut, 
femer einen bildungsgang wie bei erröneus, also ein *idQ 
""idonis dazwischen, und die begriffsreihe: klar, be« 
stimmt, genau, tQchtig, tauglich, schar&innig jedoch 
darehaus muthmafslieh , d« i. jeder gescbichtUchen basis 
entbehirendj aufstdlt Idöneus kommt aber ganz einfach 
und regclm&Tsig auf indog. idäna zurück (wozu es sich 
formell wie ahe-n-eu-s zu ahe»nu-s verhält), dessen 
weibl. accus, im skr. adverb. idfinim, in diesem augen- 
blicke, in diesem falle, gerade (vgl. tadänim, vi 9 va dä- 
mm, Benfey vollst, gramm. s. 215. 238), vorliegt. Somit 
heifst idonens, seinem Ursprünge nach,. der diesßlllige, 
zertgemäfse, schickliche, oonveniens, und der literarische 
gebrauch des wertes pafst vollkomme» dazu. Ist femer 
das immerhin späte nitro nens nicht aus falscher analogie 
nach dem vorbilde von erröneus (nitro ultro-uens, erro 
erron-eus) sondern vielmehr nach jenem von idöneus ge- 
formt, so dürfte es viell^cht ein zeugniis dafür ablegen, 
dafs im lateinischen das bewufstsein der pronominalen na- 
tur von id-ö-neu-s (id*ä-na) noch immer fortlebte. 

Zweitens wird mir durch b = & in tenebrae die 
gelegenheit geboten, auf lat. b = indog. dh in urbs etc. 
(a> oben I, 1) um einer einzelnen bemerkung willen zurück- 
zukommen. Es haben nämlich sowohl Meyer als Corssen 
verböna zur wurzel skr. vardh gezogen. Stehen aber 
einer solchen Zusammenstellung die von Lottner VII, 190 
aufgeflihrten litusla vischen Wörter nicht entgegen, so war 
vor allem hierbei an das auffallender weise von obigen ge- 
lehrten vernachlässigte lat. verber zu denken (vgl. über 
=3 üdhas), das einem indogerm. vardh-as, wachsendes 
(vgl. virga) auFs genaueste entspräche« So wären urbs 
und verber lautdifterenzierungen eines und desselben ur- 
wortes (vgl. altbaktr. vareda neben altp. vardana), beide 
als virescens. 

Endlich wünschte ich an das oben wegen des Schwun- 
des von n angeführte lat. -onsus -ösus eine den ety- 
mologischen werth der toskanischen ausspräche betreffende 



W4 Asooli 

bemerkuDg hier anzukoGpfen, Der allgemeinheit des auch 
in Norditalieo ziemlich gangbaren satzes, dafs ital. s iiu 
inlante zwidchea zwei vocalen weich d. i. wie im ft*aozö8i« 
sehen rose gesprochen werde (vergl. z. b. Gorssen ausspr. 
I^ 121), widersetzt sich die toskanische Orthoepie auf's 
entschiedenste, indem sie auch ein scharfes s (%= 9) inlau- 
tend zwischen vocalen reichlich bietet, das jedoch' freilich 
in der schrifl nirgends unterschieden wird (in den folgen- 
den beispielen setze ich, der evidenz halber, .9 für schar- 
fes s). Bei näherer betrachtung ergiebt sich nun^ dafs 
wo s zwischen vocalen im toskanischen wie p lautet, ee 
sich in der regel auf altes ns stützt, und die etymolo- 
gische Wichtigkeit der sache leuchtet von selbst ein. Nach 
den toskanischen granmiatikem (s. z. b. Caleffi gramm. ra- 
gionata della lingua ital. 3. ausg* Florenz 1841) käme die 
ausspräche 9 folgenden endongen zu: -ese (-e^) bei gen- 
tilibus, -eso und »oso (-e^o, -»o^) bei adj^ctivis. Es geht 
aber 1) -e^e auf -ensis zurück (z. b. Lucche^e, Mal- 
tese, Lucensis, Melitensis), auch ist die bezfiglidie regel 
zu knapp gemessen, vgl. z. b. fore^e*), forensis, mepe, 
mensis; — 2) sind die sogenannten adjectiva auf -e^o fast 
durchgängig partic. perf. pass., die sich auf lat. -enso 
stützen, und auch hier ist die regel zu knapp; man ver- 
gleiche: pepo (gewicht), ap-pepo, pepare, oontra-p- 
•pe^o, s-pe^a, lat. pensum; te9o> dis-te^o, in-te^o, 
tensum; in-cepo, ac-cepo, accensum; a-scepo, di- 
soepo, ascensum; di-fepa, of-fepa, defensum; prepo, 
com-prepo, prehensum; — -eso mit weichem s ist hin- 
gegen lat. -aeso -eso, man vgl.: ad-^so, ad-esione, ad- 
haesnm, Idso, illeso, laesum, obeso, obesnm; — 3) wäre 
folglich schon aus toskan. -090 das nunmehr auch ander- 
wärts bewährte alte -onsus neben -osus zu erschliefsen 
gewesen; also: famopo, acquopo, u. s.w. u.8.w., »s *fa- 
monsus, famossus, u. s. w. £ soso und 06o(ardito) unter- 
scheiden sich guten rechtes von den übrigen, weil sie auf 



*) Die toskanische ausspräche der einzelnen beispiele entnehme ich aus ! 

FanfsBi*« rocabolarSo deUti pronunzin toscanfl, Florenz 1868. 



lateinisches und romanischefl. 205 

die lai. partio. exosus ausus ssurüokgehen; nasco^o ^^ 
nasconstts bat hingegen wieder regelmäfeig die echarfe aus* 
Sprache. Ferner vergleiche man: ri-ma^o mansum, ne- 
ben per-suaso suasum; und weiter: vi so, di-viso (da*- 
neben jedoch ein eubfit. divido), al-lnsione, uso, oaeo, 
in-ciao, uc-cieo, fuso, chiesa, yaao, visam^ divisum, 
hisum, usus, casum, oaesitm, iiisnm, ecclesia, vasa, FVei- 
lieh fehlt es an ausnahmen nicht, die jedoch wenigstens 
theilweise blofs scheinbar sein dürften. So haben wir: 
na^o nasns (hier ist aber lat. s primftr, d. i. von den obi^ 
gen lat s zwischen vocalen verschieden), sposo, tosare, 
misura, sponsum, tonsum, mensura, chiuf^o (regelrecht 
das jedoch mehr lateinische: es ein so), ri^o, dausum, 
risum und orysa^ rapo, ro^o, rasum, rosum; bei den auf 
ursprüngl. -ensis: cortese, paese, marchese (vergl. 
jedoch marquis, pays, neben courtois, mois ete.)« 
Die erscheittung ist wohl weiterer Untersuchung werth. 

2. Petra, nixQog nirgaj und sinnverwandtes. 

An nirgog nixga^ ein so wichtiges und schwerlich un- 
ärischeB wort, hat sich die Sprachvergleichung, so viel ich 
sehen kann, blofs ^mal und zwar schüchtern und wohl 
erfolglos bisher gewagt. Es hat nämlich Benfey (wnrzell. 
II) 94) skr. patta (s. jetzt Aber dieses wort ihn selbst im 
gloss. z. ehrest, und das petersb. wtb.), tafel u. s. w. (d. i. 
eigentlich pattra, blatt), und die unbelegte wurzel pas, 
destruere, fragend herbeigezogen, so dafs ntxQO- (nnregel* 
mftfsig) fllr nBGTQo- stünde und eigentlich (als auffallendes 
mascolinum) mflhlstein hiefse. Niemand ist, meines wis* 
sens, dem gefeierten forscher darin gefolgt« Für lat. pStra 
wiederholt man noch immer Isidor's: petra graecum est. 
Ein solches fremdwort dürfte aber doch der Volkssprache 
(petra ist gemeinromanisch: it. pietra, sard. O^S*) P^^'^^ 
rnmen. peatr^, span. piedra, franz. pierre; vgl. auch petro* 
nes bei Festus) nicht so leichtfertig untergeschoben werden. 

Ist petra spftrKch in der literatnr (besonders als stein; 
gewdhaUch = nkt^j fels) vertreten, in der Volkssprache 



2A6 Agcoli 

hingegen so weit verbreitet, so Iiftngt dies, wie ich glaube, 
▼oo der zwar italischen jedoch unlateinischen abstammung 
des Wortes ab. lUrgog^ petra fasse ich nämlich als qua- 
drus, quadra, so dafs anfangs damit blofs saxum qua- 
dratum, quaderstein, quader, besagt wurde. Der 
name reicht wobi in die periode des kyklopischen qua- 
derbaues hinauf; bt ferner aia leine, graecoitaliaehe be- 
nennung des quadersteins zu betrachten, die in echtrömi- 
schem gewande nicht fortgelebt zu haben scheint. Be- 
trachten wir die labtform näher, so geht bekanntlich hom. 
nitfvg-BQ zunächst auf*;r€n;^, osk. petor-a, umbr. petur- 
(skr. Katur, goth. fidnr-) zurück, und ein griechisch -uin- 
brisch-oskisches thema petro-, viereckig, verhält sich, der 
bildung nach, zu petur, genau so wie quadro- zu *qua- 
tur. Es fehlt aber auch hinsichtlich der bedeutung an 
positiven geschichtlichen stützen nicht. Zuerst erinnere ich 
an die bekannte, für uns gewüs sehr wichtige stelle des 
Festus: petrarum genera sunt duo, quorum alte- 

rum naturale saxum prominens in mare a/- 

terum manufactum^ ut docet Aelius Gallus: petra est, 
qui locus dextra ac sinistra fornicem expleturus- 
que ad libramentum summi fornicis (des Aelius 
Gallus Worte sind wohl unumgänglicher weise folgender- 
mafsen zu emendiren: petra est, qui locus dexträ ac 
sinistra fornict« expletur, usque ad libramen- 
tum summi fornicis), also die behauenen steine, wo- 
durch der räum auf beiden selten des schwingbogens ge- 
fällt wird. Wichtiger ist jedoch der noch immer unter 
Romanen beobachtete unterschied zwischen petra und 
anderen namen des Steins. Ich beschränke mich hier auf 
das italiänische (toskaniscbe), indem ich aus Capponi bei 
Tommaseo (sinonimi, Mailand 1855, n. 3368) folgendes 
entnehme: Nella pietra si comprende Tidea di fonda- 
mento: la pietra h fitta nel suolo, e plana o quasi 
piana, e vi si pu6 editicare sopra. II sasso ch' esce dal 
monte, quand' h lavorato, diventa pietra. La pie- 
tra angolare, la pietra fondamentale, non si direbbero sassi. 
Si scaglia un sasso, non una pietra, meno certi rarissimi 



lateinisches and romanisches. 207 

casi, quando volailo i paviineDti delie cittiu — Somit 
ist alao petra wirklich noch immer der quadratus lapis. 

Wollten wir uns wegen des gebraoches von vier- 
eckig schlechtweg als viereckiger stein nach weiteren 
analogieen umsehen, so könnten einstweilen, aafser qua- 
der sas quaderstein, noch franz. carreau it. qnadrello, 
ziegeldtcti») quadratAriii«, Steinmetz, Carrara = qua- 
draria (Pott), angeführt werden. Auch ist es vielleicht 
kein blofser zufall, wenn neupers. khär, armen, qar, stein 
(thema qari- qaran-), mit armen, qar, vier, gleichlau- 
ten, doch wfirde mich dies eränische beispiel hier zu weit 
führen, so dafs ich mich einstweilen begnOgen mufs, dafQr 
auf meinen aufsatz studj iräni I zu verweisen. Hebräisches 
gazlt, lapides caesi, maxime quadrati, mag hier noch be- 
rührt werden; es bedeutet eigentlich behauung; von eben 
gazlt, eigentlich stein-der-behauung == behauener 
stein, gelangt man zum einfachen gazlt =s quaderstein, 
lapides quadrati. Ist nun gazlt, ganz so wie petra, der 
behauene baustein, so gränzt es wohl andererseits, wegen 
seiner abstammung von einem verbum für schneiden, an 
latein. saxum; denn letzteres fassen wir wohl gewifs rich- 
tig als partio. perf. pass. von einem primären verbum *8äc 
(sac-tum saxum, das abgebrochene, abgespaltene, vgl. sexus), 
das sich zu sec in sec-üris und im denominativen sec- 
-ä-re ähnlich verhält wie gräd-us zu gres-sus (vgK 
pas-sus). Die indische parallele zur lat. wz. säe (sec), um 
dies im vorbei zu bemerken, ist £ ha, d. i. skfi =35 sak, 
schneiden (lat. sec : scind : : skr. khä : khid), und w^en lat. 
a == urspr. a vor gutturalen ist Schleicher compendium 
§.47 nachzusehen. Uebrigens heifst es schon bei Grimm 
gramm. II, 275: „saxum (scharfer, schroffer fels) seco, 
sahs (culter)^, vgl. ib. 346 n. Das althd. sah-s führt 
weiter das Grimmische wörterb. (unter fels) neben saxum 
auf, und erklärt dasselbe schlechthin durch stein, steinmes- 
ser, Steinschwert. Sahs als steinwaffe ist jedoch gram- 
matik III, 440 blofs muthmafslich hingestellt , auch kennt 
Graff (VI, 90) keine andere bedeutung als culter, semi- 
spatba, contus. Mithin ist wohl das deutsche wort activ zu 



%m Ascoli 

fasaeü (cidter als schöeidendes) während mr dem Uteini* 
sehen passire form und bedeuiung (lapis als abgehaaenes^ 
abgerissenes) ssutheilen. Auch sagitta hat man mit se- 
care in Verbindung bringen wollen. Es würde sich wegen 
des gutturallautes zur wurzelform sac verhalten wie seges 
Kttr wurzel^m ^ee; fOr die zweite hälfte des auffailendeti 
Wortes wQlste ich aber nichts befHadigandes TOiPSBAhren« 
Ist ^sagicta per et, quod in vett. codd. inveniri scribit Pie- 
rins in X Aeneid. (Voss)'' einiger beaohtung werth? Pott 
scheint an der latinität unseres wertes verzweifelt zu ba-> 
ben, indem er es 11% 58 mit welsch saeth zusammen«' 
stellte. Somit sind logische vergleiohungen wie sagitta 
s=s 0^/^a (in der bibel : pfeil), also passiv als das dönn ge- 
schnittene, einstweilen verfrüht. 

,,Die Vorstellungen fels und stein liegen sich ganz 
nahe und man darf stein för ein stück des felses oder 
fels für einen häufen steine nehmen^ heifst es bei Grimm 
unter fels. Am leichtesten war aber der Übergang vom 
massenhaften steine des quaderbaues zu steinblock, fds. 
Hirga (fels) neben nixQoq (stein) legt ferner ein nicht un* 
wichtiges zengnifs (tlr die echt adjectivische naUir des Wor- 
tes ab. Ob aber ein wort för stein und fels zuerst letz- 
teres oder ersteres besagt habe, ist in einzelnen fallen des- 
wegen schwer zu beurtheilen, weil sowohl der stein als der 
fek als etwas abgebrochenes (ruptus, abruptus, diruptus, 
praemptns), abgerissenes, spitziges, aufgefaist wird. So 
möchte z, b. obige etymologie fQr saxum über die prio- 
rit&t der einen oder der anderen bedeutung nicht entscheid 
den; vgl. noch ital. bricco, Ziegelstein, ueapol. vreccia 
(vr =3 tosk. br), pietra, pezzo di macigno, ital. briciolo, 
Stückchen (s« oben I, 3), neben ital. bricca, luogo selvaggio 
e scosceso, und ähnlichem bei Diez im Wörterbuch unter 
bricco. Von crepare, bersten, zerplatzen, entsteht vene* 
zian. cr^pa (cr^pa de pignata, pezzo di vaso rotte di 
terra cotta, far de le crepe, rompere una pentolina in 
pezzi; crepa «=£ testa, also eine Wiederholung des translat 
lat. t est a :ss Caput), frraul. crep, scherbel; und wohl geht 
auch friaul. cret, fels, auf altes crepHo (an crepidin- ist 



lateinisches und romanisches. 209 

gewifs nicht zu denken) zurück; vgl. de-crepitns, eigent- 
lich abgebrochen (krepä im rumenischen mit activer 
bedeutung: spalten, zerspalten, Clemens). Noch will ich 
friauL clap, stein, anf&hren, das vom altroman. *8olap- 
-are, worauf ital. schiappare, venez. schiapar, ftiaul. 
sclapä, spalten, holz klein schneiden (friaul. sclap, Spalt, 
ritz), biadeuten, vielieicht nicht zu trennen ist (merkwür«" 
dig daneben friauL clapadä clapadäde, lapidare, lapi- 
datio). Das firequentativurn zu *sclap-are, d.i. *sclap- 
-it-are ^sclaptare, erkenne ich im provenz. esclater, 
it. schiattare (vgl. acatar aocattare = accaptare), zer* 
springen; s. hingegen Diez unt. schiantare. Die intransi* 
tive bedeutung ist auch dem einfachen *sclap-are nicht 
fremd, und dem verwandten *scIop-are (friaul. sclopä, 
venez. schiopar, bersten, zerplatzen, ital. schioppo 
scoppio, knall, feuergewehr) ist sie ausschliefslich eigen. 
Somit wäre franz. öclat, rifs, ausbruch, knall, mit friaul. 
sclap, ritz, und vielleicht auch mit friaul. clap, stein, 
enge verwandt. Weitere Zusammenstellungen lasse ich 
einstweilen bei seite; doch mufs ich noch lat. rüpes er- 
wähnen, das Corssen (beitr. 152 f.) als abgerissenes, zer» 
kififtetes (wz. rüp), fafst, was uns recht gut zu statten 
käme. Dabei könnte jedoch jemand durch scrüpns scrü«^ 
pul um mifstrauisch werden (vgl. lien = ^splien, lis = stiis 
u. s. w.); Corssen gedenkt aber dessen nicht, und wOrde 
nach s. 93 keinen solchen consonantenschwund vor r zu- 
geben (vgl. Schweizer-Sidler XIII, 307). 

3. Spiro, prosper, spes; spissus. 

Schon längst habe ich zwei indog. wurzeln mit der 
bedeutung anhelare: kas und svas aufgestellt, zu ersterer 
skr. (^as ^&b (im med.: sich darnach sehnen), lat. ques (als 
deponens eigentlich: seufzen, klagen), zu letzterer hingegen 
skr. ($vas (vergl. ^va^ura aus ^sva^ura u. s. w.), spirare, 
suspirare, erän. hvas (neupers. khvästan), sich darnach seh- 
nen, und minder entschieden auch lat. spis (spir-o) zu- 
rückgeführt (s. beitr. V, 86). Es ist jetzt darüber Kuhn 

Zeitschr. f. vgl. sprachf. XVI. 8. 14 



210 Ascoli 

XV^ 317 ff. zu vergleichen^ der meine Zusammenstellungen 
übersehen hat. Die von ihm angefahrten germanischen for- 
men (hväsa, fessum anhelare u. s. w.) gehören wohl mit 
skr. 9as, lat. ques zu indog. ka^s; — slav. svis- (svistu, 
sibilos; n. s. w.) weist jedoch nicht, wie unser verehrter 
herausgeber meint,- die form svas nach, da es regelmäßig 
auf indogerm« kvas (vgl. z. b. slav. svit-, indogerm.'kvit, 
skr. 9vit) zurückgehen kann. 

Wir wollen jetzt lat. spis = svas näher in^s äuge 
fassen, und es entsteht erstens die frage oh wir recht ha- 
ben lat. sp s= urspn sv anzusetzen. Betrachten wir die 
erhärtung von urspr. v zu labialer muta Ton einem gene- 
relleren gesicbtspunkte, so sind folgende momente dersel- 
ben hervorzuheben: 1) aus stummer eonsonans +v wird p, 
mit gewäinfichem Schwunde (assimilation) des vorlautes 
falls es eine muta, mit gewöhnlicher beibehaltung desselben 
wenn es ein zischer; tische beispiele: präkrit. dial. -pan 
-pen -pö = skr. -tvana, griech. awtj; pai ssskr. tvaji, 
loc. sg. pron. sec. ps.; osset. tzuppar=s alterän. kathvar^ 
vier; altbaktr. appa &= skr. apva, pferd« 2) aus tönen- 
der eonsonans +v wird b, mit gewöhnlichem Schwunde 
(assimilation) des vorlautes; arische beispiele: altbaktr. bis 
bitja SB skr. dvis dvitija, bis, secundus. -Zu no. 2 
stimmt nun die italische zunge, und speciell auch das la- 
teinische, durch bis, bos = *dvis, ^gvos, umbr. ben- 
(lat. ven-), griech. /?«?/- (ßccivu)) s= *gvaB-; zu no. 1 ge- 
hört bekanntlich über alle zweifei osk. umbr. pod, petru- 
(^ech. 710"^ niavQ') ==qvod, qvadru-, u. s. w., und auch 
speciell dem lateinischen ist gewiis dieser Vorgang nicht 
völlig fremd (vgl. Curtius no. 89. 566. 628. 633). Demnach 
wäre italisches respect. lat. sp = urspr. sv (griech. iJ7t s=s 
urspr. SV, Kuhn IV, 16 f.) keine auffallende^ sondern viel- 
mehr eine zur ergänzung der analogie bisher vermiiste er- 
scheinung. Zweitens mufs das lange i in spir-o erörtert 
werden. Entweder ist hier ein mittelglied spis vorauszu- 
setzen, also 

spis spis : svas :: fidles fid-o fid-us nii^ nBl&<o : haxkdh 



lateinisches vnd romanisöhefl« 211 

oder aber, indem man dabei an der unmittelbaren Schwä- 
chung von ä zu I festhält, 
spis : avas : : ald : aad (sed-eo, skr. sad sld-Srmi), vgl. Wal* 
ter XII, 412 f. (fllg- fläg- u. s. w.), 
aufzustellen. Bleiben wir bei letzterem, das ich vorziehe, 
so ist lat. spir-i-tu unmittelbar mit skr« 9vas«-i-^ta (aus 
svas-i-^ta) is;, ^them, zu vergleichen; es sind jedoch freilich 
die beiden Wörter durch verschiedene su£Sze gebildet. ^ 

Aber auch spes, d. i. die regelrechtere lateinische 
Vertretung von nrspr. svas, ist wie ich glaube noch immer 
vorhanden. Pro-eper-o- (prosper prosperus), begünstig 
gend, günstig (daraus erst: glücklich) ist mir nämlich: 
fauste adflans, so wie pro-pit-io-: prospere advolans, 
beide wabrscheinlicb zuerst als termini augurales ge- 
braucht. Weiter aber steht der wurzel lat. spjs spes, 
so wie fid-es zu fido oder noch genauer so wie sed*«es 
zu sido sedeo, ein thema *spes-es (spes), anhelitus, 
hoffiinng, vgl. ital. sospiro, wünsch, hoffnung, zur seite. 
lieber die gescbichte solcher Ursprung!« neutra im lateinH 
sehen ist I, 1, oder vielmehr die dort citirte stdle der 
Corssen^sehen beitrage, zu vergleichen. Die altlateinische 
pluralform spöres hat keine grdfsere beeinträchiigung als 
die analogen pluralformen s€des n.übes u. s. w. erlitten; 
*8pesesei ist hingegen, natürlich genug, zwiefach synko- 
piert worden. Die gleiehung lat. spes = neupers. khväh- 
(d. i* hvah svas) in khväh-iä, desiderium, u«s« w., wäre 
folglich der wurzel nach richtig, es entsprächen sich aber 
-es und -ab nicht genau, da dieses regelmäfsig auf -as 
zurückgeht, jenes hingegen aus -as-as zusammengezogen 
ist. Hängen aber prosper spes mit spIro zusammen 
(vgl. hingegen Curtius grundz. 2. ausg. s. 634), so ist schon 
deshalb Curtius^ vermuthung, wonach (n. 652) letzteres 
mit q>vcduiy ich blase, gleichzustellen wäre (^spois ss (pvö-)^ 
nicht annehmbar. 

Ein anderes mit sp anlautendes wort mag hier noch 
gelegentlich besprochen werden. Lat. spis sus haben die 
alten philologen von gr. amSoug aniSvog (Hesych.) abge* 
leitet, die mit den glossematischen CTtiSrjg anldiog^ ausge- 

14* 



212 Ascoli, lateinisches und romaniBches. 

dehnt, gleichbedeutend sein sollen. Ausgedehnt, aus- 
gebreitet (vgl. am-d'-aiAii, spanne, spa-t*ium, o. s. w^ 
CurtiuB grundz. 2. ausg. s. 245. 643) erscheinen mir aber, 
der foedeutung nach, von dicht, gedrängt himmelweit 
entfernt, und eine etymologisdie Verwandtschaft der be« 
zttglichen werter, wenigstens eine unmittelbare, halte ieh 
deswegen, bei sonstiger ermangefaing eines jecbn ^histori- 
schen anhaltspunktes, unannehmbar. Weder für die be- 
deutnng noch f&r die geschichtliche entwickelung der form 
ist andererseits, meinem bedünken nach, durch Benfey's 
Zusammenstellung (wursellex. 1, 545) spissus, skr. sphira 
(sphita), geschwollen, grols, eine befriedigende lösung 
gewonnen worden. 

Spissus ist mir das regelrechte partic. perf« pass. der 
WZ. spid, d. i. der fantgerechten lateinischen parallele von 
gennan. spit (brat-spiss u. s. w., s. Grimm gr. II, 989 f.), 
deren gegen wart als wurzelnomen in cu-spid- schon viel- 
fach (Grimm, Benfey, Pott^ letzterer f&gthispido- hinzu) 
vermuthet worden. Spissus ist somit der angespiefste, 
angeheftete, dicht an einander gereihete. Eine tre£Pliehe 
analogie bietet uns dazu der romanische gebrauch der bei- 
den lateinischen formen des partic. perf. pass. von figere 
(anheften, anspiefsen), ital. fitto =as fictus, venez. fisso 
SS fixus, beide für dicht, genau so wie spissus. Auch 
ist dabei an ital. calca^ folla, franz. foule, gedränge, 
von follare, walken, niedertreten, calcare, niedertreten, 
zu erinnern. 
Mailand, august 1866. G. J. AscolL 



Ascoli, primirwunsel sta, Uut von sich geben. 213 

Primärwurzel sta, laut von sich geben. 

In meinen äriscb-semitischen Studien * ), habe ich unter 
anderem (§§. 14. 15. 20) den satz aufgestellt, dals die skr. 
lexicalwurzeln auf i und u meistens als larvirte nomina 
agentis auf a*ja a*v^ zu fassen sind, worunter jene auf 
a-va die &ltere Variation auf a-ma vorauszusetzen pflegen. 
So z. b. käi (herrschen) = ksa-ja (ksajati), vgl. kSa-tra; 
— ksi (ruhig wohnen) = ksa-ja (kSajant), vgl. ksa-a 
(kda), käam köa-ma-ti; — käi (zerstören) = käa-ja 
(ksajati), vgL kda-nu-te ksa-da*te; — pris^ra-ja 
(^rajati), ire, inire, vgl. kram kra-ma-ti, ire, incedere 
(kra-va- im lat. crüs = ^kravas, das gehende); — ja 
= ja- va, zwingen, bezwingen, vgl. ja-ma ja*ska(jamati 
jaMhati); etc. etc. Wenn aber in der uns vorliegenden 
Sprachperiode jäuti und nicht ja-va-ti (wie dra-va-ti 
ga-va-ti u. s. w.) erscheint, so werden ebendaselbst (II, 
anra. 36) dergleichen zusammenziehungen zur begründnng 
des weiteren satzes benutzt, dafs die sogenannte binde vo- 
callose conjugation un ursprünglich sei. 

Nach solchen grundsätzen würde also stu stäuti, 
rufen, anrufen, lobpreisen, ein älteres sta -va (stavati) vor- 
aussetzen, aus diesem aber wäre ein noch älteres sta-ma 
mit grofser Wahrscheinlichkeit zu folgern. Nun kommt im 
altbaktrischen : 9 t am an, maul, os (Brockhaus vend. ind.; 
Justi 298,347), gleichsam der tönende, sprechende 



'*') Studj irio-semitici, I. und IL abhandl., durch Löscher in Tariii 
und Florenz zu beziehen (zusammen drei frcs.}. Wegen einiger, wiewolil 
sehr beschränkten, immerhin bemerkenswerthen und erfreulichen Übereinstim- 
mungen, die zwischen dr. Sonne's freilich auf unabhängigem wege gewonnenen, 
zeitschr. XIV, 341, vgl. 337 f., auseinandergesetzten anschauungen über die 
geschiebte des arischen verbums (von XII, 295 und XIV, 11 sehe ich ab, vgl. 
Benfey vollst, gramm. s. 76 f., Leo Meyer vgl. gramm. I, 327), und den mei- 
nigen, hervortreten, erlaube ich mir hier anzumerken, dafs von den obigen 
abhandlungen die eeste am 9. märz 1865, die zweite am 6. juli 1865, die 
frammenti linguistici aber, worauf sie sich beziehen (und wovon unterm 
31. december 1864 eine deutsche bearbeitung an herm prof. dr. Kuhn ab- 
ging), dem k. Istituto Lombarde am 15. december 1864 vorgelegt wurden, 
und dafs endlich die zwei ärisch-semitischen briefe, worauf sie sich 
ebenfalls beziehen, vom 6. märz und 27. april 1864 datirt und in der ersten 
hälfte jenes Jahres im „Politecnico'* erschienen sind. 



214 Aacoli 

(vgl. skr. vadana), vor*), welches ich, insbesondere wegen 
sta-va, eher ^ta-m^-an als ^ta-man theile. So erhal- 
ten wir 9taman = 9tavan(t) der (aD)rufende, =indo- 
germ. sta-m^-ant, dem das griechische von Spiegel be- 
reits damit verglichene arouar so vollkommen entspricht, 
dafs wohl niemand mehr ftlr letzteres^die wesentlich gleiche, 
jedoch spätere bildungsart wz. 6tn + suff. mant vorziehen 
sollte, obwohl sich diese lautlich und auch begrifflich ver- 
theidigen läfst, und äol. aivf^iar für sich zu haben scheint. 
2t6^(xv und atviAax verhalten sich, hinsichtlich des Wur- 
zel vocals, zu *stamant wie oi/Qjuar, äol. ovvfxaTj zu 
^gnamant; auch wurde bereits^ wie ich eben sehe, von 
Leo Meyer vgl. gramm. d. griech. und lat. spr. I, 340 we- 
gen arofxa und skr. stjäi, welches jedoch, wenigstens in 
der bedeutung tönen, unbelegt zu sein scheint, eine wz. 
sta, tönen, scharfsinnig aufgestellt. Nur würde die völlige 
gleichstellung 9 tarn an = atofiat^ falls ich recht habe 
sta-m'-ant zu theilen, dahin eine beschränkung finden, 
dafs sich öTOf^cc^ hinsichtlich der behandlung des endsuf- 
fixes (vgl. z. b. ^fiag)^ denen auf ein mal durch -/««f ge- 
bildeten angescfalosssen hätte. ^ra;/ut;Aog dürfte altem stä- 
mara oder stämura entsprechen. Wenn aber arev^Tai 
u. s. w. wirklich hieher gehört, so kommt freilich dessen 
wurzelform auf stav stu zurück, stört uns jedoch augen- 
scheinlich nicht, wie denn ja auch im altbaktrischen: 9t av 
9 tu neben 9 tarn an vorliegt. 

Das bisher auseinandergesetzte wird, wie ich eben sehe, 
auf überraschende weise durch skr. stämu, das Naigh« 
III, 16 unter den stotrnämäni (und Rv. VII, 2. 3. 9, nach 



*) Damit wird fragend von Justi „kurd. e9tev (Chodzko 347)" vei^li- 
chen. An der angegebenen stelle finden wir aber^ mit angebängtem prono- 
men, es tum, das ausdrttcklicb dnrch „mon cou" übersetzt wird; so dafs es 
kaum etwas anderes als kurd. (kurm.) stu, bals beim vogel (Lerch, for- 

schungen ttber die Karden II, 143), ist Die kurdiscbe benennung des mmi- 

des ist daf (dav dSv), das bei Justi unter altbaktr. zafan etc., wozu es 
durch d =5 z (^ skr. h oder ^, vgl. z. b. altpers. adam as aham, neupers. 
dämftd = ^amätar) gehört, vermifst wird; — das neupers. dah-an verhält 
sich wegen seines h dazu ungefähr wie neupers. küh zu altbaktr. kaofa, 
kurd. (bei Justi) kew, berg. — Fr. Müller's abweichende auslebten (wiener 
sitzungsber. XL VI, 452 f.) scheinen mir nicht haltbar. 



primärwurzel sta, laut von sich geben. 215 

Roth nirukta, auch V, 3. 2. 14, nach Benfey gloss. z. sämav.) 
vorkomnit, unwidersprechlich bestätigt. 

Unsere priniärwurzel taucht lyahrscheinlich, mit ver- 
schiedenem Suffixe (vgl. z. b. ma-a neben ma-na, d.i. 
m&-ti mana*ti), in skr. stan sta-na-ti, stöhlen, tö- 
nen, wieder auf. Kuhn's auseinandersetzung iy,6f«, wonach 
in stan, axhvia^ altn. styn, litusl. jsten-, die einstimmige 
bedeutung sonare, gemere, unursprünglich sein sollte, ver- 
mag es nicht, trotz Curtius grundz. 1, 91, 181, uns von dieser 
Zusammenstellung abzurathen. Wäre ativog u. s. w. wirklich 
mit aripo)^ gemere zu vereinigen, so würde ich eher die 
bedeutungsfolge: seufzend, beengt, kümmerlich, eng, vor- 
schlagen. Skr. stana, weibliche brüst, führe ich aber als 
stehendes, strotzendes, zu dem noch ungehauchten 
stha-, Stare, zurück (vgl. stüp stüpa u. s. w., und hier 
sogleich), so dafs es mit 0Tia() und ähnlichem verwandt ist. 

Endlich könnte vom gothischen, aufser staua (rich- 
ter als aussprechender, s. Kuhn II, 458), noch stibna, 
stimme^ herangezogen werden, das sich zu unserer primär- 
wurzel skr. sta ähnlich so verhalten würde wie *stabn, 
stamm (11,467) zur primär wurzel skr. stha. 

Bei dieser gelegenheit erlaube ich mir noch einen zu 
wenig beachteten spröfsling von sta, stare, nämlich stak, 
widerstehen, zu berühren, das zwar im sanskrit meines 
Wissens noch nicht belegt ist, jedoch durch abaktr. ^takhra, 
steif, fest, vollkommen verbürgt wird, indem sich letzteres 
zu *sta-ka, stehend, eben so verhält wie skr. sthavira 
sthävara, fest, unbeweglich, zu einem gleichbedeutenden 
und ähnlich gebildeten * sta- va. Skr. sta- ka neben sta-a 
(sthä) ist aber wieder ein werthvoUes indisches vorbild von 
jener zwiefachen Stammbildung, die normal in der griech, 
conjugation (iattjv ^artjxa, man beachte die praesentielle 
geltung des letzteren) auftritt, und in den angeführten 
„studj^, §§. 15. 16, weiter beleuchtet wird. 
Mailand, 1. november 1865. Äscoli. 



216 Aseoli 

Primärwurael kra,kar, ertönen; und anderes. 

Sind die grundsätze richtig, die ich unter andern in 
dem vorangehenden bruchstücke augedeutet habe, so wird 
indogerm. Isru (skr. (ru, xlv-co^ clu-o), hören, auf krava 
zurückgeben, und letzteres, fast mit gewilsheit, ein älteres 
krama voraussetzen; ein solches Zwillin gspaar müfste aber 
ferner in würz. kra + soff, va s=s ma aufgelöst, und als 
doppelform eines und desselben nomen agentis aufgefafst 
werden. 

Wir erhalten in unserem falle ein primäres kra, kar, 
ertönen, das bekanntlich in unzähligen combinatiouen vor« 
liegt, wovon wir einige sogleich besprechen und einstwei- 
len blofs xak'i(o xi-^xlrj-xa erwähnen. Somit ist kra-va 
der ertönende; und *krava-ti (xXvbi) heifst eigentlich 
er ertönt (er -der -ertönende). Von einem ertönen, 
gleichsam resonare aMcuj us {xXv&i fisv^ ^rudhi me), ist 
aber einen hören; und folglich hat der genitiv des ge- 
hörten, der sich bereits durch die indisch-griechische Über- 
einstimmung als altes erbstück erwies, einen tiefen grund, 

/ 80 dafs man darin einen kostbaren beitrag zur vergleichen- 

y den etymologischen syntax erblicken darf. 

Logisch läfst sich trefflich damit die lexicalwurzel 
ghus vergleichen, die dem Inder ertönen, dem Iraner 
hingegen (altbaktr. guä u. s.w.; ursprünglich gewifs mit 
einem dem indisch-griechischen bei kru analogen regimine) 
hören bedeutet. Daraus erhält Indien ghoäa, ertönung, 
geräusch, Iranien hingegen gaoäa, ohr. 

Wenden wir uns aber jetzt wieder zu kar, kra, ertö- 
nen, so wird uns wahrscheinlich, dafs skr. kar- na, ohr, ganz 
wie altbaktr. gaoäa weiter nichts als das ertönende be- 
deute, und folglich mit dem gleichgeltenden urspr. kra- va 
kra-v'-ant (skr. (ravas, gadhel. cluas), ohr, ^ich- 
v^urzelig sei. Letzteres wort (skr. ^ravas, griech. xUoq^ 
u. s. w.) bedeutet aber zugleich rühm, eben weil es ei- 
gentlich ertönuug (vgl. z. b. franz. bruit, geräusch, ruf) 
heifst. 

Die skr. wurzel kar, mit genitiv: einen rühmen, je- 



y.-'' 



primärwiuxel kra, kar, ertdnen; und anderes. 217 

mandes rQhmend erwähnen, ist wieder ganz einfach gleich- 
sam resonare alicujus; und die daraus entstehenden kirti, 
ertönung, ruf, rühm, käru, lobsänger, und andere derglei* 
chen, erklären sich von selbst als ebenbürtige brüder von 
kravas und kru (^ravas, ^ru). 

Kar-na, ohr, hält einerseits Benfey als spalt zu 
kar (par), dirumpere, laedere; andererseits werden goth. 
haurn (=:*karna), lat. cornu, und weiter xä()a^, altbaktr. 
^rva, nagel, hörn, etc. etc., als stofsend, spaltend, 
aufgefafst. Für unsere Zusammenstellung von karna-comu 
(ohr, hom) mit kra-va u. s. w. als ertönendes, hörendes, 
spricht indefs, aufser den oben berührten Verwandtschaf- 
ten: 1) der präsensstamm von ^ru (^rnu-ma-s), worin 
karna-comu ungestört fortlebt; 2) s^r. ^röga, d. i. indog. 
kra-n-ga, hom, das wir, ganz wie karna-comu als ertö- 
nendes auffassen möchten, indem es mit xXay^"^, clangor, 
u. s. w., zusaiftnenfällt. 

Kra-n-ga, xkayyrj^ (^raga) erschien bis jetzt, auch 
seiner form nach^ dunkel. Ist es mir aber erlaubt, mich wie- 
der auf „studj ärio-semitici II '^ zu beziehen, so f&ge ich 
hinzu, dafs eine solche form durch die in jener schrifl 
niedergelegten erörterangen vollkommen klar wird. Wie 
kra-va (lat. cor-vus, skr. kär-ava), der ertönende, aus un- 
serer WZ. + suff. V a besteht, so erbalten wir aus derselben 
durch suff. ka ein urspr. kra-ka (xoQctx-y ahd. hruoh, 
u. 8. w.) mit der nämlichen bedeutung ; daraus aber, durch 
gewöhnliche Weiterbildung und erweichung, kra-k'-ana, 
krakna, kranka, kranga, genau so wie beispielsweise 
*junga(jungens) durch jug-ana auf ju-ga ju-ka (jav'-ka, 
jav^-ga) zurückgeht, oder, von unserer wurzel selbst, durch 
das dentalsufSx (*kra-ta, kra-t'-ana, kratna) krand kran- 
da-ti, ertönen, entsteht, wozu wohl ahd. hrind, d. i. rind 
als mugiens, gehört. Mit unversehrtem weiterbildungssuf- 
fixe treffen wir ferner *kra-k'-ara, d. i. skr. ^rgala, 
Schakal als schreiendes*). 



*) NB! der Wechsel zwischen tenuis k und media g bleibt unerklärt. 
--"" anm. d. red. 



'I 



i^ -' 



218 Ascoli 

Das richtige yerhältDiTa zwischen clämo und krit 
(^ru) stellt sich endlich dahin heraus, dafs dem lateinischen 
verbum ein *clä-mu-s (vgl. cäl-are) zu gründe liegt^ wo- 
rin wir die ältere Variante von kra-va erblicken, genau 
so wie ja-ma neben ja-va, sta-ma neben sta-ya, 
bhra-ma bra-ma(frenio ^(>€fccü), neben bra-va (brü bra- 
vlti), und so fort bei allen Qbrigen. 

^In welch sonderbarem verb&ltnirs steht dazu (näm- 
lich zu cornu u. s. w.) hebr^^eren (hörn), welches kein 
sicheres etymon im semitischen hat^ bemerkt Benfey im 
wurzellexikon II, 175. Sind aber cprnu, 9rnga, und 
vielleicht noch andere, ursprünglich das ertönende, so mag 
es gleichfalls das ursemitische kar-ana sein, und folglich 
z. b. hebr. qeren.mit*hebr. qar-ä (urspr. ertönen) zusam- 
^ menhängen. 

Eine skr. s chweste rform von kar^ ertönen, nämlich 
gar, tönen, fQhrt mich weiter zu der viell^ht ursprüng- 
lich damit identischen skr. wz. gar, verschlucken, ver- 
schlingen. Daraus erklärt jederman skr. gal-a , kehle, 
hals, lat«gul-a, als verschlinger; folglich gal-a = gar- 
-ana, der verschlinger, das verschlingen, womit, nebenbei 
gesagt, das ursemitische gar-ana, kehle ( hebr. garön ) 
zusammenfallt. Ich vermuthe aber ferner^ dafs skr. grivä, 
hinterhals, weiter nichts als gar-va, der verschlucker, 
sei, wozu es sich ungefähr wie z. b. dirgha, lang, zu ur- 
sprünglich darghaoder dragha (vgl. comparat. dräghl- 
jas, und altbaktr. daregha) verhält; und will weiter mit 
''garva, hals, das gleichlautende sanskritische wort fUr 
eitelkeit, stolz (garva), identificieren , indem ich fi&r 
hals, halsstreckung = eitelkeit auf rga^i^häu) und 
ähnliches verweise. Benfey gloss. zur ehrest, läfst hingegen 
grlvä für grahva aus grah entstehen, und bringt garva 
mit guru zusammen, so dafs es eigentlich gravitas be- 
deute. 

Dirgha erinnert mich nun endlich an eine sehr kühne 
Zusammenstellung, die mir schon längst vorschwebt, erst 
jetzt aber an^s licht zu treten wagt. 

Im slavischen ist, wie mir scheint, indog. d arg ha 



primärwurzel kra, kar, ertönen; und anderes. 219 

dragha (skr. dirgba) zu zwiefacher geltang gekommen. 
Die eine ist durch russ. dolg- (altsloy. dlügu), lang, 
langwährend , gedehnt , illy r . dolg ( düg), böhm. d 1 u h «9 
lang, — die andere aber durch russ. drug-, illyr. drüg-, 
seeundus, alter, böhm. druh-, der zweite, andere, entg^ 
gengesetzte, vertreten. Die begriffsfolge ist wohl: lang, weit- 
reichend^ entfernt, fremd, alienus, alius (vgl. longus, longe, 
ital. lungi, lontano = ^longitano). Neben skr. dura, weit, 
fern, oder vielmehr mit dessen kernhaftem theile, der im 
comparativ (dav-ljas) einzig zurückbleibt, so viel als iden- 
tisch, stelle ich nun ein idg. dava, dav'-ja, auf, das uns 
leichter als dargha zu der bedeutung: fremd, alienus, alius, 
überfQhrt. Die linke band ist aber germanisch und grie- 
chisch die andere, i} ive^ja, und folglich dürfte endlich 
durch ein solches davja das arische vorbild zu laevus, 
?.ai6gf slav. ISvü, gewonnen werden. Das einstimmige eu- 
ropäische { stellt uns freilich eine bedeutende Schwierigkeit 
entgegen (vgl. jedoch als vereinzeltes 1 = d : lith. -lika 
goth. -lif sss dapa); ein schwanken zwischen d und 1 (r) 
darf indefs im ursitz angenommen werden (vgl. skr. d ä ne- 
ben rä). Der europäische diphthong liefse sich vielleicht 
aus alter Umsetzung (vergl. lat. scaevus = *skav-ja) er- 
klären. Aus Neuindien — ob blofser trugschein ? — kommt 
uns mahrattisches dävä (= Mavja) und dävä (vgl. z. h- 
mahr. dul neben skr. dul Und lul), left band or side, 
verf&hrerisch entgegen. Kennedy hat im engl.-mahr. theile 
dävä, im mahr.-engl. dävä; die gramatica marastta (Rom 
1778): dawä hat, mao esquerda; das mahr. and engl, 
vocabulary compiled from Kennedy's and Molesworth's 
dictionarics (Bombay 1851) ausschliefslich dävä. Die bei- 
den langen a würden keine Schwierigkeit ausmachen; vgl. 
z. b. mahr. ändhalä, blind, dähä, ten. 

Mailand, 30. december 1865. Ascoli. 



220 Diefenbach ^ 

Lexicon palaeoslovenico-graeco-latinum emendatam auctom edidit Fr. 
Miklosich. Vindobonae, BraumttUer 1862— 1866. XXII und 117 las. 

Der gegenständ wie der name des Verfassers verbür- 
gen die hohe Wichtigkeit dieses werkes nicht blos f&r eineä 
der zahlreichsten volksstämme der erde, sondern auch f&r 
den Sprachforscher Oberhaupt. Soweit die alten formen 
anlafs boten, hat der verf. ftkrs erste die lebenden slavi- 
schen sprachen und die slavischen lehnwörter in den spra- 
chen der Ostromanen und der Albanesen zur vergleichnng 
gezogen, sodann auch die sämmtlichen indogermanischen 
sprachen in sparsamerer auswahl der Wörter, aber mit Ver- 
weisungen aur ausführlichere besprechungen in bekannten 
Schriften. Dabei fällt die auslassung mancher froher in 
seinen eigenen „Radices linguae slovenicae veteris dialecti^ 
(Lipsiae 1845) autgestellten mehr und minder wichtigen 
vergleichungen auf, wie namentlich der folgenden: bogii 
deus mit skr. bhagas venerabilis apers. baga deus (skr. 
bhaga m. the sun; Qiva; n. divine power bei Benfey, der 
auch nicht bogü dazu stellt), eine folgenreiche verglei- 
chnng. veriga catena zu vreti concludere. voskti cera 
i. q. lit. vaskas, richtiger vaskas (waszkas), woran 
sich noch lett. wasks eest. wahha finn. waha u. a. for- 
men der finnischen sprachen reihen, sodann d. wahs 
(wachs), das vielleicht allein eine lebendige wurzel in 
wachsen crescere findet, kramola seditio i. q.<;armula 
in den bajuvar gesetzen. strela sagitta i. q. d. strala, 
sträl. c^ta denarius etc. goth. kintus, welches mit 
vorslavischer, etwa litauischer stufe anlautet, vergl. mein 
goth. wtb. II, 45ö; der mit. quintus denarius darf nicht 
zugezogen werden. 

Für die folgende reihe gelegentlicher bemerkungen zu 
einzelnen artikeln des werkes mag die aufmunterung des 
mcisters selbst zur rechtfertigung dienen; fflr die häufige 
Verweisung auf mein eigenes „gothisches Wörterbuch^ 
(lexicon comparativum etc. Frankfurt 1851 fi*.) die dort 
aufgehäufte fülle (leider oft überf&lle, besonders im 1.' bände) 
der vergleichungen, die hier keinen räum findet. 



anzeigen. 221 

aläkati, lakati esurire (ieiunare etc.); an ersteres 
reihen sich formen sAmmtlicher litauer (lett., preafs.) spra* 
chen (gotb. wb. I, 34. II, 727); die lockende Zuziehung 
der ahd. glosse ilki, ilgi fames, Stridor dentium wird 
durch die weitere Verzweigung dieses deutschen wortstam- 
mes bedenklich. — aniithinä m. Athenae beruht auf einer 
▼ielleicht aus dem alterthum stammenden, an äv&og ange- 
lehnten Dgr. form !dvd'ijpa f. — bicT flagellum, auch bin- 
senseil, stellt der yerf. zu d. binse, welches bis dahin 
keine exoterisohe Bppschaft kannte; aus dem slav. worte 
entstand das seit dem 15. jahrh. bekannte deutsche wort 
peitsche. — balütina, blatina, blato palus; vergl. 
ostrom. baltft f. id. alb. halte (baljtSa) id., auch erde, 
thon; in ngr. ßäXrog palus ßakreiStjg paludosus, das wir 
nicht trennen mögen , deutet das anl. ß auf eine sehr alte 
zeit zurttck, in welcher es noch b lautete, obgleich in alt- 
grieoh. quellen das wort noch nicht gefunden wurde; wei- 
tere fragen versparen wir. — Der baumname borü, coli, 
borije wird von Grimm wb« mit d. före verglichen, wo- 
gegen aber die gewöhnliche lautverschiebung spricht. — 
brechati latrare i« q. ags. beorcan engl. bark. — brodu 
vadum i« q. altn. brot. — brüdo n. clivus; vgl. Schweiz, 
bort n. id. und den ganzen d. stamm baurd (goth. wtb. 
1,284 ff.; Diez R. Wb. v. Bordo); die bedeutung des 
scharfen und stechenden scheint sich in den urverwandten 
sprachen überall anzuschiiefsen. — br&nestra myrica, 
ein an das gleichbedeutende ital. ginestra erinnerndes 
fremd wort. — vreteno n. fnsus schliefst sich nebst an- 
dern slavischen formen an die deutschen Wörter wirten, 
wirtel an, die vielleicht gar aus dem slavischen entlehnt 
sind; man prüfe die ausgedehnte Verwandtschaft goth. wtb. 
I, 196. 197. Miklosich verweist bei vreteno nicht auf 
vrütiti, wozu er lat. vertere und d. vairthan, wer- 
den stellt« — vöverica sciurus hängt durch mittelglieder 
mit lat. viverra zusammen (vgl. Pott et. forsch. I, 120)^ 
das ein lehnwort zu sein scheint. — vötvi f. ramus; dazu 
u. a. poln. wity i. q. hd. wide (s. goth. wb. I, 146) mit 
zahlreicher sippschaft, wenn nicht der dental dort nur dem 



222 Diefenbach 

snffixe, hier dem stamme angehört. — gladükü laevis 
gehört wenigstens mittelbar zu d. glad, glatt; für die 
sonderung verwickelter formen auch in den Utuslavischen 
sprachen häuft sich Stoff in m. goth. wtb. I, 414 ff. 775. — 
gobizü abundans, goth. gabigs. Der verf. fafst hier mit 
Bopp und Benfey ga als präfix, während ich ebensowenig 
gobizü von gobino fruges u. s. w. trennen- möchte, wie 
gabigs von gabei (vergl. goth. wtb. 11,400). Auch in 
andern slav. Wörtern hält der verf. (auch Schafarik) das 
präfix go ans goth, ga entlehnt; so in govöti venerari 
aus d. gaveihan; gorazdü peritus (zweifelnd) aus goth» 
razda, vgl« dagegen goth. wtb. II, 156; goniznqti ser- 
vari aus goth. ganisan, obgleich auch gonoziti ser« 
vare goncziti liberare gonez m. heil nebst znbehör nicht 
getrennt werden dürfen, wenn wir auch die zurfickfthrung 
auf gnati (ien^) und goniti pellere (welche M. trennt; 
vergl. goth. wtb. II, 119) gewagt halten; gonäti sufficere 
aus goth. g an ahan, obgleich die ebenfalls verglichenen 
Wörter lit. gan^ti id. gana lett. gan satis die wurzel gan 
nicht verkennen lassen; gotovü paratus aus goth. gatau- 
jan, vgl. ungatafs, wogegen ich die wurzel gat (s. diesem 
zeitschr. XI, 286) zu gründe zu legen suchte. — goi pax, 
gandium; vgl. lat. gav (isus), gaudere. — - gr^bü ru* 
dis; daher u. a. magyar. goromba, urverwandt das gleich- 
bedeutende d. grob, woraus eestn. rop läpp, gruopes 
id. — gr^da f. gr^du m. trabs c. deriv.; ausfilhrlich 
stellte ich das lituslavische und deutsche Zubehör goth. wtb. 
11,391. 774 zusammen; ich übersah in m. anzeige von 
Miklosichs schrift über die slav. demente im rumunisohen 
s. d. zeitschr. XI, 288 das ebenfalls in den germaaiscfaeD 
sprachen vorhandene Stammwort von grindel. M. l&fst 
die den slavischen die wage haltenden germanischen wör- 
terreihen aufser vergleichung; ich glaube an urverwandt* 
schafl beider, trotz der gleichen lautstufen, fär welche 
weitere vergleichungen ein gesetz finden werden. — de- 
lüva, dlii f. dolium können diesem lateinischen werte ur- 
verwandt sein; die zweite Bedeutung propago erkll^t M« 
durch Verwechselung der glossen ni&og und TtvO-fniv^ erin- 



anxeigen. 223 

nert jedoch an bd. zeige (od. tclge), welches Kuhn Zeit- 
schrift VII, 63 zu skr. drh stellt, andere als lehnwort aus 
lat. talea ( roman. taglia) ansehen; sein verhältnifs zu 
zeige mit. telia, tilia, celga etc. rcodus agri, vineae 
bedarf noch näherer Untersuchung. — drugii alius, ami* 
cns zeigt wiederum gleiche lautstufen mit dem zubehör der 
germ. wz. drug, s. goth. wtb. II, 643. — dupli cavus; f&r 
die nebenstämme dup und dub (lit. dumbu, dubti) und 
ihre beziehungen zu germ. stammen s. goth. wtb. II, 628. — 
kaligy f. pl. calcei ist wol das lat. caligae, das auch in 
den rom. und germ. sprachen mancherlei spröfslinge zeugte. ^ 
kinifesü m. pl. culices, öxvintg entspricht dem mit, cini- 
phes, stammt aber der anlautstufe nach zunächst aus dem 
griech. — kl ad a f. trabs etc. stimmt zu xXaSoq^ M. ver- 
gleicht d. holt, holz, während sonst hlathan, laden ver- 
glichen wird (goth. wtb. 11, 558; Grimm wtb. 1, 1138; Pott 
et. forsch. II, 275), anderer german. vergleichungen zu ge- 
schweigen (klada pedica i. q. german. halda, halta s. 
goth. wb. n, 516. TiXdSoqi klotz ebend. 438, Pott a.a.O. 
223, vielmehr zu klot^ klofs gehörig). — klükü m. 
stimmt zu xgox^} der glosse, wenn auch nicht im ge- 
schlechte. — lomu m. locus paludosns erinnert an lama, 
Xa^AOQ, — l^pu m. viscum adj. aptus, decens, pulcher stellt 
M. Bad. 47 beide zu 16piti glutinare skr. (auch griech.) 
lip (vgl. Pott et. forsch. I, 258; Benfey gr. wz. 11, 122; skr. 
dict. V. Lip); zunächst gehören dazu lit. limpu, lipti 
lett. lipu, lipt glutinare m. v. abl. — malü parvus stellt 
sieh zu goth. smalists (vergl. goth. wtb. II, 277 flf.), wenn 
anders s entweder dort abgeworfen oder hier vorgetreten 
ist. — mociti madefacere klingt (nebst mokn^ti made- 
fieri und andrem zubehör) zu dem gleichbedeutenden germ. 
stamme muk,mauch (urspr. kurz vokalig?), vgl. goth. wtb. 
n, 79 ff. 766, wo jedoch eine revision kundigerer zu wön- 
schenist. — nevodü m. sagena wird zugleich mit lat. na- 
vis etc. und mit lett. vadus rete verglichen; an letztere^ 
allein richtige, vergleichung schlielsen sich viele netznamen 
auch germanischer sprachen (s. goth. wtb. I, 137. 430. II, 
737), die den gedanken an den abfall von ne- ausschlie- 



224 DiefenbAch 

fsen, ebenso die negative bedeutung dieses präfixes. — 
obuti calceos induere; aasffihrliche zusammenstellang der 
litoslay. verwandten, an welche sich lat. -nere, •uviae 
etc. anschliefsen, s. goth. wtb. II, 739. — ovoäti m« 
voätije m. fructus ist echt slavisch, wie germ. ofät, obaz 
(obst) echt deutsch, beide unvergleichbar; der slavisehe 
stamm wird vot sein, das germ. wort eine znsammenset* 
zung mit itan, essen, wie z. b. nrez u. dgl. — pa^kü 
aranea; aus paj^k (poln.) entstanden die lehnwörter ngr. 
natayxag ostrom. pai angin u; die natur des wertes bleibt 
noch unklar, eine frühe Umbildung aus (pakdyyiov unan- 
nehmbar. — pelinü absinthium; vgl. eestn. pftUin; M. 
unterläfst hier seine frühere vergleichung mit lat. fei. *- 
riza vestis, x'''^^^ etc.; vielleicht daraus ahd. rtsa mhd. 
(häufiger) rtse ft. nhd. reise. — riziku fortuna ist das 
auch ins neugriech. aufgenommene rom. risico. — ruda f. 
metallum, lat. rudns unterscheidet sich nur durch das ge* 
schlecht; die grundbedeutung beider bleibt noch ungewifs. — 
ruda temo, pertica; aus hd. rute? die lautstufen stimmen 
nicht recht. — r^bü m. perdix findet eine wahrscheinlichere 
grundbedeutung (bunt) im slavischen, als rebhftn im deut- 
schen (rebe), in welchem defshalb eine hybride Zusammen- 
setzung zu vermuthen ist. — r^bü m. paxog^ pannus (de- 
tritus), in den nslav. sprachen (rüb, selten röb) fQr man- 
cherlei tuche und gewande, gehört zunächst zu r^biti 
secare; es fragt sich, ob dennoch das verbreitete german. 
roman. rauba, roba verwandt sei (vergl. Diez rom. wtb. 
I, 353; goth. wtb. II, 165. 770), woraus auch in slav. spra- 
chen roba f. später entlehnt wurde. — sani f. pl. traha; 
vgl. ngr. advia f. id. , nach Megiser agr. atjvlxfj id. ; dazu 
das sicher agr. aavig, ngr. actvidv asser? in beiden sprach- 
stämmen kennen wjr kein sicheres etymon; wie erklärt 
sich die illyr. form saona f? — skvrada, skovrada, 
skrada sartago; vgl. lit. skarvada, skavrada, skau- 
radä, skarradä id. lett. skftrde, skärds blech; ahd. 
scarta craticula (bratrost); ä. nhd. oberd. schart m. n. 
sartago; ist auch ia^dga verwandt? — skolika concha; 
vgl. d. schale. — skomrachii praestigiator; zu den ci- 



4nz«igeii. n$ 

taten und erklärungsveiBuoben i&t noch sai ftgen g&Üa 
wtb. II, 237; Pott in d. zeitschr. XIII, 341 ff. — slabä 
debilis, remissus; dazu u. a. lett 8 lab ans id,^ vb. slftbfii 
litslabn^ti^ vll. lehnwörter; urverwandt aber germ. siap 
neben (?) slapb, slaf. -* sl%ku inflexu9 nslov. «l^k 
maqer; vergL nd. slank nhd. schlank (mit fthnlicber 
gmndbedMftiHig «Hoh schwank und dgl.). — smokü m: 
«ei^ns smykati serpere; vgL altn. smnga ags. smugen 
id. hd, smiegen. — stapu bacolus entepricht dem genn« 
staf, Stab. — sulica hasta (auch ostrom.), ohne esot. 
etymon; vgl. ostrom. sulä f. i. q. ahd. siula, sula etc. 
nhd. saul, seule gleichen sinnes und Stammes mit lat. 
subula, woraus ngr. covßki\ aovyki id. und in obiger bed. 
aovßXa veru; darneben stehn asiav. russ. Silo böhm. äidlo 
u. s. w. subttla, die sich zu äiti suere verhalten, wie die 
germ. und lat. Wörter zu siujan, suere. — suru nslav. 
suri, sur fdrrugineus, lehnwort, vgl. mit. saurus, sotus, 
vgl. Diez rom. wtb. v. Sauro; sollte syrus zu gründe lie- 
gen vgl. z. b. persus? — taborü m. castra; daraus mht. 
tAber;. das wort tritt in d^i lebenden slav. sj^rachen, wie 
in der ostromanischen, albanesischen und magyarisdhen auf 
und wird von M. an andrer stelle (Rumun.) f&r u&slavisch 
erklärt. — umü m. mens; M. vergleicht aufset* Kt. umaS 
lett. öma memoria auch goth. gaumjan, in welchem er 
demnach ein verwachsenes präfix sucht? sich'ei: ttx dieseiii 
gehört lett. gaumä nemt mit einigen abll. und zusam* 
metisetzungen, wo] lehnwort, vgl. goth. wtb. II, 387. — fo- 
rütüna tempestas ist das besonders ftkr seesturm gebrauch- 
ficfae lat. (mlt^ital.) fortuna, ngriech. tjpogtovvcc , (pov^ 
Tovva. — cblümü, cholmü collis, saltuS ist urverwandt 
üiit Sachs, nord. holn\; bair. Schweiz, kulm dagegen (dad 
ich froher irrig verglich) stammt aus dem roman. culm, 
dieses nebst oiärtrom. culme gipfel (wogegen hülmu colKs 
a. d. slav.) aus lat. culmen (cul-men), das ^r zad&chät 
nicht mit obigen Wörtern zusammenstellen dürfen. — 
ofameli m. lupulas gehört zu mlt.humulns, eineiü dofrch 
die romanischen, germanischen, finnischen und mehrere asia- 
tische sprachen gebenden wortstamme. — chomästarü 

Zeitschr. f. Tgl. spraohf. XVI. 8. 15 



(26 Schmidt 

mos cricetus ist unaer d^hamster; darneben die bemer- 
kenswerthe form chomjakü mit andrer ableitung. — 
örövinü ruber, wovon cruminu id. die antikere nebeor 
form zu sein scheint, verhält sich zu crüvi m. vermis^ wie 
karmin, kermes u. s. w. zu der arischen form krmi; 
nicht zu verwechseln ist krüvinü^ eine ableitung von 
krüvi sanguis. — satirü m. tabernacHikiiii i8t^.«iQ durch 
vi^le osteuropäische und asiatische sprachen gehendes wort 
arischen Ursprungs (skr. khatra n. umbella). 
Frankfurt a. M. im april 1866* 

Lorenz Diefenbach. 



Physiologie der menscblichen spräche (physiologische laletifc) von dr. 
C. L. Merkel a. o. prof. d. med. an der univ. Leipzig. Leipzig, Otto 
Wigand 1866. 444 ss. 

Im gegensatze zu den apriorischen theorien vergan* 
gener Jahrhunderte huldigt unsere zeit dem principe des 
realismus. Sie sucht mit gröstmöglicher .genauigkeit das 
thatsäcbliche zu erforschen und baut erst auf dem so ge- 
wonnenen gründe ihre Systeme auf* Nothwendig wird da- 
mit die polyhistorie abgewiesen; das wesen der detailfor- 
schung ist theilung der arbeit. Ein jeder forscher sucht 
sich seine eigene disciplin auf. Aber die Wissenschaft läfst 
sich nicht wie ein land in felder zertheilen, von denen je- 
des ftir sich ohne rücksicht auf die anliegenden bebaut 
werden darf. Keine disciplin kann ohne ihre nachbam 
erschöpfend behandelt werden, von denen sie sich gar 
nicht einmal genau abgrei^izen läfst. Wie es in der oatur 
der dinge keine linie giebt, welche sich nicht bei genauerer 
Untersuchung als fläche erwiese, so erweitert sich bei tie- 
ferer forschung die grenzlinie zweier Wissenschaften^ zu ei- 
nem zwischen beiden liegenden felde, auf dem die grenzen 
beider wieder ineinander fliefsen und so unbestimmbar blei- 
ben. Es entsteht zwischen ihnen eine dritte disciplin, beiden 



anseigeli. 22t 

verwandt, keiner von beiden ganz angehörig. Der fort*> 
eobritt in einer solchen zwischen zwei Wissenschaften eni* 
standenen neuen disciplin ist immer mühseliger und un- 
sicherer als 11^ jeder der beiden anderen, weil selten ein 
forscher diese beiden in gleichem mafse durchdrangen hat ; 
um so nöthiger ist es daher, dafs beide partheien einander 
überwachen nnd beriehtigen. So wird es denn gerechtfer- 
tigt sein, dafs hier das werk des physioIogen vom Sprach- 
forscher beurtheilt werde. 

Der schon durch mehrere arbeiten auf dem gebiete 
der lautphysiologie rühmlichst bekannte verf. geht mit au« 
fserordentlicher gründlichkeit und ausfbhrlichkeit zu werke. 
Natürlich muüs ihm referent die Verantwortlichkeit f&r seine 
physiologischen Untersuchungen überlassen, deren resultate 
er nur dankbar annehmen kann, sein urtheil auf das rein 
sprachliche beschränkend. Er beginnt mit einer durch 
figuren erläuterten, sehr ins einzelne gehenden anatomischen 
darstellung des menschlichen stimm- und sprachorgans Und 
kommt dann zu den ^sprachlautlichen bewegungen im all- 
gemeinen^. Sämmtliche sprachlaute zerfallen in ^schallende^ 
und „stumme^ s. 38. Bei jedem vollständig gebildeten 
sprachlaute haben wir dreierlei zu unterschen 1) den Vor- 
gang der Organe in die articulationsstellung, 2) das verhar- 
ren in derselben und 3 ) den rückgang aus derselben s. 39. 
Brücke (grundzüge und Systematik der sprachlaute s. 33) 
nimmt auf den ersten und letzten dieser drei punkte keine 
rüeksicht. Merkel hat aber sehr recht sie alle drei gleich- 
mäisig zu betonen, da gerade die von Brücke vernachläs- 
sigten momente in der lebendigen spräche, d. h. in der 
Verbindung der laute unter einander, die gröste bedeutung 
erlangen und die Verträglichkeit und Unverträglichkeit 
zweier laute, d. h, einen grofsen theil der lautgesetze, be- 
dingen. Der verf. stellt dann eine dreifache art der laut- 
verwandtschafb auf: verschmelzbarkeit, agglutination und 
assimilierende Verwandtschaft der laute. Es folgt der ab- 
schnitt über die vocalbildung. „Ein vocal ist jeder tönende 
luftstrom, der durch die mundhöhle allein hindurch und 
zum munde heraus geführt wird, ohne dals auf diesem 

15* 



228 Sdnnidt 

wege seine tonalität durch ein accessorisches scballphäno- 
men in den hintergrnnd gestellt würde ^ s. 64. Die rocale 
werden dann getheilt in bellgeförbte ä, e, ö, i^ ü, bei de- 
ren bildung der sinns glosso-epiglotticns oilbn, nnd in dan* 
kelgefkrbte a, o, u, bei deren bildung der sinus geschloS'- 
sen ist. „Eingetetzt werden kann ein vocal 1) mit vollem 
oder starkem hauche, das gewöhnlich laote -h $ 2) mit iei- 
sem hauche (der nachher als der sogenannte Spiritus lenis 
bezeichnet wird); etwa wie die Franzosen das h bilden; 
3) ohne hauch, fest und bestimmt, mit momentanem glottis- 
schlufs; 4) mit einigen strohbass-vorschwingungen, das 
arab. ajin^ s. 72. Trotz der nachfolgenden ausführlichen 
beschreibung und erörterung aller dieser arten des eiiisatr 
zes ist dem referenten aber nicht klar geworden, wie sich 
no. 2 und 3 für das gehör scheiden, welches doeh für das 
wesen der spräche das einzig mafsgebende ist. Es werden 
dann die vocale einzeln in ihrer bildung sehr genau fest- 
gestellt, wobei ich besonders auf die beschreibung des 
uns Deutschen schwierigen slavischen y s. 102 als sehr 
treffend hinweisen will. Durchaus würde es abw dem 
buche nicht zum schaden gereichen, wenn die auch bei den 
consonanten hinter der beschreibung eines jeden lautes fol* 
genden abschnitte über seine „psychologische bedeutung^ 
fehlten. Was der verf. da vorbringt ist alles willkührlioh 
aus der luft gegriffen, h soll das „elementum emphatioum 
f&r den sprachlichen ausdruckt sein, das „hastige^ gewalt- 
same^ u. s. w. bezeichnen (s. 73). Im indogermanischen 
ist aber bekanntlich h gar kein urspüngl. laut, sondern aas 
gh, dh, bh,s, k in den verschiedenen sprachen hervor ge-- 
gangen. Diese behauptung war also etwas zu „bastig und ge- 
waltsam^. „Eine spräche enthält in ihren woi wCn um so mehr 
vocale, je mehr im leben des sie sprechenden Volkes das 
gemüth, das seelische vorherrscht, während ein mehr mit 
dem verstände arbeitendes volk in der regel eine an con- 
sonanten reiche spräche spricht '^ (s. 79). Danach wären 
z. b. die Georgier, welchen formen wie vhsttsereth 
scripsimus sehr geläufig sind, ungleich tiefere denker ab 
die vocalliebenden Bellenen« „u dient zum ausdrucke f&r 



das ticdfe, dünkte, dumpfe, schaoerliobe, furchtbare^ (s. 90), 
die beispiele, welche dies belegen sollen, enthalten leider 
zum grösten theile aus a geschwächtes u, nur hu und 
profundus ursprüngliches. Ganz so leicht ist es denn 
doch nicht in der spräche das gras wachsen zu boren. 

S. 103 sucht der verf. festzustellen, wie weit die kie* 
fern zur bildung eines jedeii einzelnen vocals voneinander 
entfernt werden müssen. Die entfernung der kiefern von 
einander ist aber zur vocalbildung ganz unwesentlich, da 
man auch bei fest geschlossenen zahnen alle vocale deutlich 
sprechen kann, wenn nur die lippenstellung die nöthigejn 
modificationen erföhrt. Und zwar bleibt der ton dabei bell 
und rein, ohne wie der s. 110 beschriebene des bauchred- 
ners, zu verdumpfen. Mit der Verwerfung des Lepsius'schen 
„unbestimmten vocals^ (s. 113), der nur ein unvollkommen 
gebildeter vocal ist, werden wohl die meisten loser einver- 
standen sein. Sehr fein und treffend ist auch die Unter- 
scheidung von mischvocalen und zwisehenvocalen. „Letz- 
tere entstehen nidit durch zusammenf&gung oder gleich- 
zeitige erzeugung von articulatorischen elementen, welche 
getrennt bei zwei andern vocalen vorkommen,r sondern da- 
durch, dafs die organe auf dem wege, den sie von der di- 
nen vocalstellung zu einer andern zurücklegen, auf einem 
gewissen mittleren orte stehen bleiben, welcher auf der 
grenze der physiologischen Spielräume der betreffenden 
vocale liegt^ (s. 1 1 4). So ist z. b. e zwischenvocal zwischen 
a und i. Die grenze der diphthonge wird zu enge gezo- 
gen, wenn (s. 115) behauptet wird, nur solche vocalcom- * 
binatioaen konnten diphthongisch eine silbe bilden, deren 
letztes glied i oder u seien, dagegen sprechen z. b. lit. e 
(ie), slav. e (äa), ahd. uo, ua, mhd. ie, üe u. a., welche 
alle nur einsilbig sind. Die behauptung, dafs vocalisch 
auslautende silben durch betonung fast stets lang werd^a 
(s. 116), gilt nur für das neuhochdeutsche; vgl. z. b. t6^ 
russ. x^^poiad (spr. charaäö), lit. ik ea, wohl zu unter- 
scheiden von t^' eum, eam, sü ponü cum domino n. a. 
Ebenso wenig wird, wie der verf will, in einem zwei- oder 
mehrsilbigem wQrte, dessen erste silbe mit einem vocal en- 



2d0 Schmidt 

digt, dieser vocal unbedingt lang, wenn die nftchste eilbe 
mit einer explosiva media anfängt (s. 116); vgl. x. b. i9a* 
ffog^ tSoq^ skr. sadas, lit. südedu ich lege snsammen, 
sügeriu vertrinke, pägailiu habe mitleid n. a., auch das 
vom verf. angefahrte beispiel l^der lautet niederdeutsch 
lllder. Die deflnition der diphthonge (s. 123) ist unstrei- 
tig richtiger als die von BrQcke gegebene. Unrichtig ist, 
dafs sie nicht vor r, manche (z. b. ai s. 126) auch nicht 
vor ch stehen können. Gerade r und h verwandeln be- 
kanntlich im gothischen vorhergehendes i und u in ai und 
au, welche, wenn auch später wohl e, ö gesprochen, nr^ 
sprQngl. sicher diphthongische geltung hatten. S. 126 „ge- 
schrieben wird der diphthong ai in der regel ei, was aber 
so offenbar falsch ist, dafs es kaum der mühe lohnt, noch 
viel Worte darüber zu verlieren^. Schon der pommersche 
dialekt hätte den verf. eines besseren belehren können, 
und im litauischen wird der unterschied zwischen ai und 
ei sehr stark und deutlich empfanden, z. b. vaidas 
zank, aber vaidas gesiebt. S. 128 giebt der verf. selbst 
zu, dafs ei dialectice vorkommt, in dem dreisilbigen pay- 
san finde ich jedoch den diphthong nicht. „Der Reuehli- 
nische dialekt des altgriechischen^ s. 127 ist ein wunder- 
barer ausdruck. Dafs die Russen den diphthongen ui oder 
uy durch ein einfaches zeichen ausdrücken (s. 128), war 
mir bisher unbekannt, meint der verf. vielleicht lo (ju)? 

Die consonanten werden getheiltin 1) velo-linguales (bis- 
her gutturales genannt), 2) palato-et alveolo- oder maxillo- 
•linguales (dentales), 3) labiales. In jeder classe scheidet er 
a) consonantes strepentes, b) vibrantes, c) explosivae, d) 
nasales sive resonantes. Wie der verf. dazu kommt grie- 
chisches V als stummlaut, und zwar als Brückesches f ^, 
aufzuführen (s. 138), ist nicht recht begreiflich. Für die 
folgende specielle physiologie der consonanten, namentlich 
deren erste familie „stofs- oder verschlufslaute ^ ist dem 
verf. sein sächsischer dialekt in dem mafse hinderlich ge- 
wesen, dafs er die klarheit und Zuverlässigkeit seiner Un- 
terscheidungen stark beeinträchtigt hat. Herr Merkel 
scheidet die verschlnfslaute in a) weiche, mediae, b) halb- 



ttneigeti. 3S1 

barte,^teDQe8 implosiyae, c) harte, tenues ezplosiVae, d) 
adspirirte oder verscb&rfte. lieber das wesen der zweites 
gattung, der tenais implosiva, ist es mir beim besten milen 
Qod redlichster anstreogung Dicht möglich gewesen zur 
klarheit zu gelangen, me unterscheidet sich von der^temis 
elpliisiTa dadurch, dafs zu ihrer bildong die Stimmritze 
ohne zu tönen geschlossen ist (s. 149), Während die ezplo- 
siva geöffnete glottis verlangt. Vor allen dingen scheint 
mir sehr mifslich bei einem verschlufslaute festzustel- 
len, ob die glottis geschlossen ist, wenn sie nicht, wie bei 
der media, durch ihr tönen den yerschlufs documentiert, 
denn der kehlkopfspiegel ist hier selbstverständlich nicht an- 
zuwenden. Die beispiele fbr tenuis implosiva sind nach 
norddeutscher ausspräche theils tenues explosivae: lan^-ar- 
mig (gan^ wird s. 150 als beispiel.der ten. expl. anfge- 
fCkhrtl), golcf-ammer, rippe, theils mediae: beoft-acfaten, a^na- 
tus, Widder. IVog, praebt mit r velo^-linguale haben die 
t. explosiva, dieselben worte mit r palato-linguale die t* 
implosiva s. 156 (?). Aus den Verweisungen auf Brüdfce 
scheint hervorzugehen, dafs der yerf. den ersten von 
zwei aufeinander folgenden gleichen verschlufslauten z« b. 
in rippe als tenuis implosiva auffafst; wie stimmen dazu 
aber beispiele wie beobachten, lan^armig? Aufserdem hät- 
ten dann auch consequent mediae, nasales, strepentes im- 
plosivae aufgestellt werden müssen, denn auch sie werden 
als erste glieder einer Verdoppelung in ganz gleicher weise 
afficiert wie die tenues, d. h. in jeder Verdoppelung fallen 
von den drei zur bildung eines lautes nöthigen momenten 
(s. o.) das dritte des ersten lautes uud das erste des zwm- 
ten fort. Kein Norddeutscher wOrde ferner behaupten, die 
bildung der media sei unmöglich vor ihrem ortsverwandten 
resonanten (vgl. z. b. ordnen), in der Verdoppelung (wie- 
der) und im auslaute nach langem vocale oder diphthongen, 
wenn die folgende silbe eine semivocalis anlautet (edler) 
s. 150. Die s. 151 und 156 gegebene regel, dais eine as- 
pirata nie auslauten könne, ist auch nicht haltbar, wir 
im deutschen aspirieren sogar jede auslautende tenuis, Wie 
der leicht bemerken wird, welcher, z. b. von Slaven, reine, 



ttDgeliaiichte tenues sprechen gehört bat. Es muTs nm 
so mehr Verwunderung erregen, dafs dem yerf. dies ent- 
gangen ist, als er (s. 197) fein und richtig beobachtet hat, 
dafs selbst unser deutsches z (= ts) im anlaut einer ,,acat 
kwaen* silbe'^ aspiriert wird, z. b. zach, zopf. 

Die für die aoigenannten gutturalen von Brücke ang^ 
nommene Unterscheidung in zwei spedes, eine hintere und 
eine yordere, verwirilb Merkel s. 161 ff., die articulationa- 
stelle des anlautenden k weise sich unter allen umstanden 
als ^e und dieselbe aus, nämlich als der weiche gaumen. 
Itach i90calen stelle sich allerdings ein unterschied her» 
aus, indem nach e und i die anhaftungsstelle der zunge 
einige linien weiter nach vom rücke als nach a, o, u. 
Deshalb aber zwei k zu unterscheiden hält er „für über- 
flüssig und selbst unpbjsiologisch^. Dies hindert ihn aber 
nicht w folgenden zwei arten des cb anzunehmen (s. 173 ft*)? 
1)gUs hintere oder tiefere, 2) das vordere, denen er dann, 
völlig aus dem eintbeilungsprincipe £EÜlend; 3) das tönende 
tiele ch hinzuftgt. An der Verneinung eines vorderen 
tönenden cb (x^ Brücke) ist wieder der sfichsiache dialekt 
schuld, welcher den verf. veranlafst das nach mancher aus- 
spräche hierher gehörige bcispiel theolo^ie zu dem tonlo- 
sen eh zu stellen. Das hmtere tönende ch, mit verscblufs 
«»ngeaetzt also geh hält er fdr den laut des skr% gh*) 
(s. 179), wie er später die geltung des bh als hw (8.211) 
und des dh als ddh (db tönendes engl, th s. 198) annimmt 
Diese bypotbese scheint mir allerdings mehr fikr sieh zu 
haben als die Brückesche (grundzüge s. 85 ), die mediae 
asp. seien ursprünglich tonende reibungsgeräuscfae gewesen. 
HauptsächliQb bestimmt mich hierfür der umstand, dafs 
die n^ed asp. durch ihre entsprecbende media redupliciert 
wild; wäre ^ b, bhü als wü gesprocben, warum hat man 
nicht das perf. ws^wuva gebildet? Sprach man dagegen 
bwü, so war ein babwüva ganz rationell. Eibenso er- 



*) Hieifimph od^i^ sioh der Übergang von gr in gh z. b. in vigha^tu 
ans granth ganz natürlich, indem das gnttural anzunehmende r durch all- 
mttilkihe Bchwftchung imd dann yerlnst seiner Vibrationen zum tonenden ch 
wurde, gcb «ber naob obiger hypo^to« der ivwth von ^h iat. 



Uftrt sich ein niffvxa nur au» der aiisepracbe pepf^t&ka 
(nach Bffückescher bezeicboong), nicht aus pefüka. Zu 
diesen verschiedenen arten des ch kommt dann der ver* 
wandte laut ^g molle'^ (s. 181) — eine schlechte bezeich- 
nung, da der laut nicht tönend ist , welchen begriff raaa 
doeh mit g zu verbinden pflegt, die „tenende gattung des 
g moUe^ (s. 183) ist jot — dess^ articulationsstelle da 
beginnt, wo die des ch nach vorn hin aufhört. „Auf der 
articulationsstelle des g molle ist kein explosivlaut mög- 
lich: folglich hat das Brückesche System hier eine böse 
lücke«. 

Beim retrodental-blaselaut th (engl.) macht der ver£ 
(s. 191 und 212) die treffende bemerkung dafs es „gleichsam 
auf der vordersten grenze des physiologischen Spielraumes 
des s-genus liegt und den fibergang zum f bildet, in wel- 
ches es auch wirklieb in der russischen spräche überlau«- 
tet^. Auch im lateinischen geht dh bekanntlich meist in 
f üben 

Weshalb der verf. behauptet, dem anlautenden s könne 
J^ein ch folgen (s. 199) ist nicht ersichtlich, griechisches ax 
und westphälisches s-ch h&tten ihn eines besseren belehren 
können; letzterer dialekt weist auch die (s. 219) verworfene 
auslautende Verbindung Ich auf. 

Für 9ch sollen die lippen die wichtigsten activen ar* 
ticulationsorgane sein (s. 200 uud 204)^ dieser laut läfst 
sieh aber mit völliger h^seitigung der lippen deutlich und 
l'^in hervorbringen. Das sob ein einfacher sprachlant ist, 
wird im gegensatz zu früheren theorien mit recht behaup- 
tet. Was für ein „combinierter sprachlaut abef im aans- 
krit sobba sein soll , . der fQr da«i a4spirirte seh gehalten 
werden k^n^ («• 204), ist nicht zu erseben. Auch unser 
verf. bleibt nicht von der Versuchung verschont die spräche 
^ytkürlich m meistern, so verlangt er (^ 20o), dafs man 
sprjecben soll aus-schtehen, aber hirsch-stein. Ein physio- 
Ipge sollte sieb doch immer an das vorliegende, in der 
natur gegebene halten. 

Den in vielen sprachen hervortretendep. Übergang von 
g ig ^ fal^t^ 4^ verf- nicht ganz richtig apf, er setzt z.b. 



m flehatidt 

folgende stufen an, lat. generosns, ^jenerosus, ieneroso 
itat dieneroso. Aber der ebenso häufige Übergang von 
di in £, z. b. ital. giomo aus diumum, fordert die reibe 
80 anzusetzen: generosns, ^gjenerosus, ^^enerosus, die- 
neroso. 

Anlantend«8 p, welchem n folgt, z.'b. in npiw^' soll 
notbwendig wie pv gesprochen werden (s. 210), später je- 
doch (8.24!) hat sich der verf. eines besseren besonnen 
und lafst den anlaut pn zu. 

Eine einseitig oberdeutsche behanptung ist wieder die, 
dafs f sich nicht mit Stimmbänderschwingungen verbinden 
lasse, die organe mfissen dabei eine zwischen der v- (f* 
Brficke) und f-Iage(f' Br.) liegende mittlere Stellung ein- 
nehmen (s. 212). In Norddeutschland hört man fast nur den 
hier verworfenen laut (w' Br.). S. 250 kommt der v^. 
wieder auf denselben gegenständ zu sprechen, was er da 
sagt ist aber durch widersprtk^be in sich nnyerständlicli. 

Ganz unglöcklich ist die vermuthang (s. 226) das vo* 
calisierte sanskritische r sei tonlos, ohne Stimmbänder- 
schwingungen, gebildet. In der angehängten sprachlautta- 
fel wird r einmal als vocalisiertes r und dann als r Hn- 
guale non vibrans, f gar als mouilliertes r (ij) aufgef&hrt. 

Die (s. 230 und 242) geleugnete anlautverbindnng mr 
findet sich bekanntlich im altbaktrischen, z. b. mrü loqui, 
skr. brti u. a. s. Justi, sowie im skr. mrijate u. a. 

Nach erörterung sämmtlicher einfachen consonanten 
werden "die zusammengesetzten behandelt. Die aspiraten 
und einsatz-blasgeräusche (pv, ts, kch u. s. w. ) werden 
(s. 261) als einfach angesehen. Die BrQckesche ansieht, dafis 
zusammengesetzte consonanten gebildet werden^ indem die 
mundtheile gleichzeitig fQr zwei verschiedene consonanten 
eingerichtet sind, wird abgewiesen und vielmehr ein nach- 
einander der betreffenden laute behauptet. Die consonan- 
tenverbindnngen werden dann eingetheilt in 1) consonantes 
Concretae, contractae sive agglutinatae, unter denen wir die 
eben noch als einfach angesprochenen einsatzblasgeräusche 
wiederfinden und 2) conss. juztaneae sive juxta positae; 
von letzteren werden die s. 270 zugelassenen aoslautendeii 



amtigean. MI 

▼erbmdiingen mx and nps wobi in keiner spräche ▼orkom« 
men. Die beschreibang des polnischen rx (s. 270) ist un* 
genügend. Es folgen dann (s. 270 ff«) die mouillierten 
eonsonanten, von denen der yerf. die irrige ansieht hegt, 
dafs sie alle mit stimmbänderschwingungen verbünden 
seien 5 es giebt aber z. b. im sla vischen und litauischen 
auch mouillierte tenues in ffille. Auch braucht der auf 
einen mouillierten consonantmi folgende vocal nicht betont 
und in die länge gezogen zu werden. Ferner sollen mou* 
Hlierte consonantcn im anlaut einer zweiten silbe verdop*- 
pelt, d. h. zwischen die beiden silben vertbeilt werden. 
Zum beweise, dafs alles dies unrichtig ist, fbhre ich die 
beiden lit. szliurpiü und pliurpiü an. Unter den 
^mangeln und fehlem bei bildung von consonanten^ (280 ff.) 
ist manches aufgeführt, was als dialektische varietät ein 
vollkommen berechtigtes dasein hat. 

E2s folgt dann ein capitel über phonetische transcrip- 
tion, in welchem eine neue lautschrift aufgestellt wird, 
welche ihrem zwecke, soviel man von vorn herein urthei- 
len kann, ohne sie selbst längere zeit benutzt zu haben, 
recht gut entspricht. Vor der eckigen Brückeschen schrift 
hat sie durch bequeme abrundung der züge den vortheil 
der leichteren anwendbarkeit. Einige inconsequenzen sind 
aber bei aufstellung des Systems doch mit untergelau- 
fen, die ich fQr den verf« kurz andeuten will, sie finden 
sich s. 302. Das zeichen taf A III e sollte statt über den 
vocal rechts an denselben, das zeichen A III g sollte rechts 
an den ersten, statt über den zweiten vocal gesetzt werden. 

Endlich wird auch die Verbindung der vocale mit 
consonanten der betrachtung unterworfen. „Eine silbe ist 
ein einfacher vocal*- oder ein diphüiongenlaut mit oder 
ohne einen oder mehrere vor- oder (und) nachlautende con- 
sonanten, welche so beschaffen sein müssen, dafs sie auf 
der bahn, welche die organe von einem indifferenzpunkte 
aus nach der vocalstellung hin und von dieser aus 
zum anderen indifferenzpunkte hinzunehmen haben, ohne 
Schwierigkeit und ohne dafs ein zweiter vocal dabei ge- 
hört wird, gebildet werden können. Als die beiden indif- 



i 



Schnidiy oizeigen. 

fereazpunkte einer silbe bezeichnen wir: 1) die läge der 
Organe anmittelbar vor der bildang des ersten silbenlauts, 
2) die läge der organe > nach Vollendung des letzten Silben* 
lants^. Dafs diese definition, welche die silbe durch die 
indifferenzpankte und diese wieder durch jene begrenzt, 
ein Zirkel iat, sieht jeder. In diesem abschnitte, so wie 
namentlich in dem weiter folgenden aber die natörücke 
quantit&t waltet sehr viel willkür, und nirgends macht 
sieh die das ganze buch durchziehende mangelhafte sprach- 
kenntnifs des verf. fühlbarer als hier. Um nicht zu viel 
ladein zu müssen übergehen wir das einzelne, dessen be* 
richtigung jedem sprachlich gebildeten auf den ersten blick 
gelingen wird. Das noch folgende über prosodie, aocent, 
rhythmus, melodie der spräche berühren wir nicht als dem 
kreise dieser Zeitschrift fern liegend, obgleich es sehr gute 
bemerkungen über das verhältnifa zwischen spräche und 
mnsik enthält Beigefügt sind dem buche noten- und 
Sprachlauttabellen, phonetische transcriptionen und figuren 
anr üln^ration der einzelnen lautbildungen. Lel^tere zeicli^ 
Ben Bick durch klarheit und Verständlichkeit" vortheilhaft 
vor den in Brftckes grundzügen und in Max Müllers lectu- 
res U. series gegebenen aus. In fig. 13 ist statt n h gedruckt, 
welcher buchstabe also zwiefach in der figur erscheint. 
Der richtigen beschreibung des cerebralen oder cacuminalen 
t s. 164 entspricht die Zeichnung fig. 28, c nicht. 

Ich schliefse die besprechung des buches, indem idi 
tvotz der mannigfachen hervorgehobenen mängel dankbar 
die reiche belehrang, welche es mir gewährt hat ond w^ 
auch anderen gewähren wird , so wie die ^ofse gründlich- 
keit in der beschreibung der einzelnen lautmechamamen 
anerkenne. Sollte es dem verf gelingen sich aus der abr 
käogigkeit von seinem heimischen dialekte zu befreien, so 
würde er bei erweiterter sprachkenntnifs der Wissenschaft 
noch werthvoUere resuitate liefern können. Vielleicht würde 
er dann auch besser auf das Brückescke System zu spre- 
chen sein, welches er allerdings in manchen stücken cor- 
rigiert hat 
Serltn- Jobannes Schmidt 



1) Wurzel mü, flechten. 

Zu den oben 6,318 — 319 dteaer wnrzd zugelheilten 
ableituDgen sind noch feahlreicbe fichöfeKoge hinsuzof&gen. 
Zunächst scheint die griech. partikel fiv^ piv, der vor* 
zttgsweise durch den schlufs der lippen faerrorgebracbla 
undeutliche, schüchterne laut (v«i:g^. unser: nicht maü a»- 
gen lat» mu facere) gradezu den physiologischen körn der* 
selben zu bilden, griech. juvco daher, sieb zuschliefeen, sich 
zusammenffigen in wz. mü flechten direet, nur in traa^ 
sitiver bedeutung vorzuliegen, wie es denn ja auch selbst 
wirklich transitiv als.* versohliefsiet] ^ fhn^ohliefsen, zuthun 
gebraucht wird. Auf sanskritischem boden nun ziehe ich 
hinzu zunächst noch wz. rauh verwirrt seid, sei es, da£i 
dabei die gi'undbedeutung des mu, /ui; direct noch zu gründe 
liegt, sei es da& wir auf die speciellere bedeutung der skr. 
WZ. mü: flechten, zuflechten dabei zurQckzugehen haben. 
Dafs nämlich das h von muh secundär ist, auf eine ältere 
aspirata zurückgeht, ist selbstverständlich : dafür aber dafs 
diese aspirata das so vielfach zu Weiterbildung von wur- 
zeln verwendete dh (das vermuthlich seinerseits doch wohl 
mit WZ. dhä zusammenhängt?), nicht ein guttur. laut ist, wie 
man aus mugdha, mogha schlieft^n möchte, entscheidet, 
wie ich meine, die partäel mudhä, eigentlich ein alter wur- 
zelitistrumental, wie es deren so viele giebt. Zu dieser form 
mudh ziehe ich dann auch noch dfts bis jetzt dunkle wort 
mudrä^ welchem nicht die dentale potenz, sondern die 
Aspiration abbanden gekomikien ist, während das gleichbe- 
deutende npers. mühr umgekehrt, ebenso wie wz. mub^ 
nur die letztere bewahrt hat« — Zweifelhaft bin ich in 
bezug auf wz. mürkh, betrübt, ohnmächtig, starr sein^ 
eaus« erstarred, gerinnen machen (sarüpavatsi^lä dugdbi 
vnhijaväv avadhäja mürkhajitvä Kau^. 12. 35)^ nbd die 
davon abgeleiteten worter mürkha muirous (tnUrksig)^ 
mürta geronn^i (svajammürte ägje Ts. I, 8, 9. 2), starr, 
ob sie nämlich auch auf die alte int^jektion mu, fct;, reap» 
eine daraus gebildete form mur {vgl, fM^fkvQoo^ murmurare, 
murren)^ oder ob «ie nicht vielmehr auf wz. mar fcoori^ 



9SB Wübrandt 

resp. dessen nebenform mür (wie gür neben gar), wovon 
z. b. parimürni Qatap. V, 3, 1, 13 upamürjamäna Qat. I, 7^ 
3, 12. 4, 12, zurückzufahren seien. — Auf den begriff des 
znscblieisens, zustopfens läfst sieb wohl auch der des 
schimmds, moders, faulens, stinkens (muffeln sowohl vom 
ton, wie vom geruch) zurückftkhren, und dahin wOrdd dann 
wohl auch mütra, urin, gehören, somit sich zu iuvSog jiav* 
aog stellen. — Endlich ist auch wz. mud, mausen wohl 
nur als weitere differenzierung des grundbegriffes : zuschlie- 
fsen, sich einer sache heimlich versichern anzusehen. 

2) muskara, masculus. 

Dafs skr. muäka, oö^og (mit abfall des anlauts) in 
der that zu der oben 5,234 besprochnen wz. mas gehört, 
wird durch die Zusammenstellung von mudkara mit 
masculus wohl sofort gesichert. Aber auch muäti, 
die fleischige, gehört hieher, und hat mit unserer faust 
(wz. pug) nicht das geringste zu thnn. 
Berlin, 1. august 1866. A. Weber. 



ergo, erga. 

Zeitschr. V, 390 wird raih-ts mit 6(jiyü)^ regere (ge* 
wils doch also auch mit unserm recken und reichen, 
strecken und streichen? Zeitschr. IV, 25. 26) zusammenge- 
stellt und das voranstehen des r in diesen verwandten 
dem ind. arg^ rgu gegenüber als metathesis bezeichnet. Ob 
sie metathesis zeigen oder ind. ar^, r^u, entscheide ich 
nicht, versuche aber den nach weis, dafs die ind. Stellung^ 
die ja im deutschen dort so reichlich erscheint, auch im 
lateinischen nicht un vertreten ist. Von raihts ist genetiv 
raihtis und dient wie allis (genetiv von alls) als binde- 
wort. Schon Gabelentz und Lobe (grammatik §. 163) wei- 
sen ds ab die beiden formen als comparative fassen zu 
wollen. Es sind genetive wie unser: rechts, links, eilends; 
-wftrts; -seits. Jene beiden ausdrücke werden beide ver- 
wandt ;'a^ zu geben; aber allis begegnet noch in derbe- 



mlflcetten. 999 

deutuDg oiUug (allerdings Lath.) Mattfa. V, 34. 1. Corinth. 
XV^ 29. Das lat. plane räth dem raihtis die nämliche 
bedeutung zu^iuweisen ; aber würdigen wir unbefangen, wie 
raibts nebst ableitungen gebraucht vrird, so bleiben wir 
wohl bei j^o^itäg^ richtig^ als der brücke von raihts zu 
raihtis {yäg ). Immerhin vereinigen sich beide ausdrücke, 
allis wie raihtis, darin, daft sie den grund oder die ur* 
Sache als das schlechthin geltende — auf dem man nun 
weiter baue — hinstellen, allis so zu sagen mehr quanti* 
tativ, raihtis mehr qualitativ. Gerade wie nun unser al« 
lerdings dem griech. fiiv oft nah genug tritt, so sehen wir 
allis Luc. III, 16 {iyw fiiv v8avt)\ und gerade wie wir 
unsere ausdrücke „das ist richtig^ (il est vrai que, 
c'est vrai), zwar (bekanntlich zßware) em aber einleiten 
sehen, so sehen wir auch raihtis oft in jener zweiten be* 
deutung, so da£s ith folgt {SS). Schon in dem, was ich 
so eben verglich, zeigt es sich, dafs unter den bindewör-^ 
tern bisweilen gleichstämmige zu entgegengesetzter bedeu* 
tong verwendet werden; denn zwar ist fiiv^ vero (verus 
=s war) ist Si. So wird man sich nicht wundern, wenn 
ein bindewort „denn^ bedeutet und ein verwandtes „also^ 
— wenn ich die wurzel von raihtis und ergo f&r eins 
erkläre. Ergo (erst im silbernen Zeitalter ö. Zumpt) „rich- 
tig^ — gewifs ablativ wie vero, falso u. s. w. — mag also 
ganz einfach beiwort des satzes sein, in dem es steht, ohne 
dals man nöthig hätte eine Versetzung anzunehmen. Jus- 
sus est: fecit ergo. Es ist ihm geheilsen worden: er hat 
es richtig gethan* PI. Cist. I, 1, 74 erfolgt auf Perfidiosufi 
est amor die antwort: Peculatum ergo in me facit. Wir: 
ja, ja, er begeht unterschleif an mir. Dafs die Übersetzung 
„richtig^ nicht überall palst — wen wird das befremden? 
Zu erwägen: bleibt noch ergo als vorwort. Die drei stel- 
len, welche mir zu geböte steheu, weisen einstimmig die 
bedeutung „ zwecks^ auf. Cl. Quadr. bei Gell. III, 8,8 
achreiben die consuln an Pyrrhus: „communis exempli et 
.fidei ergo^ hätten sie den verrätberischen verschlag (ihm 
gift beizubringen) ihm doch lieber anzeigen wollen. So 
Lucr.V,1245: 



1140 Wilbnmdlb, nüBcellen. 

hostibus intulerant ignem formidiiris ergo 
und Verg. VI, 670: illius ergo (des Anchises wegen) Vö- 
nimos d. b. den A. zu sehen. Man siebt wie diese an- 
wendnng aus der sinnlichem „auf -los^, die die worzel er- 
gibt, quelle, wie ähnlich unser gebrauch von „ wegen ^ sdi 
und sich aus dem lateinischen gebiet e regione (gogeafiber) 
vergleichbar finde, das ja der nämKchen wunrel entstammt, 
übrigens in späterer zeit ebenfalls — wie contra — binde- 
wortartig gebraucht wird. So laugen wir bei dem zweiten 
ausdruck an, den ich noch vergleichen wollte: erga. Be* 
kanntlich steht dies bei Plautus u. s. w. mid wieder bei 
Tacitus u. s. w. oft genug feindlich, und auch die rein 
sinnliche bedeutung, nach der wir uns vor allem umsehen, 
entgebt uns nicht. Plautus: quae med erga aedes habet. 
(Truc. II, 4, 52). Noch sei bemerkt^ dafs man wohl nicht 
wegen des ergo mit genetiv zur annähme eines subst. zu 
. greifen braucht. Ergo mit gen. : erga =: goth. in mit gen. ; 
in mit acc. (in himin gen himmel). Vielleicht war die äl- 
teste anwendung dieses in mit gen. wie sie Tit. I, 11 vor- 
liegt: in faihugairneins (ala^pov x^pdovg x^Q''^)* Ki*go wt 
masc. oder vielmehr neutr, erga fem. der abL Zwar sind 
von adj. 4. decl. die spuren nur leise: aenpedius ss wkv^ 
novg; dennoch möchte ich arguere lieber von einem sol- 
chen ableiten (vgl. statuere, tribuere), wenn auch nicht grade 
in der Voraussetzung es sei eigentlich ^mit kalk ansü*ei- 
ehen^ (zeitschr. XII, 423), so doch unter beiziehung von 
argentum, argilla, als dem dort gemachten versuch beistim- 
men. Hier hat nun das ind. die andre sti^linng ra^ata. 
Ob nicht doch vielleicht dies die drsprfingliohere sei?*) In 
dem lippenselbstlaut stimmen nun merkwürdig ar^una, 
&Qyvgog und mein ^argös, gen. argüs — wie in der be- 
deutung. 



*) Man wird wohl nicht mehr hieran zweifeln dürfen, wenn man mir zu- 
gibt, dafs recken nnd reichen mit streclcen und streichen äugend eüivas vh. 
thnn haben. 

Rostock, juni 1866. Wilbrandt. 



Tobler, über das gerundium. 241 

Ueber das gerundium. 

Im 14ten band dieser zeitschr. p. 350 — 71 hat Schrö- 
der einen bemerkenBwertben versuch gemacht, der form 
und dem gebrauch des lateinischen gerundium von ein^r 
neiveiii seite beizukommen. Obwohl Schröders annähme, 
dafs der zweite tfaeil der gerondiatform die präposition 
do sei, trotz allem was er dafür beibringt, mich nicht 
ganz zu überzeugen vermag, so bleibt doch die entwick- 
lung der bedeutung, so weit sie von jener annähme un- 
abhängig ist, als richtig bestehen und ist die behandlung 
auch darum anzuerkennen, weil der verf. mit richtigem 
blick verwandte erscheinungen aus dem gebiete der neueren 
sprachen beigezogen hat. Nur scheint mir, gerade diese 
parallelen hätten durch eine etwas eingehendere betrach- 
tung noch mehr zur erklärung des lateinischen beitragen 
können und von dieser seite erlaube und erfordere die ar- 
beit Schröders eine ergänzung, welche ich im folgenden zu 
geben versuche. Ich setze dabei die ausführnngen Schrö- 
ders als bekannt voraus, ebenso die von ihm, wie es scheint, 
übersehene arbeit von L. Meyer im 6ten band d. zeitschr. 
p. 287 fiF. 369 fF. , welche die griechischen adverbialbildun- 
gen auf -^i;v, -dov, ^8d als erstarrte casus von Verbalsub- 
stantiven auf skr. -tvä, -tva, entsprechend den lateinischen 
auf -tim, nachweist und in diesem Zusammenhang auch die 
sanskritischen und lateinischen gerundialformen bespricht. 
Da aber das lat. gerundium nicht unmittelbar aus einer skr. 
form sich erklärt, sondern ein späteres, eigenthümliches 
product des italischen sprachgeistes zu sein scheint, und 
doch auch auf diesem boden noch nicht genügend err 
klärt ist, so halte ich es nicht nur für statthaft sondern 
sogar für nothwendig, entsprechende erscheinungen spä- 
terer zeit in verwandten sprachen herbeizuziehen^ und 
zwar nicht blos aus den allerdings nächst liegenden ro- 
manischen, in denen ein altrömischer sprachtrieb hier wie 
auf andern punkten sich könnte erhalten und in einer das 
lateinische rückwärts beleuchtenden weise entwickelt ha- 
ben, sondern in diesem falle noch mehr aus den germa- 

ZeitAchr. f. vgl. sprachf. XVI, 4. 16 



242 Tobler 

DischeD, obwohl diese f&r das lateiDische noch weniger 
unmittelbar beweisen können. Auffallend bleibt es immer- 
hin, — und hiermit spreche ich den hauptgesichtspunkt 
meiner betrachtung vorläufig aus — dafs eine berührung 
tmd yielleicht theilweise Vermischung zwischen d^& partic. 
praes. und dem gerundium, auch abgesehen vom urspnmg 
der form des letstern, durch alle jene sprachen sich hin- 
durchzieht, nur dafs sie in den einzelnen natürlich beson- 
dere gestalt annimmt. Sollte diese berührung blofs zufälligen, 
rein lautlichen grund haben, so bliebe das zusammlentrefiCen 
der betreffenden lauterscheinungen in den verschiedenen 
sprachen, gerade für diesen fall, immerhin merkwürdig; 
sollte sie aber noch eine^ tiefern grund haben, der auf die 
syntaktische function der betreffenden formen zurückführt, 
so dürften wir davon einen schätzbaren beitrag zur in- 
nern Sprachgeschichte erwarten. Die hauptfactoren und 
-phftnomene der Sprachgeschichte — mit ausnähme der 
eigentlichen wurzelschöpfung und ersten formgebung — sind 
zu allen Zeiten dieselben; es kann daher eine form einer 
relativ alten spräche zufällig, und doch in einer wesentlich 
aufklärenden weise, in der neuern gestalt einer Schwester- 
spräche sich wiederholen (wie dies von einzelnen wort- 
st offen gilt), da ja einzelne erscheinuugen unserer moder* 
nen sprachen auf überraschende weise sogar mit ganz unver- 
wandten sprachen jener niedrigeren stufe zusammentreffen, 
welche einst auch die höher begabten, in ihrer weise, werden 
durchlebt haben. Warum sollte nicht auch das allgemein 
menschliche Sprachgefühl bei einzelnen gelegenheiten über 
alle schranken von räum und zeit hinaus seine Identität 
^t sich selbst offenbaren, wie das sittliche mitten unter 
den schroffsten abständen volklicher cultur, und wie ein 
kind unserer tage auf einen ausspruch verfallen kann, dor 
schon einem weisen des alterthums zugeschrieben wird? 

Die mir bekannt gewordenen ansichten über den Ur- 
sprung der form des lateinischen gerundium zerfitllen 
in drei gruppen. Diejenigen der ersten gruppe suchen die 
form des gerundium aus zusammenflSgung zweier beeland- 
tbeile zu erklären, und zwar sehen Pott, Leo Mejer und 



ttber da» gernndium. 24^ 

Schröder in dem ersten (--en-, -un*) das suffix «ana, das 
in seiner dativ- oder locativform -anäja, -an$ die mit ihm 
gebildeten nomina actioois schon im sanskrit als infinitive 
gebrauchen läfist (Schl^cher, comp. p. 379) und auch der 
griechischen und deutschen infinitivform zu gründe Uegt 
(a. a. o. p. 380 — 381), w&hrend Weissenborn (Re alte infi» 
nitiyform auf «m (mit flbergang in n) annimmt, wie sie im 
oskischen und umbrischen als -um erscheint, übrigens aber* 
mals schon im skr. als -am, ursprünglich accosatiT von 
stftmmen auf -a (a. a. o. 357. 361). Im zweiten theil (-do) 
sieht Weissenborn die wurzel dhä, Sckröder dagegen die 
alte Präposition do (zu), welche letztere ansieht auch schon 
Pott neben der erstem zugelassen hatte, wäbr«id L. Meyer 
das lat. -do dem skr. -tva gleich setzt, welches schon in 
den veden ganz entsprechend den drei andern Suffixen -ja, 
-taT«ja und ani-ja gebraucht werde zur bildong von par-^ 
ticipien oder adjectiven der nothwendigkeit, überdies in der 
inetrumentalform »tva zur bildung des eigentlichen skr. 
gerundüim (absolutiv), und endlich in der form -tu, acc. 
-tum, als infinitiTSuffix, dem lat. supinum entspreche (man 
vergl. über alle diese formen noch Schleicher comp. p. 349 
bis 351. 363. 371-373). 

AHen diesen ansichten gegenüber steht diejenige von 
Bopp, dem auch Schweizer (in seiner recension von Bopps 
gramm. bd. III, 337 — 397 d. zeitschr.) beizupflichten scheint, 
wonach die form des gerundium blofse Umgestaltung des 
partic. praes. wäre. Eine dritte ansieht ist die von Oortius 
und Schleicher, wdche die skr. form -»anija, verkürzt -anja, 
zu gründe legt, in der sich vor dem j ein d entwickelt 
habe, hint^ welchem dann das j ausgefallen sei, so dafs 
also eine Sufsere Umbildung, und insofern etwas ähnliches 
wie nach Bopp, stattgeftinden hätte. 

Zwischen diesen ansichten sich zu entscheiden Buk, 
schwer, nicht nur wegen der autorität ihrer Terfeebter, 
sondern weil in der that lautliche möglichkeit keinar 
derselben bestritten werden kann. Bs wird also darauf 
ankommen, ob dieselben auch gleicfamäfsig die beden'- 
tnng der gerundialformen zu erklären vermögen. Hier 

16* 



244 Tobler 

steht ihnen allen die Schwierigkeit entgegen, dafs die ge* 
rondialform im lateinischen selbst verschiedene bedeutnogen 
zeigt, bei dem eigentlich sogenannten gerundiom als flec- 
tirtem intinitiv, sodann bei dem sogenannten part« fut. pas8. 
(resp. gerandivum) und endlich bei den adjectivischen bil- 
dongeii auf -undus^ nebst denjenigen, wo noch e «der b 
vortritt. Die erstem eriilären si6h am einfachsten nach 
der ansieht von Bopp, als adjectivische nebenforroen der 
partic. praes. der betreffenden verba; um den zusatz eines 
b oder c zu rechtfertigen, müfste man annehmen, das 
participalsufßx -ant sei ursprünglich allgemein adjectivisch 
gewesen, wie es L. Meyer noch im lat. 1-ento (aber hier mit 
ungeschwächtem t) findet, und habe erst später vorwie- 
gend participialen -gebrauch angenommen. Bei den an- 
sichten der ersten und dritten gruppe erklären sich die 
fraglichen adjectiva, mehr oder weniger unmittelbar und 
leicht, wohl auch, am besten vielleicht nach der ansieht 
von Schröder, nur dafs er für die bildung von adjectiven 
durch Zusammensetzung mit praepositionen (oder vielmehr 
p Ostpositionen) aus dem lateinischen sonst keine, und 
auch aus dem griechischen keine andern beispiele als die 
auf -an-o-g beizubringen weifs. Im übrigen bleibt eben für 
alle ansichten dieselbe Schwierigkeit, nämlich die Vermitt- 
lung der wesentlich aotiven bedeutung der adjectiva auf 
-undus mit der passiven der participia gerundiva und 
beider mit der substantivisch indifferenten des eigentlichen 
infinitivischen gerundium. Wir stofsen hier auf eine all- 
gemeinere frage der Sprachgeschichte. Es ist a priori, aus 
psychologischen gründen, wahrscheinlich und wird durch 
geschichtliche betrachtung bestätigt, dafs, wenn am ver- 
bum actives und passives genus nicht von anfang an ne- 
ben einander zum ausdrucke kamen, nur das activnm 
das ursprüngliche sein konnte. Aber wo liegen nun die 
Übergänge, welche von dort aus doch schon frühe auch 
zu passivformen geführt haben? haben wir, wenigstens fiQr 
einzelne formen, eine stufe von indifFerenz vorauszusetzen, 
auf welcher die ursprüngliche und immer vorherrschende 
aotivform doch auch zugleich dem seltneren bedürfhifs 



über das gerundiam. 2I& 

passiven sinnes diente, bis för dieses entweder eine nK>difica- 
tion jener form, die zufällig entstanden war und gelegentlich 
ausgeholfen hatte, oder eine ganz neue erfindung, zur geltung 
kam? eine indifferenz dieser art läfst sich för das verbum 
finitum — (und nur dieses spricht die wahre natur des 
verbum ganz aus) — nicht annehmen, wohl aber für die 
zu nominaler natur hinneigenden a(iittelformen des ver- 
bum (bei denen die niedrigeren sprachen stehen geblieben 
sind), die adjectivische der participien und die substanti- 
vische der infinitive nebst gerundien oder supinen. 

Indem ich betreffend die priorität des activum, die 
innern sprachformen und äufsern bildungsmittel des pas- 
sivum im allgemeinen auf SteinthaPs besprechung der 
Schrift von Gabelentz „ober das passivum^ in der.zeitschr. 
für völkerpsych. und sprach w. 11, 244 ff. verweise, be- 
schränke ich mich hier darauf, den Übergang zwischen activ 
und passiv, wie er sich, zum theil noch in späterer zeit, 
eben an den infiniten formen des verbum darstellt, her- 
vorzuheben. 

Wo das passivum durch suffigierte hilfsverba ausge- 
gedrückt wird, versteht sich von selbst, dafs diese active 
form haben. Am meisten beliebt für diesen gebrauch 
scheinen verba von der allgemeinsten bedeutung wie „ge- 
hen" und „machen''. Aber auch wo diese beide verbun- 
den sein mögen, wie im griech. aor. (I) pass. auf -i^-^i;* 
(wurzel dha und i), scheinen sie nicht auszureichen für un- 
zweideutige bezeichnung passiven sinnes, wenn nicht dem 
vorausgehenden verbalstamm, der zwar nicht die form, 
aber die function, eines infinitiv haben mufs, selbst schon 
eine activ-passive doppelnatur zugetraut werden darf. So- 
dann finden wir in unsern sprachen, obwohl sie auch ei- 
gene infinitive des passiv erzeugt haben, noch spuren da- 
von, dafs einst dem wirklichen infinit, act. syntaktisch auch 
passive Verwendung zustand. Bekanntlich gilt dies an 
mehrern auffallenden stellen der gothischen bibel; ähnliche 
fälle erscheinen im alt- und mittelhochdeutschen, und auch 
im neuhochd. steht vielfach der einfache active infinitiv, 
sei es blofs durch bequeme kürze oder durch einen wirk- 



24C Tobler 

Heben rest ftherer bedeutungskraft, för den logisch genaue- 
ren des omschriebenen passiT, s« Grimm, gramm. IV, 57 
bis 62. Dagegen verlangt der englische gebrauch, hier 
wie anderswo von bemerkenswerther fernbeit, in manchen 
fWen wo der infin. praedicativ oder attributiv steht, die pas- 
sive form desselben (man sehe darüber die grammatiken). 
Im lateinischen und griechischen steht dieselbe wenig- 
stens bei „sehen^ und „hören^ (im lat. auch bei jubere), 
wenn ein persönliches object nicht genannt ist. Hieher 
gehört auch der infinitiv in der altfranzös. forme! (von bei- 
den im epos) „qui tanl fait ä prisier (loer, amer), gleich- 
sam: der so viel preisens verursacht, also nicht etwa rflh- 
mens von sich selbst macht, sondern veranlafst und ver- 
dient von andern gepriesen zu werden (ftlr diesen ge- 
brauch von faire vgl. ital. questo fa per me, pafst f&r 
mich; facere gleichsam gelten, zählen, etwas aus» 
machen, wie bei einer rechnung). 

Dem Infinitiv schliefst sich im gebrauche überhaupt 
vielfach das participium an, welches ja z. b. im praesens 
nach verba sentiendi mit dem infinitiv selbst wechseln 
kann. Auf eigenthQmliche weise vertrat im altem deut- 
schen Sprachgebrauch das part. praet., auch von transiti- 
ven, also passiv, einen activen infinitiv praesentis, z. b. bei 
lassen; thun; taugen, helfen; sollen, wollen; auch 
bei einigen adjectiven (ähnlich dem lat. supinnm auf -u); 
altnord. bei lata, fä, muna (s. Grimm, gr. IV, 125 ff.); 
nur scheinbar steht umgekehrt der infinitiv statt des part. 
praet. von den „verben zweiter anomalie^ und einigen an- 
dern (a. a. o. 168); dagegen berühren sich infinitiv und 
part. praes. wieder in der altern umschreibenden Verbin- 
dung beider mit werden, aus welcher der gebrauch des 
letztem als auziliar des futurum entstanden ist (a. a. o.). 
Aber auch abgesehen von diesen immerhin bemerkenswer- 
then Übergängen zwischen infinitiv und particip zeigt 
das letztere für sich allein im deutschen ein ganz fthn- 
liches schwanken zwischen activer und passiver natur, in- 
dem das part. praes. mehrfach (und zwar in einer von 



über das gerundium. 247 

Orimm nicht verworfenen weise) passivisch, das part. praet 
(und 2war nicht blos von intransitiven und reflexiven) acti- 
visch gebraucht wird (a. a. o. 64 £F.). Diese erscheinungen 
verlangen und verdienen eine eingehende psychologische 
Betrachtung, welche uns hier zu weit abführen würde; es 
sei nur bemerkt, dafs sie zusammenhangen mit einem noch 
viel allgemeineren sprachtrieb, den ich in der zeitschr. für 
völkerpsych. und sprachw. I, 375 — 377 als ein schwanken 
zwischen subjectiver und objectiver Bedeutung vieler verba 
und adjectiva unter die grofse kategorie der metapher ge- 
stellt habe. 

Aehnlich wie diese erscheinungen werden wir uns mnt 
auch die bedeutung der lateinischen gerundialformen zu 
denken haben. Wenn nach Corssens ansieht die bedeutung 
der lat. formen auf -ndo ursprünglich von der des part. praes. 
nicht verschieden war, so müfste eben die letztere selbst 
ursprünglich noch keine rein verbal active sondern eine 
adjectivisch indifferente gewesen sein, wie sie in den ad- 
jectiven auf -undus (freilich meist von intransitiven) vor- 
liegt. — Wenn das part. praes. nach Schröder den indif- 
ferenten Infinitiv auf -ana mit angehängtem pron. demonstr. 
enthält, so konnte sogar eine form wie bhar-an-ta be- 
deuten: bestimmt zutragen, oder auch: getragen zu wer- 
den, und wenn dann &Xr den letztern sinn allm&lig die 
er weichung des t und Stammbildung auf -a platz griff, so 
konnte auf diesem weg der spätere unterschied beider for- 
men und bedeutungen zu stände kommen. — Wenn nach 
der ansieht von Weissenborn in dem d die wurzel dhä, 
im sinn von: (in einen zustand) versetzen, macheu, 
enthalten ist, so dafs amandus ursprünglich bedeutete 
„lieben verursachend**, so brauchen wir blos dem verbal- 
stamm vorwiegend passiven oder dem causativen zusatz 
zugleich reflexiven sinn zuzuschreiben, um die spätere be- 
deutung zu gewinnen. — Das gleiche gilt bei der annähme 
von Schröder, dafs das d die praeposition do sei und der 
ursprüngliche sinn der Zusammensetzung: geeignet, be- 
stimmt, geneigt zu-, oder: verbunden mit-, wie bei den 



248 Tobler 

adjectiven auf -ido und den griecfaiscben mit ToraDstehen« 
dem im-. Nehmen wir ehdliob das -do als Schwächung 
von skr. -tva, so führt L. Meyer zur erklärung der activen 
fälle des lat. -ndo an, dafs z. b. skr. ganitva sowohl ge- 
nerandus als generaus bedeute, und Schweizer hat be- 
merkt, dafs mehrere sanskritbildungen auf -at (welches 
nach Schleicher, comp. 312, die- form des' part. act. , f&r 
•ant, bei reduplicierten stammen ist) die bedentnng des lat. 
-ndus ergeben. Wir können also etwa annehmen, dafs das 
an sich indifferente sufBx, angehängt an intransitive ver- 
balstämme, active gesammtbedeutung ergab, an transiti- 
ven aber passive. Die schwankende natur aller solchen 
sufExe erscheint ja auch an dem skr. -vant, welches, nach 
Schleicher (a. a. o. 316 — 8) selbst wieder aus va+nt be- 
stehend und im allgemeinen „besitz^ ausdrückend, beson* 
ders dazu dient, dem part. praet. active function zu ver- 
leihen und so auch im griech. 'foT^ für 'va(n)t, erscheint, 
daneben aber in dem adjectivischen -^bvt und lat. -öso, 
aus -va(n)sa, mehr passiv. Noch näher hieher gehört, aus 
dem lateinischen selbst, die thatsacbe, dafs die adjectiva 
auf -bili, — welche zu den bildungen auf -ndo in der be- 
deutung sich ähnlich verhalten wie die griechischen ver- 
balia auf -ro (skr. -tva) zu denen auf -reo (skr. tav-ja), in* 
dem sie blofse möglichkeit (oder Würdigkeit) statt noth- 
wendigkeit bezeichnen, — neben der häufigere» passiven 
bedeutung auch active besitzen, und zwar dasselbe wort 
beide. Beispiele s. Lorenz zu Plaut, most* 1147 (auch die 
ungrischen gerundialformen auf -va bei transitiven verben 
haben zugleich die bedeutung des part. perf. pass.: tat-va, 
aperiendo und apertus; zeitschr. f. völkerps. und sprach w. 
IV, 79). 

Wir müfsten weniger darauf halten, dais solche dop- 
pelte anwendung auch des Suffixes -ndo von an fang an 
dagewesen sei, wenn sich die übrige Verschiedenheit des 
geruudium und particip. gerundivum (die adjectiva auf -un- 
dus lassen wir von nun an bei seite) etwa so erklären Heise, 
dafs das eine erst aus dem andern sich entwickelt hätte. 
Denn die Verschiedenheit des genus ist vielleicht, oder 



über das gerundinm. 249 

war wenigstens ursprünglich, nicht so grofs, wie wir sie 
heute uns vorstellen, wenn wir das particip mit der schwer :r 
billigen Umschreibung: ,,der — werden mufs oder soU^ 
übersetzen, statt mit der gefügigen wendung: ^zu-en(d)^, 
zu welcher wir gleich nachher beim deutschen kommen 
werden. Jene Verschiedenheit liefse sich vielleicht zurück- 
führen auf Verschiedenheit adjectivischer und sub- 
stantivischer natur; aber eben hier steckt die Schwie- 
rigkeit, und besteht darin, dafs sich von diesen beiden 
nicht leicht die eine auf die andere zurückführen läfst. 
Nehmen wir an, ursprünglich sei blofs das particip üblich 
gewesen, so lassen sich daraus nimmermehr die substanti- 
vischen casus des gerundinm als attribut oder adverbiale 
ableiten sondern höchstens die prädicative construction des 
substantivierten neutrum mit esse, welche auch von in- 
transitiven verben möglich ist, aber nur impersonal: eun- 
dum est, wie itur; das von Schröder angeführte roma- 
nische vi an da, aus vivenda (sc. res, lebensmittel) steht 
wohl sehr vereinzelt. Gehen wir umgekehrt von substan- 
tivischer natur (aber freilich nicht nominativform) des ge- 
rundium aus, so hat zwar Schröder einen sehr anerken- 
nenswerthen versuch gemacht, auf diesem wege die ver- 
schiedenen gebrauchsweisen des gerundium auseinander ab- 
zuleiten, aber die participien auf -ndus (vollends die 
adjectiva auf -undus) setzt er als vorher schon dagewe- 
sen voraus, so dafs nur die sogenannten gerundiva auf 
einem umwege in jene einmünden, wie es denn allerdings 
nicht leicht denkbar ist, dafs die participien etwa aus gro- 
fser geläufigkeit der gerundiv^construction (attraction) sich 
zu selbständigem dasein erst abgelöst hätten. Für das ge- 
rundium selbst scheint Schröder die form auf -do als die 
ursprünglich einzige anzunehmen, und das -do darin als 
die wirkliche praeposition do (zu); aber dafs statt der 
altern, constructionen wie: agitandost vigilias; optandost 
uxorem, erst später: agitandum optandum sei geschrieben 
worden, ist ja wohl nicht richtig, da vielmehr umgekehrt 
jene ältere Schreibung selber schon nur metrische Verkür- 
zung der regelmäfsigen form ist, -ost für o(m)(e)8t. Für 



2hO Tobler 

die coDstruction war übrigens zu vergleichen die ganz eaU 
sprechende de« griecb« adj. verbale neutr. z. b. rolg Xoyoig 
n()ogBXTiov tov vovv^ neben: TtQoqBxriog 6 vovg. 

Wir verlassen hier das lat. gerundiam, ohne noch eine 
ganz genügende erklftmng desselben gefanden za haben^ 
und sehen zu, ob eine solche vielleicht aus vergleidiang 
des deutschen zu gewinnen sei. Die lautliche Überein- 
stimmung des deutschen -nd, in der mit zu verbundenen 
participialform , mit der gleichbedeutenden lateinischen 
ist natürlich nur zufilllig und könnte höchstens ent leh- 
nung aus dem lateinischen beweisen; aber nd findet sich 
im deutschen gerundium schon zu einer zeit, wo unsere 
spräche noch ohne solche einflüsse gelehrter nachahraung 
sich entwickelte, und nur zur befestigung einer bereite 
üblich gewesenen deutschen form mit nd im mnne der la- 
teinischen könnte die zufällige Übereinstimmung der laute 
vielleicht beigetragen haben. Dafs unser nd im gerundium 
urverwandt dem lateinischen entspreche, wird nicht 
durch den mangel der lautverschiebung ausgeschlossen, — 
denn diese fehlt auch zwischen dem nt des lat. part. praes. 
und dem deutschen nd derselben form, offenbar durch stö- 
renden einflufs des n, der schon innerhalb des lateinischen 
selbst die (nach der einen ansieht) ursprünglich identi- 
schen participialformen in solche mit nd und nt zu spal- 
ten mitgewirkt haben könnte — , wohl aber durch den 
mangel dieser gerundialformen nicht blofs in allen andern 
sprachen unsers Stammes, sondern auch innerhalb des deut- 
schen gerade in den altern dialekten. Eine wirkliche 
identität der laute in beiden sprachen ist nicht möglich, 
wohl aber kann die deutsche form, ganz unabhängig von 
der lateinischen, diese erklären helfen, als ein späteres bei- 
spiel eines ähnlichen laut Vorgangs wie der von Cnrtius 
und Schleicher angenommene. Betrachten wir also zu- 
nächst die geschichtlichen formen des deutschen gerun- 
dium. 

Im gothischen fehlt dasselbe bekanntlich, da Luc. 
14, 31 ohne zweifei du vigana, als dativ eines subst. vi- 
gans, oder du vigan, der einfache Infinitiv, zu lesen ist. 



über das gerundiuin. 251 

Ibi isländischen findet^ sich ein partic. genmdivum (s, Grimm, 
gramm. IV, 113) in beispielen wie: alt er seganda (omne 
est dicendum); med' nefnanda manni (cum viro nominando), 
ein gebrauch, ähnlich dem neuhochdeutschen des part 
praes., auch ohne 2u, in passivem sinne {s. oben), wie 
denn aoeh das ahd. gerundium gelegentlich im dativ ohne 
praeposition vorkommt, z. b. kelaupanne bist (credendus 
es). Das angelsächsische, altsäehsische und althochdeut- 
sche zeigen für genitiv und dativ die formen -annes und 
-anna, bei schwachen verben -janne, -j^ine, -önne, -kme 
(Grimm, gr. 1% 1021). In der altsächs. genitivform -annias 
hat schon Grimm (gesch. d. spr.) nn aus nj entstanden er- 
klärt, wie dennan aus denjan; ebenso MüUenhoff (denkmäl. 
p. 484-^5), der neben dem infinitivsufßx -an(a) fQr nomin. 
und accus., ein -anja für die cas. obl. annimmt, wofür er 
noch ahd, dativformen auf -anni, -enni beibringt und be- 
reits die Tcrmuthung ausspricht, dafs diesen formen das 
skr. Suffix des part. fut. pass, -anija, -anja zu gründe 
liege wie dem lateinischen gerundium. Im mittelhochdeut- 
schen gilt zwar noch *ennes, -enne nach langer Wur- 
zelsilbe, nach kurzer aber bereits -enes, «ene, deren er- 
stes e, schon früher tonlos, jetzt stumm und auswerf lieh 
wird. Doch bleibt auch dieser verlüst nicht ohne ersatz. 
Was Grimm gr. lY, 105 vgl. 66 als ergänzung zu II, 1022 
beibringt, dafs nämlich im mhd* -ende für -enne auftauche 
und im vierzehnten Jahrhundert vorherrsche, wie denn auch 
im altfriesischen -«ande gewöhnlich sei — , verdiente vrobl 
etwas mehr hervorgehoben zu werden; denn aus dieser 
mittelform des gerundium, welche sich dann leicht mit dem 
passiv gebrauchten part. praes. vermischte, erklärt und 
rechtfertigt sich etnigermafsen die neuhochdeutsche con- 
struction „zu — * end^. Nicht blos in mittelhochdeutschen, 
sondern auch in niederdeutschen Schriften jener zeit be- 
gegnet das -ende häufig und bildet vielleicht durch das 
friesische hindurch einen Übergang zu jenem isländischen 
gerundivum (s. oben). Man sehe z. b. niederdeutsche schau- 
^iele von Schönemann p. 6. 12. 18. 52. 56. 75. 120 (wor- 
unter auch f&lle von substantivischem gebrauch solcher ge- 



252 TobUr 

rundien, wie: min wcsent; dat büeot; juwe scrigent unde 
wenent), TheophiL v. HoflFmann, v. 70*5. 794. 804. 975. Graf 
Kudolf, V. W. Grimm p. 8. Haupt, zeitschr. III, 82 — 83- 
Frommann, zeitschr. f. deutsch, mundart. Y, 425, 1. Zu den 
alamannisefaen belegen, welche Weinhold, gramm. p. 348 — 9. 
378 — 9 anföbrt, wären noch manche, z. b. aus .fiehweize- 
rischen rechtsquellen, beizobringen. Von lebenden mund- 
arten bildet die appenzellische das praepositionale gerun- 
dium auf -id , z. b. z'schaffid , zu schaffen. Dieses -id ist 
offenbar, gleich dem schwäbischen -ed, z. b. z'haissed, zu 
heifsen; zUod zu thun (s. zeitschr. f. d. m. II, 111), aus der 
altern form -end entstanden. Dafs d hier nicht rein laut- 
lich erst später hinten angehängt worden — (obwohl der- 
gleichen auch vorkommt und gerade am verbum im vier- 
zehnten Jahrhundert massenhaft auch in die sebrift ein- 
drang, durch falsche ausdehnung des alten organischen t 
der dritten pers. plur. indic. praes., sogar auf das praeteri* 
tum) — , zeigt die tirolische mundart, welche im part. praes. 
-et für -end setzt (zeitschr. f. d. m. III, 104, während die 
ebend. III, 174, 221, IV, 244, 2 angeführten bildungen auf 
-et, mit dem werth von adjectiven auf -ig, der form nach 
partic. praet. sind). Wenn nun ferner in der zeitschr. f. 
d. m. III, 173) 147 das oberbair. rennet, n. Wettrennen, 
für rennend, ebenfalls mit recht als ein rest des alten 
gerundium in substantivform (mit plural rennet-er) er- 
klärt wird, so mufs dasselbe gelten von den verbalen nen- 
tra collectiva der hennebergischen mundart (a. a. o. 474 — 6), 
welche dort, wie die entsprechenden schwedischen und dä- 
nischen auf -ende, mit der bedeutung von -ung, schwer- 
lich richtig als Substantivierung des part. praes. erklärt 
werden. In diesen Zusammenhang gehören dann wohl auch 
die schweizerischen verbalcollectiva auf -et (Stalder, dialect. 
214 — 220), nur dafs diesen männliches gescblecht zukommt 
und ebenso zahlreiche weibliche bildungen auf -ete zur 
Seite stehen. Diese geschlechtsverschiedenheit läfst die an- 
nähme Stalders offen, dafs diese schweizerischen formen 
entweder geradezu reste der ahd. Substantivbildungen auf 
-öd, *6t, fem« -ida, seien, oder mit diesen sich vermengt 



über das gernndiuni. 2i>3 

haben. Wir hätten also hier, in später zeit, eine beröh- 
rang zwischen gerundialformen und wirklichen Verbalsub- 
stantiven, wie schon in den veden die meisten infinitivfor- 
men eben nichts sind als einzelne casus von nomina actio- 
nis, welche gelegentlich jene Function übernahmen und dann 
theiiweisv für dieselbe stehend wurden, wie die bildungen 
auf -tu im gewöhnlichen skr. infinitiv und im lat. litauisch, 
slav. supinum, die auf -as im lat. infin. act. , die auf -ana 
im griech. infin. praes. act. und im deutschen infin. und ge- 
rund. Für unsere hauptfrage aber ergibt sich aus dem 
obigen nunmehr als wahrscheinlich, dafs sich auf deut- 
schem boden, aus rein lautlichen gründen, ähnlich wie im 
lateinischen, in einer fortsetzung der sanskritischen grund- 
form -anja ein d erzeugt hat, aber erst durch Vermittlung 
von nn, während im lateinischen nd unmittelbar aus nj 
entstand. Für die lauterscheinung im deutschen kann noch 
mehreres in betracht gezogen werden. Von blofsem zu- 
satz eines* d im auslaut, wie in: ie-man-d, weil- an -d, 
ietzu-n-d haben wir abzusehen, da das d im deutschen ge- 
rundium ursprünglich wie im lateinischen, inlautend war. 
Ebenso kann phonetische einschiebung eines d wie in frz. 
vien-d-rai, mou-d-re (meiere) für unsern fall nichts bewei- 
sen, da sie offenbar in der eigenthümlichen natur des fol- 
genden r ihren grund hat. Dagegen findet sich inlautend 
ersatz von nn durch nd auch im nhd« mind^er für amhd. 
minnir, minner, und im nhd. verwinden, überwinden 
ist winden, unterstützt durch eine nahe liegende Volks- 
etymologie, an die stelle des alten winnan (laborare) ge- 
treten. Häufiger freilich erscheint umgekehrt nn für nd; 
so älter niederdeutsch: innewennig (inwendig); ingesinne 
(-gesinde); mhd. sinnen (gehen, kommen) für sinden 
(wovon das causat. senden). Besonders kennt diesen Über- 
gang die hennebergische mundart, jedoch mit localen un- 
terschieden, 8. zeitschr. f. d. m. 11, 44 ff.; III, 126; auch 
die koburgische (II, 50); nach norden erstreckt er sich bis 
ins dänische; im altnordischen findet sichlann für land, 
wahrscheinlich mit fortgerissen durch die häufigere assi- 
milation von nd* in nn. — Ausfall des d zeigt die henne- 



r 

! 
i 



254 Tobler 

bergischa mundart in formen des partic. praes. wie: zi- 
scheine, scbmeichelne (a. a. o. II, 352); häufiger war schon 
im mittelhochdeutschen ausfall des -n, -en, nicht blos bei 
verben, deren stamm selbst auf n ausging (wein -de, 
segen-de, sen-de) sondern auch helde für helnde, t^udef. 
töu wende (moribund«») Grimm, gr. P, 1(X)7* Weiabold, 
alam. gr. 349. 380. — Um die hieher spielenden lauter* 
scheimingen zu erschöpfen und darunter auch die mogiich« 
keit einer blofsen einschiebung des d, nicht als ersatz 
eines n, zu belegen, erinnere ich endlich an die nhd. bil- 
dungen: geflissen-t-lich, vermessen -t- lieh, gelegen -t- lieh, 
verscbieden-t-lich ; offen- t-lich, namen-t4iob , orden-t-lieh, 
wöchen-t-lich; vielleicht auch: eig^i-t-lich und wesen*t- 
-lioh, — bei welchen falsche analogie mit dem organischen 
nt (nd) der bildungen vom part. praes. (hoffentlich, wis« 
sentlich, flehentlich) mitgewirkt hat. 

Gehen wir vom deutschen zum nahe verwandten eng- 
lichen über, so finden wir hier die im lateinischen und 
deutschen beobachtete berührung zwischen gerundium und 
part. praes. in noch höherem grade, ja sogar bis zu laut* 
lieber identität gediehen, nur da& dem englicben gerun- 
dium die function eines part. fut. pass. fehlt, welche dem 
lat. gerundium und der deutschen Verbindung „zu -end^ ei- 
g^i ist. Aber im übrigen ist das zusammentreffen auf- 
fallend genug und es wird lehrreich und für unsern zu- 
sammenbang unumgänglich sein, wenn es auch abermals 
nur auf lautlicher Zufälligkeit beruhen sollte. 

Schröder hat bei seiner umsieht auch das englische 
nicht ganz übergangen; aber er hätte es wahrscheinlinfa 
mehr hervorgehoben und verwerthet, wenn ihm der zweite 
band von M. Müllers „Vorlesungen^ vorgelegen hätte, wo 
p. 13 18 und in den anmerkungen p. 534^36 gerade der- 
jenige englische Sprachgebrauch ausführlich erörtert und zur 
grnndlage einer neuen ansieht von der entstehung des 
englischen partic. gemacht wird, den Schröder nur fiüehtig 
als parallele zum romanischen gerundium anfährt 
Wenn das a, welches in der englischen Volkssprache häufig 
dem gerundium vorgesetzt wird, wie z. b. in: I was a 



über das gernndiam. 255 

hunting, gleich der iimschreibting mit dem einfachen par- 
ticip, wirklich eine verkürzte gestalt der praeposition on 
ist, so hätte dieser gebrauch vielleicht eine neue stütze 
flQr die ansieht Schröders werden können, dafs das lat. 
gerundium aus suffigierung einer praeposition, welche spä* 
*ter auch wieder vorgesetzt wurde, habe entstehen können« 
Diese anwendung möchte ich von der thatsache jenes ge- 
brauchs nicht machen, da ich der Schröder'schen ansieht, 
aus den angegebenen gründen, nicht beipflichten kann; 
ebenso wenig kann ich freilich, so wie Müller zu thun 
scheint, ohne einschränkung die ansieht von Garnett an« 
nehmen, der das heutige englische particip durchaus aus 
Verbalsubstantiven auf *ung (später -ing) ableiten will, 
vor welchen ursprünglich zu solchem zwecke immer die 
praeposition a (on) stand, später meist wegfiel, in der 
Volkssprache jedoch sich noch oft erhalten habe ; und noch 
weniger möchte ich mit Garnett diese theorie von der 
entstehung ganzer Wortarten aus obliquen casus anderer, 
hier aus dem locativ von Verbalsubstantiven, auf das in- 
dogermanische part. praes. überhaupt ausdehnen: aber 
sprachgeschichtliche möglichkeit läfst sich ihr a priori 
wohl nicht absprechen, und wenn sie im vorliegenden fall 
nicht gelten soll, so mufs sie mit gründen bekämpft wer- 
den, die in den innersten Zusammenhang unserer bisheri- 
gen betraehtungen einschlagen. Was für dieselbe von 
Müller angeführt wird, kann ich hier im einzelnen nicht 
wiederholen, sondern verweise auf die citirten stellen sei* 
nes buches; es ist in kürze; 1) die fortdauer jener con- 
struction in der englischen Volkssprache ; 2) die entstehung 
des (freilich nur scheinbaren, weil gleichlautenden) französ. 
particips aus dem tat. gerundium ; 3) die bildung des ben- 
galischen praesens und imperfect durch Verbindung des 
verb. subst. mit der locativform des infinitiv; 4) das bas- 
kische praesens, welches nicht aus Verbindung der copula 
mit einem wirklichen part. praes., sondern mit dem locativ 
eines Verbalsubstantivs bestehe; 5) die Unzulänglichkeit 
der bisherigen erklärung des participialen -ing auf dem 
historischen boden des englischen selbst, resp. aus den ags. 



256 Tobler 

grandformen. — In der that licfs diese letztere, von vorn 
berein einfachste und natürlichste, erklärung bisher zu wQn- 
sehen übrig, besonders weil man sie durch unrichtige her- 
beiziehung einer parallele aus deutschen mundarten zum 
theil erschwerte und verdarb. Ich glaube daher, wenn es 
gelingt, diese erklärung richtig durchzuführen, -so sei da- 
mit auch, nach logischem recht, die entgegenstehende von 
Müller, wenn nicht als unmöglich, ,doch als unwahrschein- 
lich und vor allem als unnöthig, abgethan; denn dafs jene, 
zwar bemerkenswerthen, aber nicht genau zutreffenden pa- 
rallelen aus fem liegenden sprachen zurücktreten müssen 
vor einheimischen historischen sprachformen und lauter- 
scheinungen, ist wohl klar. Ein punkt kann und mufs 
vorausgenommen werden, der beide erklärangen gleichmä- 
fsig betrifft. Die verbalsubstantiva auf 'Ung haben schon im 
angelsächsischen zum theil, und im englischen durchaus, die 
endung -ing angenommen (Grimm, gramm. II, 362). Dieser 
fibergang hat lautlich nichts auffallendes, da auch z. b. die 
hennebergische mundart jenen Substantiven vorherrschend 
-ing statt -ung giebt (zeitschr. f. d. m. II, 1 32) und ebenso 
die vorarlbergische und die ostschweizerische -i(n)g flir 
-ung setzt (a. a. o. VI, 256). Nun entsteht die frage, ob 
das englische gcrundium, welches dieselbe endung bat, 
wirklich durchgängig diesen substantivischen Ursprung habe, 
so dafs von jedem verbum ein solches Substantiv auf -ung 
(ing) gebildet worden sei oder werden könne, welches denn 
auch die verbalen functionen eines gerundium übernehme. 
Nun werden sich zwar reine Substantive auf -ing, denen 
nicht ein lebendiges verbum zur seite stände, kaum finden, 
und auch im deutschen setzen die substantiva auf -ung 
entsprechende verba voraus; aber dafs umgekehrt von je- 
dem verbum ein solches Substantiv gebildet werden könne 
oder konnte, liegt nicht im allgemeinen Sprachgefühl und ist 
z. b. bei having und being bedenklich; es müfste denn 
die gewalt blofser, allerdings auf zahlreiche fälle gestütz- 
ter analogie auch hier durchgeschlagen haben. Die dop- 
pelnatur des englischen gerundium gehört zum eigenthüm- 
lichsten und schwierigsten in der syntax dieser spräche. 



aber das gerundium. 257 

schwierig nicht blofs zum erlernen sondern noch mehr zum 
wissenschaftlichem begreifen (welches man freilich erst seit 
kurzem als aufgäbe der grammatik zu erfassen begonnen 
bat), und das schwanken zwischen nominaler und verbaler 
eigenschafb des gerundium zeigt sich im Sprachgebrauch 
selbst, wenn er z. b. in dem satze: the gaining of wisdom 
18 to be coveted — nicht blofs ohne fehler und sinnesver- 
änderung the und dann consequent auch of wegzulassen er- 
laubt, sondern auch einseitig nur eines von beiden. Doch 
diese zweiseitigkeit läfst sich allenfalls noch begreifen aus 
der parallele des lateinischen, welches zwar nicht sein ge« 
rundium, wohl aber seine nomina actionis auf »tio, wenig- 
stens in der Volkssprache, auch noch ganz verbal mit dem 
accusativ construirt, wovon zahlreiche beispiele Lorenz zu 
Plaut. Most. V. 34 gesammelt hat. Andrerseits ist die no* 
minale natur wenigstens einzelner formen auf -ing dorch 
ihre fthigkeit zur pluralbildung erwiesen, und so wollen 
wir dieselbe fbr das gerundium vorläufig annehmen. Aber 
wenn nun diese zweifache function der formen auf -ing 
vollends zu einer dreifachen d. h. auch zu adjectivischer, 
erweitert, wenn jenes substantivische -ing auch die quelle 
des participialen sein soll, so sind wir zwar auf dem boden 
der englischen spräche an mancherlei seltsame und oft et- 
was gewaltsame erscheinungen gewohnt, und l&bt sich 
auch die möglichkeit dieses Übergangs filr sich allein 
oder fbr einzelne fälle nicht bestreiten: aber wenn die 
blofse analogie hier nochmals, aber diesmal gewifs auf we- 
nigere f&lle als beim gerundium gestützt, eine der wich- 
tigsten grammatischen formen geschaffen haben und gele- 
genheit regel geworden sein soll, so str&ubt sich wissen- 
schaftliche besonnenheit gegen so auf einen punkt gehSnfke 
anwendung eines sonst noch so fruchtbaren und berechtig- 
ten erklärungsprincipes. 

Uebergehend zum positiven theii unsers beweises müs- 
sen wir gegen M. Müller zugeben^ und können dies ohne 
allen abbruch an der stärke unserer position, dafs die zu- 
rückfbhrung des participialen -ing auf das ags. nominal- 
sufBx -ing, welche auch Bopp f&r möglich hielt, unstatt- 

Zeitschr. f. vgl. sprachf. XVI. 4. 17 



2&S Tobler 

baft ist, indem dieses -ing meistens nur von nominalstämmen 
ableitend substantiva bildet, wie die deutseben auf -ing 
und die in beiden sprachen weit zahlreicberen auf -1-ing. 
Doch hat schon Grimm (gramm. 11,355—6. 1004. III, 236) 
spuren auch von adjectiven auf -ing in den adverbien 
auf -ing, -ingun, häufig mit vortretendem 1 und praqposi- 
tionen, nicht blofs auf hochdeutschem sondern auch auf 
sächsischem gebiet, nachgewiesen, und das schottische we- 
nigstens bewahrt noch viele solche adjectivische adverbia 
auf -lins, entsprechend den zum theil substantivischen nhd. 
auf -lings. Dagegen wollen wir ebenso wenig verschwei- 
gen, dafs Grimm (a. a. o. II, 357. III, 234—5) nicht blofis 
die alts. adverbia auf -ungo, ags. -unga (neben I-inga) son- 
dern auch die ahd. auf -ingün, mit den weiblichen Sub- 
stantiven auf -ung in Verbindung bringt und am ende (III, 
237 — 8) findet, diese sämmtlichen adverbien seien bald 
von Substantiven, bald von adjectiven oder auch unmittel- 
bar von verben gebildet. Sollte substantivischer, und auch 
dann in letzter linie verbaler Ursprung vorherrschen, so 
wäre dies eine neue seite fruchtbarer entfaltung der ver- 
balia auf -ung, und vielleicht eine stütze der Mullerschen 
annähme derselben als grundlage der participien. Aber 
sehen wir nun endlich, ob wir diese nicht auf geraderem 
wege erklären können, oder was sich triftiges gegen die 
ableitung derselben aus der ags. partic.-endung selbst ein- 
wenden lasse. 

Den Übergang von dem ags. -ende zum neuengl. -ing 
bildet die mittelform -inde, welche z. b. in dem halbsäch- 
sischen „offenen brief" könig Heinrichs III. von 1258 (her- 
ausgegeben in Haupts zeitschr. XI, 294 — 358 ) vorkommt 
in lestinde {^=^ lasting, dauernd), neben den substantivi- 
schen gretinge (gruüs), cruninge (kronung). In den bei- 
den texten von Layamons Brut finden sich, nach Müllers 
eigener angäbe, participia auf -ende und -inge promiscue 
neben einander. Im mittelenglischen wiegt -ing bereits 
vor; nur im schottischen hat sich die alte volle form -and 
in eiDsoelnen reslen bis auf heute erhalten. Es handelt sich 
also nur darum, den lautlichen Übergang von -end in -ing 



über das gerundium. 258 

wieiter zu begründen, und zwar sowohl den consonantischen 
als den vocalischen, welche freilich zusammenhangen wer- 
den. Bopps bedenken gegen die Steigerung von e zu i, 
da sonst eher Schwächung von i zu e vorkomme, wird ent* 
kräftet durch jenes unzweifelhafte -inde; auch konnten die 
substantivischen und adjectivischen formen auf-ing, denen 
i schon früher (mit ausnähme der gerundien ursprüng- 
lich) zukam, die participien in diesem punkt durch ana- 
logie nach sich ziehen; denn dafs sie ihre ganze gestalt 
jenen verdanken, haben wir bereits abgelehnt. Für den 
Übergang des d in g weifs ich allerdings aus dem eng- 
lischen selbst nichts besonderes beizubringen, aber mög- 
lichkeit desselben ist im allgemeinen durch die gemeinsame 
natur beider laute als medien hinlänglich festgestellt, be- 
sonders für den fall, wo ein vorausgehender nasal die be- 
stimmtere Qualität derselben verdunkeln mochte, ^nd zwar 
im auslaut, der zu allen Veränderungen am geneigtesten 
ist. Hingegen findet sich der fragliche Übergang in deut- 
schen mundarten, und zwar ebenfalls am part. praes., wo- 
durch denn doch das factum einige beweiskrafb auch fQr 
das englische erlangt, so sehr man sonst gegen unmittel- 
bare Schlüsse von einer zunge auf eine andere, selbst zwi- 
schen dialecten ^iner spräche, auf der hut sein mag. Dafs 
man dazu einigen grund hat, zeigt sich allerdings gerade 
an einer deutsch-mundartlichen parallele, die f&r das engl, 
partic. auf -ing ist herbeigezogen, aber von Müller mit 
recht abgewiesen worden. Reinwald hatte in seinem hen- 
nebergischen idioticon angegeben, das part. praes. dieser 
mundart bilde sich auf -ing. Aber dieses -ing wird nicht 
unmittelbar an den verbalstamm angefQgt, sondern an ein 
dazwischenstehendes -en-, dessen natur selbst wieder frag- 
lich ist. Ueberdies kommt nach den neueren angaben über 
hennebergische mundart, in der zeitschr. f. d. m. (II, 170. 
172. 352; III, 131), neben der endung -en-ing (z. b. blüw- 
-en-ing, blühend) auch -ennig vor (z. b. schreiennig^ schrei- 
end), und diese beiden bildungen scheinen mehr adjectivi- 
sche vom particip, als dessen eigene form wir schon oben 
auch <-ne gefunden haben (schmeicheine). Die form schrei- 

17 * 



260 Tobler 

eunig wird a. a. o. 172 erklärt als ein verbal-adjectiv zum 
partic. schreienne (für schreiende, also (n)n für nd, s. 
oben) oder eine verlängerte form des partic. selbst, und 
.dos führt wohl auf die richtige spur. Nämlich mittelhocb- 
di)ut6ch gab es vom part. praes. abgeleitete adjectiva auf 
-ec (ähnlich den oben angeführten neuhochdeutschen auf 
-ont-lich), von denen sich leben dec, mit verändertem ac- 
cent, im nhd. lebendig erhalten hat. Ändere beispiele s. 
Grimm, gr. II, 304, darunter auch glüendec^ welches in 
kölnischer mundart gloendig, gloedich, in hennebergi- 
scher glüennig^ neben der einfachen participialform glü- 
enne^ lautet. Sodann findet sich ebenfalls schon mhd. er- 
Weiterung der adjectivischen bildungssilbe -ec, -ic in die 
mehr substantivische gestalt -ine (vergl. umgekehrt nhd. 
pfennig für älteres pfenninc), und zwar nicht blos in 
beispielen wie grimminc, w6ninc (Grimm, gr. II, 297) 
sondern gerade auch bei j^nen participialen ableitangen, 
z. b. wüetendinc, waldendinc, II, 356, wo auch angeführt 
wird, dafs H. Sachs häufig -ing für *ig an gewöhnliche 
adjectiv^n setzte, z. b. listing (vergl. die unform genung, 
sogar bei Göthe). Die leichtigkeit sowohl des emtritts als 
des ausfalls eines n vor g, begründet in nasaler neigung 
des letztern selbst, ist bekannt genug und bedarf keiner 
weitern belege. Hiemit sind die hennebergischen partici* 
pialformen erklärt, aber eben als blos scheinbare, und da- 
rum ohne beweiskraft für die englischen. Wenn aber Über- 
gang von nd in ng hier in der tfaat nicht stattfindet, so 
kennt ihn doch die hennebergische mundart in manchen 
andern fällen, z. b. man gel kern für: die mandel (wäh- 
rend das mandel (maafs) mannel lautet). Uebrigens sind, 
laut zeitschr. f. d. m. II, 217; III, 1*^6 ff. gerade in diesem 
punkt locale Spielarten der henneb. mundart zu unterschei- 
den, indem nd theils beibehalten, theils in nn, theils in ng 
verwandelt wird, so dafs z. b. das wort bündel in den 
drei mundarten lautet: bündl; bönl; böngl; oder bänder: 
bänder; bänner; bänger; hunde: hünd; honn; höng. 

Den Übergang von nd in ng kennt nun nicht bloia auf 
nütteldeutschem Sprachgebiet auch die anhaltische mundart 



über dad geruudium. 261 

(z. b. gefuDgeD f. gefunden), sondern auch die schweizeri- 
sche in einem theil der kautone Bern und Solothurn, in 
fällen wie: hung, ching, unger f. hund, kind, unter und 
viel dgl. z. b. in den Schriften von Jer. Gotthelf; aber auch 
die Ostschweiz, wenigstens in bildungssylben, z. b. Sbig 
(Zürich), für das äbed (abend) der übrigen mu&darten. 
Und hier werden wir nochmals auf das part. praes. ge- 
führt. Dieses fehlt nämlich der Schweiz, mundart ganz, 
wenn es nicht, auch lautlich, enthalten ist in den schein- 
bar adjecti vischen formen auf -ig, die daftkr gebraucht 
werden, z. b. glü(j)ig f. glühend (vgl. oben die deutseben 
formen dieses wertes), brennig (brennend) n. s. w. ; fQr sie- 
dend gilt süttig, abgeleitet von part. praet., und diese 
bildung ist wirklich adjectivisch; von den andern aber 
glaube ich nicht, dafs man wirkliche adjectiva auf -ig zum 
ersatz der verlorenen part. praes. habe bilden wollen, son- 
dern diese selbst dauern wohl fort, eben knit der endung 
-ig f. -ed, -end wie in ab ig. Uebrigens üben andere süd- 
deutsche muudarten dasselbe verfahren, s. zeitschr. f. d. m 
III, 520. VI, 256. Möglich, oder sogar wahrscheinlich, 
bleibt es immerhin , dafs die wirklichen adjectiva auf -ig 
dabei als anhält und abalogie dienten, wie wir im engli- 
schen sowohl für das gerundiale wie für das participiale -ing 
etwas ähnliches angenommen haben. In dieser mittelbaren 
weise mag also die schweizerische mundart zur erklärung 
des engl, particip etwas beitragen, denn dafs sie -ig, nicht 
-ing gibt, macht auch darum nicht viel aus, weil sie über- 
haupt in ableitungen kein -ing sondern nur noch -ig 
kennt, (ausgenommen in den Ortsnamen auf -ingen, welche 
doch, auch in der schrifl, theilweise ebenfalls -igen ange- 
nommen haben),- SO dafs wir jetzt z. b. häls(l)ig (hals- 
strick) sagen, wo im 14ten Jahrhundert Boner (fab. 57, 92) 
und das Sempacherlied noch helsing, hälsling schrie- 
ben. Dafs aber unsere adjectivischen participien auf -ijij 
aus älterem -ing entstanden seien, läfst sich darum doch 
nicht behaupten, da Boner und seine Zeitgenossen dem 
partic. die richtige endung -end geben; es wird vielmehr 
dabei bleiben, dafs diese endung zunächst ihr n verlor. 



282 Tobler 



wie dies schoB in mhd. schrift vorkam (s. oben), und daHs 
dann aaf dem angegebenen wege -ed in -ig Qberging, wo 
es Oberhaupt geschab; denn die fraglichen formen eind 
weder sahireich noch allgemein üblich und lautlich fest- 
stehend. 

Diesen ganzen auslauf hatten wir nur der form des 
englischen particip wegen unternommen, und es bleibt zum 
Schlüsse noch festzustellen, wie das verhältnils desselben 
zum gerundium im syntaktischen gebrauch zu denken 
sei. Dafs die form des part. nicht aus der form und je- 
nem praepositionalen gebrauch des gernndium abgeleitet 
zu werden, braucht, glaube ich nun genügend gezeigt zu 
haben; möglich ist es auch darum nicht, weil der rein 
attributiv-adjectiyische gebrauch der form auf -ing sich auf 
jene construction nur durch abermalige gewaltsame analo- 
gie zurückführen Heise; oder soll vielleicht, a loving 
child auf a child on loving zurückgdR&hrt werden? 
auch die romanischen sprachen haben ja fQr diesen ge- 
brauch das lateinische particip mit flexion beibehalten und 
unterscheiden es vom participial gebrauchten gerundium. 
Wollte man annehmen, die praepositionale construction des 
gerundium sei so geläufig gewesen und habe in vielen fal- 
len, nach weglassung der praeposition, so sehr den schein 
und werth eines wirklichen particip angenommen, dafs man 
den ursprünglichen verhalt ganz vergessen und mit der 
fertigen form alle functionen eines particip bestreiten 
konnte, so müfsten doch von einer so groCsen gel&ufigkeit 
der ursprünglichen construction, wie sie für diesen her- 
gang vorausgesetzt wird, irgend welche spuren schon aus 
dem angelsächsischen oder wenigstens aus dem altenglischen 
nachzuweisen sein. Wir kommen also zu dem Schlüsse, 
dafs hier, wie so oft in der spätem geschichte der spra- 
chen, zwei ursprünglich verschiedene formen, zunächst nur 
aus lautlich zufälligen gründen, in eine zusammengefallen 
seien, was im englischen, wo homonymie der werter in 
solchem ma(se blüht, auch an flexionen nicht befiremden 
kann. 

Zugeben können wir aber, dafs diese mischung der 



über daa gerundium. 263 

form unterstützt wurde durch in manchen fällen zutreffende 
äquivalenz auch der syntaktischen functian. Dafs sel^t 
in der Wortbildung sich eine berübrang zwischen gerun« 
dium oder Verbalsubstantiv und participium zeige, laftt 
sich vom englischen nicht behaupten, da in losen zusam* 
mensetzungen wie a brewing-tub^ a writing-desk der 
erste theil, selbst bei passiver auffassung, nicht als parti- 
cip gedacht werden kann. Dagegen findet sich etwas ähn- 
liches in der ostfriesischen mundart, wo (nach zeitschr* f. 
d. m. IV, 128) gewisse Zusammensetzungen zweifeln lassen, 
ob der erste tbeil Infinitiv oder particip sei, da dieses 
auch sonst (durch verlust des d) mit jenem zusammenfällt ; 
z. b. stän-ür (standuhr), hangn«lamp (hänge-lampe), sügn- 
-kind (Säugling). Zweifelhaft bleibt hinwieder im engli- 
schen, ob die formen auf -ing, abhängig von den verben 
to cease und to continue gerundien oder participien 
seien. Für das erstere spricht die analogie der construc- 
tion nach den verben to attempt, to intend, to for- 
bear, to escape (to deny und to cannot help sind 
etwas verschieden), wo das abhängige wort auf -ing nicht 
leicht participial sein kann; fbr das letztere die analogie 
der griechischen participialoonstruction nach TK^ieaß'ai, Äa- 
rekaiv; <f&dveiv^ Tv/^dveiv, Nahe gränzen hier auch ro- 
manische redeweisen an, wie das gerundium nach seguir 
(sequi, im sinn von fortfahren), acabar (franz. aohever), 
tornar (tourner) im spanischen, das französische aller 
croissant (crescendo), ital. andare cercando, verschie- 
den vom franz. aller cheroher wie auch span. seguir 
und conti nuar den infiniüv mit a nach sich ziehen, wenn 
das fortfahren nach einer Unterbrechung geschieht. Aber 
das romanische gerundium (über dessen entstehung und 
gebrauch Diez gramm. III, 192fi. 246 ff. 257—8 nachzuser 
hen ist) darf mit dem englischen nicht unmittelbar in pa- 
rallele gesetzt werden, weil es vom lateinischen her mehr 
verbale natur an sich hat, obwohl es auch substantivische 
annahm in Verbindungen wie die proveozalischen und alt- 
französischen: se levar de sezen und -en sezen (vom. 
sitzen zum stehen, vom liegen zum sitzen) und noch mehr 



264 Tobler 

mit vorangebeDdein pron. possess. wie: ä mon sovenaDt 
(meiner erinneruDg nach), ses gaben (ohne zu wiesen), en 
8on dormant (wAbrend seines Schlafes), vostre veiant (vor 
eaem aogen), (ä) mon esciant (meines wissens) und noch 
neofrans. sur son s^ant, de mon vivant. Im übrigen 
kommt aus dem romanischen Sprachgebrauch fbr onsem 
zweck folgendes in betracht. 

1) Übergang des lateinischen gemndium in das pari, 
praes« findet in den romanischen sprachen nur theilweise 
statt, da das lateinische particip in adjectivischer geltnng 
fortdauert, und ist eben darum blos syntaktischer ari, 
indem durch eine bemerkenswerthe „yerschiebun^^ (hier 
der grammatischen formen, wie sonst der laute und der 
lexicalischen stoff begriffe) das gemndium gerade in dem 
maafse fär participiale Verwendung frei wurde, ala es 
seinerseits die übrigen anwendung^n, deren es im lateini- 
schen ftbig war, an den infinitiv (mit praepositicmen) 
abtrat (Dagegen hat das neugriechische wirklich aus dem 
part. praes. ein unflexibles, syntaktisch dem romanischen 
(aus dem gerundium entstandenen) gleichbedeutendes ge- 
mndium auf "Ovtaq geschaffen (neugr. avax^Q^vxag iyci 
(absolut) SS altgr. apaxta^ovptog fiov, 

2) Bemerkenswerth eigenthümlich steht, hier wie in 
andern punkten, neben den übrigen romanischen sprachen 
die walachische, indem sie das part. praes. durch verbal- 
adjectiva auf -oriu (lat. -(t)orius ersetzt, deren vollkommene 
▼erbalkraft an die der lat. nomina actionis auf -tio (bei 
Plautus) erinnert. Dies .ersatzmittel selbst erkUrt sich ei* 
nigermalsen aus der früher auch in andern romanischen 
dialecten üblich gewesenen Verbindung der lat. nomina 
actoris auf -tor mit esse, da wo jetzt, wie auch bei stare, 
ire und venire, Umschreibung mit dem gemndium stattfin- 
det. Dafs zu jenem lat. -tor auch wieder' die participien 
auf -turas gehören, mag hier noch beigef&gt werden. -— 
Dafr das walachische gemndium auch als adjectiv behan* 
delt werden kann, ist eine consequenz eben von der eigen- 
thümlichen ersetzung des particip. 

3) Für die entstehung des romanischen gerundium aus 



Üb6r das gerundium. 265 

dem abiativ des lateinischen and das schwanken zwischen 
instrumentaler und temporal -kausativer bedeutung des 
erstem kann als parallele angeführt werden das skr. ge- 
rundium oder absolntiv, indem der instrumentalis nach 
L. Meyer tiberhaupt ursprünglich comitatifus ist. Vergl. 
die doppelte bedeutung des deutschen ^indem^ und „mit^, 
und den lat. conjunctiv nach quum auch bei scheinbar nur 
temporalen angaben. 

Auf den ablativ (mit ergänzung von in) kann auch 
das romanische gerundium nach videre, audire, trovare (das 
nach mandare scheint allerdings dativisch) zurfickgefbhrt 
werden, so wie das umschreibende mit esse, obwohl gerade 
in diesen zwei anwendungen das romanische gerundium 
am ehesten wirklich participiale natur anzunehm^i scheint. 
Nach sehen, hören und finden kann im englischen, 
deutschen und lateinischen das participium folgen, in den 
beiden letztem sprachen auch der infinitiv, aber in etwas 
verschiedenem sinn. Dafs ich die englische Umschreibung 
von to be mit -ing ft&r gerundial halte, wenn die praepo- 
sition a (on) dabei steht, sonst fär participial, folgt aus 
meiner oben geäufserten ansieht von der doppelnatur der 
-ingform überhaupt. Ob man neben: to go a begging 
nicht auch sagen kann: to go begging, jenes im sinn von: 
auf betteln ausgehen (ein einzelnes mal), dieses = betteln 
gehn (als beständiges gewerbe) weifs ich nicht; to fall a 
trembling erlaubt wohl keine weglassung der praeposition. 
Wo wir nach bleiben die verba stehen, sitzen im in- 
finitiv setzen, steht englisch das particip, während hinwie* 
der englisch to come und ebenso franz. ä venir (neben dem 
Substantiv Ta venir) als attribut nach Substantiven unser 
„zukünftig^ „venturus^ vertritt, ganz wie der passive 
englische infinitiv unsere formel „zu -end^. 

Solche einzelne ftUe wären vielleicht noch manche an- 
zuführen; ich glaube aber schliefsen zu können mit dem 
rückblick auf das allgemeine resnlta^ unserer betrachtung, 
dafs zwischen den drei nominalen kategorien des verbum, 
infinitiv, gerundium und participium, seit ältester zeit viel- 
fache berührung waltet, sowohl in der form als in folge 



266 Delbrück 

davon auch im syntaktischen gebrauch, am meisten be- 
greiflich zwischen infinitiv und gerundiam und zwischen 
gernndium und participium; die weniger innige und häu- 
fige berfihrung zwischen infinitiv und participium als den 
beiden extremen wird zum theil eben durch die geschmei- 
dige natur des gerundium vermittelt. Bemerkenswerth ist 
aber auch die an mehrern stellen hervorgehobene beruh- 
rung der nominalen verbaltormen mit wirklichen nomina 
actionis^ selten actoris und auch mit adjectiven, so daJs 
von mehren Seiten ein blick in den Urzustand sich öfiPnet, 
wo in der spräche die grammatischen kategorien überhaupt 
noch nicht bestimmt ausgeschieden waren. 

Bern, sept. 1866. h* Tobler. 



Wetter. 

Unter wetter verstehen wir nach Sanders treffender 
Jefinition ^die jeweilige beschaffenheit der atmosphäre, in- 
sofern die veränderangen derselben sich uns bemerkbar ma- 
chen^. Wir sprechen von gutem, schlechtem, warmem, 
kaltem, nassem, trocknem wetter. Dieser unbestimmte ge« 
brauch des wertes ist in unserer spräche alt. Hävamäl 
87, 4 lesen wir: ved'r raeäfr akri d. h. beim acker kommt 
es auf das wetter an^ und ähnlich Heliand 2478: wederes 
gang, regin endi sunna d. h. des wetters verlauf, regen 
und Sonnenschein. Häufiger steht wetter für bestimmte 
arten der Witterung. „Passendes, gutes wetter^ ist z. b. 
Häv. 81 gemeint, wenn die regel gegeben wird, bei nwei- 
ter^ solle man auf die see rudern. Solche stellen haben 
Graff, Zarncke- Möller u. a. vor aügen, wenn sie unser 
wort mit ärjo oder arjo uud aUfrjg zusammenstellen, die 
weder unter sich noch mit wetter zusammengehören. Be- 
sonders häufig dient ^^etter als synonym des nah verwan- 
ten „gewitter^« Es genügt zu erinnern an die ausdrücke: 
donner und wetter, wind und wetter, ein wetterschlag, ver- 
wettert, schlagende wetter, und an die Übertragungen auf 



weiter. 267 

das getöse des kampfes „umzuckt von tausend wettern^ 
z. b. HelgakviäTa H. I, 12: 

Tän kyad* bann mundn 
▼edrs ens mikla 
grära geira 
ok gremi Odins 

d. b. er sagte es sei boffiiung auf das grofse wetter grauer 
Speere und den zom O. Die anordnung dieser verscbie- 
denen bedeutungsnüancen hängt ab von der etymologie. 
Das wort ist im gotischen verloren, lautet im ahd. wetar, 
im ags. veder, im alts. wedar, im fries. weder. Folglich 
mufs die entsprechende altindische form ein dh zeigen. 
Die Wurzel ist vadh und die am nächsten mit wetter ver- 
wandten Substantive vadha und vädhas. V&dbas, welches 
auch Ngh. 2, 20 unter den vagranämäni aufgeführt ist, be* 
zeichnet ^en schlagenden blitz, den „wetterschlag^ als die 
waffe, welche im kämpfe Indras mit den dämonen von 
beiden kämpfern geführt wird, dann wohl die waffe des 
feindlichen sterblichen. In etwas weiterem sinne werden 
vadha und vadh gebraucht, doch herrscht auch hier noch 
die beziehung auf den blitz vor. Einige vedische stellen 
mögen dies beweisen. V, 32, 7: 

üd jad indrö mahat^ dänavaja vädhar jämiäta sahö 

äpratitam 
jad r vä^rasja prabhrtau dadhäba vi^vasja gantör adha 

man Kakära 

„Als Indra gegen den grofsen Danaver sein geschofs erhob, 
seine unwiderstehliche kraft, als er ihn niederschlug im 
wurf des donnerkeils, da machte er ihn zum niedrigsten 
von allem geschöpf. IV, 22, 9 : 

asm^ varäisthä krnuhi ^eiSthä nrmndni satrd sahure 

sahäsi 
asmabhjam vrtrd suhänäni randhi gahi vädhar vanüäö 

märtjasja 

„Gieb uns gereifteste herrlichste mannesthaten, immer o 
siegreicher siege, unterwirf uns die Vrtras sie leicht zu 
schlagen, schleudere dein geschofs auf den kämpfenden 



268 Delbrück 

sterblichen^ (vgl zu dieser constr. I, 32, 9, oder: schlage 
die wa£fe des kämpfenden sterblichen). X, 22, 8: 

akarmä dasjur abhi nö amanitür anjävratö ämänuäa: 
tvan t^sjämitraban vadhar d&säsja dambhaja 

„Der nichtopferer der feind ist Ober uns der unverstän- 
dige ungläubige der unmensch, du o feindschläger schlage 
nieder dieses dämonen geschofs^. V, 32, 3: 

tjäsja kin mahatö nir mrgasja vadhar jaghäna taviäibhir 

indra: 
ja ^ka id apratir manjamäna &d asmäd anyö aganiäta 

tävjän 

„Das geschofs dieses grofsen ungethüms schlug Indra fort 
mit seinen kräfben, welcher allein sich unbesiegbar dünkte. 
Da wurde ein anderer stärkerer als er geboren*'. VIII, 
24, 27: 

ja rkääd ä'hasö mukäd j6 v&rjät saptä sindhusu 
vadhar däs4sja tuvinrmna ninama: 

„Du, der uns von dem verderber von der noth erlöst oder 
vom Arier in dem lande der sieben ströme, beuge nieder 
das geschofs des dämonen, o tapferer". II, 19, 7: 

nauamö vadhar adevasja pljö: 
„Beuge nieder das geschofs des gottlosen frevlers". 

In ähnlichem gebrauch yadhä, z. b. V, 34, 2: 
ä ja: sömena gathäram äpipratämandata maghavä mä- 

dhvö andhasa: 
jäd Im mrgdja^hantave mahävadha: sahäsrabhrstim u^anä 

vadhä' jaraat 
„Welcher mit soma den leib anfüllte, der mächtige sich 
berauschte am süfsen saft, als der herr der grofsen waffe 
freudig erhob das tausendspitzige geschofs zum morde des 
ungethümes. V, 32, 8 : 

tjan Itid arnam madhupa päyänam asinvä' vavram raahj 

ädad ugrä: 
apÄdam aträm mahata vadh^nä ni durjöna ävrnan mr- 

dhraväKam 
„Diesen brausenden^ methsaufenden , lagernden, unersätt- 
lichen schlinger (?) packte gewaltig der starke. Den fufs- 



Wetter. 269 

losen, den fresser schlug er nieder im kämpfe, den stot* 
terer mit grofsem geschosse^. IV, 18, 7: 

marnftitÄn piitrö mabatÄ vadh^na vritran ^aghanv&ii 

asr^ad yi sindhtln 
„mein söhn (Indra) mit grofsem geschosse tödtend den 
Vritra lies fliefsen diese ströme**. IX, 91^4: 

vri^l^öpariltät tu^ata yadb^na 
„Schlage von oben mit schmetternder waffe**. IV, 18, 9: 

Qirö d&s&sja säm pinak vadb^na 
„das baupt des dämonen zerschmetterstest du mit dem ge- 
schosse**. lU, 32, 6: 

tvam ap6 jad dha vrtr&n ^aghanvdS &tjan iva pr&sr^a: 

sartavägäü 
^aj&nam indra Mratä vadhäna vavriv&sam p&ri, dövfr 

adevam 
„Als du den Vritra schlagend die wasser eilen liefsest wie 
rosse im wettliauf (schlugst du) mit eilendem blitzgeschofs 
den ungöttlichen der die göttlichen umschlossen hielt**. 
V, 29, 10: siehe Kuhn, herabholung 59. VI, 20, 4: 
^atäir apadran panaja indrÄtra dä9önajs kaväje Vkasfitfiu 
vadhäi: püsnasjäpüSasja mSjd: pitvö nirirelcit kih Kani pr4 
„mit hundert (wohl zu ergänzen: ihres gleichen d. h. in gro- 
fser menge) liefen die Panis aus furcht vor dem veeisen 
Dapöni davon, als er (durch sein lied) die sonne gewann. 
Durch seine schlage (überwand er) die listen des ge- 
fräfsigen QuSna, von dem tränke lies er auch nicht etwas 
übrig**. 11,21,4: 

anänudö vräabö dödbatö vadb&: 
„der unnachgiebige der stier der schläger des tobenden**. 
VIII, 51, 12: 
satjam id vä n ta' vajam indra stavSma ndnrtam 
mahiii asunvatö vadbö bhtiri gjötfäi sunvatä bhadrd 

indrasja rätija: 
„Wahres in der that la&t uns vom I. preisen und nicht 
unwahres. Grofs ist der schläger des gottlosen, viel die 
erleuchtungen des frommen, glänzend die gaben des I. 

Auf Indras gescbofs oder eines menseben waffe kann 
I, 5, 10 bezogen werden, auf Vamna geht II, 28, 7: 



270 Delbrück 

mi, n5 vadhäir varuna j^ ta i&iAv insu kmv&ntam asura 

bhrln&Dti 
mi gjÖtiSa: prayasath&Di ganma vi M mrdha: ^i^ratbö 

^Ivasä na: 

^(triff uns) nicht o V. mit den Waffen, welche von dir ent- 
sendet du göttlicher den sfinde thaenden versehren, mögen 
wir nicht des lichtes verlustig gehen, entferne unsere feinde, 
auf dafs wir leben^. 

Das verbum vadh, ttber welches Westergaard 188 ei- 
niges formelle bemerkt, und dessen v durch die zahlirei- 
chen ableitungen wie vadha vädhas vadhasna vadhasnü 
v&dhatra hinlänglich verbürgt wird, wird im Rv. ebenfalls 
hauptsächlich vom blitzschlage, dann vom schlagen der 
götter Oberhaupt und schliefslich auch einfach fär tödten, 
verletzen, beschädigen gebraucht, z. b. vom Indra, der den 
Vritra schlägt IV, 17, 3; VI, 17, 1 ; VHI, 12, 15; I, 52, 2; 
ähnlich I, 80, 7; VI, 27, 4; VIII, 32, 2. — VI, 33, 3; 

tväm tM indröbhäjän amiträn ddsä vrtrdnj iijä ka ^üra 
vädhir vänäva südhitsbhir ätkäir & prtsü darSi nrna 

nrtama 

• 

„Du Indra schlugst die beiden arten von feinden, die ari- 
schen und die barbarischen Schädiger, wie holz mit wohl- 
gefertigten blitzen (?) spaltest du sie in den schlachten 
heldenhaftester der beiden'*. 

(Bei «B. R. 8. V. ätka ist diese stelle nicht augef&hrt. 
Sie läfst sich unter die dort angegebene bedeutung, so 
weit ich sehe, nicht unterbringen. Man wird sich also ge- 
nöthigt sehen, entweder (wie Säjana) für atka eine bedeu- 
tung wie waffe, axt aufzustellen, oder atkäi: in arkäi: zu 
ändern). VIII, 45, 34: 

md na ekasminn ägasi mi dväjör utk triäü 
vädhir mi ^üra bhiiriäu 

„Schlage uns nicht um einer sünde willen, nicht um zweier, 
ni^ht, o Indra, um vieler willen^. 

Von der lanze des Varuna wird vadh gebraucht VIII, 
56, 20, von Rudra VII, 46, 7, von Soma VHI, 68, 8. 
VIII, 64, 9: 



x^oi'oi, rüeren. 271 

mi na: aamafiga düdbjä: paridv^hasö äbati: 

ürmir na nivam & vadhit. ! 

j^Nicht möge uns jedes übelgesinnten hassers noth schädi- 
gen wie die woge das scbiff, cf. I, 38, 6. 

Die Wurzel vadb und ibre abkömmlinge wurden also 
im altindiscben zunäcbst vom schlagen des blitzes, später 
vom schlagen überhaupt gebraucht. Als die indogermani- 
schen sprachen sich trennten, haftete an der wurzel nur die 
bedeutang des blitzscblages. Diese wurde in den deutschen 
sprachen verallgemeinert, derart dafs die bezeicbnung für 
die wunderbarste, ergreifendste atmosphärische Veränderung 
auf alle atmosphärischen Veränderungen ausgedehnt wurde« 



xQovw, rüeren. 

Bekanntlich giebt es im griechischen viele verba, welche 
am ende ihres Stammes vor den mit consonanten anfan« 
genden suflSxen ein g zeigen, während dies vor vocalisch 
anlautenden Suffixen, also z. b. dem ca der ersten person 
des praes. act. nicht erscheint. Leo Meyer macht an ver- 
schiedenen stellen seiner vgl. gramm. namentlich I, 443 da- 
rauf aufinerksam, dafs dieses a nicht vor consonanten ein- 
geschoben, sondern vor vocalen — wie gewöhnlich — aus- 
gefallen sei. Man hat also anscheinend vocalisch oder 
diphthongisch auslautende stamme häufig vielmehr als 
(T-stämme zu betrachten. So läfst z. b. xaiio zunächst auf 
xavi(Oj dies auf xava-ico {xava-reigog) schliefsen. Entklei- 
det man xavg der gunirung, so lautet es kus = altind. 
9uä, yevBff&ai ist = gus und gus-tare, weiv =s urere und 
uä, axoveiv = hausjan, rgio) a=s tras, ygaw = gras, ^ia> 
=s jas (Roth, Nir. VI, 11). Zu diesen verben gehört auch 
XQovü)^ ttr] welches der sigmatische ausgang durch xgov' 
Ofiog, XQovarixog, xgovaxiov und xgovo^a als nebenform von 
xQovfAa wahrscheinlich gemacht wird. Zur evidenz erho- 
ben wird er durch die betrachtung, dafs xqovio und unser 
rühren dasselbe wort sind. 



272 Delbrück 

Das verbum lautet im ahd. hrnorjaD, alts. hrörian? ags. 
hreran, altn. hroera. Die verlorene gotische form ist nicht 
mit vollständiger Sicherheit zu construiren. Erwägt man 
aber erstens, dafs alth. alts. ags. altn. r häufig aus goti- 
schem 6 hervorgegangen sind, und zweitens dafs dem 
griech. ov in äxovcü gothisches au in hausjan entspricht, 
so kommt man zu der ansieht, sie werde wohl hrausjan 
gelautet haben. Doch mag auch der vocal anders gelau- 
tet haben, sicher ist, dafs der stamm nicht auf r auslautete, 
wie Weigand (in seinem Wörterbuch s. v.) vermuthet, son- 
dern dafs er dem griech. xgovg entsprechend ein s zeigte 
(also: braus = xgovg). Die völlige bedeutungsgleichheit 
ergiebt sich aus folgendem: Die verba heifsen 1) in be- 
wegung setzen z. b. ir schif mit dem segel da5 rQert ein 
höher wint, setzte der wind in bewegung, da5 ros rüereo, 
antreiben in bewegung setzen, rfierende habe bewegliche 
habe (s. Zarn^ke-Möller s. v.) Euripides Electra 180 ov8* 
lüräaa xoQovg UQysiaiq apia vvfAfpaig e'ihxrov XQovaoD noö' 
huov werde meinen fufs in bewegung setzen, rQhren*). 

2) Stofsen, anstofsen z. b. den himmel houbete ruoren 
pulsare (Graff s. v.) Eurip. Iph. Aul. 1043 ;^(»t;(T€0(TavJa>lov 
t/vog hv y^ xQovovcav in die erde stofsend. 

3) Werden sie gebraucht vom spielen eines instm- 
mentes xQOvofisva oQyava sind gespielte Instrumente (H. 
Steph. s. V.) deutsch: psalterium ruoret man mit banden 
(Graff), Atlamäl 62 hörpu tök Gunnarr 

hroeräfi ilkvistum 
,)Die harfe nahm Gunnar, rührte sie mit den zehe:^^ 

4) Die Übertragung auf erregung des gemü^s,Jit auch 
im gr. möglich. H. Steph* s. v. führt ajusfäer-aii^fliiogie 
ein hübsches epigramm an, das an eine liehenswOr^e w 
therspielerin gerichtet ist, und so lautet: /"'^Y ^ i "v- 

nXijxrgov %€t (poQfjti^yyogj 'ixu xal nXijxifff^ß^i^Sg^,^ 
H^avBi ä' fc(A(po^iigoig xal (pgiva xai xid^g^. 
Man könnte|etwa;tlbers^zen: / 






*) Doch kAfiii^4i«il «tiMs^^beiisö^^sat .^te|ili9 :g«86tzt wiyeiBn lisd die 
aimabtti& der biti^ui^ng ^^aäf^^ .sein grlechis'ä^^ ^tatidpunliLt ao» nicht 
nothwendig. , T r. /^' #^ . • . '^ '^>'^^- -* T . . 






•>-..< «•- 



1—1 ^ra^l-IMM» rtMiinM rii I • *••■ »-• 



I-. 



lUffo». 273 

KfiDSte der liebe versteht sie so gut wie kQnst« der leier 

UDd mit gleichem geschick rOhret sie zither und herz. 

■ Wer eich schliefslich noch fiberzeugen will, dafs beide 

verba zu dem gleicbeu obscöneu witze gebraucht worden 

Btud, der möge Zarncke-MflUer s. v. und Aristophanes 

Eccl. 99D nachlesen. 



zilaov. 

Daa wort telaov kommt, jedesmal in Verbindung mit 
ÖQovgrjg, vor: N, 707; ^', 544 und 547. Ea pflegt durch 
„eude" übersetzt und als eine nebenform von riXog auge- 
sefaen zu werden. Gegen die bedeutung wftre nicht viel, 
desto mehr gegen die bildung einzuwenden. Mir wenig- 
stens ist ein solches suffix -uo nicht bekannt. Ich tbeile 
also H?.a-ov und versuche eine andere etymologie. 

Iliae 2, 541 flg. wird ein bild auf dem Schilde des 
Achilleus folgendermafsen beschrieben: 

iv d' iri&r/ vitov fialäxijv, meigav ägovpav 
tVQtlav TQtnokov noXXoi S' ägoT^gtg iv aürij 
yevyea SivtvovTtg iiäarffsov ^&a xa'i ivd-a. 
0% S" önöiB argetpavTsg ixoiceto riXcov ötQovQtjg 
Tolai 3' inEit' iv j;£pffi Senecg fttXiT/Siog otvov 
döaxev üvrig immv tot 8k orQkrpaaxov äv oyftovg 
UfiBVOL vuolo ßa&ih)g rtAcov ixia&ai. 
t} öi fitkaivEt Öma&Bv, ÜQrjQOftivy Si iipxtiv 
^piiff*!)) nep iovaa- t6 Sij negi &av/ta litvxro, 

ent- 

tacht 

'^ den 

eben. 
Illgeo 

rden, 

fidie 
oder 



1 



274 Delbrück 

bascbwerk und dergL, ist nicht ersichtlich, aus der näch- 
sten stelle ergiebt «ich aber^ dafs, wie auch am natürlich- 
sten, die endfurche unter rekaov zu verstehen ist. iV, 701 : 

jiiag S' ovxirv ndfinav *Oii,ijog ta^VQ viog 
löxat an Aiccvroq Telafiatviov^ ovÖ' rjßaiov^ 
aXX* äg v kv vai^ ßoe otvoTte ti^xtov agoTQov 
ioov &Vfi6v H^ovre Tiraiverov' {äfiq)c S' äya cq)iv 
TtQVfjLVoiOiV xegdeaai nokvg ccpaxrjxlst ISgoig' 
TW fASv TB ^vyov olov iv^oov ducplg U()ysi 
isuipui xaxd (aXxa*) xifABi, Se re reXaov ccQovQrig' 
wg TCO TtagfießatSre fiäV %6xaaav dXhjXoitv. 

Orammatisch ist zu bemerken, dafs das subject zu reuei 
kein anderes wort sein kann, als ägorgov. Der sinn ist 
auch hier deutlich. Die beiden Aias wehren den Hector 
ab, gleichmäfsig und unerschütterlich, wie zwei stiere die 
eine furche ziehen. »^^^ ^^^^ stiere gleichmäfsig ziehen 
den festen pflüg, er schneidet aber^ — was ist nun tikaov 
agovQfjg? o£Eenbar auch hier nichts anderes als die grenz- 
furche. Sie mufs tiefer und schnurgerade sein, ist also 
eine besonders schwere arbeit, darum gerade bei diesem 
gleichnifs am platze. Wir übersetzen also auch im ersten 
fall xiXöov mit endfurche. 

Hiemit stimmt genau die bedeutung des vedischen 
kiräman. BR. geben an: ziel des wettlaufs (eine gezogene 
furche). Auch Benfey stimmt jetzt hiermit überein in der 
Übersetzung von Rv. 1,116, 17, während er früher im Sv. 
einer anderen auffassung folgte. Die drei stellen, in denen 
das wort vorkommt, lauten I, 116, 17: 

k väm rathan duhiti stirjasja käräm^vätiäthad Ärvatä 

gäjanü 
„euren wagen bestieg die tochter der sonne, wie um zu 
ersiegen das ziel mit dem renner^. IX, 36, 1 : 

&8argi rathjö jathä pavitre Kamvö': suta: kiräman vä^f 

nj äkramit 

„losgelassen ist der in die Schüssel gepreiste (Soma) wie 
ein schnell fahrender auf den durchschlag zu; der renner 
gelang zum ziele^. IX, 74, 8: 



tiXaov. 275 

adha ^vöUn kaläpan göbhir aktan känSmanD 4 yggj 

äkramit sasavän 
„die weifse schüssel, die mit milch befeuohtet, spendend (?) 
gelangt der renner zum ziele '^. 

Kärdman gehört natürlich zu der wurzel kard, welche 
ziehen, pflügen bedeutet. Dem indischen karä entspricht 
griech. tska-. Ueber die Vertretung von indogerm. k durch 
griecb. r vergleiche man Curtius gr. e. 11, 72 flgd. (aufl. L) 
St. Petersburg. B. Delbrück. 



elögium. 

G. Curtius hat in einem anregenden vortrage in der 
königlich sächsischen gesellschaft der Wissenschaften zu 
Leipzig (abgedruckt in den berichten dieser gesellsohaft, 
philologisch- historische classe 1864, Iff.) einen von andern 
roh hingeworfenen einfall, wonach elogium aus ikeyalov 
gebildet sein soll, wissenschaftlich zu begründen gesucht. 
Wie sehr wir aber auch mit den meisten daselbst vorge- 
tragenen ansichten einverstanden sind, gegen die herleitung 
selbst haben wir bedenken, und wir glauben, dafs eine an- 
dere deutung, die gleichfalls bisher nur in roher gestalt 
vorgebracht worden, das richtige treffe. 

Zuerst unsere bedenken, die sich theils auf die bedeu- 
tung, theils auf die form beziehen. Ü^syelov bezeichnet in 
der vorchristlichen zeit nur das bestimmte versmafs^ so 
dafs fbr ein aus mehrern distichen bestehendes gedieht nur 
der plural gebiraucht wird. Die annähme, dafs Hesychios 
sein: ikeysia^ knirdtfia novrifiara^ aus alexandrinischen quel- 
len genommen, ist mindestens sehr zweifelhaft, nicht we- 
niger die Voraussetzung bedenklich, schon zur zeit, wo die 
Kömer in regern austausch mit den Griechen gekommen, 
habe der gewöhnliche Volksgebrauch kX^yBiov geradezu für 
IniyQafjLiAa gesetzt. Das wort iniyQa^ficc war in dem sinne 
von aufs ehr ift, spruchvers so verbreitet, dafs es wun- 
derbar wäre, wenn die Römer nicht gerade dieses wort, 

18* 



276 Dflntser 

sondern das fragliche kksyeiov aufgegriffen haben sollten; 
ja zu dem vorausgesetzten gebrauche des wortes kleyslov 
lag bei den Griechen nicht die geringste veranlassung vor, 
und erst als der singular klByeiiov für ein gedieht in meh- 
rem distichen platz gefunden hatte, was erst nach Chri- 
stus geschah, konnte man auch zn einer solchen Verallge- 
meinerung des gebrauches von kksyeiov übergehen. Stimmt 
aber einerseits die annähme jener bedeutung von kXeyBiov 
in so früher zeit nicht mit dem vorliegenden thatbestande, 
so lag andererseits die annähme eines fremdwortes um so 
ferner, als der Bömer für die dadurch zu bezeichnenden 
dinge eigene ausdrücke in titulus, <3armen und, inso- 
fern elogium von rechnungsposten steht, in articulus 
hinreichend besafs. Und so wenig der Bömer sonst in 
seinem rechnungswesen fremdwörter sich gestattete^ so we- 
nig sonst in seinen testamentsausdrücken, unter denen sich 
auch elogium findet, ein griechisches wort sich einschlich, 
so wenig dürfen wir dies auch bei elogium annehmen, 
wogegen die bildung synonymer ausdrücke aus der eige- 
nen sprachfülle sehr natürlich ist. Dafs der uns vorlie- 
gende gebrauch des wortes elogium sich auf die bedeu- 
tung Spruch zurückführen lasse, gibt Curtius zu; aber 
von dem nachweisbaren vorchristlichen gebrauche von 
kXeysiov liegt diese bedeutung weit ab. 

Gehen wir zur form über, so würde sich freilich die 
längung des e und die Verkürzung der vorletzten silbe durch 
die lateinische behandlung des fremdwortes erklären. Aber 
wenn die spräche hier das wort als ein einheimisches be- 
handelte, wie konnte sie gerade auf die umgekehrte behand- 
lung der zweiten silbe kommen und einen anklang an das 
griechische koyos suchen, wie Curtius will? Eher könnte 
man sagen, was Curtius nur nebensächlich erwähnt, man 
habe das wort an loqui anklingen lassen; aber dies liegt 
doch lautlich nicht so sehr nahe und ein solcher anklang 
liefse sich nur annehmen, wenn elogium gerade das ge- 
sprochene wort bezeichnete. Wollte man aber das o 
statt e biofs für lautlich halten, so sind die auch von Flecdc- 
eisen neuerlich f&r diesen Wechsel angef&hrten beispiele 



elogiam. 277 

anderer art, als dafs sie f&r elogium aus iksyslov beweis* 
kraft hätten. Vor einem 1 ist der Wechsel unbedenklich; 
die andern beispiele dieser art lassen sich auf assimilation 
oder wirkliche verschreibung oder falsche auffassung zu- 
Ffickfbhren, wie ähnliches bei ungebildeten überall sich 
findet, ohne dafs dies für die gebildete spräche irgend etwas 
beweisen könnte. Warum sollte gerade aus elegium elo- 
gium geworden sein, trotz elegans? 

Die angedeuteten bedenken sind der art, daCs sie uns 
wohl geneigt machen dürften einer andern erklärung folge 
zu leisten, welche dem sinne und der form des wertes ge- 
recht würde. Elogium ist eigentlich spruch, wenn es 
auch nie von dem wirklich gesprochenen werte gebraucht 
wird. Dem sinne des wertes entspricht also sehr wohl der 
schon vor Döderlein geäuüsertc einfall, elogium sei gleich, 
eloquium, den Curtius gar keiner erwähnung werth hält? 
obgleich er auf Döderleins Synonymik (IV, 11), wo er sieh 
findet, in anderer hinsieht verweist. Freilich elogium 
blofs ibr eine andere Schreibung von eloquium zu erklä- 
ren, geht nicht an, aber der Zusammenhang mit loqui 
läfst sich sehr wohl begründen. An der stelle des einem 
'griechischen n entsprechenden auslautenden qu findet sich, 
nicht selten ein einfaches c. Neben eb-liqu-us steht' 
Hc-inus (vgl. auch li-mus d. i. lic-mus). Dafs lic-et,. 
lic-eer von linqu-o (vgl. relic-uus neben re-liqu-us) 
nicht zu trennen, gibt auch Curtius zu, nicht weniger dafs 
Dietrich die porci delici richtig von delinquo herlei^ 
tet. Mag man delica (expkna) auf den verbalstamm 
loqu (also de-lic aus de-lac, wie de-iicio aus de- 
-iacio) oder auf liqua mit Dietrich beziehen, wir haben 
hier c und qu nebeneinander. Bei cequo, wovon culina 
(d. i. coc-lina), werden sogar perf. und part.. von coo 
gebildet, so dafs hier, wie in coquus, qu erst später an 
die stelle von c getreten zu sein scheint, wofür auch das 
anlaufende c (vgl. dagegen quinque mit nifina) spricht. 
Secta, ad-sec-la, secus, secundus weisen auf sec 
neben sequ hin. Torques kommt von torqu, aber 
torc finden wir in tor(c)-mentum, torc-ulum. Was 



278 DOntzer 

hindert uns nun aach eine ältere bildung eloc-iam von 
loc neben loqu anzunehmen? Von diesem loc kommt auch 
loc-usta, dessen n zum suffix gehört, wie in fid-ustus, 
ang-ustus, ung-ustus, auch wohl vet-ustus, aug- 
-nstus, subverv-ustus, und in moll-uscus, asin- 
-US ca. Für die erweichung des c genügt die hinweisung 
auf yi-ginti neben vicesimus, vieles, auf quadrin- 
genti neben trecenti, auf dig-itus, auf nug-ae, des- 
sen Zusammenhang mit nuces Ritschi entdeckt hat. Eine 
elogium ganz ähnliche bildung ist adagium, das zu- 
gesprochene, von Wurzel ag, sprechen, auf welche 
auch prod-igium (vgl. prod-esse, prod-ire) bezogen 
werden kann, wenn man es nicht lieber auf dieselbe Wur- 
zel mit dig-itus zurückführt. Eloquium ist eine dem 
Cicero unbekannte späte bildung, zu welcher man durch 
eloquens, eloquentia gebracht wurde, nachdem längst 
das gefühl des Ursprungs von elogium geschwunden war, 
ja man darf sogar bezweifeln, dafs der gebrauch von elo- 
quens, eloquentia sehr hoch hinaufreicht, wogegen di- 
sertus und facundus alte bildungen sind. Hiernach 
dürfte lautlich ebenso wenig wie sachlich der herleitung 
des Wortes elogium von wurzel loc = loqu (skr. lap) 
irgend ein bedenken entgegenstehen. 

H. Düntzer. 



drjXog, 

Fast ein drittel Jahrhundert ist verflossen, seit Pott 
den ausspruch that (etym. forsch. 1,61): 9, Vor allem mufs 
für das griechische der satz aufgestellt und befestigt wer- 
den, dafs wo immer die aeolisch-dorische mundart — f&lle 
wie (filaaw von (pikslv^ in denen sich rj aus s entwickelt 
hat (?), sind vielleicht theilweise auszunehmen — ein ä, 
die attische oder jonische dagegen ein 7; zeigen, letzteres 
als unursprünglich angesehen werden müsse. ^ Und doch 
wird dieser wichtige grnndsatz noch heute selbst von de- 



6r,Aoq, 279 

neu, die sonst auf genaueste befolgung des nachweisbaren 
lautflberganges halten, nicht immer beachtet. Die f&lle^.in 
welchen ein langes a des dorismus aus einem € hervorge- 
gangen zu sein scheint, hat Ahrens de dialectis II, 136 ff» 
146 ff. besprochen, aber nicht alle richtig beurtheilt Die 
pindarischen formen 'Innoxkiag, dova&eiaa^ kqjiXaae^ wie das 
wunderliche anaöaova im briefe des Hippokrates hat er 
glücklich weggescha£%, (pwvaae, iSivä&tjp, nova&y^ wvaatS- 
lai u. ä. durch die annähme von verbis auf äv überzeu- 
gend erklärt. Wenn er an &66Sf4aTog, hvS^axoq und vboS' 
fiarog anstofs nimmt, so geschieht es nur, weil er über- 
sieht, dafs hier eine neben dsfi stehende form dafi voraus- 
gesetzt wird, wie ra^i neben tefi steht. Vgl. tafjLiag^ das 
homerische tdfivuv^ ivrfdTjrog. Die frage, ob die dichter 
zu jenen formen berechtigt waren, ob sie sich nicht durch 
die ableitungen von bafiäv^ wie ÜäS^riXog^ verleiten liefseni 
ist eine andere; denn schwerlich nahmen sie diese worter 
aus dem gangbaren dorismus. Das pindarische fisfiakoreg 
statt fis^tjXotsg dürfte eher auf irriger lesart beruhen als 
dem hier dem Homer folgenden dichter zuzuschreiben sein. 
Zu rechtfertigen wäre es nur durch die annähme eines dori- 
schen ficcl statt fisk, die höchst unwahrscheinlich ist. Jv- 
övrjvog, dorisch dvaravog^ kann weder nach form noch nach 
bedeutung mit Ahrens von axivuv hergeleitet werden. Was 
dieser als beleg eines wechseis von o und langem a oder 
ti beibringt, beruht keineswegs auf einem lautübergange. 
Dürfte man ein öTtjvog im sinne von crdaig voraussetzen, 
so wäre die deutung sehr leicht. Die von den lezicogra- 
phen angeführten Wörter aarrjv und äartjvogj die doch 
nicht blofs ersonnen sein dürften, widersprechen nicht; 
döTi]v wäre ganz wie dnrijv gebildet und bezeichnete den- 
jenigen, der nicht zu stehen vermag. Noch unglücklicher 
ist die ableitung des wertes dijuog, dorisch Sdfiog^ von Je/i, 
als nebenform von Souog^ wobei der bedeutung wegen auf 
oixo^ und vicus verwiesen wird, die sich doch näher lie- 
gen als haus und land. Die herleitung von Pictet und 
Hugo Weber von öafi hat Curtius (21U) mit grund ver- 
worfen. Christ (116. 127) holt das wort gar aus dem skr. 



280 Dttnteer 

gr&mas her, so dafs es statt y^^piog stehen soll. Mao 
könnte an wurzel Sa theilen denken, so dafs Sijuog das 
getheilte gemeindeland wäre; aus diesem begriffe würde 
sich der allgemeinere land, dann volk entwickelt haben* 
Die yertheilung der feldmark ist ja der anfang jeder Städte- 
gründung. Höchst unwahrscheinlich ist die umgekehrte 
flbeitragong des begriffes volk auf land. Die bildung ist 
dieselbe, wie in xoQ-fAog^ nur dafs der accent ein anderer 
ist, wie in öv'uog, vielleicht zur Unterscheidung von Sfifiog 
fett, dessen herleitung von der wurzel ^q^ brennen, die 
Hugo Weber vermuthet, wohl schon an dem rj scheitern 
möchte, da man öctfAog^ wie öaXoq^ Sdig^ erwartet; denn 
Sijiog^ das nicht blos epische form ist (es findet sich selbst 
in attischer prosa)^ ist auf wurzel dor, Sai zerreifsen zu 
beziehen. Den Sprachgebrauch der tragiker, die Sdiog und 
^17^0^ im sinne von elend, zu gründe gerichtet braa- 
chen (.vgl. Ellendt lex. Sophocleum I, 383), filhrt Curtios 
(209) zur begrflndung der ursprünglichen bedeutung ver- 
zehrend, quälend an; aber die dichter bedienten sich 
hier wie sonst ihrer freibeit, indem sie Sdwg für Sfjiw&elg 
im bildlichen sinne nahmen. Man könnte Zusammenhang 
zwischen wurzel ^t; benetzen und dijfAog vermuthen, so 
dafs das thierische fett von seiner weiche benannt wäre; 
aber dann müfsten wir ein ^6 neben dv annehmen, da von 
Sv nur ÖBVfAog kommen könnte. Ein gleichbedeutendes 8$ 
würde man dann in öiaiveiv vermuthen können, und so St, 
8i^ Sv als Variationen derselben wurzel betrachten, wie wir 
solche auch sonst finden. Von 8b würde die wurzel Sifp^ 
durch ö verstärkt in Ssif)^ herkommen, wie eine er Weite- 
rung der wurzel durch (p auch sonst nicht ohne beispiel 
ist (Curtius 59). Auffallend ist SsvTfJQy wie ein geräth zum 
einrühren heifst, das seiner bedeutung nach eher auf Si- 
(puv als auf Sevetv deutet, so dafs also hier v aus (p ent- 
standen scheint. 

Hiermit sind die beispiele eines dorischen a statt s, 
die Ahrens beibringt, erschöpft. Aber leider hat die ver- 
gleichende Sprachwissenschaft es nibht an der aufstellnng 
ähnlicher beispiele fehlen lassen, da sie jenes gesetz, daft 



^Ao<r. 281 

dorisches langes a nicht aus 6 hervorgegangen sein könne, 
zuweilen fibersieht. So wird ^riloQ noch von Curtius (339) 
unbedenklich auf wurzel t,^a bezogen mit (^iGfAa, ^äjua, t,iaiQ^ 
und ardor erklärt. Aber die dorische form ist (^äXog. 
Find. OL VII, 6 hat ^aAcorog, und bei Hesychios steht Sd^ 
Ao3/, ^i]Xov. Dieses ^äXog zeigt die Unmöglichkeit der ab- 
leitung von t,fiXog aus ieaXoq^ C^kog. Es kommt von Wur- 
zel ^a, wovon auch ^aoog^ (^a^Qog^ und bezeichnet eigentlich 
kraft, daher die hefbigkeit des triebes, den eifer. Der 
name des einen sohnes des Boreas heifst inschriftlich Zd^ 
rag, bei Pindar wohl unrichtig Zrjtag. Wir können auch 
diesen namen besser von unserm ^a erklären (der starke, 
heftige) als durch yergleichung von ^tjrelv. Curtius (552), 
der die dorische form nicht unbeachtet lassen durfte, sieht 
in 6; die sanskritwz. j ä, wozu sich ^i]Tia) verhalte, wie 
{aficpi{5)ßriTiiu zu wurzel ßa^ was richtiger heifsen wfirde, 
es liege ein l^rixrig zu gründe, was sehr wohl von der wur- 
zel ^a stammen und eigentlich cupidus, avidus heifsen 
könnte. Wollte Curtius ein dem skr. ja entsprechendes ^17 
annehmen, so lag es sehr nahe hiervon auch Irj^og abzu- 
leiten. Wenn er das hesychische ^sierai (wie er statt Nie- 
ral liest) ^riTürav von einer wurzel C,b ableitet, so übersieht 
er, dafs nach der dorischen form a, nicht 6 stammhaft ist. 
Statt ^israi ist wohl ^TjetaL zu lesen. Wenn man fir^gve- 
ij&ac mit kgvBiv hat verbinden wollen, so spricht dagegen 
aufscr dem, was schon Curtius 524 anführt, auch die do- 
rische form (laQVBödai im volksliede bei Pollux X, 125. 
Curtius (221) will nrjöäv von niSrj, nedäv nicht trennen, 
weil dieses doch mit nyßov TtrjSdhov zusammengehöre (eine 
begründung, die uns wunderlich scheint), und er meint, 
die stärkere form entspreche der energischem bedeutung. 
Dagegen aber dürfte doch das dorische nadäv bei Sophron 
und Aristophanes einspruch einlegen. Auch bei andern 
Wörtern, wie bei aijfia und n^xäa&ai^ hätte man die do- 
rische form mit a wohl beachten sollen, vor allem aber 
bei dem schwierigen Öi^Xog^ worüber man sich noch inimer 
in grofsem irrthume befindet. 

Schon als gymnasiast ärgerte ich mich über die be- 



282 DüDtzer 

merkung von Benjamin Weiske zu Xen. Mem. II, 3, 1 1 : 
Scilicet ex mea opinione ro Si] (sive ^€6 ex antiqua scri- 
ptura) fuit adverbium, quod signifieavit clare, aperte, 
distincte, unde SijXog {oMm Siekog) et coniugata. Simi- 
liier a ^i(o deducunt Ciilog. Buttmanns Lexilogus läfst 
Si]}.og aus iStjXog entstehen. Auch die neueste zeit brachte 
über das wort nichts haltbares oder klar entscheidendes. 
Bei Curtius lesen wir jetzt (213): y^äid-Xctg Srikag, Siakov 
(pavBQov^ dkekov Srjlov, dda?^ov diddtiXov (Hesych.) gehen 
theils auf 8if^ theils auf ein verstärktes daiv (skr. dev) 
glänzen zurück und lassen keinen zweifei über den ur- 
Sprung von SfiXog übrig. ^ Aber wie stimmen zu dieser 
annähme die dorischen formen Jakog, JdXiog? oder sollen 
wir etwa annehmen, das lange a sei nur der insel zuge- 
kommen, das adjectivum habe auch im dorismus Sijkog ge- 
lautet? Aber man glaubt den beweis in der band zu ha- 
ben, dafs 8'^Xog wirklich aus äia}.og hervorgegangen sei. 
Lesen wir ja bei Homer /SC, 465 ff. von Odysseus, der die 
dem getödteten Dolon abgenommenen waffen der Athene 
weiht: 

Kai dno %d'BV vifjoa' ddgag 
&ijxev dvd fxvQixr/v äiekov S' ^nl arjpid r H&ijxev, 
avfifAdgxpag öopaxag fivgixrjg t hQi&riXiag o^ovg^ 
fif] Xd&oi avTig Iovtb &oi]v Sid vvxta fiiXaivav, 
Hier, meint man, ist doch öhKov offenbar so viel wie ^a- 
VBQov. Da fällt es aber doch zunächst auf, dafs wir E, 2 
lesen: 

/idixB fjiivog xal ö'dgaog^ tv ixdi]Xog fiBtd näacv; 
denn wie kommt es, dals nicht an beiden stellen die me- 
trisch passende aufgelöste form steht? Und wie kommt es, 
dafs wir K^ 466 nicht xal aiJiAa dgicpQadig äXk' inidrjxsv 
lesen? vgl. t/;, 73. Der umstand, dafs wir es hier mit dem 
dichter der Doloneia zu thun haben, dürfte kaum zur er- 
klärung hinreichen, da dieselbe schwerlich später als die 
Odyssee ist. Sehen wir uns aber die stelle genauer an, 
so erwarten wir nicht sowohl ein nichts bezeichnendes bei- 
wort zu (7/}/4a als die angäbe dessen, was als zeichen darauf 
gelegt wird. Ein zeichen machen kann man wohl 



d^loq. 283 

sagen, aber kaum ein zeichen darauflegen, und man 
erwartete blofs nach aijf.ta einen accnsativ ohne participium. 
Nach homerischem sprachgebrauche muis man annehmen, 
der participialsatz avf^f^dgipag — o^ovg enthalte eine ausfiufa- 
rang, wie er dasjenige gemacht, .was er darauf gelegt. Und 
wirklich bedarf ed keines Scharfsinns, dem dichter hier eine 
würdigere spräche zu leihen. Jaelog heifst bundel und 
stammt von wurzel de^ Saö^ wovon auch Ssttj, Wie letz- 
teres eine gebundene fackel bezeichnet, so See^og ein reis- 
bOndel. Führt ja Hesychios selbst ein 3i€?.og mit der be- 
deutung Stc^og an. So tritt die stelle in ihr klares licht; 
avfifidgxpag — o^ovg führt aus, wie er das bündel gemacht. 
Es versteht sich ganz von selbst, dafs mit der homerischen 
stelle auch des Hesychios glosse Sislov d^kov wegfallt, da 
diese offenbar nur auf die homerische stelle sich bezieht. 
Was bleibt nun von den aufstellungen von Curtius übrig? 
Nur solche formen, die im besten falle nicht flur die her- 
leitung von SijXog, SäXog zeugnifs geben können. Freilich 
lassen sich die mit öiaX anlautenden fornien auf wurzel Sif 
zurückführen; öiaXog^ wovon SidKag^ ist Si/alog^ glän- 
zend, hell, deutlich. Dagegen kann ddelog nicht auf 
wurzel daiv bezogen werden, sondern stellt sich eher zu 
Sof brennen, wie Saßelog Salog, Sccßei xavify. Jeden- 
falls haben dälog^ dijlog nichts damit zu thun, da sie un- 
verkennbar auf wurzel Sa kennen führen, die in Saijvaii 
SiSae u. s. w., SarjfiwVj verstärkt in SeSiSa^a^ SiSdaxeiv vor- 
liegt, wovon sogar StSdaxalog gebildet worden. Demnach 
ist Säkog^ Sfjlog unzweifelhaft kenntlich, deutlich. Ha- 
ben wir Seelog deutlich auf sichere weise weggeschaffl;, 
so zerfallt von selbst die weitere behauptung von Curtius, 
evSeielog sei trotz Buttmanns und trotz meiner deutung 
nichts weiter als evStilog; denn von Sdlog, Srjlog führt kein 
pfad zu evSeielog, Aber von dieser deutung hätte auch 
schon die einfache beobachtung abhalten sollen, dafs von 
adiektivis nicht ohne weiteres neue stdiektiva durch ein vor- 
gesetztes ev gebildet werden können. Nur die verbalia und 
die participia werden mit ev verbunden, wie evnrjxtog^ hv^e- 
arog^ kvxTiuevog, eivaierdcov; denn siaii kvnleiijv ist (>,467 



284 DUnUer 

kvmlBtriv die richtige durch |, 113. Q^ 300. Xy ^ geschfitzte 
lesart. Anders ist es mit dv^ und dem a privativum. Ei- 
nen gegründeten einwand gegen meine auf ein von selbst 
sich ergebendes wirkliches homerisches wort sich stützende 
deutung erkenne ich nicht. 

Auch in andern fallen sehen wir Curtius von der gründ- 
lichen und besonnenen weise, womit er seine untersnchnn- 
gen gewöhnlich führt, in auffallendster weise abweichen. 
Einen fall dieser art möchte ich hier hervorheben. Gegen 
die herleitung des schliefsenden ^fiugog in lofjKogog^ kyx^oi- 
/iiü)gog, vXaxofjicDoog^ OivdfAWQog von wurzel (ibq hatte ich 
das in diesem falle unerklärliche oi angeführt. Gurtios 
glaubt (296) diesen einwand widerlegt zu haben durch die 
berufung auf taXaiTtwQog, das von wz. neg komme, wozu 
er taXaneigiog anführt, auf q>viQ und Swf^a, Das erste bei- 
spiel würde passen, wenn es richtig wäre. Aber ich gestehe 
nicht zu begreifen, wie man bei takaincngog an wurzel tisq 
denken kann, da der zweite theil des wertes noth wendig 
ein Substantiv enthält. Ein nicht mehr nachweisbares 7i»i^ 
könnte zu gründe liegen, das von dem wirklich angef&hr* 
ten, von Antimachos gebrauchten magog abgeleitet wäre, 
wie nivvvri von nivvrog. Aber eine ableitung dieses nco' 
gog^ wie auch des verwandten Tifjgog^ von vrnrzel nsg^ nag 
durchstechen möchte ich kaum annehmen, eher von einer 
wurzel na^ die als urform von nof (vgl. naUiv, nof^Uiv, 
pavire) vorauszusetzen wäre. Dafs vor volleren endun- 
gen ein a oder c zu cd verstärkt werden kann, ist mir wohl 
bekannt und mehrfach von mir selbst hervorgehoben wor- 
den. Dahin gehören ßfa^fiog, &W'Xog, xwnt]^ äö<aä7]^ wo die 
wurzel reduplicirt wird; auch die ohne suf&x gebildeten 
Wörter, wie xloixfj,7tagaßk(ü\p^ haben eine solche Verlängerung; 
dafs aber je vor der endung og eines aktiven compositums 
ein . 6 oder a in (o übergehe, man je statt »koyog^ -nogog^ 
'fpogog u. ä. die formen mit at als zweiten theil von com- 
positis dieser art habe brauchen können, daf&r erwarte 
ich von Curtius den beweis. So lange bis dieser geliefert 
ist, behaupte ich, dafs von wz. fjieg nur Ipfiogog, hy^tcifiO'^ 
gog gebildet werden konnte. In -fAtagog stand aber eben 



d^lot;. 285 

die länge so fest, dafs Homer, um lofitagog in den vers 
zu bringen, das t von log kürzen mufste. Was iyx^dfJKo* 
QOQ bezeichnet, drückt ein homerischer dichter anderwärts 
durch die Umschreibung aus fAS/nacüg oQexryaiv fAeXipaiv 
&oiQt]X(xg QTi^ttv Srjiwv ctfAcpl arij&saacv (B, 543). Eine 
blos epische Verlängerung des o anzunehmen, hindert schon 
das prosaische aivdfxojgog. Dafs Curtius mit meinen er- 
klärungen leicht fertig wird, ist mir längst bekannt. Schade, 
dafs er dabei meine gründe nicht erwägt, und mir dinge 
vorwirft, die er sich selbst gestattet. So wagt er zu be- 
haupten (192), meiner deutung von arevfiai fehle jeder 
boden, da stu im sanskrit nicht sprechen, sondern lob- 
preisen (vielmehr loben) bedeute. Als ob dieses das 
einzige beispiel wäre, wo das sanskrit nicht mehr die ur- 
sprüngliche allgemeinere bedeutung, sondern eine abgelei- 
tete hat! Er selbst nimmt gleich auf der folgenden seite 
an, skr. stan, sonare, gemere sei nicht blofs dieselbe 
Wurzel, die wir in ariveiv finden, sondern auch ateivsa&aiy 
enge werden, arevog gehören ihm dazu. Wenn man 
nun nach seiner eigenen äufserung (107) den seufzer als 
ausdruck des geprefsten sorgenvollen herzens von der Vor- 
stellung drängender fbUe abgeleitet hat, so hat doch hier 
das sanskrit offenbar blofs die abgeleitete bedeutung, wäh- 
rend das griechische auch die ursprüngliche erhalten hat, 
wonach freilich Curtius ardvead-at enge werden vordre- 
re»]/ seufzen setzen mufste. Ich dächte doch, was Cur- 
tius sich erlaubt, durfte er in einem andern falle nicht ge- 
gen mich anfahren; denn dafs arevrai die von mir ange- 
fahrte bedeutung hat, bezeugt Homer, und das ist die 
hauptsache, unwidersprechlich. Ich gestehe, dafs ich im- 
mer gern von Curtius gelernt habe, dessen gründliche beson- 
nenheit ich im allgemeinen sehr hoch schätze; wenn er 
aber sich gegen meine belehrung sträubt und ihr gegen- 
über an seiner einmal ausgesprochenen ansieht sich festklam- 
mert, so ist dies seine sache. Mein recht zu schützen 
halte ich der guten sache wegen fQr pflicbt. 
Köln, 23. decbr. 1866. Heinrich Düntzer. 



286 Savelsberg 

Etymologische mittheilungen. 

Eiirjvogj i^viov, avvi. 

Indem wir die trefflichen erklärungen, welche hr. profl 
Benfey in seiner Zeitschrift „Orient und Occident" I, 193 
bis 196 von VTijjvr], amjvj^gy -ig^ ^Qoai]Vi]g, -ig, Ttgrjvijg, -ig 
und prönus gegeben hat, durch einige beachtenswerthe 
nachtrage vollständig zu bestätigen gedenken, müssen wir 
vorerst kurz mitt heilen, wie jene deutungen gewonnen wur- 
den. Als grundlage diente das sanskritwort äna-s, wel- 
ches Benfey in der hierher gehörenden bedeutung y^mund^^ 
nur an einer einzigen stelle Rigv. I, 52, 15 fand. Dort er- 
klärte schon der scboliast äna-s, indem er es mit äna- 
na-m „mund, gesiebt^ verglich und etymologisch richtig 
deutete: „mund oder nase als organ des athmens^ (von 
der WZ. an „athmen^). Von den zwei schwankenden auf- 
fassungen hält nun Benfey die erste „mund^ für die rich- 
tige, nur findet er der in demselben hymnus öfter erwähn- 
ten mythe gemäfs, nach welcher Indra bald den donner 
auf beide kinnbacken des Vritra schleudert, bald sein haupt 
spaltet, die erweiterte bedeutung „gesiebt", wie sie bei 
änana-m vorliegt, so auch für änä-s an der genannten 
stelle ßigv. I, 52, 15 nöthig, wie denn auch schon Kosen 
hier äna-s mit „facies^ übersetzt hat. Im griedhischen 
sodann hat Benfey zuerst das entsprechende wort rjvo-g in 
mehreren Zusammensetzungen wirklich entdeckt, nämlich 
zunächst in vmjvri „hart", das eigentlich „unter oder am 
munde" bedeutet, wo also das zu gründe liegende y]VO'g 
noch mit der altern etymologischen bedeutung „mund" ent- 
halten ist (von WZ. av „wehen", woher auch ävsfiog und 
lat. animus), ferner die neutralform ijvog mit der bedeu- 
tung „gesiebt" in den adjectiven amjvrjg „das gesiebt ab- 
wendend, unfreundlich", nooarivrig „das gesiebt zuwendend, 
freundlich, mild" und ngi^viqg „das gesiebt vorwärts nei- 
gend", dann (wie praeceps) „kopfüber, abschüssig" von 
UQO und rivog, welches letztgenannte auch im lateinischen 
prönus für pro-önus besteht*). 

*) Schon früher hatte A. Goebel »Homerica oder etym. Untersuchungen 



etymologische mittheilmigen. 287 

Zu den wenigen f&r vnijvrj aus classischen Schriftstel- 
lern beigebrachten citaten fügen wir jetzt eines von Ari- 
stoteles bist. an. IIIc. 11 biäzu: negl Sk t6 yevsiov rotg fihv 
[sc* t,(üOiQ\ avfAßaivu xai T771/ vmjvijv xai t6 yivsiov Saav 
IS}(eiv, Toig 8h raiva fikv Xeia^ rag aiayovag 8i Saaeiag^ wo 
vmjvf]^ weil verschieden von yivuov „kinn^ und „kinnbart^ 
(wie Aeschyl. fr. 27 ÖavXog ö* vnrjvr^g xal ysvsidSog nvd"- 
fATJv ebenfalls imi^vt] verschieden von yEveidg ist), den „hart 
um den mund^ bezeichnet, während bei Aristophanes Lys. 
1073 vnrivri nach dem scholiasten dasselbe wie ndywv (oder 
yEV^uig) ,|kinnbart^ ist und so auch Vesp. 477. 

Von den obengenannten Wörtern kommen noch einige 
mit dem altern langen a vor, sowohl attisch ngaviqg bei 
Xenophon und Theophrast, als dor. ngoGavrig bei Pindar 
Pyth. III, 52. X, 64 und noT'ävTjg von Eleobulos bei Diog. 
L. 1, 93. Dafs das thema avo oder tjvo in Zusammensetzun- 
gen zum neutr. aveg oder Tjveg wird , ist eine erscheinung, 
die eine menge analogien im griechischen hat und einige 
auch im sanskrit, wie Benfey nachgewiesen hat. Doch 
auch vom ursprünglichen thema avo oder 171/0, auf welchem 
imiqvri beruht und welches dem sanskritthema äna völlig 
entspricht, haben sich noch mehrere regelrechte composita 
erhalten: 1) ngavov t6 xaTcucpeQig^ ngccvig (kopfüber, ab- 
schüssig) bei Hesychios, also ngavo-g so genau als mög- 
lich mit pronu-s übereinstimmend aus ngo und avo\ dazu 
hat Hesychios noch das abgeleitete verbum ingdvwaB ' xat^ 
ißalsv aufbewahrt und Leonidas von Tarent gegen 270 
V. Chr. das compositum xatangtivodD gebildet Anthol. VII, 
652. 2) der Superlativ ngoatjvoTaTog in einer inschrift der 
Taorischen Chersonnes C. I. Gr. 11, 1004 n. 2113. c. 8: 
näai ndgoq ^cicjv rjg a[v] ngoaipfOTatog. 



ttber WZ. '^JV Münfiter 1861, s. 18. 19 die in rede stehenden Wörter scharf- 
sinnig auf die wz. !^iV zurttckgeftihrt, hatte aber ans deren bedeutnng „we- 
hen** ktthn noch weiter gefolgert 2) brennen, 3) strahlen, glänzen, nnd end- 
lich 4) sehen, um antjvi]; „ wegblickend **, nqoarivfiq »anblickend**, n^i^ri); 
«voTwärtsblickend ** , nnd vittivfi hart „als das untergesichtige** zn erklären. 
Anstatt dieser glänzenden diyination nun hat Benfey an dem wirklich in den 
veden aufgefundenen nominalstamm ana «mund** von an »athmen^ einen 
sichern boden gewonnen. 



268 Sav«l8berg 

* 

und 3) der schon bei Homer öfter erscheinende name Evr^'- 
vog „schöngesicht^* 

Nunmehr können wir an das thema 171/0 und seine 
dem Worte imrjvij noch zu gründe liegende Bedeutung ^mund^ 
zwanglos und passend das bis jetzt yereinsamte tiviov ^zaum, 
zOgel^, eigentlich ^mundstück^ ansehliefsen, so dafs wir 
nicht mehr nöthig haben, letzteres mit einer sanskritwnrzel 
jam ,, bändigen^ (Benfey griech. wz. lex. II, 202), die zwar 
lautlich im Wechsel von j zum hauch und von m zu n die 
yergleichung vertrüge, aber sonst mit dem ihr im griechi- 
sehen allein gegenübergestellten worte tfviov (6. Curtius 
grundz. II, 122) durch nichts vermittelt würde, Formel) 
gibt es nichts passenderes, als eine so deutliche deminutiv- 
form, wie rjvlov ist, besonders da der hauch ohne zweifei 
nachträglich eingedrungen ist, auf das jetzt sicher ermii>- 
telte thema i]vo zurückzuführen. Auch fehlt es wirklieb 
nicht an einer alten form mit spiritus lenis, denn dieser 
ist geblieben in dem homerischen namen von Hektor^s wa- 
genlenker \Hvio7isvg II. 0, 120, den auch schol. Ven.. rich- 
tig Ttaoa rag rjvlag herleitet und in einer altlakoniscben 
inschrift bei Leake Travels in the Morea vol. IQ, n. 71, wo 
H als hauchzeichen wiederholt vorkommt, tritt ohne sol- 
ches auf: JJSIOXIOIS (i. e. avioxitav Ahrens d. Dor. p. 38). 
Wir können also rjviov gegenüber dessen vorauszusetzendem 
nominalstamm 971^0 unbedenklich den zahlreichen beispielen 
des den vocalischen anlaut verstärkenden hauches beizählon, 
welche G. Curtius grundz. II, 256 — 258 behandelt, wie 
riyiofAai von a^co, i^fAiga von fjfjiaQ, %wg neben ep. r^cig^ ijXiog 
neben dvr-jjhog^ evio neben €t;a>, ävv(o attisch (Moeris 
p. 179 s. V. rjwaa) neben avuta. Und was die begriffliche 
ableitung von ijvo „mund^ betrifft, die schon von vom 
herein ganz angemessen erscheint, so wird diese durch die 
erklärung des Polluz I, 148: ro S* slg t6 orofia k^ßaXko^ 
fievov xccfurog, ov t6 fAiv fiiaov riviov^ dafs es der mittlere 
theil des zaumes, dessen mundstück sei, bestätigt und 
vollends durch die aualogie des gleichbedeutenden otofiiov, 
sowie des von os „mnnd^ abgeleiteten altlateinischen orea 
bei Festus ed. C. O. Müller p. 182: „Oreae jGreni, qood 



etymologisehe mltiheilitiigeB. 

ori inferuntur^ mit vier TorclasBischen beispielen, wdranter 
aus Cato orig. 1. III: ^equos respondit: oreas mihi inde^ 
tibi cape flagellum^ und aus CSoelius «oreaa detmbo^. 
Schliefsliob bemerken wir, dafs vom ueotrum ge«(dmlidi 
mir der plural und zwar schon bei Homer ta f^vio, «onst 
noch 17 fipia^ dorisoh wia bei Pindar und tv-imo^ bei 
Hesychios sich findet. 

Zu derselben verbalwurzel ist nun ancb die ]Hripoei* 
tion a1^-rl, skr. an*ti, lat. an-te, deutsch ant* imd eot«> 
^angesichts, gegenfiber, vor^ zurückzuAhren, da Skr diese 
etymologie die jetzt behandelte wortgmppe mit der ge- 
meinsam zu gründe liegenden bedeutung ^ gesiebt^ einen 
deutlichen, sichern anhält bietet, welcher der vei^leichuag 
mit einem demonstrativstamm ana, der wieder in a and 
na zerlegt wird (Bopp vgl. gramm. 11% 172 §. 369), feUi. 
Uebrigens ist av-ri gebildet wie skr. a-ti (praepos.) ^dar- 
über hinaus^, i-ti (adv.) ^so^ (Bopp vci^l. gramm. 111% 
500), wozu Zeyfs in dieser zeitschr. XIV, 425 noch hL 
i-ti-dem, i-den-ti*dem*) und u*ti (das q>&(er nt 
ward) hinzufügt, und hat die gröfste analogie mit nfw^wi 
skr. pra-ti, da auch diese pr&position nebst nffo skr. pra 
u. s. w. von der verbalwurzel par im sanskiit „hinfibo^ 
ftkbren^''*), wie an^ti von der wz. an abgeleitet ist. 



*) Dem in diesen beiden woitern zuAammengeMtzten adv. i-ti steht als 
Simplex i-ta gegenüber, wie unserer praepos. av-tC eine nebenform ai«-Ta< 
Letztere mit Goebel wz. '^iV s. 21 für den acc. sing, eiaes nomiaaltlMmas 
ai'^T anzunehmen, wie ar-xtiv allerdings acc. sing; fem. ist, scheint mir sehr 
bedenklich, da ein sufSx t zu einer consonantisch endigenden wurzel im 
griechischen sonst fehlt, auch in nair, wo gewitß vr zum suffix gehdrt (Clir- 
tius grundz. II, 54), im lateinischen aber mor-t (nom. mor-s) und men-t (doia. 
men-s) wahrscheinlich ein stammhaftes i verloren haben aus mor-ti men-ti 
(Bopp vergl. gramm. III, §. 844). Vielmehr ist at-ta ursprünglicher acc. pl. 
neutr., eine nicht weniger hftufige adverbialbildung, als nr-ii/r acc sing. 
fem., von ar-;!^! angesicht, ähnlich wie x^tvß^Sa und nQvß-ifir (Curtius 
grundz. 11, 215). Demnach kennen wir faavra oder ttaarra nur iUr eita 
compositum halten, welches in ein« reihe gehört mit aravtn xareirTa im~ 
^nvia II. Wf 116 und ItvnvTa» Uebrigens freut es mich, in der ableitung 
der praepos. artl von wz. *j4N mit Goebel, wie ich erst später gesehen habe, 
zusammengetroflfen zu sein, und wundere mich, dafs Curtius statt derselben 
eine wz. ant aufstellt, wozu doch etwa av-TOfitu ebenso wenig nöthigt wie 
^igfitzn zu &g^ft anstatt &fQ (in ^i^oq)» 

**) Worin wir B5hÜingk und Roth sanskrlt-wtb. IV, 4SI beipflidiMBi 

Aachen, mfirz 1866. J. Savelsberg. 

Zeitschr. f. vgl. sprachf. XVI, 4. 19 



^90 Corssen 

1 Gmildrifo der lateinisoheii decUnation, von Franz Bttcheler. Leipzig 
1866. 

« 

Untersucht man zuerst den grund, auf dem der Tor- 
stehende grundriXs der lateinischen declination beruht, so 
ist zuoäohöt anzuedcennen, dafs der verf. das material dazu, 
das heiCst die sprachlichen formen aus den quellen schöpft, 
ans inschriften und handschriften. Er besitzt eine genaue 
kenntnifs der altlateinischen inschriften und stellt über das 
vorkommen der einzelnen casusformen in denselben zu ver- 
schiedenen Zeiten sorgsame chronologische Untersuchungen 
an nach dem muster der grundlegenden und bahnbrechenden 
Ibrsohnngen von Ritschi auf diesem gebiete. Bisweilen sind 
jme untersachungen freilich zu scharf zugespitzt, und vas 
in <lie angestellte chronologische bestimmung einer casus- 
form nicht passen will, wird gelegentlich als curiosum, als 
inrthum des graveurs, als Sprechweise der „plebejer^ be. 
^eicdmet. Wenn der verf. für die altlateinischen casusfor- 
.men vielfach auf den index grammaticus von Huebner zum 
ersten bände des Corpus inscriptionum Latinarum ver^ 
weist, so darf man bei benutzung desselben nicht aufser 
acht lassen, dafs in demselben nur die von den gewöhnli- 
chen formen des classischen lateins abweichenden formen 
aufgeführt, hingegen die mit denselben übereinstimmenden 
weggelassen sind. Wer also nach diesem index die altla- 
teinische declination beurtheilen wollte, würde eine irrige 
Vorstellung von derselben gewinnen. Die spätlateinischen 
inschriften sind nur gelegentlich zu rathe gezogen. Hätte 
der verf. die datierten spätlat. christl. inschriften der stadt 
Rom von de Rossi und die sorgfältigen Sammlungen in 
Schuchardts vokalismus des Vulgärlateins ausgenutzt, so 
hätte er eine dankenswerthe darstellung der verkrüppelung 
und des absterbens der lateinischen declination geben kön- 
nen, die der schrift mangelt. In bezug auf die handschrif- 
ten tritt der verf. dem richtigen grundsatz bei, dafs diesel- 
ben für die feststellung grammatischer formen nur von se- 
cundärer bedeutung seien, und vorwiegend da beachtung 
verdienten, wo sie die ergebnisse der inschriften bestätigen. 
In diesem sinne bringt er aus handschriften sehr schät- 
zenswerthe beitrage fbr altlateinische casnsformen. Die 



anzeigen. 291 

metrik der altlateiniscfaen dichter ist ein von dem yerf. 
schon früher angebautes feld. Er tritt auf diesem gebiete 
mehrfach den neuerdings zur geltung gebrachten principien 
bei, namentlich dafs die sogenannten licenzen der altlatri» 
nischen dichter in eigenthOmlichkeiten der alt^i Volks- 
sprache ihren grund haben ^ dafs die sogenannte positions» 
länge darin ihren grund hat, weil auch consonanten bei der 
ausspräche zeit erfordern und die Zeitdauer derselben zu 
der Zeitdauer des vorhergehenden kurzen vokals hinzutritt? 
so dafs die ganze silbe die metrische geltung einer Iftnge 
erhält. Auch aus metrischen Untersuchungen bringt der 
verf. manchen dankenswerthen beitrag f&r die quantit&t and 
also für die geschichte der lateinischen casussaffixe. Hin- 
gegen läfst er sich durch seine subjeetiven ansichten Qber 
den saturnischen vers, die ich so lange für hypothesen 
halten mufs, bis Bitscbl den viel gewünschten aber immer 
noch nicht gegebenen beweis von der richtigkeit seiner 
theorie des saturnischen verses geführt haben wird, zu be- 
hauptungen über Verstümmelungen von casussuiBxen in der 
ausspräche verleiten, die unhaltbar, zum theil sprachlich un- 
denkbar sind. Weiter unten werden einige beispiele der- 
selben zur spräche kommen. 

Was nun die erklärung der lateinischen ca- 
susformen anbelangt, die ja die hauptaufgabe f&reine 
darstellung der lateinischen declination ist, so ist anzu- 
erkennen, dafs der verf. gebrochen hat mit jener alten pbi- 
lologie, welche der Sprachvergleichung aus unkenntniTs, 
bequemlichkeit, gelehrtem hochmuth oder besorgnifs vor 
umstürz des hergebrachten grammatischen Schematismus 
und formalismus so lange äuge und ohr verschlossen hat» 
Der verf. benutzt also die hauptergebnisse der vergleichen- 
den Sprachforschung, so weit ihm dieselben in Schleichers 
Compendium der vergleichenden grammatik zur band wa- 
ren, das man ja jedem philologen als führer auf diesem 
gebiete angelegentlichst empfehlen kann. Aber von vielen 
Specialuntersuchungen und deren ergebnissen auf diesem 
felde hat B. keine kenntnifs. Statt sich um diese zu küm- 
mern,, sie sorgsam zu benutzen oder sie zn widerlegen, 

19* 



292 Gorst 



len 



^^enn ihm stichhaltige gründe zu geböte stehen, stellt er 
vielfach grundlose und irrige behauptnngen , vorschnelle 
und haltlose vermuthungen Qber lateinische casusformen 
anf, nicht selten in einem ton, als sei er der erste, der von 
denselben eine erklfirung gäbe, und als sei mit dieser die 
Sache entschieden. Man kann nicht umhin dieses verfah- 
ren der unkenntnifs jener Untersuchungen und ihrer ergeb- 
nisse zuzusohrieben. Man kann doch nicht annehmen, dafs 
der verf. dieselben gekannt und absichtlich nicht hat be- 
nutzen wollen. Man kann doch einem s^elehrten, in dessen 
arbeiten man sonst das streben nach erforschung der Wahr- 
heit, und eine scharfe auffassuug wahrnimmt, nicht eine 
so dünkelhafte Verblendung zutrauen, dafs er sich einbil- 
dete, fiQr ihn seien eingehende Specialforschungen seiner 
vergftnger und mitforscher ganz entbehrlich, durch blolse 
behanptungen von ihm ohne gegengründe und Widerlegun- 
gen würden deren beweifsführungen von selbst weggeblasen 
werden wie die mauern von Jericho durch den posaunen- 
schall der kinder Israel. Ich werde f&r das ausgespro- 
chene urtheil nun eine ganze reihe von belegen beibringen. 

Die vom verf. ohne bedenken hingestellte behauptung 
so-br-inu«s sei entstanden aus *sorr-inu*s (s. 7) ist 
ein starker irrthum, da im lateinischen so wenig wie in 
irgend einer der verwandten sprachen sich rr jemals zu 
br dissimilieren konnte. Ich verweise dem gegenüber auf 
meinen nachweis, dafs das -so-br- in jener Wortbildung 
entstanden ist aus -soror-bri- einer bildung wie mulie- 
-bri- für mulier-bri- (krit. nacbtr. s. 191 f.). 

Ueber die entstehung der e-declination ist B. 
ganz im unklaren geblieben, weil er von den ergebnissen 
der neueren Untersuchungen über dieselbe keine kenntnifs 
hat. Es ist längst nachgewiesen^ dafs die abstracten sub- 
stantiva der e-declination, deren stamm auf ie- ausgeht, und 
denen formen derselben werter auf ia- zur seite stehen wie 
amicit-ie-s, avarit-ie-s, effig-ie-s, pauper-ie-s 
neben amicit-ia, avarit-ia, effig-ia, pauper-ia, 
durch die im lateinischen häufige assimilation von ia zu 
ie ans der a-declination in die e-declination übergetreten 



aiufieigen. 293 

sind, und dann nach der analogie von dies, spes, ple- 
bes, fames u. a. das noxninativzeicben s an den stamm 
fügten (Bopp, vergl. gramm. I, 147 f. 2. A. umbr. sprachd. 
A. K. 1, 31 anm. 2). Statt sich von dieser erklärung kennt- 
nifs zu verschaffen, wirft der verf. die flüchtige und irrige 
behauptung hin, die meisten jetier stamme auf -ie wür- 
den in die a-declination umgesetzt (s. 25). Der ausdruuk 
„umgesetzt^ verhüllt hier die haltlose annähme, dafs ie zu 
ia geworden sei. Andererseits sind ursprünglich auf -ea 
auslautende stamme durch schwinden des s in den casus 
obliqui in die e-deelination übergetreten» v^ie in die i-de- 
clination (Bopp, a. o. 282. Ref. krit. beitr. s. 466 f.). So war 
di-es- ein auf -es auslautender stamm entsprechend skr, 
div-as- wie Dies-piter, ho-dier-nu-s neben in- 
ter-dius, per-dius, diur-nu-s unzweifelhaft erweisen 
(Ref. ausspr. II, 295. 476). Statt von diesen thatsachen 
kenntnils zu nehmen, bringt B. den alten irrthum wieder 
vor, dafs in Dics-piter des dies« genitiv sei (s. 30); 
dafs spes- ursprünglich ein aufs auslautender stamm war, 
zeigt der Übergang desselben in r in den formen sper-os, 
sper-ibus, sper-are, pro-sper. Statt dessen wird 
behauptet ein stamm spe- sei durch r erweitert (s. 40). 
Für ein solches nominaldtämme erweiterndes r im lateini- 
schen fehlt jeder anhält. Dafs plebes und fames nicht 
aus der i-doplination in die e-declination, wie B. aufstellt, 
sondern umgekehrt aus dieser in jene übergetreten sind, 
ergiebt sich daraus, dafs famei plebei die alten for- 
men des genitiv singularis derselben sind, famis plebis 
die jüngeren. Hätte B. die Sammlungen von Schuchardt 
sorgsam benutzt, so würde er gefunden haben, dals 
das stammhafte e der e-declination in der spätlateinischen 
Volkssprache vielfach in i übergeht (vok. d. vulgärlat I9 
249 f.). Ritschi hat die behauptung aufgestellt, das adjeo- 
tivsufBx -ari sei aus -ario entstanden, und dieses die äl- 
tere bildung. Ich habe dagegen gestützt auf eine menge 
sprachlicher thatsachen den nachweis geführt, dafs zahl- 
reiche adjectiva auf -ari schon in der ältesten zeit der 
Sprache, von der wir nachricht haben, neben denen auf 



Sil Consen 

•ario bei^hen, clals erst in der kaiserzeit die QberstrS- 
mrade falle der letzteren hervortritt, iate die sufSxform 
-ario iü mancheD f&Ueo aus -ari durch -io erweitert, io 
aDderon ans -asio entetandeo, in wieder anderen aus -aro 
sbgeecbwjlcht ist wie -ali aus -alo, dafs endlich das lange 
a io diesen adjectivFormen daher stammt, weil denselben 
ursprünglich verba der a-conjugation zu gründe lagen 
(krit. bflitr. 331—339). Wenn B. nach dieser beweifefilb- 
rnng die obige bebauptung von Ritscbl einfach wiederholt, 
so wird dieselbe dadurch, dafe er sie ausspricht, natQrlich 
nicht zur Wahrheit, sondern bleibt, was sie war, ein irrthnm. 
Qraxm ebenso steht es mit der behauptuog, alis, alid sei 
aus alius, aliud entstanden (Ref. krit. beitr. 298). In 
i-pse soll das i verkfirzt sein (e. 13); aber der pronomi- 
nalstamm i war ja kurz und ist nur in manchen casusfor* 
meo zu ei, €, 1 gesteigert. Die nominativfonnen iste ipse 
sollen nicht aus istus ipsus entstanden sein, da eumpse 
eapse zeigten, dafs bald das erste bald das zweite glied 
dieser zusammengesetzten pronominalformen flectiert sei. 
Aber es sind doch nicht die beiden glieder unäectiert ge- 
wesen. Es kann douh unmöglich von vorn herein eiae 
nominativform gegeben haben, die aus zwei oder drei 
(i-p-se) unflectterten zum theil geschwächten und ver^ 
stOmmelten pronominalstammen bestand und nie ein nomi- 
nativsnffix hatte. Oder soll es etwa eine form.'ispse ge- 
geben haben als nominativ zu ipsius ipsum u. a., die den 
endbestandtbeil der composition fleotieren? Also üind ipse, 
iste ebenso gewifs dnrch aht'att des nomiuativsuffixes s 
und Schwächung des u (o) im auslaut zu e aus ipsus 
istus entstanden wie ille aus oltus wie die vocativfor- 
misn Marce, bone aus den nominativformen Marcus, 
bonuB (Ref. ausspr. I, 267 f.). Unhaltbar ist die aufstel- 



anzeigen. '295 

steUen bestätigen. Ein zusammenfliersen von vokalen- 
über einen consonantiscben laut hinweg ist aber eine un- 
nröglichkeit. Die metrischen stellen, aus denen B. zu dieser 
behauptung gelangt, sind alle einer anderen metrische Er- 
klärung fähig« 

Im nom. plur. sollen lateinische a- und e-stämme nicht 
das sufHx -as angesetzt haben, das allgemeine snfifix die-^ 
ses casus in den indogermanischen sprachen, sondern blo- 
fses s mit dehnung des vokals. Aber in diesen femininen' 
stammen auf -a und -e war ja das ä und e ursprünglich' 
lang und die aom. plur. dies späs der ursprünglich an£ 
-es gebildeten Stämme di-es- sp-es, sind aus ^di-es^es- 
"" 8p es- es durch schwinden des s und vokalverscbmelsung. 
entstanden, wie aus dem oben gesagten erhellt. Man mafs 
also doch ursprüngliches -as als das sufHx ansehen in aU> 
len auf s auslautenden lateinischen formen des nom. plur^^r 
dessen a mit dem auslautenden ä der a-stämme verschmolz,- 
sich auslautenden e, o, u, i von stammen assimilierte undi 
dann mit diesen lauten verschmolz, bei consonantiscben: 
Stämmen aber wie im griechischen sich zu -es abschwächte^ 
bis diese stamme der analogie der i^stämme folgten und 
den nom. plur. wie diese auf -6s, -eis, -is bildeten. £ine> 
reihe von unhaltbaren befaauptungen dea verf. knüpft sich* 
an die altlateinischen formen des nom. plur. matrona^ 
Pisaurese (s. 16). Erstens ist hier der laut s der for- 
men matronas^ Pisaureses nicht völlig verschwunden; 
er lautet vielmehr hier wie sonst im auslaut nur so schwach 
dafs er in der altlateinischen schrift bald noch durch ein 
schriftzeichen dargestellt wird bald nicht. War das 8 ein- 
mal gänzlich verklungen und lautlich abgestorben in Pi-i 
saurese u. a., so hätte es in den gewöhnlichen formen wie^ 
Pisaurenses nicht wieder auferstehen können. Falsch ist 
femer die aufstellung Pisaurese sei von einem conso*: 
nautischen stamme Pisaurens- gebildet, da das suffix 
-ensi niemals sonst auslautendes i einbü&t. Die formt 
Thermesum für Thermesium beweist das sieber nicht«: 
Ueberaus häutig schwindet i nach vorhergehenden conaor 
nanten vor folgendem vokal. So konnten also auch von. 



996 Coraseo 

iHErfSanen fimnen 4e8 geoi^plar. auf -am f&r -iam ent- 
stielieii^ indem sie der analogie der consonantisahen stamme 
folgten« Aus Thermesum folgt also nicht entfernt, dafii 
M eine» conaonantiscben- stamm Thermes- gegeben habe. 
Da& in der flexion lateinischer substantiva und adjectiva 
^ gansee pluralenduiig -es jemals gesehwunden sei, mnifl 
ich gftndich in abrede stellen. Die oskische form cen* 
atnr und die umbrische frater sind nicht beweisend fikr 
das lateinische. Dafs noch auf dem boden der lateinischen 
spräche quattuor aus *quattuores entstanden sei, be- 
atreite ich. ebenfalls 9 da schon das sanskrit die flexionslo- 
aen formen K&tTar katux zeigt. Die form des Zahlwor- 
tes qnattaor kann überdies für angeblich flexionslose for- 
men lateinischer substantiva und adjectiva nichts beweisen, 
da ja die Zahlwörter in den indogermanischen sprachen 
iSrAbaeitig verstümmelte flexionsendungen zeigen und viel- 
fach, flexionslos erscheinen. Wenn der verf. femer be- 
banptet die formen Ramnes, Tities, Luceres sden 
ansBamnenses, Titienses, Lucerenses durch abfall 
der endnng -es des nom. pl. entstanden, so wirft er diese 
behauptong wieder hin, ohne eine andere bereits gegebene 
erklimng zu kennen, und ohne die möglichkeit einer an- 
deren entstehung jener kürzeren wortformen sich zu vexge- 
genw&rtigen. Ich habe, eben weil sich im lateinischen kein 
beispiel des gänzlichen Schwindens der pluralendung -es 
von i««tftmQien oder consonan tischen Stämmen findet, die 
kürzeren formen aus den längeren so erklärt, da& wie 
häufig erst n vor s» dann s zwischen vokalen schwand, und 
diese verschmolzen, so dafs also -enses zu -eses, -e-es^ 
M wurde (krit. beitr. s. 465). Es bleibt aber noch eine 
andere> möglichkeit der erklärung, dafs nämlich die formen 
Bamaes^ Tities, Luceres nom. plur. der o-stämme 
Ba-an-o-, Titio-, Lucero- sind wie flexumines, ma- 
trim€S) patrimes von flexumino-, matrimo-, patri- 
moH, wie die in altla^;. inschriften vorkommenden formen des 
nomt pl; auf -es von o-stämmen, und dafs von jenen o^stäm« 
mMiu durdi anf&gung des Suffixes -ensi die erweiterten 
atiranie Bamn-ensi-, Titi-ensi-, Lucer-ensi- gebil- 



anzeigen. 297 

det sind, zu denen die pluralformen Ramn-ens-es, Ti- 
li -ens- es, Lucer- ens-es gehören. Ich gebe dieser letz- 
teren erklärung jetzt den Vorzug. Wenn also in canes, 
panes, fores, tnrbines bei Plautus die letzte silbe in 
der metrischen geltung einer kürze erscheint, so folgt da- 
raus keines weges, dafs das sufBx -es -e aufgehört habe, 
wie sich B. ausdrückt, sondern das e des Suffixes von pa- 
ne« u, a. kürzte sich bis zur mittelzeitigkeit, bis zu einer 
irrationalen zwischen länge und kürze liegenden tondauer. 
So konnte, da das auslautende s im altlateinischen vielfach 
zu schwach lautete, um mit consonantischem aulaut des fol- 
genden Wortes Position zu bilden, die silbe -es in den 
obigen werten zur geltung einer metrischen kürze herab- 
sinken. 

Der verf« weist falle nach, wo im altlateinischen neu- 
trales a des nom. aoc. plur. als länge gemessen ist (s. 19). 
Von diesen sind verberä und debiliä bei Plautus nicht 
zu bemängeln. Ich habe nachgewiesen, dafs in den Zahl- 
wörtern tri-gintä, quadrä-gintä, quinquä-gintä 
u; s. w. sich ein altes ursprünglich langes neutrales a er- 
halten hat, dafs sich auch sonst in den indogermanischen 
sprachen zeigt, dafs also quadrä-gintä, entstanden aus 
quadrä ^decentä, eigentlich bedeutete „vier zehner^ (krit. 
beitr. s. 508). Ohne von dieser erklärung oder von dem 
Vorhandensein eines ursprünglich langen neutralen ä eine 
ahnung zu verrrathen, erklärt B. septuä-gintä u. a. für 
ablativische composita. Er zweifelt nicht daran, ohne ein 
beispiel f&r solche ablativische zahlwörtercompositionen 
aus dem bereicbe der indogermanischen sprachen beibrin- 
gen zu können, ohne über die bedeutung solcher wunder- 
lichen ablativverwendung ein wort zu verlieren. 

Von den i-stämmen soll -em die alte lateinische bil- 
dung des acc. sing. sein. Aber wie die abstamme den 
acc. sing, -am, die e-stämme -em, die u-stämme -um, die 
o-stämme -om gebildet haben, so konnte der acc. sing, der 

i-stämme ursprünglich nur -im lauten wie im oskischen 
und skr. -i-m, im griech. -i-v und dem entsprechend in 
anderen verwandten sprachen. Die älteste form von dem 



298 Corssen 

acc. sing, eines i-starames, die auf einer altiateinischen in- 
Schrift vorkommt, lautet denn auch -im, nämlich part-i, 
wo nur das schwach auslautende m wie so oft nicht ge- 
schrieben ist. Der ursprünglicHe accusativ auf -im bat 
sich daher auch erhalten in den zahlreichen accosativen 
auf -ti-m von ursprünglichen Substantiven auf -ti- wie 
par-ti-m u. a. (krit. beitr. s. 76. 281). Vor auslautendem 
m hätte ein altes e unmöglich zu i werden können, we- 
nigstens nicht im älteren und klassischen latein, da i zu 
m keine Wahlverwandtschaft hat und umgekehrt sich e so 
vielfach an die stelle des i in den auslaut oder vor die 
schwach auslautenden consonanten drängt. Irrig ist auch 
d|e behauptung, dafs au-tem aus ^au-tim entstanden sei. 
Das -tem desselben steht vielmehr neben tam vn.e das 
nem- in nem-pe neben nam, wie -dem in qui-dem, 
pri-dem neben -dam in qui-dam^ quon-dam. Das 
a von tam ist in au-tem zu e geschwächt, weil es zwei- 
tes glied einer Zusammensetzung oder enklitisch angefügt 
war. Aus demselben gründe ist in un-decim etc. das 
e von decem vor m zu i verdünnt, wie in red-imo ne- 
ben emo, wie das a von nam oder das e von nem-pe 
zu i in -nim von e-nim und osk. i-nim (vergl. Ref. krit. 
beitr. s. 289 f.). Mag also auch die form -es des acc. plur. 
von i-stämmen auf älteren Inschriften vorkommen als die 
auf -is (s. 27), als grundform mufs man doch -i*ns an- 
nehmen wie für a-stämme -a-ns, für e-stämme -e-ns, fiir 
o-stämme -o-ns, für u-stämme -u-ns. Da das -ns die- 
ser casusformen durch ss zu s wurde, so mufs auch -i-ns 
erBt zu -i-s geworden sein ehe es altlateinisch zu -eis 
und -es ward. 

Die alte genitivform partus soll von einem stamme 
par-t- abgeleitet sein, also nicht von par-ti- wie par- 
-ti-m, par-ti-um etc. Aber ein blofses suffix t hat nie 
existiert sondern ist immer nur eine Verstümmelung von 
-ta, -to, oder -ti. Par-t-us ist aus *par-ti-us entstan- 
den durch schwinden des i nach vorhergehendem conso- 
nanten vor folgendem vocal gerade so wie Thermesum 
aus Thermensium. Die genitivformen isti, illi, ali 



auzeigen. 299 

IQ den Verbindungen isti modi, illi modi, ali rei sol- 
len aus istius, illius, alias durch ^zusammendrängung'^ 
entstanden sein (s. 40). Hingegen in neutri generis das 
neu tri nicht aus neu tri us. Das ist eine rein willkühr- 
liche Scheidung. Die genitive auf i der vorstehenden pro- 
nomina und pronominaladjectiva sind einfach der nominal-* 
declination von o-stämmen gefolgt, win die genitivformen 
alterae, utrae, unae, ullae, totae ebenfalls der nomi- 
naldeklination folgten neben alterins, utrius, unius a.a. 
Ich habe nachgewiesen, dafs in dem gen. quo-i-us und 
in dem dat. quo-i-ei der pronominalstamm quo- durch 
ein I erweitert ist, ebenso wie in e-i-us der pronominal- 
stamm i- in hu-i-us der pronominalstamm ho-, dasselbe 
locative l, durch dessen anfügung aus quo- im nom. sing, 
masc. *quo-i und mit vocal Verschmelzung qui, im nom. 
fem. aus qua-:qua-i, qua-e wurde, dafs dieses i daher 
ursprünglich lang war, in quo-l-us so sicher wie in ist- 
-l-us ips-l-us, ill-l-us u. a. und sich wie in diesen 
formen kürzte (krit. beitr. s. 544 ; krit. nachtr. s. 94). In 
quo-i-us, ho-i-us, e-i-us trat diese kürzung früher 
ein, da das i hier zwischen zwei vokalen stand, während 
in ips-i-us, ill-i-us u. a. der auslautende Stammvokal 
vor dem vokalischen suffix schwand. Und zwar wuchs in 
jenen formen ein lauttheil des langen i den vorhergehenden 
Stammvokalen o und e zu, während der andere sich zu 
dem halbvokal j verhärtete, oder anders ausgedrückt I 
kürzte und verhärtete sich zu j und es trat ersatzdehnung 
des vorhergehenden vokals ein. So entstanden die zwei- 
silbigen formen cü-ius, hü-ius, e-ius. Als beleg für die 
ursprüngliche länge des i in quo-l-us habe ich den als 
regelrechten Saturnier gemessenen vers: Quofus forma vir- 
tutei parisuma fuit angeführt. Dagegen thut der verf. den 
machtspruch, dreisilbige messung dürfe fürquo-i-us nicht 
angenommen werden. Warum nicht, das sagt er nicht, 
läfst sich auch nicht begründen, wie ich zu behaupten 
wage. Und wie mifst er^ nun den vers? Er mifst pari- 
suma, indem er das i des wertes für einen blofsen kurzen 
bindevokal ausgiebt. Aber parisuma ist ja hier blofs die 



dÖO CoTssen 

alte Schreibweise für parissuma, das superlatiTSuffix -is- 
-simo aber aus -is-timo für -ios-timo entstanden, so 
dafs der bestandtheil -is aus -ios verschmolzenes compa- 
rativsuffix ist wie in pr-is-cu-s, pr-is-tlnu-s u. a. 
(Ref. krit. nachtr. s. 94 anm.). Die so entstandene silbe 
is-s in parissuma also soll in jenem Saturnier kurz ge- 
messen sein, und daraus soll folgen, dafs man nicht ur- 
sprünglich quo-l-us sprach und mafs so gut wie ips- 
-I-us ist-i-us u. a. Dafs die ältere verskunst noch 
quo-l-us mafs, ist ebenso wenig befremdlich, al» dafs 
sie in terrä-i, e^i, fide-i u. a. die länge des vo- 
kals vor folgendem vokal wahrte. Inbove-rum, Jov- 
e-rum, nuce-rum, rege-rum, lapide-rum will der 
verf. nicht genitivbildungen sehen wie anima-rum, bo- 
no-rum, deren sufGx -r um aus ursprünglichem -s am ent- 
standen ist, sondern erklärt das -er in jenen genitivformeu 
f&r eine Stammerweiterung (s. 40). Von den beispielen, die 
er fär diese angebliche Stammerweiterung beibringt, ist kein 
einziges stichhaltig. Von spes neben sper-es, pro-sper 
u. a. ist schon gesagt, dafs es ein auf -es auslautender 
stamm war, dessen s in spe-i u. a. geschwunden ist wie 
in die-i. Ein eben solcher stamm war pub-es pub-er-is 
(Ref. krit. beitr. s.466). In vi-s war -is suffix, entstanden 
aus ursprünglichem -as und an die wz. vi- für gvi- ge- 
fügt; durch sinken des s zu r entstanden vir-ium, vir- 
-ibus, durch schwinden desselben vi-m vi, so dafs das 
wort in die i-declination übertrat (a. o. s. 60. 465). Das 
suff. -is ist auch in cucum-is- enthalten, dessen genitivform 
cucum-er-is aus *cucum-is-is entstanden ist wie ein - 
er-is aus *cin-is-is(a.o.). Ebenso gebildet ist acipens-is, 
acipens-er und acipen-ser-is aus ^acipens-is-is 
entstanden, während die genitivformen cucum-is und 
acipens-is in der angegebenen weise der i-declination 
folgten. Was die form su-eris neben su-is betrifb, so 
hat es mit derselben seine eigene bewandtnifs. Bei Fe- 
stus, V. spetile, p. 330 erscheint eine form su-eres, die 
O. Müller in sueris emendiert. Bei Varro hei&t es L. L. 
V, 110: Tegus suis ab eo quod tegitur. Ferna a pede 



anzeigen. 301 

äueris. Ex abdomine eius ofiiila dicta ab offa minima e 
suere. In den hier vorkommenden formen su-er-is, sa- 
-er-e liegt allerdings ein aus du- erweiterter wortstamm 
su-er- vor. Aber jia Varro unmittelbar den genitiv su-is 
bat, so ist es mindestens wahrscheinlich, dafs su-er-is, 
su-er-e im altlateiniscben nicht ganz dasselbe bedeutete wie 
su-is, sondern su-s dem ahd.su nhd. sau entsprechend 
das weibliche, su-er das zahme männliche Schwein. Zur 
erklärung des wortbestandtheiles -er in su-er bieten sieb 
verschiedene wege, von denen ich hier vorläu6g abstehe. 
Mag dem sein, wie ihm wolle, so viel ist klar, dafs keine 
veranlassung vorliegt, die oben angeführten gen. plur. auf 
-e-rum anders zu erklären als die auf -a-rum, -o-rum, 
zumal denselben formen anderer casus wie ^boveres, 
*Jovere8 u. a. nicht zur seite stehen. Wenn consonan- 
tische Stämme beide bildungen des gen. plur. auf -um und 
auf -rum zeigen, so ist das ebenso wenig befremdlich, als 
wenn sich von a- und o-stämmen beide genitivformen ne- 
ben einander finden und vom pronominalstamme i- e-üm 
neben e-orum. An jene trat das sufBx -rum fQr -snm, 
-8 am natürlich mit einem bildungsvokal wie das suffix 
-bus, während beide sufSxe an vokalische stamme unmit- 
telbar angefügt wurden. * 

Die Präposition si-ne soll entstanden sein aus ^sed-ne 
und die altlateinische präposition sed enthalten, die sieh 
in sed fraude, sed-itio unversehrt erhalten, in se-ce- 
dere, se-ponere, se-vocare u.a. ihr d eingebüfst bat 
(s. 54). Dieses sed soll unserem „allein^ gleichen; aber 
es bedeutet ja in den angeführten compositen „abseits, hin- 
weg, gesondert'' und daher in der Verbindung sed fraude 
„ohne^. „Deutlichkeit der spräche^ soll zur anhängung 
des ne an dieselbe gef&hrt haben. Ich vermag nicht ab- 
zusehen^ was die spräche bei dieser angeblichen anhängung 
eigentlich hat deutlich machen sollen. So viel aber ist 
klar, dafs, wenn sed „abseits, gesondert^ bedeutete, sed-ne 
„nicht abseits, gesondert^ also „zusammen mit^ hätte be- 
deuten müssen, so sicher wie dum modo „wenn nur ^ und 
dummodo ne „wenn nur nicht ^ bedeutet. Die bereits 



302 Corssen 

gegebene erklärung von si-ne (Ref.au8spr.II,274) ist wieder 
Dicht zur kenntnifs des verf. gelangt. Festus sagt p. 165: 
M.Nesi pro sine positutn est [in lege dedicationis arae] 
Dianae Aventinen[8i8]. Si-ne enthält also dieselben wort- 
bestandtheile wie ne-si nur in umgekehrter folge. Das 
si- ist dasselbe wie in si-c, nämlich eine männliebe oder 
neutrale locati^form des pronominalstammes so-, sa-, und 
bedeutet ursprünglich „da'^ daher »so^, also si-ne wie 
ne-si „da nicht, so nicht % daher „geschieden gesondert 
von, ohne^. Die locativform hat sich deutlich erhalten in 
dem altlateinischen sei-ne, später hat sich der vokal ei, 
I gekürzt wie in nisi neben ne, nel, ni. 

Wie die kenntnisse des verf. auf dem gebiete des os- 
kischen beschaffen sind, zeigt sein irrthum, dafs er meint, 
es gäbe auf der weiheinschrift von Agnone dativformen 
Kerri, Kerrii von einem e-stamme (s. 54). In dieser 
inschrifl erscheinen die formen Kerr-i dat. sing, entspre- 
chend der lat. Cerer-i, nur dafs das e zwischen den bei- 
den r geschwunden ist wie in Cerr-itu-s, also vom no- 
minalstamme Ker-es-, ferner Kerr-ii-in loc. sing. masc. 
Kerr-iio-i und Kerr-iio-is dat. sing. plur. masc, Kerr- 
-lia-i und Kerr-iia-is, dat. sing. plur. fem. von dem ad- 
jectivstamme Kerr-iio- der mit*dem suflSx -iio vom no- 
minalstamme Kerr- für Keres- gebildet ist und Cere- 
-ali- bedeutet. Eine form Kerrii giebt es weder in der 
genannten inschrift noch überhaupt im oskischen (vergl. 
Knötel, z. f. Alterthumsw. 1832, n. 17; zeitschr. f. vgl. spr. 
I, 88. VI, 64, VII, 164). Von einer e«declination findet 
sich im oskischen auch keine spur. 

Die pronominalform tibe, tibei, tibi soll in der alt- 
lateinischen metrik nicht blofs einsilbig behandelt, sie soll 
sogar wie mihi mit anlautendem langen vokal des folgen- 
den Wortes zusammenfli^sen (s. 58). Aber neben mihi 
steht ja die einsilbige form mi: wo findet sich hingegen 
eine einsilbige form "^ti neben tibi? Also dasselbe suflSx 
-bi, das immer so geschrieben ist, soll nicht blofs nicht 
gesprochen, das b gar nicht hörbar gewesen sein, auch i 
vor bi soll mit dem anlaut des folgenden wortes verschilf- 



anzeigen. 303 

fen sein und nicht gelantet haben. Wer solche behaup- 
tungen auszusprechen wagt, mufs coosequenter weise da- 
rauf verzichten, aus der schrift der Römer irgend einen 
sicheren schlufs auf ihre ausspräche zu machen. Man gehe 
die messungen der verse durch, aus denen der verf. dedu* 
eiert, dals das stets so vollständig geschriebene tibi wie 
blofses t gelautet habe, und man wird finden, dafs unter 
ihnen keiner ist, der sich nicht anders messen liefse, als 
der verf. annimmt. Die dativform quo-i soll nicht aus 
quoi-ei entstanden sein (s. 59), wie ich angenommen habe 
(krit. beitr. 8.544). Warum? Weil Seneca das einsilbig 
gesprochene cüi metrisch in cüi aufgelöst habe und die 
kürze des i gegen die analogie von bovi, ovi, pecul sei. 
Aber diese Wörter sind ja zu Seneca^s zeit nicht einsilbig 
gesprochen worden, und so konnte bei ihnen eine künst- 
liche metrische Diaerese nicht eintreten, wie sie sich Se- 
neca mit CÜI erlaubt, indem er natürlich statt der einen 
langen silbe cui zwei metrische kürz erechnet. Wenn Sta- 
tins dagegen hülc dono mifst, so behandelt er das i als 
positionslang, während sich vor vokalischem anlaut des fol- 
genden Wortes eine zweisilbige messung von huic nicht 
findet. Ueberhaupt aber bestreite ich die ansieht, dafs in 
der dativendung l, ei, e von consonantischen und i-stäm- 
men so wie von pronominalstämmen eine locativform zu 
suchen sei. Doch davon an einer anderen stelle. 

In dem abschnitt über den loc. sing, finden sich be^ 
sonders viel willkürliche und irrige behauptungen, die der 
verf. durch künstliche Spitzfindigkeiten vergebens zu stützen 
sucht (s. 61 — 63). So wird neben der locativform dom-i 
„zu hause ^ die alte form domu-i „zu hause^ für einen 
dativ erklärt. Da der alte stamm des Wortes unzweifel* 
haft domu- war, so mufs als das locativsuffix -I an den- 
selben herantrat, der locativ desselben doch jedenfalls ein- 
mal domu-i gelautet haben. Es ist also nicht der schat- 
ten eines grundes vorhanden jenes überlieferte domu-i 
nicht ftkr diesen locativ domu-i zu halten. Als domu- 
wie viele andere u-stämme in die o«declination übertrat, 
entstand die jüngere locativform dom-i. Dafs die loca- 



304 Corssen 

tiTform Romai in der sehr aüen Inschrift einer cista zwei- 
»Ibig gesprochen sei^ ist ganz unerweislich, da die in^ 
schrifl prosaisch ist, also das metrum kein kiiteriom hie* 
tet für die ausspräche der wortform. Wenn aber beim 
herantreten' der dativendung i an den stamm £omä- und 
noch lange nachher Romä-I gesprochen wurde, so ist gar 
nicht einzusehen, weshalb nicht 'nach herantreten der loca- 
tivendung i an denselben stamm in der ältesten zeit auch 
der locativ Romä-i gesprochen worden sein soll, bis die 
vokale ä-I zum diphthongen ai v,erschmolzen. Ebenso will- 
köbrlich ist die behauptung, die alte locativform humo-i 
sei von jeher zweisilbig gesprochen worden. Demselben 
irrthum, dafs das locativsuffix I von jeher und von vom 
herein mit dem auslautenden Stammvokal zu einem diph- 
thongen verschmolzen gewesen sei, verdankt auch die fal- 
sche behauptung ihren Ursprung, in die-quinte sei das 
quinte locativform, aber das die- ablativ nicht locativ, es 
sei also hier ein adjectiv im locativ zu einem Substantiv 
im ablativ gesetzt. Der locativ vom stamme di-es lautete 
einst *di-es-i, dann nach schwinden des stammhaften 9 
di-e-i. Diese locativendung aber konnte ebenso gut zu 
die abgestumpft werden wie die genitivendung di-e-i zu 
di-e. Mindestens unerwiesen ist die annähme, dais die 
adverbien roane und sane locativische nicht ablativische 
adverbien seien. Das adverbium qui „wie% das man bis- 
her für einen ablativ hielt, erklärt der vcrf. für eine loca- 
tivform. Grade der gebrauch in der frage qui fit? weist 
nun aber darauf hin, dafs qui ablativ des fragenden und 
indefiniten pronominalstammes qui ist, der auch gelegent- 
lich relativ verwandt wird. Das bestätigen ja auch die 
Verbindungen qui praesente und qui cum, wo qui un- 
läugbar ablativ ist, während der verf. hier zu gunsten sei* 
ner hypothese einen locativ-ablativ absolutus und eine con- 
struction von cum mit dem locativ annimmt. Wo findet 
sich davon sonst im lateinischen irgend eine spur? Die 
locativformen wie olim, illim, exim, proin, dein be- 
handelt der verf. gar nicht, obwohl sie in neuerer zeit der 
gegenständ mehrfacher eingehender erorterung gewesen sind. 



anzeigen. 30h 

Vielfach irrt der yerf. auch in seinen behauptongen 
Qber die aus dem ursprünglichen suffiz -bhjas entstande- 
nen italischen sufBzformen. Der umbriscbe dat. abl. plor. 
fratr-us soll entstanden sein aus *fratrfus (s. 64). Un- 
möglich kann man eine solche form als die ursprünglich 
umbrische oder italische ansehen, da die consonantenver* 
bindung trf in den italischen sprachen unerhört ist. Ich 
glaube neuerdings den beweis gef&hrt zu haben, dafs umbr. 
fratr-us entstanden ist aus ital. fratr-e-fos, umbr. hö- 
rn on-us aus ital. homon-e-fos durch Verflüchtigung des 
f zu h und schwinden dieses hauchlautes, dafs aus denselben 
italischen grundformen die lat. fratr-i-bus, homon-i- 
-bus geworden sind durch Verschiebung des f zu b (krit. 
nachtr. s. 212). Die form senator*bus, die einmal in 
dem erlafs über die bacchanalien erscheint, sieht B. als ei» 
nen rest &cht consonantischer flexion an, d.h. also, wo 
das sufHz -bus ohne den bildungsvokal e, i an den con* 
sonantischen wortstamm getreten sei (s. 64). Die formen 
bu-bus und su-bus können dafür nichts beweisen, da 
sie von einsilbigen auf u auslautenden wortstämmen gebil* 
det sind, an die natürlich das suf&x -bus wie überhaupt 
an die auf u und andere vokale auslautenden stamme ohne 
bildungs- oder vermittlungsvokal trat. In dem erlafs über 
die bacchanalien findet sich neben senator-bus zweimal 
senator-i-bus, einmal mulier-i-bus, in allen älteren 
und späteren Sprachdenkmälern erscheint der dat. abl. plur. 
von consonantischen stammen immer mit dem bildungsvo- 
kal auf -6-bos -e-bus oder «i^bus ausgehend. Man 
mufs daher schliefsen, dafs auch jenes einmal vorkom* 
mende senator-bus aus senator-e-bus oder sena- 
tor-i-bus entstanden ist, indem der bildungsvokal e, i 
unter die Zeitdauer, einer metrischen kürze herabsank 
und daher wie zahlreiche andere irrationale vokale gele- 
gentlich durch die schritt nicht bezeichnet wurde. Aus- 
gehend von einer willkürlichen messung eines satumischen 
Verses hält es der verf. itkr möglich , dafs die endung 
-i-bus in tempestati-bus einsilbig ibs gesprochen sei, 
während doch der auslaut bs in lateinischen Wörtern uner- 

Zeitschr. f. ygl. eprachf. XVI. 4. 20 



306 Consen 

hört ist. Wenn er dabei auf eine o&Acische datiTeofdung 
-188 binweist, 8o ist dagegen zu sagen, dafs deren erklä- 
rang keineswegs sicher gestellt ist (Ref. krit. nachtr. 8.212) 
und dafs aie unmöglich beweisen kann, die suffixform 
-i-bus sei in einem lateinischen wort wie ibs oder ähn- 
li^ wie 188 gesprochen worden. Um dieser aufstelhing 
halt zu geben, behauptet B. ferner omni-modis sei ent- 
standen aus Omnibus modis, indem *h\xs im ersten 
eompositionsgliede ganz geschwunden sei. Die entstehung 
jener Zusammensetzung ist aber eine ganz andere. Aus 
multis modis, miris modis entstanden durch zusam- 
menrOckung von substanttv und adjectiv unter einen hoeh- 
ton, so dafs modis enklitisch wurde wie modo in quo- 
-modo, quodam-modo die späteren formen multi- 
-^modis, miri*modis, indem s vor m schwand wie in 
Camena, remus u. a. fEkr Casmena, resmos, und nun 
das i vor m sich kürzte, wie kurzes i so vielfach am ende 
des ersten compositionsgliedes aus anderen vokalen abge- 
schwächt erscheint. Nach der analogie der so entstande- 
nen formen multi-modis miri-modis, die wie die abl. 
plur. gratis, in-gratis adverbialisch verwandt wurden, 
ist dann auch omni-modis gebildet, wie die lateinische 
spräche reich ist an dergleichen analogiebildungen. Der 
verf. glaubt nicht an Schleichers erklärung, dals die for- 
men des dat. abl. plur. agro-is, silva-is ans *agro- 
-bios, *silva-bios entstanden seien, soudern hält sie fbr 
gleichen Ursprungs mit den griech. ayQo^ig {jka-ig. Der 
ansieht sind auch andere Sprachforscher, die viel gründli- 
cher auf die sache eingegangen sind als er. Statt gegen 
Schleicher geltend zu machen, dafs b im inlaut zwischen 
vokalen nicht ausfalle, wendet er „das vorwalten und den 
umgestaltenden einfiufs des i^ in der suffixform -is des dat. 
aM. plur. ein. Dieser einwand aber ist bedeutungslos und 
unrichtig. Das i in demselben ist gar nicht der active 
umgestaltende laut, sondern der passive umgestaltete, und 
das 8 hat vermöge seiner Wahlverwandtschaft zu i die ver-> 
Schmelzung von oi und ai zu i im dat. abl. plur. von o- 
ond a- Stämmen befördert. Ich glaube neuerdings den 



anzeigen. 907 

nacbweifi geführt zu haben, dafs diese snffixform -is aus 
skr. »bhjas entstanden ist doreh die mittelstufen -fies, 
-fis, -bis (krit. nacbtr. s. 216)^ ebenso wie die entsprechen- 
den oskischen und umbrischen stt£fixfon»en von a- nnd 
o-stämmen (a. o. 212). Hingegen ward das suffix -bfajas 
zu -bus durch die mittelstufen -fios, -fos, bos (a. Ow^215) 
und zu -bis in no-bis, vo-bis durch die mittelstufen 
-fies, -bies (a. o. 216). Die Qberlieferte form nis fdr 

no-bis ist daher auch nicht ans no-bis durch ausfall des 

• 

b entstanden, sondern aus ursprünglichen na-bhjas, ital. * 
""no-fies durch die mittelstufen ^no-fis, *no-his, 
^no-is. Dafs in der form e-eis des sc. de Baceh. das 
stammmhafte e kurz sei, ist eine unbegründete annähme, 
da sich ja später noch die formen ei-eis und e-is finden. 
Dafs der pronominalstamm i zu ei gesteigert wurde, zei- 
gen ja die formen des nom. sing, ei-s, ei-s-dem ei- 
-dem (Ref. krit. beitr. s. 529). Dieses ei- ward zu e in 
der obigen form e-eis, zu I in der form l-bus. 

Ich glaube hiermit mein oben ausgesprochenes urtheii 
über des verf. erklärungsversuche lateinischer casussui&xe 
ausreichend begründet zu haben. Ich erkenne dabei ans- 
drückiich an, dafs sich in der schrj^ desselben auch manche 
treffende und scharfsinnige sprachliche bemerknngen n»d 
erklämngen finden. Jedenfalls beachtung verdient die Zu- 
sammenstellung von e-nos im Carmen arvale mit griech. 
k-fjis (s. 20) und die vergleichung der überlieferten accu- 
sativform me-he ftkr me mit griech. h^fik-yB (s. 25), so 
dafs lat. -he, griech. -ye auf den pronomrnaistamm skr. 
gha- zurückgeht, auf den ich neuerdings mit Benfe; das 
pron. hi-c hae-c ho-c zurflckgeftkhrt habe (krit. nachtr. 
s. 89 f). Fein ist die bemerkung, weshalb die formen no- 
strum vestrum als partitive^ hingegen nos tri vestrials 
objective genitive verwandt seien (s. 45), schlagend der 
nach weis, dafs in dem sogenannten supinum auf u dativ 
und ablativ der verbalsubstantiva auf tu- zusammengefloe- 
sen sind (s. 67). Potes-tas leitet der verf. von der com- 
parativform ^potios ab (s. 63). Daf&r hätte ter maies- 
-tas von "^maios als beleg anfthren sollen. Ich habe 

20* 



908 Rodiger 

potes-tas früher aus *potent-ta8 hergeleitet wie ege 8- 
-tas aus ^egent-tas. Es ist indessen sehr wohl möglich, 
dafs in eges-tas eine nominalbildung ^eg-os- zu grande 
liegt wie in hones-tas hon-os. Ich bin daher geneigt 
der obigen erklärung des verf. vor der meinigen den Vor- 
zug zu geben. 

Es ist kein zweifei, dals der verf. befähigt ist auf dem 
gebiete der lateinischen grammatik etwas zu leisten; aber 
er wird dies nur, wenn er neben seinen epigrapfaischen, 
handschriftlichen und metrischen Studien es ferner nicht 
Terabsäumt, sich eine eingehendere kenntnifs von dem ge- 
genwärtigen Stande der sprachlichen Specialforschung auf 
diesem »felde anzueignen, die auf den ergebnissen der ver- 
gleichenden Sprachforschung beruht. Ich wiederhole noch 
einmal, dafs ich den aus jenen Studien hervorgegangenen 
schätzenswerthen thatsächlichen beitragen zur geschichte 
der lateinischen casusformen, dem in der vorliegenden scbrift 
hervortretenden bekenntnifs des verf. zu den principien 
und hauptergebnissen der vergleichenden Sprachforschung 
so wie manchen scharfsinnigen sprachlichen bemerkungen 
und erklärungen desselben volle anerkennung widerfahren 
lasse. Wäre das nicht^er fall, so wQrde die vorstehende 
anzeige nicht so ausführlich ausgefallen sein. 

Berlin. W. Corssen. 



Untersnehangeii ttbor die spräche der homeriseheii gediehte von 

Albert Fulda. 

I. Der pleonastiflche gebrauch von &vfi6<it <pQn*' ^°^ ähnlichen wertem. 
DnUbuig 1865. 331 s. 8. 

Das vorbenannte buch ist aus der doctordissertation 
des hm. F. hervorgegangen und verfolgt seinen letzten re- 
sultaten nach ein philologisches ziel, nämlich zu eineoi 
besseren verständnifs und richtigerer benrtheilung der in 
den homerischen gedichten oft rein pleonastisch auftretenden 
Wörter S-tfi '$, (pgijv etc. zu fähren. Die art der lösung 
dieses problems aber bringt den verf und seine arbeit in 



anzeigen. 309 

nächste beziefaung zu alleiD, was' die vergleichende Sprach- 
forschung auf dem gebiete des ^riechischeo in etymologien 
geleistet hat. 

Der hr. verf. weist nach, dafs die genannten Wörter 
„in den meisten fällen semasiologisoh todt, dafs sie pleo- 
nasmen sind". Er hält dafbr, und jedenfalls mit recht, 
dafs es eine „dem innersten wesen der spräche widersprc-* 
chende erscheinung'' sei, dafs sich keinerlei einflufs dieser 
Zusätze auf den gedanken ermitteln lasse. Aus dieser Über- 
zeugung mufs nothwendig das bestreben hervorgehen die* 
sen Zusätzen einen Ursprung nachzuweisen, der sie wenig- 
stens ihrem entstehen nach „als unumgänglich nothwen* 
dige, den gedanken constituirende elemente des satzes" er- 
scheinen läfst. Nun kommen diese Wörter gröfstentheils 
in formelhafter Verbindung mit den verschiedensten verben 
vor. Solche formelhaft fest geknöpften Wortverbindungen 
sind aber nicht als besitzthum der einzelnen individuen, 
sondern der ganzen gattung der dichter anzusehen, und 
sie werden von der epischen poesie unverändert auch durch 
generationen fortgepflanzt. So ist es gerechtfertigt in die- 
sen formein reste eines älteren vorhomerischen sprachzu- 
standes zu erkennen, bei deren erster bildung jene zusätze 
nothwendige erfordernisse zur bedeutungsbestimmung der 
verbundenen verba waren, während sie später, nachdem 
jene verba „das semasiologische momest, welches in ihnen^ 
den Zusätzen, lag, mit in sich aufgenommen hatten", einen 
rein pleonastischen charakter erhielten. Durch Leo Meyer, 
seinen lehrer, aufmerksam geworden auf eine Verwendung 
der Wörter &vfji6g etc. bei der Überleitung einer concreten, 
sinnlichen Wortbedeutung zu einer abstracten, macht es 
sich hr. F. zur aufgäbe bei allen homerischen verben, die 
in der besprochenen formelhaften Verknüpfung mit d'Vfiog 
etc. vorkommen, den überleitenden charakter jener zusätze 
nachzuweisen,- und dies kann natürlich nur geschehen, in- 
dem er in den so behafteten verben eine dem entspre- 
chende concrete grundbedeutung festzustellen sucht. Für 
rigmo z. b. ergiebt sich als grundbedeutung „sättigen"; 
durch die zusätze (^vfiov hegnev, ifvfAfp tionno^ T€Q(fd'eii] 



810 Rödiger 

tpQwiv ymv eie.) wurde es dem gebiete des rein sinnlichen 
enthoben und daraus entsprang die bedeutung des „labens, 
erfreuens^ für das verbuni, auch in seiner befreiung von 
den Zusätzen. 

Es kann kein zweifei sein über die vollständige Be- 
rechtigung des princips, von dem hr. F. ausgeht. Wie sich 
in festgeschlossenen wortkörpern^ compositis, alterthümliche 
formen ehalten, so mufs sich gewifs eine gleiche conser- 
vative Wirkung in formelhaften, bei lebendiger tradition 
unangetastet bewahrten satzkörpern geltend machen. Hr. 
F. giebt selbst auf pp. 4. 5« 18 beispiele analoger erschei- 
nungen auch aulserhalb des griechischen gebietes, und die 
erhaltung derartiger Verbindungen bei Homer ist umsomehr 
vorauszusetzen, als wir von tage zu tage besser belehrt 
werden über die unglaubliche Zähigkeit der Überlieferung 
in der volkspoesie, sei es nun in bezug auf einen gegebe- 
nen inhalt oder eine gegebene art der einkleidung. Aber 
bei einer Untersuchung, die die frei wogenden spracher- 
scheinungen unter einem gesichtspunkte zu bannen sucht 
und mit unerbitterlichem „entweder — oder^ scheidet, ist es 
unvermeidlich, stellenweise zu weit zu gehen, denn die lei- 
stungsfähigkeit des princips mufs eben bis auf das äuiserste 
erprobt werden. So bin ich denn auch hier der meinung, 
dftfs der verf. zuweilen den sträng zu stark angezogen hat. 

Wenn hr. F. selbst auf p. 298 ein zugesetztes xfvfuß 
als einen „reflex einer alten formel^ betrachtet, auf p. 162 
und 163 (ef. p. 266) ein ä-uf^og (/?, 138) aus einem „streben 
nach nachdruck und genauigkeit^ ableitet, auf p. 212 (cf. 
p. 164) die stelle C^ 147 trotz fehlender formelhaftigkeit als 
alter tradition entsprossen ansiebt, so scheint mir diesem 
wirken der analogie und poetischer bedürfnisse betreffs der 
darstellung auch noch oft räum zugestanden werden zu 
müssen, wo der verf. diese erklärungsgründe abweist. Wenn 
sich die znsätze auch bei verben finden, deren abstracto 
bedeutung schon zur zeit der sprach trennung erwiesen scheint 
{olöa yiyvioffMO), denn hier ist mir die abfertigung der stellen 
nicht überzeugend), und ferner bei Wörtern, bei denen sie 
nicht jenen Übergang von concreter zu abstracter bedeutung 



anzeigen. 31 £ 

vermittelt zu haben scheinen (ä(}age p. 44 — 5, fiaxa^} 
p. 163; cf. or. 26. 30. 59), so kann ich nicht umhin deshalb 
von der haltbarkeit der argumente des verf. an andern stel- 
len (^BQuriov^w, lAaivofjLtti^ etc.) einen abzug zu m^ioben ü&d 
zu glauben, dais mit der erklärung des verf. die bedeutung 
jener Zusätze doch nicht ganz erschöpft sei. Mir kommt 
bei betrachtung der frage immer die Schwierigkeit in den 
sinn, die bedeutungsmodificationen durch die zahlreichen 
griechischen partikeln zu bestimmen, die trotz ihrer un- 
üafsbarkeit nie als überflüssig angesehen werden können. 

Weit entfernt bin ich aber bei alledem das dankeos- 
werthe verdienst des hrn. F., von einer ganz neuen seile 
her das ield des homerischen Wortschatzes in arbeit ge- 
nommen zu haben, milskennen- und den werth^ seiner Un- 
tersuchungen gering schätzen zu wollen. 

Auf neue eigne etymologien ist es in dw arbeit des- 
hrn. F. nicht .abgesehen; seine Untersuchung „bewegt sich 
ausschliefslich auf dem gebiete der bedeutungslehre'' und 
deshalb beschränkt er sich darauf von seinem gesichts- 
punkte aus über die gelieferten etymologien zu urtheilen, 
sich für die eine oder andere zweier widerstreitender zu 
entscheiden, oder auch einmal die entscheidung in der 
schwebe zu lassen, weil es dessen „zum zwecke der Un- 
tersuchung nicht bedarf^. Je schwieriger das ganze gebiet 
der bedeutungslehre ist, desto wichtiger und anerkennens- 
■werther sind die umsichtigen und besonnenen entwickelun- 
gen, die hr. F. gegeben hat; denn unleugbar scheint mir, 
dafs das princip der Untersuchung wirklich ein ariadnefa* 
den ist, an dem sich das unsichere gebiet mit einiger Zu- 
versicht hat betreten lassen. 

Im einzelnen möchte ich folgendes erwähnen: 

Unter nr. 34 scheint die beobachtimg des hrn. F. be- 
merkenswerth, dafs die ursprüngliche bedeutung von rignw 
„sättigen^ besonders an formen mit bewahrtem stanmihaf- 
ten a zu haften scheint; mit ausnähme von vier stellen in 
jüngeren stücken lassen jene formen diese erklärung über- 
all zu und überdies erscheinen sie zugleich überall mit depi 
genitiv verbunden statt des sonst gebräuchlich&i dativs. 



312 Rödiger 

Bei Dr. 40 liegt ein beachtenswerther wink f&r etymo^ 
logische versuche in der notiz, dafs unter den ISGmaleo, 
die voeo) bei Homer vorkommt, es sich 82 mal „auf wahr- 
ndmungen von irgend etwas im bereiche des gesichtssin- 
nes liegendem bezieht^. 

Nr. 76. Hr. F. vertheidigt wegen der bei fitQ^i]Qi^<a 
häufig auftretenden zusätze die Stammverwandtschaft dessel- 
ben mit piiQoq^ fiegi^w» Aber wenn ich auch die Widerlegung 
der bedenken, die Curtius gegen diese ableitung geltend 
macht, fQr zutreffend halte, so hat mich doch des veif. 
aoseinandersetzung nicht fQr dieselbe gewinnen können. 
Schon oben ist auf das vorkommen der zusätze bei verben 
abstracter bedeutung aufmerksam gemacht, sie machen also 
auch hier die ableituug nach Curtius nicht zu schänden; 
um so weniger als sie bei einem verbum des überlegens, 
wo sinnliche Zeichnung des hin- und hcrsch Wankens und 
der dauer des seelenactes sehr nahe liegt (s. was herr F. 
auf pp. 105. 106, 108 über die formel xara /pgeva xal xavd 
&v^6v bei diesen verben sagt), ganz besonders zulässig 
scheinen. Aufserdem aber scheint mir die intransitive be- 
deutung in fjiBQUfjoi^a) „in der seele getheilt sein'', wofür von 
Sal^Wj das hr. F. zur vergleichung anzieht, der Ordnung 
gemäfs nur das passivum verwendet wird, unstatthaft; die 
Überleitung gar aus dieser intransitiven in die transitive 
„ersinnen^ nämlich: es wäre „aus getheilt sein in der 
seele allmählich geworden in gedanken sein'', wozu 
dann ein acc. relat. z. b. cpovov = „in bezug auf den mord'' 
getreten sei,' scheint mir ganz verfehlt, MsQfitjQt^eiv muis 
doch zunächst auf ein uigfiijQa zurückgehen (Hesiod.Theogn. 
= sorge, noth) und etwa einem „eine fiBQ^ijQa machen '^ 
also „eine Überlegung machen'', nach hm. F. aber höch- 
stens „eine theilung machen % gleichstehen. 

Nr. 83 p. 202 anm. Um die bedeutungen „hoffen^ 
und „befürchten" in iXnofAai zu vermitteln zur annähme 
einer verblassung der alten bedeutung auf negativem ge- 
biete seine Zuflucht zu nehmen, ist wohl ein unglücklicher 
gedanke. 

Nr. 92. Dafs bei fAaivopiai die zusätze, weil nur an 



anzeigen. 313 

zweifelhaften etellen, Dicht gegen die verknQpfting mit ei- 
ner Wurzel von rein abstraeter bedeutung sprechen, giebt 
hr. F. selbst zu. Er findet es vorzüglich anstöfsig, dafs 
fiaivea&ai und andere verwandte worte mit ausgesproche- 
nem inhalt einer bewegung auf eine wurzel die ruhiges 
denken bedeutet zurückgehen soll. Schliefsen wir uns ihm 
aber an und betrachten nach Crecelius (Elberfeld. Pro- 
gramm 1860) als grundbedeutung der wz. f^av „greifen 
nach etwas'', so bleiben wieder die ruhe bezeichnenden for- 
men (manas, upaman, /AifivtJGxw^ fiivG) etc.) steine des an- 
stofses. Hr. F. scheint auch übersehen zu haben, dafs 
Crecelius selbst hier nicht ohne eine zweitheilung der wur- 
zel mit der masse der zuströmenden worte verschiedenster 
bedeutung auskommt. 

Nr. 97. Die bedeutungsentwickelungen von k'&iXio ge- 
winnt sehr für die Pott'sche zurückfbhrung auf skr. dhri. 

Nr. 98. Die Zusammenstellung von ^iXu mit ,ti6Ado- 
^ai, 'afiakSvvo) und skr. mrd nach Potts Vorgang und die 
erklärung von fiiXsi fioc cpQBoiv durch „es schabt, kratzt 
mir in den cpgivBg^ will sich mir durchaus nicht wahr- 
scheinlich erweisen. Besser verbindet wohl Curtius grundz. ^ 
p. 297 das wort mit wz. (a)fjiaQ^ fiegiftva^ fiSou7]giCa> etc. 

Der Vorschlag auf p. 315 für cpgeai novviä KiQxri in 
1^, 448 zu setzen (pQEol deutet Klgxi] soll doch wohl kein 
ernsthafter sein? 

Meiner ansieht nach also ist das buch des herrn. F. 
sehr lesenswerth, mag man auch an vielen stellen mit dem 
verf. nicht gleicher meinung sein. Es behandelt reichen 
Stoff und diesen mit methode. 

Rieh. Rödiger. 



Poetische personification in griech. dichtongen mit berttcksichtignng lat. 
dichter und Shakspere's, von dr. C. C. Hense. Parchim 1864. XIV, 
52 8. gr. 8. 

„Die sprachlichen Wendungen darzulegen, welche ins- 
besondere bei den Griechen personificirend gebraucht wer- 



31 4 Rödiger 

den, ist die absieht dieser blätter; diese weDduQgen zer- 
fallen iu drei gruppen. Die erste derselben umfa&t alle 
Wörter, welche theile des menschlichen körpers bezeichnen 
und durch anführung eines solchen theils die Vorstellung 
der menschlichen geetalt überhaupt erwecken; die zweite 
gruppe etc. Der verf. übergiebt zunächst dem publicum 
den abschnitt, welcher die erste gruppe, wenn auch noch 
nicht in ihrem vollem umfange, behandelt^. Der mitge- 
theilten erklärung gemäfs liefert hr. H., director des gym- 
uasiums zu Parchim, in dieser festschrift aus dem reich- 
thume einer aufserordentlichen belesenbeit Zusammenstel- 
lungen der dichterischen Wendungen, in denen ein xa^a, 
xaQiiVov, xB(paXi]^ Caput, head, ein xouf], (poßri^ xoiadv 
etc. etc. als ausdrücke einer personificirenden naturan- 
schauung auf den bezeichneten gebieten vorkommen. In 
der leichten aneinanderreihung und liebevollen bebandlung 
der gegebenen beispiele itihlt man bald, wie der verf. selbst 
in den zusammengehäuften schätzen von poesie schwelgt 
und mitgenieist und man kann nicht umhin sich durch das 
sanfte wiegen und wogen der bilder, die ja theils als Schö- 
pfungen unsrer eignen phantasie theils von aufsen an uns 
herangebracht auch zu unserm eigenthum geworden sind, 
gefangen nehmen zu lassen. Dem verf. ist es nicht um 
ein mühevolles vergleichen antiker und moderner dichtung 
von diesem gesichtspunkte aus zu thun, eine vergleichuug 
die vielleicht nur eine staunenswerthe Übereinstimmung 
alter und neuer zeit in der art den ewig sich gleichblei- 
benden naturerschein ungen gegenüber zu fahlen, also räi 
zeugnifs für die permanenz der einen menschennatur, er- 
geben würde, er will nur sammeln aus l}eiden gebieten, da 
sie beide reich sind. Das werkchen nimmt sich aus wie 
ein poetisches repertorium, das für die aesthetische exe- 
gese eines dichterwerkes vortreffliche dienste leisten kann, 
aber auch für den mythologen und Sprachforscher, die ja 
beide der spräche in der bethätigung ihres personificationS' 
triebes nach der art ihrer auffassung stets folgen müssen, 
angenehme und nicht nutzlose lectüre bietet. Diese Wür- 
digung hat das werkchen auch bei Curtios grundz. 2. i^ufl. 



Kuhn/ anzeigen. 315 

p. 107 gefunden. Nur eins möchte ich tadeln, oder, will 
ich besser sagen, bedauern (denn hr. H. hat wohl nicht ge- 
radezu die absieht gehabt durch seine schrift mythologi- 
sche und sprachliche Untersuchungen zu fördern) und zwar 
tri£Pt das die gestah des ganzen. Meiner nieinung nach 
nämlich müfste die arbeit für die genannten zwecke viel 
nutzbarer sein, wenn die anordnung des Stoffes eine andere 
wäre, wenn sie nämlich nicht der reihe der personificiren- 
den attribute folgte, die fQr das ganze des poetischen bil- 
des doch nur von secundärer Wichtigkeit sind, sondern der 
reihe der naturgegenstände, denen der dichter leben einge- 
haucht. Dann würden die etwaigen verschiedenen auffas- 
sungen desselben gegenständes klar nebeneinander treten, 
und vollständige phantasiegestalten gleichsam sich zusam- 
mensetzen lassen, während nun das verschiedenste, weil 
es zufällig von dem einen attribute her aufgefal'st ist, in 
wirbelndem reigen uns umspielt. Ich verkenne nicht, dafs 
das wohl ein schweres stück arbeit geworden wäre. 

Rieh. Rödiger. 



^rammaire compar^e des langues indo-europ^ennes comprenant le sans- 
crit, le zend, Tarm^nlen, le grec, le latin, le lithuanien, Tancien slave, 
le gothique et Tallemand par M. Fran9ois Bopp , tradnite sur la deu- 
xi^me Edition et pr^o^d^e d'ane introduction par M. Michel Br^al, 
Charge du conrs de grammaire compar^e au coU^ge de France. Tome 
Premier. Paris, imprimerie imperiale 1866. LVII, 458 pp. 8. 

Die vorliegende Übersetzung von Bopp's yergleichen- 
tler grammatik darf als ein fortschritt der vergleichenden 
Sprachstudien begrüfst werden, indem sie die resultate 
deutscher forschung auch auf französischem boden heimisch 
macht und sicherlich dadurch nicht wenig beitragen wird, 
die Wissenschaft zu erweitern und zu fordern. Denn wenn 
bisher nur eine kleine zahl von französischen gelehrten sich 
an der forschung auf diesem gebiete betheiligte, so lag es 
wohl hauptsächlich daran, weil es dort bis jetzt an einem 
werke wie das Boppache fehlte, das nicht nur durch den 



316 Knbn 

ifihalt sondern auch durch die darstellung am geeignetsten 
ist, um als grundlage bei diesen Studien zu dienen, wes- 
halb hr. B. mit recht sagt: nous avons voulu rendre plus 
accessible un livre qui est ä la fois un tresor des con- 
naissances nouvelles et un cours pratiqne de m^thode gram- 
maticale. Nachdem daher hr. Adolphe Regnier seine ab- 
sieht das Boppsche werk zu übersetzen aufgegeben , hat 
sich hr. Breal dieser aufgäbe unterzogen und dieselbe mit 
ebenso viel eindringendem verständnifs als grofsem ge- 
schick ausgeführt. 

Hr. Breal hat sich nämlich zwar im ganzen strenge 
an den text des Boppschen werkes gehalten, aber er hat 
sowohl den haupt- und unterabtheilungen als den einzelnen 
Paragraphen Überschriften, welche den inhalt charakterisi- 
ren, gegeben und den inhalt der paragraphen durch ab- 
sätze noch in abschnitte getheilt, welche der Übersichtlich- 
keit des ganzen Stoffes in hohem grade förderlich sind, so 
dafis wir den wünsch nicht unterdrücken können, dafs unser 
verehrter meister diese einrichtung in eine dritte ausgäbe 
des originalwerks, die ja wohl unter allen umständen bald 
erscheinen wird, hinübernehmen möge. Im übrigen hat hr. 
Br^al sich nur geringere redactionsänderungen erlaubt, die, 
wie wir anerkennen müssen, im ganzen der darstellung des 
inhalts nur zum vortheil gereichen. Wir führen einige 
dieser änderungen zur begründung unseres urtheils an. 

In §. 13 sind die irischen und slavischen vergleichun- 
gen mit wz. ghar aus dem text in eine anmerkung ge- 
bracht. 

So ist in §. 1 6 (B. p. 28, Br. p. 50) die vergleichung 
von ff&eyyw mit bhan^ fortgeblieben, offenbar weil Bopp 
selbst schon hinzufügt, dafs das sanskritische verbum noch 
unbelegt ist und auch das petersb. wtb. noch keine belege 
daftir gebracht hat. 

§. 20 B. p. 36 unten ist die ausf&hrung über goth. 
ras-da bei Br. p. ö9 passend in eine anmerkung gebracht 
und ebenso die auslassung über die Schleichersche ansieht 
in betreff von rekun. 

§. 21a B. p. 39 anm. ist etwas verkürzt, ebenso die 



anzeigen. 317 

anm. zu §.27, §.31 (p. 56 B.), indem hauptsächlich die 
bezugnahme auf andere in der ersten ausgäbe ausgespro- 
chene ansichten weggelassen sind. Ebenso §. 31 anm. 
(B. p. 57), wo aber der schlufs, der noch eine andere er- 
klärung als möglich hinstellt, bei Br. p. 81 gewissenhaft ge- 
wahrt ist. 

§. 37 B, p. 65 Br. p. 89 ist der satz »Wie dem ahet 
auch sei u. s. w.^ etwas gekürzt, indem die motivirung durch 
„insofern u. s. w.'^ weggeblieben ist, die da sie grade den 
hauptpunkt enthält, der durch die blofse vergleichung nicht 
deutlich genug hervortritt, wohl besser stehen geblieben 
wäre. 

In demselben paragraphen ist wenige zeilen vorher 
der zu den werten „welches Burnouf erklärt* gehö- 
rige Zwischensatz „ohne sich über das verhältnifs von ya zu 
i auszusprechen* weggefallen. Ebenso ist in §. 39 der satz 
„Was das S^ anbelangt, welches ich früher mit Burnouf 
durch t umschrieben habe, so halte ich es jetzt mit Anquetil 
fbr eine media* in: Quant ä la lettre ^je la regarde avec 
Anquetil comme une moyenne gekürzt. Auch in §. 44 
anm. ist die beziehung auf Burnoufs abweichende ansieht 
fortgeblieben. Ebenso ist die anmerkung zu §. 56 a, in 
welcher eine abweichende ansieht Burnoufs besprochen 
wird, weggeblieben, wie auch wohl in consequenz dessen 
die zu §• 62***). Auch die anm. zu §. 60, welche sich 
gegen eine andere ansieht Burnoufs wendet, ist weggeblie- 
ben, wie ebenfalls die zu §. 127, in welcher die mitthei- 
lung enthalten ist, dafs Burnouf, eine frühere ansiebt der 
von Bopp aufgestellten gegenüber aufgegeben habe. Es 
scheint uns, dafs diese bemerkungen immerhin hätten ste- 
hen bleiben können, denn einmal ist ihre fassung so ob- 
jectiv, dafs sie auch nicht das mindeste verletzende hatten, 
andererseits scheint es uns gar nicht überflüssig bei Stu- 
dien wie die des zend auch die abweichenden ansichten 
eines so bedeutenden gelehrten wie Burnouf nicht aufser 
acht zu lassen. Hr. Breal hätte es dem leser überlassen 
können, sich selbst ein unpartheiisches urtheil zu bilden. 

Die anm. zu §. 52 s. 82 B. ist ihrem hauptinhalt nach 



318 Schmidt 

gleich in den text gebracht; die zu §• 54 unbeschadet des 
inhalts verkörzt. 

In §. 123 ist die ansieht Benfey^s, welche in dem 
satze „doch glaubte^ — bis — „sollten^ besprochen wird, 
passend in einer anmerkung untergebracht. 

Doch diese beispiele mögen genügen, um zu zeigen 
mit welcher umsieht der Übersetzer verfahren ist. Wir 
bemerken zum schlufs, dafs hr. Br. in ^ einer lesenswertbea 
einleitung von 56 ss. sowohl die bedeutung der verglei- 
chenden Sprachstudien als auch ihre entwicklung seit Hoppe 
erster schrift bis auf die neueste zeit in klarer weise dar- 
gestellt hat, in der natürlich die Schilderung der lebens- 
umstände und die litteraische thätigkeit Bopps den haupt- 
inhalt bildet. Interessant ist hierbei eine mittheilung im 
dritten abschnitte, der von der Stellung Bopps zu seinen 
Vorgängern handelt, wir erfahren hier, dafs nicht, wie ge- 
wöhnlich angenommen wird, William Jones der erste ge- 
wesen sei, welcher die Verwandtschaft des sanskrit mit dem 
europäischen sprachen erkannt habe, sondern dafs bereits 
im jähre 1767 ein französischer jesuit, P. Coeurdoux, diese 
entdeckung gemacht und in einer abhandlung der französi- 
schen akademie vorgelegt hatte. 

Wir wünschen herm Breal rüstigen fortgang seines 
Werkes sowie dafs sieh die hoffiiung flQr die Verbreitung 
und Vertiefung dieser Studien, in der er es unternahm, in 
ihrem ganzen umfang erfüllen möge. 

A. Kuhn. 



Etymologisches. 

Kuhn hat in dieser zeitschr. III, 429 ff. die indoger- 
manische WZ. skag behandelt, för welche er die bedeotun- 
gen springen, hüpfen, causat. erschüttern nachweist. Im 
deutschen erscheint diese wurzel regelrecht zu skak ver« 
schoben als ags. scacan, nord. skaka, skekja qnatere, 
concutere. Augenscheinlich verwandt mit diesen ist nord. 



etymologisches. 319 

skoekja meretrix d.h. agitatrix virorum, welchem die- 
selbe vorstelluDg wie dem skr. pü^kali zu grande liegt» 
Von hier aus glaube ich auch das von Ebel zeitschr. I, 297 
und Legerlotz zeitschr. VII, 238 behandelte griech. xacaa 
meretrix erklären zu können. Es ist laut ftlr laut dem 
nord. skoekja gleich. Das anlautende a fiel ab wie in 
xdnBtO(; neben aytccnBroq^ xvrog neben axvrog u. a.; vergl. 
Curtius g. e. *, s. 623 f., und aus *xayja ward xdaaa, wie 
aus *Tayj(a rdaacA Auch lit. keksze meretrix hierher zu 
stellen ist man versucht, nur macht das sz, welches nach 
k einem ursprfinglichen s entspricht, Schwierigkeiten. Als 
einschub darf man es kaum ansehen, denn als solcher hätte 
es vor dem k zu stehen; vgl. Schleicher lit. gramm. §. 24; 
Oompend. s. 265. Möglich ist aber, dafs in dem worte 
das beliebte suffix -iszke steckt, dafs sich also neben dem 
voraus zu setzenden *kege ein gleichbedeutendes *ke- 
giszke gebildet hätte, wie gleichbedeutend neben einan- 
der stehen mote' und moterlszke weib, vyras und vy- 
rlszkis mann. Aus ^kegiszke wäre dann *keg8zke, 
k^kszke (vgl. auksztas aus äugsztas) und endlich mit 
beseitigung des zweiten k keksz^ geworden. 

Zu derselben wurzel stellt Kuhn die schon frOher von 
Schleicher identificierten skr. !^häga, khägä caper, capra 
und altbulg. koza. Auch dies wort hat sich auf deut- 
schem boden erhalten, es ist das ndd. höken haedus, 
das ursprünglich anlautende s ist verloren und k dann re- 
gelrecht verschoben wie in dem wurzelverwandten hinken 
ssr axd^u) = skr. khang, ahd. hüt = axvrog*), Ahd. 
ziga, welches Schleicher formenl. d. kirchensl. spr. s. 99 in 
Zusammenhang mit skr. khagä vermuthet, hat man also 
wohl von letzterem zu trennen, da es unwahrscheinlich ist, 

*) aber der vokal ö erhebt doch einigen einsprach; das wort zeigt ihn 
überall: bei Dähnert höken 8. (ohne angäbe des geschlechts), BW. hÖke 
Ziegenböcklein. Mecklenburg and Hamburg B. , Weber höke im N. S. iq. 
ziegenböckchen, in Schles. iq. schöps, Schambach: hoiken n. eine junge 
ziege, die noch nicht gelammt hat. Die deminutivbedentang so wie auch 
die durch Schambachs angäbe des geschlechts wohl gesicherte deminutivfomi, 
lassen das k als nicht wurzelhaft, sondern zur endung gehörig erscheinen. 

"^ anm. d. red. 



320 Rodiger, miscelle. 

dafs khaga sich in zwei so verschiedenen gestalten wie 

hoken und zige in zwei deutschen dialekten wieder- 
spiegelt. Johannes Schmidt. 



/Ji^oadoTog, 

Eins der anstöfsigsten griechischen composita ist das 
bei Pindar und Aeschylus zu öfteren malen vorkommende 
8i6a8oTog. Denn halten wir den ersten theil desselben fär 
den genetiv zum nominativ Zetg^ so sieht man in der weH 
nicht ein^ wie derselbe zur bedeutung des compositums 
passen soll. Alle Schwierigkeit wird aber gehoben, wenn 
wir Sioff' als bildung der wz. Sif durch sufiSx sg skr. as 
ansehen, dessen o sich wegen des gleichlautenden genetivs 
von dem stamme 8if vor der Schwächung zu e bewahrt 
hat. Freilich ist der von Bopp vgl. gr.* §. 971 erschlos- 
sene vedische stamm divas von Benfey (Sämav. Gl.) und 
den herausgebern des petersb. wörterb. (divöduh = „aus 
dem himmel milchend^??) zu einem genetiv des Stammes 
div degradirt worden, aber das lat. dies- (in Diespiter, ho- 
-dier-nus) und dins- (in per-dius, inter-dius, diur-nus), wie 
sie Corssen ausspr. und vocal. II p. 295. 476 aufstellt, schei- 
nen einem griechischen stamme SibC' das wort zu reden. 
Dann aber fehlen auch auf griechischem boden nicht Stütz- 
punkte für meine ansieht. Ich nenne zuerst das n. pr. 
JioöCfOQog^ freilich nur bei Pseudoplut. de fluv., ferner die 
bildungen duiTQSffijg (= SüTQ6(pi]g) „in antiquissimo mar- 
more Atticis literis scriptum" und öceinsTTJg (== Stimn^g 
„lichtfliefsend", woräber noch nachzusehen meine bemerk, 
oben p. 160), das durch Hesychius und Zenodotus (s. Schol. 
Od. d, 477) ausdrücklich bezeugt ist. Beide leiten, meine 
ich, mit Sicherheit auf ursprüngliches: StfBa-i-TQBCfijg und 
öifsa'i-TtBTijg^ also einen stamm SifEa-^ wie ich ihn postu- 
lire. Endlich tritt als festeste stütze dazu das sehr häa- 
fige, z. b. bei Tbucydides und Aristophanes sich findende, 
ra Jida-ia „Jovialia, festum quoddam in honorem Jovis". 

Rieh. Rödiger. 



FSrstemanD, zur gesehiclite «Itdentscher declination. 921 

Zur geschichte altdeutscher declination. 

IV. Der genetiv singularis. 

(Fortsetzung). 

Wie ich in den früheren drei aufsätzen ( bd. XIV, 
161;, XV, 161 und XVI, 81) unsere alten Ortsnamen in 
betreff der drei ersten pluralcasus durchmusterte, so gilt 
es jetzt die Untersuchung des nicht weniger lehrreichen 
Singulars aufzunehmen. Freilich sind hier die formlosen 
Substanzen, die wir nominative nennen, gleich yöUig zn 
übergehen, eben weil sie uns nichts über formengeschichte 
zu lehren vermögen. Denn das alte -s klingt in nnsem 
Ortsnamen nicht mehr nach und auch sie fällen die gro&e 
lücke zwischen der gotbischen und der althochdeutschen 
Sprachperiode so gut wie gar nicht aus. An drei stdUen 
der traditiones Wizenburgenses, sämmtlich aus dem jähr 
718, finden wir zwar die formen Theotbacis, Theotpacis, 
Deopacis als namen eines zum Saargebiete gehörigen ba« 
ches; aber haben wir hier wirklich noch das goihische 
nominatiy-s? ist hier nicht etwa eine lateinische einwir« 
kung zu spüren? Das vereinzelte der erscheinung lälst kein 
sicheres urtbeil zu. 

Wir müssen uns deshalb sofort dem genetiv zuwen- 
den. Dieser liefert allerdings ein unendlich reichhaltigea 
material, vorzüglich in den uneigentlichen compositionen, 
deren erster theil aus dem genetiv eines personennamens 
besteht; das ist ja die hauptmasse aller deutschen Orts- 
namen. Da(s der analogie dieser tausende von ftlle noch 
andere, nicht einen personennamen enthaltenden namen tolr 
gen, habe ich in meinen deutschen Ortsnamen (1863) Seite 
188 — 190 an einer anzahl beispiele dargethan; doch ist 
diese kategorie der regel gegenüber nur in schwachem 
masse vertreten. 

Aber so unendlich häufig auch die Ortsnamen sind, 
der^ erster . theil aus einem persongenetive besteht, so 
müssen wir doch manches hundert derselben als unbrauchr. 
bar für die folgende betrachtung gleich von vorne herein 

Zeitschr. f. vgl. sprachf. XVI. 5. 21 



392 Fdrstemanii 

▼erwerfen, da es keinesweg sicher ist, ob wir in ihnen 
einen solchen personeogenetiv anzunehmen haben. Kann 
auch ein jedes Altinburg die bürg eines Alto, jedes Ri- 
chinbach den bach eines Bicho, jedes Swarzinfeld das feld 
eines Swarzo bezeichnen, so wäre es doch thorheit anf 
solche formen im folgenden Schlüsse bauen zu wollen. Es 
ist ja bekannt, wie die Ortsnamen in folge der dativischen 
dlipse eine dativform annehmen, wie dann aber das gnind- 
wort die dativform verliert, das bestimmungswort sie aber 
im geschfitzten wortinnern so oft bewahrt, so dafs also in 
jenen beispielen meistens nur von der alten bürg, dem rei- 
chen bache, dem schwarzen felde u. s. w. die rede sein 
wird. Wir sind ja nun wohl endlich darüber hinaus, aas 
jedem Ostarunaha, Ostarunloh auf die göttin Ostara oder 
auch nur auf ein menschliches femininüm desselben na- 
mens zu schlielsen; was sollten wir dann mit einem We- 
slarunaha und Westarunfeld anfangen? 

Beginnen wir unsere Untersuchung mit der vocalischen 
(starken) declination, so bietet sich uns als erste und ehr- 
würdigste endung der o-stämme unter den masculinen das 
-08 dar, wie es noch das altsächsische bewahrt, während die 
andern mundarten, das gothische nicht ausgenommen, schon 
erleichterungen oder völlige Synkope des vocals eintreten 
lassen. Denn so ist entschieden das verhältnifs richtig 
aufgefafst, auch schon im hinblick auf das skr. -asya. So 
fafste es auch J. Grimm GDS^, 449 auf,* wenn er ebenda- 
selbst 635 diese ansieht zurücknimmt und das goth. -is als 
die ältere form ansieht, so thut er entschieden unrecht; 
seine gründe zeigen hier, wie an manchen andern stellen, 
dafs Grimm in seinen späteren jähren in der spräche im- 
mer mehr gebilde eines reflectirenden Verstandes suchte 
und der spräche immer mehr den Charakter eines kunst- 
werkes gab. Man denke nur au seinen parallelismus 
zwischen declinations- und ablautsvocalen und an so man- 
ches andere. 

Die etwa 120 f&Ue, die ich mir von solchem -im in 
Ortsnamen aufgezeichnet habe, theilen sich sehr scharf in 
drei ganz verschiedene klassen: 



zur ^schichte altdentacher decHnation. 

1. Die friesisch-säohsiscbe gruppe. In Fries* 
land, den Niederlanden, Westfalen, Engem und Ostfalen 
gilt in echten Urkunden Ton der ältesten erreichbaren zeit 
an (die leider auf diesem gebiete nicht in eine sehr frQhc 
periode filllt) bis ins elfte Jahrhundert hinein die endung 
"08: Fretholdasthorp , Havocasbroc, Earalasthorp, Hoki- 
nasluva und mehr als sechzig andere formen bieten hier 
die beispiele dar. Das stimmt gut zu den andern Sprach- 
denkmälern dieses gebietes, wie der beichtformel und der 
Freckenhorster rolle. Der Heliand freilich zieht schon das 
-es vor, mit ausnähme einiger stamme auf •;;a, in denen' 
er öfters -eas schreibt (gestdeas, herdeas, suotheas), oder 
auch nach wegfall des e blofses -a« (tiras, suothas); da- 
neben gilt in einzelnen formen "ies (gestdies, herdies, sno- 
thies); vergl. Grimm 6DS% 450. In den Ortsnamen finde 
ich das ursprüngliche -ias dieser bildungen nur noch in 
einem friesischen Stucciasvurd aus sec. 10, vielleicht auch 
in dem ans derselben gegend und zeit 'stammenden Riaz- 
vurd; noch früher, sec. 9, in dem westfälischen Hriasford, 
welches a. 977 zu Reasford, 1049 zu Riesfordi entartet. 
Letzterem stehn im neunten Jahrhundert engrisches Hikies- 
husun und Meckiestorp, so wie ostfölisches Siniestorp 
gleich. Die tradd. Corbejenses gewähren überall blofses 
-es, doch ist dabei in anschlag zu bringen, dafs die band* 
Schrift erst aus seo. 15 stammt. 

Anziehend ist es zu sehn, wie dies alte -a« in den 
an das sächsische gebiet grenzenden landschaften schon 
so frühe verstummt ist, dafs unsere, hier zum theil sehr 
alte Überlieferung es nicht mehr erreichen kann. Auf thü- 
ringischem gebiete lesen wir a. 974 Erfasfurt (Erfurt), 
aber nicht in einer thüringischen, sondern in einer bairi- 
schen Urkunde, und wir werden gleich sehn, dafs das ganz 
in der Ordnung ist. In Hessen begegnet sec. 11 ein Wil- 
lichashuson in Ekkeberts leben des Haimerad, und das ist 
allerdings doppelt auffallend, wenn man bedenkt, dafs Ek- 
kebert in Hersfeld lebte. Ripuarien gewährt a. 846 ein 
Scindalasheim, jedoch in sehr schlechtem urkundenab« 
drucke 9 der durch die neuere lesung der stelle Scindalar 

21* 



324 FSrBtemann 

sceiz widerlegt wird. Ein Flatmarasbeki sec. 9 zeigt sich 
in der gegend yod Elberfeld, doch gehört die stelle den 
Urkunden des klosters Werden an der Rnbr an und be- 
st&tigt deshalb nur die oben angegebene regel f&r West- 
falen. 

2. Die elsässische gruppe. Die Weiisenburger 
traditionen und andere elsässische Urkunden geben folgen- 
des hjQr: Beroldasheim sec. 8, Moraswilari a. 771, Rodas- 
haim und Eringisashaim a. 778, Liutmarasheim a. 784, On* 
chisashaim a. 785, Hantscohasbaim , Tunchinashaim and 
Wigfridashaim a. 788, Hanschoashaim a. 803, Sowinashaim 
a. 829 , Bothalaswileri a. 884. Da die letzte form , noch 
dazu in einem wenig genauen abdruck bei Schöpf lin, chro- 
nologisch sehr vereinzelt dasteht, so werden wir jenes -a< 
als elsässische regel nur bis ins erste viertel des 9. Jahr- 
hunderts annehmen dürfen. Wir sehen hier wieder eine 
bestätiguug der von mir schon öfters angedeuteten Wahr- 
nehmung, dafs der elsässischen mundart des 8. Jahrhun- 
derts vieles mit sächsischem wesen gemein ist. 

Nach Lothringen hinein hat sich dieses -a» nicht ver- 
breitet; ein erst 1051 vorkommendes Luterasdarra im 
Luxemburgischen, das noch dazu a. 1026 Luteresdarra lau- 
tet, ist nicht erheblich; ich wiederhole hier fibrigens noch- 
mals ausdrücklich, dafs manche meiner citate in meinem 
namenbuche vergeblich gesucht werden, da ich dasselbe 
handschriftlich längst weit überholt habe. Wie übrigens 
Elsafs sowohl als Lotbringen unendlich oft den deutschen 
genetiv der bestimmungswörter romanisiren und uns damit 
den anlafs zur beobachtung der deutschen mundart des lan- 
des rauben, wird unten angeführt werden. 

3. Die bairisch-östreichische gruppe. Wäh- 
rend uns die beiden andern gruppen wirklich altes echtes 
-as darboten, erscheint hier eine rückkehr des gemeinen -ü 
zu dem ursprünglichen vocale, eine unbewufste rückkehr, 
oder vielmehr ein schwanken des tones, durch welches das 
spätere farblose »es vorbereitet wird. Und doch hat diese 
entartung auch ihr interesse. Wer sich erinnert, dafs ich 
in meinem anfsatze über den dativ pluralis aussprach 



zur geschieht« altdeutscher declination. 325 

(zettschr. XVI, 98), das gemeine "um^ -«n gehe seit 873 ia 
der Schweiz, seit 885 in Schwaben, seit 899 in Baiern ia 
-an über, den mufs es als ein wunderbares zeugnifs von 
dem Organismus berühren, welchen die spräche auch ili 
ihrer entartnng bewahrt, wenn er hört, dafs das erste ge* 
netivische -as in Baiern uns in einem Umpalasdorf a. 874 
begegnet, welches sich a. 902 noch einmal wiederholt 
Seit der zeit ist in Baiern, das ganze 10. und 11. jähr» 
hundert hindurch, dieses -o« nicht selten und beispiele wi^ 
Eigilaspah a. 1011, Tagaprechtasdorf a. 1011, Epar^pacb 
sec. 11, Frimuntaspach sec. 11, Cozpoldastorf a. 1060, so 
wie manche andere geben gewähr daf&r, dafs hier von 
blofser sohreiberwillkür oder von verderbnifs nicht die rede 
sein kann. Dem läuft östreichischer gebrauch parallel^ 
wenn wir ihn auch erst aus sec. 11 durch ein Bouckeras«- 
torf, Imicinastorf, Liutoldasdorf, Badwanasbach, Schiltas^ 
dorf, Sitilinasdorf u. s. w. belegen können. Aber hier bat 
auch die sache ihre grenzen, die nach norden, westen und 
Südwesten nicht überschritten werden. Nördlich tob der 
Donau ist dieses ^as unerhört, denn ein Chuningishaoba 
aus dem jähre 823 hat kein gewicht, zumal da man auf 
derselben seite auch Chuningishaoba liest; Maganaspaob 
a. 990, am Begen liegend, ist auf bairischem gebiete nie* 
dergeschrieben worden und eben so verhält es siek mit 
Berahartashusun sec. 11. In Schwaben kommt keinem eiiH 
zigen orte ein -as zu; wenn a. 890 der bekannte schwft<> 
bische gau Perahtoltaspara geschrieben wird, so geschieht 
das nicht, weil der gau in Schwaben liegt, sondern weil 
die Urkunde zu Begensburg von könig Arnulf ausgestellt 
wurde. In der Schweiz endlich begegnet auch nicht einr 
mal ein scheinbares beispiel von solchem «-iw. 

Damit ist alles erschöpft, was über organisches und 
unorganisches -a« beigebracht werden kann» Wie ioh in 
einem früheren aufsatze (zeitschr. XI Y, 169 f.) darthat, dafs 
die puralen nominative auf -o« in seltenen flülen bis zfi 
einem -o« oder -us abirren, so geschieht das auch in im* 
serem falle, aber gleichfalls ohne irgend weiche regel, son* 
dern nach blofser sohreiberwillkür. Man erwäge Budol- 



326 Föntemftim 

foedorf a. 800 (Thüringen), Biscofosbeim seo. 9 (Östfran- 
ken), Secchosowa a. 862 (Schwaben), Cozzosowa a« 907 
und 909 (Schweiz), Muntrichoshuntare a. 961 (Sehwaben), 
Heroltosbach a. 1027 (Schwaben), ßauhospach sec. 11 
(Oestreich), Geroshasin a. 1100 (Schwaben); ferner AIhfiri- 
dushusen a. 793 (Bipuarien), Heidnlfushaim a. 801 (El- 
8a£B). Haribertus villare a. 777 (Schwaben) ist kaum mehr 
ab deutscher name anzusehn und Dorloshaim (Elsass) 
könnte nur dann irre f&hren, wenn man nicht wOlste, dais 
hier Torolfesheim die echtere form ist. 

Nur bei dem einzigen hier in betracht kommenden 
stamme auf »ti, thiu, haben wir yiele genetive auf -o«, je- 
doch ist ja hier der vocal nicht der casusendnng angehö» 
rig. Wir kennen Engildiosdorf aus a. 879 (Oestreich), 
Heridioshusa sec. 10 (Baiern), Rihdiosdorf a. 1030 (Baiem), 
Dagadeos marcha a. 863 (Oestreich), Sindeoshusun und 
Sindoshusa sec. 10 (Baiern). Dafs hier hinter dem o noch 
ein vocal ausgefallen ist, zeigt der letztgenannte ort, dem 
wir schon seit sec. 8 mehrfach in der form Sindeoeshusir 
begegnen. Duisburg am Niederrhein zeigt keine form, die 
an alterthümlichkeit über Thiusburg hinausgeht, woneben 
dann hochdeutsches Diusburg gilt. Die Umstellung der 
beiden vocale, mit der wir noch heute den namen schrei* 
ben, beginnt schon in einzelnen quellen des 10. Jahrhun- 
derts. Eine einzige Urkunde schreibt a. 993 ganz irrig 
Diasburg; nach dem oben mitgetheilten wird man gleich 
ahnen, dafs das nur eine bairische sein kann. 

Während die endung -a«, an die ich alle diese ein- 
zelnen auswfichse der spräche anschlofs, nur den abstam- 
men zukommt, hat die form -t«^ die in urdeutscher zeit 
den f-stämmen eigenthündich gewesen sein mufs, sich schon 
unendlich früh das gebiet der o-stämme mit annectirt; 
schon im gothischen gilt ja fiskis wie balgis. 

Daher kommt denn auch auf unserm gebiete, da(s 
den etwa 120 beispielen eines -o«, auf welche die obigen 
bemerkungen sich gründeten, etwa fQnftehalbhundert fUle 
▼on "is gegenüberstehn. In seiner unbestrittenen herr- 
schaft als aUgemeine starke masculinendung wird es nur 



zur gescbiohte aHdontocher dedinattoii. 327 

beeinträobtigt 1) durch das abgeschwächte «e«, welches 
wir (ob auch in unzweifelhaft echten Originalurkunden, 
wage ich nicht zu entscheiden) schon im. 8 Jahrhundert 
finden, welches dann im 9. Jahrhundert schon so flberwiegt, 
dafs Grimm in seinen althochdeutschen paradigmen nidit 
mehr -t«, sondern ^es als regelmäfsige form ansetzt, und 
welches nun von Jahrhundert zu Jahrhundert die ältere 
Schwestergestalt immer mehr fiberwuchert, so jedoch, da(s 
im 11« und 12«jahrh. noch immer massenweise ^is vor- 
kommen. Was die Ortsnamen insbesondere angeht, so falli 
es auf, dais in der Schweiz das alte *m im 11. jahrh. 
schon ganz ausgestorben ist, während es in Schwaben, 
Baiem, Oestreich noch blüht. 

2) Durch das oben besprochene -o«; und das ist ein 
punkt, der mehr anzieht. Es handelt sich hier zunächst 
um die frage, wie weit friesisch*sächsiches -as auf o-stämme, 
-M dagegen auf t-stämme hinweist, mit welchem grade der 
genauigkeit wir also die themabildung der personennamen 
aus der form der Ortsnamen erschliefsen können. Zu dem 
zwecke theile ich hier sämmtliche beispiele eines friesisch- 
sächsischen "is mit, deren manche mit mehreren Varianten 
an verschiedenen stellen erscheinen: 

Einfache personennamen: Egisbergun, Ekishusun, Ekis- 
biki, Ahtisberga, EUisvurd, Adistharp, Edishusen, Brunis- 
berg, Bettisthorp, Bunistharp, Bisisheim, Dennisthorp, Do- 
dishusun, Erisburg, Hathisleva, Imiswald, Lopishem, Mi- 
nisleva, Merchishem, Otishusun, Odisthorp, Badistharp, 
Scalchispurg, Selispura, Sinisleba, Sullishusun, Uttislevo, 
Waldislevo, Widisleve. 

Abgeleitete p.n.: Bodliswert; Bisinisburg, Budinisvelt, 
EGldinishem, Egininkisrod, Bruningisstedi. 

Zusammengesetzte p.n«: Sigefridismor, Alegremishu- 
sen, Elkerishuson, Emerisleve, Botherisdorf, Beginherishu- 
sen, Spirneriswald, Thieterisdorp, Levardishusun, Machel- 
mishnson, Brunhildisdorf, Gerleviswert, Fosetisland, Helm- 
wordishusen. 

Diesem gegenüberzustellen ist nun das verzeichniAi 
des friesisch-sächsischen -a». 



328 FSntemaim 

Einfaohe p. d.: Ascasberg, EllaBTord, Elaslava, Ac- 
oastorp, Bisashem, Earalasthorp, Ekasbeki, Dangasthorp, 
Ramaslaun, Bammashayila, Havocasbroc, Hriasford, Lib- 
tasthorp, Marastharp, Svavasthorp, Voceaethorp, Welas- 
tbarp, Wenaswald, Wiaashem. Erwähnt werden mögen 
hier noch Bergashovid, Binasburg und Wazarashwervia, 
die -freilich keine personennamen enthalten. 

Abgeleitete p. n. : Hasieasbruggi, Tnnglasthorp, Witi- 
lashem, Bothalasbarch, Wifilaslnya, Hokinaslava, Nuonho- 
kinaslttva, Osanasluva, Frathinashem, Judinashuvila. 

Zusammengestzte p. n. : Wibadaskerikon , Reinboda&- 
buBon, Osbragtashem, Adalgerasthorp, Oerhardasweritha, 
Folcierdasthorp, Diurardasrip^ Wagrasluva, Vulvierasthorp, 
Diseldashasen^ Badanathashem, Frethunathasthorp, Alva- 
tasthorp, Fretmarashem, Hrodmarasluva, Atmarasbokholt, 
Henrikaskirichun, Landrikaehem , Fretholdasthorp, Aldol- 
£eiahem, Adolvaseartis, Hrothalvashem. Dazu noch die mir 
unklar gebliebenen vereinzelten Siwataras hwervia nnd Si- 
nokanashem. 

In folge der mannigfachen trübenden Verhältnisse, 
unter denen der alte namensdiatz auf uns gekommen ist, 
darf es nicht auffallen, wenn diese beiden verz^hnisse 
sich nicht in voUer reinheit von einander scheiden, son- 
dern vielmehr einige scheinbare Widersprüche auftreten. 
So z. b. ein Ellasvurd neben EUisvurd, ein Beginherishu- 
sen neben Vulvierasthorp; kaum föllt Scalchispurg auf, da 
scalc servns im altsächsischen das thema scaica hat, denn 
man merkt an dem eh und p gleich den hochdeutschen 
einflufs. Im ganzen wird man doch durch beide Verzeich- 
nisse bestätigt sehn, dafs das erste die regel der stamme 
auf -i, das zweite die weise der stamme auf -a dar- 
stellt; dem -bodas, -brahtas, -maras, -rikas, «vulfas stehn 
formen auf »is zur seite. 

Auch die elsässische gruppe der formen auf -as, für 

ich oben beispiele gab, welche aber mit dem ersten 
viertel des 9. jahrh. ausgehn, mnis den entsprechenden auf 
-te gegenübergestellt werden. Dort begegnen nun ans so 
irüher zeit die formen Fredishaim, Wingishaim, Ulcishaim, 



zur gesohichte altdeutscher declination. 329 

Romanisheim, Hundinishaim, Tuginisheim , Wittinishaim, 
Katherisbeim, Hngilagishus, Arlegisberg, Svindratisheim, 
Ansulfisthaim ; endlich das ganz verderbte Hischaigitisagmi. 
Sie zeigen sich noch unorganischer in bezog auf die wähl 
des vocals als dieTrieBisch-sächsischen namen; Fredishaim 
widerspricht dem Wigfridashaim, Wittinishaim dem Sowi- 
nasbaim, Ansulfisthaim dem sächsischen Aldulfashem. Dar 
mangel an einer grOfseren zahl von belegen hindert uns 
zwischen organischem und anorganischem genauer abzu- 
wägen. 

Bei der dritten gruppe, der bairisch-östreichischen, 
geht endlich schon aus dem oben gesagten hervor ^ dafs, 
da sich das ausnahmsweise auftretende -as des zehnten 
und elften Jahrhunderts schon als völlig willkfirlich erweist, 
um so mehr bei dem regelmäfsigen -is aller gedanke an 
seine vorzugsweise Zugehörigkeit zu i- stammen aufgegeben 
werden mufs. 

Dafs einige sächsisch «-friesische formen von ta-stäm* 
men im genetiv »ies darbieten, habe ich schon oben er- 
wähnt, dazu stelle ich nun noch thüringisches Edieslebo 
und Tasiesdorf (beides aus sec« 8) und rheinfränkisches Ha« 
rieshaim von 773 und 774. Man sieht, dafs solches -ies 
fast nur dem 8. und 9. jahrh. angehört, noch dazu aber 
den süddeutschen stammen, so weit .sie uns erreichbar sind, 
ganz fremd bleibt. 

Wir kommen nun zu den starken femininen. Von 
einfachen und abgeleiteten unzusammengesetzten weiblichen 
namen auf -a kann hier nicht die rede sein, da sie schwach 
decliniren; ein bairisches Chuntilapnron von 820 und ein 
ostfälisches Hazsacarod von 993 sind auffallend und ganz 
vereinzelt. Im übrigen ist es bekannt, dafs die starken 
feminina auf -a im altsächsischen den genetiv auf -d bil- 
den. Dem entspricht zunächst das vielfach belegte Ma* 
gathaburg, Mi^adaburg, ftkr welches ich nur an drei stel- 
len ein Magadoburg und Magedoburg gefhnden habe. Dann 
erwähne ich aus Engern Peringisamarca (a. 889)j ans Ost- 
falen Wirintagaroth (a. 1041), aus Bipuari^n Walderada- 
givelle (a. 992) und Blikardaroth (a. 948). Wie immer, so 



/ 



330 FSrstemftnn 

schliefst sich auch hier der sächsischen weise das £Ilsais 
und Lothringen an: Danamarachirica (a. 1016 zweimal), 
Margbergawilare (a. 769), Dhancleobahaim (a. 775), Wolf- 
guodawilari (a. 830 zweimal), Wolfsindawilare (a. 830). 

Für die hochdeutschen mundarten setzt Grimm als re- 
gelmftfsige genetivendung der femininen abstamme ein -d 
an, bemerkt aber, dafs Kero und einige andere quellen 
dafür ein -d liefern. Nach den namen zu schliefsen ist 
vielmehr -d die regel, -o die ausnähme. Aus Thüringen 
haben wir Berchtlougarod (a. 947), Gerburgaburg (a. 979), 
Herlicarod (a. 993); aus Hessen Alstratahusun (sec. 11); 
aus Rheinfranken Lauts windawilare (a. 1030) und Willi- 
gartawisa (a.828); aus Schwaben Rapirgahusa (a. 995). 
Am reichsten ist Baiern: Eerhiltahusun (a. 820, sec. 10), 
Cozhiltahusum (a.835), Grimhiltaperg (sec. 10), Heripirga- 
chiricha (sec. 10 zweimal), Suanahiltädorf (sec. 10), Swid- 
muotachiricba (sec. 10), Wisigartadorf (a. 1011). Aus Oest- 
reich und der Schweiz begegnet kein beispiel. In der letz- 
teren scheint das verblafste -6 schon sehr frühe eingetre* 
ten zu sein; auch oben sahen wir, dafs die -i« in den mas* 
culinen schon im 11. Jahrhundert verschwunden sind. 

Das nach Grimm regelmälsige -o kann ich nur aus 
Hessen, Bheinfranken, Ostfranken, Schwaben, Baiem und 
Oestreich belegen ; nach westen und norden reicht es nicht 
weiter. Hessisch ist Buobburgorod (a. 1028), Siburgohu- 
sun (a. 1018 und sec. 11), rheinfränkisch Madalbergostraza 
(a. 959), ostfränkisch Garradohuson (a. 1031) und Wem- 
burgohusun (a. 1057), schwäbisch Adaldrudowilare (a. 858), 
bairisch Herisvindohusa (sec. 10) undSuanahiltodorf (sec. 11), 
östreichisch EUinpurgochircha (sec. 11). Ganz vereinzelt 
irren die Schreiber, wie wir ähnliches auch beim gen. plur. 
beobachtet haben, von diesem -o hinab zum -u. So findet 
sich in Ostfranken ein Gerratuhuson (a. 901), Kuodswin* 
duhusun (a. 906) und Sehilturode (a. 944, sec. 10), in En- 
gern ein Heriswithuhuson (sec. 1 1), in Westfalen Hrothbur- 
guhusen (sec. 9). Es fallt auf, dafs fünf von diesen sechs 
fiülen auf ^husun ausgehn; vielleicht hat das tt dieses wor- 



zur geschichte altdeutscher declination. 331 

tes den sehreiber verföhrt, diesen vocal auch in die vor- 
hergehende silbe einzuschmuggeln. 

Feminipa auf -i sollen im althochdeutschen und alt- 
fiächsischen die genetive auf -C bilden. Davon gewähren 
die namen, da hier schon massenhaft das -e eingedrungen 
ist, nur wenig beispiele. Elsässisch ist Yuldromodihaim 
(a. 739) und Achiltihaim (a. 792), ostfränkisch Dietbirgi- 
riut (a. 1030 und 1075), bairiseh Gerhiltihusun (a. 1070) 
und Suanahiltidorf (sec. 10). Von diesen beispielen hat nur 
Dietbirgiriut unorganisches -t, obiges Kapirgahusa war 
richtiger; umgekehrt sind die obigen formen mit -hüta 
schlechter als die hier erwähnten mit -Ai/ft, obiges Swid- 
muotachiricha schlechter als Yuldromodihaim. Man darf 
sich über solches schwanken nicht wundern; dieselbe er* 
scheinung tritt hervor, wenn die abfasser der Urkunden bei 
den lateinischen formen deutscher frauennamen zwischen 
den endungen -t« (för t-stämme) und *a (für a-stämme) zu 
wählen haben. Selten ist -is bei den auf bald, berht, gis, 
grim, hraban, ing, rad, wald, win ausgehenden, selten -a 
bei denen auf -gild, -gard, -lind, -mod; am meisten schwan- 
ken zwischen -a und -is die auf birg, bürg, drud, frid) 
gund, hild, sind^ swind. 

Es folgt nun die consonantische, schwache declination. 
Wir gehn davon aus, dafs in dieser das suflSx bei ursprQng- 
lichen a- stammen -an, bei i- stammen -in gelautet haben 
mufs, masculine und feminine declination aber sich von ur- 
deutscher zeit an so unterschieden hat, dafs letztere eine 
Verlängerung des vocals (also gothisch -ön und -etn) erlitt. 
Das ursprüngliche a von -an bei den masculinen erscheint 
noch im angelsächsischen, altfriesischen und altnordischen 
(in letzteren beiden mundarten mit apocope des -n); im 
altsächsischen finden wir im Heliand acht fälle von -an 
gegen mehr als zwanzig von 'On (auch schon viele auf -en), 
die alts. psalmen zeigen nach hochdeutscher weise ein -in. 
Das gothische, obwol durch das auslautende -s der schwa- 
chen genetive weit allen andern deutschen mundarten vor- 
ausstehend, wird doch von ihnen durch den vocal, der zu 
-• erleichtert ist, theilweise sichtbar übertroffen. Diese er- 



332 Förstemann 

leichterung theilt das althochdeutsche^ welches freilich schon 
früh das verblafste -en zur herrschafb kommen läfst. Bei 
den femioinen ist das supponirte -dn in Wirklichkeit nir- 
gends zu finden; das angelsächsische hat kurzes -a», das 
das friesische -a. Gothisch gilt stets -onsj ahd. -un; im 
Heliand ist -ün doppelt so häufig als -ön; einmal begegnet 
auch der genetiv nadlan neben nadlün. Die altsächsischen 
Schwankungen lassen es nicht zu, eine bestimmte regel auf- 
zustellen, da die verschiedenen formen ber demselben worte 
vorkommen; es gilt frohen, alowaldon, frahon, welon, bruo- 
non, herron, willion nebeq frohan, alowaldan, frahan, we- 
lan, brunnan, herran und willean, ebenso seolön und snn- 
nön neben seolün und sunnün* Für i-stämme, die bei der 
consonantischen declination überhaupt sehr zurücktreten, 
bietet das gothische nur feminine genetive wie manageins, 
das althochdeutsche solche wie menekin; die andern in 
betracht kommenden mundarten liefern keine spur mehr 
davon. 

Mit diesen aus der grammatik der appellativa gewon- 
nenen Sätzen treten wir nun an die namen. Die beispiele 
zeigen uns in etwa 150 fällen den ausgang des ersten thei- 
les der composition auf -a?», in etwa 900 fällen auf -i», in 
nahe an 100 auf -o», in etwa 125 auf -t^it, ein unterschied 
von länge und kürze des vocals ist uns bekanntlich nicht 
überliefert. Wir gehn jede dieser vier formen für sich 
durch. 

1) Jenes -an haben wir der oben angedeuteten theorie 
nach nur bei masculinen auf niederdeutschem gebiete zu 
erwarten. Dieser theorie entspricht auf den ersten blick 
gerade die hälfle jener 150 formen; es kommen darunter 
vier friesische, 25 westfälische, 29 engrische und 17 ost- 
fälische örter vor. Dazu kommen noch diejenigen fälle, in 
welchen der ort zwar aufserhalb des fidesisch- sächsischen 
gebiets hegt, die niederschreibung der sprachform aber in 
jenem gebiete erfolgt ist; so heilst Bamberg (hochdeutsch 
Babinberg) bei Thietmar und in den Quedlinburger anna- 
len Bavanberg; der Gibechenstein bei Halle bei Thietmar, 
in den Hildesheimer annalen und im leben des Paderborner 



zur geschichte idtdentscher dedination. 333 

bischofs Meinwerk Givekanstein u. s. w., thüringisches Isa- 
canrod erscheint in Qaedlinburger, also ostfälichen urkun-* 
den. Ganz in der nähe von Gibechenstein finden wir 979 
ein Panicandorf, das gleichfalls eine sächsische aufzeich- 
nung verräth, ebenso wie a. 1055 ein thüringisches Selman* 
roth und Waddanroth, a. 1069 thüringisches Gevanstidi. 
Es kann hier gleich bemerkt werden, dafs nicht eine 
einzige form thüringische und hessische gene- 
tive auf ^an mit Sicherheit belegt. 

Dagegen ist in den westrheinischen gebieten, im Elsafs, 
Lothringen, Bipnarien, so wie im rheinfränkischen Worms* 
und Speiergau ein -aTs nicht selten. Aus diesen landschaf« 
ten erwähne ich Bobanscote a. 726, Papanhaim a. 739, 
Ethanhaim a. 742^ Munzanheim, Wachanheim und Wa- 
nandorph sec. 8, Eccandorph und Ginnanhaim a. 770, Gun- 
sanheim a. 788, Elisanheiin a. 793, Mnomanhaim a. 812, 
Garanbach a. 817, Basanbrunnns a. 820, Witanhaim a. 829, 
Odangawe, Blowanscote und Heifanheim sec. 9, Mettan- 
heim a. 873, Gisanbeim a. 874, Baidanheim und Owan- 
heim a. 888. Ein schweizerisches Emmanrieth a. 858 steht 
in einer elsässischen Urkunde. Vor dem ende des 9. jähr* 
hunderts hört das alles aber gänzlich auf; ein Gelanthorp 
sec. 1 1 stammt aus sächsischer quelle. Nun vergleiche man 
die oben geschehene nachweisung, dafs elsässische genetive 
auf 'OS bis in die erste hälfte des 9. jahrh. hineinreichen 
und dann verstummen; ihnen ganz parallel, nur räumlich 
und zeitlich etwas mehr ausgedehnt, gehn die auf *an. 

Diese merkwürdige thatsache bringt uns von vorne 
herein auf den gedanken, es könne wol auch ein bairisches 
^n, aber erst seit der letzten hälfte des 9. jahrh., gegol- 
ten haben, herabgesunken aus älterem -tn. Und in der 
that wird diese vermuthung eines völligen parallelismus 
zwischen starkem -a« und schwachem -an aufs glänzend- 
ste bestätigt. Das älteste beispiel ist Utanhusa a. 891, 
dann folgen sec. 10 Pallanhusun, Ichanhusa, Tellanbusun 
und Zellanhusa, a. 1011 Elsanpah, a. 1030 Mammandorf 
und Wippanhusun, sec. 11 Pallanhusun, Perandorf, Ebi- 
chanhovan, Hemmanhusan, Hattanhoven, Chitanrein, Mam* 



334 Forstemann 

mandorf, Sallandorf, Stallanchiricha, a. 1060 und 1080 
OngaDpurch, a. 1085 Frichandorf, a. 1090 Pallanhasun, 
wozu noch a. 1050 östreichisches Hiupandorf zu rechnen 
ist. Dieser bairische klang überträgt sich auch hie und 
da auf orte, die nicht in Baiern liegen; ein hessischer ort 
wird a. 1068 in einer bairischen quelle Berhtanstad ge- 
schrieben, pstfränkisches Chitanfeld erscheint a. 1002 unter 
den Passauer Urkunden, ebenso ostfränkisches Mahandorf 
a. 1008 und Sueiniccandorf sec. 11 in bairischen Schrift- 
stücken; ähnlichen grund mag es haben, dafs schweizeri- 
sches Pussanwanch mehrmals a. 886 und 909, schweizeri- 
sches Arananch a. 904, schwäbisches Bochanburra (unweit 
des Bodensces) a. 861, schwäbisches Messankirche (in der- 
selben gegend) sec. 11 gelesen wird. 

Genug, wir sehen in Baiem seit dem ende des 9. Jahr- 
hunderts statt der regelrechten dat. plur. auf -un ein -oft^ 
statt der gen. sing, auf -is und -in die formen -a« und -ofi 
nicht selten auftreten, ein überraschend gleichförmiges hin- 
neigen zu dem grundtone a, der in andern gegenden um 
dieselbe zeit gerade erhebliches terrain einbüTst. 

Damit hätten wir alle -an, die uns überliefert sind, 
in ihre drei verschiedenen kategorien vertheilt. Was noch 
übrig bleibt, ist ganz unerheblich; wenn der ungenaue co- 
dex Laureshamensis schon sec. 8 ein Muscanheim in Bhein- 
franken '(wo der erste theil vielleicht gar nicht einmal per- 
sonenname ist) und ein Ollanhusen in Ostfranken kennt, 
so ist darauf gar nichts zu geben. Auffallender ist höch- 
stens ein schweizerisches Sneisanwang von 840; am auf- 
fallendsten wäre ein ostfränkisches Waccanheim im Grab- 
felde, wenn nicht ein neuerer und besserer abdrnck allen 
zweifei durch die Schreibung Wangheim beseitigte. In 
Ostfranken, Schwaben, der Schweiz sind gene- 
tive auf -an niemals üblich gewesen. 

Dafs jemals auch feminina unter allen diesen formen 
auf -an mit unterliefen, ist bis jetzt nicht ersichtlich. 

Die einzigen beispiele eines -tan von stammen auf «^/a 
sind Guddianstede sec. 9 aus Engern, Willianstede sec. 9 
aus Ostfalen und Willianwege a. 979 aus Thüringen. 



zur gedchichte altdentscher declination. 335 

2) Die 900 formen auf -in sollen der theorie nach die 
hochdeutschen mascnlinen genetive enthalten, höchstens 
einige wenige feminina von t-stämmen; in den namen, wo 
die Überlieferung länge und kürze nicht scheidet, werden 
wir von letzteren nichts gewahr werden. 

Damit stimmt nun die beobachtung der eigennamen; 
viertehalb hundert bairische, anderthalb hundert östreichi- 
sche, über hundert schweizerische, mehr als sechzig schwä- 
bische, etwa siebenzig rheinfränkische, etwa fünfzig ost- 
fränkische formen zeigen in diesen landschafben die regel- 
mäfsigkeit der genetive auf -tn^ so weit nicht schon stum- 
mes e eingetreten war. Die andern geographischen ge- 
biete müssen wir etwas genauer ansehen. 36 solcher for- 
men aus dem Elsafs beginnen in den ältesten zugänglichen 
Urkunden und sind schon in diesen etwas zahlreicher als 
die gleichzeitig geltenden auf -an^ nehmen im 9. jahrh. 
schon beträchtlich ab, noch mehr aber im zehnten und elf- 
ten, während gleichzeitig das stumme e immer mehr bo- 
den gewinnt. Dafs in Hessen kein -an gegolten hat, sa- 
hen wir oben; positiven beleg für -in bietet Berinscozo 
a. 782 und Botinhusun a/1080. Denselben mangel eines 
-a» behaupteten wir von Thüringen; ein -in erscheint in 
Emilinhusen a. 897, Fruminstet sec. 9, Sibbinvelde a. 946, 
Tutinsoda a. 974, Cucinburg a. 1004, Ähhilinstat sec. 11, 
Sibichindorf a. 1070. In Ripuarien hat zwar nicht selten 
-an gegolten, dafs aber, namentlich im 11. jahrh., vorzugs- 
weise hochdeutsches -tn dort zu hause war, zeigen nicht 
ganz wenige formen; die älteste derselben freilich, Pisin- 
heim von a. 770, begegnet im codex Laureshamensis und 
hat keine beweiskrafb für Ripuarien, ein ländergebiet übri- 
gens, dessen sprachliches verhalten einmal besonders unter- 
sucht werden mufs. 

Es bleiben noch die friesisch-sächsischen lande Übrig. 
Für sie mufs -an entschieden fast die alleinige geltung be- 
haupten. Aus Friesland erscheinen scheinbar vier beispiele; 
auf das angeblich älteste derselben, Dockynchirica aus 
sec. 8, wird man in folge der völlig barbarischen Schrei- 
bung nicht das geringste geben; das zweite, Keddingrip 



336 FOrstemann 

von 855, ist ganz räthselhaft uad vielleicht aus einem äl- 
teren Keddingarip entstanden, dann also nicht hieher ge-» 
hörig; nnr das dritte und vierte, Asikinthorp aus sec. 9 
und Buosinheim aus sec. 10, jenes in Corvey, dieses in 
Dtrecht niedergeschrieben, erregen einige aafmerksamkeit 
und. konnten möglicherweise Beispiele von sonst noch nicht 
entdeckten schwach declinirten friesischen i-stämmen sein. 
Die westfälischen formen sind: Basinseli und Ettioliische 
sec. 9, Aginhuson, Hukillinhem und Sendinhurst sec. 11, 
Allinhusen a. 1072; die engrischen Buckinhusun a. 1031, 
Heginhuson sec. 11, Benninhuson a. 1069; die ostfüischen 
Messinthorp sec. 9, Wirinholt sec. 10, Edinhusen a. 1022, 
Beginburstalle a. 1051 und 1057, Huginhusnn a. 1052, 
Lucginheim a. 1057, Wicbtinbizi a. 1060. Alle diese for- 
men sind im lande selbst niedergeschrieben, sie sind fer- 
ner ans guten unverdächtigen quellen entnommen, an.ihnen 
darf also ohne both nicht gerüttelt werden. Für jede ein- 
zelne eine erklärung au&ustellen, geht über unsere kraft; 
abgesehen von einer oder der andern ungenauen Schreibung 
werden wir annehmen müssen, dafs erstens im 11. jahrb. 
schon das gemeinbochdeutsche -i» auf die sächsischen for- 
men einflufs gewonnen hat (wir erinnern hier an die alt- 
sächsischen psalmen) und dafs zweitens die formen zum 
theil gar nicht hieher gehören, sondern älteres ^inga zu -t« 
verunstaltet ist; Edinhusen z. b. kann leicht fßr Edinga* 
hnsen stehn. 

3) Nicht ganz hundert formen, die ein -(m aufweisen, 
sollen der theorie nach erstens altsächsische masculingene- 
tive sein und dem Heliand nach zu schliefsen häufiger 
vorkomm^i als das ältere -a», zweitens aber (als 'dn) alt- 
sächsische feminingenetive und in diesem falle seltener als 
das regelrechte -ün. Wir können bei den namen beide 
klassen in folge des mangels von quantitätszeichen nicht 
scheiden, doch wissen wir, dafs die erste klasse bei wei- 
tem die häufigere sein mufs, wir wissen es sogar in ein- 
zelnen fällen bestimmt, dafs sie anzunehmen ist, wenn z. b. 
neben Givikonsten, Heionbusen, Yconrode und Gelonthorp 



zur goschichte itltd— tadler dedinatioii. 317 

ein Giviciinsteii, HeiMihnaeDy Ycanrode und GtdmAMp 

steht. 

Wenn wir aus dem einzigen Hdiand scUieCsen woO- 
ten, im ganzen altsfichsisehen gebiete sei 'On die r^el, «an 
die ausnähme, so wäre das schon an sich ein fefabchlufs; 
die namen aber lehren geradezu das g^^theiL Wir ha- 
ben an beispielen gesammelt: 

-a« -o» 
Friesland .... 4 2 

Westfalen .... 25 25 

Engern 29 13 . 

Ostfalen 17 13 

Heliand 8 20. 

Die speciellere heimat des Heliand in Westfalen (denn von 
diesem kann nur die rede sein) wird sich also ergeben, 
wenn wir bei reicheren Sammlungen eine gegend finden, 
in der das alte -an schon im 9. jahrh. gegen das jüngere 
-on zurücktrat, üebrigens ist zu bemerken, dals sächsisch- 
friesisches -on sich über das ganze 9. bis 11. Jahrhundert 
ausdehnt. 

Aber was machen wir nun mit etwa vierzig fflllen von 
•on aus den andern deutschen gebieten, wo der theorie 
nach f&r diese bildungen gar keine stelle ist? I^nd es 
sächsische schreibe, denen wir jene formen verdanken? 
oder haben die elsässischen und bairischen masculinen ^an 
'ihren vocal verdunkelt? oder endlich ist neben hochdeut- 
sches feminines -6» ein -6n getreten? An den ersten £aU 
könnte man am meisten in Ripuarien, Hessen und Thürin- 
gen denken, die an sächsisches gebiet anstofsen. Ich mufs 
mich beschränken die ripuarischen formen anzufiQhrrat 
Tottonthorra a. 838, Bobbonberg sec. 9, Gisonhova a. 856, 
Dodonvelt a. 893, Tontondorp a. 898, Liudonthorp a. 948f 
Adonowa a. 975. Aus Hessen kennen wir nur Helmon- 
scede sec. 9 und Meribodonhago a. 1074, erste res in 
Corvey niedergeschrieben. Aus Thüringen: Katon- 
bure a. 874, Sipponveldon a. 937 (in einer quedlinbur- 
ger Urkunde), Duddondorf a. 973, Haichcmthorf a. 988^ 

Zeitschr. f. vgl. sprachf. XVI. 6. 22 



338 F5nteiiiaiin 

Mochonowe a. 1039, besonders aber GivicoDsten a. 961, 965 
und 1076. So viel sieht man wenigstens, dafs in allen 
drei laodschaften keine ganz alten formen mit -on aufzu- 
weisen sind. Eben so vereinzelt ist diese Schreibung in 
andern landschaften; ElsaTs hat Offonthorof a. 884, dem 
man anch in dem th niederdeutschen einflufs ansieht, und 
Hononheim a. 896, welches schon durch sein unorganisch 
anlautendes h aus der regel heraustritt. Aus Lothi;ingen 
ist zu erwähnen Gingolonheim a. 966, dessen erster tfaeil 
ein ganz unbekannter name ist, Waconforde a. 971 und 
Baddonviler sec. 1 1 , dem man den romanischen Schreiber 
ansieht. Aus Bheinfranken verzeichne ich Momonheim 
a. 771 (neben dem ziemlich in derselben zeit Moman- und 
Momin- hergehn), Flaconheim a. 823 und Bettonforst sec 
11, beide letzteren jenseits des Rheins. Ostfranken bietet 
nur Alonfeld sec. 8 (aber im ungenauen cod. Laur.) und 
Popponhusun a. 999, letzteres in einer bairischen Urkunde. 
Nun bleiben noch die südlichen landschaften übrig. Von 
diesen ermangeln Oestreich und Schwabe)i jeder spur eines 
-Oft, Baiern zeigt ein aus sec. 8 stammendes, aber erst 
später aufgezeichnetes Peronpah, sonst nichts. Nur die 
Schweiz zeigt, und zwar in genauen urkundenabdrücken, 
sechs fälle: Patolonhusun a. 827 und 830, Puobonwilere 
a.&65, Uzonwilare (sonst Uzin-) a.873, Ramonwilare a.884, 
Rocconwilare a. 904. Da diese fUIe innerhalb von wenig 
mehr als sechzig jähren liegen, da die örter sämmtlich in 
der nähe von St. Gallen gelegen sind, so ist diesmal wirk- 
lich anzunehmen, dafs um die zweite hälfte des 9. jahrh. 
in jener gegend neben dem gewöhnlichen -iit eine neben- 
form -Oft gegolten habe. 

4) Die etwa 125 beispiele von einem -tiit {-ün) weist 
die theorie sämmtlich femininen zu und zwar sowohl den 
althochdeutschen als den altsächsischen. Doch sind einige 
der überlieferten formen gleich als verdächtig abzuziehen; 
wenn rheinfränkisches Ingilunhaim nicht selten an stelle 
des weit echteren Ingilinhaim tritt, elsässisches Matunheim 
anderthalb Jahrhunderte früher Mathinhaim lautet, schwei- 
zerisches Pussunwang älterem und häufigerem Pussinwang 



zur geachichte altdeutscher declination. 339 

gegenübersteht, schweizerisches Uzunriada und Uzunaha 
in früheren Urkunden mit Uzin- beginnt, bairisches Popan- 
husa und Liutunwanc früher als Pupinhusir und Liutin- 
wanc erscheint, so ist in diesen formen der erste theil der 
composition besser als genetiy eines masculinum anznsehn; 
wenn der besitzer von Maduncella Madius heifst, so liegt 
dem noch ärgere Störung zu gründe. Was dagegen wei- 
ter zu erwähnen ist, h^t alles die ansieht fCa sich, dals 
wir hier feminine genetive haben, so z. b. das häufige 
schweizerische Witunowa, das nur einmal als Witinowa 
belegt ist, desgleichen das noch häufigere ostfiränkische 
Hamalunburg, welches nur einmal, und zwar in einer bai- 
rischen quelle, Homolinburg (sie) lautet, das andere mal 
aber in einer sächsischen quelle als Hamelanburg misver* 
standen ist. Friesische beispiele von -tin mangeln ganz; 
Westfalen hat Hadunveni sec. 9 und Vitunbrucca a. 952; 
Engern Altungunhusen sec. 9, Baddunhusun a. 1020 und 
sec. 11, Liudunburin sec. 11; Ostfalen Holdunsteti sec. 9 
und Dununsteti a. 961 und 965; Thüringen Otunbach a. 
874 und 957, Asundorf a. 961, Cucunburg a. 979 und 999, 
Wanunbrucca a. 1039; Hessen Gugunberg sec. 8, Buhun- 
bach a. 801 und 980, LoUunburg a. 980; Ostfranken vor 
allem Hamalunburg a. 777, 812, 823, sec. 9, a. 889, 923 
und öfters, dann Chruchunperk a. 798, Fridunbach a. 807, 
Roggunstat sec. 9, Govunheim a. 923, ToUunstein a. 1007, 
während Fafunhusa a. 907 unsicher ist; Ripuarien ßardun- 
bach a. 867, Pissunhem a. 898, Sundnnberga a. 948, Rn- 
mundorp a. 962; Lothringen Dutilunbrunnun a.960; Rhein- 
franken Azalunheim zweimal sec. 8, Uncunstein a. 764 und 
991, Dudunburc sec. 8, Omunheim a. 824, Abunheim sec. 9 
und a. 932, Bicchumbach a. 874, Zozunbach a. 877, Dut- 
tunvelt a. 976, Kagalunstat a. 991, Egizunforst a. 1012, 
Salhunbach a. 1046, Colnmbach sec. 11; Elsafs Lonun* 
buach a. 777, 779, 780, 782, 784, 786, 792 u. s. w., Dau- 
gunheim a. 776 und 865, Gebunwilare a. 774 und 796, 
Ilnnwilare a. 784, Barunwilare a. 784, Dendunwilare a. 784, 
788 und 797, Dettunwilari a. 820, Abbunwileri a. 884, Mo- 
rizunwilere a. 968; die Schweiz Hotumbaoh a. 831, Poa- 

22* 



34Ö FfintMaann 

suQhovuD a.842, Herichonmaracba a.853, Omiiidorf a. 861, 
Ivunekka a. 885, Thichunowa a. 942; Schwaben vor allem 
Witunavia a. 786, 790, 809, 838, 861, 864, 873, dann 
Eitrahuntal a. 773 (vom floisnainen Eitraha), TatunhuBUB 
a. 776 und 961, Liubilunaha a. 802, Attunstete sec. 9, lo- 
gunruti sec, 10, Zattunhusa a. 961, Azelunwilare sec. 11, 
Kazzunstaig sec. 11, Wilunbalda sec. 11; Baiern Hintun- 
poh a. 731, Bezunpah a. 818, Ekkilunpurc a. 820 und 850, 
Lirundorf a. 1002 und 1025, Azalunphurt sec. 11, Kepun- 
liet sec. 11, Cucunberch a. 1080; Oestreich Mochandorf 
sec. 6, a. 790, 800, 805, 817, 830, 1095, Papilundorf a. 888. 
Man sieht, dafs in allen landschaften das -tin, wenn auch 
gewiDi vielfach beeinträchtigt durch *i» und -e», lebendig 
geblieben ist. 

Diese übersieht von bildungen aus der vocalischeD 
und consonantischen declination hat gezeigt, wie lange und 
in welchen gegenden die alten vollen vocale dem eindränge 
des tonlosen -<e widerstehen. Unsere alte declination hatte 
aber noch einen zweiten feind, dem sie indessen nicht un- 
terlag, sondern vielmehr siegreichen widerstand leistete. 
Schon in meinen Ortsnamen (1863) habe ich s. 191 darauf 
hingewiesen, dafs die romanische volksmundart der west- 
lichen gegenden ibre form in die deutschen namen und 
zwar namentlich in die den ersten tbeil der Ortsnamen bil- 
denden personennamen*gemischt hat. Diese erscheinen dann 
häufig in einer form auf -i oder -e, wie Bobunivillare, Bet- 
tnnemarca etc*, die häufig, wie in Actulfivillare und ähn- 
U<sbem, von lateinischen genetiven nicht zu unterscheiden 
ißt* Ebenso gebräuchlich ist aber eine form auf -o , wie 
in Ansfridohoba^ Ansoldowilare u. s. w. Diese sehr häu- 
fige form gehört dem Elsafs und Lothringen an und wird 
von da nur ganz selten in die benachbarten schwäbischen 
und rbeinfränkischen gebiete eingeschleppt. Am merkwür- 
digsten aber ist sie wegen ihrer dauer; sie beginnt für uns 
mit dem anfange unserer Urkunden am ende des 7. Jahr- 
hunderts, zeigt eich hundert mal da9 ganze 8. jahrh. durch 
und erscheint noch in den ersten jähren des neunten. Dann 
v€ar8tummt aie fast plötzlich ; ein Theotbertowilare von 829, 



zur geschichte altdeutscher deklination. 341 

ein Odonowilare und Weraldocelia von 847 sind ganz ver- 
einzelte archaismen, die ihren besondem grund haben mfls- 
sen« Der vertrag zu Yerdan sprach nur die völkerschei- 
diing aus, welche die Völker selbst schon längst vollzogen 
hatten. 

Es kommt ja überhaupt eigentlich nicht darauf an, die 
lante um ihrer selbst willen zu beobachten, sondern hinter 
dieser lautgeschichte stecken, wenn auch oft verhüllt, ganz 
eigene und wichtige thatsachen. Auf eine solcher that- 
sachen, die hier nicht verschwiegen werden darf, f&hren 
uns auch die in diesem aufsatze abgehandelten. mit perso- 
nennamen zusammengesetzten Ortsnamen. Sie lehren uns 
unsere personennamen , dieses wichtige stück unseres cul- 
turlebens, erst wahrhaft kennen. Wie nämlich zur kennt- 
nifs einer kometenbahn fQnf elemente gehören, so wird die 
bahn eines substantivums, d. h. seine declination und sein 
sonstiges sprachliches verhalten, erst durch drei elemente 
völlig bestimmt, sein thema, sein genus und seinen nomi- 
nativ; d. h. abgesehn von Störungen dieser bahn. Wer 
einst auf meinem ersten noch vielfach rohen entwürfe vrei^ 
ter arbeitend unsere alten personennamen sammelt, wird 
daher die pflicht haben diese bestimmenden elemente mög- 
lichst genau zu verzeichnen, wo sie sich nicht von selbst 
verstehn. Nun sind uns zwar das genus und die nomina^ 
tive unserer alten personennamen durch die Überlieferung 
ziemlich gut bekannt, das thema aber entgeht uns oft, da 
wir diese namen bei weitem in den meisten fällen nicht 
deutsch, sondern lateinisch declinirt finden. Dafs aber die 
genaue kenntnifs des themas von grofser Wichtigkeit axich 
für die bedeutnng der personennamen ist, mufs einmal 
mit einigen werten hervorgehoben werden. Es verst^t 
sich fast von selbst, dafs Wolf (thema Watfa) und Wolfo 
(thema Wolf-in) durchaus nicht dasselbe bedeuten; jenes 
heifst einfach lupus und ist das bekannte thier; dies dia- 
gegen heifst qni pertmet ad hvpum (sc. Wodani). und so' 
wird überhaupt darch das die schwache declination bil- 
dende snffix eine beziehung auf den begriff ausgedrückt^ 
der den körper des namens ausmacht. Nun ist es ferner 



342 Fontemann 

klar, dafs der gröfsere theil unserer einfachen namen schwach, 
der kleinere stark decliniren mufs, da nur eine geringere 
anzahl von begriffen an sich zur bildung von perso- 
nennamen geeignet ist, viel mehr hiezu nur dadurch pas- 
send werden, dafs die person in einem bestimmten v er- 
hält nifs zu jenen begriffen gedacht wird. Es ist femer 
klar, dafs die in den schwach declinirten namen liegende 
allgemeinste beziehung, die das sufBx -tn ausdrückt, 
wesentlich dazu gebraucht werden kann eine specielle 
beziehung, wie sie ein zusammengesetzter name andeutet, 
zu vertreten; dafs also ein Wolf bald, den speciell seine 
kühnheit zum götterwolfe in beziehung setzt, als ein blofser 
Wolfo erscheinen kann, wie das in hundert fällen geschieht. 
Man hat f&r diese Vertretung den schiefen ausdruck Ver- 
kürzung und verkürzte namen angewandt, als wäre 
der Vorgang ein rein lautlicher, während es wesentlich 
ein begrifflicher, das allgemeine für das besondere set- 
zender ist. Man wird doch nicht etwa einen lautliehen 
Vorgang darin finden, wenn jemand seinen panamahut stets 
mein panama nannte, wenn man jetzt post auch für den 
begriff braucht, der in früherer zeit nur durch postwagen 
bezeichnet werden konnte, oder wenn die schüler von ih- 
rem schiefer und ihrem blei statt schieferstift und bleifeder 
reden, was mit jenem vorgange bei den namen zwar nicht 
ganz identisch, aber doch ähnlich ist. Meine gegner neh- 
men an, es hätten jene sogenannten verkürzten namen nur 
dadurch ihre existenz, dafs sie statt voller Zusammen- 
setzungen stehn, während ich ihnen neben dieser Verwen- 
dung noch ein besonderes selbständiges dasein zu- 
schreibe; jener irrthum rächt sich dadurch, dafs er zu im- 
mer gröfseren curiositäten fahrt, sogar zu der behauptung, 
daft unsere spräche anfangs gar keine einfachen personen- 
namen gehabt habe. Soll etwa auch ein griechischer Kri- 
ton aus Kritolaos, ein Agathen aus Agathokles verkürzt 
sein? Solche allgemeine beziehung, durch welche eine spe- 
ciellere vertreten werden soll, braucht natürlich nicht im- 
mer blofs durch die bildung -in (nom. -o) ausgedrückt zu 



zur gesGhichte Altdeutscher declination. 343 

werden, sondern sie wird es eben so wohl auch durch an- 
dere safSxe, namentlich das deminutive -z. 

Wollen wir also diejenigen begriffe kennen lernen, wel- 
che unmittelbar als personennamen gebraucht werden 
können, so dürfen wir, abgesehn von denjenigen Wörtern, 
welche schon als appellativa schwach decliniren, wie Aro,, 
Bero u. s. w., uns nur an die stark declinirten einfachen 
Damen halten. Diese starke declination aber werden wir 
mit; grölster Sicherheit nur aus der Verwendung jener per- 
sonennamen in den Ortsnamen erkennen; ein Wolfeswang 
ist nach einem Wolf, ein Wolfinwilari nach einem Wolfo 
genannt; selbst die verderbtesten quellen pflegen beide klas- 
sen sauber auseinander zu halten. Alles genauere weiter- 
forschen auf dem gebiete der personennamen wird daher 
die fortwährende berücksichtigung der Ortsnamen zur pfiicht 
haben. 

Ich hätte mir zum Schlüsse erlaubt, aus diesen grün- 
den hier ein noch vielfacher Verbesserung und erweiterung 
fähiges register von denjenigen einfachen stark dedinirten 
personennamen zu geben, deren existenz sowohl durch ihr 
gesondertes vorkommen, als durch ihren gebrauch in Orts- 
namen sicher oder im höchsten grade wahrscheinlich ist; 
doch sehe ich mich aus mehreren andern gründen veran- 
lafst^ mit der mittheilung dieses registers, welches aufser- 
dem nicht nothwendig zum gegenstände des vorliegenden 
aufsatzes gehört, noch zurückzuhalten. 
Dresden. E. Forste mann. 



/ 



344 TNitB 



üeber die declination der starken substantiva 

im gothischen. 

Jac. Grimm hat Gt. D. S. 911 ff. in seiner geistreichen 
weise sehr scharfsinnig aus den vorhandenen formen der 
gothischen starken Substantiv- deelination die volleren vor- 
htstoirischen formen zu erschlieisen gesucht. Er hat sich 
dabei in bezog auf die vocale wesentlich durch die an- 
fliofai leiten lassen, dats der ablaut in ganz analoger weise 
aneh die flexionssilben der starken ^substantiva durchdringe, 
wie die wnrzelsilben der starken verba. So schön auch 
seine methode und so sicher auch viele der erschlossenen 
formen sein mögen, so möchte es doch schwer halten, ihm 
m allen seineo folgernngen beizutreten. Ihm war (geseh. 
d. spräche von 1848) das für die vocale und consonanten 
der goth« flexionssilben geltende gesetz noch unbekannt, 
das erst Westphal in d. zeitschr. U, 161 ff. (vom jähr 1852) 
•entdeckt und entwickelt hat. 

Mit benntzung dieses und der andren gothischen vo- 
sslgesetze soll im folgenden eine nene aufstelluog der vor- 
historischen godiiscfaen declinationsformen der starken sub- 
stanttva gemacht werden, die natürlich von der Grimm- 
ssh^i abweichen mulis(* 

We^phal kam es offenbar nur auf den beweis sei* 
ner Untersuchungen zur lautlehre an, und ich sehe mich 
daher im einzelnen^ da ich die flexionslehre im äuge 
habe, zu ausf&hrungen genöthigt, die sich von den seinen 
entfernen. 

Die aufstellung Schades (paradigmen zur deutschen 
grammatik pag. 6) kann ich nicht billigen: er bringt sie 
ohne ein wort der erklärung oder rechtfertignng. Kelle 
(vergleichende grammatik der germanischen sprachen 1863) 
steht auf einem ganz abweichenden Standpunkte — und 
andre analytische versuche von Germanisten sind mir un- 
bekannt. 

Alle Verschiedenheit gothischer declination beruht auf 
der Verschiedenheit der stammauslaute. Da es im folgen- 



über die decUnation der starken substantiva im gothischen.. 345 

den nur auf die vocalischen stamme abgesehen ist, so wird 
die Untersuchung auf den unterschied ausgehen müssen, 
den die flexionen — besonders die vocalisch anlautenden — 
an den ursprünglich gleichbehandelten i- und u- stammen 
einerseits — an den a- und ä^sttoimen andrerseits hervor- 
bringen. 

Ursprüngliche casus-suffixe sind im gothisch^i -— ab- 
gesehen vom nom. acc. sing, und plur. neutr. — die fol- 
genden: 

Sing. nom. -s, gen. -^as, dat. -i, acc. -n. 
Plur. nom. -as, gen. -am, dat. -mis, acc, -ns. 
auf deren rechtfertigung ich hier nicht- einzugehen habe. 
Späteres goth. 6 ist dabei — und so auch im folgenden — 
noch als ä bezeichnet, und im folgenden keine rücksicht 
auf den gothischen Wechsel zwischen -in und iv genom- 
men. Der zwischen au und -av kommt für die declination 
nicht in betracht, und ebensowenig der von ei und ij, weil 
die ihn hervorbringenden vocale in historischer zeit ver- 
schwunden sind. 



L I- und U-stämme. 

Voc algesetz. 1) Der staramvocal bleibt unverän- 
dert vor consonantisch anlautender flexion — also im nom. 
acc. sing. — im dat. acc. plur. 

2) Der stammvocal wird gesteigert vor vocalisch an- 
lautender flexion, und zwar 

a) auf die 3. stufe ai, au im gen. dat. sing. 

b) auf die 2. stufe ei, in im nom. gen. plur. 
Daraus ergeben sich folgende formen: 

sg.masc. gasti-s fem. ansti-s sunu-s fem. handu-s 

gastai-as anstai-as sunau-as * handau-as 

gastai-i anstai«i sunau-i handau-i 

gasti-n ansti-n sunu-n handu-n 

pL gastei-as pl. anstei-as pl. suniu-as pL handiu-as 

gastei-äm anstei-äm suniu-äm handiu-äm 

gasti-mis ansti-mis sunu-mis handu-mis 

gasti-ns ansti-ns sunu-ns bandu-ns. 



346 Treitz 

Die formen des gen. dat. sing, und nom. gen. plur. 
sind sicher so anzusetzen, nicht mit Wegfall des flexions- 
vocals, also nicht anstais, anstai — plur. anstei-s, 
anstei-m und sunau-s, sunau — plur. suniu-s, sa- 
niu-m, denn das erhaltene goth. suniy-e = suniu-äm 
beweist, dafs die Steigerung des stammvocals in diesen 
fällen keineswegs eine folge des & der flexion ist. 

Höchstens könnte es zweifelhaft scheinen, ob nicht im 
dat. sg. der I- stamme das dem Stammauslaut verwandte I 
der flexion in dem ablaut -ai stecke. Aber abgesehen von 
tiefer liegenden lautgesetzen ist diese vermuthung schon 
deshalb zurückzuweisen, weil 

1) die nämliche Steigerung im gen. sg. anstai-as, und 

2) im gen. dat. sg. der U-stämme die dem ai streng pa- 
rallele Steigerung au eintritt. 

Wo also in den historischen formen das a und i der 
flexion fehlt, ist es in folge des gothischen lautgesetzee 
(d. zeitschr. 11, 161 ff.) ausgefallen. 

Allerdings stellen sich nun diese beiden declinationen 
genau den ablautenden verben mit wurzelhaftem I und ü 
zur Seite: 

greipa — graip — gripum biuga — bang — bugum, wie 

anstei — anstai — ansti suniu — sunau — sunu. 

II. A- und lA-stämme. 

Mascalina und neutra. 

Die Verschiedenheit dieser declination von der vorher- 
gehenden beruht lediglich in der behandlung des stanmi- 
auslantes. Die vocale der mit A anlautenden flexionen 
assimilieren sich dem verwandten stamm vocal; sie gehen 
dann auf, indem sie ihn streng organisch steigern, wäh- 
rend bei den I- und U- stammen der ablaut des stamm- 
vocals keineswegs von der organischen Verbindung des 
flexionsvocals mit ihm herrührt. Eine nicht lediglich durch 
das flexions-a herbeigeführte Steigerung ist nur im nom. 
plur. anzunehmen, aus dem klaren gründe, ihn formell vom 
gen. sing, zu scheiden, — ein vorzug, den die I- und U- 



über die declination der starken snbstantiva im gothischen. 347 

Stämme ebenfalls durch die verschiedene art der behand* 
lang des Stammauslauts erreichen — vgl. gen. sing, gast- 
ai-as sunau-as und nom. plur. gastei-as suniu-as. 

Die lA- stamme unterscheiden sich in vorhistorischer 
zeit gar nicht von den einfachen A-stämmen — später tritt 
ein nur in den lautgesetzen begründeter geringer unter- 
schied ein. 

Die casus mit consonantisch anlautender flexion sind 
ganz den entsprechenden formen der I- und U- Stämme 
gleich gebildet. 

Also sg. nom. daga-s — acc. daga-n 
pl. dat. daga-mis — acc. daga-ns. 

Anders die vocalisch anlautenden. 

Sg. gen. daga-as ergibt da gas, d.h. organische erste 
Steigerung von a, bewirkt durch ein neu zutreten- 
des a. 
Sg. dat. dagai. Der flexionsvocal -i-, dem stammvocal 
unverwandt, tritt mit diesem zur rein äufserlichen 
Verbindung -ai- zusammen, die nicht mit dem ge- 
wöhnlichen goth. ai — der höchsten stufe der I-reihe 
und aus I entstanden — zu verwechseln ist. Die 
Verbindung ist ebenso äufserlich als in gastai-i 
sunau-i die von i mit -ai -au*). 
Plur. nom. dag ä-as ergibt dagös als zweite Stei- 
gerung der a-reihe, die aus einem hinzutretenden reinen a 
in Verbindung mit der vorhergehenden ersten Steigerung 
erwächst. Der gothische vocalismus zeichnet sich gerade 
durch die strenge folgerichtigkeit in der auseinanderbaltung 
seiner Steigerungsstufen vor den urverwandten sprachen aus. 
Hier geht — wie im gen. sing. — der flexionsvocal 
mit dem stammvocal eine streng innerliche gesetzinäisige 
Verbindung ein. Die zweite Steigerung -6- ist folge des 
fiexivischen -a-, die erste Steigerung aber (^ & im stamm- 
auslaut — ) ist eine folge des triebes in der spräche, die 
casus formell zu scheiden — ein trieb, der in vorhistorischer 



*) oder in saian-vaian die von a mit i. 



348 Treitz 

zeit im gothischen weit stärker gewaltet haben mufs, als 
später. 

Plur. gen. daga-äm ergab regelrecht dagäm: a der 
flexion zu stammhaftem a tretend hat dies yerscblungen. 
So grofs ist seine macht, dafs es der späteren abschwä- 
chung widerstand geleistet und sich in historischer seit als 
S behauptet hat. 

Für das masculinum ist daher folgendes paradigma 
aufzustellen : 

stamm daga: stamm harja: 

sg. nom. daga-8 haija-s 

gen. ,däg^8 = daga-as haijä-s = harja-as 

dat. daga-i harja-i 

acc. daga-n harja-n 

pl. nom. dagö-s = dagä-as pl. harj6-s = harjä-as 
gen. dag-äm= daga-äm haijä-m = barja-äm 

dat. daga-mis haija-mis 

acc. daga-ns haija-ns. 

Das neutrum weicht mir im acc. nom. vom mascuL 
ab. Da das neutrum der nominalen (snbstantiv-) declina- 
tion im singuIar gar kein flexionselement in diesem casus 
an sich hat, so mag die aufstellung eines solchen ilUglich 
unterbleiben: sowohl n als t hätten vor der historischen 
zeit abfallen müssen. In der pronominalen flexion sind 
sie durch eine secundäre stütze gehalten worden : I>a-t-a, 
blinda-t-a. 

Im plural war das flexionselement a, das naturgemäfs 
den stammvocal zu ä steigerte. 

Sing. nom. acc. vurda — kunja 
plur. nom. acc. vurdä — kunjä. 

IIL A- und lA-stämme. 

Femmixia. 

Die feminina der a- und ja-stämme zeichnen sich, wie 
in den urverwandten sprachen vor dem masculinum und 
neutrum durch ursprüngliche Steigerung des stammvocals 
aus. Dadurch ergeben sich folgende formen: 



ttber die dedination der starken eubstantiva im gothischeii. 349 

Sg. nom. gibä, mit regelmäfsig einfach gesteigertem 
stammvocal. In folge der Steigerung kann, wie in 
den urverwandte, das flezivische S des nominativs 
entbehrt werden. 

gen. gibä-as, mit regelrechter zweiter Steigerung gab 
gibös, 

dat. gibä-i. Da der flexionsvocal unverwandt, so blieb 
es bei der regelmafsigen einfachen Steigerung. 

acc. gibä-n — ebenso. 

Plur. nom. gibös aus gibä-as: eine höhere Steige- 
rung als -ö- war nicht möglich, daher hier ein for- 
melles zusammenfallen von gen. sing, und nom. plur. 
nicht zu vermeiden war. 

gen. gibä- am ergab gib 6m mit möglichster Steigerung. 

dat. gibä-mis mit regelmäfsig einfacher Steigerung. 

acc. gibös ftkr gibä-ns, mit einer Steigerung, die der 
des gen. sing, und nom. gen. plur. nicht gleich steht, 
aber doch in unserer Sprachenfamilie mit zu den ge- 
• wohnlichsten erscheinungen gehört, so dafs ich mich 
der anführung von beispielen enthalten kann. Die 
Steigerung oder dehnung ist ersatz fQr ausfallendes n. 
Als paradigmen sind daher aufzustellen: 

stamm gib& stamm sibjA 

Sg. nom. gibä^ sibjä 

gen. gibö-s = gibä-as sibjös = sibjä-as 

dat. gibäri sibjä-i 

acc. gibä-n sibjä-n 

pl. nom. gibö-s = gibä-as pl. sibjö-s = sibjä-as 

gen. gibö-m = gibä-äm sibjö-m == sibjä-äm 

dat. gibä-mis sibjä-mis 

acc. gibö-s = gibä-ns sibjös = sibjä-ns. 

IV. Die Ulfilanischen formen 

sind weitaus zum gröfsten theil organisch aus den eben 
aufgestellten hervorgegangen, in folge des von Westphal 
eben so glQcklicb gefundenen als scharfsinnig entwickelten 
lautgesetzes. Die folgende etwas von der «einigen abwei- 



350 Treitz 

chende aufstellung brauche ich hier nicht weiter zu be 
gründen; sie mufs sich am paradigma selbst beweisen. Sic 
wird sich auch in der conjugation überall als richtig zeigen. 

Gesetz für die endsilben in historischer zeit. 

a) Consonanten: 

Von ursprünglich auslautender doppelconsonanz hält sich 
nur -US — von ursprünglich auslautender einfacher nur -s. 

b) Vocale im auslaut oder vor ursprünglicher einfacher 

consonanz : 

a und i erleiden apokope und synkope, 
k und ai werden a — äi wird ai, 
ja wird im auslaut zu i: 

aber im inlaut zu ji, nach kurzer Wurzelsilbe. 

im inlaut zu ei, wenn lange Wurzelsilbe, oder 
mehr als eine silbe vorhergeht, 
ja und jai werden ja — jäi wird jai. 

Daraus ergeben sich regelrecht 

a) consonantische Verluste: 

NB. Die später in fremde analogie übergetretenen for- 
men sind hier noch in älterer organischer form 
aufgeflihrt. 

Sg. acc. daga harja — gibä sibjä — gasti ansti — 

sunu handu. 
PI. gen. dage harje — gibö sibjö — gastei-g an- 

stei-6 — sunivS handive 
ä wird nach gothischer farbung zu e — in zu iv — 
ei hätte ebenso zu ij werden müssen. 

In diesem casus hat sich das lange ä d. h. e gehal- 
ten, weil diese länge ursprünglich der flexion angehört und 
ganz anderer art ist, als in den übrigen fällen. Nur die 
kurzen a und i der flexion fallen so leicht ab, das lange ä 
widerstand mit fug. 



über die deeliaation der starken substantiva im gothischen. 351 

b) Vocalische Verluste: 
Sg. Dom. dag-8 harji-s hairdeis — giba sibja — 
gast-s anst-s, während sunu-s handu-8 
verblieben, 
gen. daga-s harja-s hairdja-s (gibös sibjös 
blieben) — gastai-s austai-s — sunau-s 
handau-8 
dat. daga- harja- halrdja gibai sibjai — gas- 

tai anstai sunau- handau- 
acc. nach wegfall des ursprünglich auslautenden »n 

dag- hari- hairdi giba- sibja gast 

anst, während sunu handu verblieben. 
PL nom. in den ä- und ja- stammen verblieben — sonst 
mit Verlust des^flexivischen a — gastei<-s an- 
stei-s — sunju-s handju-s 
acc. überall geblieben, in hoher alterthümlichkeit. 
dat. hat das i aus -mis nach dem vocalgesetz verlo- 
ren. Aus der übrig bleibenden endung -ms mufste 
$ das s wegfallen, da das vorhist. gothisch diese 

Verbindung nicht duldet. Nach diesen Verlusten 
hielt sich dann das m nach der regel. 
daga-m harja-m hairdja-m — gibö-m sib- 
jö-m — gasti-m ansti-m — sunu-m 
handu-m. 

Neutrum: 
Sg. nom. und acc. vaurd kuni ftir vaürda kunja 
pl. nom. und acc. vaurda kunja f&r vaürda kunjä. 

V. Unorganische Veränderungen. 

1) A- und ja-stttmme. 

gen. sing, da gis barjis hairdeis für dagas harjas 
hairdjas. 

vaürdis kunjis andbahteis für vaürdas 

kunjas andbahtjas. 

Grimm G. D. S. 914 fg. erklärt das i in dagis itkr 

organisch, indem er seine behauptung auf pag. 646 f«, dafs 

auch dem goth. -is ein älteres -as vorhergegangen sein 



352 Trelts 

müsse, zurückzieht. Offenbar ist er dabei beeinfluTst tod 
dem gedanken, dafs sich in den vocalen der A^declinatioii 
die ablautreihe i-a-e (giba gaf gebum) wiederfindeD 
müsse. Dals der auf dieses -is zu erwartende althoch- 
deutsche umlaut ausbleibt, erklärt Grimm dadurch, dais 
-is zur zeit des beginnenden umlauts schon zu -es ge- 
schwächt gewesen sei. Die zur stütze daüELr vorgehrachte 
thatsache, dafs auch im ahd. käst t&t kein umlaut Tor- 
banden sei, obgleich sie auf goth. gastis dedis beru- 
hen, hat keine strenge beweiskrafb. Dafs nom. acc» käst 
(tat konnte althochdeutsch noch nicht umlauten) nicht 
umgelautet werden, hat seine Ursache darin, dals nach 
dem lautgesetze der stammauslaut -i- schon in vorhistori- 
scher zeit abfiel. Wo -i- im gothischen geblieben ist, se- 
hen wir es auch althochdeutsch in voller wirkung — vgl. 
fem. gen. dat. enstt und den ganzen plural des masciJi- 
num und femininum der althochdeutschen I-stämme (neo- 
trum fehlt) — ja sogar im gen. plur., der althochdeutsch 
sein i erhalten hat, während das gothische diesen casS 
unorganisch in die analogie der A-stämme übertreten lieCs. 
Also ahd. pelkj6 kestjo enstjo anstatt der verdorbe- 
nen goth. balge gaste anstS. 

Ferner behauptet Grimm, auch deshalb müsse dagis 
als organischer genitiv angesehen werden, weil dagas als 
genitiv sich nicht von dagas als nom. sing, unterscheide. 
Diese Bemerkung weist Westphal deshalb zurück, weil 
sich der genitiv dagas von dem nom. sing, durch ur- 
sprüngliche länge unterschieden haben müsse, unzweifel- 
haft mit recht: denn wäre der genitiv dagis organisch, 
so hätte sein i ebenso gut ausfallen müssen, als in gast-s 
für gastis, anst-s fOr anstis — und ebenso gut als 
das a in dag-s ßXr daga-s. Also grade dann wären in 
historischer zeit nominativ und genitiv formell identisch 
geworden, wenn die vorhistorische form des letzteren da- 
gis gewesen wäre. Denn daraus hätte nothwendig dag-s 
entstehen müssen. 

Als ursprungliche form ist vielmehr dag&s ss da- 
ga-as anzusehen, die sich mit regelrechter abschwächung 



über die declination der starken subBtantiva im gothischen. 353 

des a zu a im alts. ags. dagas treu erhalten hat nnd auch 
— wie der mangel des umlauts beweist — der althoch- 
deutschen geschwächten form takes. (neben takis) 2U 
gründe liegt. Grade so bewirkt das ans ursprünglichem 
a geschwächte i des gen. dat. sing, der männlichen N-stämme 
(hanins hanin) althochdeutsch keinen umlaut« Und das 
ist nur eins von unzähligen beispielen. 

Aus dagas ist nun goth. dagis durch vorhistorische 
Schwächung entstanden, wie in so vielen fällen das gotbi«- 
sche geschwächte i und u zeigt, anstatt der althochdeutsch 
noch vorhandenen ursprünglichen a. Vgl. goth. tunpus 
ahd. zand — goth. ibuks ahd. abah — goth. inu ahd. 
anu ano — goth. maärgins ahd. morkan — goth. ha«* 
kuls ahd. hachal. 

In den flexionssilben ist diese Schwächung gothisch 
allerdings selten. Doch ist aus der conjugation die Schwä- 
chung des charaktervocals a in der 2. und 3. sing, und 
2. plur. praes. indic. der starken verba hierhin zu rechnen. 
Goth. gibis für giba-si — gibij) för giba-pi — plur. 
gibip fpr giba-pasi. Letztere form ist am auffällig- 
sten und hier hat auch das ahd. kepat das alte a er- 
halten*). 

Die entsprechenden personen der schwachen ja-eonju- 
gation bieten ein treues seitenstück zu den genitiven har- 
jis hairdeis für harjas hairdjas. Da in dieser con- 
jugation das auslautende -a der ableitung -ja wie der cha- 
raktervocal der starken verba im praes. indic. behandelt 
wird, so lauten die formen bei kurzer Wurzelsilbe nasjis 
nasjip — bei langer sokeis s6keip — fÄr nasjas 
nasjap, s6kja-s s6kja-p. 

2) k- und JA- Stämme. 

Dat. plur. gib öm sibjom für gibäm sibjäm. 
Nicht entschliefsen kann ich mich, in diesen femini« 
Den von vorn herein höchste Steigerung des stamm auslauts 

*) Eine andre erkläning, die auf die im griechischen und sanskrit nach- 
Tveisbare genitivform der A-stämme zurückgeht, haben wir oben XY, 42Bff. 
gegeben. anm. d. red. 

Zeitschr. f. vgl. sprachf. XVI, 5. 23 



3M Traitz 

-6* als stammhaft anzunehmen. Das gothische ist in be 
zog aof die verschiedenen stufen seiner vocalreihen » 
sfoeng und folgerichtig, und so genau erklären sich geo 
sing, sowie nom. gen. acc. plur. aus den strengen grond* 
Sätzen der gothischen Tocalsteigerungy dafs die annähme 
eines stammhaften ö mir unmöglich scheint. Anüserdeic 
l^en nom. dat. acc. sing, dagegen gebieterisch wider- 
sprach ein: denn aus gibö gibö-i gibö«n hätte mm- 
mermehr giba gibai giba entstehen können, sondern nur 
unterschiedsloses gibö*). 

Auch behandeln alle stamme ohne unterschied ihres 
auslauts den dat. piur. in einer so durchaus übereinstinh 
menden weise, dafs auch fikr die &- und jä-stänune keine 
andre vorhistorische form als giba-mis sibja-mis, und 
daraus r^elrecht gibäm sibjäm möglich ist. Die &o- 
tisch vorliegende form gibö-m sibjö-m ist daher unor- 
ganisch und aus der andren entstellt. Diese entsteUong 
lag aber sehr nahe. Der höchst' gesteigerte vocal -o- 
überwog im plural so sehr, dafs ihm nach analogie d«r 
übrigen casus auch der dativ fast mit nothwendigkeit ve^ 
fidlen muste. Er hätte wohl noch weitere fortschritte ge- 
macht, wie wir ihn denn althochdeutsch auch schon im 
dat. sing, (köpö f&r goth. gibai) erblicken. Später macht 
natürlich die jüngere Schwächung, die fast alle bildungs- 
vocale in tonlose oder stumme e wandelt, eine weitere am- 
breitung unmöglich» Doch verdient erwähnung, dafs sich 
6 vor dieser letzten Schwächung althochdeutsch schlecht- 
hin in alle genitive des plural eingedrängt hatte. 

3) I-stftmme. 

Im Singular ist der gen. dat. des masculinums der 
analogie der a-stämme gefolgt: gastis gasta nach da- 

*) Man erwäge, wie sorgfältig das stammhafte 6 in der schwachen de- 
dination der adjectiva nnd snbstantiva, sowie in der oonjug^ation der mit 5 
abgeleiteten verba verbleibt, selbst wo es in folge secnndllrer Vorgänge m 
den anslaut tritt, tnggd, hairtö, fem. xmd neotr. nom. sg. blind 6 können 
nicht formell identisch gewesen sein mit accus, giba» der nie gibd-n ge- 
lautet haben kann. Aehnlich salbd als 1. und 8. praes conj. 1. praes ind. 
im Singular nnd 2. imperativi. Nur in einigen wenigen pronomiBalformen 
ist abweicbung von der strengen regel vorhanden. 



ttb«r die decUnation der starken substantiva im gotbischen. 355 

igis daga, während die feminina der alten form treu blie-^ 

i^.ben: anstais anstai. 

:^ Im p] Ural folgte der gen. maec. und fem. der nftm- 

blichen analogie: gastd anstß, etwa anstatt gastije 

tanstij^. 

:i- Im althochdeutschen wird wie in jüngeren sprachpe« 

3 rioden überhaupt die Wirkung der analogie noch stärker. 

LS 

H 4) Nomin. sing, auf -i ron jft- stammen. 

Wenn lange Wurzelsilbe oder wenn mehrere eilben 
b dem stammanslaut vorhergehen, so tritt im nom. sing, an- 
e> statt des regelmäfsig zu erwartenden ja fQr j& ein i ein: 
i bandi fürbandja — mavi fürmauja — pivi fiQr piuja 
iji — aqvizi für aqvizja. Auch dieser Vorgang scheint 
]^ unorganisch, denn in den nämlichen Wörtern (Grimms 
I 2. starke feminin-declination gr. I, 603 6. D. S. 917) lautet 
f der accus, sing, richtig bandja mauja piuja aqvizja^ 

ganz wie giba sowohl acc. wie nom. sing. ist. 

li Zur erklärung dieser abweichenden nominative bleibt 

'g nichts andres als die annähme übrig, dafs hier das godi. 
jH — sicher in verhältnifsmäfsig später zeit — zweimal den 
ji schritt gethan, den es sonst nur einmal that, dafs also ein 
.i unursprflngliches ans ja entstandenes ja die nämliche ver» 
H änderung erlitten habe, wie ein ursprüngliches ja, d. h. zq 
^ i geworden sei. Die langsilbigkeit der würzet resp. die 
|j mehrheit der vorhergehenden Stammsilben mögen dabei in 
^ anschlag zu bringen sein — von entscheidender Wichtig- 
keit sind sie aber nicht gewesen, denn dann hätten auch 
die acc. sing, bandi, mavi, pivi u. s. f. lauten müssen, 
während nur ganz vereinzelt der acc. kunpi Luc. I, 97 

1 begegnet. Ja vollkommen wie ja zu behandeln wider- 
i strebt der strenge des gothischen vocalismus. Ja in der 

endsilbe von stammen scheint im deutschen überhaupt 
\ nur in diesen femininen und im starken adjectiv vorzu- 
f kommen, sowie in eitiigen zahlwort- und pronominalfor- 
' men. In der gesammten verbalflexion aber kann ich go- 
I thisch kein aus ja gesteigertes ja erblicken. Vielmehr er- 
klärt sich nasja 1. sing, praes. ind. nicht aus nasjä, son- 

23* 



356 Treitz, ttber die dedination der starken sabstantiva im gothischen. 

dern aus nasjami — beri 3. sing. conj. praet. nicht an 
b^rjä, sondern aus bSrjapi, die historischen forme! 
sind regelrecht; ihr reines a bleibt erhalten, weil es nidi 
in einer ursprünglichen endsilbe steht. Man hat filr da 
gothi^che nicht nothig, wie im sanskrit (Bopp V. G 
n, 261) eine Steigerung des classencharakters — resp. bei 
der ja-conjugation des ableitenden ja vor m und v*) dei 
üexion anzunehmen und demgemäfs als urfonpen nas- 
jä-mi, bSrjä-ti anzusetzen. So lange die gothische form 
aus dem eigenen gothischen gesetz erklärt werden kami, 
ist man befugt, fremde analogie abzuweisen. 

Daher ist es auch nicht zu billigen, wenn Elbel in 
dies. zeitschr.IV, 153 in unsren femininen mit dem nomi- 
nativ -i filr -ja nach analogie des sanskrit i-stämme er- 
blicken will, die aufser dem nom. sing, in die analogie der 
ja*8tamme übergetreten wären. Dieser annähme wider- 
spricht ohnehin das gothische auslautsgesetz, das -ei be- 
stehen läfst, und nicht zu i schwächt. Ja, grade umge- 
kehrt ist z. b. im imperativ nas ei Steigerung des i zu ei 
eingetreten. Vom praesensstamm nasja ohne fiexionsele- 
ment gebildet, hätte der imperativ nach dem Lautgesetz 
nasi zu lauten: um aber das auslautende -i vor dem ab- 
fall zu schützen, ward es durch i regelrecht za ei ge 
steigert. 
Bonn, 24. December 1866. Dr. Wilh. Treitz. 



Lautwandel von o in x. 

I. Im anlaut. 

(Fortsetzung.) 

Wie in den bisherigen wortgruppen und stammen das 
anlautende s als normal und ursprünglich durch die Sprach- 
vergleichung erwiesen ist, so auch 

6) in folgenden gruppen verwandter Wörter. 

♦) oder gar vor dental. 



Savelsberg, laatwandel von a in x. 357 

a) "Agitri „sichel^, zuerst von Grimm geschiebte der 
d. spräche 302 (1% 212) mit dem altslaw. srip, poln. 
sierp ^sichel^ und lat. sarpere „beschneiden^ verglichen, 
kann nur auf eine gemeinsame wurzel Sarp zurfickgeführt 
werden, wofür weiter zur Bestätigung dient ahd. sarf, das 
um 80 beachtenswerther ist, als daneben erst im zehnten 
Jahrhundert scarf aufkommt (s. Graff yi,*278). Es kann 
aber aus diesem späten scarf eben so wenig ein älterer 
vollerer anlaut sc gefolgert werden, wie aus den vielen 
oben s. 63 erwähnten ähnlichen fallen, wo im althochdeut> 
sehen sc an die stelle von s trat, übrigens geht es auch 
wegen des griechischen nicht an, wo ein blofser Spiritus 
wie in aqnri sich nie einem ursprünglichen anlaut sk ge- 
genüber findet. Auch sonst deutet nichts auf einen ur- 
sprünglichen anlaut sk, sondern alles auf s. Doch auch 
so steht nichts entgegeu, mit Kuhn in d. zeitschr. IV, 22 
das lat. carpere, und griech. xagTtog, TtaQmQuv „ernten, 
eigentlich abpflücken, abschneiden^, auch ^alpa, wie die 
waffe heifst, mit welcher Pragapati von seinen kindern ver- 
wundet wird, gleichwie Uranos mit der agnt} (Hesiod. Theog. 
175), dann xotoTiiov „sichel^ (G. Curtius grundz.1, 114) alle 
aus der gemeinschaftlichen wurzel Sarp hervorgehen zu 
lassen, da der lautwandel von <; in x in obigen beispielen 
hinlängliche belege für sich hat. In diesem Übergang fehlt 
es auch nicht an einer alten mit an anlautenden form, die 
wir als vermittelung zwischen sarp und karp aufstellen kön- 
nen. Von oQTti] nämlich, welches bei Hesychios, wie sonst 
auch ägTif], einen haken oder Stachel (zum lenken des ele- 
phanten) bedeutet, oder genauer, von dessen älterer form 
aognt] stammt axoQnlo(; „skorpion, eig. der stachelige^. 
Aber damit ist nun doch kein anhält gegeben, um skarp 
als ausgangspunct aufzustellen und zur erklärung von sarp 
und karp hier abfall des s, dort des k anzunehmen, woran 
einige gedacht haben, sondern wir können, wie früher axvi-- 
(fog 8. 60 axaioi; s. 62, oxa/A und ^vv s. 73, so hier axog- 
nioq nur f&r eine Zwischenstufe des lautwandels halten. Be- 
trachten wir jetzt etwas genauer das bei Festus und Pau- 
lus Diac. erhaltene altlateinische verbum sarpio mit sei- 



358 Savelftberg 

Den derivaten sarmen nnd sarmentam, welch letztor 
mit virgcdae absoissae erklärt wird, so sehen wir es vor 
zngsweise vom verschneiden des weinstocks gebrauch 
tCorssen, krit. beitr. s. 32), ähnlich wie xAaco, eigentl. „icl 
breche^, ganz besonders vom abbrechen der jungen echöf^ 
finge und zweige des weinstocks gesagt ward, welche ds- 
her xkfjfAaTa lat. rumpi (Yarro de r. r. I, 8,4) heifsei^ 
während xkrif^ariSsg schon überhaupt kleine zweige unj 
das verwandte xXoiv mit seinem deminutiv xXoviov (beid« 
bei Theophrast) und xXdSog schöfsUnge oder zweige ver- 
schiedener bäume bedeuten. So bezeichnen nan auch is 
lateinischen das alte sarmen (Plaut Most. V, 1, 65) um 
das spätere sarmentum alles dönne gezweig, reisig, 
reisholz, von wz. Sarp „verschneiden % woher (ebenfalls 
mit unterdrücktem p) sur-culus stammt, wie von gleicher 
Wurzel mit geschwundenem s das griech. ogn-rj^^ attisch 
oQTi'fj^ aus aogn^Ti^ „junger zweigt, alles vom schneiden 
benannt gerade wie unser „schnittling^ und schon althodh 
deutsch „snitiling^ surculus, sarmentum. Von dieser wiirzcl 
Sarp stammt femer vermittelst des lautwandels von ö mi 
die gleichbedeutende bei Hesychios erhaltene glosse xao- 
nia xXiovia (nach Dindorfs unzweifelhafter emendatioi 
des cod. xXovia) *)j desgleichen xagnig (aus aagnig) „die 
ruthe, mit welcher der praetor den sclaven berührt, der 
er frei spricht^, aufserdem viele andere Wörter: panig (ans 
agamg) „ruthe, virga^, welches im homerischen epithetoo 
des Hermes xgvao^^ajtig {oder xQ^iTogaTiig Pind. P.4, 178. 
enthalten ist, -«- dann mit langem wurzelvocal pwTug ,,zweige, 
sträuche^.Od. X, 166 giandg re kvyovg r£, — goiTc^iov „ge* 
Strauch^ n. Xin, 199 avd paDTirjta nvxvd^ — dann wiedff 
blofs bei Hesychios: gwndg* elSog q>vTov IfAcnftddovg ans 
Oppian. 

b) Wie hier bei Hesychios angedeutet ist, dienten 
solche abgeschnittene zweige häufig zum binden nnd fleck- 
ten, wie Odyssens zum schütze des schifFs ein flechtwerk 
macht ginwci SiafAntghg olcvtvffGiv Od. V, 256, ans weide- 

*) M. Sohmldt's coi^ectnr nlavut entfernt eich ohne Tenuüueimg gtr 
SU weit vom handeohriftUehen »lopia. 



lautwandol von a in x. 359 

nen zweigen. So heifst denn pinog (to) ein solches ge- 
flecht, eine matte aus binsen oder schilf, und bei Hesychios 
die lakonische glosse: pinig, pmig, t6 nkty^ia^ rj äx axoivtov 
Ttiraaog sogar ein hut von binsen. Obiges panig (ruthe) 
kommt nun bei Hesychios auch als fufsbekleidung vor, die 
wahrscheinlich aus solchem flechtwerk bestand: paniSsg 
XfTtoSrjfjLaxa und Qanig QctßSog XQrjnig^ und eine nebenform 
agmg pl. ccQniösg bei Callimachos frg. 66 wird Etym. m. 
p. 148, 36 ebenfaUs durch imoöfifiata und x^f^nlSeg er- 
klärt, jignig läfst sich leicht auf die ursprüngliche form 
aagnig zurückführen und somit ganig auf aganlg^ ja hier- 
mit ist auch xgtjTtig identisch, nur durch den Übergang von 
a in X und Verlängerung des wurzelvocals modificirt; denn 
die echtgriechische fiifsbekleidung xgfjmg war ein flecht- 
werk, ähnlich einer matte oder einem netz*), and dais die 
bedeutung „sockel, basis^ in der architektur von der be- 
schuhung entnommen ist, bedarf wohl kaum der erinnerung 
(vgl. Pape). 

Indem wir zur völligen feststellung der wurzel auf glxfj 
zurückkommen, welches ein flechtwerk von jungen zwei- 
gen (s. oben), von schilf, röhr oder binsen bedeutet, be- 
merken wir, dafs es schon längst mit scirpus „binse^ 
treffend verglichen worden ist, wobei Corssen krit. beitr. 
s. 32 das schwanken der handschriften zwischen scirpeus 
und sirpea, andererseits die gut verbürgte Schreibweise 
sirpiculae und surpiculi (Plaut. Capt. lY, 2, 36) sowie 
sirpare „mit binsen versehen^ oder „anbinden^ con- 
statirt. Das Stammwort sirpus in dieser für sich zwar 
selten (Gellius N. A. XII, 6), aber desto mehr in den de- 
rivaten beglaubigten schreibmig mit blofsem s stimmt am 
genauesten mit dem masc. gino-g „matte^, wie es bei Dio- 
scorides vorkommt^ so dafs dafür die urform agino-g an- 
zunehmen ist. Ferner da sirpea einen aus binsen ge- 
flochtenen ,|Wagenkorb^ und surpiculi piscarii Plaut. Capt« 
IV, 2, 36 „fischreusen^ bedeuten, so ist, wie es schon Pott 

*) S. Rieh, Ulnstr. Wörterbuch der römischen alterthttmer mit berttck- 
siohtigong der griechischen, ans dem englischen übersetzt von MttUer s. ▼. 
erepida 2te abbildnng. 



360 Savelsberg 

etym. forsch. I, 140 aufgestellt bat, in form und bedeotang 
yQinoq „fischernetz^ verwandt und in übertragenem sinne 
auch yQUfOQ bei Aristophanes ^räthsel'^ als etwas künst- 
lich verflochtenes, wie im lateinischen das räthsel vom bin- 
sengeflecht übertragen scirpus heilst, oder sirpus bei 
Gellius N. A. XII, 6: Quae Graeci dicnnt aenigmata, hoc 
genus quidam e nostris veteribns sirpos appellaverunt. 
Wir betrachten nun das griech. yglncrg mit G. Cartias 
grnndz. 11, 93 als eine erweichung, aber nicht aus cfx, son- 
dern aus X und solch erschlossenes TCQjnog ist dann aus 
der eben an der band von sirpus gefolgerten normaleo 
form aginog entstand^i. Alle bisher behandelten Wörter 
haben ihren Ursprung in dem gemeinsamen begriff des ab- 
geschnittenen Zweiges oder auch robres, scbilfes oder der 
binse und scbliefsen meist das daraus gemachte flechtwerk 
ein*). Als gemeinsame wurzel gibt sich nicht minder in 

*) Falls auch das deutsche Schilf, ahd. sciluf, der form nach r»- 
wandt sein sollte (Kuhn in d. zeitschr. IV, 23 ) , was wir nicht gerade in 
abrede stellen wollen, so möchte man damit zugleich das griech. a£Xfptov in 
Verbindung setzen, zumal da dessen lateinischer name sirpe oder älter serpe 
( 8. unten) und die bei Hesychios bewahrte form aiXnov atXrpinv mit der 
oben überall zu gründe liegenden wurzel Sarp sich leibht vereinigen lassen. 
In Bezug auf die bedeutnng ist zu beachten, dafs beim Silphion die abge- 
schnittene wurzel das wichtigste ist und daher eine specielle beziehung zum 
hauptbegriff „schneiden" ersichtlich ist, wie mehrere andere knollengewächse 
offenbar vom abschneiden benannt sind: ga/tv(; (später Qatpvq) »rübe<* lat 
räpum, Qanavoq (attisch gäqjavoq Ammon. de diff. p. 122) „rettig^, alle 
aus der wurzelform srap, deren s bei der Umstellung des r (aas sarp zu 
trap) abfallen mufste. [£he wir nun alXquov mit seiner lateinischen schwe 
sterform confrontiren, wollen wir zunächst etwas über die pflanze in ge- 
drängter fassung angeben]. Theophrast schreibt von (TiXq)tnv, das bei Kjrene 
wuchs, bist. pl. VI, 8, 4: seine wurzel werde eine eile (1-J- fufs) lang oder 
ein wenig gröfser; sie habe auf der njiitte ganz oben, fast Über der erde ei- 
nen köpf, aus welchem die sogenannte milch hervorkomme, und (§.5) die 
frisch abgeschnittenen wurzeln würden in essig gegessen. An die in den 
faandel kommende sogenannte milch erinnert auch Solinus c. 27: Dictom 
[estjprimum lac sirpicum, quoniam manat in modum lacteum, deinde 
usu derivante laser nominatum. Der lateinische name sirpe, den auch 
Plautus Bud. III, 2, 16 hat, ist offenbar, da Hesychios die sehr ähnliche 
glosse ailnov bietet, reiner und in älterem zustande erhalten als aCXq^io*- 
Nun heifst davon die sogenannte milch der wurzel (Theophr. bist. pl. YI, 
3, 4: ToTi aiXtplov vi\v glt^av . , . . /5 ijq rfi) (pitff&at o xaXflta^ ydla) 
lac sirpicum, gewohnlich aber laserpitium d. i. lac serpitium (ver- 
stümmelt laser), also von serpe abgeleitet, welches noch das e wie aü- 
nov bewahrt hat. Somit ist denn alXtpi^ov auf die älteste nachweisbare gestalt 
serpe zurückgeführt, und damit dessen etymologie von wz. Sarp nun vol- 
lends gesichert. 



lautwandel von a iii x. 361 

der zweiten als in, der ersten reihe nicht bloi's im griechi- 
schen, sondern auch im lateinischen sarpiculi bei Plautus 
unzweifelhaft Sarp za erkennen. Denn in surpicali ist 
das u der ersten silbe entweder mittelbar aus a und zu- 
nächst aus e (Corssen, fiber ausspr* yoc. I, 259), oder aber 
unmittelbar aus a umgelautet (das. 314)^ jedesfails älter 
als i, so dafs surpiculi von sarpere ganz analog ist 
mit absurdus von sardare (das. 315). 

c) Von derselben wurzel Sarp leiten wir mit Grimm 
Gesch. 1% 212 ägTid^eiv ,, rauben^, gleichsam „abschnei- 
den'^, von welchem das lateinische r apere wegen der 
Identität der bedeutung und leicht vorauszusetzender form 
^srap nicht getrennt werden darf. Die lateinische ver- 
balwurzel ßap, deren a inßup-iliu-s und rump-o zu u 
geschwächt ist (Corssen krit. beitr. 155), bedeutet häufig 
noch „reifsen^ zerreifsen^ in den derivaten rapidus als 
beiwort zu leo, fera — , rapax neben bestia, dens, lupus, 
falx (das. 156) — , vor allen in rumpere, sogar „durch- 
schneiden" in: guttura cultro rumpit Ovid. Met. XV, 465, — 
rumpere colla securi ib. XII, 249 , übrigens ist die bedeu- 
tung „rauben" so gut wie „pflücken, rupfen" von car- 
pere, das mit gutturalisirung des s aus der wurzel Sarp 
entstanden ist, aus deren hauptbegrifF „abschneiden" her- 
zuleiten und damit r apere durch sehwinden des anlauts 
s vor r aus ^srap zu erklären*) wie in Koma für ^Srouma 
„Stromstadt" von wz. *rou für *srou „fliefsen" (Corssen 
das« 427) und in repo för "^sr^po, das durch metathesis 
aus serpo entstanden ist (Curtius grundzüge I, s. 230). 
Im griechischen sind hier ebenfalls zwei gestalten der wur- 
zel, deren eine in ägn-ij „raubvogel" nebst äQmd^u) „ich 



*) Dazu stimmt aufs genaueste Benfey's ableitung des lateinischen na- 
mens Läv-erna «diebsgöttin^^i von der skr. d?z. lü „abreifsen, abschneiden'* 
(gr. würz. lex. II, 2), wozu auch Xaiov (fttr loif-tov) „sichel" (das. II, 1), 
welches Bast zu Greg. Cor. p. 893 nachweist, und Xio)v „löwe* (für lißtav) 
als relfsendes thier gehört, sonst noch Xila {Xißla) ktfl<; {XijJ-if;) XuifVQOf 
{Xa^vgoi') „beute" (s. m. gymn. progr. Aachen 1866 p. 14), von denen letzt- 
genanntes dem lat. Lav-er*na am nächsten steht. Zur vollen bestätigung 
der begriffsverbindnng dient der homerische gebrauch ßovq ntQiräfivia&oii 
Od. XI, 402. XXIV, 112 und ebenso afiipiTafina&ai II. XVIII, 628 für 
y rauben'*. 



362 SftvelBberg 

ranbe^ und agna^Xeo^g „reifsend, gierig*' im spir. asper 
noch eine andeutung des alten anlaute a enthält, während 
die andere dieses o in xgamdXt] ^taumel^, xagTt'äXifAO-i; 
und xgcun-vo-g ^^rasch^ (aus Kgan^ivö-g) gutturaiisirt hat 
und mit der bedeutung einer reifsend schnellen bew^e- 
gung dem lat. rap-idu-s entspricht. 



n. Im inlaut. 

Im inlaut können wir den lautwandel von <t in x 
ebenso oft nachweisen, auch wie er stufenweise erfolgt ist. 

1) Zum subst. fitrcTo^ (iiacfAa „ekel, absehen^ bietet 
Hesycfaios die nächste stufe der Verwandlung fAvaxog fii- 
aafia^ welche form auch Herodian xa&oX, nQoaq)d, p. 56, 14 
ed. Schmidt (vulgo Arcadius p. 50^ 15) kennt, zum adj. 
fAvaoQ aber, welches aufser Hesychios in fivaa' fAux^d^ 
fieuiaöfieva^ fjivaagd auch Cyrill. 11 fivaog* fAvaovq ä^iog 
flberliefert, die letzte stufe des vollen Überganges fivxo^- 
fuagog. 

2) Die desiderativa haben im sanskrit in der regel s 
als Weiterbildungselement, welchem in den griechischen 
und lateinischen der form nach entsprechenden verbeo 
meist ax sc gegenübersteht, z. b. skr. gi^nfisämi mi- 
mnäsämi ^igariiSämi, griech. yiyvoiaxta f^ifivtjöxuf ßi^ 
ßgdaxwy selten aa wie in SeidiaaofAa$ neben ösdiaxofAai j^ich 
schrecke, scheuche^ (wovon später). Im lateinischen ha- 
ben den blofsen zischlaut folgende drei: vtso, dessen desi- 
derative form und bedeutung „sehen wollen = besuchen^ 
schon Pott et. forsch. II, 75 erkannte und dessen entste- 
hung ans *vid-so ähnlich wie sanskr. Desid. med. vi- 
-vit-se, nur ohne reduplication , sich klar herausstellt, 
dann incesso „ich dringe ein, greife an^, aus *in- 
-ced-80, und noch das causative arcesso oder accerso 
„ich hole herbei^, so doppelt gestaltet durch die yer> 
Wandlung von ursprünglichem d in r (Corssen, üb. ansspr., 
Toc. I, 89) bald in der 1., bald in der 2. silbe aus *ad* 
ced-so*); sonst endigen sich die hierher gehörenden verba, 

*) Wie in aroesto sicher das ente d von ad, bo ist wahiselMteUdi 



lantwandel von <r in x. 363 

welche sämmtlich die reduplication eingebOfst haben, in 

der regel auf -sco: (g)no-8CO re-min-i-scor u. 8« w., 

doch einige auf -esse, nämlich: capesso incipisso 

(Plaut.) facesso lacesso petesso, welche Düntzer in 

seiner wortbildungslehre 8. 135. 136 mit recht fflr de8ide- 

rativa, z. b. capesso „mit eifer anfassen^ erklärt. Auch 

den von nomina vermittelst des suffixes sja oder asja im 

Sanskrit abgeleiteten desiderativen (Bopp vergl. gramni. 

§. 775) stehen entsprechende griechische und lateinische 

Verbalbildungen meist auf axio gegenüber, z. b. madhva- 

sjämi „ich wünsche honig^, yr^gdaxo) senesco, rjßdano) 

pubesco, doch gibt es mehrere auf •aaon^ wie kaifidaaco 

„ich verschlinge^, dygoiaacn „ich fange^, vTivoiaato „ich 

bin schläfrig^, ri&atßciaau) Od. XII, 106 „ich niste^ von 

Ti&aifog^ einem synonymum von ri&aaog (Döderlein ho- 

mer. gloss. n. 2491) und einige, die bald diesen, bald jenen 

ausgang haben , wie nrciaaa» und Tttwaxd^ IL IV, 372 

„ich will mich ducken, scheue mich^ von nroa (gew. 

nTola\ mvvaaao IL XIV, 249 und mvvaxu) Aesch. Pers. 830 

(Dind.) CaUim. Dian. 152, „ich mache verständig, ermahne^ 

von mvvTos^ lat. assndasco und consudasso. 

Die wahrscheinlichste erklärung der verbalauagänge 
axo) SCO ist noch immer die von G. Curtius temp. und 
modi 8. 115 an das sanskritfiitur sjämi anknüpfende, wel- 
che sowohl an den lateinischen desiderativen auf -esso (fbr 
-esjo) gute stützen hat, als ganz besonders aju altlateini- 
schen futurum von esse, nämlich escit nebst escunt in 
den 12 tafeln und superescit von Ennios bei Festus p. 
302 (Cor8sen*krit. beitr. 35), ganz entschiedenen futurfor- 
men, die gewilfl nicht anders als aus esjit esjunt ent- 
standen sind. Nur können wir nicht dem zischlaut 8 den 
einfluls, das begleitende j bis zu k zu verhärten, zuschrei- 
ben, sondern finden in sc ax den laut seh bezeichnet, zu 

in accerso abweduelnd das zweite d, das der wnrzel ced gehört, in r 
verwandelt. Oder soUte accerso erst ans dem schon aus adcedsö verwan- 
delten accesso, also rs ans ss entstanden sein (wie Döderlein lat. syn. ÜI, 
282 erklärt), ähnlich wie Carmena ans Casmena (Varro L. L. VH, §.26 nnd 
qnirqnir ans qnisqnis (ib. §. 8)? Da ein genau passendes beispiel Air rs ent- 
weder aus ds oder aus es fishlt, so ist es schwer zu entscheiden. 



364 Savelsberg 

dem auch sj sich leicht hinneigt, und dessen ausspräche 
eben unser sj in neuern sprachen wirklich oft annimmt 
(Schleicher zur vergl. sprachengeschichte s. 75. 79. 82). 
Für den sch-laut spricht besonders die in diesen verben 
mit öx so oft wechselnde Schreibung (;<t^ die durch die 
Sprachvergleichung als ein aus xj yj xj oder rj &j ent- 
standener mischlaut mit der ausspräche unseres seh (Cor- 
tius temp. s. 101) oben s. 72 erkannt wurde, um so mehr 
als ö6 gerade aus yj z. b. in cpgdaato neben (pQciyvvfAi 
(Curt. das. 103) sich bildete statt ^, das ungeföhr wie gi 
im ital. gioja oder wie franz. j in jour und joindre ausge- 
sprochen wurde, woher man für aa auf eine ähnliche, nur 
stärkere ausspräche, nämlich die unseres seh schliefsen 
mufs: es liegen also in mvvaao) und mvvaxo) wie in Sei- 
diaaouai und Ss3i(SxouaL zweierlei bezeichnungen ftlr den 
laut seh vor. Aber nicht nur in den zwei arten der de- 
siderativa (mit und ohne reduplication) mufs ax die gel- 
tung unseres seh gehabt haben, sondern auch in andern 
Wörtern, wo der lautcomplex (7x, sc und einigemal a%*) 
aller Wahrscheinlichkeit nach den aus &j 8j oder z; yj ge- 
bildeten mischlaut bezeichnete, mufs dieselbe ausspräche 
seh angenommen werden: so in Tida^M für 7id6j(o = pa- 
tior, — compesco = compedio, mit welchem erste- 
res die gleiche bedeutung „fesseln^ gemein hat, — esca 
für *edja, wie im griechischen wenigstens ^eS-i-aQ (vgl 
ovB'i^aQ Curtius grundz. 1% 216) aus Eiäag genau so wie 
niq^i-aQ aus Ttelgag**) zu folgern ist, — niaxog (wz.Tiex 
„kämmen, scheren^) „feil, haut^ für nixjog^ welche letztere 
form auch wegen neixog' fgiov^ ^dfifia bei Hesychios in 
Verbindung mit der von Tzetzes berichteten äolischen form 
nixxog in Gramer Anecd. III, p. 358, 1 1 vorausgesetzt wer- 
den mufs ***), — ^iöxri »ort zum plaudern** für Xiyjti. Iö 

*) Wie ax '^^ ^X^K^ ™i' (f^ ^^ aMvrifn und scindo wechselt. 
**) Im lateinischen wird i nicht so häufig wie im griechischen in die 
vorhergehende silbe versetzt, was wieder in ex-peri-entia dem griech. 
TiHua (aus nigta) gegenüber zu sehen ist. 

***) niaxoq — bei Hesychios: maxtoiv dfQftdrfav^ und bei Suidas s.v. 
nixoq und s. v. aiffxoq' lo nixoq cet. — hat Nikandros (148 v. Chr.) 
Ther. 549 gebraucht, aber nicht in der alten eigentlichen bedeutung, son- 
dern in einer abgeleiteten: rinde. 



lantwandel von a in x. 365 

diesen Beispielen also sehen wir den laut seh bezeichnet, 
gleichwie ^ ein analoger, nur gelinderer laut, durch ver- 
Rchmelzung von Sj oder yj entstanden in (7;^i^o; und (fvl^a 
sich zeigt (Curtius grundz. £[, 190. 191). Dann, wie ^ aus 
d oder y nicht mit etymologisch verbundenem, sondern 
mit parasitisch angehängtem t verschmolzen erscheint in 
nscpvCoreg agiCv^og ^OQxäg (Curtius grundz. (II*) 545 ff. 
585), aus necpvyjoTeg ccQidjtjlog djo^xdg^ so ist andererseits 
der seh -laut aus S nebst parasitischem i und aus y oder 
X mit solchem i hervorgegangen in ceia^og 2lus aläjog (wz. 
^id „sich schämen^) und äiaxog aus äixjog (wz. Jlx ,> wer- 
fen^). Analogien gibt es auch in den neuem sprachen: 
im englischen lautet der ausgang -tion = sehen in nar 
tion und im italienischen ist goccia (ausgesprochen gotscha) 
aus gutta geworden; der gutturale laut c (k) aber ist 
im französischen sehr oft, in der regel vor a, in den 
Zischlaut ch (unser seh) übergegangen: champ aus Cam- 
pus^ chose aus causa, sicher aus siccare, wo wir im an- 
schlufs an Diez gramm. der roman. spr. I, s. 200 die Stu- 
fenleiter des lautübergangs k — kj — ch (seh) annehmen, 
wie daftlr zeugen chef aus altfranz. cief (das. s. 202), lat 
Caput, — chien aus lat. canis, — riebe aus ahd. richi, — 
choisir aus ahd. chiosan. Nun ward auch oj^ worauf es 
nunmehr hauptsächlich ankommt, theils zu aa in nricaia 
(aus nxiüjm) lat. pinso (Curtius grundz. (II*) 594), la- 
cesso aus lacesjo (wovon später noch), theils zu sc in 
musca: denn lit. müsse und slaw. mucha, das ebenfalls 
auf musa zurückweist (Curtius grundz. I*^ 302), lassen mit 
Sicherheit darauf schliefsen, dafs griech. (xvla aus fivaicc^ 
aber auch lat. musca d.i. muscha aus musja entstan- 
den ist*^). Hierzu ist nun die genaueste parallele das 



*) fivXa oder *fjivata^ lat. musca «fliege«*, wie auch ^iz-o»^ „bremse**, 
sind beide von ihren blinzehiden äugen und zwar ihren drei sogenannten punct- 
augen afuf dem scheite! benannt, wie auch (jtv<;, lat. mus, skr. müs-a-s, 
müs-ika-s von der wurzel Mix; »schliefsen** (äugen, mund schliefsen) stammt, 
welche im sanskrit mus vorliegt und ihre ursprüngliche bedeutung in die- 
sem thiernamen der blinzelmaus, aufserdem noch in musti „(geschlossene) 
faust** bewahrt hat, sonst aber zu mis geworden ist. Die bedeutang „steh- 
len** der verbalwurzel raus wird wie unser „mausen** erst eine abgeleitete 
sein. 



368 Sayelsberg 

hen", ßdtrxu)*), — arKh von wz. r. oder ar „ gehen ^, 
BQxouai^ — vankh „wünschen^, ahd. wunsc, gr. av^of^iai^ 
wo iv die silbe va vertritt (Curtius grundz. 11, 272) durch 
Umstellung **). Dem einfachen laute Kh entspricht im 
griechischen in der regel der lautcomplex (xx, aber darum 
ist kh noch nicht aus sk entstanden, eine ofl wiederholte 
behauptung, für die ein nach weis noch nie ernstlich ver- 
sucht worden ist. Eine etwaige behauptung, dafs I£k ein 
doppelconsonant sei, hat weder die tradition, noch irgend 
eine analogie im sanskrit-alphabet für sich, wo keine dop- 
pelconsonanten, wie im griechischen ^, %f) und auch ^, zum 
aiphabet gerechnet werden, und hat den regeliaäisigeD 
Wechsel von kh mit s, welches doch als einfacher laut 
gilt, gegen sich. Vielmehr ist kh ein solcher einfacher 
laut, dessen ausspräche der des s am nächsten steht, 
er wird im griechischen regelmäfsig mit <tx, worin wir 
unsern laut seh gefunden haben , oft auch weicher mit i 
wiedergegeben, wie wir letzteres in igxofjKXi und evj^ofAcu 
sehen, ferner in Tinayoq neben nTOHyxd^cj und nrdaaa 
(ptöscho), und in dida-yj] neben öiöd-axw^ aor. öiSaax^am 
Hesiod. Op. 64 und Sidd^axakog von wz. Sa ***). Nicht 
minder ist nun der Übergang von <tx m x^ wie früher ia 
vielen beispielen, so besonders hier, wo neben dem eben 
besprochenen ris oXiöxia auch ein thema rip von gleir 



*) Dafs die hier behandelte präsenserweiterung von den inchoativen 
— ytioctaxu) senesco — und iterativen — aTCL-axov XS^e-axov — im 
griechischen und lateinischen dem wesen und ursprang nach nicht verschie- 
den ist, hat Curtius in den erläut. zu s. griech. gramm. s. 121 gezeigt. 

**) Auf der berühmten vase des Ergotimos C. I. G. n. 8185 b steht der 
name ^fi';f(Tt(T[T]oaro[;,], welcher für die wurzel^fiy spricht, wo dann v 
an die stelle des alten a getreten wäre. Curtius grundz. II, 288. 



**) Die Wurzel ^a, welche in Stjvoc; pl. ÖTjvea bei Hbm. „rathschlfisse* 
und in ÖL-Sa-ffxta vorliegt, ist eigentlich eine secundäre,: aus Jo^ (in Sa- 
ff{vai »wissen", ^oi/ij/iwi'). verstümmelte, wie im zen5 'wz. 4?&^» wissen* 
(n. 3 bei JustiJ .sel^tändig dänu „weise" dämi ^weisheH** Mldet, eigent> 
lieh aber von "fiz. 4au stamipty die in d&oman „vgtei^^it^, ^us dauigan) 
zu erkennen isjk Im griechisclien iinden sich solche tl^nde|(i^ "WlM^b) ^fter 



(Curtius grundz/ (II*) 50I>»'5(>B) wie Tcilo» in nA(ur<'^. aos 7i^t[ ^^^^^^^ ^ 
:iA€i/-<r-Ttxo<;, /« in yHi^m^^iW^ j^v oder x^v in ;t^ia, -^^IkJ^'.SÄ'begrifr 
„brennen, leuchten* vonr'w^i\«^c^ in „aufklären, Mitei^ tfbJtfgpt, hat 
Hainebach imZprog^amm ^on Giefs^ 1866 s. 19 treH^lcl^'^riüil^tart^ 

. ^ / -' . i \\ f' ' l 

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Itatirandel von a in x. 369 

eher bedeatung und entstehuDg (aus wz. ri) dem griech. 
öXexo) an die seite za setzen ist, bei der regelmäfsigen 
entsprecbung von skr. 9 und griech. x unzweifelhaft, ebenso 
in ^Qvxcj aus *iQVöxu) oder qvöxw (pvaxsv II. XXIV, 730), 
ßQvx(ü aus ßißQmax(a (vergl. Curtius grundz. I, 51), und 
ßaX'TQov ba-culum aus ßdöxw. In dieser classe von 
Verben sehen wir also ax überaus häufig und zwar aus s 
oder vielmehr ursprünglichem sj hervorgegangen, finden aber 
verhältnifsmäfsig nur in wenigen fällen den lautwandel 
über die gewohnliche mittelstufe ax hinaus zum x oder 
überhaupt zu einem gutturalen fortgeschritten. 

3) Zwei wie desiderative gebildete verba fordern ih- 
rer reduplication wegen eine gesonderte betrachtung. Das 
eine ist das erwähnte dsSlaxofxai mit der nebenfbrm Sei- 
Siaaoficxi „ich schrecke, scheuche**, welches ähnlich wie 
manche andere desiderativa, von wz. S^i „fürchten** wei- 
tergebildet, das Suffix ax zum gutturalen Charakter im aorist 
SsiSi^aa&at^ sicherlich zu x, umgestaltet, die reduplication 
aber nicht mehr mit t, wie vom desiderativ zu erwarten 
war, sondern mit b versehen hat, gleichwie das zweite hier 
anzuführende, genau entsprechende verbum ^6>r/(yxft; *), sonst 
nur noch die intensiva TSTQalvco und TBTQeuaivo), Wo das 
griechische die reduplication mit € bildet, wie im perfect, 
hat das sanskrit den wurzelvocal und zwar kurz, z. b. tu- 
töpa griech. rirvcfa^ und so reduplicirt sind auch meh- 
rere desiderativa im sanskrit wie dudüäati von wz. du 
„quälen**, nunüäati von wz. nu „loben^, bubhüäati 
von wz. bhü „werden**. Durch solche analogien in der 
formation sicher gestellt, mag jrsflaxw nunmehr auf seine 



*) Dafs fffoiäu und desgleichen ^^Iffxoi von Bnttmann Lexil. ü, 
s. 83 mit rQcht aufgestellt ist, zeigt die bestätigong des digamma (woran 
Cnrtius gnitidz. 11, ^8 zweifelt) im Cyrillus Bremensis: ßtCnilov' ofioiov 
(lies ßeCx(Xov% s^hUol. XIV, s. 205, anch inttCxsXoq^'ELoffmsam Qaaest. 
HoiQ»"£[, p. 87 %sk dd^ feste digamma der r^^uplicatioft imi perfect (das. 
p. 3«) uÄ^^^e^s z.j.^ n. m, 197. V, 181, 'iw? auch Bekker richtig /•«- 
j^Candf stirem. 1^ XiniAei^al kommt ohne iftduplication ytiküiftea ^ Ccxi» vor 
II. XI, 7^. XM^il^.^^IYy 279, wovon ^^uh^pW. IV, 247 imperfect ist 
mit langelj^ augmei^ ^%9iU II. I, 47 von wz. i^ ^ti^ij Od. IZ, 206 voik 
/oida. ' y X.. ^V ; ' - " - - i : 

Zeitschr. £ v^gl. fip]»chf.: 2iTI. 5. 2A ' 



370 Sayelsberg, lantwiutidel von o in x. 

Wurzel zurOckgaführt werden. Im sanskrit gibt es ein ad 
verb. viäu ,,gleich^ und yerwaodt damit ist das griech. adj 
^laog^ dessen anlaute inschrifUich durch jr^aorsliav C. I. G, 
n. 1562. 1563 und durch Hesychius glosse JSiwp* latog, ax^ 
86v' AotHiüVBQ bezeugt ist; vollständiger aber entspricht 
ßicifOQ^ welches schon Thiersch gr. gramm. §. 153, 41 io 
der hesycbischen gloase yi^ayov iaov ganz richtig be- 
zeichnet fand. Dieses ^icjrog ward beim erlöschen des di- 
gamma durch assimilation Haaog^ das in caao&eog (C. I. G. 
n. 3524, 15 enthalten ist und zu urspr. /lav sich verhält 
wie t6 rjfii^aaov inscr. Delph. ed. Wesch. et. Fouc. n. 213, 11 
(aus 7J/Ata^ov) zu ijfnav^ nollog (aus noXfog) zu noXv;, 
TtiXixxov IL Xn, 612 (aus Tiilexjrov) zu utilexvgj bei Ho- 
mer aber trat, statt der assimilation Verlängerung der er- 
sten silbe ein , also jciaog (wie ^sivog ans ^ivfog)^ bis zu- 
letzt im attischen iaog auch diese und damit jede spor 
des digamma schwand. Das satiskrit. adv^b. viäu nun 
wird von der verbalwur^el vis „disjungere, separare* ab- 
geleitet, doch ist statt dieser unbelegten mit i erweiterten 
form höchst wahrscheinlich eine einfachere wz. vi „ tren- 
nen'^ anzunehmen, die im sanskrit als präposition ,,aas- 
einander, zer-^ bedeutet und auf das zahlwort dvi ^zwei" 
zurückgeht (Curtius grundz. I', 36), im lateinischen aber 
in di-vi*do*) enthalten ist. Aus wz. vi ist alsdann yi-sQ 
vermittelst eines sufiSxes su gebildet, welches im skr. adj. 
ip-su (wz. äp) dTO erlangen wünschend^ didrkda (wz. 
dr9) „zu sehen begierig^ ditsu (wz. da) „zu geben be- 
reit^ und im griech. rj/u^av erkennbar ist, und bedeutete 
gleichwie das alte griech. adj. ßlcjrog eig. : „divisus^. Aus 
solcher der skr. wz. vi entsprechenden griechischen wz.jri 
ist denn auch ^e-^l-axo) gerade so wie SB-dfi-axopiai, aus 
WZ. dfi gebildet, und wie aus diesem der aorist deidl^ao&m 
mit X als charakter und aus ßdcxw ein neues thema ßax^ so 



*) Dessen simplex, offenbar vido „ich theile", aeigt sieb der skr. wz. 
vi gegenüber als eine' erweitenng durch d: vi-do, wie sie im lateinischen 
so httofig ist — s. Gnrtins gnmdz» (H*)» 5S0 — : t«n-d-o ttlvta wz, Tf9j 
ffrn-d-o &9ivw WZ. Bev^ fan-d-o fn-d-i /(^w W2. Xt; und noch genauer 
entsprechend ru-d-o »ich brülle^ agvu skr. rn. 



ZeyCSf ttber die in ablatiyfonn «Bffcheinenden ital. praepositionen. 371 

ist au8/4^/<XKw eine seu^ wnrzel^tx mit p^f.^i/roMrcr, dual 
jrij^ixTov Od. IV, 27, nebst den derivaten j:ix%log ^slxelog 
^etxeiv bervoi^egangeu und eomit der Obergang des desi- 
derativcbarakters s oder unspr. sj vermittelst an in k — 
jTB'-jricxw in ^iXiloq — bier besonders klar ersicbtlicb. 

dr. J. Savelsberg. 

(Fortsetzung folgt.) 



I. lieber die in ablativform erscheinenden 
italischen praepositionen. 

Zwei omstände könnten 2a der ansiebt flibren, dafs 
die bildungsweise der italischen präpositioneo, welcbe sich 
auf d endigen, identisch sei mit der bildungsweise der 
praepositionen, die auf t, welches durch abfall des i aus 
dem ursprünglichen suiBx ti entstand, auslauten. Erstens 
nämlich könnte daeu das wort redivivus Veranlassung ge- 
ben, wenn man dasselbe auf die wureel viv zurückführt; 
allein auf überzeugende weise hat Gorssen in den krit. 
beitr. zur lat. formenlehre p. 94 — 96 dargethan, dafs viel- 
mehr re-div-ivns zu trennen sei, indem dieses wort von 
der Wurzel div ^^glänzen'' abgeleitet i^, so dafs dasselbe 
eigentlich „wieder glänzend geworden^ dann „wieder frisch 
oder neu geworden, erneuert, renovatus^ bedeutet. Zwei- 
tens aber könnte man für jene ansieht anfbbren, dafs die 
praepositionen ad und apud, deren d freilich, wie unten 
gezeigt werden wird, aus r hervorging, sowohl mit d, als 
mit t geschrieben wurden.. Siehe Schneider lat. gramm. 
I. bd. p. 251 «^ 254. Dieses schwanken der Schreibweise 
erklärt sich indessen hinlänglich daraas, dafs die linguale 
media im auslaut der Wörter überhaupt härter ausgespro* 
oben wurde, so dafs an dieser stelle derselben ihr laut dem 
der tenuis ähnlich war. S. Schneider 1. L und Corssen 
über ausspräche, vokalismus und betonung bd.I, p. 71 — 72 
und die nachtrSge zu p. 72. üeberdies kennen die SJte- 
Mn lateinischen insohriften die sehreib weise at fQr ad und 

24* 



372 Zeyfs 

aput ftlr apud nicht. Dafs vielmehr im gegen tfaell dii 
bilduDgsweise der auf d sich endenden italischen praepo 
sitionen ganz verschieden von derjenigen ist, welche di( 
praepositionen zeigen, die auf t auslauten, geht deutlicli 
hervor aus den lateinischen an-ti-d (in antidea, antid- 
hac, antideo, antidit) und pos-ti-d (in postidea 
und postidhac), indem diese durch anfugung eines d aus 
den mittels des Suffixes ti gebildeten an-ti und pos-ti 
ebenso entstanden sind, wie durch hinzufügung der lokal- 
endung in, welche mit dem snffix ti in eine silbe ver- 
schmolz, das umbrische pustin und oskische püstia 
Dieses d aber ist identisch mit dem d, welches als zeichen 
des abl. sing, im altlateinischen bekannt ist. Wie dieses 
durch erweichung aus ursprünglichem t hervorging, ebenso 
entstand jenes durch abschwächung aus früherem t. Der 
vokal vor demselben war lang, wie nicht blos das sanskrit 
beweist, sondern auch die stellen lateinischer dichter, in 
denen ablativformen dieser art vorkommen. 

Von lateinischen praepositionen gehört nun zuvorderst 
hierher exstrad (S. C. de Bacau. 16). Da mit dieser 
gleiche bildungsweise intra, citra, ultra, contra zeL 
gen, so läfst sich annehmen, dafs auch diese ursprtinglich 
auf d ausgelautet haben. Und ein gleiches ist anzuneh- 
men von infra und supra, da wir wenigstens das ad- 
verbium supra snprad (S. C. de Bacan. 21. ^4. 29) ge- 
schrieben finden. 

m 

Ebenso entstand aus den schon oben angefahrten an- 
tid und postid durch abfall des d anti und posti, ans 
denen durch Übergang des i m e ante und poste ward^ 
deren früher langes e später verkürzt wurde ^ worauf das 
von poste abfiel, so dafs daraus post und nach ab- 
werfung des t sogar pos hervorging. Yergl. meine dar* 
Stellung dieses Vorgangs in d. zeitschr. bd. XIV, p. 412 
und 414. 

Von prae ferner hat man vielfach, wie Schweizer 
in d. zeitschr. bd. III, p. 396, angenommen, dafs es, fiir 
pra-i gesetzt, der localis eines femininums sei, welches 
allerdings gerade das lateinische vorzüglich oft bei räum* 



über die in ablativform erscheinenden ital. praepositionen. 373 

bestimmungen verwendet. DaTs aber prae weder ein weib- 
licher localis von pra ist und mit dem epischen !Ta()ae' zu- 
sammengestellt werden kann, wie Pott etym. forsch, bd. II, 
p. 175 und 251 vermuthet, noch, wie Aufrecht und 
Kirchhoff umbr. sprachd. bd. I, p. 155 und Gorssen in 
d. zeitschr. bd. UI, p. 265 und über ausspräche, vokalis- 
mus und betonung bd. I, p. 334 annehmen, zugleich mit 
naQaij nur mit ausstofsung des ersten a, als ein localis 
der a-declination von dem skr. adject* pronominale pära 
(alius) aufgefafst werden darf, welches sie auf die wurzel 
pf^ in der bedeutung transgredi zurückführen, so dafs der 
begriff vor von dem übersteigen, darüberhinausgehen ab- 
geleitet wäre, hat Kuhn in d. zeitschr. bd. II, p. 471 — 472 
deutlich gezeigt, üeberdies steht der auffassung des prae 
als localis dessen vollständige form praed in „praed- 
-optiont praeoptanf* bei Fest. p. 205 ed. Müll, entge- 
gen. Desgleichen ist prae, wenn es auch in einigen com- 
positis dem griechischen nagd entspricht (praesens ass 
naqcav^ praebere = Tta^ix^iv, praedicare = nagayyiX- 
?.siv), doch seiner grundbedeutung nach, die gewifs nicht, 
wie Ebel in d. zeitschr. bd. VI, p. 204 sagt, „von der 
Seite her^ ist, von diesem zu sehr verschieden, als dafs 
es, wie auch von Leo Meyer in d. zeitschr. bd. VII, p. 
419 geschehen ist, dem nagal = nagd gleichzusetzen 
wäre. Nicht weniger irrig ist es, wenn Benary röm. 
lautlehre p. 57 — 58 und Bopp vergl. gramm. p. 1480 Ite 
ausg. prae aus skr. prati durch ausfall des t und con- 
traction der vocale entstehen lassen, wie Aufrecht und 
Kirch hoff und Kuhn an den angeführte^ stellen hin- 
länglich dargethan haben. Es ist aber auch nicht zu bil- 
ligen, wenn Kuhn in d. zeitschr. bd. II, p. 473 — 475 prae 
aus dem sanskritischen pur äs durch ausfall des u und 
Übergang des s in i erklärt, wie G. Cur t ins in d. zeitschr. 
bd. ni, p. 156 bewiesen hat. Nur soviel ist gewifs, dafs 
dem lat. prae und dem der bedeutung nach völlig über- 
einstimmenden sanskritischen puras und ebenso dem grie- 
chischen ndqoq derselbe stamm zu gründe liegt. Sei- 



374 ^«yft 

ner form nach aber ist es, wie die obmi angefahrte gloss 
des Festus zeigt, ablat. singul. 

Auch von der praepos. pro, welche dem skr. prä 
zend. frg oder fra, griech. Ttfjo^ lit. pra und slaw. pra s 
pro entspricht, kann man nicht, wie Bopp vgl. gramn 
p. 1478 1. ausgäbe, Aufrecht und Kirchhoff nmhr 
sprachd. bd. I, p. 159, Corssen in d. zeitschr. bd. III, p. 26r 
und über ausspräche, vooalismus uiid betoDung bd. I, p. 334 
und Schweizer in d. zeilschr. bd. III, p. 396 woUen, an- 
nehmen^ dafs sie durch ausstoisung des ersten a nnd ab- 
Schwächung des zweiten zu o aus dem skr. pära entstao- 
den sei, da sieh dessen bedentung mit der ureprdnglicbeE 
sinnlichen bedeutung dieser praeposition so wenig wie mit 
der TOD prae auf natürliche weise vereinigen l&fst. Vid- 
mehr erscheint pro als die grundform und pröd^ das 
steh in den oompositis prod-ire, pröd-igere, pröd- 
-esse und ebenso wahrscheinlich mit langem o in prod- 
*iu8 (Nonk p. 33 ed. Qerl.) erhalten hat, und woraus nach 
dem abfall des d pro ward, als dereo ablativ^ wenn man 
nacht die annähme vorzieht, dafs prod die ursprüngliche 
lateinische form dieser praeposition sei, von der sich nach 
dem abfall des d in den einen compositis pro mit langeai 
▼ocal erhalten, in deo andern verkürzt habe« Auf keinen 
fall aber ist Bopp bdzustimmen, wenn er in der v^I. 
gramm. p. 1482 Iteausg. dae d von prod, sowie von 
red, fbr blofs euphomseh vor einem vocal eiogeschoben 
erklärt. Pröd ist ebenso gewiA der ablativ der grond- 
form pro, wie das ans pro-i entstandene pri (in pri- 
-deiBy pri-^die, pri-^or fidr pri-'ior, pri-mus, pri- 
-iscus, pri^stinna) deren localis. Vergh den localis 
domi, der aus doxno-i, wie populi aus populo-i* 
hervorgegangen kt; denn dafs Corssen irrt, wenn er 
gestützt auf Fest. p. 226 ed. Müll, „pri enim antiqni pro 
prae dixemnt^ in d. zeitschr. III, p. 265 und krit. beitr. 
p. 433 dieses pri för eine alte form von prae hält und voo 
dieser praepoffltion prior, primnaaUeitet^ hatH.Usener 
in d. neiften jahrbw f. philcJ. und päd. (865 1. abtb. p. 254 
deutlich gezeigt. Wie aber das lateinische prior und 



über die in ablativform erscheinenden italischen praepositionen. 375 

primus, so geht von derselben praeposition die sanskriti- 
sche Ordnungszahl pra-thamas aus und das griechische 
TtQWTog, das aus ngoaxog (vei^lichen mit oiqot^qoq), und 
Tigciga^ das femin. des comparat. tiqwqoq^ der aus nQOBQoq,^ 
wie x^^gog aus x^oegog, entstand (Odysß. Xu, 230 ist ngdga 
offenbar adjectivurn, wie ngvfiviq in der Verbindung vijvq 
ngvfjtvrj, welches letztere deshalb in dieser Verbindung fär 
ein o^Tovov zu halten ist. S. Bekker im berliner mo- 
natsbericht 1Q60 p. 321). 

Dann ist hier die praepos. s^d ssu nennen, aus der 
durch abfall des d se entstand. Da diese ursprünglich 
der ablat. des pronom. reflexiv, ist, so bedeutet sie eigent- 
lich für sich, woraus sich, indem sie in beziehung auf 
andere gegenstände gesetzt wurde, der begriff gesondert 
entwickelte. Daher bedeutet sie als praepos. separabilis 
sonder, ohne („eam pecuniam eis sed fraude sua sol- 
vito". Inscript. bei Gruter. 509,20. „Si plus minus ve 
secuerunt, se fraude esto.^ fragm. XII tab. bei Gell. 20, 1,49 
„Im cum illo sepelirei ureive se fraude esto.^ id. bei Cic. 
de leg. 2, 24. Vergl. Fest. p. 148. „Sed pro sine inve- 
niuntur posuisse antiqui^), in welcher bedeutung später die 
aus ihr, wielat«po-ne auspos-ne, super-ne, infer-ne 
und umbr. per-ne und post-ne, gebildete praep. si-ne 
gebraucht wurde (denn keineswegs kann ich Corssen bei- 
stimmen, wenn dieser in d. zeitschr. bd. IX, p. 158 be- 
hauptet, dals si-ne eigentlich „so nicht^ bedeute, indem 
das si dieselbe form des localis des demonstrativen pro- 
nominalstammes so sei, die sich in si-c erhalten hat); 
als praepos. insq)arabilis theils ebenfalls sonder, ohne, 
theils abseits, bei seite. Der vokal derselben ist durch- 
aus lang, wie in sSd-itio, so in sScedo, sScerno, se- 
grego. Von demselben pronom. reflex. stammt allerdings 
auch die conjunction sed ab, die, wenn wir blos auf diese 
fonn derselben und auf ihre bedeutung sondern, aber 
sehen, mit dem ablativ des genannten pronomens und mit 
der praep. sed identisch zu sein scheint; dennoch ist die- 
ses nicht der fall, d^m dieser annähme, wie sie zuletzt 
Doch Corssen über ausspräche bd. I, p. 334 und 335? 



378 Zejfs 

und bd. II, p. 55 ausgesprochen bat, stebt nicht sowoU 
entgegen, dafs die conjunction sed stets kurzen vocal hat, 
als yielmebr, dafs ibre ursprüngliche form sed um war 
(Charis. p. 87. P. und Mar. Victor, p. 2458. P.), welche, 
wie baud-dum, ne-dum, nec-dum, non*dujzi, vix- 
-dum, cet., aus se und dum entstanden ist, gleichwie 
aus ni-hilum nihil oder aus dem zusammengezogeneo 
nilum nil, aus ne-oinum, noenum non und aus do- 
nicum donec. 

Eine andere praeposition, welche hieber gehört, ist 
red, deren d sich in klassischer zeit nicht blos vor einem 
vokal (redarguo, redeo, redigo, redintegro, re- 
doleo, redundo) und h (redhibeo^ redhostio), son- 
dern in reddo auch vor einem konsonanten erhielt und 
in anderen mit einem konsonant beginnenden Wörtern sich 
diesem assimilirte (reccido, relligio, relliquiae, rep- 
peri, rettuli), während es sonst vor einem konsonanten 
meistens ausgestofsen wurde. Eine parallele zu ihm findet 
sich in keiner der verwandten sprachen, aufser in ra (wie- 
der) in dem zum kreise der arischen sprachen gehörenden 
ossetischen (vgl. Pott etym. forsch, bd. II, p. 156); denn 
ich kann Bopp, wenn dieser in der vergl. gramm. p. 1482 
]te ausg. annimmt, dafs das lat. re und ossetische ra durch 
Unterdrückung der ersten silbe aus dem skr. parä (retro) 
entstanden sei, nicht blos aus den von Pott angefiihrten 
gründen nicht beistimmen, sondern auch deshalb, weil der 
Verlust der betonten ersten silbe an sich sehr unwahr- 
scheinlich ist, während leichter die unbetonte letzte schwin- 
det, wie in dem litauischen par, z. b. in par-eimi (re- 
deo), dem skr. pärä zu gründe liegt. 

Endlich ist noch die alte form der praep. per perd 
anzuführen, die wir in perd-eam für per-eam Plaut. 
Poenul. 4, 2, 62 und in perd-agatus Claud. Mamert. 
de stat. anim. 2, 3 antreffen. 

Dagegen gehört nicht hieher die praep. ad, weil die 
ältere lateinische form derselben ar war, die sich sogar in 
der späteren spräche in arbiter und arcesso durchgän- 
gig erhielt. Arundo, welches Pott etym. forsch, bd. I, 



=as: 



ttber die in ablativform erscheinenden ital. praepositionen. 377 

p. 242 „ad undam orescens calamus^ erklärt, ist nicht hier- 
her zu ziehen. S. darüber vielmehr Hugo Weber in 
d. zeitschr. bd. X, p. 260. Corssen hat zwar de Volscor. 
ÜDg. p. 10 und 49 — 50 und über ausspräche, vokalismus 
und betonung bd. I, p. 89 — 91 behauptet, dafs in der alt- 
lateinischen spräche vielmehr das t in dieser praeposition 
der ursprüngliche consonant gewesen sei, der in d, wel- 
ches sich dann in r verwandelt habe, übergegangen wäre. 
Dafs Corssen aber darin irrt, dals er im lateinischen die 
form at als die ursprüngliche auffafst, hat schon Schwei- 
zer in d. zeitschr. bd. VII, p. 448 mit Verweisung auf 
Bitschi tit. Alatr. IV gezeigt, insofern dieser behauptung 
die ältesten inschriften widerstreiten. Dafs dagegen viel- 
mehr der r-laut in den italischen sprachen in dieser 
praeposition der ursprüngliche ist, geht erstens daraus her- 
vor, dafs sie nur in der späteren lateinischen spräche, 
mit ausnähme der oben angeführten worter, überall ad 
oder at lautet. Dazu kommt zweitens, dafs sie im um- 
brischen gewöhnlich mit dem zwischen r und s stehenden 
mittellaut, der von Aufrecht und Kirchhoff durch r 
bezeichnet wird, zuweilen auch mit r (siehe meine ab- 
handlung de vocabul. Umbric. fict. Partie. I. not. 12), wie 
in ar-ni-po (do-ni-cum), niemals mit d oder t geschrie- 
ben wird. Allerdings setzte ftkr d zwischen zwei voka- 
len im inlaut, gleichwie die römische plebs öfters r, in- 
dem sie z. b. peres für pedes sagte (Lucian Müller 
in den n. jahrb. f. phil. und päd. 1866. I. abth. p. 387), so 
der Umbrer vielfach jenen bezeichneten mittellaut; dar- 
aus folgt aber nicht, dafs überall und so auch in ar die- 
ses r, wie Aufrecht und Kirch hoff umbr. sprachdenkm. 
bd. I, p. 85. annehmen, aus ursprünglichem d entstanden 
sei. Drittens war auch im volskischen die form dieser 
praep. ar, wie ar-patitu in der tab. Veliterna beweist, 
obwohl vor einem vokal in demselben dialekt, wie aus 
atahus in derselben tab. Veliterna hervorgeht, ihr r in t 
überging. Endlich gehört viertens wahrscheinlich dem si- 
kelisch-lateinischen die glosse des Hesych. an: rov S' ofp, 
ngog tovrov 8L (Doch ist f&Ischlich tov d' äg dem £pi- 



a78 Zeyfs 

charm. bei Athenaeus VI, p. 235 F. nach Petitua in Mis- 
cellan. I, 6. c. 3 von Maittaire graec. ling. diaL ed. Sturz, 
p. 333 und Pott etym. forsch, bd, I, p. LXXXII zuge- 
achrieben*) Wie diese praeposition indessen im oskischen 
gelautet habe, bleibt dahin gestellt, da wir sie nur in a Se- 
rn m, i. e. asser um (asserere), antreffen, wo ihr consoDant 
sich dem folgenden consonanten assimilirt hat. Gegen die 
-ursprünglichkeit des r in dieser italischen praeposition kann 
man nicht anführen, dafs das litauische, auTser in ar-ti 
(prope), nur die form at kennt, z. b. in ateimi (adea 
accedo), ateiwys (advena) und dafs in den celtischen 
sprachen sich sowohl ar, als ad oder at findet (vgl. Zenfs 
Gramm. Celtic. vol. II, p. 576 und S36), zumal für jenes 
die altgallische form are war (von der Ebel in den bei- 
tragen zur vergl. sprachf. von Kuhn und Schleicher 
bd. m, p. 35 sehr unwahrscheinlich annimmt, dafs sie im 
anlaut ein p verloren habe), so wenig, als man sich fär 
die ursprüngliohkeit der form ar in den italischen sprachen 
auf das sanskrit, welches die form arät (prope) bietet, 
oder auf das ossetische berufen kann, welchem die form 
ar eigenthümlich ist, wie in ar-tzawin (accedere), ar- 
chasin (afferre); denn über das den italischen sprachen 
eigenthümliche können diese verwandten sprachen nicht 
entscheiden. Auch kann man nicht einen gegenbeweis aus 
den Worten des Priscian. entlehnen , wenn dieser I, 45 H. 
sagt: „antiquissimi vero pro ad frequentissime ar pone^ 
bant^; denn gerade deswegen sagten die ältesten Römer 
gewöhnlich ar, weil dieses die ursprüngliche italische form 
dieser praeposition war. Eben so wenig kann man dage- 
gen anführen, dafs in den meisten der von Schneider 
elementarlehr. bd. I, p. 257 gesammelten beispielen ar vor 
folgenden v und f stehe, gleich als ob sich auf die Stel- 
lung vor diesen buchstaben der gebrauch dieser form in 
der alten latinität beschränkt habe, da in derselben genug 
beispiele vorhanden sind, in denen sich ar, wie das ninbr. 
ar s. ar, vor andern consonanten (ar-biter, ar-cesso, 
ar-ger) findet. Endlich steht es auch nicht frei, als eines 
beweises für die ursprünglicbkeit des t*lautes dieser latei- 



ttber die in ablatiyform erscheinenden ital. praepositionen. 379 

nisohen praeposition, der sich in d erweicht habe, sich der 
sanskritiscbeD praep. a t i zu bedicDen , welche A n f r e c h t 
und Eirchhoff nmbr. sprachd. bd^ I, p. 85, Kuhn in d. 
zeitscbr. bd. II, p. 476, Schweizer in d. zeitschr. bd.III, 
p. 396 und Corssen de Volscor. ling. p. 49 und aber 
ausspräche, vocalismus und betonung bd. I,. p. 72 mit ihr 
identificiren, da jene wegen der Verschiedenheit der bedeu- 
tung, indem sie eigentlich das lateinische trans oder ultra 
ausdrückt, mit dieser gar nicht identisch sein kann. Ebenso 
ist die Verschiedenheit der bedentung der grund, weshalb 
Bopps Zusammenstellung des lat. ad mit dem skr. adhi 
(im glossar und in der vergl. gramm. p. 1467. l.ausg.), 
der Pott in d. zeitschr. bd. I, p. 326 und Ebel in d. Zeit- 
schrift bd. VI, p. 204 beigepflichtet haben, ganz unzuläs- 
sig ist. ar war also die altlateinische form dieser praepo- 
sition, aus der durch den zwischen r und d stattfindenden 
lautwechsel ad hervorging. Schwerlich läfst sich mit Pott 
in d. zeitschr. bd. I, p. 326 behaupten, dafs beide formen, 
ar und ad, die gewifs lange zeit neben einander bestan- 
den haben, versohiedene praepositionen seien, dergestalt, 
dafs die eine so gut wie die anJere ursprünglich, mithin 
die eine von der andern anabhängig wäre. 

Nicht ZQ übergehen ist hier apud. Es ist diese prae- 
porition auf keine weise zusammengesetzt, weder, wie Pott 
etjm. forsch, bd. I^ p. 109 und bd. 11, p. 314 will, der sie 
als aUiSi ape (i. e. apud, nagd, Gloss. Philoxen.) und ad, 
sowie apor aus ape und ar erklärt, zumal jenes ape erst 
aus apud hervorging, wie Schweizer in d. zeitschr. bd. 
XII, p. 227 richtig bemerkt, noch, wie Ebel in d. zeitscbr. 
bd. VI, p. 205 yermuthet, aus dem skr. apa (es lat ab) 
und lat. ad. Auch Corssen kann ich nicht beitreten, 
wenn dieser über ausspräche, vokalismus und betonung 
bd« I, p. 335 apud als den ablativ eines verbalsobstant. 
apo-* von dem einfachen verbum apere betraditet, das 
den langw vokal des ablativs gekürzt habe, so dafs es 
^gentliehi in anfügung bedeute. AUerdi^s würde für 
diese ansieht die ähnliehe bildung desoskischen contrud 
und amnud sprechen, aber geradezu entgegen steht ihr 



380 ZeyiB 

die alte form dieser praep. apor, die wir bei Fest. p. 26 
ed. Müll, und Mar. Victorin. de orthographia finden. leb 
scblage daber zwei andere erklärungen vor. Entweder ist 
das anlautende a ein a prostbeticum , wie in a-cerb-us 
und a-mar-us und por ist dieselbe lat. praep. por, von 
der icb in d. zeitscbr. XIV, p. 415—416 gesprocben habe, 
woraus sieb ergeben würde, dais, wäbrend die fonn por 
nur den compositis angebörte, apor selbständig aufträte; 
oder apor stammt gleicb den Wörtern apex, apisoor, 
aptus, wie dies scbon Doderlein lat. synon. HE, p» 276 
und Freund im wörterb. d. lat. spr. I, p. 337 wollten, 
von der wurzel ap in apere, in welcbem falle ich die en- 
dung or mit der endung der litauiscben adverbia loci: 
kur (ubi), kittur (alibi), wissur (omnibus locis), niekur 
(nusquam) vergleicben würde. Aus dem alten apor aber 
ging erst, wie aus ar ad, zugleich mit Verwandlung des 
o in u apud bervor. lieber die Schreibart aput habe 
ich schon oben gesprocben. Ich kann daher Corssen 
nicht beistimmen, wenn derselbe de Volscor. ling. p. 49 
und über ausspräche, vokaUsmus und betonung bd. II, p. 
90, gleichwie at für ad, so aput für die älteste form die- 
ser praeposition hält, deren t sich in d erweicht habe und 
dann in r übergegangen sei. 

Denselben consonanten übrigens, den ar und apor 
im auslaut zeigen, finden wir auch, au&er bei dem schon 
angeführten per, bei super und den auf t er ausgehen- 
den praepositionen circiter, inter, praeter, propter 
und subter, noch in einer nebenform der dem griechi- 
schen afifpi und abd. umpi s. umbi entsprechenden alt- 
lateinischen praep. ambe (Varr. de ling. lat. VII, 30. Müll.), 
welche in der form amb sich nur vor vokalen (amba- 
ges, ambarvalis, ambedo^ ambigo, ambiguus, 
ambio, amburbium, amburbiales, amburo) erhal- 
ten hat, während ibre noch mehr verkürzte gestalt am s. 
an sowobl vor vokalen (amicio), als vor consonanten 
(ampendices, amplector, amputo, Amsanctus, 
amsegetes; ancaesa, ancisus, anquiro) erscheint, ge- 



ttber die in ablativform erscheinenden ital. praepositionen. 381 

rade so, wie sich in den celtischen sprachen die ursprüng- 
liche form ambi, die sich noch in vielen eigennamen fin- 
det, zu amb und am verkürzt hat. S. Zeufs gramm. 
celt vol. I, p. 7. 75. 99. 167 und vol. II, p. 838. Die letzte 
form dieser praeposition nun, die form an, hat man all- 
gemein, wie Schneider lat. gramm. I, p. 535 und die 
neueren grammatiker und lexicographen, so auch Aufrecht 
und £irchhoff umbr. sprachd. bd. 11, p. 43 und Cors- 
sen in d. zeitschr. bd. XI, p. 414, auch in dem particip. 
anfractus und in dem subst. anfractus zu finden ge- 
glaubt. Dem steht aber entgegen, dafs frango niemals 
biegen oder krümmen bedeutet und dafs es höchst selt- 
sam und unnatürlich wäre, wenn der Römer eine umbie- 
gung oder krümmung eine umbrechung genannt hätte. 
Auf eine andere ableitung nun werden wir durch verglei- 
chung des oskischen und umbrischen geführt. Im oski- 
schen nämlich finden wir die verstärkte form am fr in 
amfret (cipp. Abell. 32. 45), i. e. ambiunt, und ebenso be- 
gegnen wir im umbrischen neben dem vor vokalen stehen- 
den amb s. amb in amperia und amboltu (ambulato) 
und dem vor consonanten erscheinenden an in anferener 
(circumferendi, i.e. lustrandi) und andirsafust s. an- 
der safust (circumdederit, i. e. lustraverit) oder a in afe- 
rum s. afero (circumferre, i.e. lustrare) und aterafust 
(circumdederit, i. e. lustraverit) der der oskischen form 
amfr entsprechenden form ampr (wof&r auch apr) s. 
ambr in ampr-ehtu s. apr-etu (ambito), ambr-etnto 
(ambiunto), ampr-efus (ambieris), ambr-efurent (am- 
bierint). Allerdings finden wir die oskische form amfr 
und die umbrische ambr, welche Aufrecht und Kirch- 
hoff umbr. sprachd. bd. I^ p. 159, was sehr zweifelhaft ist, 
mit dem griech. äf^cplg zusammengestellt haben, nur in der 
Zusammensetzung mit formen von ire, nichts steht aber 
der annähme entgegen, dafs sie auch in Zusammensetzun- 
gen mit andern Wörtern angewendet sei. Solche sind nun 
das lat. partic. anfr-actus und das subst. anfr-actua 
oder, wie sie auch geschrieben werden (gleichwie infe- 
riae und imferiae, s. Lucian Müller in den n. jahrb. 



f. phil. ond päd. 1866. L abth. p. 387), amfr-actus und 
amfr-actus^ die demnach von demselben rärbum agere, 
wie das synonyme amb-ages, abgeleitet, aber mit einer 
andern form derselben praeposition als dieses zusammen- 
gesetzt sind. Däfs sich neben dem b in ambages in die- 
sen Zusammensetzungen das alte f, das wir in firüherer zeit 
noch in der praeposition af neben ab finden (s. Ritschi 
de mUiario Popilliano p. 7), erhielt, ist so wenig auffiil- 
lend, als das fortwährende nebeneinanderbestehen von fei 
und bilis, von rufus und ruber, von vafer und va- 
ber, von sifilare (Non. p, 531) und sifilus (Priscian. 
p. 560 F.), woher frz. siffler neben sibilare und sibi- 
lus. Dafs sich dies also verhält und an frangere bei 
diesen Wörtern nicht zu denken ist, wird besonders an sol- 
chen stellen klar, in denen von der kreisförmigen bewe- 
gung der himmelskörper die rede ist, wie Cic. de re publ. 
VI, 12 „cum aetas taa septenos octiens solis amfiractus re- 
ditusque converterit dnoque ii numeri -*- circuitu nmtaraii 
summam tibi fatalem comfecerint ^. Vei^l. Gic. de leg. 
II, 8, 19. 

Doch ich wende mich zu den auf d auslautenden prae- 
positionen zurück. Wie im lateinischen, so finden wir audi 
im oskischen praepositionen mit schlielsendem d, nämlich 
ehtrad (extra), contrad (contra) und amnnd (caussa), 
welches eigentlich ablativ eines substantivums ist, wie es 
noch auf dem cipp. Abell. 17, amnod geschrieben, er- 
scheint, wo ich mit Mommseus ergänzung r(ehtod) 
amnod, puv lese und recta (iusta) caussa, ubi öbersetze, 
da sich Corssens Übersetzung (in d» zeitschr. bd. V, p. 
84—87 und bd. XIII, p. 165 und 1 69) „in cirouitu«" nicht 
mit der bedeutung caussa, die dieses wort offisnbar auf der 
tab. Baut. 6 hat, vereinigt. Dagegen hat pru (pro) sein 
d verloren, gleichwie dies im ombrischen durchgängig der 
fall ist, wie hutra s. hondra (infra), subra (aupra), pre 
(der form nach = prae, der bedeutung nach s» ante), pro 
a. pro (pro) und re (re) beweisen. Ztth füge nock am 
(se) hinzu, obgleich dieses nicht praepoBition ist, wie Auf« 
nfechl and Eirchhoff nmbr» sprachd. bd» Z^ p. 156* bd.II, 



«rUftnmgtfn aoibrU<^er und lateinischer w6rter. 383 

p. 76 und 95 wollen, sondern adverbium, indem Via, 11 
SU übersetzen ist: tum ad (hos) urbanos limites seorsum 
ad utrumque serrato. 



n. Erklärungen nmbrischer und lateinischer 

worter, 

1. Vufro, vufeto, Vufiuno, 

Von dem adject. vufro, welches tab. Iguvin. IIb, 21. 
24. 25 epitheton eines vitulus ist, haben Aufrecht und 
Kirchhoff umbr. sprachd. bd, II, p. 423 richtig bemerkt, 
dafs durch dasselbe eine färbe bezeichnet werde, näher 
aber (ibidem bd. II, p. 348) seine bedeutung nicht zu be- 
stimmen vermocht. Ich zweifle nun nicht, dais dieses 
vufro, dessen nom. vufer gelautet haben wird, identisch 
sei mit dem lat. vafer s. vaber, dessen erste bedeutung 
wir nur in den alten glossarien finden ^ nämlich: varius 
multiformis, diversipellis. Auf gleiche weise wird in ihnen 
das adverb. vafre durch inaequaliter erklärt. S. die an- 
gaben derselben bei Hildebrand Glossar, latin. p. 288. 
Dafs aber fleckig, scheckig ein passendes beiwort ei- 
nes vitulus sei, wird niemand bezweifeln. Von demsel-^ 
ben stamme sdieiat vufeto abzuleiten zu sein« Man 
könnte nun meinen, dafs dieses zn vufer wie lat. rubi- 
dus zu ruber sich verhielte; dem steht aber kal-ero 
s. cal-erso, i. e. cälidus, ksvxofitrwTtogj entgegen. Ich 
halte demnach, wie es auch Aufrecht und Eirchhoff 
umbr. sprachd. bd. II, p. 376 und 423 geschienen bat, vu- 
feto ftlr ein part. pf. pass., das ich aber nicht, wie jene 
vermuthen^ durch lubitus, sondern dem obigen zufolge durch 
variatus übersetze, eine bedeutung, die mir zu vufeto als 
epitheton von vesklo zn passen scheint. Ebenso scheint 
mir dieser stamm in dem namen des gottes Vufiunus ent- 
halten zu sein, einem namen, der gewifs mit dem wesen des- 
selben auFs engste zusammenhängt, worin zugleich der 
grnnd liegt, weshalb ihm boves cälidi geopfert werden. 
Wie aber dieser auf tab. VI Vofionus heifst, ebenso 



384 Zeyffl, erklärangen umbrischer nnd lateiniBcher w6rter. 

können wir annehmen, dafs das adj. vufro und das pari, 
▼ufeto, wenn sie auf den tafeln mit lateinischer scbrift 
vorkämen, vofro und vofeto lauten würden. 



2. MiXi^ mel. 

Leo Meyer hat in d. zeitschr. bd. V, p. 379 nnd 
ebenso Grafs mann in d. zeitschr. bd. XI, p. 48 mit dem 
skr. madhu (mel), das sie aus madhva entstehen lassen, 
das lat. mel zusammengestellt, indem sie vermuthen, dafs 
dieses wort vielleicht ursprünglich melli gelautet habe 
und dafs dieses aus mel- vi hervorgegangen sei. Dem- 
nach meinen sie, dafs mel schwerlich unmittelbar mit dem 
griech. fiikir identisch sei, wenn dieses nicht etwa für ftH-' 
ßix stehe. Diese ganze darstellung mufs ich f&r irrig hal* 
ten. Das skr. madhu (mel) hat bereits Pott etym. forsch, 
bd. I, p. 245 richtig nicht blos mit dem gleichbedeutenden 
lit. medus, lett. meddus, sl. med, oss. mit, im dugor. 
dialekt mud, sondern auch mit griech. pikß'v und ahd. 
metu (mulsum) zusammengestellt und auf die wurzel mad 
zurückgeführt; nur würde ich nicht mit Pott sagen: auf 
mad ebrium, mente captum esse, denn dieses würde nur 
zu griech. ^ikd^v und ahd. metu passen, sondern auf mad 
exhilarare, voluptatem dare*). Ebenso hat Pott etymol. 
forsch, bd. I, p. 143 und bd. 11, p. 445 richtig gesehen, 
da£9 lat. mell (in mellis) statt juäAir steht. 



*) Gegen beide ableitungen sprechen aber die aspiraten von madha 
nnd Y«f'^tS ebenso weisen ags.- meodn, abd. metu auf indogennaniache aspi- 
rata zurück. Anm. d. red. 

Zeyfs. 



Petters, zur geschichte altdeutscher declination. 385 

Zur geschichte altdeutscher declination. 

(Nachtrag zu XV, 172 ff.) 

Id den sorgfältigen Untersuchungen, welche Förstemann 
unter obigem titel in unserer Zeitschrift niedergelegt hat 
und an welchen sich leicht erkennen läfst, wie vieles noch 
aus einer genauen wissenschaftlichen durchforschung uu- 
sers alten namenbuches gewonnen werden kann, ist auch 
eine reihe alter bezeichnungen fbr ortsgebiete zur spräche 
gekommen, die ein genetivisches -ono, verbunden mit 
fines, termini, provincia, regio, marca, biuang (letzteres wol 
nur einmal in Ithharteshusono biuang) zeigen. Wir wol- 
len versuchen auf .dem wege, den Förstemann eingeschla- 
gen hat, noch einen schritt weiter zu gehen, um den Ur- 
sprung dieser formen vollständig aufzuhellen. 

Gewifs läfst sich nicht zweifeln, dafs Grapfeldono 
marca gleicher bedeutung mit Grapfeldero m. oder latini- 
siert Grapfeldorum provincia ist, Salagewono m. mit Sa- 
lagouensium provincia. Wie Grapfeldero einem nom.sing. 
Grapfeldari, be wohner des Grabfeldes, so stellt sich 
Grapfeldono einem nominativ Grap fei do gegenüber. Von 
Seite der theorie ist nichts dagegen, ein ahd. feldo in der 
bedeutung bewohner des feldes (wie lateinisch Campanus, 
^echisch Polan, der Pole, altslov. Poljaninü Mikl. 617) an- 
zusetzen, in der Wirklichkeit können aber derlei Substan- 
tive, wie sie Förstemann in d. zeitschr. XV, 176 aufstellt, 
owo, bahho, feldo*) u. s. w., aulser der composition (in 
Ortsnamen) völlig gefehlt haben, wie es auch z. b. neben 
ahd. Ü3lenti, elilenti, mhd. Niderlende (Nibel. A 909), nhd. 
ausländer kein einfaches lenti, lende, länder geben mufs. 
Ein selbständiges ahd. gowo mufs nicht einem gothischen 
gauja zur seite stehen. 

Das dem gothischen gauja und baürgja zum gründe 
liegende sufiix -jan ist nach unserm dafürhalten auch in 

♦ 

*) Den satz Förstemanns, dafs seine Substantive owo, bahho, feldo 
u. s. w. „gemeindeutschen personennamen wie Rando, Sigo, Thegano u. s. w., 
die so httufig statt voller composita gebraucht werden, ganz gleich stehn**, 
finde ich ganz unverständlich. Konnte vielleicht ein bewohner des Grab- 
feldes, ein Grapfeldo schlechtweg feldo genannt werden? 

Zeitschr. f. vergl. sprachf. XVI. 5. 25 



386 Fettere 

jenen alten Ortsnamen auf -ono zu suchen, so dafs Grab- 
feldono, entstanden aus Grapfeld-jono einem goth. baürg- 
jand genau entspräche. Ob *ono streng grammatisch -odö 
oder -ono, -6nö oder -ono zu schreiben sei, müssen wir 
aufser betracht lassen und mit Förstemann das recht in 
anspruch nehmen, die längenzeichen fortlassen zu können. 

Das ursprüngliche suf&x -jan läfst sich noch zum min- 
desten an einem alten Ortsnamen in Förstemanns samminng 
nachweisen: der ortsname Rhöden (bei Goslar) tritt in den 
traditiones Corbejenses im 9. Jahrhundert in dativischer 
form: Riudiun und daneben in genetivischer: in Riadi- 
ana marcu (marcu der richtige dativ) auf. Riudiana ent- 
spricht aufs genaueste gothischem baürgjane und stimmt 
bezüglich des auslautenden a mit magtzohana, paedagogo- 
rum bei Graff V, 619, was ins gothische umgeformt ein 
magutaühan^ (ygh skuland) ergäbe, wenn die pädagogen 
der Gothen diesen titel gekannt haben. 

Dem anlautenden j des Suffixes wird wol auch der 
Umlaut von -stet ono zuzuschreiben sein: Munirihstetono 
ist von Munirichesstat (Förstem. Ortsnamen 105Ü), jetzt 
noch ohne umlaut Münnerstadt, Beinrestetono von Bei- 
nerestat (F. 172), jetzt Beinerstadt, gebildet. Minder si- 
cher kann von gleichem umlaut in -gewono, Sala-, Untar-, 
Werangewono, die rede sein, indem sich schon frühzeitig ne- 
ben gawi mit umlaut gewi gestellt hat z. b. Otfrid II, 14,2: 
in 8elba5 gewi sinas, in Tatians evangelienharmonie gewi, 
regionem. 

Steht nun aber fest, dafs wir jene genetive auf -ono 
auf ursprüngliches -jan-am zurückzufahren haben, so kön- 
nen Förstemanns ausführungen über die „entarteten^ for- 
men jenes -ono nicht ganz unbezweifelt stehen bleiben. 
Bei ursprünglichen ja- und jan -stammen hat sich in sehr 
früher zeit das j verflüchtigt und dadurch eine vermengung 
der a- und an-stämme mit den ja- und jan -stammen her- 
vorgerufen, die eine sichere sonderung in vielen föllen un- 
endlich schwierig macht; formen mit der reinheit von go- 
thisch viljans, reikjam, gudjane erscheinen nur spärlich in den 
ältesten denkmälern des althochdeutschen und niederdeut- 



zur gei^chichte iaUdeatecher declination. 367 

sehen; bei den ja- und jan- stammen ist bald der i-laut, 
bald der nachfolgende vocal der casusendang gewichen, 
oft auch das erstere in e d. i. § übergegangen. So steht 
bei Otfrid Judeono mit jüngerem Judono und Hierosoli- 
mono (III, 4, 2) im' Heliand Judeno neben dem häufigeren 
Judeono (mit marka 2983 Heyne). Die nebenformen zu dem 
am häufigsten erscheinenden -ono sind aufser dem erwähn- 
ten alterthümlichsten -iana oder -Jana von Riudiana fol- 
gende: -ano, -ina, -ino, -ine, »eno, -ena, »ene, 
-one, -on, -in. Beispiele: Kazahano von Kazaha (F. 357, 
vgl. rätgepano Graff IV, 123); Mawentelina von einem un- 
belegten Mawental pg. Perna£Pa (F. 1008, vergl Mouuntal, 
Mawenheim, Mawinhard); Ibistetino von Ibistat (F. 825); 
pagus Prisingine (F. 294) ; Salagoeno von Salagewi (F. 1212), 
womit fuzuendeno d. i. fuo5fendeono, nom. fendo aus fen- 
deo, fendjo, Judeno burgi bei Tatian zusammenzustellen 
ist; Morcbenhofena (F. 1007) vergl. friesisch herena, ags. 
dagena bei Kelle, vgl. gramm. §§.283,281; Bumilingene 
(F. 784); Suinonedriht, jetzt Zwijndrecht (F, 1352), was 
wir uns aus einem nom. swlnjo, swineo, gothisch etwa 
sveinja, schweinzüchter, gebildet wie fiskja, deuten (unter 
den Ortsnamen Böhmens gibt es ein genau entsprechendes 
Sviüany, suffix -jan^ und mit dem alten su£Sx -arja ein 
Svinafe, was ein ahd. Swinarin mit dativischer form wäre), 
Horone, Leimone (F. 764 und 911), letzteres nach Forste- 
mann „wahrscheinlich keltisch^, doch liefse sich gegen ab- 
leitung von horo und leim nichts einwenden, vgl. in Böh- 
men Uliixanj von hlina, altslov. glina; Eitrahafeldon marcha 
(F. 31), vgl. gen. boton, Judon; Magelingunin marca (F. 
973), eine form, gegen die sich Förstemanns voller Un- 
wille erheben mufs, gebildet von einem als stamm behan- 
delten dativ Magelingun, wie Gimundinero vom dat. Gi- 
rpundin zeitschr. XV, 166, bezüglich des schliefsenden -in 
mit berrin, irridin Graff II, 924 zu vergleichen. 

In der abhandlung über den genetiv pluralis bespricht 
Förstemann zuletzt noch ortsbezeichnungen wie Ecchen- 
heimo, Biberesheimo, Rorbabo, Heitungesfeldo marca; ne- 
ben auslautendem o tritt auch a, u und e auf: Althaima, 

25* 



388 Petters, zur (^schichte altdeutscher declination. 

Gunsanheimu, Altaime marca. Alle genetive dieser art, die 
bis ins jähr 743 zurückreichen, sieht Förstemann fQr ent- 
stellongen aus vollerem -ouo (oder gar -oro) an. Könnte 
man hier nicht an verdunkelte ja-stämme denken, die sich 
mit goth. ingardja, anahaimja, afhaimja (Bopp vgl. gramm. 
§.901), mit JSaXaftiviog ^ Ko()ivx^iog zusammenhalten lie- 
fsen? -heimo, -baho u. s. w. gehen vielleicht auf -heimjo, 
-bahjo zurück, wie kunnö aus kunnjö goth. kunje, hirto 
aus hirtjo goth. halrdje entspringt. Der Schreiber von Nah- 
gowii (F. 1067 unter Nachgowi) hat vielleicht mit seiner 
gelehrten latinisiernug verrathen, was man sich bei einem 
genetiv wie Eechenheimo zu denken hat, und sein alt- 
deutsch besser gekannt als der sehreiber von Grapfeldo- 
rum.provincia (statt Grapfeldiorum?), der vom ableitenden 
i keine ahnung hatte. Möglicherweise steht uns für un- 
sere erklämng ein ebenso guter beleg zu geböte, wie obi- 
ges Riudiana: unter Eggistat gibt Förstemann p. 10 Heg- 
gistetiu marca, dessen auslaut gegen die gemeine regcl 
nicht ärger verstofsen kann als die von Förstemann XV, 
169 f. gertigten -am, -uru, -oru, -eru. Soll unser H^gi- 
-stet-ju nicht wie Odderstateru'aus Odder-stat-arju erklärt 
werden? Förstemann hat sich in seinem trefflichen buche 
über die deutschen Ortsnamen s. 184 bei Hornsetehuson 
ein ganz gleiches verfahren erlaubt. 

Auf ein enges hinterpförtchen möchten wir noch aufmerk- 
sam machen. Wem die deutung von Eechenheimo marca 
(F. 11) s= Ecchenheim-j6 m., genetiv eines snbst. Ecchen- 
heimi nicht zusagen will, der beruhigt sich vielleicht bei 
dem gedanken, dafs wir in diesen formen composita mit 
marca zu erkennen haben, die nur nach alter Schreibweise 
gesondert stehen: Ecchenheimomarca wäre wie tagostSmo, 
spilohüs, älter hovaman, grasawurm; selbst an kOrzung 
alter jan-stämme liefse sich denken, wie in hanokr&t, ouga- 
vano, augadaüro gekürzte an-stämme vorliegen. Auch die 
formen Gunsanheimumarca, Wetarungumarca hätten an 
cotuwöppi, aukuzorht ihre stütze, vgl. Grimm, grammatik 
II, 414 ff. 

Leitmeritz, ostern 1867. I. Petters. 



Kuhn, inzeigen. 389 

Altnordisches glossar. WGrteibuch zu einer Auswahl Altisliindisofaer and 
altnorwegischer prosatexte, von dr. Theodor Möbins, Professor an 
der Universität zu Kiel. Leipzig 1866. XIl, 582 ss. 8. 

Ob^i^obl das vorliegende glossar nach der eigenen er* 
klärung des Verfassers auf vergleichung mit den verwand- 
ten sprachen so gut wie keine röcksicbt nimmt, dürfen 
wir docb auch in dieser Zeitschrift nicht unterlassen auf 
die Bedeutung der arbeit hinzuweisen, denn wenn dasselbe 
auch keine eigenen vergleicbungen gibt, so setzt es doch 
andere in ungleich höherem mafse als alle bisherigen wör- 
terbOcher in den stand, solche mit gröfserer Sicherheit und 
genauigkeit anzustellen. Während nämlich das Wörterbuch 
Sveinbjörn Egilssons ein trefflicher und sicherer leiter durch 
die poetische litteratur ist, sind die lexika von Björn Hai- 
dorson und Erik Jonsson dies doch in erheblich niederem 
mafse für die prosalitteratur, da sie, jenes in ausgedehn- 
terer weise als dieses, sich oft auf die einfache angäbe 
der bedeutung beschränken, und auch da, wo sie beläge 
für dieselben, redensarten u. s. w. beibringen, die stellen, 
denen sie entnommen sind, nicht angeben, so dafs der le- 
ser darüber im unklaren bleibt, ob die bedeutung, rede- 
weise u. s. w., die angegeben werden, der älteren oder etwa 
jüngsten zeit angehören. Der Verfasser des vorliegenden 
glossars hat nun denselben weg wie Sv. Egilssons auch für 
die prosaische litteratur eingeschlagen^ indem er den wort- 
vorrath, der in seinen Änalecta norroena, in K. Maurer^s 
GuUporis saga, in Gudbr. Vigfässons Fornsögur und Eyr- 
byggja enthaltenen texte, in umfassendster weise lexicaliscb 
verarbeitete, so dafs er auch andre werke derselben litte- 
ratur vielfaltig zur bestätigung oder begründnng herbeizog 
und dadurch den ersten grund zu einem umfassenderen 
Wörterbuch der altisländischen prosalitteratur legte. Ueber 
den nutzen einer solchen arbeit, sobald sie wie diese mit 
gewissenhaflbigkeit und umsieht ausgeführt ward, bedarf es 
natürlich keiner weiteren auseinandersetzung und somit sei 
denn dieselbe allen mitforschern bestens empfohlen. 

A. Kuhn. 



390 Kuhn 

UHllaB oder die uns erhaltenen denkmäler der gothischen spräche. Text, 
grammatik und Wörterbuch. Bearbeitet und herausgegeben von Fried- 
rich Ludwig Stamm, pastor zu St. Ludgeri in Helmstedt. Dritte 
aufläge, besorgt von dr. Moritz Heyne, docenten an der Universität zu 
Halle. Paderborn 1865. XVI, 387. 8. 

Die brauchbare und billige ausgäbe der erhaltenen go- 
thischen Sprachdenkmäler nebst grammatik und Wörterbuch 
von Stamm erscheint hier in einer neuen aufläge, in wel- 
cher der herausgeber dr. Heyne vorzüglich nur bemüht ge- 
wesen ist, die gothischen texte in einer nach den neue 
sten hülfsmitteln berichtigten gestalt herzustellen. Die 
grammatik dagegen, sagt derselbe, habe es sich empfoh- 
len, vorläufig noch in der gestalt, in der sie einmal er- 
schienen, beizubehalten; sie enthalte daher nur geringe 
sachliche abänderungen. Die letzteren hätten wohl hier 
und da schon jetzt, unbeschadet einer späteren Umarbei- 
tung, weiter ausgedehnt werden können. Das Wörterbuch 
ist um die neuentdeckten gothischen Wörter bereichert und 
in einem anhang sind diejenigen zusammengestellt, die aus 
demselben zu streichen sind, «da sie auf falschen lesarten 
beruhen. Die so nicht unwesentlich geförderte neue auf- 
läge wird gewifs vielen willkommen sein. 

A. Kuhn. 



H§liand. Mit ausführlichem glossar herausgegeben von Moritz Heyne. 
Paderborn 1866. Auch unter dem titel: Altniederdeutsche denkmäler. 
I. theil. 

Die vorliegende ausgäbe des Heliand, der noch ein 
ssweiter, die kleineren altniederdeutschen denkmäler enthal- 
tender theil folgen soll, schliefst sich im äufseren an die 
ausgäbe des Ulfilas an, nur dafs sie nicht eine kurze gram- 
matik wie jene enthält, dagegen abweichend von jener ein 
sehr ausführliches und sorgfältig gearbeitetes glossar, wo- 
bei ihm freilich Schmeller schon trefflich vorgearbeite 
hatte. Der text ist nach der Münchener handschrift mit 
manchen verbesserud^en, die die geschichte der handschrift 



anzeigen. 391 

augeoscheinlich ergibt (vergl. darüber die vorrede), herge- 
stellt; nur die lüoken des Mon. sind durch den text des 
Cott. ausgefüllt, dieser aber durch gesperrteren druck von 
jenem geschieden. Das gedieht in metrischer hinsieht in 
reinerer gesialt herzustellen, hat sich der herausgeber noch 
vorbehalten. Das glossar läfst die langen vokale erst hin- 
ter den kurzen folgen, worin wir keinen wesentlichen vor- 
theil erblicken; ebenso erscheinen die mit partikeln zusam- 
mengesetzten verba nicht in der alphabetischen reihe, son- 
dern beim Stammwort; hier hätte wenigstens eine hinwei- 
sung auf dieses in der alphabetischen reihe gegeben wer- 
den sollen. Endlich ist den artikeln des glossar eine sehr 
reichliche vergleichung der althochdeutschen, angelsächsi- 
schen und friesischen dialekte beigegeben, eine solche mit 
dem gothischen und altnordischen dagegen, wenige aus- 
nahmen abgerechnet (z. b. bed, got. badi u. s. w.), unter- 
lassen. So dankbar man nun auch für jenes sein mufs, 
so vermag ref. doch die gründe, welche von dieser abge- 
halten haben, nicht recht zu erkennen, zumal das gothi- 
sche noch mehrfach dasselbe wort bietet, wo es die ande- 
ren sprachen nicht mehr oder nicht in dieser form besit- 
zen, und abgesehen davon die nachweisbar älteste form 
doch vor allem das recht der vergleichung in anspruch 
nehmen mufs. Dafs die grammatik fehlt, scheint uns, selbst 
wenn die ausgäbe auch nur für Vorlesungen bestimmt ist, 
doch ein wesentlicher mangel und möchte es gerathen sein, 
denselben beim erscheinen des zweiten theils zu ergänzen. 

A. Kuhn. 



Saggi dei dialetti greci deir Italia meridionale raccolti ed illustrati da 
Domenico Comparetti, prof. nella R. Universita di Pisa. Pisa, 1866. 

Die griechischen dialekte, von denen die vorliegende 
Schrift eine reihe von proben mittheilt, werden in den 
südlichsten provinzen Italiens, in Calabrien und der Terra 
d'Otranto, gesprochen und gehören den griechischen nie- 
derlassungen an, die sich dort finden. Sie verbreiten sich 



39^ Kind 

über eine gröfsere zahl von Ortschaften; in Calabrien ist 
unter denen, welche in den Umgebungen von Beggio lie- 
gen, Bova der hauptort ; im bezirke von Lecce der Terra 
d^Otranto «ind Ortschaften dieser art, die hier vomebmlich 
in betracht kommen, Corigliano, Martano und Calimera. 
Aufser ihnen fflhrt der herausgeber im Vorwort auch noch 
andere solcher griechischer dörfer beider provinzen auf, 
während er zugleich bemerkt, dais zwar in vielen andern 
dörfem Calabriens bewohner griechischer abstammung noch 
ebenfalls sich finden, die auch bis zu einer gewissen zeit 
griechisch geredet haben, gegenwärtig aber italienisch 
sprechen. 

Das Vorhandensein der griechischen spräche in jenen 
gegenden und die sich daraus im allgemeinen ergebende 
griechische nationalität hat eben sowohl ein philologisch- 
linguistisches als ein historisch- ethnographisches interesse. 
Professor Comparetti fafst hier das letztere nur voröber- 
gehend ins äuge, denn er ist der meinung, dafs „die spräche 
eines volks immer das erste und hauptsächlichste moment 
sei, das man erforschen müsse, um seine geschichte ken- 
nen lernen und ergründen zu können^. Er ist für seine 
person ohne weiteres der ansieht, dafs jene griechischen 
niederiassungen, welche einige gelehrte, wie Niebuhr, fär 
reste altgriechischer colonien Grofsgriechenlands erklären, 
andere dagegen mit einwanderungen während der zeit der 
byzantinischen herrschaft oder selbst einer noch späteren 
zeit in Verbindung gesetzt haben, mit den alten colonisten 
Grofsgriechenlands nicht das geringste gemein hätten, und 
er bezieht sich fQr diese ansieht namentlich auf die be- 
weisgründe in ihrer spräche. Zu diesem zwecke hat er 
auch seine „Saggi^ herausgegeben, mit denen er nicht al- 
lein den Philologen stoJBT zur ergröndnng „merkwürdiger 
linguistischer phänomene^ darbieten, sondern auch zur er- 
örterung der frage der abstammung jener colonien beitra- 
gen will. Er hat hier zu diesem zwecke eine gröfsere an- 
zahl von proben jener dialekte zusammengestellt, denn dftc 
— meint er — , was bis jetzt den gelehrten vorgelegen habe^ 
ist nur von geringem werthe. Auch referent hat keine wei- 



anseigeii. 993 

lere Veranlassung auf die ethnographische frage in betreff 
der griechischen niederlassungen SQditaliens hier näher ein- 
zugehen, aber er bemerkt, dafs gleichwohl manches in der 
griechischen Sprache jener niederlassungen sich findet, 
was der zeit vor der byzantinischen herrschaft angehören 
könnte. * 

In Deutschland war es hauptsächlich der aufsatz des 
prof. Pott: „Altgriechisch im heutigen Kalabrien?^ im^phi- 
lologus*^, elfter jahrg. (1856), s. 245—269, der die Sprach- 
forscher etwas näher und ausführlicher mit den griechisch 
redenden bewohnem des südlichen Italiens und mit ihrem 
dialekte bekannt machte, denn was man etwa früher dar- 
über wufste, konnte vielleicht ein Interesse anregen, aber 
es konnte das schon vorhandene nicht befriedigen. Auch 
der herausgeber kennt jenen aufsatz des deutschen Sprach- 
forschers (wie er denn überhaupt mit deutscher zeitschrif- 
tenliteratur und der sonstigen deutschen Wissenschaft über 
den betreffenden gegenständ wohl vertraut ist), und er 
läfst nicht nur ihm und seinen eingehenden forschungen 
volle anerkennung widerfahren, sondern er benutzt auch 
manche ergebnisse seiner Studien auf dem gebiete der dia- 
lekte jener griechischen colonien und manche lösung der 
etymologischen räthsel, die diese dialekte im einzelnen dar- 
bieten. Pott theilte bekanntlich a. a. o. unter anderm auch 
drei volksgesänge aus Bova in Galabrien mit, die er dann 
mit linguistischen bemerkungen begleitete und wozu er 
noch eine gröfsere zahl von andern in Bova selbst gesam- 
melter Wörter hinzufügte. Für diejenigen, die im allge- 
meinen mit der neugriechischen vulgarsprache und mit ih- 
ren einzelnen dialekten etwas genauer bekannt sind, konnte 
es sofort nicht zweifelhaft sein, dafs es sich hierbei eben 
nur um einen anderweiten, in jenen griechischen colonien 
gebräuchlichen und so wenig, wie diese selbst, bisher be- 
kannt gewesenen dialekt der neugriechischen vulgarsprache 
handele, und dafs die frage: „Altgriechisch im heutigen 
Kalabrien?^ nur insoweit eine beschränkende lösung finden 
konnte, als die neugriechische Volkssprache, an und ftlr 
sich und im allgemeinen, so wie in ihren einzelnen dia- 



394 Kind 

lekten, uacb ihrem ganzen wesen nur auf der altgriechi- 
scfaen spräche ruht, und wesentlich nichts anderes ist, als 
die vielfach verderbte, mit fremden elementen zersetzte 
und herabgekommene altgriechische spräche. Dies zeigt 
sich auch an dem dialekte der griechischen niederlassun- 
gen im südlichen Italien, der'selbst in seiner ärgsten Ver- 
stümmelung and ausartung rein altgriechische worte und 
formen bewahrt hat. 

Der herausgeber der vorliegenden schriß; verzeichnet 
in der vorrede (p. IX — XIII) die wenigen proben der 
in rede stehenden griechischen dialekte, die bereits von 
deutschen, griechischen und italienischen gelehrten veröf- 
fentlich worden, und in diesem zusammenhange erwähnt 
er auch den Pottaschen aufsatz. Comparetti selbst hat 
aus jenen Veröffentlichungen manches benutzt, was er ge- 
nau angiebt, aber meist ist es ungedrucktes, was er hier 
in seine Sammlung aufgenommen hat. Im ganzen sind es 
45 dialekt- proben aus jenen griechischen niederlassungen, 
und zwar 43 in versen und zwei briefe. Die dichtungen 
können meist für Volkslieder gelten, die jedoch hier der 
geringsten zahl nach ein ästhetisches, ebenso wenig ein 
besonderes nationales oder culturhistorisches, sondern nur 
rein linguistisches interesse haben. Meist sind es liebes* 
lieder, einige sind kirchlichen Inhalts, und zum theil ha- 
ben diese letzteren durch den frommen religiösen sinn in 
ihnen etwas wahrhaft rührendes. Die meisten sind nur 
achtzeilig, andere auch kürzer, wenige sind länger und 
bestehen aus zwanzig und mehr zeilen, eines (das aber 
vielleicht am wenigsten als Volkslied angesehen werden 
kann) hat sogar 112 zeilen. Meist sind sie auch mit reim- 
ähnlichen endungen. Solcher lieder sind im ganzen 38 
aus Bova, 3 aus Corigliano, und je eines aus Martano 
und Calimera. Das aus letzterem orte ist eine freie Über- 
setzung des kirchenliedes : Stabat mater, und es war, wie 
C. ebenfalls erwähnt, aus der griechischen Zeitschrift: Nia 
navScigaj nebst anderen dialektproben und einer anzabl 
griechischer Wörter aus der Ortschaft Calimera, bereits 
früher im „archiv für das Studium der neueren sprachen^ 



anzeigen. 395 

(1858, s. 135 f.) mitgetbeilt worden. Die beiden briefe 
sind gleichfalls aus Calimera. Was bisher ungedruckt ge- 
wesen, ist auf den wünsch und mit wissen des herausge- 
bers von befreundeten personen an ort nnd stelle selbst 
gesammelt worden, und auch darüber giebt er im einzelnen 
gewissenhaft auskunft. Demgemäfs theilt er nun zunächst 
den text aller dialektproben, wie jene ihn von den eingebo- 
renen erhalten, mit lateinischen buchstaben (da jene selbst, 
auch wenn sie Oberhaupt schreiben können, doch wohl 
am allerwenigsten mit griechischen buchstaben zu schreiben 
verstehen) unverändert mit, eben so auch eine italienische 
Übersetzung, von der er ausdrücklich bemerkt (p. XIX), dafs 
er sie „so gäbe, wie sie ihm von den Sammlern zugegangen, 
und dafs sie auf den erklärungen derer beruhe, von denen 
diese selbst den text erhalten^. Wo er hieran im einzel- 
nen etwas verändert, hat er es auch (wie er sagt) aus- 
drücklich angegeben. Aufserdem giebt C. zu dem urtext 
noch eine transscription desselben mit griechischen buch- 
staben und in griechischer form , wobei er jedoch in an- 
sehung einzelner verderbter Wörter nicht an die ursprüng- 
liche ausspräche sich gehalten, sondern sie durch andere 
gewöhnliche und verständlichere ausdrücke der Volkssprache 
ersetzt hat. Er spricht sich darüber in der vorrede p. XX f. 
aus. Mufs man ihm nun auch hierbei dem grundsatze nach 
insoweit recht geben, als er gewisse dialektformen der ge- 
meinen Volkssprache beibehalten (z. b. zero, ££(»co, xfjigu)^ 
für ^evQco, T^^evQOi)^ dagegen z. b. den ausdruck juro (d. i. 
xvQio) durch xvQiog oder xvqi^ov^ sowie die form ettutte, 
die aus iäü&e verderbt ist, durch dieses selbst ersetzt, 
und als er sich überhaupt innerhalb der gränzen der ge- 
wöhnlichen ausdrucksweise des volks gehalten und nur 
solche änderungen hat vornehmen wollen, welche durch 
den allgemeinen gebrauch bedingt sind (p. XXI), so kann 
man ihm gleichwohl in gewissen einzelnen fällen nicht recht 
geben, indem er mit einzelnen änderungen die dialekti- 
schen eigenthümlichkeiten geradezu verwischt hat. Auch 
finden sich in der griechischen transscription griechische 
Wörter, die der herausgeber nicht sowohl oder nicht blos 



396 Kind 

zur verständiguDg, sondern zugleich als etymologische er- 
klärung des textworts ohne weiteres aufgenommen liat, 
obgleich die erklärung ihre bedenken hat. Ich komme 
jedoch anf diesen punkt bei der näheren besprechung der 
dialektproben zurück. 

Ueber einzelne dialektformen in dem griechisch jener 
Ortschaften des südlichen Italiens und über gewisse^ dem 
dialekte grundsätzlich eigene Terfahrongsweisen spricht 
sich C. in der vorrede aus (p. XXI f.), und er bringt da- 
bei manches lehrreiche über den dialekt bei^ was die 
Sprachforscher weiter benutzen und zu tieferen etymolo- 
gischen Studien dieses dialekts fruchtbar verwerthen kön- 
nen. Ein irrthum ist es freilich, wenn er manche dieser 
formen aus dem italienischen erklärt (z. b. das abwerfen 
des g und v am Schlüsse der Wörter), denn dies ist schoo 
im allgemeinen der griechischen vulgarsprache eigen , auch 
wenn namentlich die aphäresis des g in jenem dialekt be- 
sonders häufig ist. Im ganzen ist allerdings die beson- 
dere ein Wirkung des italienischen unläugbar, aber sie ist 
auch 'selbstverständlich, und zwar hat sie hier zum theil in 
einem grade stattgefunden, dafs einzelne Wörter in ihrer 
entstellung den griechischen Ursprung kaum erkennen 
lassen. Manche Wörter sind ganz oder halb italienisch, 
manche, namentlich Zeitwörter, haben nur eine griechische 
endung. Ein einziges lied (no. XXXVI, s. 38) ist durch- 
aus frei von italienischen ausdrücken, und merkwürdiger 
weise ist dieses lied auch in Griechenland, wennschon 
zum theil mit änderungen, heimisch. Von interesse ist es 
übrigens^ zu bemerken, wie der dialekt in manchen der 
proben sich weit reiner und freier von fremden einflössen 
erhalten hat. Dafs C. in ansehung einzelner Wörter zwei- 
felhaft geblieben, wie er p. XXIV f. bemerkt, ist sehr er- 
klärlich. Ebenso ist es in der hauptsache klar, dafs die- 
ser dialekt immer mehr verschwindet. Die erinnerung ih* 
rer griechischen abstammung geht den eingebornen in der 
Umgebung italienisch redender mit der zeit verloren, ihr 
gedächtnifs hält weder Wörter noch formen fest, und wo 
etwa Schulunterricht stattfindet^ wird er doch dem vollen 



anzeigen. 397 

einflufs und Übergewicht des italienischen idioms auf die 
länge nicht widerstehen können. Jener dialekt bat offen- 
bar keine zukunft, aber er hat, auch in seiner offenbaren 
ausartung der griechischen yulgarsprache, wobei er die 
Vernachlässigung der regeln der grammatik und syntax oft 
aufs äufserste treibt, und selbst als ein absterbendes zweig- • 
lein des grofsen Stammes des hellenismus eine Vergangen- 
heit. Hiernach hat er auch sein linguistisches, wie ein 
ethnographisches interesse. 

Jedenfalls sind daher die Sprachforscher dem heraus- 
geber fQr die vorliegenden ^Saggi^ besonderen dank schul- 
dig. Freilich kommt fQr den urtext alles auf die treue 
und gewissenhaftigkeit, auch wohl auf die verständnifsfa- 
higkeit der eingebornen an, von denen der text herstammt. 
Nach dem, was C. selbst p. XXIV bemerkt, in Verbin- 
dung mit p. 97 und 98, ist er von zweifeln in jener hin- 
sieht nicht ganz frei, und selbst die italienische Übersetzung 
hält er nicht immer ftlr ganz zuverlässig, indem er gera- 
dezu in einem besonderen falle sagt, dafs der, von dem 
der text herrührt, „einzelne Wörter nicht habe übersetzen 
können^. Ref. hat ähnliche bemerkungen und ausstellun- 
gen zu machen, wofür er nur Ein beispiel hier anführt. 
Der brief p. 79 f. (no. XLV) ist nicht ohne werth für kennt- 
nifs des fraglichen dialekts, aber man ahnt diesen werth 
mehr und macht sich mehr rechnung darauf, als dafs man 
ihn ganz und voll hätte. Sein inhalt hat offenbaren bezug 
auf den dialekt selbst, indem dem briefe eine aufforderung 
in der absieht vorausgegangen ist, dadurch eine dialekt- 
probe aus Calimera zu erlangen. Aber theils nach der 
griechischen transscription, theils nach der italienischen 
Übersetzung bleibt man über manches in ungewifsheit. Viel- 
leicht liegt die erklärung für dies alles nur darin, dafs der 
Schreiber des briefs von keiner besonderen bildung gewe- 
sen, es also hier an der genügenden versiändnifsfähigkeit, 
am rechten können und wirklichen vermögen gefehlt hat. 

Von p. 85 bis 103 hat der herausgeber sprachliche 
anmerkungen zu den dialektproben gegeben. Schon nach 
dem geringen äufseren umfange dieser anmerkungen dürfte 



398 Kind 

dadurch dem inneren beddrfnisse nm aufscblufs nicht die 
genügende abhülfe gewährt werden können, und dieses be- 
denken ist allerdings gerechtfertigt. Während vielleicht 
manches keiner besonderen erklärung bedurfte, bleibt vie- 
les dunkel und unerklärt, anderes ist ohne genügende er- 
klärung gelassen, manches zweifelhaft und nicht unbedenk- 
lich. Vielleicht ist hierbei zum theil und wenigstens in 
gewisser hinsieht besonders auch der mangel neugriechi- 
scher Schriften von einflufs gewesen, worüber der Heraus- 
geber sehr klagt (p. XXV f.) und welchen er in bezog aal 
die kenntnils der griechischen vulgarsprache und dereo 
dialekte schmerzlich empfunden. Sein hauptsächlichstes 
hülfsmittel sind daher für ihn seine eigenen und unmittel- 
baren erfahrungen gewesen, die er in jahrelangem umgange 
mit Griechen aller classen aus vielen theilen Griechenlands 
gemacht hat. 

Nur einige wenige zweifei und bedenken erlaube icb 
mir in den vorgedachten beziehungen auszusprechen, da zu 
mehreren der räum fehlt. In no. XXVIII v. 6 (p. 30) trans> 
scribirt C. das wort peratou(n) des textes in nBQiVQwyovv^ 
ohne etwas zu erklären. Jedenfalls soll in letzterem worte 
keine etymol. deutung des ersteren liegen, wohl aber mochte 
ich meinen, dafs sich jenes peratou etymologisch nicht un- 
schwer mit Ttsgdo) in Verbindung bringen hebe. — In no. 
XXXIX V. 3 p. 45 ist i pradi(s) einfach zu erklären durch 
negnarüg (i ist ohne alle bedeutung, wie dort auch in v. 1). 
Der dialekt von Corigliano, den dies lied vertritt, ist, wie 
auch der von Martano, besonders verdorben und verstfim- 
melt; aber doch begreift man nicht, wie C. jenes i pra- 
di(s) durch ^;t€^(^) Ttegnaiel glaubt erklären zu müssen 
(vgl. p. 98). — Der sinn des wortes birusinnu (p. 51 v. 4j 
in einem anderen gesange von Corigliano kann durch Sno- 
giafiiva der griechischen transscription nicht wiedergege- 
ben sein, da in der italienischen Übersetzung steht: a di- 
rittura. Irgend eine etymologie des birusinnu hat der 
herausgeber nicht versucht. — Das lied no. XUI p, 55 f. 
ans Martano von 112 zeilen (die beschreibung eines erdbebens 
enthaltend), dessen dialekt ebenfalls vielfach verdorben ist 



anzeigen. 399 

uDc] das selbst etwas verworrenes in sich hat, da sein Ver- 
fasser offenbar auf einer sehr niederen stufe geistiger ent- 
wicklung steht, läfst in den anmerkuugen des herausge- 
berd den nöthigen aufschlufs häufig vermissen. In v. 1 
dieses lieds transscribirt der herausgeber das wort plon- 
nonta des urtexts in vnvovovrsg^ indefs ist die hierbei an- 
genommene etymologie von vnvovo (p. 99) wohl nicht rich- 
tig. Vielmehr hat jener dialekt das Zeitwert ploso (siehe 
p. 76. z« 3), das offenbar aus nlayta^cD (sich niederlegen, 
schlafen) entstanden ist, und davon bildet der dialekt wei- 
ter die formen : nkdwaa (für nXdyiaact) und ro nXäöi (der 
schlaf). Damit hinge dann wohl auch plonnonta zusam- 
men. In demselben liede (v. 32 p. 58) ist: arte ampi dem 
sinne, beziehentlich auch der etymologie nach, jedenfalls 
ägri oTtiaeo (vgl. p. 59 v. 30 und 38, so wie p. 78. z. 15) 
obgleich freilich ampi (aus oTiiüfa?) dunkel bleibt. Aber 
was C. mit 6()&6g in der griechischen transscription will 
(da sich arte durch ccqtl ohne weiteres erklärt, auch wenn 
es keinen besonderen sinn hat), ist nicht einzusehen. — In 
no. XLIII p. 71 V. 3 kann der urtext: Pu crematza(n) to 
pedi die transscription: IIov xgefAcea^?] to naiäi nicht 
rechtfertigen, vielmehr mufa es dafür heifsen: TIov xge-- 
ficcT^av T, 7t, Ebenso steht in demselben liede v. 14 p. 73 
für donda(s) des urtexts in der transscription fälschlicher- 
weise &a)QoivTag^ es mufs heil'sen: Sovrag (iSovrag — 
donda). Hier verwischt offenbar die transscription das 
eigenthfimliche des dialekts im urtext. — Ob in no. XLIV 
z. 15 p. 78 der herausgeber recht gehabt, das wort des 
Urtextes: ghizi etymologisch durch yvgi^ei zu erklären 
(vergl. p. 103) und dies letztere in seine transscription auf- 
zunehmen, kann unentschieden bleiben; noch mehr möchte 
ich es dahingestellt sein lassen, ob man bei ghizi an xei- 
rat denken — dürfe. — In no. XLV z, 8 p. 80 wird das 
wort: ndiazzutte des urtexts, nicht nur dem sinne nach, 
sondern auch etymologisch durch: MsiccL^ovrai (in der 
transscription) erklärt. Der herausgeber bemerkt dazu et- 
was weiteres nicht. Jedenfalls wäre das allein kein grund 
gegen diese etymologie, dafs das wort kvöeiä^ouai (brau- 



400 Kind, anzeigen. 

eben, bedürfen) sieb bis jetzt in den griecbiscben wörtei 
bücbern nicbt findet; wobl aber würde die bildung diese 
Zeitworts aus dem altgriechiscben ivSua (entsprechen 
dem der valgarspracbe eigenen j^pcta^o^ucri aus ;^(>eca) ii 
dem dialekte jener griecbiscben niederlassungen im südli 
eben Italien immerbin etwas auffallendes babeni 

Wie der berausgeber im Vorworte p. XVII bemerkt 
will er der vorliegenden nocb eine zweite sammlang sol- 
cber 9)Saggi^ folgen lassen, und in dieser sollen ^axm 
ancb vollständige wörterverzeicbnisse aus dem dialekte je 
ner niederlassungen nicbt feblen. Eben so verspricht er 
dann eine Zusammenstellung der besonderen eigenthümlicb* 
keiten des fraglicben dialekts, da ibm dazu ergiebigem 
Stoff zu geböte stehen werde. Warten wir denn dies ab. 
um dann im einzelnen nocb^als auf den gegenständ selUt 
ausfübrlicber zurückzukommen. 

Tbeod. Kind. 



Savelsberg, lautwancl«l rou a in x. 401 

Lautwandel von a in x. 

II. Im inlant. 

(Fortsetzung.) 

Nachdem wir nun den zur vermittelung des lautwan* 
dels von <j in x ganz geeigneten übergangssischlaut ax (eoh) 
in mehreren fällen noch ttberliefert vorgefunden haben, ist 
anhält genug da, um den lautlichen Vorgang Oberhaupt 
genauer bestimmen zu können. Die nächste modifioation 
des reinen Zischlautes s war seh, darauf erst folgte ch, wie 
wir es in sichel und mich aussprechen, welches dem k 
n&her liegt ak dem im tiefem gaumen gesprochenen ch 
wie in sache*) und schliefslich in k übergieng, wie wir 
die successive wandelang der laute im griechischen gefun- 
den haben: c — öx x — ^•' Unter den verwandten spra- 
chen haben am lautwandel des sibUanten in den guttura- 
len, was den inlaut betriffi, die slawischen den meisten an- 
theil, indem s zwischen vocalen oft zu ch wird, wie in 
sl. snocha, skr« snuäfi für snusft, griech. wog für ovv 
(fog^ lat* nurus f&r snusus, altd. snur — sl. mucha, lit« 
müsse, griech. fAVia f&r fivciu^ lat. masca f&r musja — 
im locativ plural sl. novechu, skr. n&vdiu fOr n&vteu 
(in novis), vioiai^ und was wir hier besonders hervorheben, 
im slaw« aorist dachu l.sing. „ich gab% skr. adftsam**), 
wogegen in da-s-tu 2. und 3. sing, und überhaupt vor 
einem consonanten das s bleibt. Damit speziell zu ver- 
gleichen sind: 

4) Die drei griechischen aoriste: idmxa i&^Ha ^xa, 
in welchen der guttural durch die drei personen im sing« 
und plur. des indicativs hindurchgeht, der dual aber fehlt. 
Die modi obliqui sind durchaus mit a flectiert; sie sind 
zwar nicht in häufigem gebrauch, aber es kommen doch 
weit mehr formen davon vor, als man nach der ersten tai^ 
reguDg von Fischer, Animadvv. ad Velleri gram. Or. 1799« 



*) B. y. Banmen gegammelte spraohwUeenBohftftliche sehrifibeii a. 878. 
**) Schleicher, oompendinm §• 182, 6. 
Zeitecbr. f. ygl. sprachf. XVI. 6. 26 



402 Savelsben; 

II, p. 481 (övPTjarig) und Matthiä, ausf. griech. gramm. 1807 
8. 271 beachtet hat. Viele beispiele hat sodann Liobeck 
zum PhrynichuB p. 721, doch meist aus der spätem grä- 
cität gesammelt, die wir mit einigen berichtigungen*) hier 
wiedergeben: iav ßa^fjg — »^^<Jf/ff Geop. X, 54^ otav Stüct, 
Tzetzes ad Lycophr. v. 447. Mosohio de äff. diqL p. 20. 
Anecd. Bekk. p. .472, tva ngoa&i^arig Schol. Aristoph. Lys. 
445 (Dindorf Schol. Arist. Adnott p. 501), äv iTt^O-ijatj 
Eumath. Hysm. III, 86, tva dnoxaraazijaij xai dnoSeicr, 
Harmenop. Proch. II, 11, 157, kav piy — ngotsO-T^arf — 
knt&ijürj ib. II, 4, 144, onwg nagakld^ xal ixdday Aesop. 
Fab. 44. Diese hat jtlngst herr A. Nauck in s. euripidei- 
schen Studien (Petersburg 1862) II, 2 anm. 1 noch am ei- 
nige vermehrt; fx^dijam Etym. m. p. 575, 18, dapria^g Pro- 
dus in Hesiodi Op. 748, rov %9"t]aavTa Vita Aesop. ed. 
Westerm. p. 32, 29, ddöti Etyiti. m. p. 790, 46, kniSwoffq 
Aristaenetus I, 5 p. 26 ed. Boiss. und hält sie s&mmtlich, 
gleich Lobeck, A)r mifsbildungen der gesunkenen gräcitfit 
Dieser meinung und Lobecks behanptung, dafs solche ao- 
riste und deren participia &t^<javT6g Constant. Porph. Adm. 
L. III, 148 C. fiBÖ^aag Coluth. 125 keinem der alten be- 
kannt gewesen seien, wird es genügen, participien, die kei- 
nem kritischen bedenken unterliegen, aus inschriften vor- 
rdmischer zeit: anoSoaavtiov bei Rangabe Antiq. hellen, 
n. 869, 17 und avad^Böapteg aw rwh Xaßguxt daseibat o. 
875, 5 entgegenzustellen. Femer gehört weder der von 
Lobeck oben citierte Moschion (arzt unter kaiser Hadrian), 
noch Josephos und Strabon der gesunkenen grftcit&t (der 
byzantinischen periode) an, von denen ersterer Antiqq. VII, 
1, 366 den conjunctiv nagctSfiatf (ohne dafs die heraaage- 



*) Das ente beiipiel bei Lobeok: Mfi — h&^atjq — vtpilfi^ — Smvr,^: 
ist ans einem epigramm auf CrispinuS} röm. admiral von Pontoa und frennd 
des Libanios (welcher letztere 814 — 891 n.Chr. lebte), in der Antbol. Pal. 
Append. 204, 6 — 8 ; da aber das auf einem steine za Cyatens aniJBeflindene 
original C. I. 6. n. 8694 obige formen als fatura nach später Schreibweise 
h&fiffK; — V(fihq — Siäffif; für iv&t]fffiq — vtpiieif: (welches vollends den 
aiisschlag gibt, da es keinen aorist vq>iitiq gibt) — dtiatiq aufweist, so ge- 
hören sie nicht hierher. Das zweite beispiel, welches nun oben zuerst steht, 
ist nicht, wie man bei Lobeck' (und Thes. ling. Graec. ed. Dind. 11, p. 1428) 
geschrieben findet: idp ßaXtj^; — dmatjq^ sondern ^fiatj^. 



lautwandel von a in x. 403 

ber der oachsiohtigeD entschuldigung Lobecks zu Phryo. 
p. 722 bedfirften), letzterer Oeogr. I, 2 p. 2 Gas. onmq yvoiti 
xai naQ€iSiiau Tolg vötbqov iaofiivoig den Optativ naga-- 
Sm!h (wovon Bpfiter), nicht den von Lobeck p. 720 ver- 
dächtigten eoDJiinctiv, bietet. Noch memand hat bis jetzt 
auf die hierher gehörenden glossen des Hesychios aufmerk- 
sam gemacht, welche zwar die autoren nicht nennen, aber 
nicht so spät, wie manche der von Lobeck und A. Naock 
gesammelten Beispiele, sondern spätestens, wie Hesychios 
selbst, bis 642 n. Chr. hinabreichen. S. Hesych. ed. Schmidt 
vol. IV pars I. p. CLXXXVIII. Es finden sich nun bei 
ihm vom aor. 1 von ti^fAt die participia h^av^i'-aaca 
iniaTQiiffaaa „darauf hin richtend' und xa&^B-adf^iBvog 
^akaoag „herunter lassend' — vom aor. 1 von xid'i^^i d^ 
conj. avv&fjay avvra^rj^ der imper. &fjada&(a xoipLi^ 
&rfxw^ der inf. &iaai ä-i^aavgiaai^ das partic. anoS'fiöa' 
fAivfj anoffoi^vöaaa „abhebend' und sogar derindic^c- 
aaro Ivsävaaro und ä'iacavto' k^ijvricav^ hcä&iaaVf ixe- 
TsvaaVy hveSvaavto. Die letzte glosse enthält, wie sonst 
manche bei Hesychios*), zwei verschiedene Wörter: das 
eine, &kaaavTo aus Find« Nem. V, 10 von wz. Bta „ver- 
langen, flehen', ist erklärt durch k^ijtfjaap kxdd'ieav ixir 
revaav, da auch xa&i^Biv von den hülfeflehenden oft ge- 
braucht wird Thuc. I, 126« 136; HI, 75. Eur. Herc. für. 48, 
wie xadijö&at ib. 54. Heracl. 123. Soph. Oed. Col. 1158, 
das in der unmittelbar darauf folgenden glosse iHaaea&m 
(inf« praes.) alrelv xa&rjtf&ai ixsrevetv zur erklärung dient; 
— das andere gleichlautende wort ist &iacavTo kvaSvaavto 
mit verdoppeltem a von wz. @6, dasselbe wie die frohere 
glosse &iaaTO ivsävaaro. Diese beiden ungewöhnlichen 
aoristformen will man sofort durch Verdächtigung, als seien 
sie aus Haaaro und 'iaaavto verderbt, wegerklären, doch ist 
dies sehr gewaltsam und grundlos. Denn fUr ti&aa^ai hat 
die bedeutung „sich anlegen' im sinne von „sich anklei- 
den' nichts unwahrscheinliches: sie kommt vor II. 11,382 
SV S' danida &iad'ta^ wo sie sowohl vom Schol. Ven. am 



26 



404 Savelsberg 

toi) mgi&iad-w^ als durch den synonymen ansdnick Uaaa- 
ü&ai cumidag XIV, 371 unzweifelhaft sicher gestellt wird. 
Daher sehen wir hier den indicativ des t.aoristea toxi vi- 
ß^flfAi in ältester normaler bildung mit o in &iaaTo und 
&iffüa¥to noch erhalten, wie im sanskrit die 3. pers. plur. 
act. dh&sus (ebenfalls ohne augment)*) im RigT.VII^ST^ö. 
Zur vollständigeren susammenstellnng der aoristfonnen ans 
den modi und participien bemerken wir, dafs bei Hesy- 
chius üvvätiaag und TtgoSviaaq zur erkl&mng von ^v* 
vagfAoaug und ngokfAevog sich gebraucht findet, wie Schol. 
Aesch. Prom. 863 ßaxpaca mit d"tiaaaa erklärt. So schreibt 
Libanios vol. IV, p. 53, 5: kni&i]aag tölg vBXQoJg raz 
avwix^lg nvgdg^ schol. Od. XIII, 267 tva cevrov naQfiawv- 
tai oi ^vvjötijgBg (was Dindorf voreilig in ngoömwai än- 
derte), schol. Thuc. I, 28 extr. %(og äv Sixag ädanacij und 
ein beispiel der ältesten Interpreten ist aus der Übersetzung 
der LXX B^g. III, 2, 3 tva avvf]<si^g (cod. Vatic). 

Indem wir nun zu den alten uns wenden, haben wir 
auch hier ganz entsprechende formen zu erwähnen, zu- 
nächst ein bestverbürgtes particip an-i-^ag aus einem frag- 
ment des Callimachos Tip aniacofu nag Jii (fr. 82 BentL) 
bei Steph. Byz. B.v.!ä7Uoag^ und daneben die Weiterbil- 
dung !A9tBüavttog bei demselben und Pausan. II, 15,3 und 
sonst noch !Aifkai.og Paus. I, 44, 13. Etym. m. p. 176, 32^ 
alle drei in gleichem sinne beinamen des Zeus, insofern er 
den in seinem ge wölke eingeschlossenen regen loslälst (£. 
Gnrtius Pelop. II, 506). * Dann bieten inschriften einige for- 
men, in denen der hiatus zwischen wurzel und flexion we- 
nigstens ausgefallenes ö aufser zwei&l setzt. Eine im Bnl- 
letino deir Inst, di corrisp. arch. 1860 p. 35 f., auch im 
arch. anaeiger no. 136 [april 1860] s. 52"" beschriebene, 
füngst in die (Wagnerschen) Sammlungen der Würzburger 
Universität übergegangene schale, deren hohes alter man 
theils aus den rothen figuren, theils aus der Schreibung 
der namen negiklBiSsg und EvxgaxBg (ohne 97) erkennt, wo 



*) Die endang na erklttrt Bopp krit gramm. der skr. spr. {. 278 anm. S 
ans ant, also adhäsas aas adha8a]i(t). 



lautwandel von a in x.' 405 

vier jÜngliDge und ein greis an einem opfer tkeil nehmen, 
enthält links neben dem einen jüngling, der aus dem kän* 
tharos eine libation auf den altar giefst, afi&eov beige<- 
sohrieben*) und rechts xcti SBVQ[6]y ako offenbar avd'sov 
ftkr äv&rja^v (imp. aor. 1) ^opfere auch hierher^. Ferner 
bietet die 1859 aufgefundene, in äolischer mundart ge- 
schriebene, tegeatische inscbrift, welche wahrscheinlich dem 
ende des 3. Jahrhunderts ▼. Chr. angehört**^), z. 13 anv* 
doag dar; wie nun die participia aor. 1 aevagj x^^^y 
aXivag auf ösvatxgy x^wtxg, akswag zurfiokweisen (Etym. m» 
p. 710,4 — 8), so das tegeatisch*äolisehe anvSoag auf das 
wirklich in einer attischen inschrift bei Rangabö Antiq. 
hell. n. 869, 17 vorhandene anodoaavrcov. Dieselbe te- 
geatische inschrift bietet aufserdem zum ersten mal ein 
analogon zum subst. ^xtj, nämlich kaSoxa z. 42. 53, äolisch 
für kx86xa (kg äolisch »s ix, i|, Ahrens dial. AeoL p. 213) 
und gleichbedeutend mit iaSoöig (üxdoaig) daselbst z. 16 
^das ausgeben oder verdingen d^ arbeit^. Dadurch scheint 
die scharfsinnige vermuthung Buttmanns gr. spr. §.119 
anm. 14, üi]Xfj sei eine mit dorn Charakter des aor. 1 'i&rixu 
gebildete form des subst. auf 17, womit zu vergleichen das 
mit dem c des aorists aus do^av gebildete ^o|a, vollkom- 
men bestätigt zu werden, indem ja iaSoxa gleichfalls zum 
aor. 1 i^kdoixa stimmt. Nur glauben wir den Vorgang aib- 
ders auffassen zu müssen, nämlich so, dais der im aor. 1 
H&fjxa iiwxa geläufig gewordene lautwandel des ursprOng- 
lichen'<; in x auch auf die substantiva ^xri iaSoxa^ die 
ursprünglich nicht vom aor. 1, sondern mit dem suiBx -aa 
((Ty;) wie So^a und cpv-aa gebildet waren, sich erstreckt 
hat, womit wiederum das slawische parallel geht in s no- 
ch a ({&r snosa), skr. snuSä (f&r snusä), wog {Ült avvöog)^ 
lat. nnrus (f. snusus), ahd. snnr. 



*) In AMSEON kann M vor Q nur verschrieben sein statt N, wie 
auf einer vase von Vnici Eweimal richtig NAl^ daa dritte mal aber MAIXI 
statt NAIXI geschrieben steht. Annali dell' Inat. vol. III p. 264. C. I. Gr. 
n. 7920. 

**) Bergfc Ind. sehol. hib. Halae 1860 p. XU. Miohatlis in b. jahrb. f. 
class. philol. bd. 84 s. 686. 



406 * Savelsberg 

Die auf Inschriften eben nachgewiesenen beiden bei- 
spiele des partic. aor. 1 anvSoag und anodocavrmv wider- 
legen die behauptang Lobecks und anderer, dafs die hier 
in rede stehenden aoristformen, die am öftesten wohl bei 
den Byzantinern sich finden mög^i, keinem dw alten be- 
kannt gewesen seien. Dafs sie gerade auf alter tradition 
beruhen, sehen wir besonders daran, dafs particifHen von 
3i3(Ofii noch mit kurzem wurzelvocal Soaag bei Jo. Mala- 
las p. 26, 4 hxSofSag p. 328, 14 erhalten sind, was bei nen- 
bildongen gewils nicht zu erwarten sein würde, wie denn 
auch derselbe von ri&fjfAi das particip auf gewöhnliche 
weise &7iifag p. 264,9 und kni^dag p.247,3. 276,3 schreibt. 
Nun haben wir freilich auch &tjxdfi6vog zu erwähnen von 
Theognis 1150 und Pindar Ol. VI, 39. Pyth. IV, 29. 113*) 
und Philetas bei Athenaeos XV, 678 a. Aber da die mit 
tf gebildeten beispiele aller drei verba nicht nur bei wei* 
tem die mehrzahl ausmachen, sondern auch allein durch 
inschriften — anodoffavTcov und ava&$<TavT€g — bestätigt 
sind, und überdies im einklang mit den modi obUqai ste- 
hen, welche ganz regelmäfsig mit (f flectiert erscheinen^ so 
darf man wohl den verdacht aussprechen , dafs die weni- 
gen beispiele von &rixdfievog bei Theokrit und Pindar in 
späten Jahrhunderten von abschreibern gefälscht seien, zu 
einer zeit, wo"^ man sogar einen conjunctiv aTtodwxtaaiv neu 
modelte Fab. Aesopi 78 p. 35 ed. Fusia. 

Die regelmäfsige bildung der modi obliqui mit <r ist, 
wenn auch nicht häufig bei den alten, doch mit der gröfs- 
ten evidenz bei Homer nachzuweisen. IL XIV, 208ff. gibt 
Here vor, sie wolle Okeanos und Tethys mit einander aus- 
söhnen : 



*) Pyth. IX, 62, wo die codioes theils ^nafttvait Cheili ^Mfttwtn 
bietm, ist jetzt von Bergk Poet lyr. 6r. ed. 2 nach einer andeatong der 
scholien (&avfiwraaai') der vers so hergestellt: Tal S' intyowiStow ^ar;- 
aafitvai ßattpot; avxai(i, welcher trefflichen emendation T. Mommsen in s. 
ausgäbe Pindars bebtimmt. Die glosse nqoüfiKttfjiivoi ngoalaßofttroi bei 
Hesychiös ist eine mifsverstandene wiederholnng oder ilnderung von noocu- 
ua/itvot, TtQoffXaßofiivoif wie xaß-i}^6fjitvov xaß-atftafttpov von nctO-Mt^o/itvor 
xa&a\f/6fuvo¥. Wie dieses zu ua&tHvio/iai mit <* für a (auch in ita^«ixTcu 
kurz vorher), so gehört jenes zu nqoü^nvioficu als aor. 1, welcher in SSraro 
ikaßito bei Hesychios vorliegt. 



lautwandel von a vi x, 407 

Big Bvvriv avi(faif4i ofjiw&^vai (pikoTt^ri, 
alai xe Oft, (pikfj re xal aldoitj xakeoifjifjv. 
Hier darf apitfcufjii nicht mit einigen neuern grammatikem 
vom aor. avBiCa (ävi^ü)) abgeleitet werden; denn ea ber 
deutet nicht „hinaufsetzen^ wie II. XIII, 657, oder „hin- 
au£E&hren, hinaufbringen^, äuTserlich gefafst, sondern „an- 
treiben, veranlassen^, was offenbar der zweck der Überre- 
dung ist {^BTiisaifi naQcuns7U&ov(fa)^ gehört also zu avijxa. 
So allein faist es die alte Überlieferung, indem ApoUonius 
Sophista dieses avicaifAv durch dvaTisictaifAi, inotgvvaifAi^ 
nQOtQB\paifAf}v erklärt und dabei ähnliche beispiele Homers 
von ccvifjfii bespricht, und nicht blos Hesychius, der seine 
erklärung von ApoUonius entnommen hat, sondern auch 
der paraphrast es mit ävamiöaifAi, wiedergibt. Erst Eu- 
stathios hat neben dieser alten noch eine neue erklärung 
versucht: to 8i, Big sivr^v aviacu avvl rov ävanüfSai rj 
avaßißd<fai>j ava&Blvai,^ xatd t6 y^ig äifpgov ä' ctvkaavteg 
äyov^ (11. XHI, 657), indem er die zwei aoriste dveZca 
und dvijxa verwechselt, und Thiersch verbreitete die neue- 
rung; dagegen folgten, wie Damm, so auch Buttmann und 
Matthiä mit recht den alten. 

Ein zweites sicheres homerisches beispiel ist Od.XVIQ, 
265, wo Penelope erzählt, was ihr Odysseus vor seinem 
zuge nach Troja gesagt hatte: 

T^ ov foid' d xiv fi dviCBi {tsog ri xbv dkoiw, 
wo dvküu .dem sinne nach deutlich von dplrjfÄi stammt: 
„ob die gottheit mich frei lassen werde oder ich gefangen 
werde^. Bei der bestimmung der form avittei aber ist wohl 
zu beachten, dafs der kurze wurzelvocal nur im aorist, wie 
oben in dno8ocdvt(ov dva&iCavTBg dnicag^ dviffaifu 
und sonst icftaaav Od. HI, 182, Jingitst Hesiod. Theog. 
856 (f&r IlTtQfjtJe), sich findet, niemals im futnr. Das ist 
entscheidend: dviau kann also nur conj. aor. 1 sein (wel* 
eher zugleich kurzen modusvocal im ausgang -ce^ hat, wo- 
für gewöhnlich -cr^ steht), so dafs der bei tt xev gebräuch- 
liche modus in beiden verben, avicei und dlwta^ wie sich 
auch von selbst versteht, übereinstimmt. Es fällt mithin 



408 Savelsberg 

jeder aolafs zu einer änderung fort; etwa die in avia^ff liefse 
sich zum behuf leichterer Unterscheidung empfehlaoi, wofür 
es auch nicht an ähnlichen vergangen fehlt. Sa schreibt 
der scboliast zu Pindar Ol. IX, 115 die verse Homers IL 
XVI, 89. 90 : 

fA^ (H; y äv%v&^v kfASlo hkaisifd'ai 9toX%fii^uv 
TgnnfSi ffiXontoUfjLOiüiv^ atifiortQov Sä ptn d"ij(fpg' 
wodurch das richtige verständnifs allerdings leichter ge- 
macht wird, als durch das sonst überlieferte ßi^fSug. Fer- 
ner schreibt die Clarke-Ernestische ansgabe den vers 
Od.Xin,376: 

{pgd^BV^ 07t(ag fivrjtfriJQtUv dvaidiffi, x^^9^S ^<PV^VS* 
In solcher Schreibung ist, wie man sieht, der mit (f gebil- 
dete conjunctiv von H&tjxa und ^xa sogar bei Homer schon 
längst anerkannt gewesen, und aufserdem auch der con* 
junctiv med. o^pga . . • vno&iqdtai Od. IV, 163 mit kurzem 
modusvocal von Thiersch griech. gramm. §• 342, 1 (3. aafl.). 
Es bleibt aber noch zu untersuchen, ob nicht dar kurze 
modusvocal in obigem unbestreitbaren conjunctiv äviaei 
gleich vielen andern, wie Od. XV, 524 d x< • . . tsXsvtijo^ 
ib. XVI, 261 BL XBV • . . ii . oQxiCH, bei ebenso einstimmiger 
Überlieferung beibehalten werden solle, sodann in dem öf- 
ter wiederkehrenden xtvipfBi IL Ii; 147. 395. XVI^ 264. 298, 
was sowohl die meisten Codices haben, als auch Eastathios 
und der paraphrast an allen diesen stellen lasen, neuere 
herausgeber aber mit, der sonst beim conjunctiv üblichen 
Schreibung xivjjtfg bezeichnen, und in '^(fu 11. XV, 359, 
wobei dieselben momente d^ Variante ^<rt gegenüberste- 
hen. Bei genauer Untersuchung lassen sich sogar mehr 
gründe für beihehaltung von conjunctivformen auf »sig und 
ee, zumal wenn sie handschriftlich gut verbürgt sind, als 
filr die gewöhnliche Schreibweise -i;^ und -y geltend ma- 
chen, nämlich erstens der kurze modusvocal in conjun- 
ctiven wie lOfiBv^ worin scbol. Ven. zu II. XII, 216. 328 
wie auch zu eiSouiv I, 363 die Verkürzung einfach an- 
merkt, desgleichen sidiTB VHI, 18, eikerai XI, 192, die er 
beide mit mehrfachen andern beispielen belegt; zweitens 
die Übereinstimmung der entsprechenden vedisdien con- 



lantwaiidel von a in x. 400 

junotive, deren 2. und 3. person oft einen kurzen vocal hat, 
wie vöKati Bigv. I, 105^ 4, vergh griech. fitj nori rig 
ßBintfah IL XXII, 106, vedas Rigv. I, 43, 9, griech. Iva 
^iidfjg Od. II, 111, dfisati Naigh. 2, 30 Big o xe • . . . 
aTiO'dfaast Od. VIII, 318. Der dritte und wichtigste 
grund ist, dafs conjonctive auf bi in inschriften, sowol at* 
tischen als dorischen, noch Jahrhunderte nach Euklid häufig 
vorkommen, woftür wir auf die sorgfältige Zusammenstel- 
lung von Ahrens d. Dor. p. 294. 295 verweisen und nur 
ein paar belege aus später bekannt gewordenen inschriften 
beif&gen: og äi xa pitj apvrtvCBi, inscr. Cret. Drer. IV, 
31 — 32, xal av ti akko niün «... xai [o]Ti äv et koi- 
nov inscr. Messen, v. 50, xaraxQtd-tl ib. v. 61. Sogar 
die 3. pers. plur. des conjunctivs erscheint in dorischen in- 
schriften mit kurzem o: so in der kretischen inschrift von 
Dreros oatsa xa fit] nqd^ovrv III, 32 — 33, ort Si xa ngd- 
^ovu ib. 37 zugleich mit i^oQxl^wvrv III, 12 und ovqsv^ 
wvTi ib. 41; in einer corcyräischen C. L G. n. 1845 dip oi 
xa ag^ovtai v. 17, 6 xa naQaXäßovti v. 70. 99, nagdSovri 
V. 76. 100, naQayivovTai v. 133 zugleich mit yivtavtav 12. 
76 u. a. Daher dürfte auch ot xi fie tifnjaovfft IL I, 175 
ein solcher conjunctiv sein, welcher ursprünglich rifitjcfovTi 
lautete; denn dafs der vermeintliche indicativ nie recht 
befriedigte, zeigen die deutungen der neueren und der alten 
eriklftrer, wie scfaol. Ven. dvri tov rifii^ttiuxv^ so wie die 
Änderung schol. Lips. oi xal tifiTiawtfi^ sonst auch der pa- 
raphrast, welcher oi xb • . rifiijffowfi an 2 parallelstellen als 
conjunctiv, einmal II. IX, 155 mit rtiUT/C^ocXf und das andre 
mal ib. 297 mit fpikortfATjffoivrai übersetzt, wo Aristarch 
TifA^tfwvTat las*). Da wir nun die Schreibung des con- 
junctivs dvBffBi einerseits handschriftlich ganz gesichert (weil 

*) Für ovq XIV . . driwataai II. XII, 227 ist nach Heyne t. VI, p. 815 
mehr handschriftliche gewähr als fUr Siiwaovai. Schon Thiersch §. 822, 8 
sprach von solchen conjanctiven »nach tmgenaner Orthographie'*, wie er sie 
bezeichnet, dtq ot« . . . ixnofeoit^cu II« XIX, 857 a. a.; doch ist dort kein 
80 klares beispiel, wie §. 346, 5, wo die fallsetzang in relativen Sätzen den 
eonjnnctiv, nicht das fotomm erwarten läTst, wie ^ ga rt , . avrart^aop- 
TOM IL XVII, 184, oi' TC . . x(/yovT<M "Agiß XVIII, 200, wozn wir noch bei- 
fügen n. VII, 298 Tgüaq iv(f>qaviw nal IgomScu; ... aX %i fioi tvxofiivcu 
^tiov Svaovxai, dytiva. 



410 Sftvelsl^erg 

ohne alle Variante geblieben), andererseits durch die io 

epischen conjaDCtiven weitgehende analogie des kurzen 

modusvocals, durch Übereinstimmung mit den vediscben 

conjunctiven im sanekrit und durch bestätigung von in- 

scbriften begründet sehen, so ist ein fester anhaltspunkt 

für alle ähnliche fälle gewonnen. Nunmehr ist dg ore xi- 

vi^m in den gleichnissen II. II, 147. 395. XVI, 298 nicht 

mehr futur, und bedarf, weil der erforderliche conjunctiT 

in der handschriftlichen Überlieferung wirklich erkannt ist, 

nicht mehr der änderung; eben so wenig ist eine ände- 

ruBg für üTinoTs . . . tj<fsi gerechtfertigt II. XV, 359 : 

YB(fVQ(ü(SBV Se xUbv&ov 

fxaxQi^v 7)0' svgsiav, o(Sov x Ini SovQog hgtüiq 

yiyperaij onnox avi\Q <s&ivsog nsigw/ABVog jjüei. 

Hier ist licet alte Überlieferung, denn so haben die meisten 

und besten Codices, auch der zu den ältesten gehörende 

codex palimpsestus (ed. Cureton 1851), und wie Eustathios 

nur 7J0SI las, so auch der paraphrast, da er es durch nsfA" 

tpBi wiedergibt. Die Varianten in schol. Ven. A (Herodian) 

und B //(Tti/, cod. Harlei. und fragm. Moscov. tjffi, Yrat. d 

^at (wohl blos verschrieben für y(tt) sind o£Penbar spätere 

änderungen. Ohne zweifei hielt man das überlieferte ^ifei 

fdkr das futur, fand dann aber statt dessen den conj« aor. 

mit recht für nöthig, denn nicht eine zukünftige handlung 

wird bezeichnet, sondern ein fall von unbestimmter zeit 

gesetzt. Da nun aber fj<fei nicht blos futur, sondern auch 

conj. aor. 1 sein kann, so leistet es als solcher der forde- 

rung genüge und mufs als echt geschützt bleiben. Nicht 

minder unantastbar sind folgende conjunctive: ^9^(^€f nach 

bnnoTB xBv Od. XVI, 282 (vgl. den naohtrag am Schlüsse 

des hefts): 

onnoTB XBV noXvßovXog kvl tpQB&i &ijüBi 'A&i^vti^ 
VBV<fu} fiiv TOI hyta XBq>aXy' 

d7ioSci(fBi nach Big 6 xb Od. VIII, 318: 

cclld caxüB SoXog xai 8B(S(x6g kqvl^Biy 
Big o xi (101, fxaXa jidvra narriQ dnoSciüBi ^ipeSva, 
imod-^iSBctL nach oqppa Od. IV, 163: 

hf^XÖBto ydg (Tb j:i8ifS&ai>, 
6(j)Qa ^oi fj ti j^inog vno&i^CBai, i]i ri ^igyov. 



laatwaadel von « in «. 411 

t'hjmg nach ^17 B. XVI, 89 und 90: 

Tgtacl q>iXoT[ToUfioi(Uv, anfiovBQov Si fte &7J<f6ig^ 

wie der paraphrast die mahnung des Achilleus richtig ver- 
standen hat: fxtjSafACog Cv x^Q^^ ^iuov TiQo&vfiov noXsfjieJv 
Tülg (piXonolifiOig Tgtocslv, dufioTsgov Ss fjiB noiiqGijg, 
Dagegen folgen die neueren erklärer meist der ansieht des 
schol. Ven. TtüTai 6 8k avrl rov yctg^ wobei {hjtfBig als 
futur, also nicht abhängig von jU^ gilt, so dafs der satz 
aufiOTSQOv 8b fis &Ti\(SBig ein eingeschalteter gedanke sein 
würde. Dann aber müfste Achilleus, wenn er das so be- 
stimmt voraussagte, gegen seinen freund mifstrauen äus- 
sern, wovon die rede nicht die mindeste andeutung ent- 
hält. Achilleus mahnt den Patroklos, blos die feinde von 
den 8chi£fen zu vertreiben und dann zurfickzukehren. 
„Wenn dir aber, fährt er fort, Zeus rühm verleiht, so 
verlange nicht, ohne mich zu kämpfen und verursache mir 
nicht (wenn du unterliegst) gröfsere Unehre (als ich schon 
von Agamemnon erfahren habe v. 59); auch ziehe nicht 
in der siegesfreude ((ii^8* knayaXlofÄevog etc.) gen Ilios, 
damit nicht ein gott dazwischen trete: sondern kehre zu- 
rück und lafs die Achäer und Troer in der ebene strei- 
ten^. Für die richtigkeit der hier befolgten construction, 
dafs von firj erst der infinitiv, dann der conjunctiv (mit 
kurzem modusvocal) abhängt, spricht ein schlagendes bei- 
spiel II. X, 237 und 238: 

lÄt38i av y' al86f,i6vog üT}(Svv (pgeüi rov pikv dgeiw 
xakkeinaiv, ci) 8k ^^igov ondaatai al8oi j:Bixatv. 

wo in der abmahnung auf gleiche weise die zwei modi 
wechseln. Wie der paraphrast, so verbindet auch Eusta- 
thios fi^ . • d^^Big^ desgleichen gibt der scholiast zu Find. 
Ol. IX, 115, da er (^9)) drifioTBQov 8i fiB &ij(ff]g schreibt, 
wie codex Townleianns in der kühnen änderung d-Blrfg^ das 
rechte verständnifs, jedoch können wir nicht einmal der 
sonst beim conjunctiv üblichen Schreibung örfiS^g^ ge- 
schweige der überflüssigen conjectur &Biyg^ vor der über- 
lieferten wohlbegründeten Orthographie d-rjt^Big bei Homer 



412 SaveUberg 

eine höhere berechtigung zugestehen. Nicht minder bleibt 
also Od.Xni,376: 

wenn wir auch nicht mit Clarke-Ernesti icpi^tfgg schreiben, 
wie auch scbol. vulg. ^q>i](frig kmßdhjq hat *), doch äq>9j<r€i^ 
ebenso wohl conjunctiv wie k<pi^(SM Od. XX, 39: 

OTinwg drj fAVfjffT^gtTiv dvaiSiCi x^^Q^S k(pv(f(it^» 
„wie ich band anlegen soll^, ganz entsprechend dem con- 
junctiv II. III, 1 10. XXIII, 324. An mehreren stellen mö- 
gen coDJunctivformen des 1. aorists verdrängt worden sein, 
indem zu Od. I, 89 6(pQa . . .j^oi fxivog kv (pQ6(fi &uw noch 
schol. Veo. berichtet: Tivhg yg. &)jaa) (schol. HarL yg^ ^ij<fw) 
und för Od. XVI, 184 iva roi xsxccQKffAiva Swofiev iget die 
Clarke-Ernestische ausgäbe die Variante 3(6(fo(ji6v erbalten 
und als coigunctiv (nicht etwa fut.) übersetzt hat: ut tibi 
grata demus sacra. Uebrigens constatiren wir den conj, 
ivT^aofuiev noch an zwei stellen: II. XIY, 131, da dieser 
vers zu 129: 

'ipi>a d* HnsiT avxol pikv ^xdfjis&a dryioTtJTog 
den gegensatz {ä?ykovg zu avroi) bildet: 

äkkovg 3' oTQVvovTBg kvriaofABv 
und vom paraphrasten mit 7iaQ0Qfiijcfa)fisv übersetzt, von 
Eustathios mit kfjißdXwfiBV rtp TtoXif^Kp erklärt wird; dann 
Od. XII, 293, wo gleicher weise auf v. 291: 

dkX' ri TOI vvp fihv nst&dusd'a vvxtI fABkaivrjy 
der gegensatz (r^co&ev zu vvi/ fikv . . vvxti) folgt: 

rjä&BV 8' ävaßdvTeg kv7](fOfi6V eigit novrq). 
wie der conjunctiv von Clarke in der Übersetzung „intre- 
mus latum pontum^ richtig aufge&fst ist**) and durch 
vergleichung mit Od. I, 372: i^w&ep d* dyogtjvdB xcf&e^mi^ 
ftiatf&a xiovteg bestätigt wird. ^ 



***) Femer codex Harleianus am rande qtgoü^ev onwq fivtiffv^oifiv nrai" 
6iaai x^^Q* ^W^V^ (sie). 



**) Derselbe unterscheidet also diesen üXL deutlich vom wirklichen 
tamm Od. II, 295 toxa d* ffpoitUtrvavjtz iinftropievi tvQii nor%ifi, statiinque 
instmctam deducemus in latum mare, auf welche stelle sich des Hesjchius 
glosse: ir^trofitp naO-fi<ro^eVf xa^iXxixfOfKv^ ijußaXovfuv beeilt. 



laotwaiHlel von a in x. 413 

Es bleibt uns noch übrig, kq^i^au an zwei stellen ge- 
nau zn bestimmen; denn diese form ist weder conjunctiv, 
wie nach Clarke-Ernesti in der note zu Od. XX, 29 „AI. 
kffn^atj^ einige meinten, noch der indicativ des futurs, ftkr 
welchen Tfaiersch §. 323, 7 an der andern stelle Od. XX, 
386 die Variante htp^iri aus einer breslauer handschrift auf- 
nehmen zn müssen glaubte. An letztgenannter stelle 
aXX oiximf natiga npotrBÖigxero^ diyfievog cricc, 
6;mdrs 3^ ^vtittr^Qffiv avai8i<fi x^^Q^S hcptiCBi. 
ist nur der optativ gerechtfertigt, wie denn on&tB bei däy 
fA6Vog nach einem praeteritum viermal mit dem optativ 
constmirt ist IL II, 794. VII, 415. IX, 191. XVIII, 524, 
und damit auch in gleichem sinne II. IV, 334 fjtivovreg 
%fSTaüav onnoTt ..... oQfnqtSun übereinstimmt, daher ist 
die Variante htp^lri ^^^ kq^i^0oi cod. Vindob. 5 (Act. Monac. 
I, 192) mit den Sprachgesetzen allerdings im einklang. 
Ebenso mufs Od. XX, 29 : 

^BXi(f<fSTo fjHQfAfjgi^fov^ 
onmaq 8fj fAVti*7t^Q(fiv avaiditfi x^^Q^^ ^tftidu 
nach einem historischen tempus, wie es gerade nach einem 
solchen von /ABgpiTjgitfa der fall ist II. XIV, 160. Od. IX, 
554. XV, 170, der optativ folgen. Und kipfjaei ist beide 
male wirklich nichts anderes als optativ. Eine solche op- 
tativform auf -(fei statt -oraa ist II. II, 4, wo nach fiegfirj^ 
gi^e genau entsprechend wg !äxilfjcc tifiiiaH folgt, vom 
schol. Ven. ausdrücklich bezeugt: rvfA7](fri' aXXoh ygatpowst 
tifAi](fer Tovto BVXTixov (to 8ä 6li(Tfi vnotaxTixov)' 
iog to nX^Xov teXküu !äyapiifAVwv^ (II. IV, 178). Noch 
viele andere beispiele derselben endung kommen bei Ho- 
mer vor; ovSi xä rig juo» fiv&ov atifiijtreij ovSi etc. II. IX, 
62, ov3i Tcev wg . . , nsiffsi jtyafiipLVWv ib. 386, pn^ nwg 
Sei<fsi kvl &Vf4(p XXIV, 672, 6if nsg • . . fiepoivrjcei ivl dvf4^ 
Od. n, 246, und alle, um dies schon hier zu bemerken, 
ohne apostroph, den nur schol. Ven. einmal II. XXIU, 191 
(fXTjXsi ccfAcpm^gi X9^^ bezeichnet, wo cod. Townl. cxTJXai 
bietet. DaiTs es sich nicht um eine blofs vor vocalen gil- 
tige elision handelt, zeigt die von Od. XI, 585 dtfadxi yag 
Tcvtfm 6 yig(üv nUeiv fAeveaivcav in einigen Codices und bei 



414 Savelsberg 

Sextus Empir. adv. inath. IX, 69 verechiedene Wortstellung 
odcdxi yaQ xv\pu nikuv 6 yiQ<av f^eveaivtav^ Auch kann 
vom apostroph am eode des verses z. b. axov<fBi' doch 
wohl nicht die rede sein, und wenn auch II. XIX, 81 bei 
Apoll. Soph. 8. V. vßßdKXHv geschrieben ist: dv&Qoiv 3' iv 
noXXqi ofiddq) neig xiv rig dxov(f£UVf 80 hat doch Porphy- 
rius sicher die allein in den vers passende form dxovaai 
gelesen, welche er in seiner Umschreibung (s. 8(^ol. Yen. 
bei Bekker ad IL T v. 79): xai naig yäg av tig kv nokXdi 
6fidd(p dxovdev rov imoßdXkovvogy i? o dxov(Sag thtai^ bei- 
behält. Indem ferner Döderleins (hom. gloss. §. 618) und 
I. Bekkers treffliche emendation der vulgata nQongrjvÜ 
tvxpag in der stelle Od« XXII, 96—98: 

n%Ql yaQ du, fArj xig 'AxciiSv 
iyxog dvBhtofitvav doh>x6cxiov tJ iXdceuv 
(paCydvcß di^ctg r^h ngonQijvia tvxpai, 
einen optativ wieder herstellt, hätte sie doch, weil auf die 
Varianten tvxpri (cod. Harl. und schol.), rvipsisv (schoL), 
TV}fjsi (s. Am^is zu d. stelle) gestützt, die rechte aus wähl 
aus der Überlieferung treffen und statt rvipa^ vielmehr 
TVipet herstellen müssen. Die richtige auffassung solcher 
formen zeigt am öftesten der paraphrast: U. XVII, 515 ra 
Si xsv du ndvra fiaki^ifei^ wo schol. Yen. gar vorsichtig 
bemerkt: fjtekijffsi dvrl evxrixov vov fAsl-^tJoi, übersetzt jener 
als opt. durch ffQovTKf&eifj, wie rskitfei IL lY, 178 9 wo 
Eustathius TsXmoi. liest, durch kxnkijgwasiev und Tt^iau 
IX, 386 durch xaTaneiaeiBv. Aber auch schol. Yen. braucht 
selbst solche optativform zu II. I, 417: liystai. ttjv Giriv 
nagd Jiog fia&elv xd nagl !AxiXlioDg, ort ü fiiv fisivBi 
(so der codex, wie Bast ad Greg. Cor. ed. Schaefer p. 
576 not. o) berichtet) ip ty <P&i(^ ....,.., noXkij fikv 
Harai avT(ß ^ ^(tf?J, ado^og Si* al dh (fvvaveX&oi avtoig cet. 
Hierzu fügen wir nunmehr den nachweis aus inschriflen, 
zuerst aus der alten inschrift von Teos, welche Eürchhoff*) 
in die zeit von Ol. 76—77 (476-472 v. Chr.) setzt, C. L G. 

*) Studien znr gesehichte des grieoh. alphabets in den abhandlungen 
der philos. bist, classe der akademie der Wissenschaften zn Berlin 186S. 
8. 129. 



laatwandel von <r in x. 415 

n. 3044: OZTIZ : (v. 8) A[POK]TENEI : (v. 11) 

H KEAAAAI : YPOAEXOITO : H AHIIOITO : (v. 19. 20). 
AuchBöokb erkannte, dafs A[nOK]TENEI nicht da8 futur, 
sondern wegen der folgenden optative der optativ aor. 1 ist, 
in welchem dann das E der vorletzten silbe ebenso ftlr si 
geschrieben ist, wie v. 39 und 45 KENON: för xeivov^ v. 28 
und 46 TENOZ : TO KENO : für yivog ro xsivov; nur bat 
Böckh die sonst sichere ergänzung bei der Übertragung 
in vulgäre schrift a[nox]TBivs$[6 noch um den zusatz s 
vermehrt, welchen die in doppelpnnkten bestehende inter* 
pnnktion der inschrift gar nicht zul&fst. Es bleibt also 
nur anoxreivßi übrig, eine nebenform von anoxriiveiB und 
durch apokope daraus hervorgegangen. Jüugsthin hat so- 
dann Michaelis (n. jahrb. f. philol. und päd. LXXXI V, 595) 
den opt. aor. 1. act. SiaxwXvaBi in der 1859 gefundenen 
äolischen inschrift von Tegea v. 6 erkannt: el Si nokejuog 
SiaxiüXvaBi^ ri . . «. 7] rüv r^gyaafiivoov ti (p&igai^ womit 
die entsprechende construction v. 12 und 13 zu verglei- 
chen ist: €l Si ti igyoLtvijaag fitj lyxBXf]Qf]Xoi roig iQyoig^ 6 
S^ nokBfiog Siaxcokvoi. Nunmehr sehen wir ferner bei 
Isäos I, 32: nQoafinBiXtjöBV ort 8i^'iw<fBi nor äv tovTtp den 
optativ 8f]XviaBi der handschriften gegen die änderung ^77- 
Xciffoi der neueren ausgaben völlig gesichert^ ebenso bei 
Strabo I, 2 oncog yvoitj xal nagaSwtfBt roig vatBgov iao" 
juivotg grammatisch wie handschriftlich — nagaSdtfBiPar.d* 
Med. 1. Mose. nagctd<a(Sov Par. 1 — geschützt. Nach al« 
lem dem erklären wir nun k(p7J(fBi Od. XX, 29 und 386 
für den optativ, welcher durch apokope ru8 ktpTjCBiB ent- 
standen ist. So ist der thessalische genetiv auf 01 in JSVr- 
Tvgoi rBWccot u. a. aus ^oio verkürzt (Ahrens d. Aeol. 
p. 222. Dor. p. 534) und Choeroboscus führt Anecd. Bekk. 

p. 1231 und 1362 an, dafs vrj Jia xar anoxoTtrjv 

vri AI geworden sei, was Dindorf (Poätae scen. Gr. praef. 
p. VI) bei Aristoph. Eccl. 779 97^^«^ iiovov öbi vrj Ai* xal 
yag 01 &Boi nach Cod. Rav. vrj Si' wieder herstellt. Da- 
hin gehört bei Homer die apokope nag Jiog II. 11, 787 
aus ncega, av vixvag X, 298 aus crva, qyvXoig II, 363 aus 
(fvkoKfi^ ^Binri I, 230 aus j:Bhtp(fL Wahrscheinlich haben 



416 SaveklMfg 

die altepischen, noch den Attikern beBonders gelfiafigen 
optativformen Tv\f;Haq rvipue tvffßstcev ein er eingebfiist, so 
dafs früheres jvipaia$ und lat. nupsissel, ano-daiffeti 
bei Theodor. Stnd. p. 237, E (sp&t, aber regelrecht gebil- 
det) oder früheres Swtsua und der sanskrit-precativ med. 
dfisiäta mit vorauszusetzendem activ däsläat einer und 
derselben optativbildnng des aorist angehörten. 

Zu den drei bekanntesten aoristen auf -xa mu(s noch 
ifp^xa hinzugef&gt werden, der aorist eines angeblichen 
verburas ipQkiay dessen eigentliche grundform und flexion 
aber kürzlich herr A. Nauck in den M41anges Or^co-Bo- 
mains der petersb. akademie tome II, s. 519 — 548 vom 
23. sept. 1863 zuerst ins reine gebracht hat. Indem er in 
dem oft erwähnten imperativ aor. 2 q>Qig (Herodian. 9t, iaov. 
iU|. p* 24, 24 und xaä-ol. ngoa(pS* p. 196, 10 ed. Schmidt 
Etym. M. p. 740, 12), welcher, wie Überhaupt das ganze 
verbum, nur in Zusammensetzungen, l^xq>QBg Aristoph. Vesp. 
162, üCipQBg Herodian 1. c. vorkommt, ebenso im entspre- 
chenden particip i7iei4fq>Qeig Eurip. Phaeth. fr. 781 , 46 
(Nauck) und conj. öiSotxa f^TJ ^6 . . . oinc k^gätsi (Phot. 
lex. p. 359, 8: oim ix<pQ(Saiv' ovk k^ct^äai) Eurip. Phoen. 
264 und ganz besonders im aor. 1 bteidiipQfjxs Eurip. £1. 
1033, üGi(pQYixav bei Diog. Laert. 1, 102 und Heaychius, 
wo üai(pgfiXBv für üakpQix^v zu lesen ist und aniserdem 
ä^iipQtjxBv aipijxBv sich findet, eine durchgreifende fthnlich- j 
keit und Verwandtschaft nut itifii erkannte, wozu aach die 
bedeutung stimmt, z. b. von der Zusammensetzung mit €lg 
„hineinlassen, mit ix „herauslassen^, erklärte er das ver- 
bum f&r ein mit der präposition ngo gebildetes composi- 
tum eben des ii^.at, wie es auch schon Etym.M. p. 271,43 
zu dia(pQdi aufstellt, auf die analoge aspiration in €pQoifitoy 
fdr TiQooifiiov und (pQovQog für ngoovifog hinweisend. Und 
gewifs, die entschiedene Übereinstimmung von €i0q>ges mit 
elangoig^ hnuocpgiig mit imicngoBig und des aor. 1 inaci- 
(pQfjxs (mit vorgetretenem augment wie in ixd&ufa*)^ ijfi' 



*) Und noch genauer in abermaliger Zusammensetzung nagtxa&-iaaio 
Demosth. 88» 14. nffotxd&taou^ Polyb. II, 24, 6. 



lautwandel von o in x. 417 

ipUaa^ in iavptjxB und i§vvfixB au8 Aloaeos und Anacreon 
bei Etym. m. p. 385, 9) mit i7t€MfnQo^x8 u. 8. w. bereebtigt 
vollständig zur Voraussetzung der ursprQnglicfaen regelrech- 
ten präsensform q>Qiripii =» ngoififAu DaTs hr. Nanck die- 
ses redujdicicte präsens richtig erschlossen hat, dafbr ist 
beleg genug das imperfect Aristoph. Vesp. 125 kvrevd'sv 
ovxir avTOV i^€q)QlofA.6v, die lesart der besten band- 
Schriften Rav. und Yen., welche in i^6(fQi$fiev zu ändern, 
wie hr. Nauck s* 541 will, unnötbig und daher unzulässig 
ist. Denn bekanntlich sanken schon frflh die verba auf 
fii immer mehr zur conjugation auf -cu herab, so fiefASvi- 
fiivog bei Herodot VI, 1. VII, 229 wie von fÄBvia» {fx^&m) 
statt ^iB&ifjfUy ri&oiTo Buttm. §• 107 a. 35, lotvo acpiohvxo 
§. 108 a. 3 und atfBiofABV in einer inschrift von Anapa 
C. I. Gr. t. II, p. 1008 n. 2131 b. 15 aus des kaisers Tiberius 
zeit (wo €t f&r langes i steht wie daselbst p. 1005 n. 
2114bb. 6 in aq>%iri^i). Ebenso bleibt auch ä^eipgovf^^p 
Eurip! Tro. 652 durch hinreichende analogie geschützt, wie 
Siü) an die stelle der altern flexion diSfjfjii trat, von wel- 
cher noch pf. Sidexa und Siösfiai nebst aor. pass. äSi&t^v 
sich in beständigem gebrauch erhielten, und wie nQoa&i" 
oiTo Herod. I, 53 und vno&ioiro VII, 237 ein präsens &i(a 
statt Ti&rifAi voraussetzen lassen; es kann uns also das prä- 
sens selbst, in6i(f(fQ€l bei Eustathius (s. Melanges p. 546) 
nicht befremden. Nicht im mindesten ist femer der aor. 1 
act. auf -er« zu verdächtigen, als sei dieser aorist in der 
blütezeit der griechischen litteratur nur auf -xa ausgegan- 
gen. Von alten beispielen steht auf der einen seite iTteitS" 
i(pQt]X6 Eur.El. 1033 zwar gesichert, aber vereinzelt, auf 
der andern hingegen insi^iq^grjCe Eur. Herc. für. 1267 nebst 
anitfQYiCav acp^xav Kgatlvog 0g€f(^Cccig Hesych. {anicpgtj' 
aav cKfüCav Bekker An. p. 423, 22 und Suidas) aus der 
komödie Qg^aaai^ welche im jähre 445 oder 446 v. Chr. 
aufgeführt ward*). Auch von ri&tjjiii läfst sich der aorist 
auf (Ter, Ji&Boa^ im böotischen aus folgenden momenten si- 
cher nachweisen. Die in einer inschrift von Lebadea C. I. 



*) Meineke Hist. crit. com. Gr. p. 46. 
Zeitschr. f. vergl. sprachf. XVI. 6. 27 



418 Savelflberg 

n. 1588 (und in eioer zweiten von Acraephia in Ulricbfi 
reisen p. 247) vorkommende form iviO-iav erklärt Ahrens 
de dial. Aeol.p. 179 »pro ävi&eav i. e. avi&ijxav^^ weil 
nach vielen Zeugnissen der grammatiker ib. p. 210 not. 6 
die Aeoler, namentlich die Böotier die 3. pers. plür. der 
aoriste, deren particip auf g ausgeht, nicht mit -(Xav, son- 
dern mit -V bilden, z. b. ^xoaf^tj&sp^ 'ißctv etc. Ahrens 
meint nun p. 211, avi&iav sei aus böotischem api&etxaf 
(O. I. n. 1579. 1593) durch auswerfung des x entstanden. 
Viel wahrscheinlicher ist avi&iav aus avi&ttsav (aor. 1, 
der den wurzelvocal kurz hat wie avad-iaavttg u. s. w.) 
mit Verlust des (T, wie der conj. ttavO-i (von üpii) C. I. n. 
1596 (a. ni) V. 46 aus urspr. Htftavvt und^-^n« ibid. v. 37 
aus urspr. ^irecTof, hervorgegangen. Einen aorist 1 U^^aa 
aber sind wir anzunehmen genöthigt bei Pindar in &kaGav 
Ol. I, 64 und &iaav Pyth. 11, 39. III. 38. Nem. I, 59, weil 
bei ihm gar keine periphrastische bildung der 3. pers. pl. 
mit ^<sav weder im aorist, noch auch im imperfect sich 
findet, sondern stets nur iarav nagiarctv ißav itpvv^ Hyvov 
und fyi^atp, (pdv und tI&bv^ uv^ ebenso in den passivischen 
aoristen fiiysv, XQi&sv, 'ifju^d^ev^ nXäaö-BV. Da nun hiei^ 
mit obige von den grammatikern oft erwähnte regel vom 
böotischen dialekt übereinstimmt, so müssen wir &icav 
und &i<f(fav bei Pindar dem aor. 1 tl&B(fa zuerkennen, um 
so mehr, als beiden activformen auch mediale bei Hesy- 
chius, ß'iaato hviSvaaro und &iiT(favTo mit derselben dort 
zuletzt gegebenen erklärung ive3v(favT0^ gegenüberstehen. 
An die wenigen formen dieser aoriste auf -Ca reihen sich 
nun aniq)QYi(Sav und kneiaicpQrjcs an, welche in ungetrüb- 
ter Überlieferung uns vorliegen. Beiderlei Überreste erhiel* 
ten sieh, wenn auch in spärlichem gebrauch und wohl län- 
ger nur in dialekten, doch seit urzeiten neben den gang- 
baren modificierten formen Hö-rjxav^ hnniGiffgriTtB ähnlich wie 
vom althochdeutschen verbum wesan im präteritnm der 
Singular (ich oder er) was neben pl. warun warnt wa- 
run der lautwandelung in war nicht auf einmal gänzlich 
wich und nicht überall, sondern sich im niederländischen 
stets noch so (er was) erhielt. In späterer periode nach 



Uatwandel von <r in x. 419 

Alexander dem grofsen ist der indicativ regelmAfsig — z. b. 
bei Polybius 22, 10 Bi(fi(pQf]Cav — und die modi obliqoi 
ausBChliefalich mit a gebildet: conj. üiScporjctadi, inf. üacpQrj^ 
aai, und bo auch partic. 6laq>g^(Tag (Mäang^ p. 544 — 548). 
Hiermit atimmen die modi obliqui von fixa gleichwie vota 
Ü&tjxa und SdcoTca übertna^ welche wir bei Homer und 
sonst immer nur mit o* gebildet gesehen haben, und dar- 
aus können wir den indicativ auf Ca, wenn auch Überreste 
davon nicht vorlägen, sicher voraussetzen, wofQr das un- 
getrübte verhältnifs der entsprechenden aoristformen im 
sanskrit nur zur bestätigung dienen kann. Dort ist z. b. 
von der wurzel da „geben^ nicht blos der ganz gebräuch- 
liche precativ (s. vollständig bei Schleicher compendium 
8. 546), welcher dem griech. opt. aor. 1 med. entspricht, 
sing. däsljÄ dwCaifAtjv, pl. däsimahi dmaaifA^f^a^ mit s 
gebildet, sondern auch der seltene indicativ aor. act. 3. sg. 
däsat (ohne augment)*) UiaxB (von dhä 3. pl. dhäsus**) 
(ohne*augm.) i&^xav) gleichwie der conjunctiv 3. sg. dä- 
sat i '"'''') dcJ(r;/((ri), 2. du. däsathas**""*) Sciatjrov. Nach 
all dem ist in den drei griechischen aoristen der über«- 
gang der ursprünglichen endung (fa in xa, welcher durch 
alle personen im sing, und plur. des indicativs durchge- 
führt ist, als völlig erwiesen zu betrachten. 

5) Eine wichtige bestätigung ist ferner ein vierter 
aorist auf xor, der von iffTjjfii aus einem dialekt sich bei 
Hesychius erhalten hat: Hvraxav iaTfiCav „sie stellten*. 
Die glosse ist dorisch, vielleicht lakonisch, wofür Ahrens 
d. Dor. p. 103 die assimilation rr aus ot nachweist, übri- 
gens nach den eben geführten erörterungen für vollständig 
echt zu halten, auch in der endung -xav aus -(Xav (also 

*) vom compositum ati-dS im Rigveda VIII, 1, 88: adba plijSgir 
ati das ad anjSn asangö, agn6, da9abbi: aahasrai: „da ttberbot Asanga, 
Plajoga's Bohn, o Agnil andere mit zehntausend* (näml. geschenkter ktthe 
oder dergl.). 

**) Rigv. VII, 97, 6. üeber die endung -ns ans -ant s. Hopp sanskrit- 
gramm. §. 272 anm. 8. Vergl. lat. feoemns (statt fecerunt) bei Ornter 
p. 884 n. 8. 

**♦) Naigh. II, 80. 

'****) Petersb. skr. wtb. III, 666. Von wz. dhä „stellen* findet sich 2. du. 
conj. aor. dhäsathas Rigveda I, 160, 6 aa: ^f^a'n%o¥ und 2. pl. dbSsathi 
ib. 111> 2 SB ^iJaijTf. 

27* 



420 Savelsberg, lautwaadel von «r in x. 

Dicht mit AbreDS in ttraöav zn ändern). Während das 
mit Sidoifii ri&tifit 'trjfjii gleichmäßig durchflectirte ttfriifii 
den normalen aorist i(fTTi(fa, dor. iataoa aufrecht hielt und 
tkraxa nur vereinzelte dialectform blieb, sind USafxa U&jjxa 
rjxa früh gemeingut aUer Griechen geworden. 

6) Wir haben noch eine» fünften bisher verkannten 
aorist auf xa hinzuzuiUgen. Von 12 bei Teos in Klein- 
asien gefundenen kretischen Inschriften C. I. G. t. II n. 
3047 — 3058 vom jähre 194 v. Chr. haben wir folgenden 
gleichlautenden eingang. 

N. 3048, V. 2—5 und 3052, 4—7: 'EmtSii Ti^ioi 

\pd(pi<ffjia xai nQeCßsvrag anhüxakxav, 

n, 3058, 2—4: Em^S^ Tijioi rpa^piaua 

xal TtgeiyBVTavg*) dnsdvaXxav» 
Dieses aniavalxav ist nicht perfect , wie Ahrens d« Dor. 
p. 287 und 328 behauptet, sondern aor. 1 , wie die endung 
und ganz besonders der vulgäre aorist in 

n. 3050 V. 3 — 5 ausweist: 'EnuSri Tr^iot^ 'dni- 

öveiXav 'ipdcpiüfjia xal TtQSiysvrävs**). 
Von dnicTuXav war die grundform dnkanXaav^ welche 
längst aus der vergleichung mit ExsXaa und aus dem äoli- 
schen aniatBXXav (C. I. G. n. 3640, 10), wo a sich dem 
vorhergehenden X assimilirt hat (Ahrens d. Aeol. p. 50. 
G. Curtius tetnp. und modi s. 287), erschlossen und über- 
dies von Hesychius überliefert ist: iatBka^v iarstkev. In 
der ältesten gestalt hatte die grundform den urspr. wur- 
zelvocal a, wie hardkriv^ kcrdKÖ-r^v^ ^atalfiai, HaraXxa perf. 
und iXTakriog^ hiefs also d^katakaa, und dieser steht nun 
offenbar das speziell kretische dnhataXxav am nächsten. 

*) So hat Böckh die frühere Schreibung Tc^et/cuTa? hier und n. 3050, 5 
auf Ahrens erinnemng nachtrttglich C. I. 6. II, 851,a verbessert. 

**) Eine fünfte inschrift n. 8047, 2 — 4 weicht etwas ab durch eine 

anakoluthie der participialconstruction : *Enft6fi Tii'Coi tftu<ptOf*ci %( 

xctl ngtffßfvtdq dnttndXxawtq nag' dfif\ wie solche dort abermals ▼. 24 

vorkommt: Si6t& Sti^dyovztq* Jenes particip aor. 1, nach Sherard'a 

abschriffc sogar dnetrrdXectvrtq mit der endung ^aapvtq, ist mit anomalem 
augment versehen, wie xaTtarfiadfievob in der grofsen messenischen inschrift 
V. 62 (archiiol. anz. n. 120), tiffdfispoq von thra und iano/itvoq aor. 2 von 
(ffOfia^. 

Aachen, 13. Januar 1867. Dr. J. Savelsberg. 



Birlinger, zur dialectforsohong. 421 

Zur dialektforschung, 

I. 

1) Imjabre18ö7 erschien zu Heidelberg (Julius Groos) 
^das Gro&herzogthum Baden, historisch -geographisch -sta- 
tistisch -topographisch beschrieben von A. J. V. Heuniscli 
mit beigaben von dr. J. Bader^. Wie es sich gehört, ist 
auch hier etwas über die Volkssprache gesagt und man mufs 
um so mehr sich daftkr interessiren , weil Bader bei seinen 
Studien im Karlsruher reichsarchiv, wie Mone, nach und 
nach auf. die mundarten hingeführt wurde und zweitens, 
weil Baden eine so bunte sprachkarte liefert. S. 287 sagt 
Bader: „was von den Wasserscheiden des unteren und mitt- 
leren Schwarzwaldes, sodann von der Wutach, vom Ban- 
den und Bodensee nach Schwaben zuliegt, gehört entschie- 
den dem schwäbischen sprachstamme an, wo das ü und i 
die vorlaute o und e erhalten (z. b. lout statt lüt, weil 
statt wtl); was dagegen zwischen dieser linie und dem 
Rheine liegt, gehört dem alemannischen stamme an, wel- 
cher das ü und i ohne vorlaute ausspricht. Im untern 
Breisgau und in der Ortenau herrscht der hauptbetonung 
nach dieselbe mundart wie jenseits im Elsafs; nur macht 
die gegend am Kaiserstuhl darin eine ausnähme, dafs dor- 
ten das halb wie ü klingende ü des Breisgauers in ein 
helles oi verwandelt wird z, b. hois statt hüs. Im obe- 
ren Breisgau oder Markgrafenlande, im Hauensteinischen 
und im Kletgau aber hat das Alemannische die schweizeri- 
sche betonnng mit dem einfachen ü und i und den rau- 
hen kehlenlauten ^. 

Zwischen Murg und Kraich bis zur Elsenz haben wir 
ein buntes durcheinander von fränkischem, schwäbischem 
und alemannischem. Von da ab geht das ächte fränkische 
an, das rheinfränkische. Bader theilt nun proben mit: 
wertheimisch, odenwäldisch, pfälzisch, bruchrainisch, karls- 
ruhisch, ortenauisch, breisgauisch, markgräfisch, schwarz- 
wäldisch, hauensteinisch , baarisch, konstanzisch. Wenn 
ich auch mit Baders abgränzung zwischen alemannisch 
und schwäbisch nicht einverstanden bin, so halte ich es doch 



422 Birlinger 

f&r pflicht den Sprachforscher, auf die wenigen bl&tter des 
Heunisch'schen buches aufmerksam zu machen. 

2) Auffallend umfangreich ist in der Bavaria, landes- 
und Volkskunde des kdnigreichs Baiem III. bd* 1. abth. 
die abhandlung über die mundart der drei Franken tod 
dr. Haupt. Von s. 191 — 266. Der Verfasser sagt: „es 
bleibe ihm wegen engen raumes nichts übrig, als sogleich 
in die wirklich bestehenden idiome unterzutauchen, 
um mit diesem sprung uns aller philosophierenden und 
sprachuntersuchenden methode zu entziehen^. Althoch- 
deutsch und mittelhochdeutsch hereinziehen „gelehrtes 
beiwerk^ will er auch nicht. Daftkr haben wir einen gu- 
ten ersatz; Haupt macht uns die frankensprache klar nnd 
anschaulich mit vergleichung des baierischen und ober- 
pf&lzischen; er scheidet scharf und klar den bamberger 
Hochstiftsfranken von dem Würzburger Hochstifisfrankeo; 
endlich stellt er zu seiner darstellung, wo es nothwendig, 
das gränznachbarliche schwäbische. Hieran hat der Ver- 
fasser sehr gut gethan, dafs er die alten sprengelgränzen 
beachtete; denn diese sind für mundartliche Studien von 
höchstem werthe; sie wurden frühestens nur nach nationa- 
litäten gezogen. Selbst reichsstiflte von kleinem umfang 
bilden ofl gränzen. Der hochstifb-Bamberger ist nach sei- 
ner lautlehre praktisch abgemacht; sodann der hochstifi- 
Würzburger; hierauf kommt es an die Hinterrhön, die ne- 
ben überwiegend fränkischem auch niedersächsisches und 
alemannisches haben soll. Interessant was s. 200 & über 
die dialektgränzen gesagt ist; so buntfarbiges, wie in Fran- 
ken die karte früher bei reichszeiten aussah, läfst'sich 
kaum wiederfinden : und in folge der vielen geistlichen und 
weltlichen herrenländer ist, wie schon gesagt, die Volks- 
sprache vielfach verschieden. Dazu kommt die den Fran- 
ken, seit sie bairisch sind, zugesendete beamtenweit, die 
vielen aufserdeutschen demente in Bamberg. All das be» 
einträchtigte die ächte mundart bedeutend. Zu der Ver- 
schiedenheit kommen endlich die idiome der aschaffenbuiv 
ger, Würzburger Schiffer, der berühmten bamberger gärtner 
u. s. w. Die Zusammenstellung acht fränkischer ausdrücke 



zur dialektforschuDg. 423 

(hauptwörter) s. 224 bietet leider weniges. Die hälfte des- 
sen ist ebenso oberdeutsch überhaupt. Dagegen fehlt ein 
uralt germ. wort ädl = mistjauche, das der hochstift-Bam- 
berger merkwürdig noch bewahrt hat wie der Baier. Der 
Schwabe kennt es nicht; wol der Lechschwabe aus Baiern 
herüber. Den Franken erkennt man augenblicklich an sei^ 
ner intonation, am strengen ^^gewesen^^; am abwerfen der 
infinitivendung; am vereinfachen der alten doppellaute etc. 
Die alte gränze Frankens gegen Alemannien fällt mit der 
der Burgunden zusammen — bis Hall, bis an den Kocher. 

3. Eine andere arbeit über die schwäbische mundart 
enthält bd. II, 2. abth. der Bavaria von Magnus Jocham. 
8. 812 ff. Der Verfasser ist ein AUgäuer und sieht alles mit 
ungemein gesunden blicken und so haben wir denn hier 
eine reihe von bemerkungen über die mundarten der bai- 
rischen provinz Schwaben und Neuburg: oder der alten 
zwei Bhätien und Yindelicien, ebenfalls ohne gelehrtes bei- 
werk. Das gebiet geht dem Verfasser vom Lech bis an 
die Hier; vom Riefe bis an die Alpen. Diese strecke ist 
ebenso buntscheckig in ihrer sprachkarte wie Baden und 
Wirtemberg. Sollte nicht der aufsatz f&r die Bavaria volks- 
thümlich gebalten werden, so möchte man fast dem ver* 
fasser ob seiner alten von Grimm längst verworfenen SchmeU 
ler'schen methode des dialektzasammenwerfens zürnen. Das 
AUgäu mufs eigens , das eigentliche Schwaben — das alte 
ächte (juthungische) Schwaben, — ebenso dasRiefs besonders 
behandelt werden. Der Lech ist ferner nicht die gränze 
gegen Baiern; Schwaben ging soweit, als das alte bistum 
Augsburg ging — d. h. bis zum Hohenstaufen und £11* 
Wangen und bis zum Starnberger und Ammersee; freilich 
jetzt nur mehr spurenweise sprachlich verfolgbar. Vom 
See bis Hindelang erkennt der Verfasser den schweizer- 
dialekt. Wir hätten bei seiner grofsen kenntnifs des hei- 
matlandes eine strengere abgränzung des Allgäus gehofft, 
denn es lälst sich nationalökonomisch und sprachlich ge- 
nau eine solche aufstellen. Sodann darf achtes aleman- 
nisch nicht da als abgegränzt angesehen werden, wo ü in 
ou und i in ei übergeht. — Schon im bauernkriege weifs 



4r^ Birlinger 

man (urkandlioh) nicht recht anzugeben, wie weit das 
AUgäa gehe. Das ächte schwäbisch geht von der aleman- 
nischen gränze Sonthofen, Immenstadt bis an die pfalz- 
nenburgische gränze, bis Lauingen, Dilingen. Aagsburg 
ist der mittelpunkt Schwabens und hat bisweilen bairi- 
sehe elemente in seine spräche anfgenommen. Das Rieh 
ist nicht mehr rein schwäbisch wegen seiner fränkischen 
und pfälzischen einmischungen. Die Schlagwörter bomm, 
doddabomm für sarg im alemannischen gebiete Baiems; 
lei als beliebtes einschiebsei „gleich^ im Biefs und spu- 
renweise am Lech; hobel im pfalzneuburgischen (Lauin- 
gen) für sarg sind nicht zu umgehende dinge bei darstel- 
lung dieser mundart. Ebenso charakteristisch ist für das 
Riefs^ Nördlingen die einschiebung des unorganisdien n 
in die adj. und adv. endungen ^yig^ und die aus ag ab- 
geschwächten ig: Sunnting, Feirding u. s. w. 

4. Eine kleine fleifsige abhandlung^^beiträge zum schwä- 
bischen Sprachschatz vom ord. lehrer Franz Heiser an 
der k. höhern bOrgerschule zu Hechingen'^ ist in dem Jah- 
resbericht von dort 1864 — 65 enthalten. Es ist vorliegendes 
ein kleiner theil „einer grö&ern sich über alle buchstaben 
erstreckenden Sammlung der in HohenzoUem vorkommen- 
den schwäbischen ausdrücke anzusehen, welche der Schrift- 
sprache nicht angehören^. Der Verfasser bringt manche 
interessante belege und zieht mitunter ältere werke herein 
z. b. Besoldi Thesaurus, Th. Murner, Sachsenspiegel, mhd. 
classiker, Seb. Sailer, alte Ordnungen von Hechingen u.8.w. 
Das alte balmont will Reiser auch noch volküblich ge- 
hört haben(?). unser hochd. „zu paaren treiben^ soll 
zu barn, harren ahd. parno „krippe^ stehen! S. öa. 
Ueber beren = hervorbringen ist zu viel gesagt, es ist 
allgemein älter deutsch. Unter bäum finden wir aus Ostraeh 
die bedeutung todtensarg; ich mufs hier bemerken, da& 
dieses nicht schwäbisch, sondern alemannisch ist; der Ver- 
fasser wird uns hoffentlich auch über die zoUerischen sprach- 
gränzen aufschlufs ertheilen« Ostraeh gehört wie die dor- 
tige gegend noch dem streng, alemannischen gebiete an. 
Interessant sind die zwei belege aus „schimpf und ernst^ 



zur dialektfonchtuig. 425 

und aus dem schweizerischcD Manuel. Ich verweise auf 
unsere zeitschr. bd. XV, s. 193 ff. Belege znbeiten, beit 
8. 8a sind zu geh&uft. bisen s. Ha ist ebenfalls nur noch 
dem alemannischen eigen; ahd. pis6n, mhd. bisen. Desgl. 
bfirling, häufen heu s. 18b, wozu eine stelle aus Besold 
„bierling oder heuscbochen, ein schober heu^ angefahrt 
ist. Es gehört zu bSren tragen = ein häufen heu, den 
ein mann zu tragen vermag; im obern Innthal heifst darum 
der pfähl mit querhölzem zum heutrocknen „hoanzel- 
birling^. Burre = erhöhung a. a. o. ist acht schwft- 
bisch. Bin um Zollerisches volksthum sich viel interessi- 
render mann in Sigmaringen zog in einem localblatte die 
gränzen also: 1) Allgäuer dialekt in Achberg (enklave), 
2) der oberschwäb. dialekt inOstrach, Ablach, die sog.Göge 
mit Habsthal; 3) der seedialekt in Hohenfels und theilweise 
in Wald;_4) der heuberger dialekt im Bärathal und Beu- 
ron; 5) der breite Albdialekt, Hechingen; 6) der dialekt 
von Haigerloch und Glatt; 7) endlich der Wälder dialekt; 
in Wilflingen der rotweil-heubergische. — Mit ausnähme 
von 5) sind alle gegenden alemannisch. 

5) Gelegenheit bairisches und schwäbisches zu verglei- 
chen, gibt das sorgfältig ausgearbeitete Wörterbuch Lexers 
zu den städteohroniken bd. lY, s. 358 ff. — Lexer 
hat fbr seinen Standpunkt genug gethan: denn es sollen 
die formen und worte der im 4. band enthaltenen Chroni- 
ken auch dem nichtkenner der sprachl. Übergangszeit vom 
14. — 16. jahrh. vorgelegt und zusammengestellt werden, 
weil doch einmal unsere zeit register Ober alles haben 
will; ein buch, ohne inhaltsverzeichnifs, sachlich und gram- 
matisch-Iexicalisch, wird gerne bei seite gelegt. Allein bei 
dem gegenwärtigen stände der Sprachforschung, wo die 
dialekte der deutschen Sprachdenkmäler so genau erforscht 
werden, dürfte nicht unterlassen werden, so andere, denn 
schwäbische merkmale — besonders bairische vorkommen, 
sie zu kennzeichnen mit einem wort oder Sternchen. Denn 
die bairischen Urkunden, die chronik (s. 177. 199 ff.) von 
Wahraus u. s. w. müssen doch einem Sprachregister eine 
doppelfärbung geben und mancher meint augsburgisches 



426 Birlinger 

deutsch zu haben, wfthreud es streng bairiscb ist. Nun 
zum einzelnen. Aftermentag (359) ist-ftcht sugsb. schwä- 
bisch: zelstig, deistig zeigt alemannische spuren. Es scheint 
der zinkult hier viel früher aus der erinnernng geschwun- 
den zu sein; bei den hartnäckigen nachbarn der Jutangen, 
den nächstverwandten Alemannen, erhielt sieh iler alte gott 
im dritten Wochentage bis heute. A£fen6ald ist schon bai- 
riscbe form: 6 fQr w. So schreibt kein Schwabe. Der 
cgm. 344 f. 135b: do pran ain fewr am äffen wald; noch 
im 10. und ll.jahrh. soll die stelle Waldesgrund gewesen 
sein. Haid, bist, nachweise, Augsb. 1833. Antlafstag 
(360 a) ist wieder dem augsb. Schwaben fremd ; es ist acht 
bairiscb. S.361 ist der Wechsel des b und w in der laut- 
lehre erwähnt und aus Wahraus belegt: also nicht schwä- 
bisch. Der schon mehrfach erwähnte auch noch im 16. Jahr- 
hundert in kellermeistereien genannte passauerwein bat 
seinen, n^men wirklich von Passau; das stift hatte die be- 
sten nieraner weine als zehenten und von Passau aus ging 
er na^Qh dem übrigen Süddeutschland hinaus. ( J. V. Zin- 
gerle). Derreifsen (367a) ist nur bairiscb; Schwaben 
kednt das praefix der nicht; wo in den nibelungenhand- 
schriften .der vorkommt, ist kein schwäbischer oder ale- 
mannischer s.chreiber im spiele. Bei geschiesz wäre mein 
augsb. ;wb. zu benützen sehr nahe gelegen, weil ich dort ei- 
nen sehr alten beleg beibrachte, oder das mhd. wdrterb. 
Bei der compositionssilbe -leich (384 a) mufs noth wendig 
bairisches lautgesetz hervorgehoben werden. Zu rais will 
ich das rotweilische stabrais = ausmarsch innerhalb des 
gaues,.des reichsstädtischen bezirkes, nennen, schlems 
= schief erscheint hier auffallend als schwäbisch. Ich fand 
es aufser der alemannischen rotweilischen beimat in Schwa- 
ben nicht. Ich habe im zweiten beitrag zum rotweiler 
stadtrecht (Herrig*s archiv bd. 38, s. 351) beispiele beige- 
bracht. Ebenso ist zu Wortzeichen (399a) das dort 
s. 359 gesagte zu vergleichen. 

6. Bei dieser gelegenheit füge ich noch bei, dafs Bene- 
dikt Greiff in dem gymn. programme (1864 — 65) von St. 
Anna in Augsburg, dem Bertholt von Regensburg 



zur dialektforschuDg. 427 

zumathet, er hätte die meisten seiner predigten im Dom 
zu Augsburg gebalten; nach dem ganz verfehlten unkun- 
digen beweise mit den heiligen, stellt Greiff s. 9 ff. einige 
ausdrücke auf, die ^ibn als Schwaben verraten sollen^. 
Das wort kar = irdenes gefiifs, kachel ist acht augsbur- 
gisch und kommt vor, soweit das alte bisthum ging, bis 
an den Ammersee. unfuore ist allgemein; wie es kar 
früher sicherlich auch war. waehe ist allgemein mittel- 
hochdeutsch, heute noch alemannisch, taetelin (macula) 
ist wieder allgemein süddeutsch. Heim garten läfst sich 
kaum mehr localisieren. belangen ist schwäbisch, be* 
▼orab alemannisch. Bruder Berthold war reiseprediger 
und war in seinen predigten auf gleicher stufe mit den 
guten dichtem der höfischen zeit, was die spräche anlangt. 
Er kann darum weder in Regensburg, noch in Aleman- 
nien, noch in Schwaben localisiert werden : er ist vollkom- 
men der allgemein über den dialekten stehenden höfischen 
spräche meister. 

7) A. F. G. Vilmar's interessantes literarhistorisches 
schriftchen „zur literatur Johann Fischarts^ hat 
die zweite aufläge erlebt. Frankfurt, Völker 1865. S. 
50 ff. bespricht Vilmar Fischart's Orthographie, die 
in drei perioden zerf&llt. Wir erfahren hier, dafs Fischart 
nie wo, sondern wa geschrieben; ä hat er wie seine lands- 
leute 1 — 2 jahrh. früher durchaus, hie und da mit ö gege- 
ben. Altes ai (mhd. ei) bleiht haften; wechselt aber in 
den von 1578 — 81 herausgegebenen Schriften mit ey. Pi- 
ctorius gebraucht ej stets ftar t; ei f&r ai. t ist längst 
zu ei geworden bei F. Merkwürdigerweise haben wir auch 
bei ibm das schon in elsfissischen denkmälem seit 200 jäh- 
ren vorbereitete 1 der reduplicierenden verba htlt, ging, 
sttfs u. 8. w. die predigtmärlein, der cgm. 6 (1362) haben 
schon t. Dehnungs«h wirft Fischart aus. Im anlaute aber 
stets th: thail, thuch, thun u. s. w. Fischart schreibt 
noch durchgängig mk statt des spätem mehr. 

8. Einen interessanten beitrag zur künde des alemanni- 
schen gibt W. Wackernagel „sechs bruchstücke einer 
nibelungenhandschrift etc. Basel 1866 (Georgs ver- 



428 Birlinger 

lag). 4. Wackernagel nimmt an, dafs der abschreiber ein 
gntes mittelhochdeutsch des 13. jahrh. vor sich gehabt 
habe; die Umschreibung in die eigene mundart überwog 
doch bei weitem. — Abgesehen von der feststellung einer 
wichtigen lesart haben die bruchstücke manchen interes- 
santen beitrag zur alemannischen grammatik geliefert, a 
geht nie in 6, wohl aber in au über: es ist das ein laut- 
wandel, der noch seiner physiologischen und historischen 
erklärung harrt; er erscheint als die mittelstufe, Ober welche 
das ä noch tiefer hinab in jenes dumpfere 6 sinkt. W. 
setzt das au = & als ausartung hin, die nicht vor der 
mitte des 14. jahrh. « nachgewiesen werden kann. — Auf 
der andern seite finden wir hier eine reihe der alterthOm- 
liebsten laute, laute wie noch im elften jahrh. festgehalten 
recht nach der eigenheit aller mundarten mit dem einen 
fuis noch über die Schriftsprache hinaus in Verarmung und 
verderbnifs fortzuschreiten und zugleich mit dem andern 
weit jenseits auf einem Standpunkte zu verharren, den 
diese längst schon überwunden hat. — Wir begegnen hier 
jenen vollem vocalen statt der stummen e, die noch vor 
dem höfischen deutsch üblich waren: ein hauptmerkmal 
der alemannischen mundart. Das alem. d-ürt lebt heute 
noch, uns, unser desgleichen als is, iser, weil das All- 
gäu keinen nasal will. — sw ist hier noch in der alten 
reinheit; dagegen wieder schl, sehn; schm kommt zu- 
fällig nicht vor. cht für ht ist fast überall gesetzt, g 
für j kehrt ebenfalls acht alemannisch wieder, ir als be- 
sitzwort wird decliniert. 

Einer entdeckung dürfen wir nicht vergessen. S. 38 
sagt W. bei erwähnung des Überganges betonter kürzen 
zu gedehnter ausspräche: „es steht aber, um einen dieser 
vocale besonders hervorzuheben, die Verlängerung des ur- 
sprOnglich kurzen a in einem organischen wechselbezug zu 
der diphthongierung des ursprünglich langen, die wir gleich 
werden kennen lernen: die eine tritt in Verbindung mit der 
andern und wie um derentwillen ein, ganz entsprechend 
dem jetzigen verhltnifs zwischen alemannischem ä und 6: 
wo in der Schweiz es noch kurze a nach alter art gibt. 



zur dialektfonchung. 429 

behauptet ebenso das lange die alte reinheit des lautes; 
wo aber das letztere zii 6 geworden, ist jedesmal das er- 
stere gedehnt^. Die Scbwarzwaldalemannen haben fOr 
k — ao (Baar) und sprechen doch die alten kfirzen. ^Die 
Verdoppelung des consonanten (s. 38) ist sicher einer an« 
dern erscheinung zuzuschreiben : es sollen die alten kürzen 
daaiit angedeutet werden (gesattelot, vatter, pitten, mitte, 
vermitten u. s. w.)* An position im alten sinne dachte hier 
niemand mehr. 

9. Seit Schmellers arbeiten über die sogenannte cimbri- 
sche spräche ist mir nichts von bedeutung mehr bekannt 
geworden. Da erscheint in der Zeitschrift des Ferdinan« 
deums III. folge, 12. heft s. 90 ein aufsatz: 9, Die deut- 
schen colonien im gebirge zwischen Trient Bas- 
sano und Verona von Fr. von Attlmayr**. Der Ver- 
fasser ging nicht zum behufe Sprachstudien zu machen 
dorthin (1862), ist aber alsbald auf dieses gebiet von selbst 
gekommen. Sprachlich sind wir im gründe genommen 
nicht viel weiter gelangt denn Schmeller; geographische 
notizen erhalten wir hier sehr viele neben culturhistorischen 
nachweisen, was Schmellern bei dem kurzen aufenthalte 
nicht am herzen zu liegen schien.. Dieses und des kun- 
digen Verfassers hinweisung auf die ähnlichkeit der soge- 
nannten cimbrischen spräche mit der des Pusterthaies und 
Etschlandes ist von grofser bedeutung. Da ist er über 
Schmeller hinausgegangen. Andere notizen bestätigen 
Schmellers vermuthungen wieder, v. A. bespricht sodann die 
verschiedenen hypothesen über abstammung der deutschen 
gemeinden. Er kommt zu dem resultat: hat die Verbin- 
dung mit dem deutschen gesammtkörper in der vorzeit 
wirklich bestanden (Schmeller) und ist sie im 12. 13. Jahr- 
hundert unterbrochen worden — wenn die ähnlichkeit der 
spräche mit Deutschtirol erhellt und sich insbesondere nach 
500 Jahren heute noch an die dialekte des Pusterthaies 
und Etschlandes anlehnt — so drängt sich wohl von selbst 
der gedanke auf, dafs die bojoarischen einwanderer zur 
zeit als sie von norden her bis Salurn und Lavis vorrück- 
ten und die romanischen einwohnei? theils nach Enneberg, 



430 Schmidt 

Gröden und Fassa, theils Ober das rechte Etschufer unter 
Deutschmetz zurückdrängten, — wie man gewöhnlich an- 
nimmt, um die hälfte des 6. jabrh. als diese gegenden durch 
die ISjährigen mit dem Verluste von millionen measchen- 
leben so unglücklich geführten kriege der Qstgothen wider 
Belisar. und Narses ohnedies völlig entblöfst und entvöl- 
kert waren — dafs, sagen wir, die bojoarischen ein Wan- 
derer wohl auch noch einen schritt weiter über Salam 
und Lavis hinausgemacht und die südlichen auslanfer des 
gebirges an der ostseite der Etsch besetzt haben dürften. 
München. Dr. Birlinger. 



üeber einige numeralia multiplicativa. 

Unser deutsches multiplicatives -falt, got. -falth-s, 
welches nur in Zusammensetzungen wie ain-falth-s und 
manag- falth-s erscheint, wird in der regel mit ahd. falt 
m. plica, nhd. falte identificiert. Dies thut auch Grimm 
wörterb. III, 1297. Und allerdings mag der schein ver- 
locken ihm beizustimmen. Es finden sich ja für diese er- 
klärung mehrfache analogien, so gleich im deutschen das 
erst später neben ein- falt u. s. w. auftauchende ein- 
-fach, welches Grimm zu mhd. vach plica zieht (wörterb. 
in, 1221), ferner lat. -plic- neben plicare (Curtius gr. 
et.^ s. 351), griech. Si-nka^ doppelt nQhennXixstv (Curtias 
s. 151), endlich 8i-mvxog. 

Untersuchen wir jedoch die lateinischen und griechi- 
schen bildungen auf «plic-, "nlax- einmal genauer. Sim- 
plec-s, du-plec-s, tri-plec-s, quadru-plec-s n.8.w. 
sind deutlich abgeleitet ans den gleichbedeutenden sim- 
-plu-s, du-plu-s, tri-plu-s, quadru-plu-s u. s. w. 
An das sufHz -plo- trat das erweiternde c wie in caud- 
-ec-8 aus cauda, sen-ec-s aus seni- (vgl. gen. senis) 
oder seno- (vergl. lit. s^nas alt, sen6re, senätus, Se- 
nium), *üm-ec- (erschlossen aus ümec-to) aus ümo« 
(zu gründe liegend in üm-or, am*idu-s, üm-^re). 



ober einige numeralia multiplicativa. 431 

dent-ec-s aus dent-, cul-ec-s aus cnla- (verf. die 
Wurzel Ak, s. 52). Ganz ebenso verhält es sich mit den 
griechischen äi-fikax- und rgi-nkax- zweifach, dreifach. 
Sie sind von den gleichbedeutenden formen 8i^7tl6--g und 
*rQi''7tk6'g (letzteres unbelegt, dagegen erscheint noch 
cc'TtXo'g) mittels des secundärsufBxes -ax- abgeleitet, wie 
ßwl-ax' erdschoUe vom gleichbedeutenden ßaiko-y A/^-^x- 
steinig, hart von ki&o-, ßcSfi-ax- kleiner altar von ßäfto^^ 
ditpo^ax* sitz^ stuhl von Stq^go'- u. a. (s. L. Meyer gr. II, 
513). Die gebräuchlicheren anXovg^ ömkovg u. s. w. sind 
aus den zu gründe liegenden ankog, Smlog durch anhän- 
gung des Suffixes -ja- hergeleitet, dessen j zwischen den 
beiden vocalen schwand wie in den verben auf -äc«;, -ao), 
-0(0 = skr. -ajämi, im gen. sg. der männlichen a-stämme 
171710V aus iTtTtoo^ iTiTioio u. a. Erhalten hat sich das j, 
durch den beliebten verschlag von 8 gestützt (Curtius gr. 
et.* 556 ff.), in di^TiXa-Sio-g^ ion. öi^^kri-dm-g , welche frei- 
lich wie die äolischen patronymica auf -dSiog von dem 
femininum entsprungen zu sein scheinen. Das su^fix -&o- 
scheint aber überhaupt den vocal a vor sich zu lieben, 
vgl. z. b. dix^oC'SiO'-g^ xatakotfa^dia^ x^vTiTcc-dto-g, fiivvv- 
ß-d-Sto^g^ xarcofid'Sio^g ^ kvcDTid^Sio-g. Warum L. Meyer 
(zeitschr. VII, 212) Sjri'TtXofog schreibt, sehe ich nicht ein« 
Femer sind auf das einfache 8i'7iK6'g^ ^rgi-TiXo-g zurüok- 
zufQhren 8i''7iKd'GiO'g, vQi'^id-aio-^, ion* 8i-7iXr^GiOTgy tqi- 
'Ttkij-aio^g, welche das suffix skr. -tja- (Bopp vergl.gr. 
III, s. 431) enthalten; wie ^i'^a^crio-^ Hes. auf^vi^a, 'J^a- 
xfi'öiO'g auf 'I&dxri^ i^fisf^-aio^g (Aesch. Ag.<22) auf rjf^igtjy 
so weisen diese bildungen mit -^lAcr-crio-^, -TtlTJ-aio^g zurück 
auf die substantivierten feminina 8i'7tkii, TQi'7tk7J. Vergl. 
auch unten A-ya-(r«o-g, TQi-ipd'aiO'g. 

Wir haben also -plo-, -nXo^ als bildun^^element der 
multiplication im lateinischen und griechischen gewonnen, 
das selbe findet sich auch in einer, freilich ganz vereinzel- 
ten spur auf germanischem gebiete in got. tvei-fla-, wel- 
ches nur Skeir. 11, c vorkommt in tveifl atdraus, ob 
daher der nom. als tveifl -s m. oder tveifl n. anzusetzen 
sei, ist nicht zu entscheiden, vgl. ahd. zwt-fal m. n. zwei- 



432 Schmidt 

feL Diese entsprechen laat für laut den eben behandel- 
ten du-plu-8 für *dvi-plu-8, griech. Si-nlo-g für *äfi' 
nXo-g. Der zweifei ist also, wie in ahd. zweo, zweifei = 
altbulg. dvoj, dvoje sss doiog = skr. dvaja adj. zwei- 
fach, subst. n. doppeltes wesen, falschheit, als die anent- 
schiedene doppelheit bezeichnet. Genau dieselbe Vorstel- 
lung liegt, wie sich unten ergeben wird, dem lat. d ab ins 
zu gründe. Das von tveifla- abgeleitete adj. *tveifl-i, 
ahd. zwi*fal-i alts. tvi-fl-i dubius, zweifelhaft wäre also 
formell mit *Sj:t-nl(hjO'g identisch. Beiden nahe siebt das 
in den XTT, tab. vorkommende dupliön- m. das doppelte, 
welches aus duplo- entstanden ist wie seniön- die zahl 
sechs aus seno- (s6ni); dupliön- : duplo- = lu- 
diön- : ludo* = sanniön- : sanna =» got. fiskjan- : 
fiska- u. a. 

Sehen wir uns nun im sanskrit nach einem anhalte 
fiQr lat., gr. -plo-, got. -fla- um, so kann zunächst nicht 
in frage kommen vära-, welches den sinn von ^mal^ hat 
z. b. in eka»vära-m adv. nur einmal, auf einmal, weil 
wir eine Verhärtung von v zu p, welche Christ gr. laud. 
236 annimmt, indem er -per in paullis-per = vära 
setzt, nicht zu geben dürfen. £her zulässig wäre eine Ver- 
bindung mit pära entfernter, jenseitig, welches auch be- 
deutet „mit einem Überschüsse versehen^ z. b. parä ^a» 
tarn Rämaj. 2, 70, 29 mehr als hundert. Den lat. sim- 
-plo-, du-plo- entspräche dann (abgesehen von der dif- 
ferenz zwischen sim- &= sama- und eka) ved. eka-para, 
Bv. X, 34, 2 akääsja ekaparasja eines würfeis, bei wel- 
chem ein äuge den ausschlag gibt, und dvä-p4ra der 
Würfel oder die Würfelseite, welche mit zwei äugen be- 
zeichnet ist (s. petersb. wdrterb.). Letzterem geben aach 
Amaraköia u. a. die im petersb. wörterb, nicht belegte be- 
deutung zweifei, so dals dann ein enger Zusammenhang 
mit got. tveifla- hergestellt wäre. Die Verkürzung von 
para-! zupra-, plo- am ende von compositen würde keine 
Schwierigkeit machen, allein die bedeutungen von dvä- 
para und duplo- sind nicht so leicht zu vereinigen. Ich 
ziehe daher vor skr. kälä zu vergleichen, welches am ende 



ttber einige nameralia maltiplicativa. 433 

von compositis erscheint, z. b. eka-kala*m adv. nur dn- 
uial am tage, Ska-käl-ika (vgl. sim-pli-c-) nur einmal 
stattfindend, tri-kala-m dreimal. Das wort erscheint 
auch mit kurzem a in tri-kalä nom. pr. einer göttin, die 
aus der Verbindung dreier götter hervorgeht, ferner in sa- 
-kala, welches das ganze bezeichnet als das eintheilige 
(sasBssam, lat. sim-, sem- sssgriech.a), d.h. ungetheilte, 
einfache. Man wird also k&la die theilbare zeit mit kälft 
kleiner theil eines ganzen verbinden dörfen, wie ja auch 
vära, welches sonst im sanskrit unserem „mal^ entspricht, 
ursprünglich nur „zeit ^ bedeutet. Ich setze nun sa-kala* 
3= sim*p(u)lo-, tri-kala =% tri-p(u)lo-, was im fol- 
genden zu begrtknden ist. käl& wird nämlich im gotischen 
hveila; über die mischung der a- und i-reihe vgl. Schlei- 
cher zeitschr. VII, 221 ff., ich füge hier den von Schleicher 
gesammelten beispielen nur noch einige hinzu: ahd. feil, 
feili venalis neben nord. fal venalis, fala feilschen, 
handeln, Graff III, 495 bietet auch im althochdeutschen 
einen nom. plnr. fali venales, diese worte gehören zu 
niQ-vri'^u u. s. w. ; ferner got. 'aika, erhalten in af-aika 
ciQVov(jLai=Ar. iihvL dizit, lat. a(g)]o, ad-äg-ium; ahd. 
sweif :=: ßoßri fQr *(fjroßtj; got. us-ki-j-an, kein-an aar 
skr. ^d-ja-ts, wz. ga, ^an; ags. thrtst, thriste, nhd. 
dreist == skr. dhHta, wz. dharä. Das v, welches sich 
in hveila entwickelte, verband sich mit dem gutt. in be- 
kannter weise zu p, got. f. So ward kala- zu lat. *-pülo- 
ünd dies zu -plo- wie mänipülus bei dichtem zu mä- 
ntplus, das alte discipulina Plaut. Most. 154 zu di- 
sciplina u. a. Ueber lat. pesxurspr. k vgh Corssen krit. 
nachtr. 29. Entsprechend ward griech. ^tioXo'- zu -nXo-^ 
got. -fala- zu -fla-; in ahd. zwtfal ist das a wohl kaum 
als aus der urzeit bewahrt zu betrachten^ verdankt viel- 
mehr dem häufigen vocaleinschnbe seine existenz; vergi. 
abd. bittar, got. baitrs, nord. bitr*). Sim-plu-s, du- 



♦) Der labial in altbaktr. bi-fra zwiefach, zweifelhaft (belegt ist nur 
a-bi-fra gewifs), welches ich fülher ttberaehen hatte, bestimmt mich jettt 
(juli 1867) die erste erklilrang von -plo- = skr. para für wahrscheinli- 
cher zu halten. 

Zeitschr. f. vgl. sprachf. XVI. 6. 28 



434 Schmidt 

-pIu-6 u. 8. w. bedeuten also ursprünglich eintheilig, zwei- 
theilig. 

Mit den analogien für die eingangs erwähnte erklä- 
rang Ton got. -falth-s ist es also ziemlich schlecht be- 
stellt, denn auch die noch übrigen zwei sind unsicher. 
öi-nTvxo'g bedeutet bei Homer nur doppelt gefaltet, T(}i- 
•TiTvxo^g aus drei schichten oder lagen bestehend, und erst 
die tragiker gebrauchen sie i& sinne von zwiefach, drei- 
fach. Ferner unser «vach erscheint erst im mittelhoch- 
deutschen, und zwar zum theil noch vom zahl werte ge- 
trennt als selbständiges Substantiv: da3 verraten ist drier 
vacher Ls. I, 435 (s. Grimm wtb. III, 1221), ist also eine 
ganz junge bildung, von welcher durchaus kein zwingender 
schlufs auf jene alten formen gilt. 

Gehen wir nun an die Untersuchung des got. -falth-s 
selbst. L. Meyer zeitschr. VIII, 130 stellt ^na^ in a-nal^ 
lat. -plec- (richtiger doch -plic-) deutsch -fach, -falt 
und got. falthan alle zu skr. park, praes. prnäkti, con- 
jungere. Falthan soll also aus ^falhthan entstanden 
sein. Als beleg fOr den ausfall des b führt L. Meyer wei- 
ter nichts an — als lat. ultus aus ulctusl' Man mu£s 
aber ganz entschieden die möglichkeit dieser erklärung 
verneinen. Skr. park hätte allerdings got. falh zu lau- 
ten, und in dieser form hat sich die wurzel im kärntischen 
falche falte (s. Lexer kämt wörterb.) erhalten. Tritt nun 
irgend ein dental, gleich viel ob t, d, th, sei es als wur- 
zeldeterminativ, sei es als anlaut eines Suffixes hinzu, so 
mufs nach allgemein anerkanntem gesetze h-f- dental zn 
ht werden, also würde falht oder mit der häufigen uoh 
Stellung flaht entstehen, und so liegt uns die wurzel al- 
lerdings vor in flahtöm dat. pl. nXiyfiaGi, Aber falthan 
beweist eben durch sein th unumstöfslich, dafs es kein h 
verloren hat, in welchem falle es ^faltan lauten mdiste 
(wenn man die möglichkeit, dafs h im gotischen so aus- 
fallen kann, überhaupt einräumen wollte). Aufserdem aber 
sind fbr erklärung deutscher worte stets die nächst ver- 
wandten sprachen, slawisch und litauisch, zu berücksiclh 
tigen, welche hier in den meisten fällen von gröfserem we^ 



über einige numeralia multiplicativa. 435 

the für die wortdeutung sind als irgend eine leicht herbei- 
zuziehende sanskritische warzel. Das slawische bietet nun 
plet§9 inf. ples-ti plectere laut iür laut entsprechend dem 
got. falthan. Auch f&r das slawische ist bis jetzt der 
aasfall eines k vor t noch nicht nachgewiesen. Will man 
also got. falthan und altbulg. plet^ durchaus mit plec- 
tere zusammenbringen, so mufs man den verlust des k 
in die slawo- deutsche grundsprache verlegen. Doch ver'- 
lieren wir uns nicht in unnütze hypothesen und kehren 
wir zurück zu got. falth-s, für welches wir also, ebenso 
wie ftkr falthan, den verlust eines h vor th leugnen 
müfsen. 

Auch hier bieten die nordischen sprachen uns hilf- 
reiche band. Im litauischen wird ,,mal^ bei zahlen durch 
kärta-s ausgedrückt, ven§ kärt^ einmal, du kartü 
zweimal, tris kartüs dreimal u. s. w. (Schleicher lit. gr. 
8. 154). Ihm entspricht bis auf den stammauslaut genau 
altbulg. kratü in düva kraty bis, tri kraty ter u«s.w., 
poln. kroö, welche Bopp (vergl. gr. 11, s. 100) mit dem 
vedischen krtu in panKa krtvas fünfmal u.a., und krt 
in sa-kft einmal verbunden und auf wurzel kar facere 
zurückgeführt hat. Zu diesen gesellt sich nun got. falth-s, 
welches mit Vertretung von urspr. k durch f, wie in fimf, 
fidvör, vulfs u. a., aus urspr. karta entstanden ist. 
Curtius (zeitschr. f. d. alterthumsw. 1847, p. 491 und 1849, 
p. 344 und n. jahrb. f. philol. und päd. 1854, s. 93 f.) setzt 
das oskische pert, welches zahladverbia bildet, mit kär- 
tas, kratü, krtu gleich; ist dies richtig, so läge hier auf 
italischem boden derselbe labialismus vor wie im goti- 
schen; vgl. indes zeitschr. Y, 107; XIV, 420 ff. Was nun 
den Stammauslaut von got. -falth- betrifft, so erscheinen 
die damit zusammengesetzten ain-, fidur-, taihuntai- 
hund-, manag-falth meist in dem ebenso lautenden 
acc. sg. neutr., auiserdem nur ainfaltha-ba Skeir. III, c 
und 86 managfalthö handugei guths Eph. 3,10, der 
stamm ist also deutlich «-faltha- und schliefst sich mithin 
eng an lit. kärtas an. Das deutsche unterscheidet sich 
von den verwandten sprachen dadurch, dafs es zusammen- 

28* 



436 Schmidt 

Setzung eintreten liefs, wo diese beiden Worten ihre »elb 
ständigkeit wahrten. Einen anUnf hierzu macht schon dai 
Sanskrit in seinem sa-kft. Auch ein lit. *Ten-karti-< 
wäre ganz dem sprachgeiste gemäfs. Der fibergang dei 
bedeutung von ein-, zwei- u. s. w. -malig in einfach, zwie- 
fach, d. h. eintheilig, zweitheilig darf nicht befremden, om- 
gekehrt liegt er vor im altnordischen, welches skipti theL 
zur bezeicbnung von „mal^ verwendet, z. b. hit fyrsti 
skipti das erste mal. 

Eine andere noch nicht genügend betrachtete reihe 
von numeralableitungen schliefst sich an die sanskritischec 
zahladverbia auf -d ha dvi-dhä, tri-dhä u. s. w. Dafe 
diese mit griech. Sl-^a, tqI-^x^^ ^'">^^j '^Q'-^X^i identisch seien, 
ist längst allgemein anerkannt (s. Bopp vergl. gr. II, 101> 
Eine auffällige Übereinstimmung zeigen noch skr. katidbi 
an wie vielen orten und das gleichbedeutende noca-x^, 
(grnndform katja-ghä). Da gutturale oft in dentale 
übergehen, das umgekehrte aber wohl nur durch folgende 
consonanten bedingt stattfindet, so hat man als grundform 
des Suffixes -ghä anzusetzen, welches wohl ein instr. sg. 
eines Stammes auf -gha ist. Wir nehmen also die stfimme 
urspr. dva'gha, tri-gha u. s. w., griech. d(«-;^o-, '^Q^'^o- 
an, auf welche auch die adverbia öi^äg, tqix^^ n. 8.w. 
führen, und suchen ihre verwandtschafib in den anderen 
sprachen auf. Im altbaktrischen wird urspr. gh unter an- 
derem durch i vertreten (vgl. Schleicher oompend.' s. 191). 
und 8o finde ich denn in tbri-^-rat n. drittel und thri- 
-z-vat dreimal das fragliche sufiSx. Beide werte sind aus 
einer zu gründe liegenden form ^thri-£a*, jenes darch 
anhängung von urspr. -ant, neutr. -at, dieses von -vant, 
neutr. -vat, hervorgegangen. Justi (handb. der zendspr.« 
grammatik §. 321) führt unter den secundäreufBxen audi 
• ant auf mit der bemerkung: „aus vafit entstanden^, ich 
habe aber nicht die kühnheit ihm beizustimmen. Wie 
thri-2-vat zu dem vorausgesetzten thri-i^a, so verhält 
sich thri-vant dreifiEich , dreimalig zu t h r i. Das zend 
bestätigt also unsere annähme eines ursprünglich gattora- 



über einige numeralia multiplicativa. 437 

len elementes im sufBxe, eine fernere stütze wird ihr wei- 
ter unten aus dem litauischen erwachsen. 

Ursprflngliches g h wird aber im griechischen auch zu 
€p (Schleicher comp., Curtius gr. et.% s. 423 f. )? and so 
sehe ich in 8i-(fd»aiO'-gf rgi-rpcc-oio-i; abermals unser sufBx 
-gha. Wie nämlich iv&d-ato^g Hes. von iv&a^ 3i-nkd^ 
^aio-g von dinXo- oder di-nkri-, ngv/uvr-aio-g von nQVfAvri 
mittels su£P. -(Tto- = skr. -tja- gebildet sind, so di-cpa^ 
-^aio-g, TQi'(fd'<fio-g von *di'(fa, *tQi'(fa. Sie drangen 
dann auch in das lateinische ein, wo sie mit Wandlung 
von 8 zu r als bifarius, trifarius so geschickt roma- 
nisiert wurden, dafs man ihren fremden Ursprung völlig 
vergafs und nach ihrer analogie auch ein multifarius 
bildete. Das sufiSx ^cio «= tj a trat an den instr. sg. 3l-(pa 
SS di'X^ = dvi-dbi, wie in skr. amä-tja* hausgenosse 
von amä daheim, kv&d'aio-g von 'iv&a^ skr. iha-tja- von 
ibi, tätra-tja von tätra, in welchen sicher auch er- 
storbene casus vorliegen; vgl. ferner tadä-nim, idä-nim 
u. a., die Benfey ausf. skr. gramm. s. 238 als weibliche no- 
minalaccusative erklärt, welche von tadä, ida abgeleitet 
sind. 

Andererseits finden sich aber ableitungen aus urspr. 
dva-gha-, tri-gha- u. s. w., wie wir jetzt sehen werden, 
in allen indogermanischen sprachkreisen. Im griechischen 
trat an die stamme äixo-y '^Q^X^- das suffix urspr. -j-a-, 
und *SixJo , ' *TQixJo wurden mit wandelung von -/j in ca 
oder TV (worüber Curtius g. e.* 596 ff. zu vergleichen) zu 
5i0ö6g, diTTog, TQiaaog, r^irtog. Diese formen erklären 
Benfey (zeitschr. II, 220) und Curtius (g. e.'* 215) aus *Sfc- 
'Tjo-g = skr. dvi-tfja-s und *TQi-rjo-g = skr. tr-tfja-s. 
Lautlich steht dieser auffassung nichts im wege, denn rj 
wird bekanntlich ebenfalls zu (T(T, rr, wie aber lassen sich 
die bedeutungen „der zweite, dritte" mit „zwiefach, drei- 
fach** vermitteln? Ferner weisen die ionischen formen öl- 
log, ^Qt^dg wohl auf unsere ansieht hin. Das ^ liefse sich 
I zwar auch aus ursprünglichem dental -f-(T erklären, wie in 
aland^do^ noXe/ni^io, nai^oi^iai von ctland^ci), noksfii^u)^ 
jiai^if). Indessen wird man auch vom rein lautlichen ge- 



438 Schmidt 

sichtspunkte die erklärung vorziehen müssen, welche a 
wenigsten unursprüngliche lautwandlungen voraussetzt. Dj 
her bat denn früher Benfey (im griech. wz. lex. II, 219, 26( 
und nach ihm Grafsmann (zeitschr. XI, 25) mit vollei 
rechte *SixJog, *tQixJog als grundformen angesetzt. Wi 
der stamm gham in altbaktr. zem, lat. humus, griecli; 
X^f^ciiy lit. zem6, altbulg. zemlja durch ein parasitischem 
j zu *ghjam wurde, welches im griechischen durch ;^^Ai}^ 
stamm x^ov- (aus *xSJofi, *;^^o/i, *x^^h) vertreten ist, im 
Sanskrit aber durch assibilation und dadurch bedingte Ver- 
härtung und haucheutziehung der aspirata sich in ksaa 
verwandelte (vgl. Kuhn zeitschr. XI, 310, Grafsmann XE 
94; für ks aus kj bringt auch Weber zeitschr. X, 463 
anm. zwei beispiele), so mflfsen wir annehmen, dafs dva- 
-ghja-s sich zu *dvaksas umgestaltete, welches dum 
durch das ionische Si^og repräsentiert wird. Aber ancli 
die andere nach x beliebte Vertretung des j durch & fin- 
det sich in Six&ce, rgi^x^^^ tsTgax&cc, welche sich, wie 
Curtius (g. e.^ s. 604) bemerkt, zu äix(Xj tqIxccj Tizga^a 
verhalten wie vatdriog zu vararog^ Xoiö&iog zu Xola&o^. 
Wir haben also die reihe *dva-ghja-, &|o-, Si^^&o- gt- 
nau entsprechend der obigen reihe *ghjam, ksam, x^oy-. 
Unsere erklärung wird aber noch durch die verwandtes 
sprachen gestützt. Im lateinischen entspricht dem diocö; 
laut ftir laut dü-biu-s f&r *dvi-b-iu-s (vgl. du-pla-6 
aus dvi-plu-s). Es ist freilich nicht mehr zu ersehen, 
ob dvi-dha- oder dvi-gha dem worte zu gründe liegt 
denn im lateinischen wird bekanntlich sowohl gh als db 
durch f, inlautend durch b, vertreten. Ich denke diese 
erklärung bedarf gegenüber der von Curtius (zeitschr. XIE 
397) gegebenen von du-bi-u-s als zwiegehend (dva + 
WZ. ba 2= ga gehen) keiner weiteren erapfehlung. Ferner 
entspricht dem lat. dubius u. s. w. ganz genau altbaktr. 
dvaidi acc. sing, neutr. zweifelhaftes, welches nach Josti 
nur in dieser form an einer einzigen stelle belegt ist. Hier 
liegt, wie in skr. dvi-dhä, die dentale aspirata vor. Was 
den Stammauslaut betrifft, so hält Justi das i fär ursprüng- 
lich, denn er ftkhrt die form bei der declination der i- 



ttber einige nnmeralia multiplicativa. <I39 

Stämme (gramm. §. 536) an. Der mangel des m könnte 
sdlerdings hierfür sprechen, befremden mufs aber die deh- 
nung des I. Die beiden anderen bei Justi a. a. o. aufge- 
führten beispiele uäi und büiri-Ka zeigen den regelrecht 
zu erwartenden kurzen vocal. Langes i ist aber sehr oft 
aus j a entstanden (vgl. Justi §. 23, 9) und so könnte dvai- 
-d-i aus ursprünglichem dva-dh-ja-m entstanden sein 
(vgl. däitim acc. sg. neutr. von däitja gesetzlich, s. Justi 
§. 583 und wörterb. s. v.), indem das auslautende m wie 
in bva 1. sg. aor. von wz. bü sein und im sui&x des dat. 
abl. instr. dualis -bja neben bjänf (vergl. Justi §. 103, 9) 
abfiel. Es verhielte sich also dvaidi ftir ^dvadhja zu 
skr. dvidhä wie Siaao" zu Sixcc. Wegen der bedeutung 
von dubius und dvaidi vgl oben tveifla-, ahd. zweo. 
An die obigen worte schliefsen sich ganz genau an 
altbulgariscb dvazdy, auch dvaidi geschrieben, bis, 
tris^dy, tris^di ter. Das suffix zeigt, wie im arischen, die 
Wandlung von gh in dh, welches im altbulgarischen, wie 
im altbaktrischen seine aspiration verlieren mufs. Nach 
ebenfalls bekannten lautgesetzen wird dj zu zd, so dafs 
also dva-dh-ja zudva-zdü werden muste, dem stamme, 
welcher obigen erstarrten casus zu gründe liegt. Bemer« 
kenswerth ist die einmal belegte nebenform trizda ter 
(s. Miklosich lex.), weil sie laut fttr laut mit rgi^x^d iden- 
tisch ist. 

Das litauische trennt sich hier vom slavischen, indem 
es den gutturalen beibehält. Ich stelle nämlich hierher die 
bildungen auf -gj^s, -gis, welche die zahl der altersjahre 
bezeichnen: dvei-g]^-s, trei-gy-s, ketver-gi-s, pen- 
ker-gi-s, sze&zer-gi-s zweijährig u. s. w. In dvei, 
trei hat man wohl nicht skr. dva-ja, tra-ja zu suchen, 
sondern dva wurde zunächst in die i- reihe hinüber ge- 
drängt, dvi, tri dann zu dvei, trei gesteigert. Dals 
dies der hergang war, beweisen skr. tre-dhä adv. drei- 
fach, träi-dha adj. dreifach, dve-dhä adv., dväi-dhä 
adj. zwiefach, altir. trede trinitas, gdf. träi-dh-ja-m. 
In ketv6r-gi-8 rückt das -gi-s unmittelbar an den al- 
ten stamm ketver- = skr. katvar, dessen analogie pen- 



440 Scliinidt 

ker-gi*8, szeszer-gi-s ihr er verdanken^ wie ja gerade 
bei den Zahlwörtern oft eine bildung andere in ihre aaa- 
logie zieht; vgl. z. b. ital. quinter-no nach quater-nas 
gebildet. Das -gi-s, -g7*8 ist nach bekannten lautge* 
setzen aas -gh-ja-s hervorgegangen, dveig/s, treig^s 
entsprechen also, von der Steigerung der grandzahl abge- 
sehen, genau den griechischen Siaaog^ TQiaaog^ auch in der 
accentuation merkwürdig mit ihnen und skr. dvidh4, 
tridhä übereinstimmend« Es liegt demnach in ihnen ur- 
sprünglich gar keine bezeichnung des jahres vor, sondern 
sie bedeuten nur zwiefach, dreifach u. s. w. und wurden 
erst durch den usus auf die altersjahre beschränkt. Ganz ähn- 
lich bedeuten sexagenarius, septuagenarius u. a. ur- 
sprünglich nur sechzig, siebzig enthaltend, z. b. bei Frontin. 
aquaed. 54 fistula sexagenaria eine sechzig zoll lange röhre, 
ib. 56 listula septuagenaria eine siebzig zoll breite röhre, 
später wurden sie nur vom lebensalter gebraucht. Ebenso 
ist es mit unserem „sechziger, siebziger^ u. s. w. Althoch- 
deutsch ist dvi-gha als zwig (der den stamm verdop- 
pelnde) erhalten. 

Wir haben also im griech., ahd. und litauischen stamme 
auf urspr. *-gha, im sanskrit und slawischen auf *dha, im 
aftbaktrischen auf -gha und -dha; im lateinischen ist 
nicht mehr zu erkennen, ob -^gha oder -dha zu gründe 
liegt. Gegen unsere oben aufgestellte annähme, dafs gha 
das ursprüngliche sei, spricht also nichts, für sie viel. 
Dies -gha ist wahrscheinlich mit dem gleichlautenden pro- 
nominalstamme skr. gha, ha, griech. /€, got. -k (in mi-k, 
thu-k) identisch. 

Schliefslich sei hier noch auf eine uralte multiplicativ- 
bildung hingewiesen, von welcher, so viel ich sehe, nur 
das sanskrit und litauische schwache spuren bewahrt ha- 
ben. Das litauische bildet nämlich neben den gewöhn- 
lichen dvi-linka-s, tri-linka-s zwiefach, dreifach noch 
dvl-guba-s, tri-guba-s (nur diese zwei formen sind 
erhalten). Diese sind augenscheinlich verwandt mit vedi«- 
sehen numeralbildungcn auf -gva, von denen folgende vor- 
kommen: näva-gva- neunialtig, aus neun bestehend. 



über einige namendia muUiplicativa. 441 

Sä^a-gva- zebn&ltig, vergl. auch Atithi-gva nom. pr., 
Femer dapa-gv-in zehnfach (Rv. VIII, 1, 9: je te santi 
da^agvina: ^atinö j^ sahasrina: | apväsö) und 9a* 
ta-gv-in hundertfaltig welche aus da{$a-gva und voraus- 
zusetzendem *9ata-gva hervorgegangen sind wie ^at-in, 
;sahasr-in aus ^ata, sahasra. Im litauischen findet sich 
<ein Suffix -ba zur bildung denominativer adjectiva öfter 
verwandt (s. Schleicher lit. gramm. §. 54, s. 128); aller- 
dings wird meist der auslautende stammvocal des zu gründe 
liegenden wertes beibehalten und zu i geschwächt^ welches 
durch den accent (diese bildungen sind paroxytona) zu 7 
gelängt wird, z. b. valy-ba-s willfährig (vale' wille), 
anksty-ba-s frühzeitig (ankstl früh), vel^-ba-s spät 
(ve'Iai spät). Ich nehme nun an, dafs dvl-gu-ba-s 
entstanden ist aus *dva-gva-ba-s, indem obiges -ba- 
an eine den belegten sanskritformen analoge form dva- 
-gva trat, deren auslautendes a nicht zu i geschwächt, 
sondern mit dem voraufgehenden v zu u contrahiert wurde, 
gva : gu = ved. dvä zwei : du. Die beiden formen auf 
<-gu-ba-s sind Überreste einer jedes falles sehr alten bil- 
dungsweise, wie aufser ihrer geringen anzahl und ihrem 
seltneren gebrauche der umstand beweist, dafs nur das ve- 
dische sanskrit noch verwandte besitzt, welche schon in 
der klassischen spräche verschwunden sind*). Sie stammen 
aus einer zeit, in welcher sich wohl vor dem secundärsuf- 
fix -ba- noch andere laute als das später allein herr- 
schende j fanden, wie ja das primärsuffix -ba durchaus 
nicht an diesen Vordermann gebunden ist. 



*) Auch das altbulgarische hat ganz genau entsprechende worte in 
dvo-gnbi duplo major, tri-gubi triplex. 

Berlin, nov. 1866. Johannes Schmidt. 



442 Ascoli 

Die entstehimg der skr. tenuis palatal- 

aspirata*). 

Bopp vgl. gramm. §.14 (2. ausg.) sagt einfach: , 
aspirirte tenuis dieser klasse, nämlich kh, erweist sic:k 
durch die verwandten europäischen sprachen überall als 
entartung der lautgruppe sk, sc^. Näheres über die entr 
stehungsgeschichte dieses lautes wird bei ihm vermiist 
Der erste lauthistorische versuch gehört wohl Lassen, der 
sich ind. biblioth. III, 50 f. auf folgende art ausdrückt: 
^Wir sollen, heifst es, das kh durch Ik verdoppeln, weil 
es Position macht. Woher kommt aber einem einzelnen 
consonanten vorzugsweise vor allen seinen brüdem dieses 
gewicht zu? Wenn ich nicht irre, so ist im anlaute vor 
dem ]t ein 9 ausgestofsen, dessen prosodische kraft blieb, 
auch nachdem es in der ausspräche und schrift verschwun- 
den war. Hierauf fQhrt die vergleichung von khid mit 
scindo, (Sxi^fOy skaidan; khäjä mit axid; khad mit 
dem gothischen skadus, skadvjan. Die indische erste 
aspirata entspricht am häufigsten der tenuis der altclassi- 
sehen sprachen. Ein beispiel von der Verdrängung eines 
anlautenden p ist im sansk;^it selbst vorhanden: kjut = 
pkjut". 

Benfey wurzellex. I, 166 wollte Lassens schlnfs (orspr. 
pkh für kh wegen der europ. refiexe; die Seitenzahl ist 
dabei verdruckt) nicht gutheifsen, hat jedoch seither seine 
eigene ansieht über die entstehung unserer aspirata modi- 
ticirt, vgl. diese zeitschr. VIII, 82. Die genauere art und 
weise, wie jetzt dieselbe von diesem forscher erklärt wird, 
ist mir aber leider nicht bekannt Allerdings ersieht man 
aus der eben citirten stelle, dafs er keineswegs auf alle 
übrigen fälle das von ihm (kurze skr. gramm. ss. 32, 79 £) 
in betreff des zur bildung von präsensthemen antretenden 
-kha behauptete, d. i. ks (ks) als ursprüngliche lautgestalt, 
erstreckt wissen will. 



'*') Dieser aufsatz gehörte seinem hauptinhalt nach eigentlich in die 
beitrage, doch schien es mit rttcksicht auf die voranstehende arbeit Savels- 
bergs Kweckmäfsiger ihm hier seinen platz anzuweisen. anm. d. red. 



die entstehung der skr. tennis palatalaspirata. 443 

Pott fQhrt zigeaner II, 210 folgende hypothese auf: 
^Da im sanskrit (aufser Khuri) auch ksuri, a knife, 
käura, a razor, und khura, a horse-hoof; da ferner das 
Shaksp. dict. den Übergang anlautender skr. ks auf der 
einen seite in Sli, auf der anderen in kh, z. b. bind. Khär 
(ashes) und khär, alkali, vgl. mit skr. käära, zur genüge 
rechtfertigt, steigt in einem leicht die vermuthung auf, ob 
nicht die Vertretung des Kh durch ax^ ox in anderen spra* 
eben, et. forsch. I, 88, darin ihren gründ habe, dals dem 
Kh eigentlich ks vorausging, wovon <;/, öx die transposition 
bildeten^. Diese hypothese wird wohl auch deren urheber 
wenigstens in so weit aufgegeben haben, als dabei ks (ks) 
als die beständige älteste lautgestalt gegen das einstimmige 
zeugnifs der europäischen schwestersprachen und auch ge- 
gen speciell indische Zeugnisse angenommen wurde. In 
ihrem zurückbleibenden theile (kh aus ks; folglich die 
lautabstufung : sk, kä, kh) berühre ich sie unten, neben 
der Lassenschen erklärung, wieder. 

Kuhns ansieht über die uns beschäftigende lauterschei- 

nung läfst sich kurz 'aus dessen tief eingehenden erörte- 

rungen (im dritten bände dieser Zeitschrift) folgendermafsen 

darstellen: urspr. sk ist zu sk, skh (9k ^kh), endlich durch 

Schwund (assimilation) des Zischlautes zu kh geworden 

(326); das nach vocalen dem kh vorgesetzte k ist nichts 

anderes als das dem kh assimilirte s(9), und so reiht sich 

kkh aus sk, abgesehen von der palatalisirung des guttu- 

rals, der präkritischen erscheinung genau an, wonach z. b. 

aus skr. asti (est) präkr. atthi wird (ebend. und p. 328. 

329). Skr. sp st u. s. w. wird also nach Kuhn durch sph 

sth u. s.w. im freien anlaut ( Schwund von s) zu ph th; 

im inlaut aber zu pph tth, indem sich „die vorangehende 

Spirans s assimilirt hat, ein Vorgang, der sich physiologisch 

kaum anders erklären läfst, als so, dafs dies s erst in das 

stark gehauchte h überging und sich erst dann der fol* 

genden aspirata assimilirte^*). Folglich: st sth hth tth 

*) Es stimmt somit Kuhn in betrelQf des hier besprochenen prfikritisohen 
lautwa&dels mit A. Höfer voUkommen Uberein, der sich in seinem übrigens 
wohl zu sehr vernachlässigten buche „zur lautlehre '^ (s. 426) folgender^ 



444 Ascoli 

u. s. w. bei allen übrigen. Ich gestehe^ dafs mir diese laut- 
entwickelung an und für sich sehr bedenklich erscheint. 
Wir müssen dabei für das präkrit einen durchgreifenden 
aspirirenden einflufs des selbst zu h hinneigenden uad be- 
ständig im anlaut schwindenden s, und die im inlaute durch- 
greifend anhaltende (endlich durch Verdoppelung veränderte) 
so unprakritische Zwischenstufe hth hph u. s. w. (ffir den 
uns nächst liegenden fall: hkh), ferner bereits in der älte- 
sten skr. literaturperiode eine alterirung viertea grades 
flar das urspr. sk (^M: ^kh hlch kkh, oder skh güth hkii 
kkh) annehmen. Kuhn hat sich selbst eingewendet (330), 
dafs im präkrit aus sk nicht (k)kh, sondern (k)kh (skanda 
k hau da) wird; „aber eben der umstand (heifst es v?eiter 
bei ihm), dafs sk im sanskrit überhaupt eine seltene Ver- 
bindung ist, erscheint hierbei von gröfsestem gevfdcbt [es 
kommen aber auch die fälle von skr. äk, pr. *sk kh hinzu. 
A.], und es ist kaum mehr als zufall, dafs der gattural 
nun nicht in den palatal überging, da in den zahlreichen 
fallen, wo k mit folgendem s zu kä verbunden erscheint 
die regel für das präkrit allerdings auch der Übergang zu 
kkh ist, daneben sich aber zahlreiche beispiele auch des 
Überganges zu kh (Mh) zeigen^. Einerseits erscheint mir 
aber unser verehrter herausgeber durch einen solchen ein- 
wand gegen sich selbst zu streng, da es sich um keine 
eigentliche prakritisirung sondern um einen altärischen iQber- 
gang von k zu k handeln ^ird; und andererseits überzeugt 
mich die erledigung des selbsteinwandes nicht, da über- 
haupt präkr. k kh aus skr. k kh nicht vorhanden ist*), 
folglich auch nicht z. b. präkr. akhi akkhi (skr. aksi) 
aus ^akhi *akkhi, sondern wohl direkt aus aksi, somit 



mafsen ausspricht (desselben präkrit. gramm. ist mir nicht zur hand): «Ein« 
der wichtigsten entdeckungen , die sich mir in betreff des präkrit ergaben, 
war die bemerknng, dafs s eine bedeutende aspirationskraft besitze, vermogp 
deren es jede ihm verbundene tenuis im anlaute, wo es dann verschwindet, 
zur aspirate umlautet, im inlaute hingegen auf dem wege der assimilation 
mit der ihr entsprechenden, nach einem allgemeineren gesetze nachfolgenden 
aspirate verbindet**. — Ueber skr. Kh schien Höfer zu keinem bestimmten 
Schlüsse gekommen zu sein; s. ebendas. s. 307. 

*) Als einzige ausnähme im anlaute vor i der volksname Kiläda ss 
kiräta, Lassen inst, pracr. §. 38, 1. 



die entstehung der skr. tonais palatalaspirata. 445 

Jtlth als zerquetscbtes kä, wie aueb Mb als zerquetschtes 
ts und ps vorkonunt *), zu erklären ist. Es ist also auch 
folgender präkritiscber lautwandel: sk skh ^Kh Mb, der 
übrigens für Kuhn selbst weder nothwendig noch am be- 
sten passend war, nicht einzuräumen. 

Schleicher sagt im compendium (§. 123): ^kh und kh 
treten für ursprüngliches k nach s (im sanskrit) ein, dies 
s fällt dann öfters hinweg^. Der ausdruck ist hier viel- 
leicht ausnahmsweise nicht ganz glQcklich ausgefallen^ denn 
es könnte scheinen als ob auch skh (pkh) neben kh be- 
stünde, was bekanntlich nicht der fall ist. Üebrigens 
schliefst sich Schleicher der Kuhnschen ansieht wesent- 
lich an. 

Stöfst aber diese schon an und für sich auf die oben 
angedeuteten bedenklichkeiten, welche auch gegen die im 
gründe auf eins hinauslaufende Lassensche auffassung ihre 
geltung haben, und mufs bei Potts freilich alter vermu- 
tbung fortwährend neben einander skr. metathesis und 
präkr. zerquetschung (die allerdings bei k^uri khuri vor- 
liegen mögen) bereits in der ältesten skr. literaturperiode 
angenommen und durchweg die eränische wahlstimme ver- 
nachlässigt werden, so glaube ich hingegen schon längst 
(vgl. z. b. die it. zeitschr. „Politecnico" XXI. bd. s. 87, 1), 
dafs sich skr. kh aus urspr. sk und Zugleich die prä- 
kritische behandlung der skr. lautgruppen sk sp 
u. s. w., d. i. ein sehr bedeutender theil des prä- 
kritischen lautwandels, auf sehr einfache und befrie- 
digende weise fojgendermafsen erklären läfst: 

Aus urspr. sk ist oft, bereits in der arischen 
(indo-eränischen) periode, durch den gewöhnli- 
chen Übergang von k zu k, ^k entstanden. Diese 
lautstufe dauert im altbaktrischen fort: urspr. 



*) Präkr. kb aus altem ts ps, das Lassen mit recht ziemlieh befrem* 
dend schien (ib. s. 266 n.)» dürfte durch Päuskarasädi's andeutung (Benfejr 
vollst, skr. gramm. §. 15) erklärlicher werden, wonach k K t t p vor einem 
Zischlaut in ihre aspirata übergehen können. Somit z. b.: vatsara *vath- 
sara *vathsara (vgl. skr. ks aus ks) vaKkhara. Auch zwischen skr. ks 
und präkr. Kh wäre *kh8 anzusetzen. Aus der füsion von ks (ks) ts ps 
ergibt sich unschwer die palatalis, schwerlich aber zugleich die aspiration 
der letzteren. 



446 Ascoli 

skid^ altb. ^fc'id, skr. k'hid; nrs^r, skad^ altb. gkac 
skr. k'had. 

In Indien ist die arische gruppe 9M, ihre 
besonderen bescbaffenheit wegen, am frQhestei 
jener alterirung unterworfen worden, die all- 
mählich in indischer zunge sämmtliche ecbi 
consonantische combinationen erfahren habeo. 
deren erstes glied ein zischlaut war, und die 
darin besteht, dafs letzterer als zweites glied 
und zwar in der gestalt von h erscheint. Bs ist 
folglich z. b. k'^h-id weiter nichts als die präkri- 
tische ausspräche von *^&'-id; gerade so wie 
a^m-h'i (mhi) vi^n-h^u k^h-^andha die präkriti- 
sche ausspräche für a-^m-i vi-if^^u sk-andha ist 

Wird dem skr. M:h, ähnlich so wie dem inlau- 
tenden präkr. aus st u. s. w. entstandenen tli 
u. s. w., hinter vocalen die entsprechende tenuis 
vorgesetzt {gak'k'hati u. s. w.), so hat dies meiner 
ansieht nach blos darin seinen grund, dafs Mb, 
ebenso wie präkr. th u. s. w. aus st u. s. w., keine 
einfache aspirata war, sondern als wirkliche 
(folglich auch positionswirkende) consonaoten- 
gruppe mit entschiedener absonderung der bei- 
den demente (k+h; vgl. mh mbh=c=sm) ausgespro- 
chen werden mufste*). Einen schlagenden beweis 
för die richtigkeit meiner ansieht finde ich 
darin, dafs die Versetzung der tenuis auch dort 
stattfindet, wo jedermann die einfache Umstel- 
lung zugeben mufs, wie bei präkr. bbh aus hv 
d.i. hb, b-f-h = bbh, der fall ist. Auch vergleiche 
man: präkr. Mh =;: ts, ps. 

Ganz überflüssig ist es nun vielleicht nicht, das oben 
ßlr das präkrit aufgestellte generelle lautgesetz hier so- 
gleich noch etwas näher in'e äuge zu fassen. Neigt sich 
also der zischer (einziger präkritischer zischer: s) als er- 



*) Vgl. dagegen di« abweichende ansieht Savelsberg's oben s. 86S, 

anm. d. red. 



die entetehuDg der ekr. tenuis palatalaspirata. 447 

stes glied eiuer consonantengruppe zu h, so entsteht noth- 
wendig, und wie auf einmal, jene Umstellung, die eben 
auch bei altem in ähnlicher läge sich befindenden h erfol* 
gen niufs. Asmi z. b. wird zu *ahmi, jedoch weiter so- 
gleich ZU amhi, ebenso wie skr. brähmana zu präkr. 
bamhana wird (vgl. oben präkr. bh s= froherem hb hv). 
Dafs auf solche art aus altem ^n 6n am sn sm (die sämmt- 
lieh sich zuerst zu präkr. sn sm nivelliren), präkr. nh mh 
entsteht, ist längst schon erkannt (Lassen inst. pr. §§. 76,3; 
77, 2; 79, 4, 5). Wenn aber Lassen sagt (ib. 76, 1): As- 
similatur 9 consonantibus ordinatis k et kh; alias ne san- 
scritice quidem antecedit. In junctura M, quae e pk ori- 
tur, adspirandum est posterius !£ propter inclinationem si- 
bili präkritici versus h. Propter eandem rationem sanscri- 
tice dicitur takkhästram pro takkästram, — so kommt 
dieser forscher, wie ich glaube, der Wahrheit kaum auf hal- 
bem wege entgegen (vgl. ebend. s. 232), denn es handelt 
sich bei der präkritischen erscheinung blos um kh aus 
hk*); bei der sanskritischen hingegen (takkhästram) 
verhält sich k-h zu früherem k-^ wohl ähnlich so wie 
präkr. k-h zu früherem k-s. Wegen der in beiden fällen 
vorgesetzten tenuis s. oben. '- — Weiter ist auch bei Las- 
sen immer assimilation im spiele, bei (k)kh = Sk äkh sk 
skh; (p)ph = äp äph sp sph; (t)th := st äth,* (t)th = st 
sth ; wogegen für uns immer nachgesetztes h (= s) einfach 
vorliegt, das bei schon dagewesener aspirata (z. b.: -pphur 
== sphur) mit deren zweitem demente scheinbar zusam- 
menfliefst, rechtmäfsig jedoch durch die vorgesetzte tenuis 
hervorgehoben wird. Ist also bei der von Kuhn reichlich 
nachgewiesenen aspirationskraft des s auch irgend ein bei- 
spiel von skr. kh aus ^kh immer denkbar (vgl. ox'^')'i ^^ 
wird dadurch unser gesetz, nach dem zuletzt bemerkten, 
nicht im mindesten gestört. Uebrigens bedürfen vielleicht 



*) Dieser itlr die entstehung von skr, Kh schlagendst analoge präkriti- 
sche fall erklärt sich also nach meinem grundsatze durch folgende pro« 
portion : 

skr. pa9kät : pr. pak-hä = skr. pra9na : pr. pai^-ha, 
■während nach Kuhn folgende lautentwickelung anzusetzen wäre; 

pa9kät *pa9khä *pahkhä pakkhä. 



448 Ascoli 

die einzelnen skr. fälle, wofür Kuhn aspirirendeti einfli 
und späteren seh wund von s behauptet, einer neuen pr 
fnng, um diejenigen davon möglichst zu scheiden, die eh 
durch Umstellung des zu h gewordenen s, d. i. auf re 
prakritischem weg, werden entstanden sein. 

Hat ferner Benfey, wie ich glaube, recht ekr. K in ei 
nigen fällen aus altem 9k zu deuten (vgl. oben das bereit 
von Lassen hervorgehobene beispiel), so verhält sich dii 
um das s gekommene lautgestalt zu der anderen (-Mb 
genau so wie z. b. skr. tära (^stära) zu präkr. -ttba* 
(star). Eine verschiedene Vereinfachung von ^It hat i: 
Eränien stattgefunden, indem die beiden demente zn einei: 
einzigen, besonders inlautend, zusammenschrumpften, üehc 
altb. ^Kid (*skid) haben wir demnach altb. ga-^a {*ga-ski 
skr. gaMha, griech. ßdaxe) u. s. w.; im armenischen, mi: 
kräftigerem palatallaute: ar'-a-d-el, bitten, d. i. an-ge- 
hen, vgl. skr. ar-kh (ar-sk), ^()-;^o-jMa4 (*ar-8ka-) u. s. w.' 
Im sanskrit ist, wie ich glaube, altes 9k auf ähnliche weise 
auch durch s vertreten; in bhä-S {(pdaxio)^ la-8 (läse- 
-ivus) und ähnlichen, und zwar entschiedener als in pra^ 
-tar u. s. w. (vgl. pra^-na u. s. w.). Im neupersischen ge- 
langen wir nach und nach zum einfachen dentalziscfaer 
z. b. sinä-s-am (gno-sco; im infin. aber: äinäkh-tan, 
wegen der alten palatalis; vgl. z. b. sükh-tan, altbaktr. 
puk, brennen); — und das nämliche bildungselement, d.i. 
lat. «sco^"^), ist durch verschiedene und spätere palatali- 
siruDg in romanischen mundarten ebenfalls zum blofsen 
dentalzischer herabgesunken; z. b. venezian. cresse = 
krese mit scharfem s (tosk. cresce = kreSe, lat. crescit)***). 

*) S. Friedr. Maliers frachtbare zusammenstelluDgen , Wien, ntzongsbe 
richte, XXXVIII, 680«, der jedoch ftlr ar'-a-d-el die indischgriecbisch- 
parallele übersehen hat und lat. oro (os oris) ans versehen beibringt. 

**) Lat. gli-sco und skr. hri-Kh (eigentlich erröthen, daraus: sic^ 
schämen) stimmen, so yfie ßaatce gaKkha, in ihren beiden theilen überein 
das g in glisco ist aber weder die um ihr zweites dement gekommene ia- 
dogermanische media aspirata, noch die „lautv erschieb ung** eines voritali- 
schen oder gar sanskritischen h, sondern die regelmäfsig aus urlateinischer, 
h entstehende media, wie ich ausführlich in „latein. und roman. III « nach- 
zuweisen versuche. 

***) Auch in der ersten person: cresso, obwohl kein palataler vooa. 
auf sc folgte (cresco), durch anähnlichung an die übrigen; vergl. venezian. 
pianzo =s piango, wegen pianze = piangi, piange; u. s. w. 



die entstehnog der skr. tennis palatalaspirata. |49 

In Eräni^i hat sich aber wohl auch die älteste laat- 
gestalt des suflSxes -ska, und zwar guten rechtes beim 
nomen (vgl. z. b. im sanskrit: juga, sarga, paka, me- 
gha, karna neben ju^, sai*^? P^^9 mih, ^r-nu), er* 
halten. Wenn nämlich Justi altbaktr. ar-a-pka, neid, 
pere-^ka, preis, durch Umstellung aus den hypothetischen 
formen ^arekhs (= areä) *pareä (*parekhä) erklärt (band- 
buch 364b), so möchte ich ihm darin nicht folgen. Ar- 
• a-^ka (neid) „das feindliche entgegentreten^ ist schwer-^ 
lieh von *ar-ska im skr. ar-kkha-ti zu trennen; und es 
verhielte sich ar-a^^ka zu ar-kkh-, vom binde vocal ab- 
gesehen, genau so wie pere-^ka (kaufpreis als forderung 
wie es übrigens wohl auch Justi auffafst) zu pra-Mkh-. 
Hingegen hat Justi wohl das richtige getroffen, wenn er 
mit altbaktr. ar-a-^ka das gleichbedeutende skr. iräjS 
vergleicht; da die skr. verba irsj, beneiden, irasj „zür- 
nen, fibelgesinnt sein gegen^ (s. Boehtling-Roth) ebenfalls 
auf *ar-sk *ar-a-sk zurückgehen dürften. Es dürfte näm- 
lich dies ableitende -sj =s= -sk (Irascit-ur = irasjati, ob- 
gleich die beiden verba verschiedenen alters sind), d. i. 
als eine von dem oben berührten skr. d =r sk etwas ver- 
schiedene lautgestalt, angesetzt werden, die in skr. sj and 
= skand, sjona = goth. skauns (Kuhn diese zeitschr. 
111,433), und vielleicht auch — wenn es mir erlaubt ist 
eine stark angefochtene Zusammenstellung hier zu erneuern 
— in ^asjanti = lat. escunt u. s. w. wieder vorkäme. 
Ein weiterer beleg für arisch sj = sk steckt vielleicht auch 
in dem namen f&r die linke band: skr. savja, altb. havja, 
griech. Gxatog, lat. scaevus, sl. äuj, dessen verschiedene 
formen ich auf folgende weise in historischem zusammen- 
hange zu bringen suche. Vom urspr. skavja, das in der 
gräkoital. form fstst ungetrübt (skaiva) fortlebt, kam man 
zu *8javja, das regelmäfsig durch sl. öuj vertreten ist; 
I daraus endlich, in der indo-eränischen periode, durch dis- 
' similation (irjat^'a): savja, havja^ wobei sich z. b. roma- 
I nisch cavicMa statt clavicMa vergleicht, und auch die 
ind.-griech. oxytonirung (folglich: ^sjavja) zu erwägen ist« 
Mailand, 27. febr. 1867. G. J. Ascoli. 

t Zeitschr. f. vgl. sprachf. XVI. 6. 29 



460 S* Kuhn, anzeige. 

Botanik der späteren Qriecben vom dritten bis dreisehnten Jahrhnnterte (! 
▼on dr. Bernhard Langkavel. Berlin 1866. 8. 

Vorliegendes buch versucht die in den Schriften d( 
späteren griechischen botaniker und firzte uns überlieferte 
pflanzennamen nach den oft sehr allgemeinen angaben wie 
senschaftlich zu bestimmen und unter die heutige botanisch 
nomenclatur einzuordnen, um dieses weite gebiet weiteres 
forschungen zugänglicher zu. machen. Die betreffendeu n- 
briken sind mit den nöthigen literarischen nachweisen Aber 
die alten autoren und die neueren Untersuchungen reichlich 
▼ersehen, wobei namentlich auch auf die philologische be* 
bandlung gebQhrende rflcksicht genommen wird — von eio- 
schlagenden arbeiten letzterer art scheinen dem umsichtiges 
▼erf. nur Pott's abhandlungen in der zeitschr. fQr die konde 
des moi^enl. V, 57 ff. und VII, 91 ff. entgangen zu sein, 
woselbst eine groise menge der orientalischen namen aot 
ihre richtige form zurflckgeführt und in ihrer weiteren ?e^ 
brdtung nachgewiesen werden. Die namen sind meist in 
einer höchst wüsten, durch die spätere griechische aiu- 
spräche beeinflufsten gestalt überliefert und der verfSuser 
bat wohl so unrecht nicht gethan, wenn er sich yorläofig 
auf emendationen nicht eingelassen hat. Eine sorgfaltige 
behaudlung dürfte aber zu vielem und vielseitigem nutzen 
gereichen. Die namen erstrecken sich ja über fast alle 
den Griechen bekannten Völker, über Gallier, Dacier u. s.w.. 
am meisten scheinen freilich die Orientalen vertreten zq 
•ein. Aber auch ftlr das beschränktere gebiet des grie- 
chischen wird manches von werth sein; namentlich finden 
wir vielfache religiöse beziehungen, die sich den von Pott 
(diese zeitschr. IV, 172) besprochenen zur seite stellen: so 
alfia ^A&tiväg^ jigBog^ Kqovov) !d<pgoSiTfjg kovrgovy Gt^ 
qxxvog u. s. w. Möge daher die sorgfältige arbeit anch in 
den kreisen der Sprachforscher die ihr gebührende beach- 
tung finden. 

Berlin, aug. 1867. ^ E. Kuhn. 



Kern, miscellen. 451 

Eine imperativform im gothischen. 

In den grammatiken des gothischen wird, so viel ich 
weifs, allgemein aiigenomtnen, dals es eine passivform des 
verbom gebe und daneben ein mediani. Der indicativ die- 
ses medium, heifst es, „fälh noch dazu mit dem passiv 
zusammen^ und nur der coojunotiv zeigt geringen unter* 
schied^ (Ulfilas, von Stamm, 3. aufl., bes. von dr. M. Heyne, 
s« 253). I>afs medium und passiv zusammenfallen, darf 
uns nicht wundern; im gegentheil, es versteht sich so 
ziemlich von selbst; das wunder wäre, dafs sich nur im 
conjunctiv ein unterschied zeigte. Noch wunderbarer ist 
es, dafs dieser conjunctiv (ursprünglich optativ) in keiner 
einzigen beziehung sich als solcher kund giebt, weder in der 
form noch in der bedeutung. In den drei einzigen bei«- 
spielen dieses angeblichen conjunctiv, nl. atsteigadau, 
lausjadan und liugandau, fehlt gerade das nothwen- 
dige bildungselement des modus, nl. das i. Dazu kommt, 
dafs alle drei verba activ sind. So lesen wir z. b. 
Marcus XY, 30: „nasei thuk silban jah atsteig af thanmia 
galgin^. Man sieht, atsteig ist 2. ps. sg. imperativi activ. 
In vs. 32 finden wir: „sa Christus, sa thiudans Israelis, 
atsteigadau nu af thamma galgin^. Ist es nicht deutlich 
genug, dafs atsteigadau die 3* ps. sg. imperativ, activ. 
ist, dasselbe was das griechische wort des textes, nl. 
Ttataßdtia? Das zweite beispiel lausjadau übersetzt qv^ 
üdad-o)^ also wiederum eine 3. ps. imperativ. Allerdings 
hat das griechische wort medialform, doch natürlich stim- 
men nicht alle gr. meidia zu gothischen. Dafs im gothi- 
schen lausjan immer activ verwendet wird, davon kann 
man sich überzeugen, wenn man die stellen aufschlagen 
will. Wer kennt nicht das „lansei uns af thamma ubilin^ 
u. a. Das dritte beispiel, welches wenn möglich noch stär- 
ker spricht, ist liugandau in Cor. I, 7. 9. Das verbum 
liugan hat immer eine medialform (passiv) — auch da^ 
von überzeuge man sich selbst — , wenn ein weib das sub- 
ject ist; dag^en wird für männer unveränderlich die active 
form verwendet. Kurz in diesem falle stimmt der gothi- 

29* 



452 Kern 

sehe sprachgebranch aas leicht erklärlichen grOnden voll 
zum griechiBchen ; liagaith s=: yafjiai, lingada ^ /i 
fitirai. Nun in Cor. I, 7. 9 übersetzt liugandaii* das g 
yafn^adttaaav, d. h. es ist die 3. plar. imperativi activ^. 

Es ist der mühe werth zu vergleichen, was in Gai 
nnd Lobe gramm. d. goth. spr. §. 178 über diese angehK 
chen conjunctive des medium gesagt wird. Ich will hiei 
nur diese worte anf&hren: ^Es könnte zweifelhaft sein, ok 
liugada und liuganda von weibern Mc. X, 12. ^SUI, 201 
Luc. XVII, 27- XX, 34. 35. Cor. I, 7, 28 passivum (ver^ 
heirathet werden) oder medium (sich verheirathen) ist, io- 
defs durch liugandau Cor. I, 7, 9 wird GXr das median 
entschieden^. Wie wenig stichhaltig diese behauptung sd 
wird klar sein, wenn wir dieselben worte wiederholen, ond 
nur f&r gothisches griechisches substituiren. Also: „es könote 
zweifelhaft sein, ob yafAÜtai und yafjLovvtai von weiben 
passivum (verheirathet werden) oder medium (sich verhei- 
rathen) ist, indefs- durch ya^tiadttoGap wird für das me- 
dium entschieden^. Folglich, weil von männern gesagt 
wird yafXTjadvcoaav^ dadurch wird entschieden, dafs yafiH- 
rat und yafAovvTcu von weibern nicht passiva, sondern 
media sind! 

Es braucht kaum bemerkt zu werden, dafs die endong 
dau (st. thau, wie 3. sg. ind. da st. tha, und 3. pl. ind. 
nda st. ntba, und 3* pl. act. nd st. nth u. s. w.) zum 
griechischen ro), dem lateinischen to stimmt, und ndao 
zu vT(av und nto. Das au steht hier statt o, d. h. in 
älterer periode ä, wie auch in der 1. ps. sing. conj. Der 
Wechsel zwischen au und o kommt öfter vor, z. b. taai, 
tojis; fullatojis st. ^taujis; Trauadai st. Troadai {Tqh^ 
d8i)\ stojan, stavida. 

Nicht nur der speciellen gothischen, sondern auch da* 
vergleichenden grammatik glaube ich einen dienst geleistet 
zu haben, wenn ich solche ungeheuer, wie atsteigadau, 
lausjadau und liugandau als conjunctive des mediums 
sein würden, aus dem wege geschafll habe. 
Leyden. H. Kern. 



miscellen. 453 

Nachschrift. 

Nachdem der geehrte herr herausgeber dieser Zeit- 
schrift mich benachrichtigt, Uppström sei schon früher zu 
deoiselben resultat gelangt, bleibt mir nichts übrig als den 
leser um entschuldigung zu bitten, dafs ich mit einer ver- 
meintlich neuen erklärung auftrat. Ich gestehe, dafs ich 
nicht alles auf den gegenständ bezügliche vorher gehörig 
gelesen. Zu gleicher zeit glaube ich aber die schuld gröfs- 
tentheils von mir abwälzen zu dürfen auf die Schulter der 
grammatiker, welche dergleichen resultate nicht einmal 
erwähnen. Wenn der herausgeber, den jetzt in keinem 
fall der geringste tadel treffen kann, sich entschliefsen 
könnte meinen aufsatz aufzunehmen, wäre der gewinn, 
dünkt mich, ein doppelter. Erstens wird die sache in 
weiteren kreisen bekannt, da die Zeitschrift von vielen 
gelesen wird, denen die übrigen obige gothische impera- 
tivformen behandelnden werke unzugänglich sind* Zweitens 
kann ein jeder an meinem beispiel die nicht sehr erquick- 
liche erfahrung machen, wie wenig man sich auf gram- 
matiken verlassen kann. 

Leyden, 1. mai 1867. H. Kern« 



Barbara und ßaqßaqoq. 

Ein richtiges verst&ndnifs des wahren Verhältnisses des 
sanskritischen barbara zum griechischen ftdgßaQog ist von 
so grolser Wichtigkeit, dafs jeder, auch der kleinste bei- 
trag zu diesem zwecke willkommen sein wird. Die frage 
ist schon so oft, auch in dieser Zeitschrift, behandelt wor- 
den, dafs ich, auf früheres hinweisend, mich kurz fassen 
kann. Wäre das sanskritwort aus dem griechischen ent- 
lehnt, so würde entweder das alter der Präti^äkhja sehr 
faerabgedrückt , oder die zeit des ersten historischen Ver- 
kehrs der Indier mit den Griechen weit hinau^erüokt 
werden. Hätten die Griechen das wort von den Indiem 
geborgt, so müfste dies vor der zeit Homers geschehen 
sein, und dann würden alle unsere hergebrachten vorstel- 



454 IfflUer 

langen fiber die älteste Völkergeschichte über den bad 
geworfen. Ist endlich das wort ein zum gemeiogut d 
ariechen sprachen gehöriges, so fragt es sich, was ^ 
seine ursprüngliche bedeutung. Auch hier sind die cm 
Sequenzen sehr bedeutend. Drückte es ursprünglich j 
Verworrenheit der spräche nicht -arischer Völker ans, 
setzt die beibehaltung dieses wortes in derselben form 
bedeutung ein sehr weit fortgeschrittenes nationales seil 
bewufstsein bei den arischen Völkern vor ihrer trenni 
voraus. Bedeutete barbara die Verworrenheit und kraniJ 
heit des haares, so ftkhrt auch dieses zu eigenthOmliche^ 
ethnologischen folgerungen. 

Ich habe mich früher (zeitschr. Y, 141) fCkr wollig 
oder struppig als die ursprüngliche bedeutung von bu^ 
bara erklärt, und f&r die richtigkeit dieser aufifassung wird 
vielleicht die folgende bemerkung einen kleinen beitrag lie- 
fern. Unter den fehlem der ausspräche der üsman wird im 
Rigv.-Präti^äkhja, Sütra777 (Xiy,6), loma^jam angefahrt. 
M. Regnier Übersetzt es durch delicatesse, mollesse, 
ich übersetze es durch rauhheit, da nämlich die drei be- 
sten mss. asaukumärjam statt saukumäijam lesen. Lo- 
ma^ja würde also, auf ausspräche angewendet, dasselbe 
bedeuten als das griechische Saavtijg, denn auch dieses 
bedeutet ursprünglich haarig, struppig, dann rauh« In Sütn 
782 (XIV, 8) kommt nun das wort barbaratä vor. (Wamm 
fehlt es im petersburger lezicon, da doch die Schreibart 
mit b durch alle mss. gesichert ist?) Ab zwei fehler in 
der ausspräche des r werden an dieser stelle des Prati9a> 
khja, atispar^a und barbaratä angefahrt. Atisparpa be- 
deutet einen zu hohen grad des contacts, denn als an* 
taisthä sollte r geringen contact (du:8präta) oder wenig 
contact (idatspräta) haben. Zu viel contact würde ein 
schnarrendes r hervorrufen. Barbaratä, der zweite fehler, 
* wird nun ganz wie lomapja, durch asaukumärja erklärt; 
und es steht also nichts der annähme entgegen, daft bar- 
baratä, wie loma^ja, ursprünglich die haarige, struppige, 
rauhe ausspräche des r bedeutete. 
Oxford, 10. mai 1867. Max Müller. 



misGellen. 465 

Nachtrag zu s. 410. 

In der oben besprochenen, zwar interpolirten, aber Ar 
uns wichtigen stelle Od. XVI, 282: 

oTtnoTE xsp noXvßovXog hvi rfQßci &^a6i !A&i^ti^ 
vBvaia fiiv to$ iyut xetpalij. 
findet auch dir. Classen (jahrb. f. cla^s. phil. 1859 8. 304) 
das angebliche futur &7J(T€i mit recht höchst befremdlich, 
^«robei er bemerkt, dafs überhaupt eine modalsyntax fbr 
Homer selbst nach den trefflichen vorarbeiten von Bäum« 
lein (und doch auch Thiersch) ein bedürfnifs sei, jedoch 
neigt er sich zur annähme einer änderung wie ^^aij die 
nunmehr iganz unnöthig ist, denn &rjaei ist nach obiger 
auseinandersetzung conj. aor. 1, gleichwie auch IL V, 260: 

ai xev (loi TtoXv/Sovkog !/i0^ijpfi xvSog ogi^y^ 
v^orin Ameis, anhang III zu Hom. Od. s. 67 den f&r jene 
interpolirte stelle benutzten vers erkannt hat, solcher conj. 
aor. steht. Es ist zwar noch eine entgegenstehende stelle 
übrig, IL XX, 335: ors xev avfjißXiiasac avripf wo avfißkTj- 
ifeai nicht aorist sein kann, da es «keinen mit a gebildeten 
aorist von ßdXXw gibt, und deshalb allgemein fflr futurum 
gilt. Aber es kommt sonst nirgendwo ein futur ßlijata 
ßhfjaouai vor als an dieser einzigen stelle, dazu noch als 
einziger fall einer regelwidrigen Verbindung von ore xtv mit 
dem futur. Daher nennt Dindorf im Thes. ling« Gr. T. II 
p. 90 D mit vollem recht dieses avfißkt^Oßai ein ^certissi- 
mum librariorum commentum ^ und stellt den conj. aor. 2. 
6Vfißlf]6ai wieder her mit hinweisung auf den gleichen conj. 
ßlijBTai Od. XVII, 472 : onnor dvrjg . • . . ßhjerai^y wo die 
erdichtete futurform ßkrjasrai wieder erscheint, freilich nur 
als Variante, aber wohl noch bei keinem herausgeber auf- 
nähme in den text gefunden hat. 

dr. J. Savelsberg. 



L Sachregister. 



Accent auf der ersten silbe die endnng 
abschwttchend im rom. 200. 

Adjectiva aaf n im lat. 340. aof ba 
im lit. 441. 

Adyerbia. ahd. ortsadyerbia auf -sun 
78. t in nhd. adverb. am ende mehr- 
fach zugesetzt 79. lat. adv. auf tim 
188, 898. adv. auf dtriPf Stiv^ dov 
188. acc. pl. n. and acc. sg. f. in 
adrerbialformen nebeneinander 289. 
skr. zeitadv. anf änim 208, 487. lit. 
ortsad^erbia auf ur 880. 

Aorist, aoriste anf (toi', ao/ii/c bei 
Homer 81 ff. aor. anf blo&e^a von 
vocalisch oder mit muten endenden 
wurzeln theils alte perfecta, theils 
durch ausfall des a zu erklären 84 f. 
aoriste auf xn 401, 416 ff. sigma- 
tische nebenformen im ind. 4 17 f. 
in den modis 402 ff., namentlich 
bei Homer 407—413. 

Aspiration, von t vor r altbaktr. noth- 
wendig, griech. und ital. arbiträr 
198. aspir. anlautender vokale im 
griech. 288. mediae aspiratae, cf. 
physiologisches. 

Attslautsgesetze des gothischen 360 — 
867 (passim). 

Casus. Nominativ: altlat. nom. pl. auf 
a (von der ersten decl.) und e 296; 
auf es von o-stämmen 296. langes 
ä des nom. pl. n. auch lat. zuweilen 
erhalten 297. — Genitiv bei verbis 
des hörens, rtthmens u. s. w. griech. 
und skr. 216. gen. auf um von lat. 
i-stämmen 290. altl. gen. auf erum 
800. — gen. sg. im deutschen: 
gesch. desselben in den altdeutschen 
Ortsnamen 321 — 848. — Dativ: 
dat. pl. der starken decl. im deut- 



schen: dessen geachichte in de 
altd. Ortsnamen 81 — 100. dat. sc 
der dritten laL decl. auf e 139 
umbr. dat. abL plnr. ^ aof os SOS 
bildnng des lat. dat. aiil, pl. 807. 
Composilion. stufenweise annJUienme 
der blofsen zusammeDrfickung c 
die eigentl. compositlon 115f. as- 
stUmme im deutschen in der com- 
pos. verkürzt 888. 
Gonjnnctiv mit kurzem modnsvobi 

im griech. 408 f. 
Consonanten. 

Qutturale: k ans 8 siehe anter »- 
bilanten. lat. qu ^ gr. n mit 
c wechselnd 277 f. lat. c zu g 
erweicht 278. skr. ks ans kj («» 
gh + parasitischem J), | ans ^: 
(welches anderseits zu j^^ wird 
488. Y^ ^^" ^9 gesehwftcht 360. 
Übergang von gr in gh im skr. 
232. abfall von x ^or • 170. 
von lat. h vor i 168. neop. b 
= altem f 214. 
Palatale: skr. kh, seine entstebane. 
bedeutnng und Vertretung in den 
verwandten sprachen 442 — 449 
(cf. 60, 867 ff.). 
Dentale: t nenumbr. hinter nasal n 
d erweicht 191. dor. «t ans «i 
419. dentalaspirata th neuerio. 
zu h, selbst bis zum vocal ver- 
flächtigt 199. neu^n. d = «U- 
baktr.z(s=:skr. h, ^)214. verhftlt- 
nis von d zu r, 1 in der indo- 
germ. Ursprache 219. skr. dh die 
aspiration verlierend 287. lat. n 
vor t ausfallend 198. wech^l 
von nd und nn in deutschen dia- 
lekten 268. ttbeigang von nd ic 



Sachregister. 



4:>7 



ng in deutschen dialekten 260. 
261. 
Labiale: altes bh s= umbr. f, nie 
y 194. inneres m griech. in ir 
Übergehend 3. untersttttzung eines 
auslautenden m durch angefüg- 
tes a im romanischen 128. mi 
(mj) in romanischen mundarten, 
in gn (s=s nj) ttbergehend 124. 
lat. m vor r in n ttbergehend 
197. mr 234. analaut, m im 
zend abfallend 489. 
Halbvocale: r hinter labialen im 
skr. öfters wegfallend 163. osk. 
rr aus rs 175. umbr. r hinter 
consonanten abfallend 191. rom. 
r aus br, tr 200. umbr. 1 vor t 
sich völlig auflosend und durch 
iJIngung der silbe ersetzt 181. 
ttbergang von v hinter consonan- 
ten in die labiale muta und seine 
gesetze; lat. sp aus sv 210. 
Sibilanten: lautwandel von s in k, 
namentlich im griech., und sein 
verh&ltnis zu den lauten sj, aa, 
(Tx, I, 8, Kh 54—73. 856 — 
371. 401—420 (cf. 487 f. 442 
— 449). — abfall von s vor 
andern consonanten 5 7 ff., 181, 
806, 319,448. toskan. s zwi- 
schen vocalen 9 ausgesprochen 
deutet auf altes ns 204. lat. sp 
> aus altem sv 210. ax (und lat. 
sc), ffjf aus Sj dj xj jj 864 f. 
c<t aus y^j^ %j 437. 
Declination der starken subst. im go- 
tischen 844 — 856: die vorhistori- 
schen formen 845 — 349. vorlie- 
gende formen regelrecht nach dem 
auslautsgesetz gebildet 350, 851. 
unregelmäfsige formen 851 — 56. 
Deminutiva. ai fUr al in böhm. und 

kämt, deminutivbildnngen 76. 
Desiderativa der indogerm. sprachen 
und deren Zusammenhang mit son- 
stigen bildungen 362—869, cf. 
447 ff. 
Deutsche dialekte. grenzen zwischen 
schw&b., alem., fr&nk. in Baden 

421. fränkische mundarten in Baiem 

422, alem. und schwäb. mundarten 
428. 424. grenzen der mundarten 
im hohenzoUemschen 425. Ursprung 
des sog. cimbrischen dialekts 429. 
vgl. noch mitteldeutsch. 



Genindiam. bertthrt sich mit dem 
part. praes. vielfach in den germ. 
und rom. sprachen 242. venehie- 
dene Ansichten über die entstehung 
des lat. gernndiums 243 ff.; seine 
bald active, bald passive bedeutung 
erklärbar durch die indifferenz der 
part., inf. und gemnd. zwischen 
aetiv und passiv 245 ff. gemndium 
im deutschen 250 ff. ; im engl. 2 54 ff., 
daselbst sich mit dem part. bertth- 
rend: formell 255 ff., syntaktisch 
262 f. 

Infinitiv, ist im lat. dativ 139. im 
umbr. u. osk. acc. von einem o-stamm 
139. schwanken des inf. zwischen 
act. und pass. bedeutung, nament- 
lich im deutschen 245. 246. 

Imperativ. 8. sing, und plur. imperat. 
auf -dau, -ndau im gotischen, 
fälschlich für raedialformen gehalten 
451 f. 

Italische Völker, religiöse unterschiede 
innerhalb derselben 101 f. griech. 
einflttfs auf die religionsanschanun- 
gen der lat.-osk. gmppe 108 — 107. 
lateinische durch suffixe gebildete 
göttemamen 108—114, componierte 
oder zusammengerückte 114 ff; mit 
suff. gebildete osk. 117. aus der 
indogerm. zeit herttbeigenommene 
göttemamen: lat.. osk. 161 — 182; 
umbr. 182 — 195. 

Marats. Deren mythologische bedeu- 
tung 162 f. 

Metathese im romanischen 201. 

Metrik des Rigveda. gesetze derselben 
165, 178. ergebnisse dei selben für 
die ausspräche gewisser flexionsfor- 
men: fem. auf 1 169.170; pl. en- 
dung äsas 184; suff. tama 185. 

Mitteldeutsch, mitteldeutsche lautver- 
hältnisse in der spräche de& sog. 
kleinen kaiserrechts : fokale 3 9 — 48. 
consonanten 48 — 44. 

Neugriech. dialekte in Italien 891 — 
400. 

Nomen und verbum. beider Verhält- 
nis in den indogerm. sprachen 152. 

Nominalstämme, stamme auf -e im 
lat. und deren Verhältnis zu den 
consonantischen 120, 211, 298. 
Stämme auf -0 als letztes glied ei- 



4S8 



Sachregister. 



ner znsammenaetsaiig in solche auf 
'ta ttbergehend 287. 

Optativ, apokopierte optativformen 
anf «rf« fix irtit 418 — 416. atiaq, 
ü(u stehen für *<rfMra9, ^at^tt 
418. 

Ortsnamen, deotsche ortsbezetchnnng 
-ono marca 886 ff. -o marca 387 f. 
vgL noch nnter Casns. 

Palatalisiemng von g (sowie von di) 
za i nnd stufen derselben 288, 284. 

Participinm praes. beziehnng dessel- 
ben zur dritten ps. pL 162. er- 
klämng der form desselben im engL 
264 ff. 

Perfect im lat. hat langes I 138. reste 
einer kürzeren bildung desselben in 
altlat. inschr. 138. 

Personennamen, die sog. verkürzten, 
schwach declinierten personennamen 
im deutschen nnd iiir Verhältnis zu 
den volleren formen 841 f. 

Physiologisches 227—286. bei jedem 
vollständig gebildeten sprachlaut 
drei momente zu unterscheiden 227. 
vocale 228—280. consonanten 231 
— 286. mediae aspiratae 282. zu- 
sammengesetzte consonanten 284. 

Praepositionen. italische auf d 871 ff.: 
lat 872 — 879. umbr. 882. sind 
gröfstentheils ablative 872 — 876. 
Weiterbildungen von lat. und umbr. 
praepos. mit nS 876. 

Pronominalstämme, im lat. durch I 
erweitert 299. gen. sg. dieser er- 
weiterten Stämme auf ins ebd. 

8uffixa. schwanken der sufifixa zwi- 
schen activer und passiver tedeu- 
tung 247. 248. Suffiza der itali- 
schen göttemamen: lat. 108 — 116, 
osk. 117 — 119. — EinzeUie suf- 
fixa: 

1) deutsche: 

-Jan nom. ag. bildend 169. 
-s-ti, 8-^a 197. 

2) griechische: 
-äSio^ -^10 481. 
-a^o 24. 

-ax erweiternd 481. 

-a^i'o 80. 

-a^o primär 2, 66. 

-a^o (-17^0) secnndär 2. 

-a(»T 66. 

-ö-ffio, fj-ato 431. 

"turo 16. 



-o;^#» 16, 19. 
-ßo 19. 

^d^ 188, 481. 
-tffun 142. 

-£«»¥ zur ableitnng^ tadelnder b 
Zeichnungen 61. 
-ro« 80. 
"OSn, o«o 16. 
-oairo 16. 
~^o 66. 

^ff^Q a= skr. -^a an casnsfonia 
(ortsadv. u.aiW.) antretend 43' 

-(»O, O'AOy OJO 16. 

8) italische: 

-ario, -an 188. 

-bo 189. 

-bro, -bnlo 182. 

-do, -culo 132. 

-dio, -lio in lat. eigemiamcn 131 

-ec erweiternd 480 £ 

-emo, -umo 80, 111, 182. 

-ido , alüat. -Sdo geht aaf alte 

-l$to zurück, was umbr. eriubs 

194, cf. 888. 

-ie 292. 

-iön 432. 

-is 800. 

-issimo 800. 

rom. -ista deminntiv 201. 

-lento 184. 

-men, -mento 112. 

-ön secundär 161. 

-ono, -ona 108, 111. 

-OSO 134. 

umbr. lat. -ovio, -nvio 192. 

-t nur verstOmmehmg vollerer sd- 

fixe 298, cf. 289. 

-tat an comparat. tretend, aano- 

mina auf -os 808. 

-uo, vo 118, 177. 

usco, usto 278. 
4) sanskritische: 

-as nom. ag. bildend 169. 

-ivant, ^Ivan, -Iva 12. 

-^a 481, 487. 

-man, -mana 112, 118. 

-ja nom. ag. bildend 169. 

-SU 370. 
6} zendische: 

-fka 449. 
6) litauische: 

-ba adj. bUdend 441. 

-iszkö 319. 
Snpinum des lat. anf -tu aus dativ und 
abl. zusammengeflossen 807, cf. 132. 



Sachregister. 



459 



Tempora, verg). aorist, perfect, ver- 
buin. 

Tenuis im auslant im dentschen aspi- 
riert gesprochen 231. 

I Verbnm, verbalstämme (cf. wurzeln), 
übertritt der stamme der fttnflen 
classe (na) in die erste (nva) 186. 
Stämme auf na^ nu in ihrem Zu- 
sammenhang mit nominalbildungen 
140. Stämme auf sk und ihr Ver- 
hältnis zu sonstigen secundärwnr- 
zeln 142, cf. 867 f. 448. xa im 
griech. perf. 148. verba auf ttto) 
146. Verhältnis der bindevokali- 
sehen und bindevokallosen conj. zu 
einander 147. Zusammensetzung mit 
WZ. as für aor. und tat, bezweifelt 
148. entstehnng der indogerm. ver- 

I balklassen 147 — 161. verba auf 
«r<roi, lat. esso 862 ff. 

Vocale. vocalverhältnisse des ältesten 

arischen lautbestandes nach Ascoli 

I 163. mischung der a- und i-reihe 

im deutschen 483, im skr. und lit. 

439. 

a. Schwächung von ä zu i (skr. 
griech. lat.) 66- urspr. a im lat. 
vor gutt. bewahrt 207. schwä- 
I chung von a zu i 211. mah* 

ratt. ä unorgan. Verlängerung von 
skr. a 219. dor. ä nicht auf t 
zurttckzuftihren 281. a und f 
vor volleren endungen zu m ver- 
stärkt 284. ahd. a erhalten ge- 
genttber got i oder u 868. deh- 
nung des kurzen a und Übergang 
des ä zu 6 im alem. in wechsel- 
bezng stehend 428. 

e. ion. att. «f gegenüber dor. aeol. 
a als unorsprünglich 279 ff. — 
e für i im auslaut und vor schwach 
ausl. consonaaten im lat. 398. e 



zwischen zwei r ausfallend lat. 
und osk. 802. 
i. ft für t 68. schwinden von i 
vor folgenden vocal nach einem 
consonanten im lateinischen 296, 
298. 
u. ü skr. und lat. aus va 120. 
skr. u für a nach r 189, ür ne- 
ben ar 288. mm. un as lat. in, 
gemeinrom. en 200. aeol. v ica 
gemeingr. o ss altem a 214, cf. 
66. 
diphthonge. got. an für d xs älte- 
rem A 462. Verhältnis von ei, 
e, I im lat. 188. c« zu ; cos- 
trahiert schon im älteren griech. 
160. 
Yocaleinschub nach r vor consonanten 

127; im ahd. 488. 
Volksetjrmologle in der griech. form 

persischer eigennamen 68. 
Wurzeln (cf. verbum). entstehnng der 
wurzeln auf i, u 141, cf. 218, 216, 
218. — neutrale und active bedeu- 
tung in ^iner wurzel anzunehmen 
148. 
Wurzelerweiterung: überhaupt 140 _ 
168. einzelne erweiterungen 22, 
24, 26, 80, 84, 104, 216, 287. 
Zahlworter erscheinen vielfältig fle- 
xionslos 296. multiplicative Zahl- 
wörter, zahladv. u. ä. bildungen 
430 ff.: nhd. -fach 480, 434. lat. 
plic, plo 480 ff. nlo, nXout; nAo- 
duOy nlfjSio; 7sAa<r*o, nX^ho 481. 
got. fla- 431 ff. got. faltha. 434 f. 
8s lit kkrta, altbulg. kratu, skr. 
kft kftu, viell. ss osk. pert 486. 
skr. dha 486 ff. griech. j|ra XH X^^ 
486. altb. za, zva( 486. qaatn 
s= lat. fario 437. altbulg. zdü 439. 
lit.g^-s, gi-s 439f. lit. linka 440. 
gu-ba s= altbulg. gubi 441. 



46«) 



Wortregister. 



II. Wortregister. 
A. Deutsche sprachen. 



1 ) Crotiscli. 

afaika 488. 
ainfalths 480. 
allis 288 f. 
agts 28. 
falthan 484. 
flahtom 484. 
ga- 69, 222. 
gabei 222. 
gabigs 222. 
ganahan 222. 
ganisan 222. 
gatoojan 222. 
gaveihan 222. 
gaumjan 225. 
gazds 181. 
baknls 858. 
haum 217. 
baufljan 271. 
hlatban 228. 
hlutrs 187. 
hnlistr 197. 
bveila 488. 
ibakfl 853. 
in mit gen. 240. 
inn 858. 
keinan 483. 
kintuB 220. 
-lif 219. 
lustiu 174. 
managfalths 480. 
maurgins 853. 
rnnka- 228. 
milds 181. 
raihtis 288 f. 
raihta 288. 
razda 222. 
sama 69. 
samana 69. 
samath 69. 
siujan 225. 
skauns 449. 
smalists 228. 
ataua 215. 
fltautan 59. 
stibna 215. 
flvaihra 54. 



tnnthas 858. 
tveifla- 481. 
uDgatass 222. 
uskijan 433. 
vairthan 221. 



2) Althochdeutscli. 

abah 353. 
agalastra 48. 
ann, ano 358. 
brinwan 130. 
bajuw. carmula 220. 
fkli 433. 
-falt 430. 
fedara 55. 
feil, feili 488. 
gi-, ge- 69. 
hacbal 353. 
halU 223. 
altfränk. ham 69. 
hrind 217. 
bmoh 217. 
hmorjan 272. 
büt 3lS. 
ilki, ilgi 221. 
inwartson 79. 
ka-, ki- 69. 
kart 181. 
kartja 181. 
metu 884. 
mihi 181. 
morkan 858. 
obaz 224. 
peraht 128. 
sabs 207. 
8&mi- 68. 
sarf 357. 
scarf 857. 
scarta 224. 
scilaf 360. 
siula, süla 225.